ra-1 Julius WolfF. JodlMarx / Engels    
 
KARL MARX
11 Thesen über Feuerbach

Da kam Feuerbachs  Wesen des Christentums.  Mit  einem  Schlag zerstäubte es den Widerspruch, indem es den Materialismus ohne Umschweife wieder auf den Thron hob. Die Natur existiert unabhängig von aller Philosophie; sie ist die Grundlage, auf der wir Menschen, selbst Naturprodukte, erwachsen sind; außer der Natur und den Menschen existiert nichts, und die höheren Wesen, die unsere religiöse Phantasie erschuf, sind nur die phantastische Rückspiegelung unseres eigenen Wesens. Der Bann war gebrochen; das  System  war gesprengt und beiseite geworfen, der Widerspruch war, als nur in der Einbildung vorhanden, aufgelöst. Man muß die befreiende Wirkung dieses Buchs selbst erlebt haben, um sich eine Vorstellung davon zu machen. Die Begeisterung war allgemein; wir waren alle momentan Feuerbachianer."

1
Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den FEUERBACH'schen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlickeit nur unter der Form des  Objekts oder der Anschauung  gefaßt wird; nicht aber als  sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis;  nicht subjektiv. Daher die  tätige  Seite abstrakt im Gegensatz zum Materialismus vom Idealismus - der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt - entwickelt. FEUERBACH will sinnliche - von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedene Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als  gegenständliche  Tätigkeit. Er betrachtet daher im "Wesen des Christentums" nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig jüdischen Erscheinungsform gefaßt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der "revolutionären", der "praktisch-kritischen" Tätigkeit.

2
Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme - ist keine Frage der Theorie, sondern eine  praktische  Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, d. h. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens - das von der Praxis isoliert - ist eine rein  scholastische Frage. 

3
Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile - von denen der eine über ihr erhaben ist - sondieren.

Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als  revolutionäre Praxis  gefaßt und rationell verstanden werden.

4
FEUERBACH geht vom Faktum der religiösen Selbstentfremdung, der Verdoppelung der Welt in eine religiöse und eine weltliche aus. Seine Arbeit besteht darin, die religiöse Welt in ihre weltliche Grundlage aufzulösen. Aber daß die weltliche Grundlage sich von sich selbst abhebt und sich ein selbständiges Reich in den Wolken fixiert, ist nur aus der Selbstzerrissenheit und dem Selbstwidersprechen dieser weltlichen Grundlage zu erklären. Diese selbst muß also in sich selbst sowohl in ihrem Widerspruch verstanden als praktisch revolutioniert werden. Also nachdem z. B. die irdische Familie als das Geheimnis der heiligen Familie entdeckt ist, muß nun erstere selbst theoretisch und praktisch vernichtet werden.

5
FEUERBACH, mit dem  abstrakten  Denken nicht zufrieden, will die  Anschauung;  aber er faßt die Sinnlichkeit nicht als praktische menschlich-sinnliche Tätigkeit.

6
FEUERBACH löst das religiöse Wesen in das  menschliche  Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das  ensemble  der gesellschaftlichen Verhältnisse.

FEUERBACH, der auf die Kritik dieses wirklichen Wesens nicht eingeht, ist daher gezwungen:
    1. vom geschichtlichen Verlauf zu abstrahieren und das religiöse Gemüt für sich zu fixieren, und ein abstrakt -  isoliert -menschliches Individuum vorauszusetzen.

    2. Das Wesen kann daher nur als "Gattung", als innere, stumme, die vielen Individuen natürlich verbindende Allgemeinheit gefaßt.
7
FEUERBACH sieht daher nicht, daß das "religiöse Gemüt" selbst ein gesellschaftliches Produkt ist und daß das abstrakte Individuum, das er analysiert, einer bestimmten Gesellschaftsform angehört.

8
Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Hysterien, welche die Theorie zum Mystizismus veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis.

9
Das Höchste, wozu der anschauende Materialismus kommt, d. h. der Materialismus, der die Sinnlichkeit nicht als praktische Tätigkeit begreift, ist die Anschauung der einzelnen Individuen und der bürgerlichen Gesellschaft.

10
Der Standpunkt des alten Materialismus ist die bürgerliche Gesellschaft, der Standpunkt des neuen die menschliche Gesellschaft oder die gesellschaftliche Menschheit.

