ra-3ra-1M. SchelerW. StarkP. SzendeHorkheimerH.-J. Lieber    
 
MAX HORKHEIMER
Traditionelle
und kritische Theorie

[1/2]

"Insofern die Sachverhalte, die in der Wahrnehmung gegeben sind, als Produkte begriffen werden, die grundsätzlich unter menschliche Kontrolle gehören und jedenfalls künftig unter sie kommen sollen, verlieren sie den Charakter bloßer Tatsächlichkeit."

"Der intellektuellen und materiellen Aktivität der Menschen wird immer etwas äußerlich bleiben, nämlich die Natur als Inbegriff der jeweils noch unbeherrschten Faktoren, mit denen die Gesellschaft es zu tun hat. Soweit aber dazu als weiteres Stück Natur die einzig von den Menschen selbst abhängenden Verhältnisse, ihre Beziehung bei der Arbeit, der Gang ihrer eigenen Geschichte gehören, ist diese Äußerlichkeit nicht nur keine überhistorische, ewige Kategorie - das ist auch bloß Natur im angegebenen Sinn nicht -, sondern das Zeichen einer erbärmlichen Ohnmacht, in die sich zu schicken widermenschlich und widervernünftig ist."

Die Frage, was Theorie ist, scheint nach dem heutigen Stand der Wissenschaft keine großen Schwierigkeiten zu bieten. Theorie gilt in der gebräuchlichen Forschung als ein Inbegriff von Sätzen über ein Sachgebiet, die so miteinander verbunden sind, daß aus einigen von ihnen die übrigen abgeleitet werden können. Je geringer die Zahl der höchsten Prinzipien im Verhältnis zu den Konsequenzen, desto vollkommener ist die Theorie. Ihre reale Gültigkeit besteht darin, daß die abgeleiteten Sätze mit tatsächlichen Ereignissen zusammenstimmen. Zeigen sich dagegen Widersprüche zwischen Erfahrung und Theorie, so wird man diese oder jene revidieren müssen. Entweder hat man schlecht beobachtet oder mit den theoretischen Prinzipien ist etwas nicht in Ordnung. Im Hinblick auf die Tatsachen bleibt die Theorie daher stets Hypothese. Man muß bereit sein, sie zu ändern, wenn sich beim Bewältigen des Materials Unzuträglichkeiten herausstellen. Theorie ist das aufgestapelte Wissen in einer Form, die es zur möglichst eingehenden Kennzeichnung von Tatsachen brauchbar macht. POINCARÈ vergleicht die Wissenschaft mit einer Bibliothek, die unaufhörlich wachsen soll. Die Experimentalphysik spielt die Rolle des Biblothekars, der die Ankäufe besorgt, das heißt, sie bereichert das Wissen, indem sie Material herbeischafft. Die mathematische Physik, die Theorie der Naturwissenschaft im strengsten Sinn, hat die Aufgabe, den Katalog herzustellen. Ohne den Katalog könnte man sich der Bibliothek trotz aller Reichtümer nicht bedienen.
    "Das ist also die Rolle der mathematischen Physik, sie muß die Verallgemeinerung in dem Sinne leiten, daß sie ... den Nutzeffekt erhöht." (1)
Als Ziel der Theorie überhaupt erscheint das universale System der Wissenschaft. Es ist nicht mehr auf ein besonderes Gebiet beschränkt, sondern umfaßt alle möglichen Gegenstände. Die Trennung der Wissenschaften ist aufgehoben, indem die auf verschiedene Bereiche bezogenen Sätze auf dieselben Prämissen zurückgeführt werden. Derselbe begriffliche Apparat, der zur Bestimmung der toten Natur bereitsteht, dient auch zum Einordnen der lebendigen, und jeder, der seine Handhabung, das heißt die Regeln des Ableitens, das Zeichenmaterial, das Verfahren beim Vergleich von deduzierten Sätzen mit der Feststellung von Tatsachen usw. einmal gelernt hat, kann sich seiner jederzeit bedienen. Von diesem Zustand sind wir noch entfernt.

Das ist, freilich im Groben, die heute verbreitete Vorstellung vom Wesen der Theorie. Sie pflegt sich aus den Anfängen der neueren Philosophie herzuleiten. Als die dritte Maxime seiner wissenschaftlichen Methode bezeichnet DESCARTES den Entschluß,
    "der Ordnung nach meine Gedanken zu leiten, als bei den einfachsten und am leichtesten zu erkennenden Gegenständen zu beginnen, um nach und nach sozusagen gradweise bis zur Erkenntnis der zusammengesetzten aufzusteigen, wobei ich selbst unter denen Ordnung voraussetzte, die nicht in der natürlichen Weise aufeinander folgen."
Die Ableitung, wie sie in der Mathematik üblich ist, sei auf die gesamte Wissenshcaft anzuwenden. Die Ordnung der Welt erschließt sich einem deduktiven gedanklichen Zusammenhang.
    "Die langen Ketten von ganz einfachen und leicht einzusehenden Vernunftgründen, deren sich die Geometer zu bedienen pflegen, um zu ihren schwierigsten Beweisen zu gelangen, hatten mich darauf geführt, mir vorzustellen, daß alle Dinge, die unter die Erkenntnis der Menschen fallen können, untereinander in derselben Beziehung stehen und daß, wenn man nur darauf achtet, kein Ding für wahr zu halten, das es nicht ist, und stets die Ordnung beibehält, die erforderlich ist, um die einen von andern abzuleiten, es keine so entfernten Erkenntnisse geben kann, zu denen man nicht gelangt, noch auch so verborgene, die man nicht entdeckt." (2)
Je nach der übrigen philosophischen Einstellung des Logikers werden die allgemeinsten Sätze, von denen die Deduktion ihren Ausgang nimmt, selbst noch als Erfahrungsurteile, als Induktionen angesehen, wie bei JOHN STUART MILL, als evidente Einsichten, wie in rationalistischen und phänomenologischen Strömungen, oder als willkürliche Festsetzungen, wie in der modernen Axiomatik. In der fortgeschrittensten Logik der Gegenwart, wie sie in HUSSERLs  Logischen Untersuchungen  einen repräsentativen Ausdruck gefunden hat, wird Theorie "als in sich geschlossenes Sätzesystem einer Wissenschaft überhaupt" bezeichnet (3). Theorie im prägnanten Sinn ist "eine systematische Verknüpfung von Sätzen in der Form einer systematisch einheitlichen Deduktion". (4) Wissenschaft heißt "ein gewisses Universum von Sätzen ..., wie immer aus theoretischer Arbeit erwachsen, in deren systematischer Ordnung ein gewisses Universum von Gegenständen zur Bestimmung kommt." (5) Daß alle Teile durchgängig und widerspruchslos miteinander verknüpft sind, ist die Grundforderung, die jedes theoretische System befriedigen muß. Einstimmigkeit, welche Widerspruchslosigkeit einschließt, sowie das Fehlen überflüssiger, rein dogmatischer Bestandteile, die ohne Einfluß auf die beobachtbaren Erscheinungen sind, bezeichnet WEYL als unerläßliche Bedingung. (6)

Soweit dieser traditionelle Begriff von Theorie eine Tendenz aufweist, zielt sie auf ein rein mathematisches Zeichensystem ab. Als Elemente der Theorie, als Teile der Schlüsse und Sätze, fungieren immer weniger Namen für erfahrbare Gegenstände, sondern mathematische Symbole. Auch die logischen Operationen selbst sind bereits so weit rationalisiert, daß zumindest in großen Teilen der Naturwissenschaft die Theorienbildung zur mathematischen Konstruktion geworden ist.

