tb-4 R. StammlerSaitzeffDer Anarchismus    
 
EDUARD BERNSTEIN
Die soziale Doktrin
des Anarchismus

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"Es ist ja alles groß, was bei diesen Ich-Revolutionären vor sich geht. Schon das Vorwort des Mackay'schen Buches macht uns das klar. Man schaudert beinahe zurück vor der Größe, die sich da ankündigt. Wir haben es mit lauter Titanen zu tun. Proudhon beginnt die Reihe, wir hören vom  titanischen  Werk seines Lebens. Dann kommt Max Stirner, der Verfasser des  unsterblichen  Werkes -Der Einzige und sein Eigentum -. Ein neuer Titan ist Herr Benjamin Tucker aus Boston, der seit sieben Jahren mit der  unbesieglichen  Waffe seiner  Liberty,  deren funkelndes Licht die Nächte zu erhellen beginnt, für Anarchie in der neuen Welt kämpft. Und schließlich ist in diesen Tagen der wachsenden Reaktion, welche im Sieg des Staatssozialismus ihren Höhepunkt erreichen wird, für Herrn Mackay die Forderung unabweisbar geworden, auch hier der erste Verfechter der anarchistischen Idee zu sein. Das Vorwort scheint nicht umsonst aus Rom datiert zu sein. So wollen wir das Wagestück versuchen, den theoretischen Inhalt dieses unfehlbaren Werkes zu analysieren, in dem das Dresdener  Volkswohl  - wie der Buchhändlerzettel und mitteilt - viele vorzügliche Ausführungen entdeckt hat, die als gute Waffen gegen die Sozialdemokratie brauchbar sind."

Neben der von Tag zu Tag wachsenden sozialdemokratischen Bewegung läuft in fast allen Ländern, wo diese vertreten ist, eine andere Bewegung, die ebenfalls auf eine totale Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse abzielt, aber sowohl die Mittel als auch die Grundsätze der ersteren verwirft: die des Anarchismus. Sie ist, obwohl nirgends besonders kräftig, am stärksten in den romanischen Ländern, hat in England und den Vereinigten Staaten - freilich weniger unter der landesangehörigen als unter der eingewanderten Bevölkerung - hier und da Boden gefaßt, zählt in verschiedenen Abteilungen der slavischen Völkerfamilie Anhänger und wird auch in Deutschland zu propagieren gesucht. Das Letztere zwar bisher ohne nennenswerten Erfolg, aber mit desto größerem Eifer. Ob die neuerdings erfolgte Sezession der sogenannten Opposition aus der deutschen sozialdemokratischen Partei dieser Propaganda viel helfen wird, bleibt abzuwarten. Es ist zwar von verschiedenen Seiten ganz mit Recht darauf hingewiesen worden, daß die in den letzten Flugblättern der Sezessionisten ausgesprochenen Anschauungen in konsequenter Verfolgung zum Anarchismus führen, aber damit ist noch nicht gesagt, daß die Verfasser selbst nun auch diese Konsequenz ziehen werden. Und selbst wenn sie es täten, ist es mehr als zweifelhaft ob die anarchistische Propaganda in Deutschland darum mehr Boden unter der Masse der Bevölkerung finden würde. Ihr Erfolg hängt nicht nur vom guten Willen, dem Eifer und der Fähigkeit der Propagierenden ab. Es kommt auch auf die Disposition der zu Gewinnenden, das heißt der fortgeschrittenen deutschen Arbeiterschaft an. Diese aber ist dem Anarchismus entscheiden ungünstig.

Die Erfolglosigkeit einer Geistesströmung ist jedoch kein Grund, sie zu ignorieren oder mit einigen allgemeinen Schlagworten abzufertigen. Sie kann in der Form, in der sie auftritt, falsch sein, und doch einen richtigen Gedanken enthalten - sie kann eine ins entgegengesetzte Extrem verfallende, aber doch berechtigte Reaktion gegen gewisse Übertreibungen einer in weiten Kreisen dominierenden Strömung sein. Und selbst wenn sie von Grund auf falsch wäre, nur auf hohlen Phrasen beruhte - nichts ist gefährlicher, als auf Phrasen mit Phrasen zu antworten. Fast immer tritt dann der falschen Phrase eine nicht minder falsche Gegenphrase gegenüber. Es wird daher eine ruhige, möglichst sachgemäße Darlegung und Kritik der Grundgedanken des Anarchismus nicht unzeitgemäß erscheinen.


I. Ein anarchistisches "Kulturgemälde"

In unserer Zeit enorm gesteigerte Druckschriftenproduktion herrscht selbst in Bezug auf die Literatur einer verhältnismäßig so jungen und wenige Anhänger zählenden Bewegung, wie die des Anarchismus, bereits ein ziemlicher Verlegenheitsreichtum. Erstens haben die Anarchisten zeitweise viel von sich reden gemacht und dadurch den Tagesliteraten Anlaß zur Beschäftigung mit ihnen gegeben und zweitens ist in ihren eigenen Kreisen das schriftstellernde Element im Verhältnis sehr zahlreich vertreten. Fehlt es infolgedessen keineswegs an Schriften von Anarchisten über den Anarchismus, so schließt dagegen die Natur der Sache aus, von irgendeiner derselben als von einer authentischen Darstellung der Bestrebungen des Anarchismus überhaupt zu sprechen. Es handelt sich fast immer nur um eine Darstellung der Anschauungen einer besonderen Richtung unter den Anarchisten, die oft mit anderen, sich denselben Namen beilegenden Richtungen oft nicht viel mehr gemein hat, als die Gegnerschaft gegen den Staat - die einzige praktische Forderung, in der alle anarchistischen Theorien einig sind. Der Anarchismus, wenigstens der zeitgenössische, hat noch keine Schrift hervorgebracht, die sich so vor der Masse der Gelegenheitspublikationen auszeichnete, daß sie von Freund und Feind in gleicher Weise als klassisch betrachtet würde, wie ADAM SMITHs "Untersuchung über den Reichtum der Nationen" und RICARDOs "Grundgesetze der Volkswirtschaft" als klassisch für die liberale bürgerliche Ökonomie gelten.

Vor kurzem ist nun eine Arbeit aus der Feder eines Anarchisten erschienen, die jedenfalls mehr zu sein beansprucht als eine bloße Agitationsschrift zugunsten des Anarchismus, die mehr als ein Exposé einzelner anarchistischer Anschauungen sein will, und der auch von verschiedenen Rezensenten bereits eine größere literarische Bedeutung zugesprochen worden ist. Es ist dies das Buch des Herrn JOHN HENRY MACKAY: "Die Anarchisten. Kulturgemälde aus dem Ende des 19. Jahrhunderts." (1) Vor die Aufgabe gestellt, über dasselbe den Lesern der "Neuen Zeit" Bericht zu erstatten, glaube ich, diese Berichterstattung mit der schon vor längerer Zeit angekündigten Kritik der sozialen Doktrin des Anarchismus überhaupt verbinden zu dürfen. Verspricht uns doch Titel und Vorwort des MACKAY'schen Buches ein Gesamtbild der anarchistischen Bewegung unserer Zeit zu geben.

