ra-3J. BaumannM. DrobischTh. LippsF. MauthnerCh. SigwartK. Lasswitz     
 
THOMAS ACHELIS
Das Zweckprinzip
in der Philosophie

[1/2]

"Warum wächst denn im Dotter des Hühnereis keine Eidechse oder Kaulquappe, sondern ein Huhn? Warum in der menschlichen Gebärmutter ein Menschenkind und kein junger Hund? Mit der Vererbung darf man hier nicht kommen, denn eben um den Grund der Vererbung handelt es sich ja. Man darf nicht sagen: Weil dieses Ei von der Henne, nicht vom Frosch oder der Eidechse gelegt ist. Denn das wäre formell eine lächerliche Tautologie, materiell ein jedem Knaben bekanntes Faktum, keine kausale Deduktion. Ich will wissen, durch welche Realgründe, welche Naturkräfte und durch welche konstanten Gesetze der Stoffbewegung genötigt, das Junge der Mutter ähnlich sehen  muß,  so wie ich weiß, durch welche Naturgesetze genötigt, von der bikonvexen Glasline ein verkleinertes Abbild der sichtbaren Gegenstände entstehen muß. Ich will wissen, warum sich aus dem als Exkrement abgesetzten Ei das ganze Tier mit wenigen Abweichungen rekonstruiert - ein Phönix aus der Asche. Hängt das etwa allein vom Stoff ab, von der chemischen Mischung? Nein!"
     
    "Wenn ein Mensch, um einen Hasen zu schießen, Millionen Gewehrläufe auf einer großen Heide nach allen beliebigen Richtungen abfeuerte, wenn er, um in ein verschlossenes Zimmer zu kommen, sich zehntausend beliebige Schlüssel kaufte und alle versuchte, wenn er, um ein Haus zu bauen, eine Stadt baute und die überflüssigen Häuser Wind und Wetter überließe, so würde wohl niemand dergleichen zweckmäßig nennen und noch viel weniger würde man irgendeine höhere Weisheit, verborgene Gründe und überlegene Klugheit hinter diesem Verfahren vermuten. Wer aber in den neueren Naturwissenschaften Kenntnis nehmen will von den Gesetzen der Erhaltung und Fortpflanzung der Arten - selbst solcher Arten, deren Zweck wir überhaupt nicht einsehen, wie z. B. der Eingeweidewürmer, der wird allenthalben eine ungeheure Vergeudung von Lebenskeimen finden. Vom Blütenstaub der Pflanzen zum befruchteten Samenkorn, vom Samenkorn zur keimenden Pflanze, von dieser bis zur vollwüchsigen, welche wieder Samen trägt, sehen wir stets den Mechanismus wiederkehren, welcher auf dem Weg einer tausendfältigen Erzeugung für den sofortigen Untergang und des zufälligen Zusammentreffens der günstigen Bedingungen das Leben soweit erhält, als wir es im Bestehenden erhalten sehen. Der Untergang der Lebenskeime, das Fehlschlagen des Begonnenen ist die Regel; die naturgemäße Entwicklung ist ein Spezialfall unter Tausenden, es ist die Ausnahme und diese Ausnahme schafft jene Natur, deren zweckmäßige Selbsterhaltung der Teleologe kurzsichtig bewundert."
Diese Worte aus F. A. LANGEs "Geschichte des Materialismus II", Seite 246, sind für viele naturwissenschaftliche und philosophische Forscher der Gegenwart charakteristisch; namentlich der landläufige mit überlegenem Siegesbewußtsein auftretende Darwinismus sieht es meist als eine Ehrensache an, mit dem vollständig veralteten Prinzip der Zweckmäßigkeit, das nur ein ungesundes Überbleibsel der optimistischen Nützlichkeitslehre aus dem vorigen Jahrhundert sei, gründlich zu brechen und die volle Schale von Bosheit und Witz über die bemitleidenswerten Vertreter dieser Anschauung auszugießen. "Die sogenannten Zweckursachen gehören nicht zum Organon des kritischen Naturerkennens", bemerkt ein modernen Kritiker (SCHULTZE, Philosophie der Naturwissenschaft II, Seite 328). "Durch die Setzung derselben wird der Lauf der natürlichen Kausalität in Wahrheit aufgehoben, denn die Zweckursache ist ein erst in der Zukunft zu Realisierendes, etwas, das also noch nicht ist und das gleichwohl schon auf die Vorzukunft wirken und diese gestalten soll, als ob es bereits realiter existierte." Oder wie eine andere Auffassung lautet.