Die Wissenschaften von Mensch und Gesellschaft sind bestrebt, dem Vorbild der erfolgreichen Naturwissenschaften nachzufolgen. Der Unterschied zwischen den Schulen der Gesellschaftswissenschaft, die mehr auf Tatsachenforschung und denen, die mehr auf Prinzipien eingestellt sind, hat unmittelbar mit dem Begriff der Theorie als solcher nichts zu tun. Die emsige Sammelarbeit in allen Fächern, die sich mit dem sozialen Leben befassen, das Zusammentragen gewaltiger Mengen von Einzelheiten über Probleme, die mittels sorgfältiger Enqueten oder anderer Hilfsmittel betriebenen empirischen Forschungen, wie sie seit SPENCER besonders in den angelsächsischen Universitäten einen großten Teil der Aktivität ausmachen, bieten gewiß ein Bild, das dem sonstigen Leben unter der industriellen Produktionsweise äußerlich verwandter erscheint als die Formulierung abstrakter Prinzipien, als die Erwägung über Grundbegriffe am Schreibtisch, wie sie etwa für einen Teil der deutschen Soziologie kennzeichnend waren. Aber das bedeutet keinen strukturellen Unterschied des Denkens. In den späten Perioden der gegenwärtigen Gesellschaft haben die sogenannten Geisteswissenschaften ohnehin nur einen schwankenden Marktwert; sie müssen schlecht und recht versuchen, es den glücklicheren Naturwissenschaften gleichzutun, deren Verwendungsmöglichkeit jeder Frage enthoben ist. Über die Identität der Auffassung von Theorie in den verschiedenen Soziologenschulen untereinander und mit den Naturwissenschaften kann jedenfalls kein Zweifel herrschen. Die Empiriker haben keine andere Vorstellung von durchgebildeter Theorie als die Theoretiker. Sie sind bloß der selbstbewußten Überzeugung, daß angesichts dre Kompliziertheit der gesellschaftlichen Probleme und des Standes der Wissenschaft die Arbeit an allgemeinen Prinzipien als bequeme und müßige Angelegenheit zu betrachten sei. Soweit theoretische Arbeit geleistet werden muß, vollzieht sie sich in einem stetigen Umgang mit dem Material; an umfassende theoretische Darstellungen sei in absehbarer Zeit noch gar nicht zu denken. Die Methoden exakter Formulierung, besonders mathematische Verfahrensweisen, deren Sinn mit dem umrissenen Begriff von Theorie aufs Engste zusammenhängt, sind bei diesen Gelehrten sehr beliebt. Es ist weniger die Theorie überhaupt als die von anderen und ohne eigenen Umgang mit den Problemen einer empirischen Fachwissenschaft von "oben her" entworfene Theorie, deren Bedeutung von dieser Seite bestritten wird. Unterscheidungen wie die zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft (TÖNNIES), zwischen der mechanischen und organischen Solidarität (DURKHEIM), zwischen Kultur und Zivilisation (ALFRED WEBER) als Grundformen menschlicher Vergesellschaftung enthüllten sogleich ihre Problematik, wenn man sie auf konkrete Probleme anzuwenden versucht. Der Weg, den die Soziologie beim gegenwärtigen Stand der Forschung nehmen muß, sei der mühsame Aufstieg von der Beschreibung gesellschaftlicher Phänomene zum eingehenden Vergleichen und von da erst zur Bildung allgemeiner Begriffe.

Der hier vorliegende Gegensatz läuft nur darauf hinaus, daß die Empiriker ihrer Tradition gemäß nur abgeschlossene Induktionen als die höchsten Sätze der Theorie gelten lassen wollen und glauben, man sei von solchen noch weit entfernt. Ihre Gegner halten für die Bildung der höchsten Kategorien und Einsichten auch andere, nicht so sehr vom Fortschreiten der Materialsammlung abhängige Verfahrensweisen für richtig. Mag z. B. DURKHEIM selbst vielfach mit den Grundansichten der Empiristen übereinstimmen; soweit es ihm um Prinzipien zu tun ist, erklärt er den Induktionsprozeß für abkürzbar. Die Klassifikation gesellschaftlicher Vorgänge aufgrund bloß empirischer Bestandsaufnahmen ist nach ihm weder möglich noch könnte sie die Forschung derart erleichtern, wie man es von ihr erwartet.
    "Ihre Rolle ist es, uns Anhaltspunkte an die Hand zu geben, durch welche wir diese Anhaltspunkte selbst erworben haben. Zu diesem Zweck jedoch muß sie nicht nach einem vollständigen Inventar aller individuellen Züge entworfen sein, sondern nach einer kleinen, sorgfältig ausgewählten Anzahl von ihnen ... Sie kann dem Beobachter sehr viele Schritte ersparen, weil sie ihn führen wird ... Wir müssen also für unsere Klassifikation besonders wesentliche Züge heraussuchen." (7)
Ob nun aber die höchsten Prinzipien durch Auswahl, durch Wesensschau oder durch reine Festsetzung gewonnen werden, bedeutet hinsichtlich ihrer Funktion im idealen theoretischen System keinen Unterschied. Gewiß ist, daß der Wissenschaftler seine mehr oder weniger allgemeinen Sätze an die neu auftretenden Tatsachen als Hypothesen heranbringt. Der phänomenologisch orientierte Soziologe wird freilich versichern, daß es nach der Feststellung eines Wesensgesetzes unzweifelhaft sicher ist, daß sich jedes Exemplar ihm entsprechend verhalten muß. Aber der hypothetische Charakter des Wesensgesetzes macht sich dann in dem Problem geltend, ob im Einzelfall ein Exemplar des betreffenden oder eines verwandten Wesens vorliegt, ob es sich um ein schlechtes Exemplar des einen oder ein gutes der anderen Gattung handelt. Immer steht auf der einen Seite das gedanklich formulierte Wissen, auf der anderen ein Sachverhalt, der unter dasselbe befaßt werden soll, und dieses Subsumieren, dieses Herstellen der Beziehung zwischen der bloßen Wahrnehmung oder Konstatierung des Sachverhaltes und der begrifflichen Struktur unseres Wissens heißt seine theoretische Erklärung.

Von den verschienen Arten der Einordnung braucht hier im einzelnen nicht die Rede zu sein. Es sei nur kurz angedeutet, wie es sich nach diesem traditionellen Begriff von Theorie mit dem Erklären geschichtlicher Ereignisse verhält. In der Kontroverse zwischen EDUARD MEYER und MAX WEBER tritt das deutlich hervor. MEYER hatte die Frage, ob beim Ausbleiben gewisser Willensentschlüsse bestimmter historischer Personen die von ihnen entfesselten Kriege früher oder später doch zustande gekommen wären, unbeantwortbar und müßig genannt. WEBER wollte im Gegensatz dazu erweisen, daß dann Geschichtserklärung überhaupt unmöglich ist. Er entwickelte im Anschluß an Theorien des Physiologen von KRIES und juristischer und nationalökonomischer Autoren wie MERKEL, LIEFMANN und RADBRUCH die "Theorie der objektiven Möglichkeit". Die Erklärung des Historikers bestehe ebensowenig wie die des Strafrechtlers in einer möglichst vollständigen Aufzählung aller beteiligten Umstände, sondern im Hervorheben des Zusammenhangs zwischen bestimmten, für den geschichtlichen Fortgang interessanten Bestandteilen des Ereignisses und einzelnen, determinierenden Vorgängen. Dieser Zusammenhang, als etwa das Urteil, daß ein Krieg durch die Politik eines zielbewußten Staatsmannes entfesselt worden sei, setzt logisch voraus, daß im Fall des Unterbleibens dieser Politik nicht der durch sie erklärte Effekt, sondern ein anderer eingetreten wäre. Wird eine bestimmte historische Verursachung behauptet, so schließt das immer ein, daß sich bei ihrem Fehlen infolge der bekannten Erfahrungsregeln unter den vorhandenen Umständen eine bestimmte andere Wirkung geltend gemacht hätte. Die Erfahrungsregeln sind dabei nichts anderes als die Formulierungen unseres Wissens über die ökönomischen, gesellschaftlichen und psychologischen Zusammenhänge. Mit ihrer Hilfe konstruieren wir den wahrscheinlichen Verlauf, wobei wir das Ereignis weglassen und einsetzen, das zur Erklärung dienen soll (8). Es ist ein Operieren mit Konditionalsätzen, angewandt auf eine gegebene Situation. Unter Voraussetzung der Umstände  a b c d  muß das Ergebnis  q  erwartet werden, fällt  d  weg, das Ereignis  r,  tritt  g  hinzu, das Ereignis  s,  usw. Ein solches Kalkulieren gehört zum logischen Gerüst der Historie wie der Naturwissenschaft. Es ist die Existenzweise von Theorie im traditionellen Sinn.

Was die Wissenschaftler auf den verschiedensten Gebieten somit als das Wesen der Theorie ansehen, entspricht in der Tat ihrer unmittelbaren Aufgabe. Sowohl die Handhabung der physischen Natur wie auch diejenige bestimmter ökonomischer und sozialer Mechanismuen erfordert eine Formung des Wissensmaterials, wie sie in einem Ordnungsgefüge von Hypothesen gegeben ist. Die technischen Fortschritte des bürgerlichen Zeitalters sind von dieser Funktion des Wissenschaftsbetriebs nicht abzulösen. Einerseits werden durch ihn die Tatsachen für das Wissen fruchtbar gemacht, das unter den gegebenen Verhältnissen verwertbar ist, andererseits das vorhandene Wissen auf die Tatsachen angewandt. Es besteht kein Zweifel, daß eine solche Arbeit ein Moment der fortwährenden Umwälzung und Entwicklung der materiellen Grundlagen dieser Gesellschaft darstellt. Soweit der Begriff der Theorie jedoch verselbständigt wird, als ob er etwa aus dem inneren Wesen der Erkenntnis oder sonstwie unhistorisch zu begründen sei, verwandelt er sich in eine verdinglichte, ideologische Kategorie.

