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JOHANNES VOLKELT
Über die Lust
als höchsten Wertmaßstab


"Wer die Lust zum Wertmesser der Welt und damit auch der Sittlichkeit macht, müßte folgerichtig zu einem willkürlichen Eudämonismus, d. h. eigentlich zur Leugnung von Sittlichkeit und Ethik kommen. Nun aber wird eine derartige eudämonistische Versumpfung der Sittlichkeit von jedem ernster Denkenden als eine bodenlose Oberflächlichkeit verworfen."

1. Durch OLGA PLÜMACHERs Schrift über den Pessimismus (1) wurde ich nach längerer Unterbrechung wieder Pessimismus einmal in die verschiedenen Fragen hineingezogen, die an der Grundlegung des gegenwärtigen beteiligt sind. Lebhaft und entschieden, wie das genannte Buch geschrieben ist, wird es alle Leser von prinzipiell verschiedener Grundanschauung zu ebenso lebhaften Einwendungen herausfordern, und da überall in dem Buch das Bemühen sichtbar wird, die pessimistischen Aufstellungen durch eingehende Erwägungen zu begründen, so werden die Einwände des gegnerischen Lesers sich von selbst gleichfalls zu Erwägungen und Auseinandersetzungen ausspinnen. Aus den verschiedenartigen Gedanken nun, die sich mir bei der Lektüre aufgedrängt haben, möchte ich einen gewissen Kreis herausheben, der sich auf die eudämonistische [glücklichkeitstechnische - wp] Begründung des Pessimismus bezieht. So sehr sich auch HARTMANN wiederholt bemüht hat, seine Stellung in der Lust- und Unlustfrage gegen Einwände zu sichern, (2) und so sehr auch seine Anhängerin bestrebt ist, die Gründe, die für HARTMANNs Auffassung sprechen, zu verstärken und zu ergänzen, so scheint mir doch gerade in diesem Punkt der Pessimismus besonders stark an Unklarheit und an Verkennung des wahren Sachverhalts zu leiden. Vor allem scheint mir dies in der grundlegenden Frage der Fall zu sein,  ob die Lust,  wie die Pessimisten meist ohne weiteres voraussetzen, in der Tat  als Wertmaßstab der Welt angesehen werden darf.  Ich will mich im Folgenden auf die Prüfung dieses Gegenstandes beschränken. Bevor ich mich indessen dazu wende, will ich über das Buch, das mir zu den folgenden Erörterungen den Anstoß gegeben hat, einige charakterisierende Worte sagen.

Was sofort auffällt an dem Buch, das ist die Leichtigkeit und Gewandtheit, mit der die Verfasserung selbst die schwierigsten und höchsten Begriffe zu handhaben und selbst in äußerst verwickelten Fragen klar und bestimmt Stellung zu nehmen weiß. Die Richtung aber, nach der alle ihre Gedanken sich formen und bewegen, wird durch HARTMANNs Philosophie bestimmt. Nicht nur in den Grundzügen, sondern auch bis ins Besondere und Einzelne hat sie sich auf den Boden dieser Philosophie gestellt. Doch soll damit keineswegs gesagt sein, daß die Verfasserung aller Selbständigkeit entbehrt. Denn abgesehen davon, daß es keineswegs an Ergänzungen und selbständigen Wendungen innerhalb des Rahmens der HARTMANNschen Weltanschauung fehlt, trägt auch das Annehmen der Gedankengänge ihres Vorbildes überall den Charakter des eigenen Prüfens und wohlerwogenen Billigens.

Die Schrift zerfällt in zwei Teile; der erste ist geschichtlichen, der zweite kritischen und polemischen Inhalts. Der erste Teil will ein "vorläufiger Ersatz der noch nicht geschriebenen Geschichte des Pessimismus" sein. Er hebt zunächst im Brahmanismus und Buddhismus, im Griechentum und Judentum, sodann ausführlicher im Christentum die pessimistischen Elemente hervor, geht dann zum "wissenschaftlichen Pessimismus" über, wobei besonders MAUPERTUIS und KANT hervortreten, springt hierauf zur Betrachtung des Weltschmerzes ab, besonders soweit er in den Faust-Dichtungen und bei BYRON, HEINE und LEOPARDI hervortritt, und schließt mit der Darstellung des "philosophischen Pessimismus" (SCHOPENHAUER, HARTMANN, BAHNSEN, MAINLÄNDER). Zweifellos steht dieser geschichtliche Teil der Schrift dem folgenden an Wert weit nach. Nicht nur sind wichtige Erscheinungen gänzlich unerwähnt geblieben (so im griechischen Altertum HERAKLIT, EMPEDOKLES, HEGESIAS, PLATON; in der neuen Zeit die HEGELsche und darwinistische Weltbetrachtung); sondern auch das, was die Verfasserin bietet, ähnelt allzusehr einer flüchtigen, ungeordneten Zusammenstellung. Die Erscheinungen und Gestalten sind vielfach in ihrer Eigenart zu wenig scharf herausgearbeitet, zu schwächlich charakterisiert oder in ein schiefes Licht gerückt. Dies gilt z. B. von der Darstellung des Pessimismus in der griechischen Philosophie, als dessen einziger Vertreter der Stoizismus erscheint; aber auch von der Charakterisierung der kantischen und SCHOPENHAUERschen Lehren, deren pessimistische Bestandteile höchst unbestimmt und ordnungslos angegeben werden. Auch werden die neuen Fragestellungen und Gesichtspunkte, die vielfachen Vertiefungen, Erweiterungen und zunehmenden Präzisierungen, die in der Geschichte des Pessimismus vorkommen, nicht genügend herausgestellt und die verschiedenen Seiten des Pessimismus nicht gehörig auseinandergehalten.

Einen weit besseren Eindruck macht der zweite Teil. Hier finden sich zahlreiche Erörterungen, die als glückliche, einsichtsvolle Ausführungen in der von HARTMANN vorgezeichneten Richtung gelten dürfen. Besonders ist PLÜMACHER bemüht, die mannigfachen Schroffheiten und Einseitigkeiten, die man HARTMANN, teils mit Recht, teils mit Unrecht vorzuwerfen pflegt, zu ermäßigen; so in den Kapiteln über die Arbeit, die Liebe, den Genuß des Schönen usw. Sie teilt die gegen den Pessimismus vorgebrachten Bedenken und Gründe in vier Gruppen. Zuerst erörtert sie diejenigen Einwürfe, welche sich gegen die empirische Abschätzung der Lust- und Unlustmengen und das sich hieran knüpfende pessimistische Werturteil über die Welt richten. An zweiter und dritter Stelle werden die Einwürfe geprüft, die der ethische und der religiöse Optimismus vorbringen. Zum Schluß wird die panlogistische Gegnerschaft gegen HARTMANN der Kritik unterworfen. In allen diesen Abschnitten finden sich nicht wenige Bemerkungen und Begründungen, die ich als treffende, stichhaltige Widerlegungen der gegnerischen Einwürfe anerkennen muß.

Gegen keinen Philosophen unserer Zeit herrscht im Urteil der Fachgenossen so viel Ungerechtigkeit und Verblendung als gegenüber HARTMANN. Die Philosophie HARTMANNs ist eine so bedeutende Erscheinung, daß es auch für den Gegner nur zum eigenen Vorteil gereichen kann, sich sorgfältig und eingehend mit ihr auseinanderzusetzen. Stattdessen begegnet man nur zu oft einem gereizten Bemühen, an HARTMANN so wenig Gutes, als nur irgendwie möglich ist, zu lassen, ja einer höhnischen Verkleinerung, die ihn womöglich aus dem Reich der Philosophie wie einen Unwürdigen ausschließen möchte. Angesichts dieser fortgesetzt ungerechten Behandlung, die er erfährt, ist es bewundernswert, wie HARTMANN nicht müde wird, durch immer neues Zurückkommen auf gewisse ihm wichtig erscheinende Punkte und durch ruhiges, sachliches Eingehen auf die gegen ihn erhobenen Einwürfe das Urteil über seine Philosophie zu klären und zu berichtigen. Freilich ist es ihm nicht möglich, auf  alle  Einwände zu antworten und  allen  Mißverhältnissen entgegenzutreten. Vielmehr ist es die Aufgabe seiner Schüler, ihm hierin zur Seite zu stehen. PLÜMACHER ist sich dieser Aufgabe bewußt geworden, hat sie in einem maßvollen, sachlichem Ton zu erfüllen versucht und dadurch HARTMANN jedenfalls ein gutes Stück Arbeit von den Schultern genommen.