    "Die Naturwissenschaft könnte die Teleologie höchstens für eine Vorstellungsart gelten lassen, die sich auf den Ursprung der Dinge bezieht; da sie sich aber nicht mit den letzten Gründen der Dinge beschäftigt, sondern mit den relativen Anfängen und der Entwicklung der Erscheinungen, so überläßt sie es der Metaphysik die Frage zu erörtern, ob das Dasein überhaupt zweckmäßig, die Welt als Ganzes genommen also teleologisch aufzufassen sei. Die philosophische Spekulation, die sich auf diese Frage einließe, würde sich bald überzeugen, daß der Begriff des Zwecks über die Grenzen der willkürlichen Handlungen und deren Folgen hinaus keine Anwendung mehr gestattet ... Der Begriff des Zweckes ist dem der Kausalität untergeordnet, weil er der Begriff einer besonderen Art der Kausalität, nämlich der Kausalität des Willens ist." (ALOIS RIEHL, Der philosophische Kritizismus II, Seite 337).
Man könnte diese Blütenlese noch beliebig vermehren, namentlich wenn man die fraglichen Beweisgründe aus dem Arsenal des eigentlichen Darwinismus entlehnen wollte, doch wird die gegebene Charakteristik genügen. Prüft man nun unbefangen die Sachlage, so wird man manchen der negativen Instanzen seine Zustimmung nicht verweigern können. Wissenschaftlich unzureichend ist zunächst die bequeme anthropopathische [menschliche Gefühle für eine Sache - wp] Auffassung der Welt im Sinne CHRISTIAN WOLFFs (die freilich heutzutage auch kein Mensch mehr im Ernst verteidigt), unzulässig ebenfalls der biologische Standpunkt des Vitalismus, der in allerlei  qualitates occultae  den eigentlichen mystischen Grund für die Erscheinungen in der Natur sucht, ja welch schweren Stand die Teleologie überhaupt gegen ihre übermächtige Gegnerin hat, das möchten wir anhand gerade des Mannes schildern, dem in diesem ganzen Kampf eine hervorragende Stelle gebührt. HERMANN LOTZE.
    "Welchen erfahrungsmäßigen Grund hat nun doch eigentlich jene Meinung von einer solchen Einheit der Natur, die nur aus der zusammenfassenden Absicht  eines  Schöpfers oder aus dem Entwicklungstrieb eines einzigen, der Mannigfaltigkeit aller Dinge zugrunde liegenden Substanz zu begreifen wäre?`Wir verstehen, daß das menschliche Gemüt eine Sehnsucht haben kann, diese Ansicht der Natur durchzuführen; aber auch welche gegebene Tatsachen stützt es sich denn zum Beweis, daß dieser Wunsch erfüllbar, diese zusammenhängende innere Lebendigkeit und Einheit der Natur eine Wirklichkeit sei? Müssen wir nicht vielmehr zugeben, daß im Grunde nur wenige Züge und Ereignisse desselben diesen Gedanken der Zweckmäßigkeit und ideenvollen Konsequenz in uns rege machen? Daß wir dann diese besonderen Konsequenzen ohne zulängliches Recht bis zur Annahme einer allgemeinen Harmonie und Zweckmäßigkeit erweitern? Daß wir von diesem so gewonnenen Standpunkt aus die Notwendigkeit eine vernünftig schaffenden Wesens dartun? Daß wir endlich von hier aus wieder zurückschließen, Vernunft und Zweckmäßigkeit werde sich im Naturlauf auch da zeigen, wo wir sie freilich und leider so oft, nicht nachzuweisen wissen? Ein kurzer Umblick kann uns genügen, diesen Kreislauf unserer Gedanken zu bemerken. Der lebendige Körper ist am häufigsten der Ausgangspunkt solcher Betrachtungen. Wir fließen