Sowohl die Fruchtbarkeit neu entdeckter tatsächlicher Zusammenhänge für die Umgestaltung der vorhandenen Erkenntnis wie deren Anwendung auf Tatbestände sind Bestimmungen, die nicht auf rein logische oder methodologische Elemente zurückgehen, sondern jeweils nur im Zusammenhang mit realen gesellschaftlichen Prozessen zu verstehen sind. Daß eine Entdeckung die Umstrukturierung vorhandener Ansichten veranlaßt, ist nie ausschließlich durch logische Erwägungen, des näheren durch den Widerspruch zu bestimmten Teilen der herrschenden Vorstellungen begründbar. Es sind immer Hilfshypothesen ausdenkbar, durch die eine Änderung der Theorie im Ganzen vermieden werden könnte. Daß sich gleichwohl neue Ansichten durchsetzen, steht, auch wenn für die Wissenschaftler selbst nur immanente Motive bestimmend sind, in konkreten historischen Zusammenhängen. Das wird von den modernen Erkenntnistheoretikern nicht geleugnet, wenn sie auch bei den maßgebenden außerwissenschaftlichen Faktoren weniger an die gesellschaftlichen Verhältnisse als an Genie und Zufall denken. Daß man im 17. Jahrhunder begann, die Schwierigkeiten, in welche die traditionelle astronomische Erkenntnisweise geraten war, nicht mehr durch zusätzliche Konstruktionen zu erledigen, sondern zum kopernikanischen System überging, lag nicht an seinen logischen Eigenschaften - etwa der größeren Einfachheit - allein. Daß diese als Vorzüge wirkten, führt selbst auf die Grundlagen der gesellschaftlichen Praxis jener Epoche. Wie das im 16. Jahrhundert kaum erwähnte kopernikanische System dazu kam, zu einer revolutionären Macht zu werden, bildet einen Teil des geschichtlichen Prozesses, in dem das mechanistische Denken zur Herrschaft gelangt. (9) Daß die Änderung wissenschaftlicher Strukturen von der jeweiligen gesellschaftlichen Situation abhängt, gilt jedoch nicht allein für so umfassende Theorien wie das kopernikanische System, sondern auch für die speziellen Forschungsprobleme im Alltag. Ob das Auffinden neuer Varietäten auf einzelnen Gebieten der anorganischen oder organischen Natur, sei es im chemischen Laboratorium oder bei paläontologischen Forschungen, zur Änderung alter Klassifikationen oder zum Entstehen neuer den Anlaß bildet, läßt sich keineswegs nur aus der logischen Situation ableiten. Die Erkenntnistheoretiker pflegen sich hier mit einem nur scheinbar ihrer Wissenschaft immanenten Begriff der Zweckmäßigkeit zu helfen. Ob und wie neue Definitionen zweckmäßig aufgestellt werden, hängt in Wahrheit nicht bloß von der Einfachheit und Folgerichtigkeit des Systems, sondern unter anderem auch von der Richtung und Zielen der Forschung ab, die aus ihr selbst weder zu erklären noch gar letztlich einsichtig zu machen sind.

Und wie der Einfluß des Materials auf die Theorie so ist auch die Anwendung der Theorie auf das Material nicht nur ein innerwissenschaftlicher, sondern zugleich ein gesellschaftlicher Vorgang. Die Beziehung von Hypothesen auf Tatsachen vollzieht sich schließlich nicht im Kopf der Gelehrten, sondern in der Instustrie. Die Regeln, daß Steinkohlenteer, wenn er bestimmten Einwirkungen unterworfen wird, Farbqualitäten entwickelt oder daß Nitroglyzerin, Salpeter und andere Stoffe eine hohe Sprengkraft haben, sind aufgestapeltes Wissen, das in den Fabriksälen der großen Industrien wirklich auf die Tatsachen angewendet wird.

Unter den verschiedenen philosophischen Schulen scheinen besonders die Positivisten und Pragmatisten die Verflechtung der theoretischen Arbeit in den Lebensprozeß der Gesellschaft zu berücksichtigen. Sie bezeichnen die Voraussicht und Brauchbarkeit der Resultate als Aufgabe der Wissenschaft. In der Realität ist diese Zielbewußtheit, der Glaube an den sozialen Wert seines Berufs für den Gelehrten jedoch eine Privatangelegenheit. Er mag ebensowohl an ein unabhängiges, "suprasoziales", freischwebendes Wissen glauben wie an die soziale Bedeutung seines Fachs: dieser Gegensatz der Interpretation beeinflußt sein faktisches Tun nicht im geringsten. Der Gelehrte und seine Wissenschaft sind in den gesellschaftlichen Apparat eingespannt, ihre Leistung ist ein Moment der Selbsterhaltung, der fortwährenden Reproduktion des Bestehenden, gleichviel, was sie sich selbst für einen Reim darauf machen. Sie müssen nur ihrem "Begriff" entsprechen, das heißt Theorie in dem Sinn herstellen, wie er oben beschrieben wurde. In der gesellschaftlichen Arbeitsteilung hat der Gelehre Tatsachen in begriffliche Ordnungen einzugliedern und diese so instand zu halten, daß er selbst und alle, die sich ihrer bedienen müssen, ein möglichst weites Tatsachengebiet beherrschen können. Das Experiment hat innerhalb der Wissenschaft den Sinn, die Tatsachen in einer Weise festzustellen, die der jeweiligen Situation der Theorie besonders angemessen ist. Das Tatsachenmaterial, der Stoff wird von außen geliefert. Die Wissenschaft besorgt seine klare, übersichtliche Formulierung, so daß man die Kenntnisse handhaben kann, wie man will. Für den Gelehrten ist das Aufnehmen, Umformen, Durchrationalisieruen des Tatsachenwissens, gleichviel, ob es sich um ein möglichst eingehendes Darlegen des Stoffes wie in der Historie und den beschreibenden Zweigen anderer Einzelwissenschaften oder umd die Zusammenfassung von Datenmassen und das Gewinnen allgemeiner Regeln wie in der Physik handelt, seine besondere Art der Spontaneität, die theoretische Betätigung. Der Dualismus von Denken und Sein, Verstand und Wahrnehmung ist ihm natürlich.

Die traditionelle Vorstellung von Theorie ist aus dem wissenschaftlichen Betrieb abstrahiert, wie er sich innerhalb der Arbeitsteilung auf einer gegebenen Stufe vollzieht. Sie entspricht der Tätigkeit des Gelehrten, wie sie neben allen übrigen Tätigkeiten in der Gesellschaft verrichtet wird, ohne daß der Zusammenhang zwischen den einzelnen Tätigkeiten unmittelbar durchsichtigt wird. In dieser Vorstellung erscheint daher nicht die reale gesellschaftliche Funktion der Wissenschaft, nicht was die Theorie in der menschlichen Existenz, sondern nur, was sie in der abgelösten Sphäre bedeutet, worin sie unter den historischen Bedingungen erzeugt wird. In Wahrheit resultiert jedoch das Leben der Gesellschaft aus der Gesamtarbeit der verschiedenen Produktionszweige, und wenn die Arbeitsteilung unter der kapitalistischen Produktionsweise auch nur schlecht funktioniert, so sind ihre Zweige, auch die Wissenschaft, doch nicht als selbständig und unabhängig anzusehen. Sie sind Besonderungen der Art und Weise, wie sich die Gesellschaft mit der Natur auseinandersetzt und in ihrer gegebenen Form erhält. Sie sind Momente des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, mögen sie selbst auch wenig oder gar nicht produktiv im eigentlichen Sinne sein. Weder die Struktur der industriellen und agrarischen Produktion nocht die Trennung von sogenannten leitenden und ausführenden Funktionen, Diensten und Arbeiten, geistigen und manuellen Verrichtungen sind ewige oder natürliche Verhältnisse; sie gehen vielmehr aus der Produktionsweise in bestimmten Gesellschaftsformen hervor. Der Schein der Selbständigkeit von Arbeitsprozessen, deren Verlauf sich aus einem inneren Wesen ihres Gegenstandes herleiten soll, entspricht der scheinhaften Freiheit der Wirtschaftssubjekte in der bürgerlichen Gesellschaft. Sie glauben, nach individuellen Entschlüssen zu handeln, während sie noch in ihren kompliziertesten Kalkulationen Exponenten eines unübersichtlichen gesellschaftlichen Mechanismus sind.

