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JOHANNES VOLKELT
Die Entwicklung
des modernen Pessimismus


"Die Philosophie ist ihrem ganzen Wesen nach mehr zum Optimismus geneigt. Sie will die Welt erkennen und begreifen. Das Begreifen führt aber stets etwas Beruhigendes, mit dem erkannten Gegenstand Versöhnendes mit sich. In diesem Sinn konnte  Hegel  sagen, daß die Philosophie, indem sie die Wirklichkeit begreift, zugleich den denkenden Geist mit sich versöhnt und ihn Freude an der Gegenwart finden lehrt."

"Brahmanismus und Buddhismus sind in gleicher Weise von der Nichtigkeit des irdischen Daseins durchdrungen. Die Welt verdankt einer Täuschung, einer Jllusion ihr Dasein; sie ist ein Abfall  Brahmas  von sich selbst. Die Weltmutter  Maja  entzündete in  Brahma  durch Bilder, die sie ihm im Traum vorgaukelte, Lust und Begierde.  Brahma  gab seinen Gelüsten nach, vergaffte sich in die vorgespiegelten Bilder und verlieh ihn auf diese Weise unwillkürlich Existenz. Die Welt ist also weiter nichts als der gleichsam fixierte, fest gewordene Schein; sie ist darum durch und durch nichtig, wertlos und wegzuwünschen."

"Das Erkennen besitzt also die ungeheure Macht, durch die Einsicht in die Machtlosigkeit der Natur diese auch wirklich machtlos zu machen. So befreit sich das Bewußtsein, durch den höchsten Grad des Bewußtseins, von sich selbst und hiermit von allen Schmerzen. Durch die vollkommene Selbsterkenntnis ringt sich die Seele von diesem leidvollen Dasein los und gewinnt die Schmerzlosigkeit des Unbewußten."

Seitdem das Bewußtsein des Menschen nicht mehr bei den einzelnen Erscheinungen stehen bleibt, sondern sich in einem kühnen Flug zu dem Versuch erhoben hat, den gesamten Weltzusammenhang zu überschauen, treten auch, bald schroffer, bald verschwommener, die prinzipiellen Gegensätze des Optimismus und Pessimismus auf. Besonders seit dem vorigen Jahrhundert wird der Kampf zwischen beiden Richtungen lebhaft geführt. Während die deutsche Philosophie des vorigen Jahrhunderts fast durchgängig auf einem optimistischen Standpunkt steht, sind es besonders die geistreichen Franzosen, die gegen diese versöhnende Auffassung der Welt Opposition machten. Selbst die fortschrittlichsten unter den deutschen Aufklärungsphilosophen sind in ihrem Glauben an die allweise Einrichtung des Weltalls fest und unerschütterlich. So macht z. B. REIMARUS, sicherlich der bedeutendste und determinierteste Kopf der eigentlichen Aufklärungsphilosophie (LESSING stand schon zum großen Teil außerhalb derselben), gerade diese optimistisch-teleologische Weltanschauung zum Fundament seiner damals fast unerhörten Angriffe gegen die Bibel und das kirchliche Christentum. Dagegen veranlaßten die Zweifel des Franzosen PIERRE BAYLE, der den Manichäismus mit seinem bösen Urwesen den Vernunftanforderungen viel entsprechender fand, als die Alleinherrschaft des allgütigen christlichen Gottes, unseren LEIBNIZ zu seiner berühmten  Theodizee.  Und VOLTAIRE, der mit zunehmenden Jahren immer pessimistischer dachte, überschüttete sowohl LEIBNIZ wie den Grafen SHAFTESBURY, einen Philosophen von wahrhaft antikem Gefühl für Schönheit und Harmonie, wegen ihres Optimismus mit seinem Spott. Seitdem wurde der Kampf zwischen beiden Richtungen viel prinzipieller und tiefer gehend. Der Pessimismus begnügt sich nicht mehr mit einzelnen spöttischen Einwürfen gegen die vortreffliche Welteinrichtung; er hat dem Ausspruch des  Mephistopheles,  daß alles Entstehende wert sei zugrunde zu gehen, und es darum besser wäre, wenn überhaupt nichts entstünde, die tiefste metaphysische Grundlage zu geben gewußt. Und ebenso ist der moderne Optimismus davon abgekommen, alle Welterscheinungen unter dem Gesichtspunkt ihrer äußere Zweckmäßigkeit für den Menschen zu betrachten und an den Dingen irgendeine für das liebe Ich nützliche Seite in oft seichtester und lächerlichster Weise herauszuklügeln; vielmehr hat auch er sich durch die Einführung des immanenten Zwecks, der sich selbst realisierenden Vernunft zu vertiefen und zu einer wahrhaft großartigen Weltanschauung zu erheben verstanden. Die tiefste Spaltung in der heutigen Philosophie hängt mit diesem Gegensatz zwischen Pessimismus und Optimismus aufs engste zusammen. Wäre schon dies Grund genug, den Pessimismus einer näheren Betrachtung zu unterziehen, so kommt noch hinzu, daß gerade in allerletzter Zeit die ausgeprägtesten Gestalten des Pessimismus, wie sie sich in SCHOPENHAUERs und HARTMANNs Philosophie zeigen, eine überraschend große Menge von Anhängern gefunden haben und noch täglich neue zu gewinnen scheinen.