Die Arbeit des Herrn MACKAY präsentiert sich dem Leser in einem belletristischen Gewand. Es ist keine doktrinäre Abhandlung, durch Bilder illustriert, die der Verfasser darbietet, sondern eine Bilderreihe, durch Auseinandersetzungen über die Doktrin unterbrochen. Kein eigentlicher Roman, aber eine romanhaft zugeschnittene Skizze. An der Hand eines jungen Schriftstellers, CARRARD AUBAN, dem Sohn eines Franzosen und einer Elsässerin, dem der Verfasser seine eigenen Ideen in den Mund legt, läßt er den Leser an Unterhaltungen und Betrachtungen über die sozialen Zustände und die revolutionären Gesellschaftstheorien teilnehmen, führt er ihn durch die schlimmsten Gegenden Londons, die Quartiere der Armut und des niederen Verbrechertums, in anarchistische Klubs und in ein revolutionäres Protestmeetin, schildert er die Arbeitslosendemonstrationen des Jahres 1887 und die sich an dieselben anschließenden Kämpfe zwischen Polizei und Arbeitern auf dem Trafalgar Square und erzählt er die Chicagoer Bombenaffäre samt dem sich an dieselbe knüpfenden Anarchistenprozeß und seinem tragischen Abschluß. Alles in geschickter, lebhafter und oft packender Darstellung, die namentlich in den Anfangskapiteln sehr an ZOLA erinnert. Mit ZOLA hat Herr MACKAY auch eine große Vorliebe für das Grausige und die krassen Effekte gemein. Wir sehen nur Schattenbilder aus dem Arbeiterleben, überall tiefstes Elend und niederdrückende Verkommenheit. Insofern hat der Verfasser sich allerdings kein geeigneteres Terraion auswählen können als London, und obendrein das London der Geschäftsstockung von 1887. Aber so vortrefflich dieser Schauplatz geeignet ist, die scheußlichen Auswüchse der bürgerlich-kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu vergegenwärtigen, und ein so dankbarer Hintergrund er daher auch dem Schilderer des Elends und des Verbrechens ist, so bietet er doch immerhin nur  ein  Bild und nicht  das  Bild der Lebensverhältnisse des englischen Proletariatts. Ohne eine Veranschaulichung des Elends im Eastend, in Seven Dials, in den an der Themse gelegenen Gassen des südlichen London, wäre das Bild des Proletarierlebens in England unvollständig, eine schönfärberische Karikatur Aber wer nur dieses Elend sieht, an ihm die Arbeiterfrage schildern will, bringt es auch nur zu einem Zerrbild. Und eine Gesellschaftstheorie, die sich auf den Gegensatz des Lebens in den Schmutzhöhlen von Seven Dials und des Treibens in den feinen Restaurants am Strand, auf den Kontrast zwischen Eastend und City von London stützt, kann ebenfalls nur ein Zerrbild sein. In der City strömt der Reichtum "von vier Welten" zusammen, im Eastend treffen sich die Ausgestoßenen aus aller Herren Länder. In Seven Dials wohnt die Hefe, am Strand tummelt sich der Schaum der Bevölkerung Londons. Schaum und Hefe, Millionäre und Paupers sind die Gegenpole der Gesellschaft, aber nicht die Elemente, die ihren Körper ausmachen. Dem Romanschriftsteller mag es erlaubt sein, nur eine Seite des gesellschaftlichen Lebens zum Vorwurf zu wählen, wer eine soziale Theorie begründen will, muß alle Seiten desselben berücksichtigen.

Es soll mit dem Vorstehenden nicht gesagt sein, daß MACKAYs Theorie oder die Theorie, der MACKAY Ausdruck gibt, nur diese eine Seite des sozialen Bildes anerkennt, aber wir bekommen nur dies eine Seite bei ihm zu sehen.

Neben AUBAN als Staffage, ihne beinahe bis zum Schluß begleitend, steht der Arbeiter OTTO TRUPP. Eine brave, aufopfernde Seele, intelligent, aber doch etwas schwach in der Logik. Während jener den konsequenten individualistischen Anarchismus vertritt, schwört dieser auf den Feuer- und Wasser-Anarchismus, das heißt den kommunistischen Anarchismus der Richtung Autonomie. AUBAN ist der Realist, TRUPP der Idealist des Anarchismus. SANCHO PANSA und DON QUICHOTTE in umgekehrter Klassenstellung. Während SANCHO PANSA-AUBAN sich eine behagliche Existenz erringt und seinen Prinzipalen, sobald er merkt, daß sie ohne ihn kein großes Werk fertigstellen können, nach allen Regeln der Kunst die Schraube auf die Brust setzt - wie viele geistige Arbeiter kommen heutzutage in diese Lage? - darbt DON QUICHOTTE-TRUPP, trotzdem er ebenfalls in seinem Fach sehr tüchtig ist, mit den Ausgestoßenen des Eastend. In anderen Punkten macht sich der Gegensatz so: Da er ein schlechter Logiker ist, walkt DON QUICHOTTE-TRUPP einen entlarvten Spitzel in einer Weise durch, daß demselben Hören und Sehen vergeht, SANCHO PANSA-AUBAN aber findet, als von einem solchen Spitzel die Rede ist, die sehr tiefsinnige Bemerkung am Platze: "Er war vielleicht nur unglücklich." Allerdings ist AUBAN ein entschiedener Gegner aller Taktik, die Spitzeln Gelegenheit zur Ausübung ihres Handwerks gibt. Was er an ihre Stelle setzen will, werden wir später sehen.

Einige Grade unter Trupp an Intelligenz und Logik steht ein anarchistischer Kommunist der "Freiheit"-Richtung.

Die Sozialdemokratie ist durch keine in die prinzipiellen Unterhaltungen eingreifende Persönlichkeit vertreten.

In dem schon erwähnten Protestmeeting werden, für jeden Besucher von Londoner Versammlungen leicht erkennbar, einige bekanntere Vertreter des Anarchismus und des Sozialismus in London geschildert. Ebenso am Schluß ein ehemals vielgefeierter und gefürchteter Anarchist, der aber jetzt, des Verrats an einem Genossen bezichtigt, ein gebrochener Mann ist. Einige Besucher AUBANs, der eine Zeit lang Sonntagnachmittag in seiner Wohnung freie Diskussionen veranstaltet, schattieren die Varietäten der drei anarchistischen Grundtypen.

Die Hauptdebatte spielt jedoch zwischen AUBAN und TRUPP und spitzt sich immer wieder auf den Gegensatz von "individualistischem" und "kommunistischem" Anarchismus zu, bis zum Schluß die bisherigen Freunde in der Erkenntnis auseinandergehen, daß ihre Überzeugungen sie durchaus verschiedene Wege führen. TRUPP taucht unter in der Masse und AUBAN bleibt allein - einsam, aber des Sieges seiner Idee sicher. Wenn erst der Sozialismus, die "letzte Universal-Dummheit der Menschheit", überwunden sein wird, dann wird die Zeit der Erlösung gekommen sein. Der Egoismus wird den Menschen die volle Freiheit und damit erst das Reich des Glücks bringen. Und "auf seinen hageren, herben Zügen" ein "ruhiges, großes, sicheres Lächeln," "das Lächeln der Unbesiegbarkeit", geht AUBAN seiner Arbeit nach.

Von der artistischen Seite her betrachtet, verrät auch "Die Anarchisten" Herrn MACKAY als den formgewandten Schriftsteller, als der er sich in seinen früheren Schriften gezeigt hat. Herr MACKAY weiß packend zu schildern, und oft Dargestelltem manche neue Seite abzugewinnen. Sein Stil dagegen, obwohl meist flüssig und schwungvoll, ist recht manierirt. Eine unwiderstehlich Vorliebe für große Worte macht sich in störender Weise bemerkbar, und nicht minder störend die Sucht, abgerissene Sätze in sententiöser Weise hervorzuheben. Herr MACKAY versteht sich auf die Effekte, aber er hascht viel zu sehr nach ihnen, um schließlich denjenigen Effekt zu erzielen, der allein des Erstrebens wert ist. Wie gewisse Schauspieler und Redner durch Kunstpausen der Gallerie zeigen, wann sie zu applaudieren hat, so weist sein Buch unzählige Kunstpausen auf, durch die der Leser in ähnlicher Weise bearbeitet wird. Aber die so erzielten Effekte wiegen den redlichen Gewinn nicht auf, den "Verstand und offener Sinn" erzielen, auch wenn sie mit weniger Kunst vorgetragen werden.