über vor Bewunderung der unendlichen Zweckmäßigkeit seiner Bildung und wiederholen die üblich gewordene Behauptung, daß alles in ihm zugleich Mittel und Zweck sei. Und wie viele Teile bleiben uns doch in ihm übrig, deren Zweck bisher niemand kennt und von denen, daß sie überhaupt einen solchen haben und nicht absichtlose Erzeugnisse der bildenden Kräfte sind, auf keine Weise durch unsere wirklichen Kenntnisse dargetan, sondern nur auf die Bürgschaft jener unerwiesenen allgemeinen Behauptung hin geglaubt werden kann! Die Tierwelt ferner bietet uns manchen bestechenden Anschein von Zweckmäßigkeit, aber unleugbar ebenso viel Undeutbares, für unsere Einsicht Zweckloses, tausenderlei Sonderbarkeiten der Bildung, die sich als Ausläufer und Nebenerfolge eines fröhlichen in alle seine möglichen Folgen ausbrechenden Naturlaufes leicht und zwanglos, als Erzeugnisse absichtlicher Planmäßigkeit nur mit befangener Künstlichkeit fassen lassen. Noch weniger läßt der Gedanke vorherbestimmter Zweckmäßigkeit sich durch das Pflanzenreich verfolgen, hier, wo kein Zweck mehr angebbar ist, außer dem bloßen Dasein von Gestalten, deren Gliederung, Dauer, Entwicklung und Selbsterhaltungskraft die außerordentliche Mannigfaltigkeit der Art und Größe darbietet. Und endlich, diese ganze Welt des Lebendigen, wird sie nicht umschlossen und getragen vom Erdkörper, in dessen geologischer Bildung und vom Weltraum, in dessen Massenverteilung kein menschlicher Scharfsinn eine durchdringende Zweckmäßigkeit zu entdecken vermag, ja vielleicht nicht einmal zu entdecken wünschen würde? Im Gegenteil, wir atmen mit einer gewissen Befriedigung auf, wenn wir gewahr werden, daß hier wenigstens der bewunderten unendlichen Berechnung und Absichtlichkeit des Weltlaufs eine imposante massenhafte Wirklichkeit zugrunde liegt, die ohne die Prätension [Anmaßung - wp], mehr bedeuten zu wollen, als sich selbst, vor unseren ruhelos suchenden Gedanken als starre ruhige Schranke ausgebreitet ist." (Mikrokosmus II, Seite 17f)
In der Tat, wenn so ein feinsinniger, durch und durch ideal angelegter Denker so urteilt, dann scheint es um die Teleologie sehr mißlich zu stehen, je weiter die exakte Wissenschaft in ihren minutiösen Detailuntersuchungen fortschreitet. Und doch lohnt sich vielleicht eine unbefangene Revision der Akten.

Eins möge noch vorweg bemerkt werden, um Irrtümern und Enttäuschungen von vornherein vorzubeugen: Es kann in dieser kritischen Rundsicht, die sich übrigens streng nur an das laufende Jahrhundert hält, natürlich nicht jeder Wortführer zu Gehör kommen, sondern nur die führenden Geister oder wenigstens nur diejenigen Männer, welche besonders das bestrittene Prinzip der Teleologie vertreten und zweitens handelt es sich für uns immer nur oder doch wesentlich um die Anwendung jenes Grundsatzes auf das Gebiet der Natur; für die Geisteswissenschaften steht seine Geltung außer Frage.

Nachdem BACON und SPINOZA die Zweckursachen zu subjektiven Erdichtungen des menschlichen Gemüts erniedrigt hatten, nahm KANT die Streitfrage in seiner Kritik der Urteilskraft wieder auf, indem er der teleologischen Auffassung im Gegensatz zum konstitutiven Prinzip der Kausalität nur einen hypothetischen, heuristischen Wert beimaß.