2. Ich wende mich jetzt zu meinen allgemeinen Erörterungen. Wenn HARTMANN in der für ihn feststehenden Tatsache, daß die Summe der Unlust in der Welt die der Lust weitaus hinter sich läßt, die Begründung des Pessimismus erblickt, so ist darin die Voraussetzung eingeschlossen, daß die Lust der wahrhafte Maßstab für den Wert der Welt ist. HARTMANN bekennt sich ausdrücklich zu dieser Ansicht von der Lust als letztem Zweck, an dem die Welt zu messen wäre (3) und auch PLÜMACHER stellt mit vollem Bewußtsein die Lust als den Wertmesser der Welt hin. Es handelt sich dabei um eine grundlegende Frage für den Pessimismus; denn selbst in dem Fall, daß HARTMANN mit seiner Lust- und Unlust-Bilanz vollkommen recht haben sollte, würde doch die pessimistische Verurteilung der Welt gänzlich hinfällig werden, wenn es unrichtig wäre, den Wert des Daseins am Verhältnis der vorhandenen Lust- und Unlustsummen zu messen.

Es soll also im Folgenden die prinzipielle Beantwortung der Frage versucht werden, ob die Lust der berechtigte Maßstab für den Wert des Daseins ist. Zunächst möge eine methodologische Bemerkung Platz finden. Für die Untersuchung dieses Gegenstandes steht nur der eine Weg offen, daß wir das, als was sich uns die Lust in unserer inneren Erfahrung darbietet, scharf und unbefangen auffassen und uns weiter fragen, zu welcher Antwort uns diese bloßgelegte innere Tatsache mit Rücksicht auf das aufgeworfende Problem logischerweise nötigt. Daneben wird, wie in allen ähnlichen Fragen, der indirekte Weg von hervorragender Wichtigkeit sein. Dieser nämlich besteht darin, daß wir prüfen, zu welchem Widersinn wir genötigt würden, wenn wir die Lust als Wertmaßstab gelten lassen wollten.

Zunächst steht fraglos fest, daß sich uns die Lust als rein formal, als inhaltslos kundtut. Betrachten wir den Inhalt, wie er den Wahrnehmungen (die ich hier der Kürze halber nicht von den Empfindungen sondere), den Vorstellungen und Begriffen innewohnt, so müssen wir sagen, daß der Lust als solcher etwas derartiges nicht zukommt. Die Lust als solche ist ein ansich inhaltsloses Bewußtsein von Förderung und Belebung, das als eine nicht weiter definierbare Betonung die übrigen Funktionen des Bewußtseins begleitet und mehr oder weniger innig mit ihnen verschmilzt. Zum Wahrnehmen, Vorstellen und Denken gehört ein ihnen eigentümlicher Inhalt; das Funktionieren ist hier das Gegenwärtigsein des Inhalts selber. Dieser Bewußtseinsinhalt erfährt durch die Lust weder eine Erweiterung, noch eine Umformung und dgl., sondern lediglich eine nicht weiter analysierbare Färbung. Freilich  bezieht sich  die Lust stets auf einen Inhalt; auch in der verschwommensten Lust wird irgendein Inhalt als förderlich empfunden. Allein dieser Inhalt  gehört  eben nicht zur Lust als solcher, sondern er bildet nur dasjenige,  woran  die Lust existiert; er ist Bedingung und Grundlage der Lust, nicht aber diese selber. Entweder ist es ein wahrgenommener oder vorgestellter oder gedachter Inhalt, worauf sich die Lust bezieht; nirgends aber läßt sich ein in der Weise der Lust selber existierender Inhalt aufzeigen. Einen Bewußtseinsinhalt, der gleichsam nichts als auseinandergebreitete Lust wäre, gibt es nicht. Selbst wenn wir beim Einschlafen oder nach reichlichem, gesellig belebtem Mahl uns in süßer Behaglichkeit gehen lassen, knüpft sich die Lust, trotz aller Dumpfheit und Unbestimmtheit, doch an einen mannigfaltigen Inhalt von Organempfindungen.

Auch so läßt sich die Inhaltslosigkeit der Lust bezeichnen: die Lust als solche enthält nichts, was dem Subjekt als Objekt gegenüberstünde. Das Wahrnehmen z. B. ist nicht nur ein subjektives Innesein, sondern es besteht immer zugleich aus einem Inhalt, der dem Subjekt gegenständlich ist. So bedeutet ja auch der Ausdruck "Wahrnehmung" sowohl den subjektiven Akt des Wahrnehmens, als auch den wahrgenommenen Inhalt. Die Lust dagegen befindet sich ausschließlich auf der subjektiven Seite, sie ist ein bloßes Spüren ohne gegenständlichen Inhalt. Das,  woran  wir Lust verspüren, ist freilich ein gegenständlicher Inhalt, allein dies gehört eben nicht mehr zur Lust als solcher, sondern ist entweder eine Wahrnehmung, oder eine Vorstellung, oder ein Begriff. Mit dieser Subjektivität der Lust hängt dann weiter das Flüchtige, unberechenbar Wechselnde ihres Wesens zusammen. Ein und derselbe Bewußtseinsinhalt kann bei verschiedenen Individuen, ja beim selben Individuum zu verschiedenen Zeiten die verschiedensten Grade von Lust uns Unlust hervorrufen. Es fehlt jede feste, gesetzliche Beziehung zwischen den Bewußtseinsinhalten und den dazugehörigen Lust- und Unlustempfindungen. Hierin besteht die zufällige und individuelle Natur der Lust.

Ich glaube: wer sich diese Beschaffenheit der Lust klar gemacht hat, den muß es sofort als höchst unangemessen vorkommen, den Wert der Welt an der Menge der in ihr vorkommenden Lust schätzen zu wollen. Auf der einen Seite steht der gesamte unerschöpfliche Weltinhalt, auf der andern eine leere Form; und nun soll die Gesamtheit dessen, was es an Inhalt gibt, es sich gefallen lassen, an einem inhaltsleeren Etwas gemessen zu werden! Wenn es einen Maßstab für den Wert des Weltinhaltes gibt, so wird er inhaltsvoller Natur sein müssen. Und da der Weltinhalt begreiflicherweise an keinem außerhalb seiner gelegenen, äußerlich an ihn herangebrachten Maßstab gemessen werden kann, so wird die Frage nach einem Wertmesser des Weltinhalts mit der Frage zusammenfallen, ob der gegebene und erschlossene Weltinhalt so beschaffen ist, daß er sich  als Inhalt  durch sich selber rechtfertigt, daß er  als Inhalt  an sich selber Selbstzweck ist; mit anderen Worten: ob die Welt als Verwirklichung eines absolut wertvollen Inhalts angesehen werden darf. Doch diese positive Seite der mich beschäftigenden Angelegenheit soll hier unerörtert bleiben; hier soll es genug sein, festzustellen, daß es im höchsten Grad unsachgemäß wäre, die inhaltslose Lust zum Wertmesser der Welt hinaufzuschrauben. Das hieße, die Fülle an der Leere, den absoluten Reichtum an diesem armseligen Prinzip messen zu wollen. Wo in aller Welt liegen im Wesen der Lust die Anhaltspunkte, die Unterschiede und Gliederungen, um dem Inhalt der Wirklichkeit gerecht zu werden? Den Maßstab der Welt kann ich mir nur als in sich ausgebreitet, als organisch in sich differenziert, als eine innere Entwicklung und Abstufung vorstellen. Sonst würde ja jede Möglichkeit fehlen, mit dem Maßstab auf den im höchsten Grad organisch gegliederten und verknüpften Weltinhalt einzugehen, und die Beurteilung der Welt bliebe äußerlich und sachwidrig.

