ra-2 Sozialismus und soziale BewegungDie Quintessenz des Sozialismus    
 
EUGEN JÄGER
Der moderne Sozialismus
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"Während der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein zur Erreichung seines Zieles sich des allgemeinen Stimmrechts und einer damit verbundenen friedlichen Entwicklung bedienen will, ist die  Internationale  minder skrupellos; sie nimmt es mit den Mitteln noch weniger genau und wird, wie sie zu Paris gezeigt hat, jeden Weg betreten, der ihr zur Herrschaft verhelfen kann. Aber auch darüber kann kein Zweifel bestehen, daß die Führer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins ganz ebenso wie jene der Eisenacher Partei im gegebenen Augenblick jede theoretische Bedenklichkeit fallen lassen würden, um statt des langsamen, mühevollen und doch aussichtslosen Weges friedlicher Agitation mit einem kühnen Griff, sei es auch über Leichen hinweg, die Herrschaft zu erreichen. Denn daß der erste Weg sie niemals zum Ziel führen wird, davon werden sie sich nun sattsam überzeugt haben."

Einleitung

Das vorliegende Werk verfolgt den Zweck, dem Leser eine möglichst anschauliche Darstellung von den Prinzipien, den Bestrebungen und der Organisation jener Parteien zu geben, welche der gewöhnliche Sprachgebrauch kurzweg als die sozialistischen bezeichnet. Der Sozialismus und die soziale Frage nehmen in der Gegenwart die allgemeine Aufmerksamkeit auch der Unberufenen in Anspruch; wir glauben daher, daß eine solche Darstellung keine zwecklose Arbeit gewesen, ja daß sie vielleicht einem Bedürfnis der Zeit entgegenkommt. Eben deswegen haben wir uns auch bestrebt, nicht, wie so oft üblich, in Sensation zu machen, sondern nur Tatsächliches zu geben, soweit dies bei einer lebhaft flutenden Bewegung und bei den Verhältnisse der Gegenwart möglich ist.

Die Wichtigkeit des Gegenstandes erklärt es, daß unser Buch etwas umfangreich geworden ist. Absichtlich haben wir es vermieden, zu den Quellen des modernen Sozialismus zurückzugehen und zogen es vor, uns auf die unmittelbarste Gegenwart zu beschränken. Wir haben nur jene Erscheinungen und Bestrebungen ins Auge gefaßt, welche sich auf dem Boden des modernen Staates bewegen und sich zu diesem in einen sozialistischen Gegensatz stellen. Daher rechtfertigt sich auch der Titel des Buches. Denn ebensogut wie man von einem modernen Staat spricht, mit demselben Recht kann man auch von einem modernen Sozialismus sprechen und beide Erscheinungen zueinander in Beziehung setzen. Diese Beziehung ist eine doppelte. Einerseits sind der gegenwärtige Staat und der gegenwärtige Sozialismus gleichmäßig modern, denn sie bestehen eng verbunden in der unmittelbarsten Gegenwart, wechseln mit ihr Gesicht und Charakterzüge; andererseits aber versteht man unter der Bezeichnung "moderner Staat" einen ganz besonderen Begriff des Staates mit eigentümlichen, früher nicht oder in sehr veränderter Weise vorhandenen Ansprüchen an die Gesellschaft; diese Ansprüche werden als die einzig richtigen und gleichzeitig in sonderbarer Ideenverschlingng als die "modernen" bezeichnet. Auch in dieser Beziehung dürfen wir von einem modernen Sozialismus sprechen; denn die gegenwärtigen sozialistischen Parteien erwachsen ganz auf dem Boden des modernen Staates, wenn sie ihm auch vielfach eine bittere Feindschaft entgegentragen.