    "Der Begriff eines Dings, als ansich Naturzweck, ist kein konstitutiver Begriff des Verstandes oder der Vernunft, kann aber doch ein regulativer Begriff für die reflektierende Urteilskraft sein, nach einer entfernten Analogie mit unserer Kausalität nach Zwecken überhaupt die Nachforschung über Gegenstände dieser Art zu leiten und über ihren obersten Grund nachzudenken. Aber selbst diese gleichartige Beziehung ist eigentlich nur eine scheinbare. Denn man sagt von der Natur und ihrem Vermögen in organisierten Produkten bei weitem zu wenig, wenn man diese ein Analogon der Kunst nennt; denn da denkt man sich den Künstler (ein vernünftiges Wesen) außer ihr. Sie organisiert sich vielmehr selbst und in jeder Spezies ihrer organisierten Produktie zwar nach einerlei Exemplar im Ganzen, aber doch mit schicklichen Abzeichnungen, die die Selbsterhaltung nach den Umständen erfordert. Näher tritt man vielleicht dieser unerforschlichen Eigenschaft, wenn man sie ein Analogon des Lebens nennt; aber da muß man entweder die Materie als bloße Materie mit einer Eigenschaft (Hylozoismus) begaben, die ihrem Wesen widerstreitet oder ihr ein fremdartiges, mit ihr in Gemeinschaft stehendes Prinzip (eine Seele) beigesellen, wozu man aber, wenn ein solches Produkt Naturprodukt sein soll, organisierte Materie als Werkzeug jener Seele entweder schon vorausgesetzt oder die Seele zur Künstlerin des Bauwerks machen und so das Produkt der Natur (der körperlichen) entziehen muß. Genau zu reden hat also die Organisation der Natur nichts Analoges mit irgendeiner Kausalität, die wir kennen. Schönheit der Natur, weil sie den Gegenständen nur in Beziehung auf die Reflexion über die äußere Anschauung derselben, mithin der Form der Oberfläche wegen beigelegt wird, kann mit Recht ein Analogon der Kunst genannt werden. Aber innere Naturvollkommenheit, wie sie diejenigen Dinge besitzen, welche nur als Naturzwecke möglich sind und darum organisierte Wesen heißen, ist nach keiner Analogie irgendeines uns bekannten physischen d. i. Naturvermögens, ja da wir selbst zur Natur im weitesten Sinn gehören, selbst nicht einmal durch eine genau angemessene Analogie mit menschlicher Kusnt denkbar und erklärbar." (Kritik der Urteilskraft, § 65)
Die teleologische Maxime ist somit nur ein Aushilfsmittel bei Erscheinungen, die hartnäckig der mechanischen Erklärung widerstehen, also ganz besonders auf organischem Gebiet, z. B. bei der Entstehung und Erhaltung der Lebewesen. Diese Herabsetzung des Zweckprinzips entspringt aus der einseitig anthropopathischen Auffassung, die KANT darin erblicken zu müssen meinte; eine weiter Zergliederung aber des Problems wird uns zeigen, daß wir im Zweck ein ebenso objektives Kriterium besitzen wie in der Kausalität, nur gleichsam nach einer anderen Richtung hin. Denn während für diese der Grund zur Ursache wird und die Folge zur Wirkung, verwandelt die Zweckvorstellung die Folge zum Zweck und den Grund zum Mittel. Maßgebend aber war für die ganze Konstruktion die eigentümliche Stellung, welche nach KANT die Urteilskraft zwischen Verstand und Vernunft einzunehmen bestimmt war; während jener die Naturgesetze umfaßt und diese unser praktisches Verhalten bestimmt, dort die Notwendigkeit herrscht, hier die Freiheit des sittlichen Handelns, entsteht für die dritte Form unserer geistigen Tätigkeit die verhängnisvolle und schwierige Aufgabe, die widerstreitenden Ansprüche beider Prinzipien auszugleichen.