Dazu kommt nun noch das Zufällige und Individuelle der Lust. Es erscheint mir als die höchste Willkür und Gewaltsamkeit, ein Phänomen, das zum Weltinhalt in den flüchtigsten, launenhaftesten, zufälligsten Beziehungen steht, einfach und ohne weiteres zum Maßstab für den Wert des Weltinhalts zu erheben. Wie kommt die Wirklichkeit dazu, ausschließlich nach dieser ihrer am wenigsten nach festen Verhältnissen geordneten Leistung gewürdigt zu werden? Auf der Würdigung der Welt nach der nackten Lust ruht der begründete Verdacht eines anthropopathischen Verfahrens, das den niedrigsten endlichen Maßstab auf das Ganze und Absolute anwendet.

Es ist umso auffallender, daß HARTMANN die Inkommensurabilität von Lust und Weltinhalt kaum beachtet, als gemäß seiner eigenen Theorie die Lustempfindungen als solche nicht der Qualität, sondern ur dem Grad nach verschieden sind (4). Indem er die qualitative Unterschiedenheit der Lustempfindungen leugnet, gibt er implizit ihren rein formalen und inhaltslosen Charakter zu. Seine eigene Lusttheorie hätte ihm die Frage doch nahelegen sollen, ob es angehe, die tausendfältigen Qualitäten der Welt nach einem für qualitative Unterschiede gänzlich unzugänglichen Maßstab abzuschätzen.

Die zentrale Begründung, die HARTMANN seiner Überzeugung von der Lust als letztem Maßstab aller Wirklichkeit gibt, besteht in dem Hinweis darauf, daß der letzte Zweck des Weltprozesses das Wesen des Absoluten direkt und unmittelbar betreffen, dem Absoluten zugute kommen muß, und daß dies nur die Glückseligkeit leisten kann. (5) Ich gebe diese an den letzten Zweck gestellte Anforderung zu, allein sie wird auch von einem ganz anders gedachten letzten Zweck, als es die Lust ist, erfüllt. Wenn ich mir das Absolute als Selbstverwirklichung des Guten denke, und zwar so, daß das Absolute diese Selbstverwirklichung zugleich  weiß,  so ist nach meiner meinung ein Zweck aufgestellt, der das Wesen des Absoluten "unmittelbar betrifft" und ihm "zugute kommt". Freilich gälte es erst, zu beweisen, daß in der Tat das Absolute als Selbstverwirklichung des Guten als des absoluten Sollens gedacht werden muß. Dies jedoch fällt außerhalb der Aufgabe, die ich mir in dieser Auseinandersetzung gestellt habe. Mir kommt es hier nur darauf an, zu beweisen, daß die Lust unmöglich als letzter Zweck und Maßstab angenommen werden darf. Dieser Beweis aber scheint mir durch die von mir vorhin dargelegte Unangemessenheit der Lust als eines Wertmessers zu einem Weltinhalt geliefert zu sein. Diese Unangemessenheit macht es unmöglich, in die inhaltlose, formale "Eudämonie" oder, wie bei HARTMANN, als Freiheit von Unseligkeit gefaßt zu sein, den letzten Zweck des Weltprozesses zu setzen.

HARTMANN hält das aufgrund der Tatsache der überwiegenden Unlust gefällte Werturteil, daß die Nichtexistenz dieser Welt ihrer Existenz vorzuziehen wäre, für ein psychologisch und damit zugleich auch logisch notwendiges. Er sagt: die psychologische Nötigung zu jenem eudämonologischen Werturteil sei eine unbewußt-logische und daher absolute; wer dies bestreitet, sei durch Vorurteile gehindert, seinem unmittelbaren logischen Wahrheitsgefühl zu folgen (6). Die psychologische Nötigung, auf die sich HARTMANN hier beruft, besteht allerdings bis zu einem gewissen Grad. Es ist dem menschlichen Gemüt aus gewissen Ursachen nahegelegt, den Maßstab der Lust an die Welt zu legen; ja es ist nur zu natürlich, daß sich den lustempfindenden Wesen dieser Maßstab aufdrängt. Allein im Gegensatz zu HARTMANN glaube ich, daß diese psychologische Nötigung vor der Logik des Denkens nicht standhält, sondern von ihr als irreführende Vorspiegelung enthüllt wird.

3. Ich schreite nun zu einer weiteren Erwägung. Wenn man den Wert der Welt an der Lust messen will, so wird dies, wie es auch bei HARTMANN der Fall ist, nur so geschehen können, daß man die in der Welt vorhandenen Lust- und Unlustmengen abschätzt und das Überwiegen der Lust als Rechtfertigung, das Überwiegen der Unlust als Verurteilung der Welt betrachtet. Überlegen wir, welche Konsequenzen in diesem Verfahren liegen. Zunächst steht fest, daß bei dieser Lustbilanz die sinnliche und die geistige Lust nur nach ihrem reinen Lustcharakter, d. h. nur nach dem Quantum, das sie, rein als Lust betrachtet, ergeben, in Gewicht fallen dürfen. Es ist also untersagt, beim Ansetzen der Größe, die die sinnliche und die geistige Lust darstellen, die Werturteile, die wir über den sinnlichen und geistigen  Inhalt  der Lust bilden, einfließen zu lassen. Bedenkt man nun, daß die in der Welt vorhandene sinnliche Lust kein geringes Quantum darstellt, so ist klar, daß bei der Bemessung des Wertes der Welt die Sinnenlust in sehr erheblichem Grad beteiligt ist. Das heißt der Wert der Welt ist von der Menge der in ihr vorhandenen Sinnenlust in hohem Grad abhängig. Doch noch zu einer weiteren Konsequenz nötigt jenes Verfahren. Es liegt in ihm ausgesprochen, daß die Sinnenfreude und der geistige Genuß beim Werturteil über die Welt prinzipiell gleichberechtigt sind. Stünde also die Sache so, daß in der Welt die Unlust von der Lust überwogen wird, so wäre es für die Rechtfertigung der Welt gleichgültig, ob die vorhandene Lustmenge einen vorwiegend sinnlichen oder einen vorwiegend geistigen Charakter besäße. Ja, wenn wir uns eine Welt vorstellen, in der die Lust ausschließlich von gemeiner, tierischer Beschaffenheit wäre, so würde diese Welt, falls nur die Unlust vor dieser niedrig gearteten Lust zurückträte, dennoch glänzend gerechtfertigt dastehen. Ich glaube, es bedarf keiner Begründung, wenn ich behaupte, daß diese Konsequenzen, die von den Pessimisten freilich nicht gezogen werden, ihre Unhaltbarkeit, ja ihren Widersinn offen zur Schau tragen. Es wird daher wohl auch jene These, welche diese Konsequenzen unausweichlich nach sich zieht: die Annahme nämlich von der Lust als dem Wertmesser der Welt, als verfehlt zu erachten sein.

Wie HARTMANN, so faßt auch PLÜMACHER das Wesen des Pessimismus geradezu in dem Werturteil zusammen: "Die Summe der Unlust überwiegt die Summe der Lust; folglich wäre das Nichtsein der Welt besser als deren Sein." Da die Verfasserin sich mit einer so großen Anzahl von Einwürfen gegen den Pessimismus beschäftigt, so fällt es auf, daß die so oft angegriffene und geleugnete Voraussetzung, mit der jenes Werturteil steht und fällt: daß nämlich die Lust der sachgemäße Maßstab der Welt ist, zwar immer stillschweigend oder ausdrücklich bei ihr vorkommt, aber kaum von ihr zu verteidigen auch nur versucht wird. Allerdings ist ein besonderes Kapitel ihres Buches dem Nachweis gewidmet, daß in der Sittlichkeit nicht der Wertmesser der Welt liegt, allein irgendetwas Erhebliches zur Begründung ihrer These, daß die Lust "der endgültige Wertmesser gegenüber dem Sein ist", wird man darin vergeblich suchen. Und auch sonst wird dieser Kardinalsatz von ihr zwar überall vorausgesetzt, aber nirgends erörtert und begründet.

4. Eine weitere Konsequenz, durch welche sich die Erhebung der Lust zum absoluten Maßstab als unhaltbar herausstellt, bezieht sich auf das  Verhältnis des Pessimismus zur Ethik.  Ich komme damit auf einen verwickelteren Gegenstand, dessen Klarlegung einer etwas ausführlicheren Erwägung bedarf.

