ra3-2M. SchelerTh. NagelK. MannheimM. HorkheimerW. Stark    
 
HANS-JOACHIM LIEBER
Wissen und Gesellschaft
[Die Probleme der Wissenssoziologie]
[1/2]

"Das Ziel der geisteswissenschaftlichen Forschung, gleichgültig ob sie sich auf das Gegenstandsgebiet der Geschichte, des Staates, der Wirtschaft, der Kunst oder des Rechts bezieht, ist ein Erfassen und Verstehen von Sinnzusammenhängen und Sinneinheiten, also sinnhaften Ganzheiten der geistigen Welt. Dabei ist zumindest seit den Arbeiten  Wilhelm Diltheys eine naiv-realistische Erkenntnishaltung, für die die geistige Welt als etwas  objektiv Gegebenes vorliegt, zugunsten einer kritischen Deutung des Erkenntnisproblems im Sinne  Kants überwunden."


Einleitung

Im Anschluß an KARL MARX, der erklärt hatte, daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein des Menschen, nicht aber das Bewußtsein das Sein bestimmt, werden in der Wissenssoziologie unter dem Wort "Sein", das hier dasselbe bedeuten soll wie in der Ontologie "das Seiende", die wirkliche Welt und in ihr der Zustand der Gesellschaft verstanden, in die ein Mensch hineingeboren wird und in der sich sein Leben abspielt. Dann steht dieses "Sein" zur Erkenntnis, durch die sich der Mensch seiner selbst und der Umwelt, in der er lebt, bewußt wird, in folgenden Beziehungen:

Einmal richtet sich das Erkennen auf das Sein als auf seinen Gegenstand. Es scheint aus dem Seinszusammenhang herauszutreten und als etwas Seinsabgelöstes ihm gegenüberzustehen. Zum anderen ist das Erkennen eine geistige Leistung des Subjektes, das in seiner Totalität nicht nur ein erkennendes, sondern auch ein lebendiges, existierendes Subjekt ist und als solches in den umfassenden Ordnungen ebendesselben Seins steht, die es im Erkennen ergreifen will. Auch der erkennende Mensch ist ein seiender, auch der erkennende Geist ist ein lebendiger, realer und in diesem Sinne seiender Geist. Jeder Erkenntnisakt stellt sich somit als der Versuch eines Gliedes des Seienden dar, das ganze Sein zu ergreifen und erkennend zu durchdringn. Seiendes richtet sich auf Seiendes (1).

Aus der Anerkennung dieser Sachlage erstehen der Erkenntnistheorie Aufgaben, durch die ihre herkömmliche Fragestellung wesentlich erweitert wird. Bisher handelte es sich in der Erkenntnistheorie vordringlich um die Feststellung, unter welchen Bedingungen allein es dem erkennenden Subjekt gelingen kann, zu einem adäquaten Bild der Gegenstände und der unter ihnen bestehenden Gesetzlichkeit zu gelangen. Dabei wurden unter diesen Bedingungen fast ausschließlich die transzendental-subjektiven Kategorien verstanden, deren Zutreffen auf den Gegenstand dann zu beweisen war (2). Das Verhältnis von  Sein  und  Erkennen  wurde fast ausschließlich als das Verhältnis von Erkenntnis subjekt  und Erkenntnis gegenstand  gefaßt. Gerade dieser Aspekt der Erkenntnistheorie aber ist einseitig. Das Verhältnis von Sein und Erkennen ist nicht nur eine Erkenntnisrelation, sondern gerade und primär auch ein Seinsverhältnis. Das erkennende Subjekt hat als lebendiger, individueller Geist seine ihm eigentümliche Seinsweise. Es steht in bestimmten, ihm eigentümlichen Seinszusammenhängen und Seinsordnungen, von denen es umschlossen und getragen wird. Und es erhebt sich zumindest die auch für jede Erkenntnistheorie nicht unbedeutsame Frage, ob diese das Subjekt umfassenden Ordnungen nicht auch ihrerseits die Artung und die Struktur seines Bewußtseins gestalten und so auf den Erkenntnisakt und das Erkenntnisergebnis mitbestimmend einwirken. Das Verhältnis von Sein und Erkennen wäre dann nicht nur nach einer erkenntnistheoretischen, sondern auch nach einer möglichen ontischen Priorität des Seins gegenüber dem Bewußtsein zu befragen.

Was hier als eine fruchtbare Frage der Erkenntnistheorie formuliert wurde, wird von den Vertretern der Wissenssoziologie als ein  de facto  aufweisbarer Sachverhalt behauptet. Für sie ist das Bewußtsein des Menschen mitbedingt durch die umfassenden Seinsordnungen, weil sie seine ganze Lebens- und Existenzweise inhaltlich bestimmen und formen. Allerdings gewinnt in der Wissenssoziologie der Begriff des Seins eine andere Bedeutung als etwa in der neueren Ontologie. Umfaßt er in der Ontologie den ganzen Aufbau der realen Welt in ihrer Schichtung, so ist er in der Wissenssoziologie eindeutig festgelegt und eingeschränkt auf die sozialen Ordnungen, die den Menschen als objektive Mächte umgeben, ihn in seinem Lebenslauf tragen und bestimmen. Der Seinsbegriff der Wissenssoziologie ist vom Menschen und seinen Lebensbezügen aus gewonnen. Dabei wird der Mensch primär als  zoon politikoon [politisches Wesen - wp] aufgefaßt, und seine Lebensbezüge werden als vorwiegend gesellschaftliche Lebensbezüge verstanden.

Wenn die Wissenssoziologie als Lehre von der Seinsverbundenheit des Wissens definiert wird (3), so ist damit nichts anderes gemeint als: Lehre von der Bindung des menschlichen Bewußtseins an die Struktur und Ordnung des gesellschaftlichen Lebens. Der Seinsbegriff der Wissenssoziologie ist mit dem historisch-soziologischen Lebensbegriff identisch, wenn man hierunter das Leben des Menschen in einer bestimmten in der Geschichte auftretenden Gesellschaft versteht.

Auch die Frage nach der Seinsverbundenheit des Bewußtseins erhält durch diese Fassung des Seinsbegriffs eine ganz spezifische Bedeutung. Seinsverbundenheit soll die Bedingtheit oder Mitbedingtheit des Bewußtseins durch das Sein bezeichnen. In der Ontologie, als der Lehre vom Seienden im Sinne des griechischen "on", könnte die Frage nach der Seinsverbundenheit nur bedeuten: welche Fundamentalkategorien des Seienden bestimmen auch das Bewußtsein, und inwieweit ist die spezifische Seinsweise des individuellen Geistes vom Hineinragen der Kategorien ontologisch niederer Seinsschichten abhängig? Die Frage nach der Seinsverbundenheit des Bewußtseins würde sich somit als Teilaspekt in die umfassende Frage nach der Struktur des gesamten Seins oder "der realen Welt" eingliedern (4). Nicht so die Wissenssoziologen. Ihr Seinsbegriff umfaßt lediglich die gesellschaftlichen Ordnungen. Das liegt allein schon im Namen Wissens soziologie.  Die gesellschaftlichen Ordnungen aber stehen im Wandel des geschichtlichen Prozesses, sie werden in ihm und gestalten sich mit ihm um. Daher bedeutet die Frage nach der Seinsverbundenheit des Denkens hier ausschließlich: inwieweit und in welcher Weise ist die Struktur des Bewußtseins, sind Wissen und Erkennen und ihre Resultate durch die besondere Gestalt der historisch-sozialen Wirklichkeit mitbestimmt, in der der erkennende Mensch steht und lebt. Erste Voraussetzung für eine solche Fragestellung ist dann die Behauptung, daß der  erkennende  und der in einer konkreten Situation  lebende  Mensch eine unauflösbare Einheit bilden, daß also Wissen und Leben nicht voneinander getrennt betrachtet und beurteilt werden können und dürfen.