Die Effekthascherei unseres Kulturmalers beschränkt sich jedoch nicht auf bloße Stilkünste. Rhetorische Übertreibungen aller Art müssen zur Herbeiführung der erstrebten Wirkungen herhalten. Von der Behandlung der Arbeitslosenfrage durch die Londoner Tageszeitungen heißt es: "Darin aber waren sie alle einige, daß es eine Schmach sei für "ein geordnetes Gemeinwesen", daß sich dieses verkommene Gesindel untersteht, sein Elend auch noch öffentlich zu zeigen" (Seite 72). Das ist einfach nicht wahr. Selbst die eigentlichen Bourgeoisie-Zeitungen nahmen einen so bornierten Standpunkt nicht ein. Herr MACKAY scheint seine Kulturstudien in dieser Hinsicht auf Blätter wie die "St. James Gazette" beschränkt zu haben. Ein andermal heißt es von den Arbeitslosen: "Und sie, sie wurden als eine Schmach der Zeit bezeichnet, sie, welche nur die Opfer der Schmach ihrer Zeit waren." Wiederum, so borniert hat sich kein Mensch in England ausgedrückt, wie hier substituiert wird. - AUBAN, so wird erzählt, war wegen Widerstandes gegen einen Polizisten und nachdem er vor Gericht statt der Verteidigung eine anarchistische revolutionäre Propagandarede gehalten hatte, nur zu einer anderthalbjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. "Heute," heißt es weiter, "wissen die Gerichtshöfe der zivilisierten Länger, wenn sie diese Sprache vernehmen, daß sie einen "Feind jeder Ordnung" vor sich haben, und lassen ihn nicht mehr los" (Seite 129). Nun, soweit wir es in der Klassenjustiz auch schon gebracht haben, bis zu dieser Höhe ist es zum Glück dann doch noch nicht gekommen. Einem Klubredner läßt man solche Hyperbeln hingehen, obwohl auch auf der Tribüne nur die Impotenz zu ihnen ihre Zuflucht nimmt, der Schriftsteller, der Kultur malen will, macht sich durch sie nur lächerlich. Auf Seite 295 erzählt AUBAN: "Ich würde nicht einen Augenblick zaudern, dem Einbrecher, welcher mit der Absicht, mich zu berauben und zu ermorden, in mein Haus dringt, eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Und ich glaube, daß sich derselbe dreimal besinnen würde, den Einbruch zu wagen, wenn er sicher wäre, so empfangen zu werden, als wenn er, wie heute, weiß, daß mit blödsinnige Gesetze die Verteidigung meines Lebens und Eigentums erschweren, und ihm im schlimmsten Fall nur die und die Strafe erwächst." AUBAN weiß zwar vortrefflich über die Gesetze zu schwadronieren, aber mit seiner Kenntnis derselben steht es bedenklich schwach. Um nur  eines  herauszugreifen, so sagt das deutsche Reichs-Strafgesetzbuch: "Eine strafbare Handlung ist nicht vorhanden, wenn die Handlung durch Notwehr geboten war," und definiert die Notwehr wie folgt: "Notwehr ist diejenige Verteidigung, welche erforderlich ist, um einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff von sich oder einem Anderen abzuwehren." Und selbst "die Überschreitung der Notwehr ist nicht strafbar, wenn der Täter in Bestürzung, Furcht oder Schrecken über die Grenzen der Selbstverteidigung hinausgegangen ist" (§ 53 des Reichs-Strafgesetzbuches). Der ideale Zustand, nach dem sich unser Held sehnt, wird ihm sogar im preußisch-deutschen Reich geboten.

Manche Stellen lesen sih, als seien sie vor dreißig oder vierzig Jahren geschrieben und nicht im heutigen England mit seiner sich immer kräftiger entfaltenden Arbeiterbewegung, mit seiner immer mehr unter den Einfluß der stimmberechtigten Arbeiter geratendenn Gesetzgebung. AUBAN beobachtet in der Umgebung vom Leicester Square eine Prügelei zwischen einer ergrauten Streichholzverkäuferin und einer Prostituierten "unter dem Beifallsgebrüll der Umstehenden." "Diese Szene - eine unter unzähligen - was war sie weiter, als ein neuer Beweis dafüf, daß die Methode, das Volk in Roheit zu erhalten, um dann vom  Mob  und seiner Verkommenheit zu sprechen, noch immer vortrefflich anschlug?" (Seite 17) Diese "Methode", so sehr sie dem Ideal des individualistischen Anarchismus "Jeder für sich" entsprach, ist mittlerweile selbst von den Tories als antiquiert aufgegeben worden. "Musikhallen und Boxereien - so füllen die paar freien Stunden der ärmeren Klassen Englands aus, an den Sonntagen Gebete und Predigten -: vortreffliche Mittel gegen "das gefährlichste Übel der Zeit" - das Erwachen des Volkes zu geistiger Selbsttätigkeit" (Seite 17). Man sollte meinen, es gäbe in England außer den paar revolutionären Klubs nur noch ein total verkommenes, physisch und moralisch verlumptes Proletariat. Nicht nur die ökonomische Situation der Arbeiter, sondern auch ihre geistige Beschaffenheit erscheint in schwärzester Beleuchtung.

Hier wird der Pessimismus geradezu unerträglich. Der dünkelhafteste Aristokrat kann nich wegwerfender von der Menge sprechen, als AUBAN und ein demselben befreundeter englischer Arzt, Dr. HURT. Als ein schwedischer Sozialist die Hoffnung ausdrückt,, daß, wenn es in der Zukunft auch wirklich weniger Genies geben soll, dafür die Fähigkeiten sich mehr verteilen, im Durchschnitt aber größer sein werden als heute, fügt AUBAN "im Geiste" hinzu: "Und tausend Esel werden klüger sein, als zehn Weise. Warum? Wei sie tausend sind". (Seite 183) Warum müssen die Tausend aber notwendigerweise Esel sein, weiser Herr AUBAN? Auf diese Frage erhalten wir im Buch eben auch keine andere Antwort als "weil sie tausend sind." Mit widerwärtiger Selbstgefälligkeit wird beim Kampf auf dem Trafalgar Square die Masse unterschiedslos als ein Haufen sinnloser Idioten geschildert, die in einem Augenblick dem Militär jubelnd zujauchzen und es im nächsten Augenblick, dem Beispiel AUBANs folgend, auspfeifen. Als AUBAN im Charing-Cross-Hospital verwundete Polizisten und Bürger, bzw. Arbeiter von denselben Wärtern verbunden werden sieht, entringt sich seinem Geist die tiefsinnige Betrachtung: "Erst hauen sie sich die Köpfe blutig, dann lassen sie sich von derselben Hand flicken - ein harmloses Vergnügen. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich." Daß solche Schlägereien des  Packs  für die politische Freiheit des englischen Volkes sich oft sehr nützlich erwiesen, kümmert ihn in seiner Erhabenheit nicht. Dr. HURT, der konsequente Materialist, versichert uns, "die Zeit ist nicht mehr fern, wo es für jeden stolzen, freien und unabhängigen Geist eine Unmöglichkeit sein wird, sich noch Sozialist zu nennen, da man ihn sonst auf eine Linie stellen könnte mit jenen elenden Kriechern und Erfolgsanbetern, die jetzt schon vor jedem Arbeiter auf den Knien liegen und ihm den Schmutz von den Fingern lecken, nur weil er ein Arbeiter ist" (Seite 262). Und um nicht mit jenen "elenden Kriechern" verwechselt zu werden, wird Dr. HURT von jetzt an nur noch seinen "stolzen, freien und unabhängigen" Nabel bewundern. AUBAN aber, nicht minder in seinen Nabel verliebt, denkt bereits an die Zeit, wo es gelten wird, "den anderen Tyrannen zu bekämpfen, den blinderen:  das souveräne Volk."  Das würde "die graue Zeit sein, die Zeit der Gewöhnlichkeit, der Nivellierung in der Zwangsjacke der Gleichheit, die Zeit der gegenseitigen Kontrolle, des kleinen Haders anstelle der großen Kämpfe, der ununterbrochenen Widerwärtigkeiten ..." Dann würde "der vierte Stand der dritte geworden sein, der Stand der Arbeiter zum Stand der Bourgeois sich erhöht haben, und das Kennzeichen dieser würden dann jene tragen: die Gewöhnlichkeit der Ideen, die pharisäische Zufriedenheit der Unfehlbarkeit, die satte Tugend!" Und dann "würden die echten Empörer, die großen und starken, in Scharen wieder erstehen, die Kämpfer und das eigene, in jeder Bewegung bedrohte Ich ..." (Seite 191)