Es muß anerkannt werden, daß HARTMANN auf seinen pessimistischen Voraussetzungen eine höchst wertvolle Ethik aufgebaut hat, ja vielleicht wird man seine "Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins" als seine gediegenste und reichste Schöpfung ansehen dürfen. Allein diese Anerkennung hindert nicht auszusprechen, daß die pessimistischen Voraussetzungen diese Ethik nicht zu tragen vermögen. HARTMANN freilich glaubt sogar, daß es überhaupt ein sittliches Streben nur unter der Voraussetzung der pessimistischen Beschaffenheit der Welt geben kann (7). Dies scheint mir jedoch so unrichtig, daß vielmehr, näher betrachtet, auf dem Boden des Pessimismus Sittlichkeit und Ethik nur infolge einer starken Inkonsequenz möglich werden. Um es kurz zu sagen: beurteilt man den Wert der Welt am Maßstab der Lust, so muß an die Stelle der Sittlichkeit  ein schranken- und grundsatzloser Eudämonismus  treten.

So inkonsequent ist nun HARTMANN freilich nicht, daß er die Sittlichkeit von der Unterordnung unter die Lust gänzlich loslöst. Die Sittlichkeit ist ihm das Mittel zu einem "absolut-eudämonistischen" Zweck; die "Eudämonie des Absoluten" ist das "übersittliche" Ziel, dem alle sittlichen Mittel dienen. Und genauer ist dieses eudämonistische Ziel negativer Natur: es soll das Absolute durch das sittliche Streben der Menschheit von seiner transzendenten Unseligkeit, von seinem "Gottesschmerz" erlöst werden (8). Dagegen verwirft er die  individual-eudämonistischen Moralprinzipien" in unnachsichtiger, ja in manchen Beziehungen allzu rigoroser Weise. Die Selbstverleugnung gilt ihm als "Anfang und Grundlage alles Ethischen"; die Sittlichkeit beginnt da, wo das Streben nach individueller Glückseligkeit in allen seinen Formen gebrochen ist (9). Anstelle des Egoismus hat das  sozial-eudämonistische Moralprinzip zu treten, das die Forderung an uns stellt, "unser Leben und Streben ganz dem Dient fremden Wohles unter völliger Hintansetzung des eigenen zu weihen." (10) Eben diese Bekämpfung der egoistischen Moralprinzipen, so verdienstvoll sie auch ansich sein mag, ist mit jener obersten These seines Pessimismus unverträglich. - Ich will den nun folgenden Nachweis von der Unverträglichkeit der Lust als höchsten Wertmaßstab mit Sittlichkeit und Ethik ganz allgemein halten.

5. Ist die Lust der Wertmesser der Welt, so kann natürlich auch das menschliche Wollen und Handeln seinen Wert nur durch Lust erhalten, der es sich also unterzuordnen hat. Und die Sittlichkeit wird in nichts anderem bestehen können als in dem durch die Lust (als dem obersten Wertmesser) wertvoll gemachten Wollen und Handeln. Wesen und Bedeutung der Sittlichkeit wird daher ausschließlich und restlos aus dem Lustprinzip hergeleitet werden müssen. Die Sittlichkeit darf sich nicht mit Zielen und Idealen schmücken, die sich durch den Maßstab der Lust als solcher nicht rechtfertigen lassen. Nur solche Prinzipien dürfen der Sittlichkeit vorstehen, die sich ohne die Hilfe neuer Wertmaßstäbe allein aus dem Wesen der Lust ergeben. Die Geschichte der Ethik nun aber zeigt, daß die eudämonistischen Richtungen, die übrigens weitaus überwiegend dem Optimismus angehören, wiewohl sie von rechtswegen keinen anderen Maßstab des Sittlichen als die Lust kennen sollten, dennoch fast durchgängig bei der näheren Begründung des Sittlichen andere Wertmaßstäbe, die aus der Lust nicht ableitbar sind, sondern einen völlig verschiedenen Ursprung haben, unbemerkt einfließen lassen. Hierdurch kann dann die von ihnen begründete Sittlichkeit unberechtigterweise ein edles Gepräge, einen humanen Gehalt, einen hohen Aufschwung erhalten. So ist es auch bei HARTMANN. Konsequenterweise müßte auch bei ihm das Prinzip des Sittlichen rein und ausschließlich der Lust als dem absoluten Zweck und Wertmesser folgen; während er doch tatsächlich der Sittlichkeit ein Ziel gibt, das aus dem Lustprinzip als solchem nie und nimmer hergeleitet werden kann.

Die Lust als solche hat, wie schon hervorgehoben wurde, lediglich Quantitätsunterschiede. es ist dies nur ein anderer Ausdruck für das bloß formale Wesen der Lust. Daher wird das menschliche Handeln umso wertvoller sein, je mehr Lust aus ihm entspringt. So folgt aus dem Lustprinzip die Vorschrift, so zu handeln, daß sich möglichst viel Lust daraus ergibt. Eine weitere Vorschrift die Verwerflichkeit des nach niederem Sinnesgenuß trachtenden Handelns abzuleiten. Wenn jemand sagt, daß er größeren Genuß eher in geistigem Streben als in Sinnenfreuden findet, so genügt er jener Vorschrift dadurch, daß er sich geistigen Genüssen hingibt. Wenn dagegen jemand versichert, daß ihm die Sinnlichkeit ungleich größere Genüsse schafft als alles ideale Trachten und Arbeiten, so genügt dieser jener Vorschrift genau ebenso dadurch, daß er sich in den Rausch der Sinne stürzt. Und ebensowenig führt von jener Vorschrift ein zwingender Grund zur Verwerfung des egoistischen Handelns überhaupt. Denn das egoistische Handeln ist sehr häufig weit reicher an Lust für den Handelnden und eine andere als das selbstlose Handeln. In all diesen Fällen ist das egoistische Handeln gemäß dem Lustprinzip gerechtfertigt.

Hier wird aber vielleicht der Einwand laut, daß es gemäß jener Vorschrift keineswegs darauf ankommt, worin  nach dem Dafürhalten des Einzelnen für sein individuelles gegenwärtiges und zukünftiges Empfinden  die größere Lust liegt, sondern vielmehr darauf, mit welcher von den verschiedenen Möglichkeiten des Handelns nach  objektiver  Beurteilung die größte Lust  für andere Menschen, ja für die Menschheit überhaupt  verbunden ist. Hätte dieser Einwand Recht, so würde aus dem Lustprinzip die Überwindung des Individualeudämonismus oder Egoismus folgen. Indessen ist bei näherer Betrachtung dieser Einwand nicht stichhaltig.

Wenn ich den Wert der Welt am Maßstab der Lust abschätzen will, so versteht es sich freilich von selbst, daß ich die gesamte Lustmenge in Betracht ziehen muß. Wenn ich dagegen meinem eigenen Handelns einen möglichst hohen Wert gemäß dem Lustmaßstab verleihen will, so bleibt es völlig dahingestellt, ob ich dabei lediglich meine eigene Lust oder auch die meiner Mitmenschen oder etwa gar nur die letztere zu berücksichtigen habe. Nur soviel steht fest, daß meine Handlung einen umso höheren Wert hat, je mehr Lust sie zur Folge hat. Dagegen liegt in diesem Kriterium nichts darüber enthalten, ob die Bemessung vom Standpunkt des jeweiligen Individuums oder vom Standpunkt der anderen oder gar der gesamten Menschheit zu erfolgen hat. In der Lust als solcher ist keine Spur einer notwendigen Beziehung auf einen weiteren Bereich oder gar auf das Allgemeine zu entdecken, keine Spur davon, daß die Lust immer nur als Lust meiner Nächsten oder gar als Gesamtlust der Menschheit Wertmaßstab sein darf. Aus der Lust läßt sich nicht die Notwendigkeit herauspressen, viele oder alle Lust in Eins zu binden, jede individuelle Lust immer nur im Zusammenhang mit der anderen Lust oder der Gesamtlust zu betrachten. Ein solches einigendes, Zusammenhang stiftendes Prinzip ist die Lust nicht. Wenn daher der Wert durchaus auf die nackte Lust gegründet wird, so ist nicht das mindeste darüber gesagt, sondern bleibt völlig willkürlich, ob in einem gegebenen Fall der Wert von einem engen oder umfassenderen oder gar allumfassenden Luststandpunkt aus zu bestimmen ist. Viel eher trägt die Lust die Beschaffenheit eines individualistischen Prinzipgs, insofern sie nichts als Form des subjektiven Inneseins, nichts als bloßes Spüren ist und daher für jeden nur seine eigene Lust existiert.