Ist diese Einheit von Wissen und Leben stets vorhanden, oder ist das Wissen selbst noch nach grundsätzlich verschiedenen Gegenstandsbereichen und Erkenntnismethoden aufzugliedern, so daß die betonte Einheit von Wissen und Leben nur für ganz bestimmte Wissensgebiete gilt? - Bei der Beantwortung dieser Frage nehmen die Vertreter der Wissenssoziologie sofort eine deutliche Einschränkung ihrer These von der Einheit von Wissen und Leben vor. Sie soll nur für das Wissen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften Geltung haben, das heißt lediglich für dasjenige Wissen zutreffen, das in seiner Struktur und seinen Ergebnissen durch bestimmte weltanschauliche Entscheidungen gestaltet ist. Seinsverbunden im Sinne der Wissenssoziologie ist also nur das "Weltanschauungswissen".

Verlangt schon eine genauere Abgrenzung des wissenssoziologischen Seinsbegriffs eine philosophische Besinnung, so bergen ganz generell die Behauptungen der Wissenssoziologen Fragen und Konsequenzen in sich, die eine grundsätzliche philosophische Bearbeitung geradezu fordern. Welche sachlichen Gegebenheiten etwa berechtigen überhaupt zu der Abgrenzung eines besonderen "Weltanschauungswissens" gegenüber anderen Formen des Wissens? - Kann es im angedeuteten Sinn als lebensverbunden oder seinsbezogen erklärt werden? - Wie ist die Art der Bedingtheit dieses Wissens durch das Sein genauer zu beschreiben, oder welcher Determinationsnexus liegt hier eigentlich vor, und wie ist er terminologisch zu fassen? - Welche historischen und methodisch-systematischen Voraussetzungen ermöglichen überhaupt die wissenssoziologische Fragestellung? - Das sind einige von den Fragen, die durch die Wissenssoziologen als den Vertretern einer speziellen methodischen Einzelforschung nicht mehr beantwortet werden können, sondern die von der Philosophie aufgegriffen werden müssen.

Man mag Aufgabe und Wesen der Philosophie so verschieden wie möglich definieren; eine Aufgabe wird man ihr nicht bestreiten können: die umfassende und klärende Besinnung auf die logischen und erkenntnistheoretischen, methodischen und systematischen Grundlagen der Einzelwissenschaften. Ihre Aufgabe erschöpft sich gewiß nicht hierin. Aus der ihr eigenen Fragestellung  sub specie aeternitatis [im Licht der Ewigkeit - wp] und  sub specie totius [im Hinblick auf das Ganze - wp] gewonnene umfassende Weltdeutungen und Sinngebungen des Lebens mögen als ihre eigentliche Aufgabe erscheinen. Auch dabei aber bleibt die Philosophie heute an die Ergebnisse einzelwissenschaftlicher Forschung gebunden. Gerade infolge dieser engen Bindung philosophischen Denkens an die Einzelwissenschaften und ihre Forschungsergebnisse ergibt sich immer erneut die Forderung, in einer kritischen Reflexion deren Grundlagen zu durchdenken, zu sichten und zu sichern.

Werden unter dem genannten Gesichtspunkt einer Grundlagenforschung einmal die Geisteswissenschaften auf ihre Voraussetzungen hin philosophisch durchdacht, so mag man sich nur allzu leicht zu der Folgerung einer tiefgründigen "Krisis der Geisteswissenschaften" veranlaßt sehen, die sich mitunter sogar bis zum prinzipiellen Zweifel daran steigern kann, ob sie überhaupt als Wissenschaften gelten dürfen. Diese Folgerung stützt sich auf die Tatsache, daß das methodische Verfahren der einzelnen Geisteswissenschaften und ihre Forschungsresultate in einem außergewöhnlich starken Maß an weltanschauliche Standpunkte gebunden sind. ROTHACKER nennt diese Standpunkte oder "Ismen" daher die "weltanschaulichen Kategorien" der Geisteswissenschaften, und das heißt doch: ihre konstitutiven Erkenntnisprinzipien (5).

Die ganze Forderung nach Voraussetzungslosigkeit und Weltanschauungsfreiheit der Wissenschaften wird hier erneut zum Problem. Es ist die Aufgabe der folgenden Kapitel, hierzu einige Gedanken beizutragen und insbesondere die bekannten Arbeiten SPRANGERs (6), LITTs (7), ROTHACKERs (8) und mancher anderen durch eine Darstellung und kritische Untersuchung der in der modernen Wissensoziologie enthaltenen Beiträge zu diesem Thema zu ergänzen.

Die Frage muß zunächst lauten: Wie ist es zu der erwähnten "Grundlagenkrisis der Geisteswissenschaften" gekommen? - Besteht sie überhaupt, das heißt: ist eine solche weltanschauliche Bindung der einzelnen Geisteswissenschaften auch wirklich in den Konsequenzen der Sache, in ihrem methodisch-systematischen Verfahren begründet? - Das Ziel der geisteswissenschaftlichen Forschung, gleichgültig ob sie sich auf das Gegenstandsgebiet der Geschichte, des Staates, der Wirtschaft, der Kunst oder des Rechts bezieht, ist ein Erfassen und Verstehen von Sinnzusammenhängen und Sinneinheiten, also sinnhaften Ganzheiten der geistigen Welt. Dabei ist zumindest seit den Arbeiten WILHELM DILTHEYs eine naiv-realistische Erkenntnishaltung, für die die geistige Welt als etwas objektiv Gegebenes vorliegt, zugunsten einer kritischen Deutung des Erkenntnisproblems im Sinne KANTs überwunden. Was heißt das?

Die geistig-geschichtliche Welt ist - ebenso wie die Natur bei KANT - nicht von vornherein schon als sinnhaft geordnete und gegliederte, objektive Welt einfach gegeben, so daß sie im Erkennen wie auf einer photographischen Platte verdoppelnd abzubilden oder widerzuspiegeln ist. Gegeben ist vielmehr nur eine mehr oder weniger zusammenhängende Summe von historischen Daten und Fakten der verschiedensten Art, die im Verstehen allererst zu einer Welt im Sinne einer sinnhaft gegliederten und geordneten Ganzheit gestaltet werden. "Vorgegenständlich gegebenes Material" wird erst im Verstehen zum Inbegriff einer "gegenständlichen Welt". Auch für die geistige Welt - als Gegenstand der Geisteswissenschaften - gilt, was KANT von der gesetzlichen Ordnung der Gegenstände der Naturwissenschaften sagte: Die Ordnung - und im Falle der Geisteswissenschaften - die sinnhafte Ordnung der Welt stammt nicht aus den Gegenständen, sondern aus der Struktur des erkennenden Bewußtseins. In diesem schrieb DILTHEY (9) vom "Aufbau der geschichtlichen Welt  in  den Geisteswissenschaften".