Es sind recht alte Bekannte, die uns der Scharfsinnigste aller Anarchisten da vorführt, recht - wenns erlaubt ist -  gewöhnliche  Ideen. Zu hunderten von Malen haben wir sie ableiern hören, von Reaktionären aller Art, und zuletzt erst von dem großen, unübertrefflichen Anwalt des Nichts-als-Freihandels-Liberalismus, Herrn EUGEN RICHTER. Es sind die alten Redensarten, mit denen der unwissendste aller Dutzendliteraten den Sozialismus totzuschlagen meint, ohne sich die Mühe zu machen zu brauchen, ihn zu studieren. Es sind dieselben Redensarten, mit denen die Anwälte des Privilegiums von jeher jeder großen Gesellschaftsreform sich in den Weg stemmten. So blickten die Verteidiger des alten Regime im vorigen Jahrhundert nur mit Grauen auf die Zeit, wo die "Rotüriere" [Bürgerlichen - wp] zur Herrschaft kommen könnten, weil dieselben den Tod der schönen Ideen bedeuten würden, mit denen die Aristokratie sich ihre Langeweile vertrieb. Ist aber unsere Zeit  deshalb  ideenärmer, weil die Vorrechte der Geburt gefallen sind, weil die "Nivellierung in der Zwangsjacke der Gleichheit" wenigstens in politischer Hinsicht immer mehr Tatsache wird, weil der Unterricht aufhört Monopol der Besitzenden zu sein? Kein vernünftiger Mensch wird dies behaupten wollen. Was heute die volle Entfaltung der Ideen lähmt, ist der wirtschaftliche Druck, der den  Erwerb  zum ersten Gebot der Selbsterhaltung macht, aber keineswegs die politische "Nivellierung", die Verallgemeinerung der Bildung. Oder besteht die "Gewöhnlichkeit" der Ideen gerade darin, daß sie heute von einem größeren Kreis begriffen werden, mehr Allgemeingut sind? Dies bejammern, heißt sich in die Zeiten zurücksehnen, wo ein Mensch mit dem Wissen, das heute jede bessere Volksschule bietet, schon als ein halber Gelehrter galt, heißt die Blindheit der Masse erhalten wünschen, damit die Einäugigen fortfahren können, König zu sein oder sich in dem erhebenden Bewußtsein zu sonnen, daß sie "die Großen und Starken" sind. Hinter all dem Geschwätz vom notwendigerweise eintretenden Tod der Ideen, sobald das Gespenst der Not nicht mehr als Peitsche für die Massen fungiert, das heißt sobald die Klassenunterschiede gefallen sind, der Kampf ums Dasein von Mensch gegen Mensch aufgehört hat, steckt, wo es nicht Ausfluß einseitiger Ideologie ist, im Grunde nichts als eine große, große Portion Hochmut. Aber selbst dieser Hochmut ist vielleicht noch Bescheidenheit gegenüber dem geistigen Stutzertum, das, in das Gewand des Revolutionärs drapiert, für die revolutionäre Bewegung der Gegenwart nur das kühle Lächeln der Überlegenheit hat, weil sie nicht gekämpft wird unter dem Banner des Fürwortes der ersten Person in der Einzahl: Ich!

Ich sagte, das kühle Lächeln, ich hätte es "das große" nennen müssen. Es ist ja alles groß, was bei diesen Ich-Revolutionären vor sich geht. Schon das Vorwort des MACKAY'schen Buches macht uns das klar. Man schaudert beinahe zurück vor der Größe, die sich da ankündigt. Wir haben es mit lauter Titanen zu tun. PROUDHON beginnt die Reihe, wir hören vom "titanischen Werk seines Lebens." Dann kommt MAX STIRNER, der Verfasser des "unsterblichen" Werkes "Der Einzige und sein Eigentum." Ein neuer Titan ist Herr BENJAMIN TUCKER aus Boston, der seit sieben Jahren mit der "unbesieglichen" Waffe seiner "Liberty", deren funkelndes Licht die Nächte zu erhellen beginnt", für Anarchie in der neuen Welt kämpft. Und schließlich ist "in diesen Tagen der wachsenden Reaktion, welche im Sieg des Staatssozialismus ihren Höhepunkt erreichen wird," für Herrn MACKAY die Forderung unabweisbar geworden, "hier auch der erste Verfechter der anarchistischen Idee zu sein." Freilich werden "die Meisten ... dieses Werk zerfetzen, ohne es verstanden zu haben." Aber "mich werden ihre Stöße nicht treffen." Wie sollten sie auch!

Das Vorwort scheint nicht umsonst aus Rom datiert zu sein.

Da aber auf keinem Gebiet des sozialen Lebens heute "eine heillosere Verworrenheit, eine naivere Oberflächlichkeit, eine gefahrdrohendere Unkenntnis herrscht, als auf dem des Anarchisms", so wollen wir trotzdem das Wagestück versuchen, den theoretischen Inhalt dieses unfehlbaren Werkes zu analysieren, in dem das Dresdener "Volkswohl" - wie der Buchhändlerzettel und mitteilt - "viele vorzügliche Ausführungen" entdeckt hat, die "als gute Waffen gegen die Sozialdemokratie brauchbar sind," und das Freund TUCKER in Boston zu dem Ausspruch begeistert hat:
    "Was er (der Verfasser) geschaffen, ist ein Edelstein,
    Drin blitzen Strahlen für die Ewigkeit."

II. Max Stirner und "Der Einzige"

"Das neunzehnte Jahrhundert hat die Idee der Anarchie geboren. In seinen vierziger Jahren wurde der Grenzstein zwischen der alten Welt der Knechtschaft und der neuen der Freiheit gesetzt. Denn es war in diesem Jahrzehnt, daß PIERRE-JOSEPH PROUDHON die titanische Arbeit seines Lebens mit "Qu'est-ce que la proriété?" [Was ist das Eigentum? - wp] begann und MAX STIRNER sein unsterbliches Werk: "Der Einzige und sein Eigentum" (1845) schrieb." So Herr MACKAY im Vorwort. Er folgt hier Herrn GEORG ADLER, der im "Handwörterbuch der Staatswissenschaften" PROUDHON einerseits und STIRNER und einige radikale deutsche Junghegelianer andererseits als die ersten Theoretiker des Anarchismus bezeichnet. Ist aber selbst das nur bedingt richtig, so ist es direkt falsch, die "Idee der Anarchie" für ein Erzeugnis des neunzehnten Jahrhunderts auszugeben. Die Idee der Anarchie als eines Gesellschaftszustandes ohne jeglichen, von Menschen ausgehenden Zwang, ohne Herrscher und ohne bindende äußere Verpflichtungen, läßt sich bis in die frühesten Anfänge der Literatur der Kulturvölker zurückverfolgen. Im Altertum, im Mittelalter und in der neueren Zeit ist sie von Dichtern und Philosophen, von religiösen und Schwärmern und von gelehrten Politikern in der einen oder anderen Form als Gesellschaftsideal hingestellt worden. Sie ist so alt wie die Idee des Kommunismus überhaupt. Fast allen Verfassern kommunistischer Gesellschaftstheorien schwebte als letztes Ziel die allen Zwangs ledige freie Gesellschaft vor. Wo der Zwang zugelassen oder gebilligt wird, gilt dies gewöhnlich nur für die Epoche des Übergangs, als Mittel der Erziehung, der Vorbereitung.