Wenn daher jemand sagt, daß ihn nur seine eigene Lust angeht, und daß er daher bei der Einrichtung seines Handelns die Lust aller anderen als nicht vorhanden ansehen will, so kann er von diesem Standpunkt, der in der Lust den höchsten Wertmesser sieht, nicht widerlegt werden. Die Lust läßt uns eben vollkommen im Stich, wenn wir die Frage an sie stellen, innerhalb welchen Horizontes die Entscheidung über die größte Lust getroffen werden soll. So ist es wohl evident, daß von der Lust als höchstem Wertprinzip keine zwingende Beziehung zum sittlichen Prinzip der Selbstlosigkeit, der Arbeit für das allgemeine Beste und dgl. hinüberführt. Es bleibt also dabei, daß, wenn jemand sagt, ihm bereit das egoistische Trachten mehr Genuß und er entscheide sich daher dafür, er von einer Philosophie, die in der Lust den höchsten Maßstab sieht, nicht widerlegt werden kann.

Die eben gegebenen Darlegungen richten sich, wie man sieht, nicht etwa bloß gegen den Pessimismus, der die Welt vom Standpunkt der Lust verurteilt, sondern gegen jede eudämonistische Ethik, die das Streben nach Lust gewissen prinzipiellen Regulativen unterwerfen will. Die Vertreter des Eudämonismus muten der Lust als solcher zu, von sich aus eine prinzipielle Unterscheidung und Gliederung der möglichen allgemeinen Ziele des menschlichen Handelns in verwerfliche und löbliche begründen zu können, während doch in Wahrheit von der Lust aus sich jeder beliebige Willensinhalt rechtfertigen läßt, da ja unter bestimmten Umständen jedweder Inhalt den Vorzug erhalten kann, mit die meiste Lust verschaffen zu können. Hohes und Gemeines, Gediegenes und Nichtiges, allgemein Förderliches und Schädliches, alles kann unter Umständen dem oder jenem als geeignet erscheinen, für ihn die Quelle der größten Lust zu werden.

Selbst die aristippische Sorglosigkeit des augenblicklichen Genießens läßt sich von diesem Standpunkt nicht aus dem Feld schlagen. Denn aus dem Prinzip der größtmöglichen Lust kann nicht einmal die Vorschrift abgeleitet werden, bei einer Berechnung der größten Lust die nächste und fernere Zukunft meines Lebens mit in Anschlag zu bringen. Wenn jemand die Absicht hat, dem Prinzip von der größtmöglichen Lust so zu gehorchen, daß er dabei nur die unmittelbare Gegenwart seines Empfindens berücksichtigt, so ist der Eudämonismus nicht imstande, ihn zu widerlegen. Denn die Lust ist so leer, daß sie nicht einmal die Nötigung dazu in sich enthält, sie im Zusammenhang mit der zukünftigen Lust des eigenen Lebens zu betrachten. - So ist also in der Tat ein grundsatz- und schrankenloser Eudämonismus die wahre Konsequenz der Ansicht, daß die Lust der höchste Wertmesser ist.

Es verhält sich mit den Eudämonisten ähnlich wie mit den Anhängern des Prinzips der reinen Erfahrung. Die Positivisten bürden der Erfahrung eine Menge Leistungen auf, deren sie gänzlich unfähig ist. Die Erfahrung als solche soll es sein, wodurch die wissenschaftliche Verknüpfung und Ordnung der Erscheinungen zustande kommt, während doch die Erfahrung ein viel zu dürftiges Prinzip ist, um mit ihren Mitteln auch nur die allerniedrigste kausale Verknüpfung begründen zu können. In ähnlicher Weise wird das Lustprinzip von seinen Anhängern in seiner Leistungsfähigkeit weitaus überschätzt. Den Leistungen, die sie ihm zumuten, steht es in Wahrheit vollkommen rat- und mittellos gegenüber.

Ich komme nun wieder speziell auf HARTMANN zurück. Der konkrete Gehalt seiner Ethik ist, wie gesagt, nichts weniger als eudämonistisch, ja sie zeichnet sich durch die eindringende und originelle Kritik aus, die sie den pseudo-moralischen und unvollkommenen sittlichen Richtungen zuteil werden läßt. Nur in dem einen Punkt steht er mit dem Eudämonismus auf gleichem Boden, daß er, gemäß seiner pessimistischen Fundamentalvoraussetzung, das sittliche Handeln einem eudämonistischen Ziel unterordnet. Ist jedoch einmal dieser Grundsatz angenommen, so ist konsequenterweise die ganze Ethik, die er aufbaut, unmöglich gemacht. Denn wer die Lust zum Wertmesser der Welt und damit auch der Sittlichkeit macht, müßte, wie gezeigt, folgerichtig zu einem willkürlichen Eudämonismus, d. h. eigentlich zur Leugnung von Sittlichkeit und Ethik kommen. Nun aber wird eine derartige eudämonistische Versumpfung der Sittlichkeit von HARTMANN - und von jedem ernster Denkenden - als eine bodenlose Oberflächlichkeit verworfen. So widerlegt sich also die Erhebung der Lust zum absoluten Maßstab durch die unvermeidliche, aber unhaltbare Forderung, daß dann auch die Sittlichkeit geleugnet werden müßte.

Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß auch die negativ-absolute Wendung, die der Eudämonismus bei HARTMANN nimmt, sich durch das Lustprinzip in keiner Weise begründen läßt. Mag HARTMANN auch noch so sehr davon überzeugt sein, daß das Absolute an transzendenter Unseligkeit leidet, und daß es auch innerhalb der Welt weit mehr Leiden als Lust gibt, so darf er doch daraus nicht folgern, daß jeder Einzelne seinem Handeln die Erlösung des Absoluten und der Welt von ihrem Schmerz als letzten Zweck vorzusetzen die Pflicht hat. Ich glaube, daß HARTMANN nichts Begründetes erwidern könnte, wenn ihm jemand, der sich zu seinem Pessimismus bekennt, die Erklärung abgäbe, daß, gerade weil er die Lust als höchsten Wertmesser anerkennt, er als Individuum sich nur um seine eigene, selbstempfundene Lust kümmert, und ihm am Gottesschmerz und am Leid der anderen nichts gelegen ist. Mag die Welt immerhin umso vernünftiger gerechtfertigter dastehen, je mehr sie vom Schmerz befreit ist: so liegt in diesem Werturteil noch nicht, daß jeder Einzelne die Pflicht hat, nach ihm sein Wollen und Handeln einzurichten. Soll diese Verpflichtung aus diesem Werturteil folgen, so müßte in demselben die Notwendigkeit enthalten sein, den Wert seines Wollens und überhaupt seines Ich nach dem Wert der Welt zu beurteilen. Diese Notwendigkeit ist aber in jenem Werturteil nicht zu entdecken, weil in ihm der Wert ausschließlich auf die Lust als solche gegründet ist. Von HARTMANNs Standpunkt aus läßt sich ebensogut sagen: mir liegt nicht am Wert der Welt; mir liegt nur daran,  meinem eigenen Ich  durch möglichst viel Lust einen möglichst hohen Wert zu geben. Die Lust enthält eben, wie ich nachgewiesen habe, nichts in sich, was die Unterordnung meiner individuellen Lust und Unlust unter den Gesichtspunkt der Gesamtlust und Gesamtunlust mit Notwendigkeit fordert.