Das falsche Selbstbewußtsein des bürgerlichen Gelehrten unter der liberalistischen Ära zeigt sich in den verschiedensten philosophischen Systemen. Einen besonders prägnanten Ausdruck hat es um die Jahrhundertwende im Neukantianismus Marburger Prägung gefunden. Einzelne Züge der theoretischen Tätigkeit des Fachgelehrten werden hier zu universalen Kategorien, gleichsam zu Momenten des Weltgeistes, des ewigen "Logos", gemacht, oder vielmehr entscheidende Züge des gesellschaftlichen Lebens werden auf die theoretische Tätigkeit des Gelehrten reduziert. Die "Kraft der Erkenntnis" wird "die Kraft des Ursprungs" genannt. Unter "Erzeugen" wird die "schöpferische Souveränität des Denkens" verstanden. Sofern etwas als gegeben erscheint, müsse es gelingen, alle Bestimmungen an ihm aus den theoretischen Systemen, in letzter Linie aus der Mathematik zu konstituieren; alle endlichen Größen lassen sich mittels der Infinitesimalrechnung aus dem Begriff des unendlich Kleinen herleiten, und eben dies sei ihre "Erzeugung". Das einheitliche System der in diesem Sinn allmächtigen Wissenschaft ist das Ideal. Und weil am Gegenstand sich alles in eine gedankliche Bestimmung auflöst, ist als Resultat dieser Arbeit nichts Festes, Materielles vorzustellen; die bestimmende, einordnende, einheitsstiftenden Funktion ist das einzige, worin alles gründet, worauf alle menschliche Anstrengung abzielt. Die Erzeugung ist eine Erzeugung der Einheit, und die Erzeugung selbst ist das Erzeugnis (10). Der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit besteht nach dieser Logik eigentlich darin, daß von dem armseligen Ausschnitt der Welt, den der Gelehrte zu Gesicht bekommt, immer mehr in der Form eines Differentialquotienten ausdrückbar wird. Während in Wirklichkeit der wissenschaftliche Beruf ein unselbständiges Moment in der Arbeit, der geschichtlichen Aktivität der Menschen ist, wird er hier an ihre Stelle gesetzt. Sofern die Vernunft in einer künftigen Gesellschaft tatsächlich die Ereignisse bestimmen soll, ist diese Hypostasierung [einem Wort wird reale Existenz untergeschoben - wp] des Logos als der Wirklichkeit auch eine verkleidete Utopie. Die Selbsterkenntnis des Menschen in der Gegenwart ist jedoch nicht die mathematische Naturwissenschaft, die als ewiger Logos erscheint, sondern die vom Interesse an vernünftigen Zuständen durchherrschte kritische Theorie der bestehenden Gesellschaft.

Die isolierende Betrachtung einzelner Tätigkeiten und Tätigkeitszweige mitsamt ihren Inhalten und Gegenständen bedarf, um wahr zu sein, des konkreten Bewußtseins ihrer eigenen Beschränktheit. Es muß zu einer Konzeption übergegangen werden, in der die Einseitigkeit, welche durch die Abhebung intellektueller Teilvorgänge von der gesamtgesellschaftlichen Praxis notwendig entsteht, wieder aufgehoben wird. In der Vorstellung der Theorie, wie sie sich dem Gelehrten selbst von seinem eigenen Beruf her unausweichlich ergibt, bietet das Verhältnis von Tatsache und begrifflicher Ordnung einen wichtigen Ansatzpunkt zu einer solchen Überwindung. Auch die herrschende Erkenntnistheorie hat die Problematik dieses Verhältnisses erkannt. Es wird immer wieder hervorgehoben, daß dieselben Gegenstände in der einen Dispziplin Probleme bilden, die in kaum absehbarer Zeit zu lösen sind, und in der anderen als schlichte Tatbestände hingenommen werden. Zusammenhänge, die in der Physik der Forschung als Thema aufgegeben sind, werden in der Biologie als selbstverständlich vorausgesetzt. In der Biologie selbst gilt das gleiche für die physiologischen im Verhältnis zu den psychologischen Abläufen. Die Sozialwissenschaften nehmen die gesamte menschliche und außermenschliche Natur als gegeben und interessieren sich für den Aufbau der Beziehungen zwischen Mensch und Natur und der Menschen untereinander. Aber nicht nur durch den Hinweis auf diese der bürgerlichen Wissenschaft immanente Relativität des Verhältnisses von theoretischem Denken und Tatsachen ist der Begriff von Theorie weiter zu entwickeln, sondern durch eine Erwägung, die nicht allein den Wissenschaftler, sondern die erkennenden Individuen überhaupt betrifft.

Die gesamte wahrnehmbare Welt, wie sie für das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft vorhanden ist und in der damit in Wechselwirkung stehenden traditionellen Weltauffassung interpretiert wird, gilt ihrem Subjekt als Inbegriff von Faktizitäten, sie ist da und muß hingenommen werden. Das ordnende Denken jedes Einzelnen gehört mit zu den gesellschaftlichen Reaktionen, die dahin tendieren, sich in einer den Bedürfnissen möglichst entsprechenden Weise anzupassen. Zwischen dem Individuum und der Gesellschaft besteht hier aber ein wesentlicher Unterschied. Dieselbe Welt, die für den Einzelonen etwas ansich Vorhandenes ist, das er aufnehmen muß und berücksichtigt, ist in der Gestalt, wie sie da ist und fortbesteht, ebensosehr Produkt der allgemeinen gesellschaftlichen Praxis. Was wir in der Umgebung wahrnhmen, die Städte, Dörfer, Felder und Wälder tragen den Stempel der Bearbeitung an sich. Die Menschen sind nicht nur in der Kleidung und im Auftreten, in ihrer Gestalt und Gefühlsweise ein Resultat der Geschichte, sondern auch die Art, wie sie sehen und hören, ist vom gesellschaftlichen Lebensprozeß, wie er sich in den Jahrtausenden entwickelt hat, nicht abzulösen. Die Tatsachen, welche die Sinne uns zuführen, sind in doppelter Weise gesellschaftlich präformiert: durch den geschichtlichen Charakter des wahrgenommenen Gegenstandes und den geschichtlichen Charakter des wahrnehmenden Organs. Beide sind nicht nur natürlich, sondern durch menschliche Aktivität geformt; das Individuum jedoch erfährt sich selbst bei der Wahrnehmung als aufnehmend und passiv. Der Gegensatz von Passivität und Aktivität, der in der Erkenntnistheorie als Dualismus von Sinnlichkeit und Verstand auftritt, gilt für die Gesellschaft nicht im gleichen Maß wie für das Individuum. Wo sich dieses als passiv und abhängig erfährt, ist jene, die sich doch aus Individuen zusammensetzt, ein wenn auch bewußtloses und insofern uneigentliches, jedoch tätiges Subjekt. Dieser Unterschied in der Existenz von Mensch und Gesellschaft ist ein Ausdruck der Zerspaltenheit, die den geschichtlichen Formen des gesellschaftlichen Lebens bisher eigen war. Die Existenz der Gesellschaft hat entweder auf unmittelbarer Unterdrückung beruth oder ist eine blinde Resultante widerstrebender Kräfte, jedenfalls nicht das Ergebnis bewußter Spontaneität der freien Individuen. Daher wechselt die Bedeutung der Begriffe von Passivität und Aktivität, je nachdem, ob sie auf die Gesellschaft oder Individuum bezogen werden. In der bürgerlichen Wirtschaftsweise ist die Aktivität der Gesellschaft blind und konkret, die des Individuums abstrakt und bewußt.

Die menschliche Produktion enthält stets auch Planmäßiges. Insofern, als die Tatsache, die für das Individuum äußerlich zur Theorie hinzukommt, gesellschaftlich produziert ist, muß daher, wenn auch in einem eingeschränkten Sinn, Vernunft in ihr zu finden sein. In der Tat steckt in der gesellschaftlichen Praxis immer auch das vorhandene und angewandte Wissen; die wahrgenommene Tatsache ist daher schon vor ihrer bewußten, vom erkennenden Individuum vorgenommenen theoretischen Bearbeitung durch menschliche Vorstellungen und Begriffe mitbestimmt. Dabei ist nicht etwa nur an das naturwissenschaftliche Experiment zu denken. Die sogenannte Reinheit des tatsächlichen Verlaufs, die durch die experimentelle Prozedur erreicht werden soll, ist gewiß an technische Bedingungen geknüpft, deren Zusammenhang mit dem materiellen Produktionsprozeß unmittelbar einleuchtet. Aber es wird hier leicht die Frage nach der Vermittlung des Tatsächlichen durch die gesellschaftliche Praxis als ganzer mit der Frage nach der Beeinflussung des beobachteten Gegenstandes durch das Meßinstrument, also durch dieses besondere Verfahren, vermengt. Das letztere Problem, das die Physik selbst fortwährend verfolgt, hängt mit dem hier aufgeworfenen nicht enger zusammen als das der Wahrnehmung überhaupt, auch der alltäglichen. Der physiologische Sinnesapparat des Menschen arbeitet selbst schon längst weitgehend in der Richtung physikalischer Versuche. Die Art, wie im aufnehmenden Betrachten Stücke geschieden und zusammengefaßt werden, wie einzelnes nicht bemerkt, anderes hervorgeboben wird, ist ebensosehr ein Resultat der modernen Produktionsweise, wie die Wahrnehmung eines Mannes aus irgendeinem Stamm primitiver Jäger und Fischer Resultat seiner Existenzbedingungen und freilich auch des Gegenstandes ist. Bezogen darauf ließe sich der Satz, die Werkzeuge seien Verlängerungen der menschlichen Organe, so umdrehen, daß die Organe auch Verlängerungen der Instrumente sind. Auf den höheren Stufen der Zivilisation bestimmt die bewußte menschliche Praxis unbewußt nicht bloß die subjektive Seite der Wahrnehmung, sondern in einem höherem Maß auch den Gegenstand. Was das Mitglied der industriellen Gesellschaft täglich um sich sieht, Mietskasernen, Fabriksäle, Baumwolle, Schlachtvieh, Menschen, und ferner nicht allein die Körper, sondern auch die Bewegung, in der sie wahrgenommen werden, von Untergrundbahnen, Förderkörben, Autos, Flugzeugen aus, dieses sinnliche Welt trägt die Züge der bewußten Arbeit an sich, und die Scheidung, was davon der unbewußten Natur, was der gesellschaftlichen Praxis angehört, ist real nicht durchzuführen. Selbst dort, wo es sich um die Erfahrung natürlicher Gegenstände als solcher handelt, ist deren Natürlichkeit durch den Kontrast zur gesellschaftlichen Welt bestimmt und insofern von ihr abhängig.