11

Die Philosophen haben die Welt nur verschieden  interpretiert,  es kommt aber darauf an, sie zu  verändern. 

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FRIEDRICH ENGELS
Ludwig Feuerbach und der
Ausgang der klassischen deutschen Philosophie


I.

Die vorliegende Schrift führt uns zurück zu einer Periode, die, der Zeit nach, ein gutes Menschenalter hinter uns liegt, die aber der jetzigen Generation in Deutschland so fremd geworden ist, als wäre sie schon ein volles Jahrhundert alt. Und doch war sie die Periode der Vorbereitung Deutschlands für die Revolution von 1848; und alles was seitdem bei uns geschehen ist, ist nur eine Fortsetzung von 1848, nur eine Testamentsvollstreckung der Revolution.

Wie in Frankreich im achtzehnten, so leitete auch in Deutschloand im neunzehnten Jahrhundert die philosophische Revolution den politischen Zusammenbruch ein. Aber wie verschieden sahen die beiden aus! Die Franzosen in offenem Kampf mit der ganzen offiziellen Wissenschaft, mit der Kirche, oft auch mit dem Staat; ihre Schriften jenseits der Grenze, in Holland oder England gedruckt, und sie selbst oft genug drauf und dran in die Bastille zu wandern. Dagegen die Deutschen - Professoren, vom Staat eingesetzte Lehrer der Jugend, ihre Schriften anerkannte Lehrbücher, und das abschließende System der ganzen Entwicklung, das HEGEL'sche, sogar gewissermaßen zum Rang einer königlich preußischen Staatsphilosophie erhoben! Und hinter diesen Professoren, hinter ihren pedantisch-dunklen Worten, in ihren schwerfälligen, langweiligen Perioden sollte sich die Revolution verstecken? Waren denn nicht gerade die Leute, die damals für die Vertreter der Revolution galten, die Liberalen, die heftigsten Gegner dieser, die Köpfe verwirrenden Philosophie? Was aber weder die Regierungen noch die Liberalen sahen, das sah bereits 1833 wenigstens  ein  Mann, und der hieß allerdings HEINRICH HEINE.

Nehmen wir ein Beispiel. Kein philosophischer Satz hat so sehr den Dank beschränkter Regierungen und den Zorn ebenso beschränkter Liberaler auf sich geladen wie der berühmte Satz HEGELs: "Alles was wirklich ist, ist vernünfti, und alles was vernünftig ist, ist wirklich." Das war doch handgreiflich die Heiligsprechung alles Bestehenden, die philosophische Einsegnung des Despotismus, des Polizeistaates, der Kabinettsjustiz, der Zensur. Und so nahm es FRIEDRICH WILHELM III., so seine Untertanen. Bei HEGEL aber ist keineswegs alles was besteht, ohne weiteres auch wirklich. Das Attribut der Wirklichkeit kommt bei ihm nur demjenigen zu, was zugleich notwendig ist; "die Wirklichkeit erweist sich in ihrer Entfaltung als die Notwendigkeit;" eine beliebige Regierungsmaßregel - HEGEL führt selbst das Beispiel "einer gewissen Steuereinrichtung" an - gilt ihm daher auch keineswegs schon ohne weiteres als wirklich. Was aber notwendig ist, erweist sich in letzter Instanz auch als vernünftig, und auf den damaligen preußischen Staat angewandt, heißt also der HEGEL'sche Satz nur: dieser Staat ist vernünftig, der Vernunft entsprechend, soweit er notwendig ist; und wenn er uns dennoch schlecht vorkommt, aber trotz seiner Schlechtigkeit fortexistiert, so findet die Schlechtigkeit der Regierung ihre Berechtigung und ihre Erklärung in der entsprechenden Schlechtigkeit der Untertanen. Die damaligen Preußen hatten die Regierung, die sie verdienten.