6. Es ist auffallend, daß so häufig die Lust unbesehen als Wertmesser angenommen wird, da doch die Beobachtung der psychischen Vorgänge lehrt, daß nichts gewöhnlicher ist, als die Lust ihrerseits anderen Maßstäben zu unterwerfen. Erstens legen wir überall da, wo wir uns  in bewußter Weise  sittliche entscheiden, einen Maßstab an die Lust- und Unlustempfindungen, der von ganz anderswoher geholt ist als von diesen Empfindungen selber. Und dieser andere Maßstab ist nicht etwa im Geheimen und stillschweigend so gemeint, daß er doch schließlich auf eine wenn auch von einem allgemeineren und umfassenderen Standpunkt aus vorgenommene Abschätzung und Berechnung von Lust und Unlust hinausliefe; sondern es ist mit vollem Bewußtsein ein Maßstab gemeint, der von Lust und Unlust durchaus und in jeder Hinsicht absieht. Ein Beispiel soll dies erläutern.

Wenn ich mir eine Vergnügungsreise versage, um das dafür bestimmte Geld zum Bau einer Schule beizusteuern, so stehen zwei Lustquanta im Vergleich miteinander: das aus der Reise und das aus dem Bewußtsein der Förderung eines humanen Zwecks zu erhoffende Quantum. Es wäre nun grobe Selbsttäuschung, zu glauben, daß das letztere Lustquantum größer ist; in den meisten Fällen wird eine Vergnügungsreise ungleich mehr Lust abwerfen als das von den Geschäften des Tages sehr bald verdrängte Bewußtsein, den Schulbau gefördert zu haben. Wenn mir nun doch diese weit spärlichere Lust lieber ist und ich mich für sie entscheide, so stammt dies allein daher, daß ich die Lustquanta nach dem sittlichen Wert derjenigen Willensinhalte schätze, aus denen sie folgen. Und indem ich das tue, will ich die Lust ausdrücklich mit einem anderen Maßstab, als es die Lust ist, gemessen haben. Ich denke bei meiner Entscheidung nicht im mindesten an die Lustquanta, die durch den Schulbau dieser und den künftigen Generationen wahrscheinlich erwachsen werden. Eine derartige Lustberechnung kommt mir nicht einmal in den Sinn, sondern ich denken ausschließlich an den Wert, den die Schule für die intellektuelle und sittliche Bildung dieser Stadt besitzt. Es ist also keineswegs eine von einem allgemeineren Gesichtspunkt aus unternommene Lustberechnung, wodurch das Lustquantum, welches aus meinem Bewußtsein der Förderung eines humanen Zwecks entspringt, in meinen Augen steigt, und wodurch ich mich bestimmen lasse, mit für die spärlichere Lust zu entscheiden; sondern der Maßstab, durch den die Werterhöhung dieses Lustquantums bewirkt wird, hat mit der Lust als solcher nichts zu schaffen.

Und so wird das unbefangene, gesunde sittliche Gefühl überall urteilen. Nur wer sich durch konsequent eudämonistische Theorien in seinem natürlichen sittlichen Fühlen und Urteilen beeinflussen läßt, wird vielleicht jene künstliche, klügelnde Zurückführung des Maßstabes , den er bei seinen Willensentscheidungen an die unmittelbar zu erwartenden eigenen Lust- und Unlustquanta legt, auf eine Lustberechnung umfassenderer Art vornehmen.

Aber auch  abgesehen von einem bewußten, grundsätzlichen sittlichen Verhalten  werden die Lust- und Unlustempfindungen nach Maßstäben geschätzt, die nicht in ihnen selbst liegen. Unwillkürlich und reflexionslos heften sich Schätzungen an sie, die ihrer quantitativen Größe keineswegs entsprechen, sondern durch den psychischen  Inhalt  der Lust und Unlust bestimmt sind. Diese unwillkürlichen Schätzungen sind nicht nur utilitaristischer sondern auch ethischer Art, denn auch abgesehen von einem grundsätzlichen sittlichen Handeln verbinden sich mit Lust und Unlust unmittelbar und gleichsam instinktiv eingebene ethische Wertgefühle. Jedermann knüpft an die Lustempfindungen des Gaumens und der geschlechtlichen Funktionen, des bequemen Müßiggangs und geselligen Verkehrs, des Spazierengehens und Reisens, des Natur- und Kunstgenusses, der mechanischen und geistigen Arbeit usw. solche gefühlsmäßige Wertschätzungen, die bei demselben Individuum bis zu einem gewissen Grad ein festes Gepräge haben. Wie wenig nun diese Wertschätzungen dem Lust- und Unlustquantum entsprechen, liegt auf der Hand. So ist z. B. die Lust der Tafelgenüsse oder des Einschlafens ohne Zweifel weit intensiver als ein großer Teil der Lust, den das wissenschaftliche Arbeiten oder das Bewußtsein der erfüllten Pflicht gewährt; und doch schlagen wir die beiden letzten Arten der Lust unter allen Umständen an Wert weit höher an als jene sinnlichen Genüsse.

Diese Wertgefühle verschmelzen so innig mit den Lust- und Unlustempfindungen als solchen, daß bei oberflächlicher Beobachtung die Intensität der letzteren eine jenen Wertgefühlen entsprechende Vergrößerung oder Verringerung zu erleiden scheint. Die Intensität der Sinnengenüsse scheint zu sinken, weil das sich mit ihnen verschmelzende Wertgefühl sie niedrig taxiert; dagegen scheint die Intensität der intellektuellen, ästhetischen und moralischen Befriedigung zu steigen, weil sich ihr das Gefühl eines hohen Wertes beimischt. Es geschieht auf diese Weise, daß man einer großen Menge unrichtiger theoretischer Behauptungen über die Größe der verschiedenen Genüsse als solcher begegnet. Edle, ideal angelegte Naturen z. B. werden leicht geneigt sein, wenn sie sich theoretisch äußern sollen die Intensität der Sinnengenüsse für zu gering und die der geistigen Genüsse für überschwenglich hoch zu halten, weil sie den täuschenden Schein, mit dem die begleitenden Wertgefühle die Intensität des Empfindens umgeben, nicht sorgfältig ausscheiden.

Infolge dieser innigen Verschmelzung der Wertgefühle mit den Lust- und Unlustempfindungen geschieht es, daß auch bei den Entscheidungen unseres natürlichen Begehrens und Verlangens sehr häufig nicht ausschließlich die zu erwartenden Lust- und Unlustquantitäten als solche gegeneinander abgewogen werden, sondern daß dabei die begleitenden Wertgefühle eine entscheidende Rolle spielen. Es ist eine arge Täuschung, zu glauben, daß, wenn unser Begehren zwischen zwei oder mehreren Möglichkeiten des Genießens und der Befriedigung wählt, wir immer oder auch nur in der Regel eine bloße Lust- und Unlustberechnung anstellen. Vielmehr werden Lust und Unlust überaus oft in Verbindung mit den unwillkürlichen Wertschätzungen, von denen sie uns unzertrennlich erscheinen, in Ansatz gebracht. Es beruht auf mangelhafter psychologischer Beobachtung, zu meinen, unser Begehren werde durchweg in so einfacher Weise motiviert, daß auf die beiden Waagschalen lediglich Lust- und Unlustquanta gelegt werden. - Ich werde noch weiterhin auf diesen Punkt zurückkommen.

Es sind sonach ganz alltägliche psychische Tatsachen, auf deren Analyse ich mich hier berufe. Und die Berufung darauf hat hier den Zweck, die früher von mir angeführten Gründe, die gegen die Lust als höchsten Wertmesser sprachen, zu verstärken. Wenn von jedermann allstündlich die Lust- und Unlustempfindungen teils bewußt, teils unwillkürlich anderen Maßstäben untergeordnet werden, so befindet sich diese Tatsache in voller Übereinstimmung mit dem Ergebnis der vorangegangenen prinzipiellen Erwägungen und ist geeignet, die Sicherheit dieses Ergebnisses zu steigern. Für sich allein wäre die hervorgehobene psychische Tatsache nicht imstande, die Ansicht von der Lust als höchstem Wertmesser zu widerlegen. Denn von vornherein ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß, indem wir die Lust anderen Maßstäben unterwerfen, wir uns über den Rang der Lust in der Abstufung der Werte täuschen und ihr bitteres Unrecht zufügen.