Das Individuum nimmt jedoch die sinnliche Wirklichkeit als bloße Folge von Tatsachen in die begrifflichen Ordnungen auf. Auch diese haben sich, freilich in einem wechselnden Zusammenhang, mit Lebensprozeß der Gesellschaft entwickelt. Wenn daher das Einordnen in die Systeme des Verstandes, die Beurteilung der Gegenstände, in der Regel mit großer Selbstverständlichkeit und bemerkenswerter Übereinstimmung unter den Mitgliedern der gegebenen Gesellschaft vor sich geht, so ist diese Harmonie sowohl zwischen der Wahrnehmung und dem traditionellen Denken wie zwischen Monaden, das heißt den individuellen Erkenntnissubjekten, kein metaphysischer Zufall. Die Macht des gesunden Menschenverstandes, des  common sense für den es keine Geheimnisse gibt, ferner die allgemeine Geltung von Ansichten auf den Gebieten, die nicht unmittelbar mit den gesellschaftlichen Kämpfen zusammenhängen, wie etwa den Naturwissenschaften, ist dadurch bedingt, daß die zu beurteilende Gegenstandswelt in hohem Maß aus einer Tätigkeit hervorgeht, die von denselben Gedanken bestimmt ist, mittels deren sie im Individuum wiedererkannt und begriffen wird. In KANTs Philosophie ist dieser Sachverhalt in idealistischer Form ausgedrückt. Die Lehre von der bloß passiven Sinnlichkeit und dem aktiven Verstand zeitigt bei ihm die Frage, woher der Verstand die sichere Voraussicht nimmt, das Mannigfaltige, das in der Sinnlichkeit gegeben ist, in aller Zukunft unter seine Regeln zu befassen. Die These einer prästabilierten [vorgefertigten - wp] Harmonie, eines "Präformationssystems der reinen Vernunft", daß dem Denken die Regeln als gewiß eingeboren sein sollen, nach denen die Gegenstände sich dann auch richten, wird von ihm ausdrücklich bekämpft (11). Seine Erklärung lautet, daß die sinnlichen Erscheinungen vom transzendentalen Subjekt, also durch vernünftige Aktivität, schon geformt sind, wenn sie von der Wahrnehmung aufgenommen und mit Bewußtsein beurteilt werden. (12) Die "transzendentale Affinität", die subjektive Bestimmtheit des sinnlichen Materials, von der das Individuum nichts weiß, hat er in den wichtigsten Kapiteln der  Kritik der reinen Vernunft  näher zu begründen versucht.

Die Schwierigkeit und Dunkelheit, welche die hierauf bezüglichen Hauptstücke von der Deduktion und vom Schematismus der reinen Verstandesbegriffe nach KANT selbst an sich tragen, mag damit zusammenhängen, daß er sich die dem empirischen Subjekt unbewußte, überindividuelle Tätigkeit nur in der idealistischen Form eines Bewußtseins ansich, einer rein geistigen Instanz vorstellt. Er sieht, gemäß der in seiner Periode erreichbaren theoretischen Übersicht, die Realität nicht als Produkt der im Ganzen freilich chaotischen, im einzelnen aber zielgerichteten gesellschaftlichen Arbeit an. Wo HEGEL bereits die List einer immerhin weltgeschichtlichen objektiven Vernunft erblickt, sieht KANT
    "eine verborgene Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals abraten und sie unverdeckt vor Augen legen werden". (13)
Jedenfalls hat er begriffen, daß hinter der Diskrepanz zwischen Tatsache und Theorie, die der Gelehrte in seinem fachlichen Geschäft erfährt, eine tieferen Einheit steckt, die allgemeine Subjektivität, von der das individuelle Erkennen abhängt. Die gesellschaftliche Aktivität erscheint als transzendentale Macht, das heißt als Inbegriff geistiger Faktoren. KANTs Behauptung, daß ihre Wirksamkeit von einem Dunkel umgeben, das heißt trotz aller Rationalität irrational ist, entbehrt dennoch nicht eines wahren Kerns. Die bürgerliche Wirtschaftsweise ist bei allem Scharfsinn der konkurrierenden Individuen von keinem Plan beherrscht, nicht bewußt auf ein allgemeines Ziel gerichtet; das Leben des Ganzen geht aus ihr nur unter übermäßigen Reibungen in verkümmertert Gestalt und gleichsam als Zufall hervor. Die inneren Schwierigkeiten, mit denen die höchsten Begriffe der kantischen Philosophie, vor allem das Ich der transzendentalen Subjektivität, die reine oder ursprüngliche Apperzeption, das Bewußtsein ansich behaftet sind, zeugen von der Tiefe und Aufrichtigkeit seines Denkens. Der Doppelcharakter dieser kantischen Begriffe, die einerseits die höchste Einheit und Zielrichtung, andererseits etwas Dunkles, Bewußtloses, Undurchsichtiges bezeichnen, trifft genau die widerspruchsvolle Form der menschlichen Aktivität in der neueren Zeit. Das Zusammenwirken der Menschen in der Gesellschaft ist die Existenzweise ihrer Vernunft, so wenden sie ihre Kräfte an und bestätigen ihr Wesen. Zugleich jedoch ist dieser Prozeß mitsamt seinen Resultaten ihnen selbst entfremdet, erscheint ihnen mit all seiner Verschwendung von Arbeitskraft und Menschenleben, mit seinen Kriegszuständen und dem ganzen sinnlosen Elend als unabänderliche Naturgewalt, als übermenschliches Schicksal. In KANTs theoretischer Philosophie, in seiner Analyse der Erkenntnis, ist dieser Widerspruch aufbewahrt. Die unaufgelöste Problematik des Verhältnisses von Aktivität und Passivität, Apriori und sinnlichem Datum, Philosophie und Psychologie, ist daher keine subjektive, sondern eine sachlich notwendige Unzulänglichkeit. HEGEL hat diese Widersprüche aufgedeckt und entfaltet, aber am Ende im Medium einer höheren geistigen Sphäre versöhnt. Aus der Verlegenheit vor dem allgemeinen Subjekt, das KANT behauptet und doch nicht recht zu bezeichnen vermag, hat sich HEGEL frei gemacht, indem er den absoluten Geist als das Allerrealste setzt. Das Allgemeine hat sich nach ihm bereits adäquat entfaltet und ist identisch mit dem, was sich vollzieht. Die Vernunft braucht nicht mehr bloß kritisch gegen sich zu sein; sie ist bei HEGEL affirmativ geworden, bevor noch die Wirklichkeit als vernünftig zu bejahen ist. Angesichts der real weiterbestehenden Widersprüche der menschlichen Existenz, angesichts der Ohnmacht der Individuen vor den von ihnen selbst erzeugten Verhältnissen erscheint diese Lösung als private Behauptung, als persönlicher Friedensschluß des Philosophen mit einer unmenschlichen Welt.

Das Einordnen der Tatsachen in bereitliegende Begriffssysteme und deren Revision durch Vereinfachung oder Bereinigung von Widersprüchen ist, wie ausgeführt, ein Teil der allgemeinen gesellschaftlichen Praxis. Bei der Gespaltenheit der Gesellschaft in Gruppen und Klassen versteht es sich, daß die theoretischen Gebilde je nach ihrer Zugehörigkeit zu einer von ihnen auch eine verschiedene Beziehung zu dieser allgemeinen Praxis haben. Solange unter einer feudalen Gesellschaft die bürgerliche Klasse sich erste formierte, hatte die mit ihr aufkommende rein wissenschaftliche Theorie eine jener Epoche gegenüber weitgehend auflösende, gegen die alte Form der Praxis aggressive Tendenz. Im Liberalismus kennzeichnete sie den herrschenden Menschentypus. Heute wird die Entwicklung weitaus weniger durch die mittleren Existenzen bestimmt, die in ihrer Konkurrenz untereinander darauf angewiesen sind, den materiellen Produktionsapparat und die Erzeugnisse zu verbessern, als durch die nationalen und internationalen Gegensätze von Führercliquen auf den verschiedenen Kommandohöhen in Wirtschaft und Staat. Sofern das theoretische Denken nicht auf höchst spezielle, mit diesen Kämpfen zusammenhängende Zwecke, vor allem den Krieg und seine Industrie, bezogen ist, hat das Interesse an ihm abgenommen. Es werden weniger Energien darauf verwendet, die Denkfähigkeit, unabhängig von der Anwendungsart, auszubilden und weiterzuführen.