Bezüglich der Anordnung des Stoffes erlauben wir uns noch einige Bemerkungen. Eine Darstellung des modernen Sozialismus hat unstreitig mit KARL MARX zu beginnen. Er ist entschieden der bedeutendste und originellste Vertreter des Sozialismus in der Gegenwart. Alle übrigen fußen auf ihm und zehren von seinen Gedanken. Wir nehmen selbst LASSALLE nicht davon aus, zumal was den sozialistischen Gegensatz zur modernen Gesellschaft betrifft. Das, was den gegenwärtigen Sozialismus von den ähnlichen Bestrebungen früherer Zeiten unterscheidet, und zugleich seinen praktisch wichtigsten Gedanken bildet, nämlich die prinzipielle Leugnung des Privateigentums an sämtlichen Produktionsmitteln, wurde von MARX in philosophischem Gewand mit logischer Schärfe ausgeführt. Sind einmal seine Prämissen als richtig angenommen, so muß man mit Notwendigkeit auch zu seinen wissenschaftlichen Konsequenzen gelangen. Die Bedeutung der MARXschen Arbeit ist derart, daß alle früheren Sozialisten deutscher, französischer und englischer Schule so gut wie vergessen sind und fast nur noch historischen Wert besitzen. Mit MARX hat eine neue Epoche des Sozialismus, die Zeit der geistigen Reife, die Periode der Männlichkeit gegenüber der jugendlichen Schwärmerei und dem Umhertasten früherer Zeiten begonnen. Neben der wissenschaftlichen Bedeutung des MARXschen Werkes und in engem Zusammenhang damit steht noch der Umstand, daß MARX den sozialistischen Gedanken frei von jeder nationalen oder spezifisch politischen Färbung entwickelt hat. Seine Theorie bewegt sich rein auf sozialem Gebiet, das allen Menschen ohne Unterschied der Nation gemeinsame ist. Leider ist die Darstellungsweise von MARX nicht klar und einfach; diese Eigenschaft des Gegenstandes ließ sich bei dem über MARX handelnden Abschnitt nicht ganz beseitigen und wir wünschen nur, der Leser möge sich dadurch nicht von einer genauen Verfolgung der betreffenden Darstellung nicht abhalten lassen.

Auf MARX haben wir die Behandlung der "Internationale" folgen lassen. Auch glaubten wir eine Betrachtung des Sozialismus in den außerdeutschen Ländern zur Orientierung der Leser nicht umgehen zu können, wenn wir uns auch bestrebt haben, möglichst kurz dabei zu sein. Besondere Aufmerksamkeit haben wir den Zuständen in Deutschland gewidmet, so daß diese allein den dritten Teil des Werkes ausfüllen. Das fünfte Buch, "Schlußfolgerungen", bestrebt sich, das Wesen des modernen Sozialismus zusammenzufassen und nach den verschiedenen Richtungen des sozialen Lebens hin klar zu stellen. Daß wir uns dabei noch einige Andeutungen über das Wesen der sozialen Frage erlaubt haben, obwohl solches eigentlich nicht zum engeren Zweck dieses Buches gehört, wird uns niemand verübeln. derartige Abschweifungen liegen zu nahe, als daß sie sich ganz umgehen ließen. Mit Betrachtungen über das Wesen des modernen Sozialismus sind Andeutungen über die Heilung der Krankheit fast von selbst gegeben. In einem Nachtrag haben wir uns bestrebt, die sozialistische Bewegung noch bis zu dem Zeitpunkt zu verfolgen, in welchem dieses Werk der Öffentlichkeit übergeben wurde.

Einige Ausführungen über den  Begriff des Sozialismus  mögen hier noch Platz finden. Es fällt anfangs schwer, die Bedeutung dieses Worts näher zu definieren. Anders ist es mit dem Wort  Kommunismus.  Hier springt der Begriff der Gemeinschaftlichkeit, spezielle des gemeinsamen Besitzes und Genusses sogleich in die Augen. Das Wort  Sozialismus  dagegen gehört zu jenen, die ihrer Bedeutung erst durch den Sprachgebrauch erhalten, weil der ursprüngliche Begriff des Wortes ein indifferenter ist. An sich würde der Ausdruck Sozialismus alle Anschauungen und Bestrebungen bezeichnen, die sich auf rein sozialem Gebiet bewegen und sich mit den Verhältnissen der menschlichen Gesellschaft überhaupt beschäftigen. Aber auch der Sprachgebrauch hat sich darüber noch keine feste Norm gebildet, so wenig wie bei dem Wort  Kapital Es kann daher nicht fehlen, daß ein solcher Begriff oft ganz offenbar mißbräuchlich angewendet wird. So hört man vielfach schon jene als Sozialisten bezeichnen, welche eine größere oder geringere Einwirkung des Staates auf die sozialen Verhältnisse, spezielle auf die Industrie und die in ihr beschäftigten Arbeitermassen, wollen. Wir halten diese Bestrebungen aber noch nicht für sozialistisch, denn unserer Ansicht nach ist der Staat nichts anderes, als die organisierte und auf dem Weg der Zivilisation fortschreitende Gesellschaft und er kann sich daher unmöglich von einer solchen Rückwirkung auf die Sozietät frei machen, ja eine derartige Tätigkeit gehört zu seiner natürlichen Aufgabe, ohne deren Erfüllung er sich selbst aufheben würde. Daß jene erwähnte Rolle des Staates sowohl vom extremsten Sozialismus, als von hochkonservativen sogenannten Kathedersozialisten gleichzeitig betont wird, darin finden wir bloß eine von entgegengesetzter Seite ausgehene und eben deswegen umso besser begründete Ansicht von der wahren Bedeutung des Staates für die bürgerliche Gesellschaft. Das Verlangen nach umfassender staatlicher Einwirkung auf die sozialen Dinge ist durchaus nicht das, was den Sozialismus als solchen kennzeichnet.

