cr-2 Die zwei Sprachen Philosophie als Wissenschaft    
 
ISAAC BENRUBI
Leben und Metaphysik

"Ist die Welt der Erscheinungen das Ganze des Lebens? Ist die gegebene Wirklichkeit das Ganze der Wirklichkeit? Sind die Töpfe oder die Schüsseln, mit denen die Einzelwissenschaften zu tun haben, die wahre Realität? Ist nicht vielmehr die Erscheinungswelt nur der Ausdruck einer tieferen Realität, wie die Werke eines Genies, jene Töpfe und Schüsseln, von den Goethe spricht, nur das Symbol seines inneren Lebensinhalts sind? Was ist, mit einem Wort,  wirklich?  Dieser Begriff ist durchaus nicht so absolut, wie man gewöhnlich glaubt. Für das kleine und für das große Kind, ich meine für den Ungebildeten, ist nur das wirklich, was sich mit den Händen greifen läßt. Je reifer dagegen jemand ist, desto mehr glaubt er an die Wirklichkeit von etwas, das  hinter  den Erscheinungen liegt, weil er davon eine vollkommene, mehr als mathematische Gewißheit hat."

Ich will hier keine neue Frage aufwerfen, sondern vielmehr auf eine uralte Frage, die mir als die Lebensfrage der Philosophie erscheint, Antwort zu geben versuchen: Inwiefern ist die Metaphysik als Wissenschaft vom Leben, vom Absoluten möglich? Bekanntlich sind in der Gegenwart nicht nur Naturphilosophen und Positivisten bestrebt, "das Absolute aus seinen letzten Zufluchtsstätten zu vertreiben" (OSTWALD), sondern auch die Kritizisten und die kritischen Metaphysiker sehen sich genötigt, der Erfassung des Absoluten den Charakter der Wissenschaftlichkeit abzusprechen und sie als eine Angelegenheit der Religion, der Poesie zu betrachten.

Dieser Zustand der Dinge ist, wie mir scheint, vor allem der großen Unklarheit zu verdanken, die jetzt in der Auffassung des Begriffs der Wissenschaft herrscht. In der Regel glaubt man die mathematische Exaktheit und Meßbarkeit als Vorbild zu nehmen und auf diese Weise gleichsam einen absoluten Begriff der Wissenschaft zu konstruieren. Unter dieser Voraussetzung wäre allerdings die Wissenschaft vom Absoluten ein Unding; aber unter dieser Voraussetzung wären auch sämtliche anderen Wissenschaften, außer der mathematischen, ein Unding. Die "Wissenschaft" überhaupt ist eine Abstraktion. In Wirklichkeit gibt es nur grundverschiedene, ursprüngliche, aufeinander unzurückführbare Wissenschaften und mithin verschiedene Stufen der Wissenschaftlichkeit und Evidenz. Es ist das Verdienst BOUTROUX', uns gezeigt zu haben, daß jede Wissenschaft Postulate voraussetzt, die ihr eigentümlich sind und daß es daher eine Hierarchie der Wissenschaft, eine Hierarchie der Gesetze gibt, die wir zwar einander näher bringen, aber nicht zu einer einzigen Wissenschaft und zu einem einzigen Gesetz verschmelzen können. So sind z. B. die Mathematik und die Gesellschaft zwei durch einen Abgrund getrennte Extreme und doch spricht man von der Soziologie als Wissenschaft.

Gibt man aber die Möglichkeit und die Berechtigung von unreduzierbaren, ursprünglichen Wissenschaften zu und gesteht man, daß, je höher man in die Hierarchie der Wissenschaften steigt, desto mehr dem Gefühl ein Platz eingeräumt werden muß, so ist es nicht einzusehen, weshalb eine Erkenntnis von einer ganz anderen Art von Gewißheit als derjenigen der Einzelwissenschaften unmöglich sein sollte. Der Agnostizismus der kritischen Metaphysiker scheint vom Standpunkt der Wissenschaft selbst ebensowenig berechtigt zu sein, wie das Bestreben der Positivisten und Naturphilosophen, das Absolute aus seinen letzten Zufluchtsstätten zu vertreiben und der Begriff einer "wissenschaftlichen Philosophie", den man heutzutage so gern gebraucht, hat ungefähr denselben Sinn, wie der einer wissenschaftlichen Chemie, einer wissenschaftlichen Biologie, d. h. er ist ebenso tautologisch, wie der Begriff einer wissenschaftlichen Wissenschaft, oder wenn man unter "wissenschaftlich" die mathematische Exaktheit versteht, ebenso unwirklich, wie etwa ein hölzernes Eisen. Ebenso muß man mit Rücksicht auf die vorhin erwähnte Relativität des Begriffs der Wissenschaft sagen, daß die Philosophie nur dann eine Daseinsberechtigung hat, wenn sie eine Wissenschaft eigener Art, eine selbständige Wissenschaft ist.