Diese Unterschiede, denen sich noch viele andere hinzufügen ließen, ändern jedoch nichts daran, daß die Theorie in der traditionellen Gestalt, die Beurteilung des Gegebenen anhand eines auch im einfachsten Bewußtsein noch wirksamen herkömmlichen Begriffs- und Urteilsapparates, ferner die Wechselwirkung, die zwischen den Tatsachen und den theoretischen Formen aufgrund der alltäglichen, beruflichen Aufgaben vor sich geht, eine positive gesellschaftliche Funktion ausübt. In dieses intellektuelle Tun sind die Notwendigkeiten und Zwecke, die Erfahrungen und Fertigkeiten, die Gewohnheiten und Tendenzen der gegenwärtigen Form des menschlichen Seins eingegangen. Wie ein materielles Produktionsinstrument stellt es der Möglichkeit nach ein Element nicht nur des gegenwärtigen, sondern auch eines gerechteren, differenzierteren und harmonischeren kulturellen Ganzen dar. Soweit sich dieses theoretische Denken nicht bewußt an äußere, dem Gegenstand fremde Interessen anpaßt, sondern wirklich an die Probleme hält, wie sie ihm infolge der fachlichen Entwicklung entgegentreten, im Zusammenhang damit auch neue Probleme aufwirft und alte Begriffe umbildet, wo es nötig erscheint, darf es mit Recht die Leistungen des bürgerlichen Zeitalters in Technik und Industrie als seine Legitimation ansehen und seiner selbst sicher sein. Freilich versteht es sich als Hypothese und nicht als Gewißheit. Aber dieser Hypothesencharakter wird auf manche Weise kompensiert. Die Unsicherheit ist nicht größer, als sie jeweils aufgrund der vorhandenen intellektuellen und technischen Mittel sein muß, die ihre Brauchbarkeit im allgemeinen erwiesen haben, und die Aufstellung solcher Hypothesen, mag ihre Wahrscheinlichkeit auch nur gering sein, gilt selbst als eine gesellschaftlich notwendige und wertvolle Leistung, die ansich jedenfalls nicht hypothetisch ist. Die Hypothesenbildung, die theoretische Leistung überhaupt ist eine Arbeit, für die unter den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen grundsätzliche Verwendungsmöglichkeit, das heißt eine Nachfrage vorhanden ist. Sofern sie unter ihrem Wert bezahlt wird oder gar liegenbleibt, teilt sie nur das Schicksal anderer konkreterer und möglicherweise nützlicher Arbeiten, die bei dieser Wirtschaft verloren sind. Sie setzen sie jedoch voraus und gehören zum ökonomischen Gesamtprozeß, wie er sich unter den bestimmten historischen Bedingungen vollzieht. Mit der Frage, ob die wissenschaftlichen Bestrebungen selbst im strengen Sinn produktiv sind, hat das gar nichts zu tun. Für eine Unmasse sogenannter wissenschaftlicher Erzeugnisse gibt es in dieser Ordnung der Dinge eine Nachfrage; sie werden in der verschiedensten Weise honoriert, ein Teil der Güter, die wirklich produktiver Arbeit entstammen, wird für sie ausgegeben, ohne daß damit im Geringsten etwas über ihre eigene Produktivität ausgemacht wäre. Auch der Leerlauf gewisser Teile des Universitätsbetriebes sowie nichtssagender Scharfsinn, metaphysische und nicht-metaphysische Ideologienbildung haben ebenso wie andere, aus den gesellschaftlichen Gegensätzen hervorgehende Notwendigkeiten ihre soziale Bedeutung, ohne in der gegenwärtigen Periode den Interessen irgendeiner nennenswerten Mehrheit der Gesellschaft wirklich gemäß zu sein. Eine Tätigkeit, die zur Existenz der Gesellschaft in ihren gegebenen Formen beiträgt, braucht durchaus nicht produktiv, das heißt wertbildend für ein Unternehmen zu sein. Trotzdem kann sie zu dieser Ordnung gehören und sie mit ermöglichen, wie dies bei der Fachwissenschaft wirklich der Fall ist.

Es gibt nun ein menschliches Verhalten (14), das die Gesellschaft selbst zu seinem Gegenstand hat. Es ist nicht nur darauf gerichtet, irgendwelche Mißstände abzustellen, diese erscheinen ihm vielmehr als notwendig mit der ganzen Einrichtung des Gesellschaftsbaus verknüpft. Wenngleich es aus der gesellschaftlichen Struktur hervorgeht, so ist es doch weder seiner bewußten Absicht noch seiner objektiven Bedeutung nach darauf bezogen, daß irgendetwas in dieser Struktur besser funktioniert. Die Kategorien des Besseren, Nützlichen, Zweckmäßigen, Produktiven, Wertvollen, wie sie in dieser Ordnung gelten, sind ihm vielmehr selbst verdächtig und keineswegs außerwissenschaftliche Voraussetzungen, mit denen es nichts zu schaffen hat. Während es zum Individuum in der Regel dazugehört, daß es die Grundbestimmungen seiner Existenz als vorgegeben hinnimmt und zu erfüllen strebt, während es seine Befriedigung und seine Ehre darin findet, die mit seinem Platz in der Gesellschaft verknüpften Aufgaben nach Kräften zu lösen und bei aller energischen Kritik, die etwa im Einzelnen angebracht sein sollte, tüchtig das Seine zu tun, ermangelt jenes kritische Verhalten durchaus des Vertrauens in die Richtschnur, die das gesellschaftliche Leben, wie es sich nun einmal vollzieht, jedem an die Hand gibt. Die Trennung von Individuum und Gesellschaft, kraft deren der Einzelne die vorgezeichneten Schranken seiner Aktivität als natürlich hinnimmt, ist in der kritischen Theorie relativiert. Sie begreift den vom blinden Zusammenwirken der Einzeltätigkeiten bedingten Rahmen, das heißt die gegebene Arbeitsteilung und die Klassenunterschiede, als eine Funktion, die, menschlichem Handeln entspringend, möglicherweise auch planmäßiger Entscheidung, vernünftiger Zielsetzung unterstehen kann.

Der zwiespältige Charakter des gesellschaftlichen Ganzen in seiner aktuellen Gestalt entwickelt sich bei den Subjektiven des kritischen Verhaltens zum bewußten Widerspruch. Indem sie die gegenwärtige Wirtschaftsweise und die gesamte auf ihr begründete Kultur als Produkt menschlicher Arbeit erkennen, als die Organisation, die sich die Menschheit in dieser Epoche gegeben hat und zu der sie fähig war, identifizieren sie sich selbst mit diesem Ganzen und begreifen es als Willen und Vernunft; es ist ihre eigene Welt. Zugleich erfahren sie, daß die Gesellschaft außermenschlichen Naturprozessen, bloßen Mechanismen zu vergleichen ist, weil die auf Kampf und Unterdrückung beruhenden Kulturformen keine Zeugnisse eines einheitlichen, selbstbewußten Willens sind; diese Welt ist nicht die ihre, sondern die des Kapitals. Die bisherige Geschichte kann nicht eigentlich verstanden werden, verständlich sind in ihr nur Individuen und einzelne Gruppen, und auch diese nicht ohne Rest, da sie kraft ihrer inneren Abhängigkeit von einer unmenschlichen Gesellschaft auch im bewußten Handeln noch weitgehend mechanische Funktionen sind. Jene Identifikation ist daher widerspruchsvoll, ein Widerspruch, der alle Begriffe der kritischen Denkart kennzeichnet. So gelten ihr die ökonomischen Kategorien Arbeit, Wert und Produktivität genau als das, was sie in dieser Ordnung gelten, und sie betrachtet jede andere Ausbeutung als schlechten Idealismus. Zugleich erscheint es als die gröbste Unwahrheit, die Geltung einfach hinzunehmen: die kritische Anerkennung der das gesellschaftliche Leben beherrschenden Kategorien enthält zugleich seine Verurteilung. Dieser dialektische Charakter der Selbstinterpretation des gegenwärtigen Menschen bedingt letzten Endes auch die Dunkelheit der kantischen Vernunftkritik. Die Vernunft kann sich selbst nicht durchsichtig werden, solange die Menschen als Glieder eines vernunftlosen Organismus handeln. Der Organismus als natürlich wachsende und vergehende Einheit ist für die Gesellschaft nicht etwa ein Vorbild, sondern eine dumpfe Seinsform, aus der sie sich zu emanzipieren hat. Ein Verhalten, das auf diese Emanzipation gerichtet, die Veränderung des Ganzen zum Ziel hat, mag sich wohl der theoretischen Arbeit bedienen, wie sie innerhalb der Ordnungen der bestehenden Wirklichkeit geschieht. Es entbehrt jedoch des pragmatischen Charakters, der sich aus dem traditionellen Denken als einer gesellschaftlich nützlichen Berufsarbeit ergibt.