Die Keime zu diesem philosophischen Gegensatz liegen tief im menschlichen Gemüt, in den der Reflexion wenig zugänglichen Regionen des individuellen Gefühlslebens, in dem was der Mensch als seinen Charakter, als das ihm innewohnende Schicksal mit auf die Welt bringt. Jedes Gemüt, das nicht stumpf und träge dahinlebt, sondern sich mit der Welt in eine lebendige Wechselbeziehung setzt, wird sich zu dem einen jener Gegensätze mehr hinneigen als zum andern. Hoffnung, die nicht zu Schanden werden läßt, begleitet den Einen durch sein ganzes Leben; mögen sich noch so viele seiner Ideale in einen luftigen Nebel aufgelöst, mag er noch so oft in seinen kühnen Bestrebungen an den engen Wänden dieser Welt seine Stirn blutig gestoßen haben: seine elastische, nach jedem Druck mit derselben Spannkraft auftretende Natur steht trotz all dem ungebeugt und heiter da. So oft auf den unsicheren Wogen dieses Lebens gescheitert, will der so glücklich Angelegte es noch einmal mit dem widerwärtigen Schicksal aufnehmen; die Zuversicht, daß es endlich am Sieg fehlen wird, bringt ihn immer aufs neue mit der undankbaren Welt in Versöhnung. Sein erbärmliches Schicksal schiebt er nicht der Welt in die Schuhe; darum steht sie, wie zuvor, rein und schön vor ihm da. Er umfaßt sie mit derselben Liebe wie früher und kann mit HEINE ausrufen:
    Herz, wieviel ist dir geblieben!
    Und wie schön ist noch die Welt!
    Und mein Herz, was dir gefällt,
    Alles, Alles darfst du lieben!
Wie dieser hoffnungsfreudige Charakter überall in den Menschen die ihm wohlwollende, geneigte Gesinnung, in allen Stellungen, die das Schicksal zu ihm einnimmt, das für ihn Günstige mit Vorliebe heraushebt und sich daran erfreut, so sieht ein Anderer überall das feindliche, boshaft gegen ihn gekehrte, nur auf sein Verderben lauernde Schicksal. Noch hat er ein Unternehmen kaum begonnen, und schon glaubt er aus tausend Schlupfwinkeln die höhnende Rotte seiner Feinde hervorbrechen zu sehen. Alles, was er tut, soll weise und gut, und nur die arge Welt für seine Absichten blind und verständnislos sein; er klagt über Verkennung und Verfolgung, über gelegte Netze und Fallstricke. Und doch sind es am Ende seine eigenen Beine, über die er strauchelt und stürzt. Kann er es einmal aber doch nicht leugnen, daß die Sonne ihm freundlich scheint, so ist er doch gleich mit dem Zusatz zur Hand, daß die tückische Sonne ihm den folgenden grauen, dumpfen Nebel nur umso empfindlicher machen will.

Werfen wir einen Blick auf GOETHEs  Egmont  und SHAKESPEAREs  Hamlet.  Bei  Egmont  dieser heitere, sonnenklare Himmel des Gemüts, in dem sich ihm die ganze Welt verklärt; bei  Hamlet  dieses grau in grau malende Denken, das alle Frische und Freudigkeit an ihrer Wurzel zernagt, diese mit wahrer Wollust im Fürchterlichen und Häßlichen wühlende Phantasie.  Egmont  freut sich "der schönen, freundlichen Gewohnheit des Daseins und Wirkens"; alles, was wie Sorge und Kummer, weit vorschauendes Überlegen und Erwägen aussieht, ist ein fremder Tropfen in seinem Blut, dessen er auf alle Weise loszuwerden sucht. Dagegen halte man  Hamlets  grüblerisches, energieloses Denken, dem es an jeder Freudigkeit gebricht.  Egmont  geht frisch und mutig auf seiner Bahn vorwärts; was links und rechts liegt, läßt er unbeachtet beiseite.  Hamlet  findet ein fast raffiniertes Vergnügen daran, für ein sofortiges, energisches Handeln alle möglichen Bedenken und Hindernisse herauszuklügeln, ja recht viel zu kombinieren, nach allen Seiten auszuspähen und mit Zweifeln und Grübeleien sich selbst und alle ihm Nahestehenden zu quälen. Wie lebhaft fühlt  Egmont  noch in den letzten Augenblicken seines Lebens die Schönheit und den Wert des Daseins; er kann von sich sagen, daß er sich an jedem Tag gefreut hat.  Hamlet  sehnt sich fort aus seinem Leben, das ihm ekel, öde und schal dünkt; er will dieser Welt entfliehen, in der er - wie sein weltberühmter Monolog uns zeigt - eine Zusammenhäufung von allen nur erdenklichen Lasten, ein sinnloses Durcheinander von Willkür, Kränkung und Freveltat, ein Wirrsal voller Geißelhiebe und Fußtritte erblickt.  Egmont  wünscht sich einen schnellen leichten Tod im Angesicht der Sonne; nichts haßt er mehr als den Vorgeschmack des Grabes, als die Moderluft, welche der Tod vor sich her verbreitet.  Hamlet  sucht mit  Horatio  den Friedhof auf und stellt an den Schädeln düstere Betrachtungen über die Vergänglichkeit aller Schätze der Weisheit, des Witzes und der Liebenswürdigkeit an. Mit wahrem Hochgenuß malt sich seine Phantasie die tiefe Erniedrigung aus, die selbst eines weltbeherrschenden ALEXANDERs und CÄSARs edlen Staub ereilt.

Wir wollen durchaus nicht behaupten, daß der Grund des theoretischen Optimismus und Pessimismus in dieser Verschiedenheit der individuellen Gemütsanlage liegt. Allein man wird zugeben müssen, daß da, wo das theoretische Denken zur Bildung einer Weltanschauung gelangt ist, sich dieses schwerlich von der vorgefundenen Richtung des Charakters und Gemütes völlig unbeeinflußt zu erhalten imstande sein wird. Es liegt - um mit HEGEL zu reden - die List des Begriffs darin, daß die Weltvernunft, um ihre verschiedenen Seiten und Stufen zu realisieren, die verschiedenen Triebe, Neigungen und Leidenschaften der Menschen ergreift, sich untertänig macht und sie als Werkzeuge zur Vollbringung ihrer Zwecke gebraucht. Die pessimistische Seite unseres Zeitgeistes wird daher im Denken solcher Individuen durchbrechen, deren Gemüt und Charakter von vornherein pessimistisch angelegt ist. Charakter und System des Philosophen finden sich auf solche Weise fast immer in auffallender Übereinstimmung.

