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KARL GROOS
Die Spiele der Menschen
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Das System der Spiele

- Einleitung -

Es ist schon viel Vielen auf vielfältige Weise unternommen worden, eine befriedigende Einteilung der menschlichen Spiele durchzuführen; aber der Versuch ist noch keinem Einzigen vollständig geglückt. GRASBERGER bezeichnete es vor einem Vierteljahrhundert als eine bekannte Tatsache, daß eine strenge Einteilung der Spiele "bisher eigentlich nirgends erreicht worden sei" (1) und es ist, wie ich meine, auch in den letzten Jahrzehnten darin nicht wesentlich anders geworden. Unter diesen Umständen darf ich mich kaum der Hoffnung hingeben, daß nun meine Klassifikation allen Ansprüchen genügen könne; ich werde mich vielmehr darauf berufen müssen, daß eine vollkommene Systematisierung fast überall nur ein logisches Ideal ist und bleiben wird. Aber auch eine mangelhafte Einteilung kann sich nach zwei Richtungen hin auszeichnen: sie kann sehr übersichtlich und praktisch sein oder sie kann durch die Art des Einteilungsgrundes geeignet sein, dem Leser gleich einen Blick in das innere Wesen der zu besprechenden Gegenstände zu eröffnen. Ich habe mich nun vor allem bemüht, die zweite Forderung zu erfüllen, indem ich vom Begriff des menschlichen  Trieblebens  ausgegangen bin: wie weit es mir gelungen ist, auch der ersten Forderung nachzukommen, wage ich nicht zu beurteilen.

Bei der Betrachtung der tierischen Spiele glaubte ich überall das Walten der  Instinkte  nachweisen zu können. Ich kam in dem Buch, das dieses Thema behandelte (2), zu dem Resultat, daß in der höheren Tierwelt einige Instinkte vorhanden sind, die vor allem in der Jugend, in geringerem Maße auch im reiferen Alter ohne ernstlichen Anlaß zur Betätigung drängen und so die Erscheinungen hervorrufen, die wir unter dem Namen "Spiel" zusammenfassen. Über die biologische Bedeutung dieser Tatsache werde ich in der zweiten, theoretischen Abteilung zu sprechen haben; hier beschränkte ich mich auf die kurze Bemerkung, daß in den  Jugend spielen (die bei einer Theorie über unseren Gegenstand in erster Linie berücksichtigt werden müssen) durch die Übung der angeborenen Anlagen dem Tier Gelegenheit geboten wird, das Ererbte durch erworbene Anpassungen so zu ergänzen und umzubilden, wie es seinen komplizierteren Lebensaufgaben entspricht, die durch  bloße  Instinkt-Mechanismen nicht mehr gelöst werden können. Mit dieser Auffassung stimmt es gut überein, daß gerade die Jungendzeit die Spielperiode par excellence ist.