    "Zwischen beiden", bemerkt WUNDT, "besteht die Kluft, in welche nur das allgemeine Postulat eintritt, daß die Zwecke, welche aus dem Freiheitsbegriff hervorgehen, in der Sinnenwelt sich verwirklichen sollen. Unsere Verstandeserkenntnis vermag diese Forderung niemals zu erfüllen, sonst würde ja der Gegensatz zwischen Freiheit und Naturnotwendigkeit überhaupt nicht entstehen können. So bleibt es denn der zwischen Verstand und Vernunft schwebenden Urteilskraft überlassen, einen Begriff, der ursprünglich dem Gebiet des freien Handelns entnommen ist, den Zweckbegriff auf die Natur zu übertragen, womit aber, da durch diesen Begriff nie gezeigt wird, wie das einzelne entstehen muß, sondern immer, wie es in Übereinstimmung mit dem Ganzen, zu dem es gehört, gedacht werden kann, bloß eine Methode subjektiver Reflexion zustande kommt, welche in Wirklichkeit jene Kluft zwischen Freiheit und Notwendigkeit gar nicht ausfüllt, sondern höchstens unserem Denken die allgemeine Möglichkeit nahe bringt, daß sie an sich - obgleich niemals in unserer wirklichen Erkenntnis - ausfüllbar sei." (Logik I, Seite 573)
Eine andere, von ARISTOTELES vorbereitete und in der modernen Spekulation nach zwei entgegengesetzten Polen sehr kultivierte Form der Teleologie ist die der Immanenz. Indem der Stagirite [Aristoteles - wp] statt der über den einzelnen Dingen schwebenden Urbilder seines großen Lehrmeisters die  universalia in re  [Universalien existieren nur in Einzeldingen - wp] einsetzte, beseitigte er die anstößige Vorstellung eines Geschehens, das dem eigentlichen Wesen der Objekte ganz fremd sein mußte und sich nur zwangsweise durch äußere Beeinflußung  an,  nicht  in  ihnen vollzog. Jedes Ding erfüllt eben in dieser seiner Entwicklung die ihm eigentümliche Idee, die ihm im Ganzen der Weltordnung zukommt. Auch diesen Gesichtspunkt hat LOTZE anziehend erörtert:
    "Im eigenen Dasein liegt vielmehr der Zweck jedes Geschaffenen und wenn ein heilsames und harmonisches Wechselwirken des Verschiedenen zwar Tatsache sei, die in großem Umfang der Erfahrung vorliege, so ruhe doch der eigentliche Schwerpunkt dieser Naturauffassung nicht in den gegenseitigen Bezügen der einzelnen Wesen zueinander, die wir nur sehr unvollkommen einsehen, sondern in der inneren Zweckmäßigkeit jedes einzelnen, dessen verschiedene Bestandteile sich zum Ganzen einer festverschlungenen Organisation verknüpfen. Nicht eine äußere Nützlichkeit bilde für jedes Geschöpf den spannenden Punkt, mit Rücksicht auf welchen alle seine Eigenschaften gebildet sind, sondern die Idee seines eigenen Daseins sei der höchste Zweck, zu dessen Erfüllung alle Einzelheiten seines Baus als Mittel zusammenstimmen." (Mikrokosmus II, Seite 20)
Nach zwei sich einander diametral gegenüberstehenden Seiten hat sich nun diese Lehre von einer unbewußten Zweckmäßigkeit bekanntlich in den Weltanschauungen des Optimismus und Pessimismus; die großartige Idee einer von den dürftigsten Formen bis zu immer glänzenderen Manifestationen sich entfaltenden, gleichsam sich auf sich selbst besinnenden Vernunft, wie sie HEGEL begeisterte, blieb ein kühnes Projekt der Spekulation, das sich mit der widerstrebenden Erfahrung schwer vereinigen ließ. Schon die einfache Überlegung, daß jene Vorstellung von einem Walten einer unbewußten Zweckmäßigkeit unausweichlich auf eine bewußte Intelligenz hinführe, mußte die logische Unhaltbarkeit dieser ganzen Deduktion erkennen lassen. Und selbst hiervon abgesehen, so würde ja diese Auffassung zu dem gänzlich hoffnungslosen Unternehmen genötigt sein, jenen Weltplan, zu dessen Verwirklichung die einzelnen Erscheinungen dienen sollen, a priori und vor dieser fraglichen Einbildung des höchsten Prinzips in den Weltlauf als unbestreitbares und allgemeingültiges Gesetz zu erweisen.