Betrachten wir nun, indem wir an unsere eigentliche Aufgabe herantreten, den prinzipiellen Pessimismus etwas näher. Zunächst fällt uns auf, daß der Pessimismus viel weniger Vertreter in der Entwicklung der Philosophie gefunden hat als sein Gegenteil. SCHOPENHAUER fühlte sich mit seinem System ganz vereinsamt. Die Belegstellen, die er für seine pessimistische Weltanschauung anführt, sind fast insgesamt Dichtern, die wenigsten Philosophen entnommen. Die Philosophie ist ihrem ganzen Wesen nach mehr zum Optimismus geneigt. Sie will die Welt erkennen und begreifen. Das Begreifen führt aber stets etwas Beruhigendes, mit dem erkannten Gegenstand Versöhnendes mit sich. Selbst wenn der Zweckbegriff aus dem Weltsystem verbannt ist, so müsse doch schon vor der Erhabenheit der Einsicht in die Notwendigkeit der wirklichen Welt die Klagen über das Elend und die Mängel derselben verstummen. Ich erinnere an SPINOZA, der sich durch sein Erkennen einen Himmel im Verstand schaffen konnte. Wohl waren seinem Blick die Mängel dieser Welt, die Schwächen und blinden Leidenschaften der Menschen nicht verborgen. Aber indem er alles von einem Standpunkt der ewigen Notwendigkeit begriff, hoben sich ihm die Gebrechen und Unvollkommenheiten der einzelnen Erscheinungen in die durchgängige Vollkommenheit des All-Einen, der allumfassenden Substanz auf. Ihm schien es sinnlos und absurd, die Natur wegen ihrer Unvollkommenheiten anzuklagen, gerade so sinnlos, als wenn es jemandem mißfallen würde, daß die Summe der Dreieckswinkel 180 Grad beträgt. Es ist dies kein eigentlicher Optimismus, denn vor dem hohen Standpunkt SPINOZAs verschwinden die Begriffe "gut und schlecht" als leer und bedeutungslos; allein das Resultat seiner Philosophie ist doch die Einheit und Harmonie, in der sich der weise und freie Mensch liebend mit der Welt zusammenschließt. Mehr noch wird sich die Philosophie als eine den Menschen mit der Wirklichkeit versöhnende Wissenschaft bewähren, wo der Begriff der Entwicklung und des damit zusammenhängenden inneren Zwecks in den Mittelpunkt der Welt gesetzt wird. Durch dieses großartige Prinzip wird nun auch dasjenige in Natur und Geistesgeschichte, was, für sich und isoliert betrachtet, unvollkommen erscheint, in seiner Bedeutung für das Ganze, in seinem Wert für die allgemeine Entwicklung, in seiner relativen Vernünftigkeit erkannt und gewürdigt. Der erhabene Glanz der weltdurchdringenden Idee wirft nun auf jede Erscheinung ein eigentümliches Licht; vor ihm vermag kein Punkt in absoluter Finsternis zu verharren. In diesem Sinne konnte HEGEL sagen, daß die Philosophie, indem sie die Wirklichkeit begreift, zugleich den denkenden Geist mit sich versöhnt und ihn Freude an der Gegenwart finden lehrt.

Trotz dieser dem Wesen der Philosophie entstammenden Neigung, den Zwiespalt mit der Wirklichkeit aufzuheben, an die Stelle des matten Weltschmerzes die energische Weltfreudigkeit zu setzen, sind doch auch Philosophen von größter Bedeutung aufgetreten, die gerade im Durchschauen der Eitelkeit des Weltgetriebes, in der Aufweisung der in der Welt herrschenden Sinnlosigkeit, die alle anderen Weltanschauungen übersteigende Höhe ihres Standpunktes und den Stolz ihres Philosophierens fanden. Wenn LEIBNIZ, der Vater des modernen Optimismus, lehrte, diese Welt sei darum in Existenz getreten, weil sie die beste aller überhaupt möglichen Welten ist: so erklären jene Pessimisten, die Welt sei überhaupt nicht wert, daß sie besteht, ihr Nichtsein - und dies ist der zugespitzteste Ausdruck ihres Standpunktes - sei ihrem Sein vorzuziehen; Jeder muß daher danach trachten, auf die rascheste und sicherste Art ins Nichtsein, in die Schmerzlosigkeit des Nirwana zurückzusinken.