7. Hier möge es gestattet sein, einige vom eigentlichen Thema abschweifende Bemerkungen hinzuzufügen. Gesetz, es wäre dem Pessimismus gelungen, die Lust als berechtigten Wertmaßstab der Welt zu erweisen, so würde die nächste Aufgabe darin bestehen, Lust und Unlust in der Welt so genau wie möglich gegen einander abzuschätzen oder, wie HARTMANN es zu bezeichnen liebt, die Lustbilanz der Welt zu ziehen. Gerade auf diesem Punkt war HARTMANNs Sinnen von früh an gerichtet; schon die "Philosophie des Unbewußten" sucht die "Negativität der Lustbilanz" auf einer breiten empirischen Grundlage darzulegen, und noch immer sieht HARTMANN dieses negative Ergebnis der Lustbilanz als eines der Fundamente seiner Philosophie an. (11)

Es ist nun Gewicht darauf zu legen, daß die Abschätzung der Lust- und Unlustsummen nicht in ungefährer Weise, nach Maßgabe von Totaleindrücken, sondern mit wissenschaftlicher Schärfe und wissenschaftlichen Mitteln geschieht. Nicht für jede Philosophie besteht die Nötigung zu einer derartigen streng wissenschaftlichen Abschätzung. Eine Philosophie, welche die Lust nicht als absolut entscheidenden Faktor über den Wert der Welt anerkennt, wird sich mit weniger begnügen dürfen. Sie wird genug getan haben, wenn sie sich die gewaltige Größe der in der Welt vorhandenen Unlustmenge, das massenhafte Eindringen der Unlust in alle Güter und Schätze des Lebens, die überaus günstigen Bedingungen für das Entspringen der Unlust und Ähnliches durch anschauende und denkende Beurteilung der verschiedenen Seiten des Daseins zu nachdrücklichem Bewußtsein bringt; es wäre für eine solche Philosophie verkehrt, sich darauf einzulassen, die verschiedenen Lust- und Unlustempfindungen genau in Rechnung zu stellen. Dagegen wird von HARTMANNs Philosophie gefordert werden müssen, daß der Überschuß der Unlust mit wissenschaftlicher Genauigkeit bewiesen wird, und zu diesem Zweck wieder wird es nötig sein, daß innerhalb gewisser prinzipiell entscheidender Bereiche und Komplexe von Lust- und Unlustempfindungen (wie Arbeit, Liebe, Schlaf usw.) die Quantitäten derselben, ich will nicht sagen, mit mathematischer Genauigkeit, aber doch so, daß über die  wechselseitigen Größenverhältnisse  der hauptsächlich in Frage kommenden Lust- und Unlustempfindungen kein Zweifel bestehen kann, einander gegenübergestellt werden. Sobald die Frage, ob das Lust- oder Unlustquantum in der Welt überwiegt, für die gesamte Weltanschauung grundlegend ist, dann ist die Forderung unerläßlich, die Lust- und Unlustempfindungen in eine Intensitätsskala derart einzureihen, daß in der Regel zumindest eine jede Lust- und Unlustempfindung  im Verhältnis zu den übrigen  eine bestimmte, unzweideutige Stelle in der Skala erhält.

Wollte ich die weitläufige und vielumstrittene Frage, ob sich diese Forderung erfüllen läßt, hier in Erwägung ziehen, so würde die Antwort aus verschiedenen Gründen verneinend ausfallen. Doch liegt dies hier außerhalb meiner Absicht. Mir kommt es nur darauf an, einen einzigen dazugehörigen Punkt herauszuheben. HARTMANN nämlich beruft sich, um die wissenschaftliche Abschätzung der Lust- und Unlustquanta als möglich darzutun, auf die Tatsache, daß "das ganze natürliche Seelenleben mit allen natürlich determinierten Willensentscheidungen lediglich durch die Vergleichung verschiedenartiger eventueller Empfindungen zustande kommt, und  ohne die Vergleichbarkeit solcher nach ihrem Größenwert  jede Willensentschließung unmöglich würde." Er deutet die Wahl, die wir bei den natürlichen Willensentscheidungen zwischen mehreren möglichen Lust- und Unlustgefühlen treffen, ohne weiteres in dem Sinne, daß ausschließlich die quantitative Seite dieser Gefühle, d. h. Intensität und Dauer, in Vergleich gezogen wird. Wenn das Ehrgefühl oder die religiöse Begeisterung die größten Qualen auf sich nimmt, so soll dies nach HARTMANN bedeuten, daß "in diesen Fällen das betreffende höhere Gefühl der Summe der niederen an Intensität oder Dauer oder an beiden überlegen ist." Jede natürliche Willensentscheidung ist für ihn ein Beweis von der Kommensurabilität der in Frage stehenden Lust- und Unlustempfindungen; kommensurabel aber sind sie nur nach ihren gleichartigen Faktoren, d. h. nach Intensität und Dauer; "sonach kann es nichts anderes als das Produkt von Intensität und Dauer sein, womit die Gefühle faktisch als Motive gegeneinander in Bilanz treten." (12) HARTMANN glaubt durch diese Berufung auf die Tatsache der natürlichen Entscheidungen des Willens (oder besser Begehrens) alle Einwände gegen die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Lustbilanz mit einem Schlag beseitigt zu haben.

Es erhellt sich aus dem oben (unter Nummer 6) Gesagten, daß sich HARTMANN hiermit auf eine unrichtig ausgelegte Tatsache beruft. Sicherlich entscheiden wir uns in vielen Fällen lediglich nach dem Lustquantum. Wenn z. B. jemand, dem Fische zuwider sind, Wild dagegen trefflich schmeckt, zwischen beiden Gerichten zu wählen hat, so wird er sich zweifellos rein nach dem Lustquantum entscheiden. In anderen Fällen dagegen werden die Lustempfindungen  in Verbindung mit den sie begleitenen Wertgefühlen  in Abwägung genommen. Jemand legt z. B. einen amüsanten Roman fort und nimmt aus Bildungsdrang ein lehrreiches Buch zu Hand; oder jemand bleibt, statt ins Theater zu gehen, aus einem gewissen Gefühl der Zärtlichkeit bei seiner einsamen Mutter; oder jemand entsagt dem lustigen Verkehr mit seinesgleichen und besucht langweilige, aber vornehme Gesellschaften. Dies sind Fälle, wo das  gewählte  Lustquantum weit unter dem  verschmähten  stehen kann. Wenn dennoch die kleinere Lust gewählt wird, so kommt dies daher, weil sich ihr, infolge ihres als edler und trefflicher gefühlten Inhalts, eine höhere Wertschätzung beigemischt hat. Und zwar handelt es sich hierbei, wie ich voraussetze, nicht um bewußte sittliche Entscheidungen, sondern ich nehme an, daß in diesen Fällen die ansich kleinere Lust einfach darum gewählt wird, weil sie dem Wählenden "lieber ist", weil sie ihn "mehr befriedigt". Dieses "Liebersein", dieses "Mehr-Befriedigen" ist kein Beweis für die größere Quantität der Lust, sondern es liegt darin nur soviel ausgedrückt, daß ich dabei eine von mir als edler und wertvoller geschätzte Seite meines Wesens beteiligt fühle als im entgegengesetzten Fall. Es werden also keineswegs, wie HARTMANN glaubt, die Gefühle ausschließlich nach dem Produkt aus Intensität und Dauer gegeneinander abgeschätzt, sondern es besteht - ganz abgesehen vom bewußten sittlichen Wollen - in sehr vielen Fällen der Maßstab außerdem noch aus dem Faktor des begleitenden Wertgefühls.