Aber selbst wenn man von diesen kommunistischen Idealgesellschaften ihres utopistischen Charakters wegen absieht, ist es noch falsch, die Idee der Anarchie auf PROUDHON oder STIRNER zurückzuführen. Die so umfangreiche staatsphilosophische Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts, die an HOBBES' Schrift "De cive, libertate etc." polemisierend und deduzierend anknüpft, ist voll von Abhandlungen, welche den vom Staat oder im Namen des Staates ausgeübten Zwang als von Übel hinstellen, während ein Gesellschaftszustand, wo jeder nach eigenem Ermessen handelt, als der allein "natürliche" und darum erstrebenswerte bezeichnet wird. Und selbst diese Staats- oder Gesellschaftsphilosophie war nicht neu, sie war zum großen Teil nur Wiederholung von Auslassungen griechischer und römischer Schriftsteller aus gewissen Epochen der beiden Kulturländer des Altertums.

Was dem 19. Jahrhundert eigentümlich ist, sind nur die speziellen Anwendungen der Idee - die Form, die sie bei STIRNER, PROUDHON und anderen annimmt.

Unleugbar ist STIRNER, um uns zunächst mit diesem originellen Schriftsteller zu beschäftigen, von allen Anarchisten der konsequenteste. Ohne den Namen eines solchen zu akzeptieren, hat er die Sache, den Gedanken der Herrschaftslosigkeit, bis in ihre letzten Folgerungen entwickelt. Nicht nur den Staat, auch die Gesellschaft, die Menschheit, jegliche den Einzelnen binden sollende Idee verwirft er; denn in dem Augenblick, wo der Mensch irgendeine Sache oder Idee, z. B. die Freiheit, die Wahrheit über sich, über seine eigene Persönlichkeit stellt, ist er abhängig, ist er nicht sein "Eigener". Nicht die Freiheit, sondern die  Eigenheit  ist zu erstreben. "Eigenheit, das ist mein ganzes Wesen und Dasein, das bin Ich (2) selbst. Frei bin Ich von dem, was Ich  los  bin, Eigner von dem, was Ich in meiner  Macht  habe, oder dessen Ich  mächtig  bin." STIRNER macht sich über die absolute Freiheit, von der die heutigen Anarchisten so viel Wesens machen, wo er von ihr spricht, lustig, sie ist ihm "ein Ideal, ein Spuk." "Was habt Ihr denn," ruft er aus, "wenn Ihr die Freiheit habt, nämlich ... die vollkommene Freiheit? Dann seid Ihr alles, alles los, was Euch geniert, und es gäbe wohl nichts, was Euch nicht einmal im Leben genierte und unbequem fiele. Und weswegen wolltet Ihr's denn los sein? Doch wohl um  Euretwillen,  darum, weil es  Euch  im Weg ist! Wäre Euch aber etwas nicht unbequem, sondern im Gegenteil ganz recht, z. B. der, wenn auch sanft doch  unwiderstehlich gebietende  Blick Eurer Geliebten - da würdet Ihr ihn nicht los und davon frei sein wollen. Warum nicht? Wieder  um Euretwillen!  ... Warum wollt Ihr nun den Mut nicht fassen, Euch wirklich ganz und gar zum Mittelpunkt und zur Hauptsache zu machen? Warum nach der Freiheit schnappen, Eurem Traum? Seid Ihr Euch Traum?"

Und an einer anderen Stelle:
    "Soll's einmal doch  die Freiheit  gelten mit Eurem Streben, nun so erschöpft ihre Forderungen. Wer soll denn frei werden? Du, Ich, Wir. Wovon frei? Von allem, was nicht Du, nicht Ich, nicht Wir ist. Ich also bin der Kern, der aus allen Verhüllungen erlöst, von allen beengenden Schalen - befreit werden soll. Was bleibt übrig, wenn Ich von allem, was Ich nicht bin, befreit wurde? Nur Ich und nichts als Ich. Diesem Ich selber aber hat die Freiheit nichts zu bieten . . . Warum nun, wenn die Freiheit doch dem Ich zuliebe erstrebt wird, warum nun nicht das Ich selber zu Anfang, Mitte und Ende wählen? Bin Ich nicht mehr wert als die Freiheit? Bin Ich es nicht, der Ich Mich frei mache, bin Ich nicht der Erste? ... Bedenkt das wohl und entscheidet Euch, ob Ihr auf Eure Fahne den Traum der "Freiheit" oder den Entschluß des "Egoismus", der "Eigenheit" stecken wollt. ... Die "Freiheit" ist und bleibt eine  Sehnsucht,  ein romantischer Klagelaut, eine christliche Hoffnung auf Jenseitigkeit und Zukunft; die "Eigenheit" ist eine Wirklichkeit, die  von selbst  gerade so viel Unfreiheit beseitigt, als Euch hinderlich den eigenen Weg versperrt. Von dem, was Euch nicht stört, werdet Ihr Euch nicht lossagen wollen, und wenn es Euch zu stören anfängt, nun so wißt Ihr, daß "Ihr Euch mehr gehorchen müßt, denn den Menschen." ... Der  Eigene  ist der  geborene Freie,  der Freie von Haus aus; der Freie dagegen nur der  Freiheitsflüchtige,  der Träumer, der Schwärmer." (Stirner, Der Einzige und sein Eigentum, 1. Auflage, Seite 207f)
All das ist sehr folgerichtig gedacht, und nicht minder ist es die weitere Untersuchung, wie nun dieser "Eigene" oder "Eigner" ausschaut, daß er nicht der FEUERBACH'sche objektive oder abstrahierte "Mensch" sei, sondern der subjektive Mensch, die einzelne Persönlichkeit, die sich im Ich verkörpert - wohlgemerkt, nicht im FICHTE'schen absoluten, sondern im vergänglihen, endlichen Ich.  Der  Mensch, d. h. der Mensch im objektiven Sinne, als Bezeichnung für die Gattung Mensch, ist nach STIRNER nur ein anderes höchstes Wesen, "der letzte böse  Geist  oder Spuk, der täuschendste oder vertrauteste, der schlaueste Lügner mit ehrlicher Miene, der Vater der Lüge," der von den Atheisten gepredigte Menschheitskultus "nur eine veränderte Gestalt der Gottesfurcht." "Ob ... etwas um Gottes oder um des Menschen (der Humanität) willen heilig gehalten werde, das ändert die Gottesfurcht nicht, da der Mensch so gut als "höchstes Wesen" verehrt wird, als auf dem speziell religösen Standpunkt der Gott als "höchstes Wesen unsere Furcht und Ehrfurcht verlangt, und beide Uns imponieren." (Seite 242)