Ferner. Ich habe vorhin von Einzelwissenschaften gesprochen. Was ist damit gemeint? Was versteht man eigentlich unter  Einzel-Wissenschaft? Sicherlich dies, daß sie eine einzelne Seite des Lebens zu ihrem Gegenstand hat. Die Einzelwissenschaften pochen heutzutage auf ihre Relativität. Sie wollen selber nichts anderes sein, als die Hypothesen der konstanten Beziehungen unter den Erscheinungen. Der Zweck der Einzelwissenschaft ist gleichsam, photographische Aufnahmen vom Leben zu entwerfen. Sie betrachtet als ihr eigentliches Gebiet die Erscheinungswelt. Das ist ihr Recht und ihr Stolz. Aber: ist die Welt der Erscheinungen das Ganze des Lebens? Ist die gegebene Wirklichkeit das ganze der Wirklichkeit? Sind die Töpfe oder die Schüsseln, mit denen die Einzelwissenschaften zu tun haben, die wahre Realität? Ist nicht vielmehr die Erscheinungswelt nur der Ausdruck einer tieferen Realität, wie die Werke eines Genies, jene Töpfe und Schüsseln, von den GOETHE spricht, nur das Symbol seines inneren Lebensinhalts sind? Was ist, mit einem Wort, "wirklich"? Dieser Begriff ist durchaus nicht so absolut, wie man gewöhnlich glaubt. Für das kleine und für das große Kind, ich meine für den Ungebildeten, ist wirklich nur das, was sich mit den Händen greifen läßt. Je reifer dagegen jemand ist, desto mehr glaubt er an die Wirklichkeit von etwas, das  hinter  den Erscheinungen liegt, weil er davon eine vollkommene, mehr als mathematische Gewißheit hat. Dies könnte durch eine Fülle von Beispielen auf dem Gebiet des geistigen Schaffens und Erlebens bestätigt werden.

Nun entsteht hier aber die große Frage: Gesetzt, daß die Erscheinungswelt nur das Symbol einer tieferen Realität, daß unser Leben nur der sichtbare Ausdruck eines in der Tiefe verlaufenden Prozesses, eine sich fortwährend verwirklichende Hinter- oder Übernatur sei: kann der Mensch, ohne die Grenzen seines Erkenntnisvermögens zu überschreiten, jene Realität erfassen? Diese Frage müßte entschieden verneint werden, wenn man unter Erkenntnisvermögen die Fähigkeit einer Erkenntnis durch die bloße Intelligenz verstehen wollte. Dann wäre die Metaphysik als Wissenschaft unmöglich, denn die wahrhaft lebendige Wirklichkeit läßt sich weder tasten noch fassen, noch rechnen, noch wägen, noch münen. Es ist das Verdienst und die Schranke des großen "Allzermalmenden", die Unmöglichkeit einer Verstandesmetaphysik gezeigt zu haben. Und wir würden auch heute mit ihm sagen, daß, wer einmal "Kritik" gekostet hat, niemals wieder zu jener alten sophistischen Scheinwissenschaft zurückkehren werde. Ebenso wird man auch z. B. den Kampf DILTHEYs gegen die Metaphysik als bloße Begriffsfabrikation zu würdigen wissen. Der ungeheure Reichtum der konkreten Wirklichkeit läßt sich unmöglich restlos in Begriffe umsetzen, man kann das Leben nicht aus Partialweltbildern konstruieren.

Allein: macht die Intelligenz das Ganze des Erkenntnisvermögens aus? Fühlen wir nicht vielmehr in uns Kräfte, gibt es nicht in uns Symptome, die auf unsere Verwandtschaft mit der lebendigen Realität hindeuten und infolgedessen uns zu einer Erkenntnis eigentümlicher Art berechtigen und sogar verpflichten? Versenken wir uns in unser tiefstes Inneres. Versuchen wir, das Charakteristische der menschlichen Lage zu erfassen. Wir werden mit dem Dichter finden, daß in uns zwei Seelen wohnen, oder, um einen Ausdruck BERGSONs zu gebrauchen, das menschliche Leben ist eine Art doppelte Bewegung, eine  hinaufsteigende  und eine  hinabsteigende  Bewegung. Aber wir fühlen zugleich, daß diese zwei Seelen durchaus nicht im gleichen Grad ursprünglich sind, sondern daß die nach unten strebende Seele nur "ein Teil des Teils ist, der anfangs alles war, ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar". Ursprünglich ist nur die hinaufsteigende Bewegung; sie wird zwar durch die hinabsteigende Bewegung, durch den MEPHISTOPHELES, den wir in uns tragen, durch das, was die Philosophen Materie nennen, zwar gehemmt und oft sogar gelähmt, aber nicht zerstört, so daß man wieder mit dem Dichter sagen kann, daß die nach unten strebende Seele ein Teil von jener Kraft ist, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Um die nach oben strebende Seele mit konkreteren Ausdrücken zu qualifizieren, würden wir sagen, daß sie eine Art Expansionsbedürfnis, ein schöpferischer Drang, kurz die Liebe ist. Der Mensch ist also, seiner ursprünglichen Beschaffenheit nach, ein schöpferisch-liebendes Wesen. Was heißt aber "lieben"? Ist das nur eine Sache des ganzen Lebensaffekts, lieben heißt, sich mit seinem ganzen Wesen ins Zentrum eines anderen Wesens versetzen, mit ihm eins werden, kurz, mit ihm sympathisieren.