Die Tatsache, die HARTMANN als beweisend anführt, müßte daher die eingeschränkte Fassung erhalten:  in zahlreichen Fällen  schätzen wir in der Praxis des Lebens die Lustempfindungen ausschließlich nach ihrer Quantität ab, um hiernach unser Begehren einzurichten. Ist nun diese Tatsache hinreichend, um daraus die Möglichkeit einer  wissenschaftlichen  Bilanz der Lust und Unlust zu beweisen? Ich glaube, dies verneinen zu müssen. Zunächst ist klar, daß die Abschätzung der Lustgefühle gegeneinander, wie sie die Praxis des Lebens übt, sehr oft naturgemäß von grober Art ist. Es findet dies in allen Fällen statt, wo zwischen einer erhebichen und spärlichen Lust oder zwischen einer ausgemachten Lust und einer ebenso augenfälligen Unlust zu wählen ist. Hier genügt es der Praxis des Lebens, wenn auf diese klaffenden Unterschiede geachtet wird. Dagegen kommt es der Wissenschaft auf eine feinere, bestimmtere Abwägung an; es kann daher aus all diesen Fällen die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Bilanz nicht bewiesen werden. Daher bleiben für die Begründung der Möglichkeit einer wissenschaftlichen Lustbilanz nur solche Fälle der praktischen Abschätzung der Lustquanta übrig, wo es sich nicht um so augenfällig weit auseinanderliegende Quanta handelt. Allein in diesen Fällen wieder stellt sich das Mißliche ein, daß die praktische Abschätzung dem Verdacht der Ungenauigkeit und Täuschung in einem hohen Grad ausgesetzt ist. Wie oft geschieht es nicht, daß wir, nachdem die erwartete Lust oder Unlust, und zwar ohne unvorhergesehene Störungen, wirklich eingetreten ist, uns gestehen, sie sei von und bedeutend über- oder unterschätzt worden! Und lassen wir uns ferner bei der Wahl zwischen mehreren Lust- oder Unlustquanta nicht sehr oft halb vom Zufall leiten? Besonders dann geschieht dies, wenn wir nicht recht wissen, welches von den zu erwartenden Lust- oder Unlustquanta größer ist. Wenn z. B. der Wirt den Gast fragt, ob er Rot- oder Weißwein wünscht, und dieser nach einigem Besinnen den ersteren nennt, so kann diese Wahl die Folge eines halb zufälligen Zugreifens sein.

Nach all dem kann die Tatsache, daß wir bei einem Teil unserer Begehrungen die Lustquanta gegeneinander abschätzen, nicht als Beweis für die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Lustbilanz gelten. Es bleibt vielmehr durch jene Tatsache gänzlich dahingestellt, in welchem Umfang und Grad eine wissenschaftlich genaue Vergleichung der Lust- und Unlustquanta ausführbar ist. Wenn die Abwägung der Lustquanta, wie sie in der Praxis des Lebens vorkommt, in so vielen Fällen teils von grober Allgemeinheit, teils ungenau und trügerisch, teils zufällig ist, so liegt in den übrigbleibenden Fällen keine hinreichende Bürgschaft dafür, daß eine so umfassende und eingehende Abwägung von durchgängiger Bestimmtheit und Genauigkeit, wie es die Wissenschaft fordert, möglich ist.

Indessen selbst wenn die wissenschaftliche Lustbilanz  überhaupt  unmöglich sein sollte, so würde daraus nicht folgen, daß HARTMANNs Versuch, eine solche aufzustellen, ein in jeder Hinsicht unwissenschaftliches Unternehmen ist. Solche Betrachtungen, wie diejenigen, die er über die Lust und Unlust in den verschiedenen Lebensgütern angestellt hat, gehören in die Philosophie,  um uns ein umfassendes Bild von der Verbreitung und Bedeutung von Lust und Schmerz zu geben;  und HARTMANN gebührt das Verdienst, sie zuerst in geordneter und auf Vollständigkeit ausgehender Weise unternommen zu haben. Solange man derartigen Betrachtungen keinen anderen Zweck gibt, sind sie, wenn sie nur sonst gehörig ausgeführt sind, ganz wohl fähig, ihre Aufgabe  in wissenschaftlich hinreichender Weise  zu erfüllen. Sobald sie dagegen ihr Ziel in die Aufstellung einer wissenschaftlichen Lustbilanz setzen, so beanspruchen sie, mehr zu leisten, als sie wirklich leisten können.

8. Der Leser darf von diesem Aufsatz nicht mehr verlangen, als in dem ihm von vornherein gesetzten Zweck liegt. Es sollte ausschließlich bewiesen werden, daß die Lust unmöglich als Wertmesser der Welt angesehen werden darf. Es blieb sonach unbewiesen, wie die Frage nach dem Wertmaßstab der Welt positiv zu entscheiden ist (wenn dieselbe auch einige Male gestreift wurde). Ebenso blieb die Frage völlig beiseite liegen, welche Stellung die Lust im sittlichen Handeln und in der Welt überhaupt einnimmt, und speziell ob sie zu einem höchsten Gut und absoluten Wert in irgendeiner notwendigen Beziehung steht. Wollte ich diese Gegenstände untersuchen, so würde sich zeigen, daß der Lust in der Welt der Werte und Ideale keine geringe Stelle zukommt, und daß insbesondere das höchste Gut nicht ohne die Lust als seine formelle Harmonie gedacht werden kann. Der absolut wertvolle Inhalt läßt sich eben um dieser seiner Natur willen nicht anders denken als ein in der Form der Glückseligkeit für das Subjekt vorhandener Inhalt. Damit wäre vielleicht zugleich in KANTs Auffassung vom höchsten Gut ein größerer Wahrheitsgehalt aufgezeigt, als ihr gemeinhin zugestanden wird.

Wie sollte sich dann auch die Erscheinung verstehen lassen, daß soviele bedeutende und edle Denker die Lust als höchsten Zweck und Wert verherrlicht haben, wenn ihr nicht eine hohe positive Bedeutung in der idealen Weltökonomie zukäme? Auch die Sprache des Gefühls weist nach dieser Richtung. So edel und erhaben wir auch von der Bestimmung des Menschen denken, so bleibt doch die Tatsache davon unberührt, daß unser Gemütsbedürfnis sich den vollendet harmonischen Idealmenschen zugleich als glückselig vorstellen muß. Wie wir die Lust als höchste Bejahung des Daseins, als Leben im intensivsten Sinne spüren, so kann sich unser Gefühl auch nicht von der Forderung losmachen, daß das höchste und absolute Sein seiner selbst in absolut seliger Weise inne ist. Der Schmerz tut sich unserem Gefühl als scharfe Schranke, als harte Notwendigkeit kund; in der Luft blüht uns ein Reich heiterer Freiheit auf. Stellt sich uns das Glück in seinem vollen Glanz vor die Seele, so ahnen wir in ihm eine Sphäre regster Entfaltung aller Kräfte, eine Quelle unendlicher Lebensfülle. Im Schmerz legt es sich wie eine fremde Macht, wie eine dumpfe Finsternis lastend auf unser Herz; die Freude dagegen ist ein siegreiches Aufatmen, ein göttergleiches Aufwärtseilen. Dies ist freilich nur eine Sprache des Gefühls; doch glaube ich, daß auch das philosophische Nachdenken, so wenig es die nackte Lust als Maßstab des Wertes der Welt anerkennen kann, ihr doch eine Bedeutung im Weltorganismus zusprechen muß, durch die jene Forderungen des Gefühls in ihrem Kern gerechtfertigt werden.
LITERATUR: Johannes Volkelt, Über die Lust als höchsten Wertmaßstab, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Neue Folge, Bd. 88, Leipzig, Halle / Saale, 1886
    Anmerkungen
    1) OLGA PLÜMACHER, Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart, Geschichtliches und Kritisches, Heidelberg, 1884. Seite XII und 355.
    2) Zuletzt in EDUARD von HARTMANN, Philosophische Fragen der Gegenwart, Leipzig 1885, Seite 78f
    3) HARTMANN, Philosophie des Unbewußten, Seite 640f; Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins, Seite 844f.
    4) HARTMANN, Philosophie des Unbewußten, Seite 215
    5) HARTMANN, Philosophie des Unbewußten, Seite 640f; Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins, Seite 842f.
    6) E. von HARTMANN, Zur Geschichte und Begründung des Pessimismus, Berlin 1880, Seite 66.
    7) HARTMANN, Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins, Seite 52f.
    8) Phänomenologie, a. a. O., Seite 843f
    9) Phänomenologie, a. a. O., Seite 51f
    10) Phänomenologie, a. a. O., Seite 597f
    11) HARTMANN überschätzt sogar diesen empirischen Unterbau seines Pessimismus, indem er zuweilen schon die Konstatierung der Tatsache, daß die Lustbilanz der Welt negativ ist, für hinreichend hält, um den Pessimismus zu konstituieren (Zur Geschichte und Begründung des Pessimismus, Seite 65f).
    12) HARTMANN, Philosophische Fragen der Gegenwart, Seite 93f.