Nun ist aber die Wirklichkeit nach HEGEL keineswegs ein Attribut, das einer gegebenen gesellschaftlichen oder politischen Sachlage unter allen Umstände und zu allen Zeiten zukommt. Im Gegenteil. Die römische Republik war wirklich, aber das römische Kaiserreich auch. Die französische Monarchie war so unwirklich geworden, d. h. so aller Notwendigkeit beraubt, so unvernünftig, daß sie vernichtet werden mußte durch die große Revolution, von der HEGEL stets mit der höchsten Begeisterung spricht. Hier war also die Monarchie das Unwirkliche, die Revolution das Wirkliche. Und so wird im Lauf der Entwicklung alles früher Wirklich unwirklich, verliert seine Notwendigkeit, sein Existenzrecht, seine Vernünftigkeit; an die Stelle des absterbenden Wirklichen tritt eine neue, lebensfähige Wirklichkeit - friedlich, wenn das Alte verständig genug ist, ohne Sträuben im Tod abzugehen, gewaltsam, wenn es sich gegen diese Notwendigkeit sperrt. Und so dreht sich der HEGEL'sche Satz durch die HEGEL'sche Dialektik selbst um in sein Gegenteil: alles was im Bereich der Menschengeschichte wirklich ist, wird mit der Zeit unvernünftig, ist also schon seiner Bestimmung nach unvernünftig, ist von vornherein mit Unvernünftigkeit behaftet; und alles was in den Köpfen der Menschen vernünftig ist, ist bestimmt wirklich zu werden, mag es auch noch so sehr der bestehenden scheinbaren Wirklichkeit widersprechen. Der Satz von der Vernünftigkeit alles Wirklichen löst sich nach allen Regeln der HEGEL'schen Denkmethode auf in den andern: Alles was besteht, ist wert, daß es zugrunde geht.

Darin aber gerade lag die wahre Bedeutung und der revolutionäre Charakter der HEGEL'schen Philosophie (auf die, als den Abschluß der ganzen Bewegung seit KANT, wir uns hier beschränken müssen), daß sie der Endgültigkeit aller Ergebnisse des menschlichen Denkens und Handelns ein für alle Mal den Garaus machte. Die Wahrheit, die es in der Philosophie zu erkennen galt, war bei HEGEL nicht mehr eine Sammlung fertiger dogmatischer Sätze, die, einmal gefunden, nur auswendig gelernt sein wollen; die Wahrheit lag nur im Prozeß des Erkennens selbst, in der langen geschichtlichen Entwicklung der Wissenschaft, die von niederen zu immer höheren Stufen der Erkenntnis aufsteigt, ohne aber jemals durch die Ausfindung einer sogenannten absoluten Wahrheit zu dem Punkt zu gelangen, wo sie nicht mehr weiter kann, wo ihr nichts mehr übrig bleibt, als die Hände in den Schoß zu legen und die gewonnene absolute Wahrheit anzustaunen. Und wie auf dem Gebiet der philosophischen, so auf dem jeder anderen Erkenntnis und auf dem des praktischen Handelns. Ebensowenig wie die Erkenntnis, kann die Geschichte einen vollendenden Abschluß finden in einem vollkommeneren Idealzustand der Menschheit; eine vollkommene Gesellschaft, ein vollkommener "Staat" sind Dinge, die nur in der Phantasie bestehen können; im Gegenteil sind alle nacheinander folgenden geschichtlichen Zustände nur vergängliche Stufen im endlosen Entwicklungsgang der menschlichen Gesellschaft vom Niederen zum Höheren. Jede Stufe ist notwendig, also berechtigt für die Zeit und die Bedingungen, denen sie ihren Ursprung verdankt; aber sie wird hinfällig und unberechtigt gegenüber neuen, höheren Bedingungen, die sich allmählich in ihrem eigenen Schoß entwickeln; sie muß einer höheren Stufe Platz machen, die ihrerseits wieder an die Reihe des Verfalls und des Untergangs kommt. Wie die Bourgeoisie durch die große Industrie, die Konkurrenz und den Weltmarkt alle stabilen, altehrwürdigen Institutionen praktisch auflöst, so löst diese dialektische Philosophie alle Vorstellungen von endgültiger absoluter Wahrheit und ihr entsprechenden absoluten Menschheitszuständen auf. Vor ihr besteht nichts Endgültiges, Absolutes, Heiliges; sie weist von allem und an allem die Vergänglichkeit auf, und nichts besteht vor ihr als der ununterbrochene Prozeß des Werdens und Vergehens, des Aufsteigens ohne Ende vom Niederen zum Höheren, dessen bloße Widerspiegelung im denkenden Hirn sie selbst ist. Sie hat allerdings auch eine konservative Seite: sie erkent die Berechtigung bestimmter Erkenntnis- und Gesellschaftsstufen für deren Zeit und Umstände an; aber auch nur so weit. Der Konservatismus dieser Anschauungsweise ist relativ, ihr revolutionärer Charakter ist absolut - das einzig Absolute, das sie gelten läßt.