Zusammenfassend läßt sich sagen: Auch der Gegenstand der Geisteswissenschaften wird in den Erkenntnisprozeß hineingenommen und als abhängig oder doch mitbedingt von bestimmten gegenstandskonstituierenden Gestaltungsfaktoren angesehen, die auf der Seite des erkennenden Subjekts liegen und wohl - in Analogie zu KANT - als "Kategorien des Verstehens" zu bezeichnen sind.

Bedeutsam und konsequenzenreich für die ganze Erkenntnisproblematik auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften ist nun die Tatsache, daß mit dem angedeuteten Wandel in der Stellung zum Problem der Erkenntnis zugleich historische Elemente in die Geisteswissenschaften und ihre Grundlegung aufgenommen wurden.

Der Begriff des Historismus findet eine erste Anwendung auf die mit VICO und HERDER beginnende Beurteilung der Geschichte. Gegenüber der Aufklärung und ihrer generalisierenden Denkart gewinnt hier gerade das Bewußtsein von der Einmaligkeit, Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit der großen geschichtlichen Epochen seine volle Bedeutung, und die Geschichte als solche erobert sich im geistigen Bewußtsein der Menschen ihre autonome Sonderstellung neben dem Reich der Natur (10). Mittels der Idee der Entwicklung und der Idee der Individualität ist geschichtliches Geschehen allein zu begreifen. Deshalb ruft HERDER aus: Jede Nation hat den Mittelpunkt ihrer Glückseligkeit in sich, und sagt RANKE: Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott. Das heißt doch nichts anderes, als daß geschichtliches Werden in seinen Epochen, Stufen und Gestaltungen nur aus sich selbst, aus den in ihnen wirkenden Antriebskräften und Gestaltungsmotiven begriffen werden darf, wenn sich das historische Denken nicht durch eine Anwendung inadäquater Maßstäbe gerade den Zugang zur Einmaligkeit der Geschichte verschließen will (11).

Von dieser Auffassung des Historismus ist streng eine andere zu unterscheiden: Aus dem gekennzeichneten Wesen des Historischen und des historischen Bewußtseins werden die Konsequenzen gezogen, die sich hieraus für den Geschichtsforschung treibenden Gelehrten ergeben. Auch er ist historisch bedingt, besonders dann, wenn er eine bestimmte Weltanschauung vertritt. "Jede Weltanschauung ist historisch bedingt, sonach begrenzt, relativ", sagt DILTHEY (12), und Historismus heißt jetzt die Richtung des philosophischen Denkens, die in der Geschichtlichkeit den entscheidenden Grundzug der menschlichen Existenz erblickt und eine grundsätzliche Besinnung auf die historische Bedingtheit unseres gesamten Denkens und Wissens fordert.

Kann es - was Verstehen und Deutung der geistigen Welt anbelangt - als das Kennzeichen der Philosophie der Aufklärung gelten, daß hier alle geistigen Gebilde, Theorien, Haltungen im Hinblick auf die  eine  absolute, überzeitliche und allgemeingültige Wahrheit betrachtet und beurteilt wurden (13), so jetzt eine Bewertung des Geistes und seiner Objektivationen ein, in der das Bewußtsein von der Lebensbezogenheit des Geistes mehr und mehr an Raum gewinnt. Alles Individuelle und jeweils besondere Gepräge geistiger Gehalte und Gestaltungen wird gerade in dieser Eigentümlichkeit aus seiner Verwurzelung in der Gesamtexistenz der umfassenden Lebenstotalität begriffen.

Die geistige Welt als Gegenstand der Geisteswissenschaften, die immer das Resultat einer gedanklichen Konstruktion der Tatsachen ist, steht in ihrer besonderen Gestalt, die sie durch das Verstehen annimmt, in einer engen und nicht auflösbaren Bindung an diese umfassende Lebenstotalität (14). Die Lebenstotalität des Subjektes, die immer zugleich eine historisch und sozial einmalige ist, ist das Primäre, und die aus ihrem Erleben und ihrer Bewertung resultierende Weltdeutung und Weltanschauung bestimmen in jedem Augenblick die im geisteswissenschaftlichen Erkennen sich gestaltende geistige Welt. Der Lebende und der Erkennende sind im Umkreis der Geisteswissenschaften nicht zu trennen. Lebensvollzug, Lebenswertung und Lebensverständnis bilden eine realiter nicht aufzulösende Einheit. Die geistigen Faktoren auf der Seite des erkennenden Subjekts, die den Gegenstand "geistige Welt" mitkonstituierend gestalten, sind die geistig-weltanschaulichen Sicht-, Erlebnis- und Wertungsweisen dieses Subjekts, die aus seiner umfassenden und sich wandelnden Gesamtexistenz und Lebenstotalität unmittelbar herauswachsen.

Auch der geisteswissenschaftliche Gegenstand, so läßst sich der bisherige Gedankengang abschließend zusammenfassen, hat als Produkt eines freien geistigen Bildens zu gelten, das sich im Erkennen vollzieht, und dieses Erkennen wiederum erweist sich im soeben näher ausgeführten Sinn als existenzverbunden, lebensbezogen oder standortbedingt.

Damit münden diese Gedanken gleichsam von selbst in das Standortproblem ein. Die Aktualität des Standortproblems in den Geisteswissenschaften soll durch ein Beispiel vorgreifend erläutert werden. In der Mathematik ist es für das Urteil  2 + 2 = 4  oder in der Physik für das Gesetz des freien Falles  s = g/2 t2  und ihren Geltungsanspruch völlig gleichgültig, wer dieses Urteil fällt, wann es gefällt wird und welchen philosophisch-weltanschaulichen Standort der dieses Urteil Fällende einnimmt. Beide genannten Urteile sind schlechthin und allgemein gültig.

Anders bei geisteswissenschaftlichen Urteilen, wenn der Begriff des Urteils hier der Kürze halber verwendet werden darf. Hier ist nicht im gleichen Sinne von einer Gleichgültigkeit des Urteilsgehaltes gegen seinen Träger und die ihn bedingenden und bestimmenden geistigen Lebensmächte zu sprechen. Wenn es sich etwa darum handelt, den eigentümlichen Gehalt einer bestimmten historischen Epoche wie der Antike erkennend zu durchdringen und sie in ihren Wesenszügen zu kennzeichnen, so ist es nicht mehr gleichgültig, ob der Historiker, der solches unternimmt, aus dem Geist der historischen Schule, des Konservatismus, des Liberalismus oder gar des Marxismus heraus denkt. - Warum? -

Stets wird jeder das historisch Gegebene, etwa die Gliederung und den Aufbau der Polis, ihre Rechtsprechung, das Bestehen einer Sklavenherrschaft, unter anderen, jeweils voneinander verschiedenen philosophischen und weltanschaulichen Aspekten zu einem Gesamtbild der betreffenden Epoche zusammenschließen und damit eine Darstellung dieser Epoche geben, die von anderen wesentlich verschieden ist.