    "Nur auf diesem Weg (setzt deshalb LOTZE hinzu) würde sie uns die Überzeugung vorbereiten, daß diejenigen Erscheinungen, deren innere Harmonie sie uns später zu bewundern ermahnen will, ein Recht besitzen, als Selbstzwecke nur der Entfaltung ihrer eigenen Ideen zu leben. Aber die gewöhnliche Betrachtung verfährt anders. Sie nimmt im Gegenteil viel zu früh und arglos Rücksicht auf die Tatsachen, welche sie verwirklicht vor sich sieht und indem sie denjenigen Ablauf der Ereignisse, in welchem wir uns gewohnheitsmäßig wie in unserem Lebenselement bewegen, unbesehen für einen empfehlenswerten oder für den vollkommensten aller denkbaren Zustände hinnimmt, kann es ihr dann freilich nicht schwer fallen, die lückenlose Zweckmäßigkeit aller Natureinrichtungen zur Herbeiführung desselben darzutun" (Mikrokosmus II, Seite 21).
Von derselben Voraussetzung ausgehend behauptet der Pessimismus die Gültigkeit des Zweckprinzips, nur daß er im Hinblick auf die Misere des Daseins zu einem entgegengesetzten Schluß gelangt, einer radikalen Weltvernichtung. Auch hier ist der psychologische Ausgangspunkt, der durch eine Trennung des Willens vom Bewußtsein den weiteren metaphysischen Aufbau anbahnt, klar; ja genau genommen verwandelt diese ungerechtfertigte Abstraktion die behauptete Immanenz des Zwecks in eine mystische Transzendenz (nämlich des hellsehenden, alleinen Unbewußten), die den einzelnen Erscheinungen völlig fremd bleibt. Es hilft deshalb auch nichts, wenn EDUARD HARTMANN uns versichert, er sei, entgegen dem blinden Mechanismus der Naturwissenschaft, ein warmer Vertreter des Zweckprinzips und die Gültigkeit desselben in den Vorgängen des organischen Lebens nachzuweisen sucht. Abgesehen von der brutalen, nichts weniger als zweckvollen, Torheit des ganz und gar mythologisch erdachten Weltanfangs, ist diese ganze Entfaltung des Alleinen in seinen verschiedenen Phasen eine glänzende Dichtung, da sie mit einem psychologischen Unding, dem Unbewußten, operiert, das noch dazu durchweg nach dem Schema des Geistes geschildert wird. Auch die HARTMANNsche Darstellung des Instinktes und der unwillkürlichen Bewegungen überhaupt bedient sich jenes unwissenschaftlichen Erklärungsmittels von der Allweisheit des Unbewußten, das sich im vermeintlich fehllosen Eintreffen des Erfolgs ohne das begleitende Bewußtsein des erstrebten Zwecks offenbaren soll. Da aber die neuere Naturwissenschaft, besonders die unter dem Bann DARWINs stehende Biologie, trotz ihrer prinzipiell antiteleologischen Richtung in diesem Begriff des Instinkts eine, wenn auch sehr bescheidene, Konzession an die verhaßten Zweckursachen gemacht hat, so bedarf es einer kurzen Erörterung des betreffenden Problems.

