ra-2 Vom neuen GötzenAnarchismus und ArbeiterbewegungDer Anarchismus    
 
SAINT-GEORGES BOUHÉLIER
Die Tyrannei der Sozialdemokratie

"Ich weiß wohl, was sie sagen:  Wir wünschen das Individuum nicht zu versklaven, sondern im Gegenteil zu befreien.  In der Zwischenzeit nehmt ihr ihm sein erstes Besitztum - sein Recht zu denken. Jenen geheimnisvollen, wunderbaren, unerschöpflichen Schatz; ihn, den weder Verfolgungen noch Elend noch die schwersten Schicksalsschläge vermindern; der aus dem schmutzigen und jammervollen Bettler, wenn er sich nur seiner geistigen Gesundheit bewußt ist, einen adligen Helden und den königlichsten der Könige macht - diesen Schatz stehlt Ihr jedem, der sich Euch eint!"

Stuttgart ist zur Zeit der Schauplatz feierlicher Sitzungen, auf denen man Gelegenheit hat, die Art und Weise zu beobachten, in der die Fundamente einer Weltanschauung gelegt werden. Es ist seltsam, daß in demselben Augenblick, in dem die katholische Disziplin fällt und in Auflösung begriffen ist, eine andere Disziplin in Erscheinung tritt, gleich kleinlich und gleich gallig. Denn mehr noch als in Amsterdam und auf den früheren sozialistischen Kongressen zeigt sich in Stuttgart eine tadelsüchtige und fast wahnsinnige Leidenschaft der Unterwerfung. Nicht alle, die es wünschen, sind willkommen, und man wird der Zulassung nur für würdig befunden, wenn man organisiert ist. Bereits sind weitgehende Ausschließungen vorgenommen worden, gegen die es keine Berufung gibt, und der Vorwurf der Ketzerei bedroht jeden.

Diese Vorgänge sind nicht sehr anmutend. Selbst denen, welche gleich mir im Sozialismus und vor allem, um es zu sagen, im Proletariat den stärksten Rückhalt für die Zukunft unseres Zusammenschlusses sehen, machen unsere Organisierten ihr Partei nicht sehr anziehend.

Sie können, indem sie uns sogar das Recht des Denkens nehmen, kaum auf den Beifall derer hoffen, die ihre Ehre gerade im Denken finden. Ihr erster Schritt in der Expropriation ist die Beschlagnahme der Intelligenz. Ich zweifle, ob. als Endresultat hiervon, das Talent mit ihnen gehen wird. Es scheint mir nicht, daß irgendeine wertvolle Kraft Lust verspüren wird, ihre innere Freiheit durch die Masse lahm gelegt zu sehen.

Denn eines ist sicher: hier kann keiner jemals den Anspruch erheben, die Oberhand zu erlangen. Kein Mensch hat irgendeine Bedeutung, der für sich denkt; er findet sich bald völlig allein mit sich. Originalität erregt Verdacht, beraubt sich selbst der Macht; macht sich unmöglich. Wenn Du nicht mit dem Haufen gehen willst, wird dir Ehrlosigkeit vorgeworfen. Denn hier gibt es keine Wahrheit, außer der von Föderationen oder Komitees, nationalen oder anderen, anerkannten. Bedenke überdies, daß in dieser Partei die Anführer selbst unter allgemeine Kontrolle gestellt sind, und daß sie dich weniger leiten, als du sie. Du, die zahllose Masse, die ungeheure Anonymität, das veränderliche und flutende Geheimnis der hadernden Versammlungssäle, du hast die Herrschaft von JAURÉS und BEBEL, und, statt daß der Weise für den Unwissenden denkt, stellt sich die unermeßliche Albernheit der fanatischen und ungebildeten Masse an die Stelle des Klugen, und legt sich über ihn. Gibt es einen bejammernswerteren Anblick, einen, der peinlicher wirkt, als den, solche Geister im Zustand der Sklaverei zu sehen? JAURES' Widerruf - erzwungen durch die Abstimmung, seine Überzeugung abzuleugnen und Prinzipien anzuerkennen, die gegen seine eigenen sind, welche Quelle der Erniedrigung muß das für diesen herrlichen lyrischen Dichter sein! Wird nicht die heiligste Freiheit des Menschen so geschändet? Und welcher Tyrannei habt Ihr Euch selbst unterworfen, daß Ihr Euch so Eurer königlichen Mitgift entäußert und Euch zu solchen Posen feierlicher Anbetung erniedrigt!

In dem engen Zirkel der Föderationen hält keiner seinen Willen intakt und kein Individuum hat das Recht für seine eigenen Überzeugungen einzutreten: wenn es im Begriff ist, sich zu erheben, um seinem Wunsch Ausdruck zu verleihen, nimmt ihn, sozusagen, der schreckliche und dunkle Parteigeist beim Arm, und neun von zehn Mal ist es gezwungen, seinen Sitz unter der Drohung der Ketzerei wieder einzunehmen. Die "wechselnde Unfehlbarkeit" der Doktrin läßt keine Initiative zu und kein Entrinnen; im gegebenen Augenblick mußt Du so oder so handeln, und die einzige Entscheidung, die fällt, ist Sache des Edikts. Wahrhaftig, es hat keinen Zweck diese oder jene Angelegenheit mit sich selbst zu diskutieren: prüfe die Resolutionen der letzten Kongresse; dort wirst Du deine Befehle finden, und Du wirst ihnen folgen. Nimm sie an ohne jedes Wenn und Aber; das ist der einzige orthodoxe Lauf - bis zum nächsten Kongreß.