Ganz allgemein läßt sich im Hinblick auf die Erkenntnisproblematik der Geisteswissenschaften sagen: Sie umschließen ein weites Gebiet an Wissen, das nicht, wie das der exakten Wissenschaften, vom wissenden und erkennenden Subjekt, seiner Erlebnisweise der Welt und seiner Deutung und Bewertung dieser Welt abgelöst werden kann. Mögen auch die Geisteswissenschaftler nach einer Erkenntnis  sine ira et studio [ohne Zorn oder Begeisterung - wp] und einer vom Subjekt abgelösten Objektivität streben, die innige Verflochtenheit von Leben, Werten und Erkennen ist aus ihrem Wissensbereich nie restlos zu eliminieren. Ihr Gegenstandsgebiet - eine sinnvoll geordnete geistige Welt - ist stets das Ergebnis einer geistigen Aktivität des Subjekts, das die Sinngebung des gegebenen Materials von geschichtlichen Daten vollzieht und bei dieser Sinngebung zu einem Teil immer an die Eigenart seiner Weltanschauung gebunden bleibt. Eine Mannigfaltigkeit möglicher weltanschaulicher Standorte wirkt differenzierend auf die Geisteswissenschaften ein, denn alles Verstehen - als methodisches Erkenntnisverfahren der Geisteswissenschaften - wächst bewußt oder unbewußt aus einer weltanschaulichen Grundhaltung heraus, es ist durch ein "weltanschauliches Apriori" bestimmt. Mit dieser Ausgangsposition ist grundsätzlich ein relativistischer Zug in die Geisteswissenschaften und ihre Grundlegung aufgenommen. Wenn auch die Philosophen dadurch, daß sie über diese weltanschaulichen Grundlagen selbst noch reflektieren, die unübersehbare Mannigfaltigkeit der individuellen Weltanschauungen in eine unübersehbare Reihe von Weltanschauungstypen zusammendrängen, eine mögliche Vielzahl letzter, in den einzelnen Geisteswissenschaften und ihrem Verstehen wirksamer weltanschaulicher Bezugssysteme ist damit nicht aufgehoben. Es bleibt der relativistische Grundzug der Geisteswissenschaften und der damit gegebene Zweifel an ihrem Charakter als Wissenschaft, an ihrem Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Eindeutigkeit bestehen. -

Bisher wurde die Relativität der Erkenntnisse und Aussagen der einzelnen Geisteswissenschaften durch ihre Gebundenheit an letzte weltanschauliche Grundhaltungen und Standorte aufgewiesen. Macht schon diese weltanschauliche Standortgebundenheit des geisteswissenschaftlichen Denkens eine philosophische Besinnung darüber notwendig, ob die Konsequenz, daß sie zu einem uferlosen Relativismus führt, wirklich gezogen werden muß, oder ob es einen in der Sache selbst angebahnten Ausweg gibt, so wird diese geforderte Besinnung noch um ein erhebliches Stück schwieriger, wenn die verschiedenen Weltanschauungen selbst auf ein gesellschaftliches Sein im oben näher bezeichneten Sinn rückbezogen und als dessen "ideologische" Spiegelungen gedeutet werden. Die Relativität des geisteswissenschaftlichen Erkennens ist dann nicht nur durch seine geistig-weltanschauliche Gebundenheit bedingt, sondern sie gründet in den verschiedenen realen Lagen des denkenden Subjekts in der Struktur des Seins, genauer gesprochen: des gesellschaftlichen Seins.

Diese Rückbeziehung der verschiedenen weltanschaulichen Standorte auf bestimmte Lagen und Stellungen des erkennenden Subjekts in einem sozialen Sein und seiner Struktur findet seine volle Auswirkung in der Wissenssoziologie, die in enger Verbindung mit den Thesen des Marxismus entstand und daher gerade heute wieder eine gewisse Aktualität besitzt. Sie ist aus der Situation des heutigen Geisteslebens erwachen, dem der selbstverständliche Glaube an die Autonomie und Unabhängigkeit des Geistes fast völlig verloren zu gehen droht. Und wer wollte leugnen, daß der Marxismus auch heute noch den Bereich des Geistes und seine Eigenständigkeit - der Absicht seiner Grundthesen entsprechend - auszuhöhlen und zu zerstören trachtet!

Der Wissenssoziologie eignet eine Forschungsabsicht, die das geisteswissenschaftliche Wissen und Erkennen selbst zum Gegenstand der Untersuchung erhebt. Es wird aber nicht, wie etwa in der Logik und in der Erkenntnistheorie, auf seine Struktur und seine immanenten theoretischen Bedingungen untersucht; die Analyse stellt sich vielmehr die Aufgabe, die mitgestaltende Funktion und Einwirkung außertheoretischer Faktoren auf das Wissen, seinen Inhalt und seinen Geltungsumkreis festzustellen. Wissen im Umkreis der Geisteswissenschaften, und das heißt weltanschaulich bedingtes Wissen, ist nichts vom Leben Ablösbares, sondern bleibt mit dem Leben verbunden. Es wächst aus einem realen Lebens- oder Seinsgrund unmittelbar heraus und muß daher auch in seiner spezifischen Gestalt und seinem Gehalt aus diesem Lebensgrund verstanden werden. Er ist für alles Verstehen von Weltanschauungswissen in der Wissenssoziologie das "gesellschaftliche Sein".

Mit anderen Worten: Alles Wissen ist nach den Grundthesen der Wissenssoziologen sowohl in Struktur und Artung, in Inhalt und Gestalt als auch in seinem Geltungsanspruch und -umkreis abhängig von bestimmten geistigen Standorten, die ihre Grundlage in bestimmten Konstellationen des gesellschaftlichen Seins haben. Das bestimmt geartete gesellschaftliche Sein des Menschen als eines  zoon politikon  ist gleichsam das "ens realissimum [wirkliche Wirklichkeit - wp] (15), auf dem auch as Wissen aufruht und durch das es geformt und gestaltet wird. Man verstehe hier die Wissenssoziologen in ihrer Absicht richtig. Es wird keine einzelne Aussage, etwa ein einzelnes Erkenntnisresultat, ein einzelnes Urteil unmittelbar auf das soziale Sein rückbezogen. Die Beziehung von Einzelaussage und sozialer Seinsbasis ist vielmehr eine mittelbare. Alle jene einzelnen Aussagen, Resultate und Urteile auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften werden als Ausdruck einer Weltanschauungstotalität verstanden, und erst diese besondere Art der Weltauslegung erscheint in Gehalt und Struktur als standort bedingt oder seinsverbunden. Sie erst gilt als bedingt und abhängig von einer bestimmten Struktur des gesellschaftlichen Lebens als von ihrer Seinsvoraussetzung. Und das Medium, über das das gesellschaftliche Sein auf die Gestaltung des Wissens einwirkt, ist der Mensch als Wissensträger, der stets in einer bestimmt gearteten sozialen Welt lebt und aus ihr heraus denkt. Die Stellung eines Menschen im Gesellschaftsprozeß, sein Seinsstandort bestimmt das Denken und Wissen und dessen besondere Struktur.