Einen ähnlichen Standpunkt kann man auch bei der Behandlung der menschlichen Spiele einnehmen. Nur ist das Wort "Instinkt" hier, wenn auch in den meisten, so doch nicht in allen Fällen anwendbar - eine Schwierigkeit, die bei der Einteilung der tierischen Spiele ebenfalls vorhanden war, aber dort noch nicht so deutlich hervortrat. Wir müßten eigentlich einen allgemeinen Terminus haben für die nicht erst erworbenen, sondern schon in unserer psycho-physischen Organisation als solcher begründeten  Bedürfnisse.  Hierfür reicht die Bezeichnung "Instinkt" nicht aus. Denn unter Instinkt in seiner herkömmlichen Bedeutung versteht man eine ererbte Verbindung zwischen Reizen und  bestimmten  körperlichen Bewegungen. Aber schon der Nachahmungstrieb, dem die wichtige Gruppe der Nachahmungsspiele entspricht, ist da nicht leicht unterzubringen, weil bei ihm keine eindeutig bestimmte Reaktion vorhanden ist. (3) Wir werden daher schon den Nachahmungsspielen zuliebe den Ausdruck "natürliche oder ererbte Triebe" vorziehen müssen. Doch selbst damit kommen wir nicht so gut aus als es erwünscht wäre. Denn auch zum Begriff des Triebs gehört nach der Ansicht vieler Psychologen die Tendenz auf  körperliche Bewegungen  hin. Es gibt jedoch in unserer Natur begründete Bedürfnisse, die dieser Definition nicht entsprechen und trotzdem von uns gewürdigt sein wollen, weil sie ebenfalls zum Spiel führen. So besitzt, wie JODL in Übereinstimmung mit BEAUNIS und anderen hervorhebt, jedes  Sinnesgebiet  nicht nur die passive Fähigkeit zur Aufnahme und Verarbeitung gewisser Reize, sondern es stellt sich auch zugleich schon ursprünglich als das  Verlangen  nach Erfüllung mit entsprechenden Reizen dar (4). Und wenn wir beim Drang nach Sinnesempfindungen doch immerhin in der Einstellung und Verwendung der Sinnesapparate noch äußere Bewegungen vor uns haben, die hier nur nicht mehr das eigentliche Ziel des Begehrens sind, so entfernen wir uns noch weiter vom Trieb im engeren Sinne, wenn wir die zentralen psycho-physischen Vorgänge betrachten; da können wir doch auch vielfach einen  natürlichen Drang nach Betätigung  feststellen, der zwar dem Begriff des Triebs im engeren Sinne nicht mehr recht untergeordnet werden kann, der aber dennoch eine unverkennbare Analogie mit dem Trieb- und Instinktleben besitzt. So ist z. B. die Kausalbeziehung durch eine bloß intellektualistische Auffassung nicht zu erschöpfen, sondern man könnte fast versucht sein, bei ihr von einem "zentralen Instinkt" zu reden, wenn dadurch nicht die ohnehin schwierige Definition des Instinktes sich ins Unbestimmte zu verflüchtigen drohte. Ebenso steht es bei anderen geistigen Fähigkeiten. Man weiß nicht recht, ob man einen  allgemeinen  "Trieb nach Betätigung" annehmen soll (RIBOT kommt einer solchen Auffassung nahe) (5), der sich dann je nach den Umständen bald als ein Streben nach Gefühlserregungen, bald als ein Verlangen nach logischen Leistungen etc. geltend machen würde oder ob man umgekehrt in einer voluntaristischen Erneuerung der Vermögenstheorie von ererbten "zentralen Trieben" reden soll, bei denen es sich nicht um ein Streben nach äußeren Körperbewegungen, sondern nur um die Betätigung der in der psycho-physischen Organisation begründeten zentralen Analgen handelt. Wenn die letztere Ansicht vorzuziehen ist, so hat die biologische Psychologie die Aufgabe, aufgrund der modernen Kenntnisse wieder an ältere Auffassungen anzuknüpfen, wie sie sich z. B. in ULRICIs "Leib und Seele" (1866) entwickelt finden.

Es wird wohl noch lange dauern, bis sich die wissenschaftliche Terminologie in diesen nicht leicht zugänglichen Gebieten zu solcher Klarheit und Vollständigkeit erhoben hat, daß man über eine gewisse Vagheit im Gebrauch der Ausdrücke endgültig hinausgekommen ist. Es bleibt mir daher nichts anderes übrig, als den Begriff der "natürlichen oder ererbten Triebe" (6) zum Einteilungsgrund zu nehmen. In weitaus den meisten Fällen sind darunter eigentliche "Instinkte" zu verstehen. Beim Nachahmungstrieb haben wir dagegen nur etwas dem Instinkt Analoges vor uns und beim Drang der höheren geistigen Anlagen nach Betätigung ist sogar die Bezeichnung "Trieb" über ihre gewöhnliche Bedeutung hinaus zu erweitern. - Ich verkenne es keineswegs, daß dadurch meinem Einteilungsgrund ein gewisser Mangel an Präzision anhaftet; nur glaube ich versprechen zu dürfen, daß wir von ihm aus nicht bloß tiefer in unser Problem eindringen werden, als mit Hilfe von anderen Einteilungsgründen, sondern sogar Gebiete erschließen können, an deren Behandlung man von einem anderen Standpunkt aus vielleicht gar nicht gedacht haben würde.