Dem herkömmlichen theoretischen Denken gelten, wie dargelegt, sowohl die Genesis der bestimmten Sachverhalte, als auch die praktische Verwendung der Begriffssysteme, in die man sie befaßt, somit seine Rolle in der Praxis, als äußerlich. Diese Entfremdung, die sich in der philosophischen Terminolgie als Trennung von Wert und Forschung, Wissen und Handeln sowie anderen Gegensätzen ausdrückt, bewahrt den Gelehrten vor den angezeigten Widersprüchen und verleiht seiner Arbeit ihren festen Rahmen. Einem Denken, das ihn nicht anerkennt, scheint der Boden entzogen zu sein. Was könnte ein theoretisches Verfahren, das nicht zuletzt mit der Bestimmung von Tatsachen aus möglichst einfachen und differenzierten Begriffssystemen zusammenfällt, anderes darstellen als ein direktionsloses intellektuelles Spiel, halb begriffliche Dichtung, halb ohnmächtiger Ausdruck von Gemütszuständen? Die Untersuchung der sozialen Bedingtheit von Tatsachen sowie von Theorien mag wohl ein Forschungsproblem, ja, ein ganzes Feld theoretischer Arbeit bilden, aber es ist nicht einzusehen, inwiefern sich derartige Studien von anderen fachlichen Bestrebungen grundsätzlich unterscheiden sollten. Ideologieforschung oder Wissenssoziologie, die man aus der kritischen Theorie der Gesellschaft herausgenommen und als besondere Disziplinen etabliert hat, stehen ja weder ihrem Wesen noch ihrem Ehrgeiz nach zum üblichen Betrieb der ordnenden Wissenschaft im Gegensatz. Die Selbsterkenntnis des Denkens wird dabei auf die Enthüllung von Beziehungen zwischen geistigen Positionen und sozialen Standorten reduziert. Die Struktur des kritischen Verhaltens, dessen Absichten über die der herrschenden gesellschaftlichen Praxis hinausgehen, ist solchen sozialen Disziplinen gewiß nicht verwandter als der Naturwissenschaft. Sein Gegensatz zum traditionellen Begriff von Theorie entspringt überhaupt nicht so sehr aus einer Verschiedenheit der Gegenstände als der Subjekte. Den Trägern dieses Verhaltens sind die Tatsachen, wie sie aus der Arbeit in der Gesellschaft hervorgehen, nicht im gleichen Maß äußerlich wie dem Gelehrten oder den Mitgliedern sonstiger Berufe, die alle als kleine Gelehrte denken. Es kommt ihnen auf eine Neuorganisation der Arbeit an. Insofern aber die Sachverhalte, die in der Wahrnehmung gegeben sind, als Produkte begriffen werden, die grundsätzlich unter menschliche Kontrolle gehören und jedenfalls künftig unter sie kommen sollen, verlieren sie den Charakter bloßer Tatsächlichkeit.

Während der Fachgelehrte "als" Wissenschaftler die gesellschaftliche Realität mitsamt ihren Produkten für äußerlich ansieht und "als" Staatsbürger sein Interesse an ihr durch politische Artikel, Mitgliedschaft bei Parteien oder Wohltätigkeitsorganisationen und einer Beteiligung an den Wahlen wahrnimmt, ohne diese beiden und einige weitere Verhaltensweise seiner Person anders als höchstens durch eine psychologische Interpretation zusammenzubringen, ist das kritische Denken heute durch den Versuch motiviert, über die Spannung real hinauszugelangen, den Gegensatz zwischen der im Individuum angelegten Zielbewußtheit, Spontaneität, Vernünftigkeit und der für die Gesellschaft grundlegenden Beziehungen des Arbeitsprozesses aufzuheben. Das kritische Denken enthält einen Begriff des Menschen, der sich selbst widerstreitet, solange diese Identität nicht hergestellt ist. Wenn von der Vernunft aus ein bestimmtes Handeln zum Menschen gehört, ist die gegebene gesellschaftliche Praxis, welche das Dasein bis in die Einzelheiten formt, unmenschlich, und diese Unmenschlichkeit wirkt auf alles zurück, was sich in der Gesellschaft vollzieht. Der intellektuellen und materiellen Aktivität der Menschen wird immer etwas äußerlich bleiben, nämlich die Natur als Inbegriff der jeweils noch unbeherrschten Faktoren, mit denen die Gesellschaft es zu tun hat. Soweit aber dazu als weiteres Stück Natur die einzig von den Menschen selbst abhängenden Verhältnisse, ihre Beziehung bei der Arbeit, der Gang ihrer eigenen Geschichte gehören, ist diese Äußerlichkeit nicht nur keine überhistorische, ewige Kategorie - das ist auch bloß Natur im angegebenen Sinn nicht -, sondern das Zeichen einer erbärmlichen Ohnmacht, in die sich zu schicken widermenschlich und widervernünftig ist.

Das bürgerliche Denken ist so beschaffen, daß es in der Rückwendung auf sein eigenes Subjekt mit logischer Notwendigkeit das Ego erkennt, das sich autonom dünkt. Es ist seinem Wesen nach abstrakt, und die als Urgrund der Welt oder gar als Welt überhaupt sich aufblähende, vom Geschehen abgeschlossene Individualität ist sein Prinzip. Der unmittelbare Gegensatz dazu ist die Gesinnung, die sich für den unproblematischen Ausdruck einer schon bestehenden Gemeinschaft hält, wie etwa die völkische Ideologie. Das rhetorische Wir wird hier im Ernst gebraucht. Das Reden glaubt, das Organ der Allgemeinheit zu sein. In der zerrissenen Gesellschaft der Gegenwart ist dieses Denken, vor allem in gesellschaftlichen Fragen, harmonistisch und illusionär. Das kritische Denken und seine Theorie ist beiden Arten entgegengesetzt. Es ist weder die Funktion eines isolierten Individuums noch die einer Allgemeinheit von Individuen. Es hat vielmehr bewußt ein bestimmtes Individuum in seinen wirklichen Beziehungen mit anderen Individuen und Gruppen, in seiner Auseinandersetzung mit einer bestimmten Klasse und schließlich in der so vermittelten Verflechtung mit dem gesellschaftlichen Ganzen und der Natur zum Subjekt. Es ist kein Punkt wie das Ich in der bürgerlichen Philosophie; seine Darstellung besteht in der Konstruktion der geschichtlichen Gegenwart. Auch das denkende Subjekt ist nicht die Stelle, an der Wissen und Gegenstand zusammenfallsen, von der aus daher ein absolutes Wissen zu gewinnen wäre. Dieser Schein, in dem seit DESCARTES der Idealismus lebt, ist in einem strengen Sinn Ideologie, die beschränkte Freiheit des bürgerlichen Individuums erscheint in der Gestalt vollendeter Freiheit und Autonomie. Aber das Ich, ob es sich nun bloß als denkendes oder auch in anderer Weise betätigt, ist in einer undurchsichtigen, bewußtlosen Gesellschaft auch seiner selbst nicht gewiß. Im Denken über den Menschen klaffen Subjekt und Objekt auseinander; ihre Identität liegt in der Zukunft und nicht in der Gegenwart. Die Methode, die dahin führt, mag nach dem cartesianischen Sprachgebrauch  Klärung  heißen, aber diese Klärung bedeutet im wirklich kritischen Denken nicht bloß einen logischen, sondern ebensosehr einen konkreten geschichtlichen Prozeß. In seinem Verlauf ändert sich sowohl die soziale Struktur im Ganzen, wie das Verhältnis des Theoretikers zur Klasse und zur Gesellschaft überhaupt, das heißt es ändert sich das Subjekt wie auch die Rolle des Denkens. Die Annahme der wesentlichen Unveränderlichkeit des Verhältnisses von Subjekt, Theorie und Gegenstand unterscheidet die cartesianische Auffassung von jeder Art dialektischer Logik.