Die mit dem Historismus und der Lebensphilosophie beginnende Existenzialisierung des Geistes, seine Aufnahme und Hineinnahme in das umfassende geschichtliche Leben wird also auch in der Wissenssoziologie vertreten, nur erscheint dieses umfassende Leben jetzt ausschließlich als untergründiger geschichtlicher, politisch-sozial-ökonomischer Prozeß. Die Grundlagen für die Deutung und das Verständnis der eigentümlichen Gestalt des Wissens in den Geisteswissenschaften sind gleichsam auf eine Ebene prinzipiell atheoretischer Gestaltungsfaktoren hinabverlegt.

Durch die nachdrückliche Betonung des gesellschaftlichen Untergrundes, durch seine Erhebung zum Realen schlechthin rückt die Wissenssoziologie von selbst in die Nähe des Marxismus. Es ist daher gegen die wissenssoziologische Fragestellung wiederholt der Vorwurf erhoben worden, sie habe nur ein Ziel: den Geist und seine Gestaltungen als Kausalprodukt eines realen Seins zu erklären, sie zu naturalisieren und ihre Autonomie zu destruieren. Hiervon ist so viel richtig, daß irgendeine Überbau-Unterbau-Lehre auch in jeder Wissenssoziologie Anerkennung findet. Das Verhältnis von Überbau und Unterbau, und das heißt, der Modus der Bedingtheit des Geistes durch den Gesellschaftsprozeß, braucht aber keineswegs immer als ein eindeutiges kausalmechanisches Abhängigkeitsverhältnis aufgefaßt und der Unterbau ebensowenig als ein rein naturales, womöglich sogar noch ökonomisches Sein gedeutet zu werden. Die Untersuchungen der Arbeiten von MANNHEIM und SCHELER zur Grundlegung der Wissenssoziologie werden zeigen, daß sie gerade in der Absicht unternommen wurden, die einseitige Verflechtung der Wissenssoziologie mit den Thesen der marxistischen Philosophie aufzulösen. Ein Beispiel mag auch hier wieder vorgreifend zeigen, wie wenig wissenssoziologische Aussagen von vornherein aus dem Geist des Marxismus heraus gemacht sein müssen. Es mag die bisherigen Ausführungen über den eigentümlichen Aufgabenbereich der Wissenssoziologie zugleich konkretisieren und veranschaulichen.

Wenn bei der Beurteilung der Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts etwa zwischen einer "kleindeutschen" und einer "großdeutschen" Richtung unterschieden wird, so glaubt man, mit einer solchen Unterscheidung der Eigenart der Geschichtsauffassung einiger Historiker näher zu kommen, sie besser zu verstehen. Damit aber wird in der Beurteilung von Erkenntnissen einer Geisteswissenschaft grundsätzlich im Sinne der Wissenssoziologie verfahren. Der Historiker von BELOW etwa begründet in seiner Auseinandersetzung mit GÖTZ (16) die genannte Unterscheidung folgendermaßen: GÖTZ
    "befindet sich in einem merkwürdigen Irrtum über die Grenzen menschlicher Objektivität, wenn er glaubt, daß ein historisches Urteil, das heißt ein über politische Vorgänge der Vergangenheit gefälltes Urteil ohne die Hilfe subjektiver Elemente gewonnen werden kann. Ein unpolitischer Mensch, das heißt einer, der politisch nicht interessiert ist, kann nie ein brauchbarer Historiker sein ... Der Weg, der zur objektiven Betrachtung (soweit sie dem Menschen überhaupt vergönnt ist) führt, ist wahrlich nicht der der hermetischen Abschließung gegen die politischen Tagesfragen ... Die größten Feinde der Gewinnung einer objektiven Betrachtung sind ... diejenigen, welche uns die Möglichkeit vorgaukeln, daß wir zu einem objektiven Urteil durch Teilnahmslosigkeit gegenüber den politischen Tagesfragen gelangen könnten. Oder vielmehr, diese falschen Ratgeber befinden sich in der Selbsttäuschung, die sich so oft bei den Positivisten, Empirikern beobachten läßt: ihr scheinbares Streben nach Objektivität ist in Wahrheit ein Kampf gegen einen ihnen unwillkommenen politischen Standpunkt. Wobei man die Beobachtung macht, daß dieser Kampf unter der Maske der objektiven, der gerechten Beurteilung bald mehr unbewußt, bald mehr bewußt geführt wird. bei  Götz  steht es ja auch so, daß er seinem Kampf für die angeblich ganz reine Wissenschaft von einer bestimmten politischen Einstellung, von einem bestimmten politischen Gegensatz aus führt."
Dem Verteidiger einer strengen, objektiven Geisteswissenschaft mögen diese Gedanken von BELOWs umso eigenartiger erscheinen, als sie in einer Schrift vorgetragen werden, in der er sich gerade gegen eine "parteiamtliche Geschichtsauffassung" wendet. Aber man vergegenwärtige sich hier, daß auch von BELOW kein objektiver Historiker im strengen Sinn ist, sondern bei aller Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen mit Recht als "konservativer" Denker bezeichnet werden könnte. Seine Werke (17) zeigen deutlich, daß das Mitglied der Deutschen Vaterlandspartei von BELOW von dem Denker von BELOW nicht zu trennen ist. Gerade im Historiker GEORG von BELOW haben wir einen Denker vor uns, bei dem, gemäß den obigen Ausführungen, wissenschaftliche Arbeit und das Leben in einer bestimmten gesellschaftlich-politischen Wirklichkeit eine unauflösbare Einheit bilden.

Für den vorliegenden Zusammenhang ist an diesem Beispiel wichtig, daß mit der Kennzeichnung "kleindeutsch", "großdeutsch", "konservativ" die wissenschaftlichen Leistungen bestimmter Historiker nicht mehr aus sich beurteilt, sondern in eine innere Beziehung zu ihrer ganzen Geistesart und politischen Anschauung gesetzt werden, die ihrerseits wieder durch eine ganz bestimmte Stellung in der gesellschaftlich-politischen Wirklichkeit ihrer Zeit bedingt sind. Weiter ist wichtig, daß die genannten Kennzeichnungen zwar eine Rückbeziehung geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse auf geselschaftlich-politische Verhältnisse und ihre Beurteilung durch die einzelnen Historiker einschließen, daß mit diesen "gesellschaftlichen Verhältnissen" aber weder "ökonomische Produktionsverhältnisse" gemeint sind, noch die Erkenntnisse der so gekennzeichneten Historiker als "ideologische Gebilde" bezeichnet werden.

Was hier am Beispiel als eine ganz absichtslos geübte Deutung und Interpretation eines geistigen Sachverhaltes erscheint, wird in der Wissenssoziologie zum methodischen Prinzip erhoben. Alles Wissen, sofern es nur in den Umkreis eines weltanschaulich gebundenen Wissens fällt, erscheint sowohl in Absicht und Fragestellung, Problemansatz und -inhalt als auch in den äußeren Organisationsformen, der objektivierten Gestalt als abhängig von und bezogen auf bestimmte Strukturen gesellschaftlicher Verhältnisse als seiner realen Seinsgrundlage. Wissen und Wissenschaften sind gebunden an die Struktur sozialer Gruppen und Ordnungen, denen sie zugehören. Ihr Geltungsanspruch und ihr Geltungsumkreis ist auf diese zugehörenden Gruppen und Ordnungen eingeschränkt.