Wir brauchen hier nicht auf die Frage einzugehen, ob diese Anschauungsweise durchaus mit dem jetzigen Stand der Naturwissenschaft stimmt, die der Existenz der Erde selbst ein mögliches, ihrer Bewohnbarkeit aber ein ziemlich sicheres Ende vorher sagt, die also auch der Menschengeschichte nicht nur einen aufsteigenden, sondern auch einen absteigenden Ast zuerkennt. Wir befinden uns jedenfalls noch ziemlich weit weg vom Wendepunkt, von wo an es mit der Geschichte der Gesellschaft abwärts geht, und können der HEGEL'schen Philosophie nicht zuzumuten, sich mit einem Gegenstand zu befassen, den zu ihrer Zeit die Naturwissenschaft noch gar nicht auf die Tagesordnung gesetzt hatte.

Was aber in der Tat hier zu sagen, ist dies: die obige Entwicklung findet sich in dieser Schärfe nicht bei HEGEL. Sie ist eine notwendige Konsequenz seiner Methode, die er selbst aber in dieser Ausdrücklichkeit nie gezogen hat. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil er genötigt war ein  System  zu machen, und ein System der Philosophie muß nach den hergebrachten Anforderungen mit irgendeiner Art von absoluter Wahrheit abschließen. So sehr also auch HEGEL, namentlich in der Logik, betont, daß diese ewige Wahrheit nichts anderes ist als der logische, bzw. der geschichtliche Prozeß selbst, so sieht er sich doch selbst gezwungen, diesem Prozeß ein Ende zu geben, weil er eben mit seinem System irgendwo zu Ende kommen muß. In der Logik kann er dieses Ende wieder zum Anfang machen, indem hier der Schlußpunkt, die absoute Idee - die nur insofern absolut ist, als er absolut nichts von ihr zu sagen weiß - sich in die Natur "entäußert", d. h. verwandelt, und später im Geist, d. h. im Denken und in der Geschichte, wieder zu sich selbst kommt. Aber am Schluß der ganzen Philosophie ist ein ähnlicher Rückschlag in den Anfang nur auf  einem  Weg möglich. Nämlich indem man das Ende der Geschichte darin setzt, daß die Menschheit zur Erkenntnis eben dieser absoluten Idee kommt. Damit wird aber der ganze dogmatische Inhalt des HEGEL'schen Systems für die absolute Wahrheit erklärt, im Widerspruch mit seiner dialektischen, alles Dogmatische auflösenden Methode; damit wird die revolutionäre Seite erstickt unter der überwuchernden konservativen. und was von der philosophischenn Erkenntnis, gilt auch von der geschichtlichen Praxis. Die Menschheit, die es, in der Person HEGELs, bis zur Herausarbeitung der absoluten Idee gebracht hat, muß auch praktisch soweit gekommen sein, daß sie diese absolute Idee in der Wirklichkeit durchführen kann. die praktischen politischen politischen Forderungen der absoluten Idee an die Zeitgenossen dürfen also nicht zu hoch gespannt sein. Und so finden wir dann am Schluß der Rechtsphilosophie, daß die absolute Idee sich verwirklichen soll in derjenigen ständischen Monarchie, die FRIEDRICH WILHELM III. seinen Untertanen so hartnäckig vergebens versprach, also in einer den deutschen kleinbürgerlichen Verhältnissen von damals angemessenen, beschränkten und gemäßigten Herrschaft der besitzenden Klassen; wobei uns noch die Notwendigkeit des Adels auf spekulativem Weg demonstriert wird.