Nächstes Jahr mag es verächtlich und unwürdig sein, ihm zu folgen. Was heute als feststehend gelehrt wird, ist nicht absolut. Was sagst du? Daß du Patriot bist? Und bis wann? Noch ist die Partei patriotisch. Aber laß sie, durch offizielle Abstimmung, aufhören, es zu sein und du darfst nicht länger patriotisch sein!

In Fragen, die heute noch in der Diskussion stehen, darfst Du deiner eigenen Überzeugung folgen; aber sobald die Doktrin des Kongresses formuliert ist, hast Du kein Recht mehr, nach einer anderen zu handeln. Indessen, nichts ist unheilbar und da die Partei ihre Ansicht über alles ändert, steht es jedermann frei, zu hoffen, daß ein Wechsel eine Aussöhnung herbeiführen kann. Aber für den Augenblick hast Du zu gehorchen. Wer sich unter die herrschende Idee beugt, ist nie im Unrecht, und ein Rechtdenkender der, welcher sich, statt sich selbst auf seine eigene Art und Weise zu führen, mit der Partei in Übereinstimmung erklärt. Überall stellt sich die Partei an deine Stelle. In der Frage ob Gott oder Vaterland; in der des Täglichen oder des Außergewöhnlichen; in den Angelegenheiten privater Natur und des häuslichen Lebens; in denen der Löhne, der Arbeitsverträge, in den nationalen oder internationalen Angelegenheiten - überall. In allen hat die Partei ihre eigenen Ansichten, die sie uns aufzwängt, und ihre Prinzipien allein sind gut. Außerhalb der Partei ist alles gottlos und abscheulich. Das ist in Wahrheit das allgemeine Empfinden unter den Organisierten.

Ich weiß wohl, was sie sagen: "Wir wünschen das Individuum nicht zu versklaven, sondern im Gegenteil zu befreien." In der Zwischenzeit nehmt ihr ihm sein erstes Besitztum - sein Recht zu denken. Jenen geheimnisvollen, wunderbaren, unerschöpflichen Schatz; ihn, den weder Verfolgungen noch Elend noch die schwersten Schicksalsschläge vermindern; der aus dem schmutzigen und jammervollen Bettler, wenn er sich nur seiner geistigen Gesundheit bewußt ist, einen adligen Helden und den königlichsten der Könige macht - diesen Schatz stehlt Ihr jedem, der sich Euch eint! So ist der Mensch, der aus Eurer "Unabhängigkeit" hervorgeht. Und es ist nicht ohne Gefahr, sich ihr zu entziehen! Nun wohl: ich sehe darin eine ungeheure Gefahr für die Menschheit. Ihr habt eine neue Autorität geschaffen, und organisiert - mit schönen Phrasen über gesunde Befreiung auf den Lippen - die tiefste aller Sklavereien. Unter dem Vorwand, Euch selbst zu befreien, beginnt Ihr einen Feldzug gegen den Staat, aber unter den Befehlen einer Partei, die dem Individuum feindlicher, als irgendein Staat. Zugunsten unserer Wünsche nach Freiheit arbeitet Ihr an der Wiederherstellung eines Systems der Verdunkelung. Ihr beklagt Euch über Tyrannen und Unterdrückungen und Religionen, und mit den wankelmütigen Irrtümern Eurer masse setzt Ihr selbst Euren tätigen und veränderlichen Dogmatismus ins Werk. Schöpft Ihr aus der Wahrheit der Großen Eure Begriffe und Eure Prinzipien? Nein, sondern aus dem  Consensium Omnium  [allgemeine Übereinstimmung - wp]. Für Euch sind Individuen nur Objekte des Verdachts. Intelligenz ist Euch unbehaglich. Sie erweckt die Fassungskraft und leidet darunter. Seid überzeugt, daß wirkliche Begabung seltener und seltener zu Euch kommen wird. Denn Eure ganze Institution ist ihr feindlich. Eure Komitees und Kongresse sinnen auf ihren Untergang. Was Ihr wollt, das sind fanatische Sklaven, nicht franke und freie Denker.

Dies allein genügt, um aus Eurem Sozialismus eine Doktrin zu machen, verhängnisvoll dem Geist und von Grund auf dem entgegengesetzt, was wir wollen. Denn was erstreben wir, als die Vervollkommnung der Menschen? Bewaffnet mit der Macht des Bannfluchs und bereit, zu den Methoden der Gewalt seine Zuflucht zu nehmen; fähig den Menschen mit eisernen Reifen zu binden; feindlich seiner Offenherzigkeit und seiner Freiheit - ist Euer Sozialismus höchst abstoßend und erscheint wie ein Rückschritt.

Ich weiß wohl, daß nichts Großes durch Auseinandersprengung erreicht werden kann. Und die Organisation des Proletariats ist eine wunderbare Sache. Aber das Proletariat muß dabei nicht erdrosselt werden. Und nichts ist leichter, als Menschen zu leiten, die Ihr einmal von der Pflicht der Unterwerfung überzeugt habt. Die Frage ist nur, ob es heilsam ist. Ich für meinen Teil bekenne, daß ich es ernstlich bezweifle. Ich glaube, daß wir, weit entfernt davon den Menschen zu unterwerfen, für seine Befreiung arbeiten sollten - für seine moralische Befreiung sogar mehr noch als für seine politische. Wir müssen kämpfen gegen die Knechtschaft. Die Welt wird nur von jenen gerettet werden, denen es gelingt, den Menschen zu erheben und ihn mit einem Gefühl seiner Größe zu erfüllen.
LITERATUR: Saint-Georges Bouhélier, Die Tyrannei der Sozialdemokratie, Berlin 1909