Die relativistischen Konsequenzen, die mit einer Existenzialisierung des Geistes stets verbunden sind, verschärfen sich damit in der Wissenssoziologie. Die Relativität der Geisteswissenschaften hat ihren Grund nicht nur in letzten weltanschaulichen Gegensätzen, sondern in den realen Verschiedenheiten sozialer Gesellschaftsschichtungen und -ordnungen, und es ist von hier aus stets nur ein kleiner Schritt bis zu der Theorie, nach der jedes Gesellschaftsgebilde eine eigene Wissenschaft haben und begründen müßte.

Der MARXsche Satz: Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt, ist allgemein bekannt. Von ihm ging die Wissenssoziologie aus, und die mit dieser These arbeitenden Marxisten zogen aus ihr die letzten Konsequenzen durch ihre Unterscheidung einer an die bürgerliche Ideologie gebundenen Wissenschaft von der durch die Weltanschauung des historischen Materialismus in ihrem Wesen bestimmten und durch die Methode des dialektischen Materialismus neu zu begründenden und den Zwecksetzungen einer nichtbürgerlichern Gesellschaft dienenden Wissenschaft. Die Einheit der Geisteswissenschaften wurde dadurch fundamentaler zerstört und aufgehoben, als es etwa DILTHEYs Lehre von der Abhängigkeit einzelner geisteswissenschaftlicher Theorien von der Weltanschauung ihrer Vertreter jemals vermocht hätte.

Jede Gesellschaft hat ihre eigene Wissenschaft! Damit fällt der alles einzelne wissenschaftliche Forschen vereinende Sinn der Wissenschaft, das Streben nach dem Erfassen der einen Wahrheit, die für alle gilt, selbst auseinander. Die Geisteswissenschaften gliedern sich nicht nur nach ihren verschiedenen Gegenständen in eine Reihe von Einzelwissenschaften. Das sie alle mitkonstituierende Faktum der Gebundenheit an soziale Standorte läßt sie vielmehr von vornherein in eine Reihe von grundsätzlich verschiedenen Wissenschaften mit verschiedenem Ursprung und verschiedener gesellschaftlicher Aufgabe auseinanderfallen. Auch für die Zukunft und den Aufgabenbereich der wissenschaftlichen Organisationen, der Akademien und Universitäten, ergeben sich hieraus Konsequenzen von größter sachlicher Bedeutung. Sie weisen in die Richtung der heute so gebräuchlichen Unterscheidung von "bürgerlichen" Universitäten und Fakultäten auf der einen und "Arbeiter- und Bauernfakultäten" auf der anderen Seite. Täuschen wir uns nicht. Mit dieser Unterscheidung ist nicht nur die Umschichtung der Studentenschaft unter dem Gesichtspunkt eines erweiterten Zugangs für die Besitzlosen zu den höheren Bildungsanstalten gemeint. Viel bestimmter - wenn auch verborgen - liegt in der genannten Unterscheidung von bürgerlichen und Arbeiterfakultäten die weitgreifende Forderung nach gesellschaftlich verschiedenen Organisationsformen der Wissensfindung, der Auswahl und der Wertung des Wissens, der Wissensbewahrung und Wissensübermittlung. Nicht nur die Einheit der Universitäten ist damit grundsätzlich aufgehoben und zerstört. Die traditionelle Idee der  universitas literarum [Gesamtheit der Wissenschaften - wp] wird der Ideologie einer bestimmten, nämlich der bürgerlichen Gesellschaft zugehörend erklärt, der gegenüber eine nichtbürgerliche Gesellschaftsordnung prinzipiell andere Anforderungen an ihre höchsten Bildungsstätten stellen muß und auch stellt.

Soweit die Konsequenzen, die aus den wissenssoziologischen Voraussetzungen nur allzu leicht gezogen werden können.

Das aber zeigt, daß das Suchen nach möglichen Wegen oder Ansätzen zu einer Überwindung der relativistischen Konsequenzen, die sich aus der Einsicht in die Standortbedingtheit des Wissens nur allzuleicht ergeben, keine Angelegenheit der bloß theoretischen Reflexion ist. Es hat zugleich eine eminente Bedeutung für die Möglichkeiten der Gestaltung des geistig-kulturellen Lebens der Menschen unserer Zeit. Man kann mit vollem Recht die Frage aufwerfen (18): Wie kann ein Mensch, der davon überzeugt ist, daß sein Denken völlig vom Zustand der Gesellschaft abhängt, in der er zu leben gezwungen ist, überhaupt selbständig denken, sich denkend über diesen Zustand erheben und ihn selbst zum Gegenstand seines Denkens machen? Man kommt dann zu einem in sich widerspruchsvollen logischen Gebilde von der Struktur der bekannten Paradoxie: Alle Kreter lügen. Dies sagt der Kreter EPIMENIDES. Also ist auch die Aussage, daß alle Kreter lügen, eine Lüge. Also sagen sie die Wahrheit, und so weiter. Oder: Alle Erkenntnis ist relativ. Also ist auch diese Erkenntnis, daß alle Erkenntnis relativ ist, relativ. Dann gilt für die Wissenssoziologie: Alles Denken und Erkennen ist vom jeweiligen Zustand der Gesellschaft abhängig. Dann sind auch dieser Gedanke und diese Erkenntnis vom gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft abhängig. Also hat auch das Wissen um die Tatsache, daß alles Denken und Erkennen vom Zustand der Gesellschaft abhängig ist, keine objektive Gültigkeit, da auch dieses Wissen nur für den Zustand der Gesellschaft gilt, zu der der Mensch gehört, der das weiß.