Es ist nicht zuviel von STIRNERs Buch gesagt, weder im gutenn noch im schlechten Sinne, wenn man es als das Hohelied des Egoismus bezeichnet. Nicht nur der Staat, die Gesellschaft - es wird alles negiert, was sich dem Repräsentanten des Ich, dem Eigner, gegenüberstellt. STIRNER verhöhnt die Liberalen, die Radikalen, die Kommunisten, er verspottet PROUDHON und er würde auch die heutigen Anarchisten verspottet haben, wenn er ihre Schriften gekannt hätte. Wenn PROUDHON in der "Création de l'ordre dans l'humanité" Seite 414 ausruft: "In der Industrie wie in der Wissenschaft ist die Veröffentlichung einer Erfindung die erste und heiligste der Pflichten," so hat STIRNER dafür nur die kühle Bemerkung: "der schöne Traum von einer "Sozialpflicht" wird noch fortgeträumt." Die Gesellschaft sei aber gar kein Ich, das geben, verleihen oder gewähren könne, sondern "ein Instrument oder Mittel, aus dem Wir Nutzen ziehen mögen," da "Wir keine gesellschaftlichen Pflichten, sondern lediglich Interessen haben, zu deren Verfolgung Uns die Gesellschaft dienen muß." (Seite 163) "PROUDHON (auch WEITLING)", heißt es ein andermal, "glaubt das Schlimmste vom Eigentum auszusagen, wenn er es einen Diebstahl (vol) nennt. Ganz abgesehen von der verfänglichen Frage, was gegen den Diebstahl gegründetes einzuwenden wäre, fragen wir nur: Ist der Begriff "Diebstahl" überhaupt anders möglich, als indem man den Begriff "Eigentum" gelten läßt. (Seite 332) Nach STIRNER aber ist das fremde Eigentum (3) - und von diesem allein spricht PROUDHON - "nicht minder durch Entsagung, Abtretung und Demut vorhanden, es ist ein  Geschenk."  Warum daher "so sentimental wie ein armer Beraubter das Mitleid anrufen, wenn man doch nur ein törichter, feiger Geschenkgeber ist. Warum auch hier wieder die Schuld anderen zuschieben, als beraubten sie Uns, da Wir doch selbst die Schuld tragen, indem Wir die Andern unberaubt lassen. Die Armen sind daran schuld, daß es Reiche gibt." (Seite 420) Mit Bezug auf PROUDHONs Unterscheidung zwischen Eigentümer und Inhaber oder Nutznießer heißt es u. a.: "PROUDHON konnte sein weitläufiges Pathos sparen, wenn er sagte: Es gibt einige Dinge, die nur Wenigen gehören, und auf die Wir übrigen von nun an Anspruch oder - Jagd machen wollen. Laßt sie Uns nehmen, weil man durchs Nehmen zum Eigentum kommt, und das für jetzt noch uns entzogene Eigentum auch nur durchs Nehmen an die Eigentümer gekommen ist. Es wird sich besser nutzen lassen, wenn es in  Unser aller  Händen ist, als wenn die Wenigen darüber verfügen. Assoziieren Wir Uns daher zum Zweck dieses Raubes (vol). - Dafür schwindelt er uns vor, die Sozietät sei die ursprüngliche Besitzerin und die einzige Eigentümerin von unverjährbarem Recht; an ihr sei der sogenannte Eigentümer zum Dieb geworden (La propriété c'est le vol); wenn sie nun dem einstmaligen Eigentümer sein Eigentum entzieht, so raubt sie ihm nichts, da sie nur ihr unverjährbares Recht geltend macht. - So weit kommt man mit dem Spuk der Sozietät als einer  moralischen Person.  Im Gegenteil gehört dem Menschen, was er erlangen kann:  Mir  gehört die Welt. Sagt Ihr etwas anderes mit dem entgegengesetzten Satz:  "Allen  gehört die Welt?" Alle sind Ich und wieder Ich usw. Aber Ihr macht aus den "Allen" einen Spuk, und macht ihn heilig, so daß dann die "Alle" zum fürchterlichen  Herrn  des Einzelnen werden. Auf ihre Seite stellt sich dann das Gespenst des Rechtes!" (Seite 331) Jede Gesamtheit, die über dem Einzelnen steht, wird verworfen. Wohl mögen die Einzelnen sich vereinigen, einen Verein oder eine Assoziation bilden, aber nichts bindet den Einzelnen an diese als sein  Interesse.  Sobald Letzteres nicht mehr im Verein seine Rechnung findet, verläßt ihn der Eigner, "die Partei bleibt für ihn allezeit nichts als eine  Partie:  er ist von der Partie, er nimmt  Teil."  (Seite 314) STIRNER ist aber auch hier logischer als die Anarchisten unserer Tage. Wenn er es für lächerlich erklärt, daß man die Überläuferei mit "dem Makel der  Untreue  befleckt", so hält es es für nicht minder lächerlich, auf politische oder sonstige Genossenschaften, Parteien, Vereine etc. zu schimpfen, wenn sie Mitglieder ausstoßen, die gegen ihre Interessen verstoßen. Die Anarchisten glauben, wer weiß was zu sagen, wenn sie solche Ausstoßungen mit den Exkommunikationen der katholischen Kirche vergleichen. STIRNER bezeichnet die Anklagen der Protestanten gegen die Exkommunikationen der Ketzer als eine - allerdings oft selbstgeglaubte - "Ausflucht, um die Schuld von sich abzuwälzen, nichts weiter." (Seite 291)

"Daß eine Gesellschaft, z. B. die Staatsgesellschaft, Mir die  Freiheit  schmälere, das empört Mich wenig," schreibt er. "Muß Ich Mir doch von allerlei Mächten und von jedem Stärkeren, ja von jedem Nebenmenschen die Freiheit beschränken lassen, und wäre Ich der Selbstherrscher aller Reußen, Ich genösse doch der absoluten Freiheit nicht. Aber die  Eigenheit,  die will Ich Mir nicht entziehen lassen. ... Zwar nimmt eine jede Gesellschaft, zu der Ich Mich halte, Mir manche Freiheit; dafür gewährt sie Mir aber andere Freiheiten; auch hat es nichts zu sagen, wenn Ich selbst Mich um diese und jene Freiheit bringe (z. B. durch jeden Kontrakt). Dagegen will Ich eifersüchtig auf Meine Eigenheit halten. Jede Gemeinschaft hat, je nach ihrer Machtfülle, den stärkeren oder schwächeren Zug, ihren Gliedern eine  Autorität  zu werden und  Schranken  zu setzen." Daran ist aber, nach STIRNER, ansich noch nichts Bedenkliches. "Beschränkung der Freiheit ist überall unabwendbar, denn man kann nicht  alles  loswerden. ... Wie die Religion und am entschiedensten das Christentum den Menschen mit der Forderung quälte, das Unnatürliche und Widersinnige zu realisieren, so ist es nur als die echte Konsequenz jener religiösen Überspanntheit und Überschwänglichkeit anzusehen, daß endlich die  Freiheit selbst,  die  absolute Freiheit  zum Ideal erhoben wurde, und so der Unsinn des Unmöglichen grell zutage kommen muußte." (Seite 410)

Die absolute Freiheit "religiöse Überspanntheit" und "der Unsinn des Unmöglichen" - die Schlagworte des heutigen Anarchismus, kommen bei STIRNER fast noch schlechter weg, als die Schlagworte der Liberalen, Radikalen und Kommunisten seiner Zeit. Der konsequenteste Anarchist ist zugleich der unerbittliche Kritiker der anarchistischen Phrase.

So spottet er z. B. auch über diejenigen, die da glauben, eine Großtat zu tun, wenn sie grundsätzlich allen Rücksichten den Krieg erklären. "Wilde Burschen", sagt er, "renommierende Studenten, die all Rücksichten aus den Augen setzen, sind  eigentlich  Philister, da bei ihnen wie bei diesen die Rücksichten den Inhalt ihres Treibens bilden, nur daß sie als Bramarbasse sich gegen die Rücksichten auflehnen und negativ verhalten, als Philister später sich ihnen ergeben und positiv dazu verhalten." (Seite 145) Die Richtigkeit dieses Satzes können wir noch heute jeden Tag beobachten.