Der richtige Begriff und das wahre Kriterium des Sozialismus ergibt sich sehr einfach vom Standpunkt der Sozialtheorie. Unbestreitbar existiert eine natürliche Sozialordnung, die sich auf zwei großen Fundamenten aufbaut. Das eine ist der Mensch, das andere die äußere Natur, die bestimmt ist, uns dienstbar zu sein. Die allgemeinen Eigenschaften dieser beiden großen Fundamente sind sich, seit es eine Geschichte gibt, gleich geblieben; weder hat sich die menschliche Natur, noch hat sich die Erde mi den in ihr ruhenden Stoffen und Kräften wesentlich verändert. Allerdings erscheint das abstrakte Wesen dieser Dinge nur in konkreter und individualisierter Gestaltung. Es treten dabei immer und überall Ergänzung hinzu, welche das Wesen der Sache nicht verändern, wohl aber die jeweilige örtliche und zeitliche Erscheinung derselben bestimmen. Aus den genannten beiden Grundelementen bildet sich nun eine natürliche Sozialordnung, welche erst durch die Individualisierung ihrer beiden Faktoren auch die jeweilige Individualisierung erlangt und nur in dieser konkreten Form eine reale Existenz besitzt. So kommt es, daß in der Gesellschaft bei aller Verschiedenheit der Erscheinung je nach Ort, Zeit und Volk doch immer und überall gewisse Grundformen wiederkehren, die sich besonders bei steigender Entwicklung bemerklich machen und die man als soziale Naturgesetze bezeichnen kann. Auch diese haben ihre reale Existenz nur in der individualisierten Erscheinung. Die Gesamtheit dieser sozialen Gesetze, harmonisch und naturgemäß geordnet, bildet die natürliche Sozialordnung.

So schwierig es ist, diese natürliche Sozialordnung bis in die Einzelheiten theoretisch auszuführen, ebenso einfach ist der Satz, daß es eine solche natürliche Sozialordnung gibt. Halten wir dies fest, so erscheint der Begriff des Sozialismus als leicht zu definieren. Wir verstehen dann unter  Sozialismus  jedes System und jede Anschauungsweise, welche der natürlichen Sozialordnung, der natürlichen Organisation der Gesellschaft widerspricht. Alles was die Beziehungen des Menschen zu seines Gleichen und zur Erde anders gestalten will, als sie in der natürlichen Ordnung der Dinge sich gestalten würden, ist Sozialismus.' Von diesem Standpunkt aus ist es ebensowohl Sozialismus, wenn man die Bedeutung des Staates übertreibt und das gesamte soziale Leben in ihm aufgehen läßt, wie es sozialistisch ist, wenn man mit der sogenannten Manchestertheorie den Staat fast ganz aus dem sozialen Leben eliminieren und ihn nur auf einige Polizeibefugnisse reduzieren will. Ebensowenig finden wir darin schon Sozialismus, wenn die Existenz eines absoluten Privateigentums geleugnet wird, denn wir halten dafür, daß es in der natürlichen Organisation der Gesellschaft kein solches geben kann. Andererseits aber behaupten wir entschieden, daß trotzdem die Institution des Privateigentums mit den nötigen Beschränkungen, die besonders moralischer Art sind, in der natürlichen Ordnung der Gesellschaft begründet ist, daß dieses Eigentum einen Grundpfeiler der Zivilisation bildet und daß daher jeder Angriff gegen genannte Einrichtung sozialistisch ist.