Daher sei zunächst noch einmal festgestellt, in welcher Hinsicht von der Standortbedingtheit und demzufolge auch "Relativität" der Geisteswissenschaften überhaupt sinnvoll gesprochen werden kann. Nicht gebunden an soziale oder weltanschauliche Standorte sind alle geisteswissenschaftlichen Fachdisziplinen, die es lediglich mit der Feststellung, Sammlung und Gliederung von bestimmten Daten und Fakten, der analysierenden Erforschung fest umrissener Tatbestände und Sachverhalte zu tun haben (19). Hierzu zählt im auf dem Gebiet der Geschichtsforschung etwa alles, was zur Quellenforschung im weiteren Sinn, auf dem Gebiet der Sprachwissenschaften etwa, was zur Philologie und Linguistik im engeren Sinn gehört. Es wäre absurd, wollte man in diesen Disziplinen reiner Tatsachenfeststellung und -gliederung und in den von diesen Disziplinen erarbeiteten kritischen Arbeits- und Erkenntnismethoden und -techniken eine Abhängigkeit von weltanschaulichen Standorten auffinden. ERNST TROELTSCH bemerkt mit vollem Recht:
    "Wenn man heute vielfach von einer Krisis der Geschichtswissenschaft reden hört, dann ist es doch weniger eine solche der historischen Forschung der Gelehrten und Fachleute, als eine solche des historischen Denkens der Menschen im allgemeinen. Beides geht seit langem ziemlich weit auseinander. Die kritische Ausgaben und Bearbeitungen der Quellen, die Kunst der Herstellung des Zusammenhangs der Begebnisse unter allseitiger Vergleichung und Auswertung der Zeugnisse, die Ergänzung und Belebung der Zeugnisse mit Hilfe einer die allgemeinen Grundzüge eines Zeitraums aus vielfachen Beispielen feststellenden historischen oder geisteswissenschaftlichen Psychologie: alles das sind genau erlernbare und von Sachkennern jedesmal genau rezensierte Methoden und Kunstgriffe einer annähernd exakten Wissenschaft geworden ... In All dem ist eine Krisis und Veränderung nicht möglich, solange man in der Geschichte überhaupt Wert auf Wahrheit, wissenschaftliche Strenge und den Naturwissenschaften möglichst ebenbürtige Exaktheit legt, solange man keine Erregungen der Phantasie und des Gemüts durch mehr oder weniger suggestive Romane oder diktatorische Beweise bestimmter Thesen und Interessen sucht." (20)
Doch es zeigt sich nun, daß alle Geisteswissenschaften über den Rahmen einer solchen Tatsachenfeststellung und -gliederung hinausgehen. Das ist immer dort der Fall, wo sich das geisteswissenschaftliche Erkennen - wie etwa in der Geschichtsschreibung und Geschichtsphilosophie, Kunstgeschichte, Literaturgeschichte und -wissenschaft - Sinntotalitäten der geistigen Welt zuwendet, die es in ihrer Stilgesetzlichkeit erfassen und als sinnhafte Einheiten deuten will (21). Dieser Sinn geistiger Einheiten liegt aber nicht als etwas faktisch Gegebenes schon vor dem Erkennen, sondern er ist gleichsam als Ordnungsprinzip vom erkennenden oder besser verstehenden Bewußtsein an die Mannigfaltigkeit des Gegebenen heranzutragen, wenn allererst so etwas wie eine geistige Welt entstehen soll. Der Gegenstand - etwa eine bestimmte Epoche der Geistesgeschichte - richtet sich gerade hier in den Geisteswissenschaften im Hinblick auf seine letzte Einheit nach der Struktur des verstehenden Bewußtseins und seinen Sinn- und Wertintentionen. Sinnfindung ist gerade hier Sinnstiftung und Sinngebung zugleich.

Selbstverständlich ist willkürlichen Konstruktionen von seiten des verstehenden Subjekts durch eine gewisse Massivität der Gegebenheiten eine deutliche Schranke gesetzt. Das Gegebene auf der Seite des Objekts ist nie völlig formlos und gestaltlos vorliegendes Material, das der Gesetz- und Gestaltgebung durch das Subjekt bedingungslos ausgeliefert wäre (22). So ein völlig gestaltloses Material als Gegebenheit ist gerae auch auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften undenkbar; vielmehr ist der Komplex des faktisch Gegebenen in seinen Zusammenhängen und Verflechtungen zumindest so weit sichtbar, daß auch von der Seite des objektiv Gegebenen ganz bestimmte Forderungen an die formende *Ordnung durch das Erkennen gestellt werden. Wir werden daher sehr vorsichtig sagen müssen, daß auf dem Gebiet des geisteswissenschaftlichen Erkennens dort und nur dort von einer bestimmenden Funktion des erkennenden Subjekts gesprochen werden kann, wo sich die erkenntnismäßige Gestaltung des Gegenstandes in das Gebiet der letzten umfassenden Deutung bestimmter Sinntotalitäten erstreckt. Hier hat dann auch allein die Standortproblematik in den Geisteswissenschaften ihren eigentlichen Ort und als solche ihre volle Berechtigung; denn Sinndeutung ist stets nur von bestimmten und letzten als gültig anerkannten Werten her möglich, die nicht allein aus dem Stoff gewonnen werden. Die mögliche Vielheit letzter Entscheidungen, die Mannigfaltigkeit der weltanschaulichen Standpunkte, die Anspruch auf letzte Geltung erheben und auch finden, ist ein Faktum, das wir hinzunehmen haben. Zeigen sich nun die Gegenstände der Geisteswissenschaften im soeben aufgeführten Sinn als gebunden an die Bewußtseinsstruktur des erkennenden Subjekts und an die sie bestimmenden Sinn- und Wertintentionen, dann führt die Tatsache der Weltanschauungszersplitterung und insofern des Relativismus zu dem bohrenden Zweifel an der Eindeutigkeit und Allgemeingültigkeit der Geisteswissenschaften und ihrer Forschungsergebnisse überhaupt. -

Das ist die Problemlage der Geisteswissenschaften, wie sie sich dem analysierenden philosophischen Denken darstellt. Soll sie nicht zu Resignation und Skepsis einerseits oder aber zu Umdeutungen des Wahrheitsbegriffs etwa in der Art des Pragmatismus und seiner These: "Wahr ist, was Erfolg hat", andererseits führen, so bleibt ein Ausweg aus den relativistischen Folgerungen der aufgewiesenen Problematik nur dann, wenn es gelingt, die ideelle Einheit der Geisteswissenschaften als Wissenschaften auch in der Weltanschauungszersplitterung nachzuweisen.