Nun glaube ich, daß diese im Menschen steckende Kraft, dieser uns zum Schaffen befähigende Drang, diese Sympathievermögen es ist, was uns nicht Ruhe gibt, solange wir nicht das Ganzes des Lebens, das Absolute erfaßt haben. Der Mensch ist offenbar kein Monstrum in der Natur. Wie er sich in das Zentrum seines Wesens unmittelbar zu versetzen vermag - und wie würde er ohne dieses Insichselbsthineinversetzen zum Schaffen kommen können? -, so kann er das auch nicht nur mit seinesgleichen tun, sondern auch mit allem, was da lebt und fühlt, kurz, er kann mit der ganzen Wirklichkeit sympathisieren.  Wagt  er aber dies, so treibt er eo ipso Metaphysik. Metaphysik in diesem Sinne ist nicht ein Hervorbringen, sondern ein Finden, ein Sichselbstfinden, ein Sichselbsterkennen der Wirklichkeit, ein Abglanz des Lebens. Die Welt ist eine fortwährende Schöpfung des Menschen, aber sie ist zugleich eine wohlbegründete Schöpfung, da wir selber doch zum Seienden gehören. Das Wirkliche ist weder im Äußeren noch im Inneren, sondern im Akt der Sympathie selbst. Damit ist aber zugleich gesagt, daß die Metaphysik immer im Fluß ist, und daß sie niemals die höchste Stufe der Vollkommenheit erreichen wird. Aus dieser Tatsache, nämlich daraus, daß der Mensch das Leben, das Ganze, das Absolute nicht völlig zu erfassen vermag, scheinen viele zu schließen, daß die Metaphysik eine Wissenschaft für Übermenschen sei. Das scheint mir eher ein Zeichen von übertriebenem Stolz als von Bescheidenheit zu sein: es hieße, von der Voraussetzung ausgehen, daß der Mensch ein vollkommenes Wesen sei und daß alles, was er tut, vollkommen sein müsse. In Wirklichkeit aber kann der Mensch ebensowenig auf die Erfassung des Absoluten verzichten, weil er es nicht ganz besitzen kann, wie er auf die Erfassung des Sinnes eines Werkes verzichtet, weil er es nicht ganz begreift. Niemand wird z. B. wagen zu sagen, daß er den FAUST oder SPINOZAs Ethik oder die sixtinische Madonna oder die neunte Symphonie vollkommen versteht und wollte er das behaupten, so würde ihm niemand glauben, denn ein Kunstwerk vollkommen verstehen, heißt sämtliche Erlebnisse des Meisters wieder miterleben wollen, d. h. etwas Unmögliches verlangen. Wohl aber ist jeder von uns berechtigt und verpflichtet, sich einer vollkommenen Erfassung jener Schöpfungen des menschlichen Geistes zu nähern. Der metaphysische Agnostizismus zu Ende gedacht, muß zum moralischen Skeptizismus führen: er lähmt das Handeln.

Nicht bescheidener erscheint mir das Bestreben einiger Philosophen der Gegenwart, aus der Metaphysik eine Synthese der positiven Wissenschaft zu machen, d. h. der auf der Grundlage des gesamten wissenschaftlichen Bewußtseins eines Zeitalters oder besonders hervortretender Inhalte desselben unternommene Versuch, eine die Bestandteile des Einzelwissens verbindende Anschauung zu gewinnen. Danach müßte der Philosoph entweder das, was die Einzelwissenschaften nach besten Kräften leisten, noch einmal leisten wollen, was heutzutage und namentlich in Zukunft unmöglich wäre, oder er müßte sich darauf beschränken, mit den photographischen Aufnahmen, die ihm die Einzelwissenschaften liefern, das Leben zu rekonstruieren, aus den Teilen ein Ganzes zusammenzusetzen. Angenommen, daß das möglich wäre, so würde das überflüssig sein. Das würde uns nicht einen Schritt weiter in der Erkenntnis des Woher und Wohin des Lebens führen. Will dagegen die Philosophie nicht sich selbst zum Tod verurteilen, so muß sie etwas Anderes und Höheres tun, als die Einzelwissenschaften. Sie muß eine ursprüngliche Wissenschaft, eine Metaphysik im vorhin erwähnten Sinn sein wollen. Obgleich auf sämtliche Einzelwissenschaften gestützt, muß sie das Ganze des Lebens als ihr eigenes Gebiet betrachten.