Die inneren Notwendigkeiten des Systems reichen also allein hin, die Erzeugung einer sehr zahmen politischen Schlußfolgerung mittels einer durch und durch revolutionären Denkmethode zu erklären. Die spezifische Form dieser Schlußfolgerung rührt allerdings davon her, daß HEGEL ein Deutscher, und ihm wie seinem Zeitgenossen GOETHE ein Stück Philisterzopfs hinten hing. GOETHE wie HEGEL waren jeer auf seinem Gebiet ein olympischer Zeus, aber den deutschen Philister wurden beide nie ganz los.

All das hindert jedoch das HEGELsche System nicht, ein unvergleichlich größeres Gebiet zu umfassen, als irgendein früheres System, und auf diesem Gebiet einen Reichtum des Gedankens zu entwickeln, der noch heute in Erstaunen setzt. Phänomenologie des Geistes (die man eine Parallele der Embryologie und der Paläontologie des Geistes nennen könnte, eine Entwicklng des individuellen Bewußtseins durch seine verschiedene Stufen, gefaßt als abgekürzte Reproduktion der Stufen, die das Bewußtsein der Menschen geschichtlich durchgemacht), Logik,  Naturphilosophie Philosophie des Geistes, und diese letztere wieder in ihren einzelnen geschichtlichen Unterformen ausgearbeitet: Philosophie der Geschichte, des Rechts, der Religion, Geschichte der Philosophie, Ästhetik usw. - auf allen diesen verschiedenen geschichtlichen Gebieten arbeitet HEGEL daran, den durchgehenden Faden der Entwicklng aufzufinden und nachzuweisen; und da er nicht nur ein schöpferisches Genie war, sondern auch ein Mann von enzyklopädischer Gelehrsamkeit, so tritt er überall epochemachend auf. es versteht sich von selbst, daß kraft der Notwendigkeiten des "Systems" er hier oft genug zu jenen gewaltsamen Konstruktionen seine Zuflucht nehmen muß von denen seine zwerghaften Anfeinder bis heute ein so entsetzliches Geschrei machen. Aber diese Konstruktionen sind nur der Rahmen und das Baugerüst seines Werks; hält man sich hierbei nicht unnötig auf, dringt man tiefer ein in den gewaltigen Bau, so findet man ungezählte Schätze, die auch heute noch ihren vollen Wert behaupten. Bei allen Philosophen ist gerade das "System" das Vergängliche, und zwar gerade deshalb, weil es aus einem unvergänglichen Bedürfnis des Menschengeistes hervorgeht: dem Bedürfnis der Überwindung aller Widersprüche. Sind aber alle Widersprüche ein für alle mal beseitigt, so sind wir bei der sogenannten absoluten Wahrheit angelangt, die Weltgeschichte ist zu Ende, und doch soll sie weitergehen, obwohl nichts mehr zu tun übrig bleibt - also ein neuer, unlösbarer Widerspruch. Sobald wir einmal eingesehen haben - und zu dieser Einsicht hat uns niemand mehr verholfen, als HEGEL selbst, - daß die so gestellte Aufgabe der Philosophie weiter nichts heißt, als die Aufgabe, daß ein einzelner Philosoph das leisten soll, was nur die gesamte Menschheit in ihrer fortschreitenden Entwicklung leisten kann - sobald wir das einsehen, ist es auch vorbei mit der ganzen Philosophie im bisherigen Sinn des Wortes. Man läßt die auf diesem Weg und für jeden Einzelnen unerreichbare "absolute Wahrheit" laufen und jagt dafür den erreichbaren relativen Wahrheiten nach auf dem Weg der positiven Wissenschaften und der Zusammenfassung ihrer Resultate mittels des dialektischen Denkens. Mit HEGEL schließt die Philosophie überhaupt ab; einerseits weil er ihre ganze Entwicklung in seinem System in der großartigsten Weise zusammenfaßt, andererseits weil er uns den Weg zeigt aus diesem Labyrinth der Systeme zur wirklichen positiven Erkenntnis der Welt.