Mit erstaunlicher Konsequenz und ebenso erstaunlichem Tiefsinn findet sich der Pessimismus bereits in der Religion und Philosophie der alten  Inder  ausgebildet. Brahmanismus und Buddhismus sind in gleicher Weise von der Nichtigkeit des irdischen Daseins durchdrungen. Die Welt verdankt einer Täuschung, einer Jllusion ihr Dasein; sie ist ein Abfall  Brahmas  von sich selbst. Die Weltmutter  Maja  entzündete in  Brahma  durch Bilder, die sie ihm im Traum vorgaukelte, Lust und Begierde.  Brahma  gab seinen Gelüsten nach, vergaffte sich in die vorgespiegelten Bilder und verlieh ihn auf diese Weise unwillkürlich Existenz. Die Welt ist also weiter nichts als der gleichsam fixierte, fest gewordene Schein; sie ist darum durch und durch nichtig, wertlos und wegzuwünschen. Während nun die Veden zur Befreiung von diesem irdischen Dasein die allerschwierigsten äußerlichsten Mittel: Buße, Kasteiung, äußerliche Abtötungen und dgl. empfehlen, spricht die heterodoxe Phiolosophie solchen materiellen Mitteln den Wert ab und verkündet die wissenschaftliche Erkenntnis als das einzige unfehlbare Mittel zur Befreiung von diesem jämmerlichen Dasein. Vor allem ist es die Sankhya-Philosophie des weisen KAPILA, die wahrscheinliche Mutter des Buddhismus, die diesen Gedanken in tiefsinnigster Weise durchführt. Indem sich die Seele mit dem Leib verbindet, wird sie empfindend, wahrnehmend, begehrend, damit aber zugleich schmerzbeladen. Ihre Vereinigung mit dem irdischen Leibt ist der Eintritt in eine Welt des Jammers und Schmerzes; die Geburt ist das radikale Übel für die Menschen. Loslösung, ewige Trennung vom Leib, dies ist das einzige Ziel des Weisen; denn ist die Seele aus dem Kerker des Leibes befreit, dann hat sie auch das Bewußtsein, den Träger aller Schmerzen, verloren. Diesem Zweck dient die Philosophie. Der Tod an und für sich ist nicht imstande, von diesem Grundübel zu befreien; verliert die Seele auch im Tod ihren grobmateriellen Leib, so bleibt ihr doch ein feiner, ätherischer Leib, und mit diesem zugleich Bewußtsein und Schmerz. Nur die vollkommene Wissenschaft vermag die auch für den Tod unzerreißbaren Bande zu vernichten, die Seele dem Leib für immer zu entreißen und ihre Wiedergeburt ein- für allemal unmöglich zu machen. Diese befreiende Erkenntnis besteht aber in der Einsicht, daß die Seele vom Leib total verschieden ist, daß die ganze materielle Natur nicht zu ihr gehört, daß die Seele nur dazu da ist, um die Natur in dieser ihrer totalen verschiedenheit von sich zu beschauen und umgekehrt auch die Natur nur den Zweck hat, sich von der Seele beschauen zu lassen. Wird diese Verbindungslosigkeit zwischen Seele und Natur theoretisch erkannt, so hat auch faktisch jede Verbindung aufgehört. Hat die Seele es sich zum Bewußtsein gebracht, daß der Leib sie nichts weiter angeht, dann ist auch in Wirklichkeit jedes Band zwischen ihnen gelöst. Es kommt nur darauf an, daß die Seele sich als die fremde, ruhige Zuschauerin des ihr von der Natur vorgeführten Schauspiels weiß; daß sie die Rolle, welche die Natur zu spielen hat, begreift. Für eine solche erkennende Seele ist die Natur wie eine Tänzerin, die, wenn sie sich hat sehen lassen, abtritt und für den Zuschauer verschwindet. Das Erkennen besitzt also die ungeheure Macht, durch die Einsicht in die Machtlosigkeit der Natur diese auch wirklich machtlos zu machen. So befreit sich das Bewußtsein, durch den höchsten Grad des Bewußtseins, von sich selbst und hiermit von allen Schmerzen. Durch die vollkommene Selbsterkenntnis ringt sich die Seele von diesem leidvollen Dasein los und gewinnt die Schmerzlosigkeit des Unbewußten. Zu demselben Resultat gelangt auch bekanntlich der Buddhismus. Die höchste Tugend wird nach dieser Lehre durch die innere Befreiung von allen Leidenschaften, durch die Abwendung der Seele vom Begehren nach dem Dasein erreicht. Durch diese Aufhebung allen Wollens gelingt es der Seele, sich in die selige Beschauung, in die ganz leere, objektlose Betrachtung zu versenken. Noch pessimistischer wurde diese Lehre bei BUDDHAs Schülern, die unter Nirwana, womit BUDDHA jene leere, individualistische Beschauung bezeichnet, das absolute Nichts, in das man übergehen muß, verstanden.

Der heitere, den Idealen des Schönen zugewandte Geist des Griechentums ist dem Pessimismus nicht günstig. Wo das Maßvolle, Harmonisch-Schöne den Grundcharakter der Weltanschauung bildet, da finden die Disharmonien des Pessimismus keinen Platz. Wenn uns vom ephesischen Weisen, HERAKLIT dem Dunklen, erzählt wird, daß er im Gegensatz zu dem stets heiteren DEMOKRIT gegen das unverständige Reden und Treiben der Menschen, besonders des Demos [Staatsvolk -wp], grenzenlose Verachtung gehegt habe, so ist dies mehr seiner düsteren, trübsinnigen Gemütsart als seinem prinzipiellen Standpunkt zuzuschreiben. Und wenn PLATO in seinen alten Tagen eine böse Weltseele, eine neben der weltbeherrschenden Ordnung Alles verwirrende Unordnung, annahm, so ist dies ein durch seine bitteren Enttäuschungen hervorgerufener Abfall von sich selbs. Nur die  Kyniker  mit ihrer Verwerfung aller bestehenden Sitte und Bildung, mit ihrer Opposition gegen alle vorhandenen und möglichen Staatsformen, mit ihrer Forderung der Rückkehr zum Naturzustand, erinnern deutlicher an einen grundsätzlichen Pessimismus. Freilich ist andererseits ihr Satz, daß die Sinnenlust an und für sich verwerflich, der Kampf gegen sie dagegen das höchste Gut sei, so anti-pessimistisch wie möglich. Denn der Pessimismus würde gar nicht entstehen, wenn er nicht Lust und Genuß als den absoluten Maßstab zur Beurteilung der Welt betrachten würde.