Wie aber hängt das kritische Denken mit der Erfahrung zusammen? Wenn es nicht bloß ordnen, sondern auch die dem Ordnen tranzszendenten Zwecke, seine Richtung aus selbst hernehmen soll, dann - so könnte man folgern - bleibt es immer nur bei sich, wie in der idealistischen Philosophie. Soweit es nicht zu utopistischen Phantasien seine Zuflucht nimmt, versinkt es in formalistischer Spiegelfechterei. Der Versuch, auf legitime Weise praktische Ziele denkend zu bestimmen, muß immer mißlingen. Bescheidet sich das Denken nicht bei der Rolle, die ihm in der bestehenden Gesellschaft zugewiesen ist, treibt es nicht im traditionellen Sinne Theorie, so kehrt es notwendgi zu längst überwundenen Jllusionen zurück. Diese Reflexion begeht den Fehler, daß in ihr das Denken in der abgelösten fachlichen und daher spiritualistischen Weise verstanden ist, wie es sich unter den Bedingungen der gegenwärtigen Arbeitsteilung vollzieht. In der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist die Vorstellungstätigkeit nie bei sich selbst geblieben, sonder hat seit je als unselbständiges Moment des Arbeitsprozesses fungiert, der eine eigene Richtung hat. Durch die gegensätzliche Bewegung aufsteigender und rückschrittlicher Epochen und Kräfte tendiert er auf Erhaltung, Steigerung und Entfaltung des menschlichen Lebens. In den geschichtlichen Daseinsformen der Gesellschaft kam die Fülle der produzierten Genußgüter auf der erreichten Stufe jeweils bloß einer kleinen Gruppe von Menschen unmittelbar zugute, und diese Lebensverfassung erscheint auch im Denken, sie drückt der Philosophie und Religion ihren Stempel auf. In der Tiefe regte sich jedoch von Anfang an ein Streben nach einer Ausbreitung des Genusses auf die Mehrheit, bei aller materiellen Zweckmäßigkeit der Klassenorganisation hat jede ihrer Formen sich am Ende als unangemessen herausgestellt. Sklaven, Leibeigene und Bürger haben ihr Joch abgeschüttelt. Auch dieses Streben hat sich in den Kulturgebilden Gestalt verliehen. Indem nun in der neueren Geschichte von jedem Individuum gefordert ist, daß es die Zwecke des Ganzen zu seinen eigenen macht und seine eigenen im Ganzen wiedererkennt, besteht die Möglichkeit, daß die ohne eine bestimmte Theorie und als Resultante disparater Kräfte eingeschlagene Richtung des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses, an deren Wendepunkten zuweilen die Verzweiflung der Massen den Ausschlag gab, ins Bewußtsein aufgenommen und zum Ziel gemacht wird. Das Denken spinnt dies nicht aus sich heraus, es kommt vielmehr über seine eigene Funktion ins Klare. Die Menschen gelangen im geschichtlichen Gang zur Erkenntnis ihres Tuns und begreifen damit den Widerspruch in ihrer Existenz. Die bürgerliche Wirtschaft war darauf angelegt, daß die Individuen, indem sie ihr eigenes Glück besorgen, das Leben der Gesellschaft erhalten. Dieser Struktur wohnt jedoch eine Dynamik inne, kraft deren sich schließlich in einem Ausmaß, das an die alten asiatischen Dynastien erinnert, eine phantastische Macht auf der einen, materielle und intellektuelle Ohnmacht auf der anderen Seite anhäuft. Die ursprüngliche Fruchtbarkeit dieser Organisierung des Lebensprozesses verwandelt sich in Unfruchtbarkeit und Hemmung. Die Menschen erneuern durch ihre eigene Arbeit eine Realität, die sie in steigendem Maß versklavt und mit jeder Art von Elend bedroht. Das Bewußtsein dieses Gegensatzes stammt nicht aus der Phantasie, sondern aus der Erfahrung.

Und doch besteht im Hinblick auf die Rolle der Erfahrung ein Unterschied zwischen der traditionellen und der kritischen Theorie. Die Gesichtspunkte, welche diese als Ziele menschlicher Aktivität aus der historischen Analyse entnimmt, vor allem die Idee einer vernünftigen, der Allgemeinheit entsprechenden gesellschaftlichen Organisation, sind der menschlichen Arbeit immanent, ohne den Individuen oder dem öffentlichen Geist in richtiger Form gegenwärtig zu sein. Es gehört eine bestimmte Richtung des Interesses dazu, um diese Tendenzen zu erfahren und wahrzunehmen. Daß diese im Proletariat, der unmittelbar produktiven Klasse, notwendig erzeugt wird, ist die Lehre von MARX und ENGELS. Aufgrund seiner Situation in der modernen Gesellschaft erfährt das Proletariat den Zusammenhang zwischen einer Arbeit, welche den Menschen in ihrem Kampf mit der Natur immer mächtigere Hilfsmittel an die Hand gibt, und der fortwährenden Erneuerung einer veralteten gesellschaftlichen Organisation, die es immer elender und ohnmächtiger macht. Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen, Militarisierung, terroristische Regierungen, der ganze Zustand der Massen ist, wie die Produzenten zu jeder Stunde erfahren, nicht etwa in den geringen technischen Möglichkeiten begründet, we es in früheren Epochen der Fall sein mochte, sondern in den der Gegenwart nicht mehr angemessenen Verhältnissen, unter denen produziert wird. Die Anwendung der gesamten geistigen und physischen Mittel der Naturbeherrschung wird dadurch behindert, daß sie unter den herrschenden Verhältnissen partikularen, sich widerstreitenden Interessen anheimgegeben sind. Die Produktion ist nicht auf das Leben der Allgemeinheit eingestellt und besorgt auch die Ansprüche der einzelnen, sondern sie ist auf den Machtanspruch von einzelnen eingestellt und besorgt auch zur Not das Leben der Allgemeinheit. Dies hat sich aus dem fortschrittlichen Prinzip, daß es genügt, wenn die Individuen für sich selber sorgen, unter der gegebenen Ordnung des Eigentums zwangsläufig ergeben.

Aber auch die Situation des Proletariats bildet in dieser Gesellschaft keine Garantie der richtigen Erkenntnis. Wie sehr es die Sinnlosigkeit als Fortbestehen und Vergrößerung der Not und des Unrechts an sich selbst erfährt, so verhindert doch die von oben noch geförderte Differenzierung seiner sozialen Struktur und die nur in ausgezeichneten Augenblicken durchbrochene Gegensätzlichkeit von persönlichem und klassenmäßigem Interesse, daß dieses Bewußtsein sich unmittelbar Geltung verschaffen soll. An der Oberfläche sieht vielmehr die Welt auch für das Proletariat anders aus. Eine Haltung, welche seine wahren Interessen und damit auch die der Gesellschaft im Ganzen nicht auch ihm selbst entgegenzusetzen imstande wäre, sondern ihre Richtschnur von Gedanken und Stimmungen der Massen hernimmt, geriete selbst in eine sklavische Abhängigkeit vom Bestehenden. Der Intellektuelle, der bloß in einer aufblickenden Verehrung die Schöpferkraft des Proletariats verkündet und seine Genugtuung darin findet, sich ihm anzupassen und es zu verklären, übersieht, daß jedes Ausweichen vor einer theoretischen Anstrengung, die er sich in der passiven Einstellung seines Denkens erspart, sowie vor einem zeitweiligen Gegensatz zu den Massen, in den ihn ein eigenes Denken bringen könnte, diese Massen blinder und schwächer macht, als sie sein müssen. Sein eigenes Denken gehört als kritisches, vorwärtstreibendes Element zu ihrer Entwicklung mit hinzu. Daß sie sich völlig unter die jeweilige psychologische Verfassung der Klasse unterordnen, die ansich die Kraft zur Veränderung darstellt, führt jene Intellektuellen zu dem beglückenden Gefühl, mit einer ungeheuren Macht verbunden zu sein, und in einen professionellen Optimismus. Wird dieser in Perioden schwerster Niederlagen erschüttert, so gerät mancher Intellektuelle in Gefahr, in einen ebenso bodenlosen sozialen Pessimismus und in einen Nihilismus zu verfallen, wie sein Optimismus übertrieben war. Sie ertragen es nicht, daß gerade das aktuellste, die geschichtliche Situation am tiefsten erfassende, zukunftsreichste Denken in bestimmten Perioden es mit sich bringt, seine Träger zu isolieren und auf sich selbst zu stellen. Sie haben die Beziehung von Revolution und Unabhängigkeit verlernt.
LITERATUR: Max Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie, Zeitschrift für Sozialforschung, Jahrgang VI, Paris 1937, Heft 2
    Anmerkungen
    1) HENRI POINCARÈ, Wissenschaft und Hypothese, dt. Ausgabe von F. und L. LINDEMANN, Leipzig 1914, Seite 146.
    2) DESCARTES, Discours de la methode II, Übersetzung von A. BUCHENAU, Leipzig 1911, Seite 15.
    3) EDMUND HUSSERL; Formale und transzendentale Logik, Halle 1929, Seite 89
    4) HUSSERL, ebd. Seite 79
    5) HUSSERL, ebd., Seite 91
    6) HERMANN WEYL, Philosophie der Naturwissenschaft, in  Handbuch der Philosophie,  Abteilung 2, München und Berlin 1927, Seite 118f.
    7) EMILE DURKHEIM, Les régles de la méthode sociologique, Paris 1927, Seite 99 (eigene Übersetzung).
    8) MAX WEBER, Kritisches Studien auf dem Gebiet der kulturwissenschaftlichen Logik, in "Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre", Tübingen 1922, Seite 266f.
    9) Eine Darlegung dieses Prozesses findet sich in der "Zeitschrift für Sozialforschung", Bd. IV, 1935, Seite 161f., in dem Aufsatz von HENRYK GROSSMANN, "Die gesellschaftlichen Grundlagen der mechanistischen Philosophie und die Manufaktur".
    10) siehe HERMANN COHEN, Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1914, Seite 23f.
    11) siehe KANT, Kritik der reinen Vernunft, Transzendentale Deduktion der reinen Verstandesbegriffe, § 27, Ausgabe B, Seite 167.
    12) KANT, Kr. d. r. V., Der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe zweiter Abschnitt, 4. Vorläufige Erklärung der Möglichkeit der Kategorien als Erkenntnisse a priori, Ausgabe A, 1781, Seite 110.
    13) Kr. d. r. V., Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe, B, Seite 181.
    14) Dieses Verhalten wird im Folgenden als das "kritische" bezeichnet. Das Wort wird hier weniger im Sinn der idealistischen Kritik der reinen Vernunft, sondern in dem der dialektischen Kritik der politischen Ökonomie verstanden. Es bezeichnet eine wesentliche Eigenschaft der dialektischen Theorie der Gesellschaft.