In dieser Weise ist der Begriff des Sozialismus wohl selten gefaßt worden und besonders weiß der gewöhnliche Sprachgebrauch nichts davon, da dieser selbstverständlich auf viel umstrittene wissenschaftliche Deduktionen keine Rücksicht nimmt. Auch im vorliegenden Werk haben wir den Begriff des Sozialismus nicht in der von uns soeben entwickelten Weise genommen, sondern uns hierin ganz jenem Gebrauch angepaßt, welcher für die praktische Behandlung der sozialen Dinge der maßgebende ist. Wir haben daher bei gegenwärtiger Darstellung des modernen Sozialismus ausschließlich jene materialistisch-kommunistischen Theorien und Bestrebungen behandelt, welche eine täglich neu sich gebärende Sorge der zivilisierten Welt sind. Der materialistisch-kommunistische Gedanke bildet das für den modernen Sozialismus Charakteristische. Ihn prägt er in der ganzen Lebensanschauung und auf allen Gebieten des sozialen Lebens, in Politik, Erziehung und Religion, besonders aber in Bezug auf das Eigentum aus. Diese letzte Frage ist der Angelpunkt aller sozialistischen Bestrebungen, sie umfaßt ja das Substrat, auf welchem der Mensch sein ganzes Leben erst aufbauen kann. Primum est vivere, deinde philosophari [Erst muß man leben, dann kann philosophiert werden. - wp] Es ist daher eine ganz allgemeine Tatsache, daß jede Abweichung von der naturgemäßen Organisation der Gesellschaft, wenn sie auch ursprünglich auf ganz anderem Gebiet entstanden ist, doch sehr bald auf das ökonomische Feld hinübergerät. Ganz besonders ist dies der Fall beim modernen Sozialismus, der durchaus materialistisch ist und daher mit geschickter Benutzung dieser Zeitströmung den Gegensatz zwischen Besitz und Nichtbesitz zu seinem Haupttummelplatz macht.

Wenn wir dieses Buch nun der Öffentlichkeit übergeben, so geschieht es mit dem Wunsch, es möge eine freundliche Aufnahme und gütige Beurteilung finden. Die Schwierigkeiten, die der Bearbeitung entgegenstanden, waren nicht gering und der Verfasser weiß am besten, wie wenig seine Arbeit den an sie gestellten Anforderungen entspricht. Es ist unmöglich, das vollständige Bild einer Bewegung von der Art des modernen Sozialismus zu geben. Sie gestaltet sich täglich in neuer Weise und gleicht einem Strom, der in dem nämlichen Querschnitt jeden Augenblick eine andere Erscheinung darbietet.



Erstes Kapitel
Zusammenfassung

Es kann nicht im Zweck dieser Arbeit liegen, ausführlich die Erscheinungen zu besprechen, denen die soziale Krankheit entsprungen ist. Da wir uns aber hier hauptsächlich mit der pragmatischen Darstellung der sozialistischen Bestrebungen beschäftigen, so lassen wir daher die Genesis des modernen Sozialismus beiseite liegen und wenden uns folglich an die Zusammenfassung der Erscheinungsformen desselben. Schon bei flüchtiger Betrachtung ergibt sich, daß die Hauptrichtungen unter den Sozialisten nur in wenigen Punkten auseinander gehen. Sehen wir ab von den kleineren Sektenbildungen, so können als ernsthafte Vertreter des modernen Sozialismus bloß die "Internationale" mit ihrer deutschen Abzweigung und der LASSALLEsche Verein in Frage kommen. Beide sind aber bezüglich der wichtigsten Punkte einig. Wie LASSALLE so fußen auch seine Nachfolger auf MARX, da sie ja eingestandenermaßen bloß die LASSALLEschen Lehren und Lösungsvorschläge zur Ausführung bringen wollen. Der moderne Sozialismus in seiner Wissenschaftlichkeit aufgefaßt und auf eine einzige Persönlichkeit zurückgeführt, ist daher MARX. Bei MARX sind allerdings die politischen Zielpunkte des modernen Sozialismus weniger scharf ausgeprägt wie die sozialen; allein er und die "International" erstreben ebenfalls die Staatshilfe und die staatliche Organisation der Arbeit. Ersterer sagte in seiner Inauguraladresse: Um die erwerbstätigen Massen zu retten, müßte Kooperativarbeit zu nationalen Dimensionen entwickelt und folgerichtig durch Staatsmittel gefördert werden." Die Redaktion des "Volksstaat" bemerkt in Nr. 37 (1872) beim Abdruck eines Artikels in einer Anmerkung: "Wenn der Verfasser sich gegen die Regelung der Produktion durch den Staat erklärt, so möchten wir wissen, wie er sich denn die soziale Frage anders gelöst denkt."