Auch das Christentum ist für den konsequenten, schroffen Pessimismus, wie er bei den Indern vorkam, kein günstiger Boden. Das Christentum ist zwar weitaus pessimistischer als die Religion der Juden, die von ihrem  Jehovah  in persönlichen, speziellen Schutz genommen zu sein glauben. Die Juden sehen sich als das privilegierte Volk an, um dessen irdisches, materielles Wohlergehen sich der Herr der Heerscharen in allein seinen Details zu kümmern hat. Die Christen dagegen wandten sich von dieser argen Welt ab, in der, nach ihres Meisters Versicherungen, für sie nur Drangsal zu finden ist. Die Weltabkehr, die Überwindung der Welt ist der Grundzug des Christentums. Dessenungeachtet aber steht die christliche Weltanschauung dem radikalen Pessimismus sehr fern. Durch die Erlösungstat ist dem Tod die Macht genommen, und der Teufel, der Vertreter des bösen Prinzips, in Banden geworfen. Wohl ist durch die Erbsünde der Mensch von vornherein zum Guten untüchtig, allein des Allerbarmers Gnade vermag diese radikale Verderbtheit aufzuheben. Wohl ist die Erde ein Jammertal, indem die Feinde des Herrn triumphieren, allein ihr Jammer ist die Vorbereitung zu einem seligen Leben im Jenseits. Der Christ ist selig, zwar nicht im Genuß der gegenwärtigen Wirklichkeit, er ist  "selig in der Hoffnung".  Er fügt sich in die Leiden dieser Zeit, denn er weiß, daß die Herrlichkeit des Jenseits, die ungleich größer sein wird, nur durch jene zu erkaufen ist. Die Pforten der Hölle sind überwunden: mit dieser Gewißheit schaut der Christ sieges- und hoffnungsfreudig in die jenseitige glückliche Zukunft.

Erst der allerneuesten Zeit war es vorbehalten, den radikalen indischen Pessimismus wieder aufzunehmen. Das Jenseits der Christen droht sich immer mehr in Dunst und Nebel aufzulösen; die Menschheit will nicht mehr mit ihren Hoffnungen auf etwas Übernatürliches, von der hiesigen Wirklichkeit Abgetrenntes vertröstet sein. Der Mensch fühlt sich berechtigt, vom Diesseits die volle Befriedigung zu verlangen. Wird nun diese verlangte Befriedigung so aufgefaßt, daß mit den Fortschritten des Weltprozesses der allgemeine Menschheitszustand immer mehr harmonisch und in sich versöhnt werden möge, so ist für den Optimismus eine sichere Grundlage da. Fordert jedoch der Mensch jene Befriedigung für sich, für sein Individuum und vermag er sich nicht zu dem Gedanken erheben, daß die Fortschritte des Ganzen höher stehen als das Wohl und Weh der Einzelnen: dann ist dem Pessimismus Tür und Tor geöffnet. SCHOPENHAUER, dessen Philosophie reiner, ungetrübter Pessimismus ist, hat für den Begriff einer allgemeinen Menschheitsentwicklung durchaus keinen Sinn. Weder Konstitutionen und Gesetzgebunden, noch Dampfmaschinen und Telegraphen vermögen etwas Besseres aus dieser traurigen Welt zu machen. Für die großen Bestrebungen unserer Zeit findet sich bei ihm keine Spur von Verständnis und Liebe. Die Welt ist immer gleich schlecht und jämmerlich. Die wahre Philosophie der Geschichte besteht in der Einsicht, daß man in allen endlosen Veränderungen dieser Welt, in all ihrem Wirrwarr doch stets nur dasselbe Wesen vor sich hat, welches heute dasselbe treibt wie gestern und immerdar. Das unter allem Wechsel Beharrende besteht in den Grundeigenschaften des menschlichen Herzens und Kopfes, vielen schlechten, wenigen guten. Wie der Brahma-Gläubige sieht SCHOPENHAUER in den Weltbegebenheiten einen langen, schweren und verworrenen Traum.

SCHOPENHAUER begnügt sich nicht mit dem Nachweis, daß das Schlechte in der Welt das Gute überwiegt; er will sogar zeigen, daß die bestehende Welt die schlechteste von allen möglichen Welten ist. Sie ist so eingerichtet, daß sie nur mit knapper Not bestehen kann; wäre sie noch ein wenig schlechter, so könnte sie schon nicht mehr bestehen. Wer dies einmal erkannt hat, daß alles, wonach er auch strebt, nicht des Strebens wert ist, daß das Leben nicht die Kosten deckt, der wendet sich von dieser betrügerischen Welt ab, betrachtet sie trotz all ihrer Realität, trotz ihrer Sonnen und Milchstraßen als nichts und gibt sich jenen Frieden, der höher ist als alle Vernunft, jene gänzliche Meeresstille des Gemüts, um in dieser Ruhe so lange zu warten, bis auch die letzte Spur des Willens, sein Leib, verschwindet. Wie in der Sankhya-Philosophie, so führt auch bei SCHOPENHAUER die  Erkenntnis  zu der Verneinung und Aufhebung des Willens, zur Selbsterlösung des Menschen. Der einzige Weg des Heils besteht darin, daß der Wille ungehindert erscheint, in dieser Erscheinung sein eigenes Wesen  erkennt,  infolge dieser Erkenntnis sich selbst aufhebt und damit auch sein Leiden beendet.