Überlassen wir zunächst HARTMANN das Wort:
    "Der Instinkt ist nicht Resultat einer bewußten Überlegung, nicht Folge einer körperlichen Organisation, nicht bloßes Resultat eines in der Organisation des Gehirns gelegenen Mechanismus, nicht Wirkung eines dem Geist von außen angeklebten toten, seinem innersten Wesen fremden Mechanismus, sondern selbsteigene Leistung des Individuums, aus seinem innersten Wesen und Charakter entspringend. Der Zweck, dem eine bestimmte Art von Instinkthandlungen dient, ist nicht von einem außerhalb des Individuums stehenden Geist, etwa einer Vorsehung, ein für allemal gedacht und nun dem Individuum die Notwendigkeit, nach ihm zu handeln, als etwas ihm Fremdes äußerlich aufgepfropft, sondern der Zweck des Instinkts wird in jedem einzelnen Fall vom Individuum unbewußt gewollt und vorgestellt und danach unbewußt die für jeden besonderen Fall geeignete Wahl das Mittel getroffen" (Philosophie des Unbewußten, Seite 97)
Oder wie die kurze Definition lautet: Instinkt ist zweckmäßiges Handeln ohne Bewußtsein des Zwecks oder es ist bewußtes Wollen des Mittels zu einem unbewußt gewollten Zweck. Soweit diese Ableitung mit dem widersinnigen Moment eines unbewußt, d. h. eben nur oder doch zunächst vom transzendenten Unbewußten gewollten und geleiteten Zwecks operiert, haben wir sie schon zurückgewiesen. Es handelt sich nur darum, inwiefern die Erklärung noch brauchbar ist, soweit sie auf die auch von HARTMANN herangezogenen und in der Naturwissenschaft in ganz besonders kultivierten Dispositionen des Gehirns und der Ganglien zurückgreif. Diese führen ihrerseits wieder auf Gewohnheit zurück (die für sich genommen nichts erklärt, sondern selbst allererst der Begründung bedarf) oder auf Vererbung. Man kennt zur Genüge die landläufigen Beschreibungen dieser zauberisch wirksamen Faktoren, wie unsere populäre vertrauensselige Naturwissenschaft sie zu liefern pflegt: Allmächtige, unbemerkte Häufung bestimmter körperlicher und geistiger Eigenschaften, die sich auf dem Weg einer natürlichen Verwandtschaft (die unleugbaren Ausnahmen bestätigen nach altem Herkommen nur die Regel) dem späteren Geschlecht mitteilen. Dasselbe würde mit dem Instinkt der Fall sein, da er ja auch zum Inventar des psychologischen Haushalts gehört. Wie gesagt diese ganze Beweisführung hängt bis auf den fraglichen Ausgangspunkt der Vererbung leidlich logisch in sich zusammen: Aber diese bildet auch das  caput mortuum,  [wertloses Überbleibsel - wp] da sie, falls sie als Grundgesetz für die gesamte Entwicklung dienen soll, unfraglich nicht bloß der Konstatierung, sondern vor allem einer genauen Erklärung und Ableitung aus anderen Prinzipien dringend bedarf. Diesen wunden Punkt hat OTTO LIEBMANN erfaßt und treffend geschildert:
    "Was ist denn Vererbung? Zunächst ein der Variabilität diametral entgegengesetzter, antagonistischer Faktor der empirischen Artenbildung, von welchem man schlechterdings nicht einsieht, wie er mit jener zusammen bestehen kann. Dann aber eine höchst rätselhafte, der Erklärung dringend bedürftige Erfahrungstatsache. Gesetzt, aus dem Organismus der Mutter entspränge auf einen Schlag fix und fertig das Junge, als ein der Mutter in allen Stücken vollkommen gleiches Ebenbild, das wäre - ein Wunder. Aber viel wunderbarer ist es in der Tat, daß im Uterus des Säugetiers, im Ei des Vogels, Fisches, Amphibiums und Insekts aus einem anfangs formlosen Keim ganz allmählich und planmäßig mittels physikalischer und chemischer Prozesse ein neues Wesen heranwächst, welches nach so und so viel Metamorphosen in immer bestimmter werdender Form von Art- und Familientypus der Mutter wiederholt. Woher kommt denn das? Warum wächst denn im Dotter des Hühnereis keine Eidechse oder Kaulquappe, sondern ein Huhn? Warum in der menschlichen Gebärmutter ein Menschenkind und kein junger Hund? Mit der Vererbung darf man hier nicht kommen, denn eben um den