Die erste Haupteinteilung in der folgenden Darstellung ergibt sich nun daraus, daß ich zwischen solchen Trieben unterscheide, durch deren Einübung das Individuum zunächst einmal die  Herrschaft über seinen eigenen psychophysischen Organismus  gewinnt, ohne daß dabei schon die Rücksicht auf sein Verhalten zu anderen Individuen im Vordergrund stände und solchen Trieben, die gerade darauf ausgehen, das  Verhalten des Lebewesens zu anderen Lebewesen  zu regeln. Zu der ersten Gruppe gehören die mannigfachen Triebe, die den Menschen veranlassen, seine  sensorischen  und  motorischen  Apparate (7), sowie seine  höheren geistigen  Anlagen in die ihnen entsprechende Tätigkeit zu versetzen. Zur zweiten Gruppe rechnen wir den Kampftrieb, den  sexuellen  Trieb, den  Nachahmungs trieb und die eng mit diesem verwandten  sozialen  Triebe. Allen diesen Trieben entsprechen besondere Arten der Spieltätigkeit. Leider fehlt es hier abermals an einer genügenden Terminologie und es wird auch, da die Gegensätze "egoistisch" und "altruistisch", "individualistisch" und "sozial" sich mit unserer fundamentaleren Einteilung nicht decken, schwierig sein, passende Namen für die beiden Gruppen zu finden. In Erwartung einer besseren Bezeichnung begnüge ich mich mit der freilich sehr wenig befriedigenden Unterscheidung von  "Trieben erster Ordnung"  und  "Trieben zweiter Ordnung";  ferner gebrauche ich für die  spielende  Betätigung der Triebe erster Ordnung den in der Kinderpsychologie verwendeten Ausdrck:  "spielendes Experimentieren." 

Da sich die weiteren Unterabteilungen bei der Durchführung unserer Aufgabe ohne Mühe ergeben werden, füge ich nur noch kurz die allgemeinen Kennzeichen der  spielenden  Betätigung jener Triebe hinzu. Die  biologische  Kriterium des Spiels besteht darin, daß wir es nicht mit der ernstlichen  Ausübung,  sondern nur mit der  Vorübung und Einübung  der betreffenden Triebe zu tun haben. Eine solche Übung ist, weil es sich um die Befriedung von Bedürfnissen handelt, von Lustgefühlen begleitet. Daher entspricht dem biologischen das  psychologische  Kriterium: wo eine Tätigkeit  rein  um der Lust an der Tätigkeit selbst willen' stattfindet, da ist ein Spiel vorhanden. Dagegen ist das Bewußtsein, eine bloße  Schein tätigkeit zu entfalten, kein allgemeines Kriterium des Spiels.
LITERATUR - Karl Groos, Die Spiele der Menschen, Jena 1899
    Anmerkungen
    1) LORENZ GRASBERGER, Erziehung und Unterricht im klassischen Altertum, Würzburg 1864, Bd. I, Seite 23. Vgl. auch die Zusammenstellung bei COLOZZA, il Guoco nella Psicologia e nella Pedagogia, Turin 1895, Seite 36f
    2) GROOS, Die Spiele der Tiere, Jena 1896
    3) Ich weiche hier von meiner früheren Ansicht ab. Näheres findet man im Abschnitt über die Nachahmungsspiele.
    4) FRIEDRICH JODL, Lehrbuch der Psychologie, Stuttgart 1896, Seite 425
    5) RIBOT spricht (Psychologie des Sentiments, Paris 1896, Seite 195) von einem instinktivem Drang "á depenser un superflu d'activité" [einen Überschuß an Aktivität auszugeben - wp]; wenn man das, wie ich glaube, nicht notwendige "superflu" (SPENCERs Kraftüberschuß) streicht, so kommt man auf einen in unserer Natur liegenden Tätigkeits- und Erlebnistrieb.
    6) Die erworbenen Triebe sind alle aus den natürlichen entwickelt.
    7) Diese Triebe bilden in RIBOTs Klassifikation der Instinkte die zweite Gruppe (Psychologie des Sentiments, Seite 194)