Die jedwedem sich aufdrängenden Fortschritt unserer Zeit, die immer mehr zur Herrschaft kommende Anschauung von einer stetig fortschreitenden Entwicklung des Menschengeistes, von einem durch sein immanentes Ziel vorwärts getriebenen Weltprozeß, stehen SCHOPENHAUERs Pessimismus schnurstracks und unversöhnlich entgegen. Wer wie SCHOPENHAUER den Optimismus nicht nur absurd, sondern auch ruchlos nennt, kann sich mit unserem Zeitgeist, den auf allen Gebieten ein reges, freudiges, hoffnungsreiches Schaffen ergriffen hat, unmöglich verständigen. Soll der Pessimismus der modernen Weltanschauung näher treten, so wird er den Optimismus nicht schlechthin negieren dürfen, sondern ihn als berechtigtes Moment in sich aufnehmen müssen. Als Versuch einer solchen Versöhnung zwischen beiden Richtungen, jedoch mit vorschlagendem Pessimismus, ist HARTMANNs "Philosophie des Unbewußten" anzusehen, das Werk eines weit ausblickenden und zugleich tiefschauenden Denkers. Wenn SCHOPENHAUER den grundlos wirkenden, blinden Willen als alleiniges Weltprinzip ansieht, so nimmt HARTMANN als ebenbürtiges, gleich ursprüngliches Prinzip das unbewußt Logische, HEGELs absolute Idee hinzu. Bei SCHOPENHAUER kommt die Vernunft erst durch die zufällige Gehirnfunktion in die Welt, und was sich da dieser Vernunft zeigt, ist natürlich dann nichts weiter als die von einem blinden Willen angerichtete Torheit und Erbärmlichkeit des Daseins. Die Welt findet sich allein infolge des Willens zum Leben, dieses unvernünftigen, aber unermüdlichen Triebes, ein. Bei HARTMANN hingegen ist das allweise, nach ineinander greifenden Mitteln und Zwecken wirkende unbewußte Denken der ewige, von allem Anfang an tätige Opponent des alogischen, gesetzlosen Willens. Wäre die logische Idee allein auf der Welt, so wäre Alles auf das denkbar Beste eingerichtet; denn ihre Weisheit ist unfehlbar; ihrem hellsehenden Auge stellen sich Mittel und Zwecke mit  einem  Mal und in Eins gefaßt dar. ALlein die logische Idee ist macht- und kraftlos; sie vermag nicht aus sich selbst in die Existenz zu treten. Um sich zu verwirklichen, dazu bedarf sie des ihr entgegengesetzten Prinzips, des Willens, als des Grundes aller Realität, Bewegung und Lebens. Allein eben dieser Wille, dessen das unbewußt Logische zu seiner Verwirklichung unumgänglich bedarf, hat bereits infolge seiner Gesetzlosigkeit und totalen Dummheit die Grundlage der Welt verpfuscht; er hat den unendlichen Schmerz, das Leiden ohne Pause aus sich erzeugt. Die  conditio sine qua non  [Grundvoraussetzung - wp] der Realisierung des allweisen Logischen liegt demnach darin, daß der vernunftlose, ewig schmachtende und nie befriedigte Wille die logische Idee an sich reißt, zu seinem Inhalt macht und sie so in Existenz setzt. Was dabei herauskommt, wird natürlich nicht die Existenz der allweisen Idee in ihrer Reinheit und Vollkommenheit sein. Die Allweisheit der Idee ist überall von der Unvernunft, dem Elend und Jammer des blinden Willens durchsetzt. Das Höchste, was die allweise Vernunft vermag, besteht darin, den unseligen Willen wiederum in das Nichts, aus dem er grundlos emporgetaucht ist, zurückzuwerfen. Das Mittel zu dieser welterlösenden Tat des unbewußt Logischen ist die Setzung der individuellen, räumlich-zeitlichen Erscheinungswelt. Alles innerhalb derselben ist mit dem Hinblick auf jenes endliche Ziel eingerichtet. Alle Entwicklung in Natur und Geistesgeschichte führt jenem Haupt- und Endziel der Welt, ihrem Nichtsein immer näher und näher. Pflicht eines jeden ist es, was an ihm ist, zur Beschleunigung dieses Prozesses beizutragen, sich der Weltentwicklung hinzugeben und so aus allen Kräften an der möglichst schnellen Herbeiführung der Welterlösung zu arbeiten.

Fragen wir nun, ob der Pessimismus durch die Hineinnahme des Optimismus gemildert und mit diesem seinem Gegenteil wirklich versöhnt ist. HARTMANN erklärt diese Welt für die möglichst beste. Die allweise Vernunft findet nämlich das unselige Streben des Urwillens nach Existenz als ein  fait accompli  [vollendete Tatsache - wp] vor. Was sich nun noch für das Beste der Welt tun läßt, tut sie wirklich. Besonders ist es die fortwährende Steigerung des Bewußtseins, wie sie sich im Laufe der Weltgeschichte vollzieht, wodurch allmählich die Erkenntnis von der Eitelkeit und Wertlosigkeit allen Seins gewonnen und das Streben, die Welt in ihren vorseienden Keimzustand zurückzuwerfen, erzeugt wird. Die optimistische Seite des Systems, das allweise Logische, ist also nur da, um schließlich das Bewußtsein des Pessimismus in allen Menschen zum Durchbruch zu bringen und mit Hilfe dieser Erkenntnis das eigentlich pessimistische Prinzip, den Willen der Welt, in allen seinen Äußerungen aufzuheben, damit aber überhaupt die Welt zu vernichten. Denn ist der Wille, dieser Grund der Realität, in den rein-potentiellen Zustand zurückgeschleudert, dann hat auch die allweise Vernunft die Kraft zur Existenz verloren, und auch sie sinkt in das "latente Sein", in das Nichts zurück.