Der "Eigene" im Sinne STIRNERs erkennt nichts über sich an, weder eine Idee noch eine Sache. "Mir geht nichts über Mich." (Einleitung) Er ist sich selbst "einzig". Nichts, als das Interesse, das aber jeden Augenblick wechseln kann, bindet ihn an seine Nebenmenschen, heute an diese, morgen an jene. Es gibt keine Pflicht, die ihm durch seine Existenz seiner Umgebung gegenüber gesetzt wäre. Er hat auch keine Pflichten gegen sich selbst, außer solchen, die er sich selbst setzt. Wie er ist, so soll er sein, und wie er werden kann, so wird er sein, ob man ihm auch noch so viel von seinem menschlichen etc.  Beruf  vorerzähle. "Nicht als Mensch und nicht den Menschen entwickle Ich, sondern als Ich entwickle Ich -  Mich."  (Seite 484)

Die Kritik dieser mit großem Scharfsinn durchgeführten Theorie ist in dem Satz gegeben, mit dem STIRNER sein Werk schließt:
    "Eigner  bin Ich meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich Mich als  Einzigen  weiß. Im  Einzigen  kehrt selbst der Eigner in sein schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er geboren wird. Jedes höhere Wesen über Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl meiner Einzigkeit und verbleicht erst vor der Sonne dieses Bewußtseins. Stell' Ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem Vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen:

    "Ich hab' mein' Sach' auf Nichts gestellt."
Das stimmt, denn Sache und Eigner stehen in der Luft. Dieser Eigner, der "im Einzigen" in sein "schöpferisches Nichts" zurückkehrt, ist eine bloße Abstraktion, so gut oder mehr noch als der FEUERBACH'sche "Mensch", über den STIRNER seine oft sehr zutreffenden Glossen macht. Ist jener die bloße Abstraktion der "Gattung", so ist sein "Einziger" die Abstraktion einer Spezies, aber herausgerissen aus allen Verhältnissen, unter denen diese Spezies existiert. Wo in aller Welt gibt es heute einen "Einzigen", außer im - Irrenhaus? Nur in seiner Einbildung kann der Mensch des 19. Jahrhunderts "einzig" sein, in Wirklichkeit ist er so wenig absolut einzig, als er absolut frei ist oder sein kann. Das Streben nach "Einzigkeit" ist ebenfalls nur "religiöse Überspanntheit und Überschwänglichkeit," das "einzige Ich" ist nicht rationeller, als die "absolute Freiheit", die "absolute Gleichheit", der absolute Mensch oder welche absolute Idee auch immer - es ist auch nur "ein Traum, ein Spuk."

STIRNER glaubt, auf sicherstem, realistischem Boden zu stehen, wenn er von keinem philosophischen, sondern von seinem eigenen persönlichen Ich ausgeht. Aber indem er die Verhältnisse, unter denen dieses Ich lebt und geworden ist, seine Geschichte und die Umstände seiner Existenz, ganz unerörtert läßt, entfernt er sich notgedrungen immer wieder von der Wirklichkeit und spintisiert, statt zu untersuchen. Die außer seinem Kopf existierende Welt wird nur des Exempels halber vorgeführt. Das geschieht aber auch bei den von ihm angegriffenen philosophischen Idealisten, er unterscheidet sich nur graduell, nicht prinzipiell von ihnen, er wird die metaphysische Denkweise nicht los, und so bleibt seine ganze Untersuchung, wie FRIEDRICH ENGELS es nennt, ein Kuriosum - sie endet in einer Sackgasse. Es ist immer wieder die HEGEL'sche absolute "Idee", nur daß sie sich hier "Ich, der Einzige" nennt. Auch dieser Einzige steht auf dem Kopf - dem Kopf MAX STIRNERs. Er ist, wie gesagt, "ein Spuk".

Soweit der STIRNER'sche Egoist Hand und Fuß hat, ist er nur der ideologische Abklatsch des Angehörigen der auf der Konkurrenz beruhenden bürgerlichen Gesellschaft. Dieser ist eben auch ein "Einziger", der sein "Eigentum" geltend zu machen hat, will er es zu Etwas in derselben bringen. Aber wehe ihm, wenn dieses Eigentum nur in seiner metaphysischen "Eigenheit" besteht, er kann dabei elend verhungern, wie es dem armen Schullehrer KASPAR SCHMIDT, alias MAX STIRNER, nur zu buchstäblich ergangen ist. Die bürgerliche Gesellschaft verweist jeden auf sein "Ich", auf seinen "natürlichen Egoismus". Sie sagt ihm: Guter Freund, sieh zu, wie Du durchkommst. Kämpfe, wehre Dich, suche Dich breit zu machen - je mehr Du es tust, je mehr Du  Dir  dienst, umso besser. Ich verlange zwar von Dir, daß Du dabei gewisse Regeln einhältst, aber selbst das ist nicht so arg gemeint. Du mußt Dich nur nicht abfassen lassen. Ich kann Dir zwar keine absolute Freiheit gewähren, aber Deine "Eigenheit" magst Du nach allen Richtungen hin entfalten, Egoist sein, so viel Du willst.

Der Egoismus, weit entfernt, ein Laster zu sein, ist in der bürgerlichen Gesellschaft die höchste Tugend. Je nach ihrem Standpunkt mehr oder minder klausuliert, haben dies alle Philosophen des Bürgertums ausgesprochen; es sei nur an BENTHAM und seine Schule in England, an die Materialisten des vorigen Jahrhunderts in Frankreich und ihre Vorläufer in anderen Ländern erinnert.

STIRNER spitzt den Gedanken nur aufs Äußerste zu; wäre das Wort nicht so oft mißbräuchlich angewendet, so könnte man sagen, er "verhegelt ihn". Aber wie sehr er sich auch abmüht, die Idee des "Einzigen" auf die Spitze zu treiben, so muß er doch, genau wie seine Vorläufer, alle Augenblicke zu bloßen Ausreden seine Zuflucht nehmen, um sich nicht rein ins Absurde zu verlieren. Was bei diesen z. B. der "aufgeklärte Egoismus", ist bei ihm die "eigennützige Liebe", bzw. Teilnahme.

"Soll ich etwa an der Person des Anderen keine lebendige Teilnahme haben, soll  seine  Freude und  sein  Wohl Mir nicht am Herzen liegen, soll der Genuß, den Ich ihm bereite, Mir nicht über andere eigene Genüsse gehen? Im Gegenteil, unzählige Genüsse kann Ich ihm mit Freuden opfern, Unzähliges kann Ich Mir zur Erhöhung  seiner  Lust versagen, und was Mir ohne ihn das Teuerste wäre, das kann Ich für ihn in die Schanze schlagen, mein Leben, meine Wohlfahrt, meine Freiheit. Es macht ja meine Lust und mein Glück aus, Mich an seinem Glück und seiner Lust zu laben. Aber Mich,  Mich selbst  opfere Ich ihm nicht, sondern bleibe Egoist und - genieße ihn. ... Ich liebe die Menschen auch, nicht bloß einzelne, sondern jeden. Aber Ich liebe sie mit dem Bewußtsein des Egoismus. Ich liebe sie, weil die Liebe  Mich  glücklich macht, Ich liebe, weil Mmir das Lieben natürlich ist, weil Mir's gefällt." (Seite 386f)

Das scheint durchaus logisch, aber es ist doch nur Rabulistik. Es wird dem Begriff  Egoismus  oder  Eigennutz  ein anderer Sinn untergeschoben, ganz Verschiedenes unter ihn zusammengefaßt und ihm dadurch jede bestimmte Bedeutung entzogen. Keine unserer Empfindungen, sei es Liebe, Teilnahme oder Haß, schwebt in der Luft, ist rein objektiver Natur, alle sind Äußerungen des Subjekts, des Ichs. Aber sie sind darum noch nicht Egoismus, noch werden sie es bloß dadurch, daß wir uns ihres subjektiven Charakters bewußt werden. Wie die Liebe des Kindes, des Naturmenschen sich oft in egoistischer Weise äußert, ohne deshalb egoistisch zu sein - denn zum Egoismus gehört das Bewußtsein der ausschließlichen Berücksichtigung des Ich - so ist die Liebe des reflektierenden Menschen erst egoistische, wenn zum Bewußtsein ihrer Subjektivität die überlegte hinzukommt - je nachdem auch die fahrlässige - Preisgebung des Wohls der anderen Person. Noch falscher ist es womöglich, das Opfern der eigenen Persönlichkeit einer geliebten Person oder Sache willen, sobald es ein vernünftiges ist, d. h. nicht durch Narrheit usw. verursachtes - Egoismus zu nennen. Dann hört alle Unterscheidung auf, und das Ende ist der krasseste Gemeinplatz.