Man begreift, welch ungeheure Wirkung dieses HEGEL'sche System in der philosophisch gefärbten Atmosphäre Deutschlands hervorbringen mußte. Es war ein Triumphzug, der Jahrzehnte dauerte und mit dem Tod HEGEL's keineswegs zur Ruhe kam. Im Gegenteil, gerade von 1830 - 1840 herrschte die "Hegelei" am ausschließlichsten und hatte selbst ihre Gegner mehr oder weniger angesteckt; gerade in dieser Zeit drangen HEGEL'sche Anschauungen am reichlichsten, bewußt oder unbewußt, in die verschiedensten Wissenschaften ein und durchsäuerten auch die populäre Literatur und die Tagespresse, aus denen das gewöhnliche "gebildete Bewußtsein" seinen Gedankenstoff bezieht. Aber dieser Sieg auf der ganzen Linie war nur das Vorspiel eines inneren Kampfes.

Die Gesamtlehre HEGELs ließ, wie wir gesehen haben, reichlichen Raum für die Unterbringung der verschiedensten praktischen Parteianschauungen; und praktisch waren im damaligen theoretischen Deutschland vor allem zwei Dinge: die Religon und die Politik. Wer das Hauptgewicht auf das System HEGELs legte, konnte auf beiden Gebieten ziemlich konservativ sein; wer in der dialektischen Methode die Hauptsache sah, konnte religiöse wie politisch zur äußersten Opposition gehören. HEGEL selbst schien, trotz der ziemlich häufigen revolutionären Zornesausbrüche in seinen Werken, im Ganzen mehr zur konservativen Seite zu neigen; hatte ihm doch sein System weit mehr "saure Arbeit des Gedankens" gekostet als seine Methode. Gegen Ende der dreißiger Jahre trat die Spaltung in der Schule mehr und mehr hervor. Der linke Flügel, die sogenannten Junghegelianer, gaben im Kampf mit pietistischen Orthodoxen und feudalen Reaktionären ein Stück nach dem andern auf von jener philosophisch-vornehmen Zurückhaltung gegenüber den brennenden Tagesfragen, die ihrer Lehre bisher eine staatliche Duldung und sogar Protektion gesichert hatte; und als gar 1840 die orthodoxe Frömmelei und die feudal-absolutistische Reaktion mit FRIEDRICH WILHELM IV. den Thron bestiegen hatte, wurde eine offene Parteinahme unvermeidlich. Der Kampf wurde noch mit philosophischen Waffen geführt, aber nicht mehr um abstrakt-philosophische Ziele; es handelte sich direkt um die Vernichtung der überlieferten Religion und des bestehenden Staates. Und wenn in den "Deutschen Jahrbüchern" die praktischen Endzwecke noch vorwiegend in philosophischer Verkleidung auftraten, so enthüllte sich die junghegelsche Schule in der "Rheinischen Zeitung" von 1842 direkt als die Philosophie der aufstrebenden radikalen Bourgeoisie und brauchte das philosophische Deckmäntelchen nur noch zur Täuschung der Zensur.

Die Politik war aber damals ein sehr dorniges Gebiet, und so wandte sich der Hauptkampf gegen die Religion; dies war ja auch, namentlich seit 1840, indirekt ebenfalls ein politischer Kampf. Den ersten Anstoß hatte STRAUSS' "Leben Jesu" 1835 gegeben. Der hierin entwickelten Theorie der evangelischen Mythenbildung trat später BRUNO BAUER mit dem Nachweis gegenüber, daß eine ganze Reihe evangelischer Erzählungen von den Verfassern selbst fabriziert wurde. Der Streit zwischen beiden wurde geführt in der philosophischen Verkleidung eines Kampfes des "Selbstbewußtseins" gegen die "Substanz"; die Frage, ob die evangelischen Wundergeschichten durch bewußtlos- traditionelle Mythenbildung im Schoß der Gemeinde entstanden oder ob sie von den Evangelisten selbst fabriziert wurden, wurde aufgebauscht zu der Frage, ob in der Weltgeschicht die "Substanz" oder das "Selbstbewußtsein" die entscheidend wirkende Macht ist; und schließlich kam STIRNER, der Prophet des heutigen Anarchismus - BAKUNIN hat sehr vieles aus ihm genommen - und übergipfelte das souveräne "Selbstbewußtsein" durch seinen souveränen "Einzigen".