Bei SCHOPENHAUER bleibt die Welt auf demselben Fleck stehen. Wer HERODOT, den Vater der Geschichte, gelesen hat, kennt das Treiben der Menschen hinlänglich; denn die Welt ist unverbesserlich. An so einer durch und durch miserablen Welt ist natürlich keine Freude zu haben. Der Philosoph des Unbewußten dagegen sieht die Menschheit in der Weltgeschichte fortschreiten, er sieht die erstaunliche Arbeit der Weltvernunft, die schrittweise Durchgeistigung der Menschengeschichte, die immer zunehmende Ausbreitung und Vertiefung des menschlichen Bewußtseins. Doch wozu das Alles? Winkt ein positives Ziel am Schluß dieses Dramas? Wenn die Entwicklung der Menschen auf das Höchste gestiegen ist, dann kehrt sie sich gleichsam gegen sich selbst, indem sie zur Erkenntnis der Eitelkeit und Nichtigkeit aller Entwicklung bringt. Der Philosoph des Unbewußte hört den Herzschlag der Weltgeschichte, sieht ihre Errungenschaften und Fortschritte, er weiß, daß in der Geschichte selbst der Geist, der das Böse will, doch das Gute schafft: und doch sind diese Fortschritte nur dazu da, um den Jammer dieser Welt bis auf das Äußerste zu steigern und schließlich durch die Einsicht in diesen Jammer die radikale Vertilgung allen Daseins herbeizuführen. Der in den Optimismus hereingezogene Pessimismus ist nur eine Steigerung des letzteren. Die Welt geht vorwärts, die Herrschaft über die Natur wird immer ausgedehnter, der Menschengeist erfaßt sich immer tiefer. Wir denken unwillkürlich an ein positives Ziel, an einen allseitig befriedigenden Endzweck. Allein hierin werden wir bitter getäuscht, denn der vollständige Ekel am Dasein und die radikale Verneinung desselben schließt den fünften Akt des Menschheits- und Weltdramas. Die Welt entlockt uns durch ihr Fortschreiten immer neue Hoffnungen, um uns schließlich die Abgründe des Elends zu enthüllen. Die Welt HARTMANNs ist zwar kein so vollkommenes Narrenhaus wie die SCHOPENHAUERs; allein gerade wegen der neben der Narrheit überall herrschenden und doch zu keinem positiven Sieg gelangenden Vernunft wird die Narrheit nur umso empfindlicher.

Natürlich ist das keine Widerlegung der Philosophie des Unbewußten; wir wollten nur zeigen, wie diese modernste Form des Pessimismus, gerade dadurch, daß sie ein eindringliches Verständnis für die Errungenschaften des Geistes, für das Vernünftige und Zweckwolle in der Welt besitzt, nur umso ausgeprägter pessimistisch ist. Der Sieg der Vernunft über ihren unversöhnlichen Feind, den Willen, wird für die Siegerin selbst tödlich. Der Sieg ist in den allgemeinen Tod verschlungen, und der Rest ist tiefes, tiefes Schweigen.

Wer den Pessimismus in allen seinen Verzweigungen und Nuancen verfolgen wollte, müßte auch dem  Materialismus  eine bedeutende Stelle einräumen. Denn er bietet eine Menge Berührungspunkte mit den entschieden pessimistischen Systemen dar. Sein Grundprinzip ist die blinde, zwecklos wirkende Materie. Mit Vorliebe suchen die Materialisten die Zweckwidrigkeit, die Schnitzer, die sich die Natur hat zuschulden kommen lassen, hervorzuheben. Auch der mit dem Materialismus wesentlich verknüpfte unhistorische Sinn, demzufolge den Materialisten alle anderen Anschauungsweisen und Bewußtseinsstufen als schlechthin absurd, als Irrtum und Wahn erscheinen, erinnert an den Pessimismus. Ebenso hängt das Prinzip der Lust und des Egoismus, zu dem sich der konsequente Materialismus bekennen muß, mit dem Pessimismus zusammen; denn die Weltgeschichte erscheint dann als eine ungeheure Schlachtbank, auf welcher der Schwächere, sei es ein Einzelner oder ein Volk, unbarmherzig hingeopfert wird, wenn diese Hinopferung auch nicht immer mit Pulver und Blei geschieht. Wir müssen uns hier versagen, tiefer auf die Beziehungen zwischen Materialismus und Pessimismus einzugehen. Hinweisen wollen wir nur noch auf die Gründe, weshalb der Materialismus nicht zum konsequenten Pessimismus gezählt werden darf. Die Materie ist nämlich dem Materialisten kein grundlos wirkendes unvernünftiges Prinzip. Ohne daß der Materialist davon ein klares Bewußtsein hat, legt er doch, indem er die Ewigkeit und Unveränderlichkeit der Naturgesetze zu einem Hauptdogma erhebt, in die Materie Vernunft hinein. Damit hängt zusammen, daß das Überwiegen des Schmerzes in der Welt durchaus nicht notwendig aus dem Materialismus folgt; wir sehen ja, wie eine Menge praktischer Idealisten, die einen alle Menschen beglückenden Gesellschaftszustand in Aussicht stellen, zu den Materialisten zählen. Selbst der vom Darwinismus zum Schlagwort erhobene Kampf ums Dasein kann kein schlechthin pessimistischer Grundsatz genannt werden, indem doch immer die vollkommener und zweckmäßiger organisierten Individuen in diesem Kampf das Feld behaupten und dadurch sogar ein gewisses Entwicklungsprinzip in den Materialismus hineingebracht ist.