Grund der Vererbung handelt es sich. Man darf nicht sagen: Weil dieses Ei von der Henne, nicht vom Frosch oder der Eidechse gelegt ist. Denn das wäre formell eine lächerliche Tautologie, materiell ein jedem Knaben bekanntes Faktum, keine kausale Deduktion. Ich will wissen, durch welche Realgründe, welche Naturkräfte und durch welche konstanten Gesetze der Stoffbewegung genötigt, das Junge der Mutter ähnlich sehen  muß,  so wie ich weiß, durch welche Naturgesetze genötigt, von der bikonvexen Glasline ein verkleinertes Abbild der sichtbaren Gegenstände entstehen muß. Ich will wissen, warum sich aus dem als Exkrement abgesetzten Ei das ganze Tier mit wenigen Abweichungen rekonstruiert - ein Phönix aus der Asche. Hängt das etwa allein vom Stoff ab, von der chemischen Mischung? Nein! Man versuche es doch und lasse in der Retorte den Homunkulus [das Retortenbaby - wp] kristallisieren; die Ingredenzien kennt man ja. Es gehört eben der mütterliche Uterus dazu, er ist die einzig leistungsfähige Retorte. Aber was hat denn die Gestalt des neuen Wesens mit diesem Uterus zu tun? Eben das möchte ich gern wissen. Ich möchte ferner wissen, woher es kommt, daß das Junge, nachdem es längst den Mutterleib oder das Ei verlassen hat, also längst aus der direkten, materiell-mechanischen Wechselwirkung, durch die es  statu nascendi  [im Zustand der Geburt - wp] mit dem Mutterorganismus verbunden war, herausgetreten ist, dann doch immer noch eigensinnig fortfährt, in den Typus der Mutter hineinzuwachsen? Warum entfaltete es denn auch jetzt noch in bestimmter Reihenfolge, bestimmten Lebensaltern Organe, Eigenschaften, Charakterzüge, die schon bei den Eltern da waren? ... Es ist naiverweise als ein Gesetz oder gar als Grundgesetz der Vererbung hingestellt worden, daß beim Jungen die elterlichen Eigenschaften in derselben historischen Reihenfolge, in denselben Lebensperioden und Epochen zur Entfaltung kommen, wie bei den Eltern oder gar daß die Entwicklung der Individuen (Ontogenie) nur die Entwicklung des Stammes (Phylogenie) wiederholt! - Und das soll ein Gesetz, einer Erklärung sein? Eine ganz rohe, empirisch aufgelesene Notiz ist es, welche so wenig Erklärung ist, daß sie vielmehr dringend der Erklärung bedarf und so wenig Gesetz, daß sie vielmehr Ausnahmen zuläßt, - siehe die Mißgeburten. Ein Naturgesetz ist dieselbe so wenig, als die schätzbare Notiz, daß im Jahr durchschnittlich so und so viele Sternschnuppenfälle beobachtet werden oder Eisenbahnunfälle vorkommen. Jedes Naturgesetz ist eine Regel schlechthin ohne Ausnahme. Wenn also auf einer niedrigen Stufe der Wissenschaft etwas für ein Naturgesetz gehalten worden ist, wie z. B. der  horror vacui  [Schrecken vor der Leere - wp], nachträglich sich aber zeigt, daß doch Ausnahmen davon vorkommen, so liegt eben darin der Beweis, daß das vermeintliche Gesetz eben kein Gesetz ist, sondern ein voreilig generalisiertes Faktum, welches, ebenso wie die Ausnahmen, der Zurückführung auf wahre und echte Gesetze bedarf." (Zur Analysis der Wirklichkeit, Seite 411)
Man sieht, die Sache hat ihre großen Bedenken; die gewöhnliche Zurückleitung der Instinkte auf präformierte, durch Vererbung übermittelte Dispositionen unserer Organisation enthält fast in jedem Wort ein neues Problem, das nur den angeblich streng kausal denkenden Naturforschern verschlossen zu sein scheint. Jedenfalls ist für einen vorurteilslosen Blick soviel klar, daß die angestrebte Beseitigung des Zweckprinzips durch mechanische Ursachen eine reine Jllusion ist und jene obige Kritik muß jeden nicht im Netz eines einseitigen Darwinismus Befangenen von der philosophischen Unzulänglichkeit der Begriffe  Vererbung  und  Anpassung  als solcher überzeugen, sofern wenigstens diese nicht im teleologischen Licht aufgefaßt werden.
LITERATUR - Thomas Achelis, Das Zweckprinzip in der modernen Philosophie, Archiv für Geschichte der Philosophie, Bd. 4, Berlin 1891