Der scheinbare Realismus STIRNERs ist in Wirklichkeit die höchste Ideologie, die Idealisierung des bürgerlichen Konkurrenzkampfes. Auch dieser substituiert eine Gesellschaft von lauter Einzelnen. Aber schon in der bürgerlichen Praxis macht sich die Sache vielfach anders. Statt mit jedem Schritt vorwärts ihr Ideal immer mehr zu verwirklichen, fängt die bürgerliche Klasse auf einem gewissen Punkt an, rückfällig zu werden. Ihre ökonomischen Machtmittel wachsen ihr über den Kopf, sie nehmen immer mehr gesellschaftliche Form an, die Einzelnen vermögen sie nicht mehr zu beherrschen. Hier wird von Neuem, da der Staat, dort die Gemeinde angerufen, helfend einzugreifen, von Neuem bilden sich Vereinigungen mit eigenen Gesetzen, in denen die Einzelnen ihre wirtschaftliche "Eigenheit" ganz oder teilweise aufgeben, auf ihre "Einzigkeit" verzichten. "Aus Eigennutz", würde hier der STIRNER'sche Einwurf lauten. Aber der Eigennutz spielt außer da, wo es sich um bloße Räuberkoalitionen handelt, nur die sekundäre Rolle. Die erste Geige spielt die  Notwendigkeit.  Der Ertrinkende greift nicht aus Eigennutz nach der Planke, die ihn eine Weile über Wasser hält, sondern aus Selbsterhaltungstrieb, der wieder nicht dasselbe ist wie Egoismus. Übrigens kommt es hier nicht einmal sehr auf die  Motive  an. Die Hauptsache ist, daß die bürgerliche Praxis es nicht zur Verwirklichung des "Einzigen" bringt.

Bliebe die proletarische Praxis. Nach STIRNER ist es der Egoismus, der die Arbeiter aus ihrer Knechtschaft erlösen wird, und "werdet Egoisten!" ruft es ihm AUBAN-MACKAY nach. Aber schon am Beispiel, das STIRNER gibt, kann man den Fehler seiner Theorie erkennen, sobald man es anhand der Praxis näher untersucht. Wenn STIRNER nämlich "die Ackerknechte" ihren bisherigen Herren ankündigen läßt, daß sie von nun an sich nicht mehr "unter Preis" vermieten werden - wir sehen von der sehr unklaren ökonomischen Ausdrucksweise ab - so wird da bereits die Einmütigkeit  aller  Ackersknechte vorausgesetzt, nicht der Egoismus des "Einzigen", sondern der einer Vielheit, einer  Klasse.  Dieser sieht aber ganz anders aus, als der erstere. Bis es dahin kommt, daß die Ackerknechte als Klasse mit einheitlichen Forderungen auftreten und kräftig genug sind, sie durchzusetzen, müssen sie in ihrer übergroßen Mehrheit aufgehört haben, sich als "Einzelne" oder gar "Einzige", als "das alleinige Ich", zu fühlen. Es bedarf langer Kämpfe, Kämpfe mit zeitweiligen Rückschlägen und partiellen Siegen, und kämpfen heißt Opfer bringen. Das  Klassen interesse fällt nicht in jedem Moment mit dem  persönlichen  Interesse dem Interesse des  Einzelnen,  zusammen. Wie entscheidet in einem solchen Konflikt die Theorie des Egoismus? Soll "Ich" "Mein" warmes Plätzchen aufgeben wegen eines Streiks, der möglicherweise verloren geht? Der "Einzige", dem "Nichts über Mich" geht, der es für "Besessenheit" erklärt, irgendeine Idee oder Sache höher als seine  Eigenheit  zu stellen, wird, sobald die Chancen der Streikenden zweifelhaft sind, gar nicht anders können, als im Trockenen zu bleiben. Der Egoismus gebietet es. Der Ritter von der Einzigkeit oder Eigenheit oder wie man das Ding sonst auch nennen mag, präsentiert sich im gegebenen Moment als der politische oder ökonomische - Blackleg [Streikbrecher - wp].

Und STIRNER gibt zu diesen Zweck die schöne Lehre auf den Weg, daß die Rabulisterei und Sophistik der "erste Freiheitsschritt" ist, "nichts anderes als eine Art, ein Bestehendes auszunutzen ohne es abzuschaffen." Der "Einzige" ist kein Revolutionär, sondern ein "Empörer", aber ein Empörer wie CHRISTUS, der dem Kaiser gab, was des Kaisers ist. Das mag zeitweise sehr praktisch sein, aber es ist nicht der Weisheit letzter Schluß. Die Geschichte des Christentums erlaubt eine andere Folgerung. Bei STIRNER jedoch gilt eben die Geschichte nur insoweit, als sie seine Idee bekräftigt, und nicht nur die Vergangenheit, sondern auch Gegenwart und Zukunft. Für die wirklichen Kämpfe seiner Epoche, für die zunächst zu realisierenden Forderungen der vorwärtsdrängenden Gesellschaftsklassen hat STIRNER nur überlegene Kritik. Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit usw. genügen dem "Einzigen" nicht, auch braucht er sie nicht einmal, um seine "Eigenheit" zu bekräftigen. Wenn er es für nötig hält, so sucht er den Staat zu betrügen, gründet geheime Druckereien etc. Machen es die Anderen ebenso wie er, so bricht derselbe eines Tages von selbst zusammen.

So endet die anscheinend höchst gedankliche Kühnheit - denn STIRNER schreckt vor nichts zurück, Lüge, Heuchelei und Betrug sehen nach ihm schlimmer aus, als sie in Wirklichkeit sind, er kennt keine Laster - in der Theorie der vollendeten Impotenz. In der Studierstube kann man "geheime Druckereien" auf den Egoismus gründen, in der realen Welt gehören dazu noch etliche andere Eigenschaften. Der Nihilismus, in den STIRNERs Theorie ausläuft, trägt ein anderes Gesicht, als was in Rußland diesen Namen führt. Er hat seine Sache "auf Nichts gestellt". Alles seine Nachbeter und Nachtreter konnten nur dadurch etwas machen, daß sie STIRNER fälschten, ihn versetzten, daß sie ein ganzes Stück hinter ihn zurückgingen. Was BAKUNIN bot, und was MACKAY bietet, sind nur Bastarde STIRNERscher Ideen, das Nichts kann keine Kinder zeugen, der "Einzige" bleibt - einzig.
LITERATUR: Eduard Bernstein, Die soziale Doktrin des Anarchismus, Die Neue Zeit, Bd. X, Nr. 12f, Stuttgart 1892
    Anmerkungen
    1) JOHN HENRY MACKAY, Die Anarchisten, Zürich 1891, Seite 370
    2) Getreu seiner Theorie schreibt STIRNER das Fürwort der ersten Person überall groß.
    3) STIRNER gebraucht bereits das Wort  Fremdentum  im Gegensatz zum Eigentum.