Wir gehen auf diese Seite des Zersetzungsprozesse der HEGEL'schen Schule nicht weiter ein. Wichtiger für uns ist dies: die Masse der entschiedensten Junghegelianer wurden durch die praktischen Notwendigkeiten ihres Kampfes gegen die positive Religion auf den englisch-französischen Materialismus zurückgedrängt. Und hier kamen sie in Konflikt mit ihrem Schulsystem. Während der Materialismus die Natur als das einzig Wirkliche auffaßt, stellt diese im HEGEL'schen System nur die "Entäußerung" der absoluten Idee vor, gleichsam eine Degradation der Idee; unter allen Umständen ist hier die Idee, das Denken und sein Gedankenprodukt, das Ursprüngliche, die Natur nur das Abgeleitete, das nur durch die Herablassunng der Idee überhaupt existiert. Und in diesem Widerspruch trieb man sich herum, so gut und so schlecht es gehen wollte.

Da kam FEUERBACHs "Wesen des Christentums". Mit  einem  Schlag zerstäubte es den Widerspruch, indem es den Materialismus ohne Umschweife wieder auf den Thron hob. Die Natur existiert unabhängig von aller Philosophie; sie ist die Grundlage, auf der wir Menschen, selbst Naturprodukte, erwachsen sind; außer der Natur und den Menschen existiert nichts, und die höheren Wesen, die unsere religiöse Phantasie erschuf, sind nur die phantastische Rückspiegelung unseres eigenen Wesens. Der Bann war gebrochen; das "System" war gesprengt und beiseite geworfen, der Widerspruch war, als nur in der Einbildung vorhanden, aufgelöst.

Man muß die befreiende Wirkung dieses Buchs selbst erlebt haben, um sich eine Vorstellung davon zu machen. Die Begeisterung war allgemein; wir waren alle momentan Feuerbachianer. Wie enthusiastisch MARX die neue Auffassung begrüßte - trotz aller kritischen Vorbehalte - kann man in der "Heiligen Familie" lesen.

Selbst die Fehler des Buchs trugen zu seiner augenblicklichen Wirkung bei. Der belletristische, stellenweise sogar schwülstige Stil sicherte ein größeres Publikum und war immerhin eine Erquickung nach den langen Jahren abstrakter und abstruser Hegelei. Dasselbe gilt von der überschwänglichen Vergötterung der Liebe, die gegenüber der unerträglich gewordenen Souveränität des "reinen Denkens" eine Entschuldigung, wenn auch keine Berechtigung fand. Was wir aber nicht vergessen dürfen: gerade an diese beiden Schwächen FEUERBACHs knüpfte der seit 1844 sich im "gebildeten" Deutschland wie eine Seuche verbreitende "wahre Sozialismus" an, der an die Stelle der wissenschaftlichen Erkenntnis die belletristische Phrase, an die Stelle der Emanzipation des Proletariats durch die ökonomische Umgestaltung der Produktion, die Befreiung der Menschheit mittels der "Liebe" setzte, kurz sich in die widerwärtige Belletristik und Liebesschwülstigkeit verlief, deren Typus Herr KARL GRÜN war.

Was fernerhin nicht zu vergessen ist: Die HEGEL'sche Schule war aufgelöst, aber die HEGEL'sche Philosophie war nicht kritisch überwunden. STRAUSS und BAUER nahmen jeder eine ihrer Seiten heraus und kehrten sie polemisch gegen die andere. FEUERBACH durchbrach das System und warf es einfach beiseite. Aber man wird nicht dadurch mit einer Philosophie fertig dadurch, daß man sie einfach für falsch erklärt. Und sein so gewaltiges Werk wie die HEGEL'sche Philosophie, die einen so ungeheuren Einfluß auf die geistige Entwicklung der Nation gehabt, ließ sich nicht dadurch beseitigen, daß man sie kurzer Hand ignorierte. Sie mußte in ihrem eigenen Sinn "aufgehoben" werden, d. h. in dem Sinn daß ihre Form kritisch vernichtet, der durch sie gewonnene neue Inhalt aber gerettet wurde. Wie dies geschah, davon weiter unten.

Einstweilen schob die Revolution von 1848 jedoch die gesamte Philosophie ebenso ungeniert beiseite, wie FEUERBACH seinen HEGEL. Und damit wurde auch FEUERBACH selbst in den Hintergrund gedrängt.
LITERATUR: Friedrich Engels - Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Die Neue Zeit, 4. Jahrgang, Stuttgart 1886