Die Aufgabe der vorliegenden Arbeit ist daher folgende: Mit Berücksichtigung der Entstehung und der Geschichte der wissenssoziologischen Forschung wird zunächst das Verhältnis der Wissenssoziologie zur Ideologienlehre einer klärenden Analyse unterzogen werden müssen. Sodann aber sind in den vorliegenden Arbeiten zur Grundlegung der Wissenssoziologie die philosophischen Ansätze aufzuspüren, von denen aus das Problem der Wissenssoziologie in Angriff genommen werden kann. Es wird dabei einmal der Begriff der "Seinsverbundenheit" oder der Bedingtheit des Denkens durch den Sozialprozeß genau zu untersuchen sein, und zum andern wird eine Antwort auf die Frage untersucht werden müssen: ist die Einheit der Wissenschaft durch die Erkenntnis und die Anerkennung ihrer Standortgebundenheit tatsächlich aufgehoben? - Wo liegen in der Sache selbst Ansatzpunkte, die die Einheit der Wissenschaft bei der Verschiedenheit ihrer weltanschaulichen und soziologischen Voraussetzungen dennoch zu garantieren vermögen, und wieweit finden diese Ansätze in den zu analysierenden Arbeiten ihre sachgerechte Beurteilung?
LITERATUR: Hans-Joachim Lieber, Wissen und Gesellschaft, Tübingen 1952
    Anmerkungen
    1) Inwieweit dieses Verhältnis von Sein und Erkennen auch in der modernen Philosophie als eigentliches Seinsverhältnis anerkannt wird, zeigt NICOLAI HARTMANN in seinem Buch "Der Aufbau der realen Welt", Berlin 1940. Auch für HARTMANN gehört der erkennende Geist zum "Seienden", nur zeichnet ihne eben die Möglichkeit der Reflexion auf dieses Seiende aus. In dieser Reflexion tritt er aber nicht aus der realen Welt und ihrem Stufenbau heraus, sondern bleibt an die ontologisch niederen Schichten gebunden. Vgl. insbesondere das Kapitel über Realität und Erkenntnis, Seite 171, und den III. Abschnitt: Gesetze der kategorialen Schichtung, Seite 472f.
    2) Die eigentliche Fragestellung der Erkenntnistheorie und insbesondere die Verschiedenheit der Lösungen der gestellten Probleme vom kritizistischen und vom ontologischen Aspekt aus kann hier nicht näher dargestellt werden. Als letzten Versuch einer geläuterten kritizistischen Lösung des Problems nenne ich: THEODOR LITT, Denken und Sein, Stuttgart 1948.
    3) KARL MANNHEIM, Wissenssoziologie, in: Handwörterbuch der Soziologie, hg. von ALFRED VIERKANDT, Seite 659.
    4) Vgl. HARTMANNs genanntes Buch.
    5) Das Wort  Kategorie  bedarf hier einer Klärung, weil es in einem Sinne gebraucht wird, der von seiner ursprünglichen Bedeutung abweicht. Mit  Kategorie  bezeichnete ARISTOTELES die verschiedenen Arten von allgemeinsten Aussagen, die über einen Gegenstand gemacht werden können. Die Kategorien sind die möglichen Grundbestimmungen der Gegenstände oder des Seienden. Diese Bedeutung des Wortes erfährt erst durch KANT eine Abwandlung. Für ihn sind die Kategorien nicht mehr allgemeine Aussageweisen vom Seienden, sondern "Gedankenformen", "Verstandesbegriffe" die im Subjekt ihren Ursprung haben. Das Subjekt ist in seinem Denken an sie gebunden und nichts kann ihm daher Objekt der Erkenntnis werden, ohne sich den Kategorien gemäß darstzustellen. Objekt der Erkenntnis heißen für KANT die auf Grund der Kategorien zur Einheit des Gegenstandes verarbeiteten Erfahrungsdaten. Kategorien sind also für KANT im Subjekt gründende Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung und, da es Gegenstände außerhalb einer nach Kategorien geordneten Erfahrung nicht gibt, auch Bedingungen der Erfahrungsobjekte. Sie haben daher trotz ihres subjektiven Ursprungs objektive Geltung. - - - Von dieser zweifachen Bedeutung des Wortes  Kategorie  übernehmen DILTHEY und die auf seinen Arbeiten aufbauenden Vertreter einer "Philosophie der Geisteswissenschaften" die zweite, die ihm Kant gegeben hat. "Weltanschauliche Kategorien" oder "Kategorien des Verstehens" werden die Grundbestimmungen des Erkennens genannt, die als Wertungsweisen des Subjekts sein Verstehen von geistigen Zusammenhängen in der Art beeinflussen, daß ohne ihre Wirkung Gegenstände der geschichtlichen Welt gar nicht erkannt und verstanden werden können. Auch hier soll im Sinne KANTs gelten: es kann dem Vertreter einer Geisteswissenschaft nur etwas zum Gegenstand seines Erkennens werden, insofern er es in das System von Wertungsweisen einzuordnen vermag, das sein Verstehen der geistigen Welt bestimmt. Auch hier wird als Gegenstand der Erkenntnis nur das im Denken sinnvoll verarbeitete Erfahrungsmaterial bezeichnet. Und auch hier wird dem erkennenden Subjekt eine Priorität gegenüber der Ordnung des Materials seiner Erkenntnis zuerkannt. Vgl. im Text das Folgende sowie Kapitel IV der Arbeit.
    6) EDUARD SPRANGER, Der Sinn der Voraussetzungslosigkeit in den Geisteswissenschaften, Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1929. Der Ertrag der Geistesgeschichte für die Politik, in  Universitas,  Bd. I, Heft 7, Stuttgart 1946.
    7) THEODOR LITT: Wissenschaft, Bildung, Weltanschauung, Berlin/Leipzig 1928; Erkenntnis und Leben, Berlin/Leipzig 1923; Das Allgemeine im Aufbau der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis, Leipzig 1941; Wege und Irrwege geschichtlichen Denkens, München 1948; Die Frage nach dem Sinn der Geschichte, München 1948.
    8) ERICH ROTHACKER, Logik und Systematik der Geisteswissenschaften, München 1927.
    9) WILHELM DILTHEYs gesammelte Schriften, Bd. VII, hg. von BERNHARD GROETHUYSEN, Berlin/Leipzig 1927.
    10) Vgl. THEODOR LITT, Die Befreiung des geschichtlichen Bewußtseins durch J. G. Herder, Leipzig 1942.
    11) Vgl. FRIEDRICH MEINECKE, Die Entstehung des Historismus, zweite Auflage, München 1946.
    12) DILTHEY, Gesammelte Schriften, Bd. VIII, Seite 222.
    13) Vgl. als Beispiel die Unterordnung der positiven Religion unter die Naturreligion, des positiven Rechts unter das Naturrecht.
    14) Vgl. zum Begriff des Historismus: ERNST TROELTSCH, Der Historismus und seine Probleme, Tübingen 1929, Seite 102f und HANS BARTH, Wahrheit und Ideologie, Zürich 1945, Seite 288f.
    15) Jahrbuch für Soziologie, hg. von GOTTFRIED SALOMON, Bd. II, Karlsruhe 1926, Artikel: KARL MANNHEIM: Ideologische und soziologische Interpretation der geistigen Gebilde, Seite 427. - - - Der Ausdruck "ens realissimum", der hier von MANNHEIM zur Kennzeichnung der Voraussetzungen wissenssoziologischer Forschung gebraucht wird, hat eigentlich nur in einer ganz bestimmten Metaphysik einen Sinn. Nur dort, wo einer Metaphysik, wie etwa derjenigen der Scholastik, eine Lehre von den Gradabstufungen des Seins und der Realität zugrunde liegt, kann etwas, nämlich Gott, das Allerrealste sein. Eine solche Lehre von Gradabstufungen der Realität enthält aber die Wissenssoziologie nicht oder doch nur insofern, als sich fast alle ihre Vertreter scheuen, den Geist als schlechthin irreal zu bezeichnen, ihm aber auch keine volle Realität zuerkennen wollen. Das Wort "ens realissimum" soll also innerhalb der Wissenssoziologie nur dazu dienen, die gesellschaftlichen Verhältnisse als die  eigentlich  realen oder, wie MANNHEIM a. a. O. auch sagt, als die ontisch realeren zu bezeichnen. Das eigentlich Reale ist die sich auswirkende und daher allein als wirklich im strengen Sinn bestimmbare Lebensordnung, wie sie im wirtschaftlich-gesellschaftlichen Gefüge am leichtesten faßbar ist.
    16) GEORG von BELOW, Die parteiamtliche neue Geschichtsauffassung, Langensalza 1920, Friedrich Manns Pädagogisches Magazin, Heft 801, insbesondere Seite 22f.
    17) Vgl. das in der vorigen Anmerkung genannte Schriftchen und daneben sein Werk "Deutsche Geschichtsschreibung von den Befreiungskriegen bis zu unseren Tagen", Leipzig 1916.
    18) Vgl. KARL MANNHEIM, Ideologie und Utopie, Bonn 1929, Seite 3
    19) Vgl. hierzu insbesondere ERNST TROELTSCH, Der Historismus und seine Probleme, Tübingen 1922, Seite 1f.
    20) Vgl. TROELTSCH, a. a. O., Seite 1/2.
    21) Vgl. TROELTSCH, a. a. O., Seite 4
    22) Vgl. hierzu besonders die grundlegenden Ausführungen von THEODOR LITT in seinem Werk "Denken und Sein", Stuttgart 1948, Seite 9f.