Sehen wir von der praktisch gegenwärtig ganz bedeutungslosen Frage, ob eine föderative oder einheitlich zentralisierte Republik ab, so ist kein prinzipieller Unterschied zwischen der "Internationale" und den jetzigen Lassalleanern zu entdecken. Die sozialen und politischen Ziele sind die gleichen: Erlangung der politischen Gewalt für die Arbeiterklasse, damit dieselbe dann ihre sozialen Forderungen verwirklichen könne; diese laufen auf Gemeinbesitz der Produktionsmittel, auf Organisierung der Produktion durch den Staat, auf Verwandlung des Staates in industrielle und agrarische, auf den Kommunismus beruhende Produktivgenossenschaften hinaus. Die Weiterentwicklung der LASSALLEschen Lehre durch seine Schüler hat dieselben stark der "Internationale" genähert und besonders hinsichtlich der schärferen Betonung der kommunistischen Grundlage. Es gibt in der Tat keine wahrhaft sozialistische Partei, die mit dem sozialpolitischen Programm der "Internationale" prinzipiell im Widerstreit stünde. Weil dieses Programm rein sozial, d. h. von jeder besonderen nationalen Zutat frei ist, so können alle dort Anknüpfungspunkte finden. Die wissenschaftlichen Voraussetzungen und die Hauptzielpunkte der verschiedenen wichtigsten Gruppen des modernen Sozialismus sind identisch.

Während der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein zur Erreichung seines Zieles sich des allgemeinen Stimmrechts und einer damit verbundenen friedlichen Entwicklung bedienen will, ist die "Internationale" minder skrupellos; sie nimmt es mit den Mitteln noch weniger genau und wird, wie sie zu Paris gezeigt hat, jeden Weg betreten, der ihr zur Herrschaft verhelfen kann. Aber auch darüber kann kein Zweifel bestehen, daß die Führer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins ganz ebenso wie jene der Eisenacher Partei im gegebenen Augenblick jede theoretische Bedenklichkeit fallen lassen würden, um statt des langsamen, mühevollen und doch aussichtslosen Weges friedlicher Agitation mit einem kühnen Griff, sei es auch über Leichen hinweg, die Herrschaft zu erreichen. Denn daß der erste Weg sie niemals zum Ziel führen wird, davon werden sie sich nun sattsam überzeugt haben. Sämtliche sozialistische Parteien streben nach tätigem Eingreifen der organisierten Proletariermassen bei irgendeiner großen Erschütterung. Ebenso sind sie sämtlich für die Republik des allgemeinen Stimmrechts. Die "Internationale" möchte Europa in kleine kommunale und föderati geeinigte Republiken zerschlagen, während die Lassalleaner die einheitlich zentralisierte deutsche Republik wollen, die sich dann mit den übrigen auf dem gleichen Prinzip aufgebauten Staaten zu einem friedlichen Bund vereinigen würde.

Der moderne Sozialismus hat sich ein besonderes Schlagwort geschaffen, wie die erste französische Revolution der "Bourgeoisie" es getan hat. Er hat die drei Worte, welche das Jahr 1789 auf sein Banner schrieb, die Phrase, "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" ebenfalls angenommen, aber noch das Wort "Solidarität" beigefügt. Dieses letztere Wort wird besonders betont, indem dadurch die phrasenhaften Prinzipien der großen Revolution ihre Weiterbildung und Ergänzung nach sozialistischer Richtung hin erhalten sollen. Das Wort "Solidarität" bildet eine Reaktion gegen die Atomisierung, welche jene erste Revolution in der Gesellschaft hervorgebracht hat; es bedeutet die Wiederzusammenfassung der Gesellschaft gegenüber dem "Laisser aller, laisser faire" [Laßt sie machen, laßt sie gehn. - wp] der "Bourgeoisie" es ist der Ausdruck für die echt politische und sehr gesunde Idee der Gegenseitigkeit in der Entwicklung, die hier nur in sozialistischem Sinne genommen wird. Gleichzeitig deutet das Wort "Solidarität" auf die Gemeinschaft der zum Klassenbewußtsein gekommenen Besitzlosen gegenüber den Besitzenden hin und auf die Organisation der Gesellschaft im sozialistischen Staat. Die Solidarität findet ihren Ausdruck im Kommunismus, welcher jenes Wort nicht entbehren kann, um sich wenigstens ethisch zu rechtfertigen.

Die drei Hauptrichtungen des modernen Sozialismus lassen sich in den Worten zusammenfassen, welche Dr. BORUTTAU im "Volksstaat" (1871, Nr. 88 und 89) schrieb: "Der Sozialismus ist eine neue Weltanschauung, welche sich auf religiösem Gebiet als Atheismus, auf politischem als Republikanismus und auf ökonomischem Gebiet als Kommunismus ausdrückt." Nach diesen drei Richtungen wollen wir jetzt den modernen Sozialismus näher betrachten.
LITERATUR: Eugen Jäger, Der moderne Sozialismus, Berlin 1873