Um das Verhältnis der Philosophie zu den Einzelwissenschaften zu veranschaulichen, hat man es mit demjenigen des Kapellmeisters in einem Orchester und des Architekten zu den befehlenden Sondereigentümern des Terrains des positiven Wissens verglichen. In diesen Bildern kommen, wie mir scheint, weder die Einzelwissenschaften noch die Philosophie zu ihrem Recht. Ich möchte z. B. denjenigen Vertreter einer Einzelwissenschaft sehen, der seine ganze Lebensarbeit mit der Rolle eines Spielers in einem Orchester vergleichen würde.

Der Spieler eines Instruments in einem Orchester bietet nur Stückwerk, welches an und für sich oft sinn- und leblos ist. Auch den Philosophen möchte man sehen, der seine ganze Tätigkeit auf das Dirigieren beschränken und nicht vielmehr selber der Schöpfer des Werkes seine möchte. Das Verhältnis der Philosophie zu den Einzelwissenschaften ist vielmehr demjenigen des Auges zu den anderen Sinnen im lebendigen Menschen ähnlich. Die einzelnen, sowohl die äußeren wie die inneren Sinne, haben ihre völlig selbständige Aufgabe. Sie sind da, um den lebendigen Organismus zu erhalten. Aber sie genügen sich nicht selbst. Ihren vollen Wert erhalten sie erst durch das Auge. Was meint man eigentlich, wenn man einen des Sehens unfähigen Menschen "blind" nennt? Sicherlich dies, daß ihm das Lebensorgan  par excellence  fehlt, daß er nicht sehen kann,  woher  er kommt und  wohin  er geht. Das Sehen aber ist streng durch die ganze körperliche und geistige Beschaffenheit des Individuums bedingt. Je reifer wir sind, desto vollkommener wird auch unser Sehen sein. Wir sehen, was wir sind und wir sind, was wir sehen.

Wollten wir das hier über das Sehen Gesagte auf die Philosophie anwenden, so würden wir sagen: die Metaphysik ist das Auge des Lebens, Lebens-Anschauung. Die Metaphysik einer Zeit ist durch den Zustand der Einzelwissenschaften bedingt und infolgedessen stets im Werden begriffen. Sie ist eine Fortsetzung der Einzelwissenschaften in dem Sinne, daß sie sich auf diese stützt, aber sie folgt ihnen nicht knechtisch, vielmehr zeigt sie ihnen den Weg, den sie einschlagen sollen, um sich nicht zu verirren. Ferner, die Begriffe, die Kategorien, mit denen die Metaphysik arbeitet, sollen nicht etwas Starres sein, sondern stets in neue Begriffe umgesetzt werden. Die Aufgabe der Metaphysik ist zugleich eine theoretische und eine praktische. Sie soll einerseits das Wesen des Lebens erfassen und andererseits uns den Weg zeigen, den wir gehen sollen, um unserer eigensten Natur gemäß zu leben. Damit ist zugleich gesagt, daß die wahre Metaphysik nicht eine Ontologie, eine Wissenschaft vom Seienden, sondern eine Ethik im höchsten Sinne ist. Also ist die Ethik ihrem Wesen nach, metaphysisch. Eine Moral unabhängig von der Metaphysik aufstellen, heißt, einen sich selbst überlassenen Blinden zum Gehen zwingen wollen. Es gibt nicht eine Moral außer oder neben dem Leben. "Leben" heißt, uns als schöpferisch-liebende Wesen entwickeln, es heißt, bewußt an der Selbstentwicklung des ursprünglichen Lebensprinzips teilnehmen. Die Moral ist demnach ein Ausfluß des wahren Lebens, wie die Wärme ein Ausfluß der Sonne ist. Was man sonst Moral nennt, ist im Grunde eine Technik, oder, um mit EUCKEN zu reden, eine "Lebenspolizei", die eben für die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Gesellschaft von Nutzen ist. Die metaphysische Erkenntnis dagegen, wie wir sie angedeutet haben, macht aus unserem ganzen Leben eine große Aufgabe, sie ruft den Menschen zur Teilnahme an einem kosmischen Kampf, am Kampf des Weltlichtes gegen die Weltfinsternis.
LITERATUR: Isaac Benrubi, Leben und Metaphysik, Bericht über den III. Internationalen Kongreß für Philosophie, hg. von Theodor Elsenhans, Heidelberg 1909