Fragen wir nun, was denn gerade unsere Zeit zu einem so günstigen Boden für die Ausbreitung des Pessimismus macht. Die ungemeine Verbreitung der Ideen SCHOPENHAUERs und von HARTMANNs (selbst bis in die novellistische Literatur hinein) kann geradezu für unsere Zeit als charakteristisch bezeichnet werden. Wie bei allen allgemeinen Geistesströmungen der Zeit werden auch hier die Ursachen nicht auf der Oberfläche, sondern tief im Wesen der Zeit begründet liegen. Besonders wenn wir auf das von Optimismus durchdrungene freudige, hoffnungsreiche Streben auf so vielen Gebieten, vorzüglich aber in der Politik, sehen, müssen wir uns aufgefordert fühlen, den Ursachen des modernen metaphysischen Pessimismus nachzuspüren. Unser Jahrhundert wird charakterisiert durch den Sieg der menschlichen Vernunft über die Mächte und Kräfte der Natur. Jeder Tag hat neue Fortschritte in der Bewältigung und Dienstbarmachung der Natur für die Zwecke des menschlichen Bewußtseins zu verzeichnen. Immer mehr zeigt sich der menschliche Geist imstande,  seine  Zwecke zu Zwecken der Materie und ihrer Kräfte zu machen, die Natur nach  seinem  Sinn arbeiten zu lassen und so sich selbst als den eigentlichen Beweger der Natur zu erweisen. Man sollte glauben, daß aus dieser Herrschaft des Geistes über die Natur für ihn notwendig das Bewußtsein von seinem Primat in der Welt, von seiner metaphysischen Superiorität [Überlegenheit - wp] hervorgehen müßte. In der Tat, was wäre konsequenter, als aus jener Macht des Geistes, sich die Natur untertan zu machen und seine Zwecke durch sie vollführen zu lassen, die Folgerung zu ziehen, daß die Vernunft, die Idee überhaupt das Ursprüngliche, die Natur nur das Abgeleitete, Sekundäre ist? Wir sind überzeugt, daß die Zeit kommen wird, wo die Notwendigkeit dieser Konsequenz zur allgemeinen Anerkennung gelangt. Vorderhand aber übt jene erlangte Herrschaft des Geistes über die Natur zum großen Teil eine andere Wirkung auf die Weltanschauung aus. Wer die Herrschaft über die Materie erlangen will, muß sich, selbst wenn er ihre Gesetze erforschen will, viel und angelegentlich mit ihr beschäftigen, seinen Geist an die Sache, die hier die Materie ist - hingeben und so wie die Natur der Sache es vorschreibt, seine Gedankenübergänge anstellen. Wie nun überall die Beschäftigung mit einer niedrigeren Stufe und besonders ihre Bekämpfung eine gewisse Annäherung des höheren Standpunktes an den niedrigeren, ein gewisses Hineingezogenwerden in diesen herbeiführt, so zeigt sich auch hier gewissermaßen eine Ansteckung des Geistes durch die Materie. Indem der Geist fortwährend in der Materie arbeitet, und in ihr gleichsam drinsteckt, wird er von ihr gefangen gehalten und unwillkürlich zu dem Glauben gebracht, daß sie es ist, die den Geist [srod]beherrscht und ihm seine Wege vorschreibt. Die daraus hervorgehende materialistische Denkungsart wird auch auf das sittliche Gebiet seinen Einfluß dadurch geltend machen, daß das Prinzip der Lust, des individuellen Genusses zum Fundament allen Handelns gemacht wird. Indem sich der Geist von der Materie abhängig weiß, und alles was er hat, als ein Geschenk der Materie ansieht, kann er auch für sein Handeln kein rein geistiges, aus ihm selbst geschöpftes Prinzip anerkennen. Seine natürliche, der Materie zugewendete Seite, zu der vor allem die Lust gehört, wird dieses Prinzip liefern müssen. Zunächst ist also festzuhalten, daß es unserer Zeit noch nicht gelungen ist, das Prinzip der Lust aus seiner obersten Stelle im sittlichen Handeln zu verbannen. Auch HARTMANN spricht ganz unumwunden aus, daß die individuelle Glückseligkeit der einzige absolute Zweck ist, den er sich denken kann.

Nun ist aber weiter zu bedenken, daß unsere Zeit, mehr als die frühere, dazu angetan ist, die Nichtigkeit und Unwahrheit der bloßen Lust zu fühlen und einzusehen. Das moderne Bewußtsein hat eine ungeheure Steigerung, eine das Unbewußte immer mehr verbrämende Entwicklung erfahren. Vieles Harmonische und Schöne, was sonst mit unbefangener Hingebung genossen wurde, hat heutzutae viel von seinem Reiz und seiner Anziehungskraft verloren. Der einfache Naturgenuß, das stille Liebesglück, das harmonische, auf sich beschränkte Zusammenleben in der Ehe, die Befriedigung des Bürgers in seiner Standesehre, all das vermag vor dem denkenden, gesteigerten Bewußtsein nicht durchaus Stand zu halten. Das moderne Bewußtsein, das bis zu einer ungemeinen Verfeinerung, ja öfters Überreiztheit gelangt ist, findet an jener Einfachheit der Genüsse keine Befriedigung, durch die es vollkommen ausgefüllt würde. Überhaupt ist die Lust, als solche betrachtet, etwas Leeres, rein Formelles. Dies fühl das heutige Bewußtsein, das überall nach Grund und Zweck fragt, nur zu deutlich; und andererseits ist es doch zum großen Teil von diesem Lustprinzip noch nicht losgekommen. Indem es nun das in der bloßen Lust liegende Unwürdige und Unangenehme fühlt, schleicht sich in die Lust eine gewisse Unlust ein. Viele der modernen Genießenden spüren das Vergängliche, Leere, Oberflächliche der Lust und stehen doch noch unter der Herrschaft dieses Prinzips. So verliert die Lust von ihrer Reinheit und Ungetrübtheit; sie wird wurmstichig; das böse Gewissen des Genießenden tritt störend in sie ein. Dadurch kann es soweit kommen, daß der Lust, wie dies von SCHOPENHAUER geschehen ist, alles Positive abgesprochen und ihr nur eine indirekte Entstehung, durch die Aufhebung des Schmerzes, zugestanden wird.

Dazu kommt nun noch ein Weiteres. Indem es nämlich dem gebildeten, entwickelten Bewußtsein vielfach nicht gelingt, sich vom Lustprinzip loszumachen und andererseits ihm jene natürliche, mehr unbefangene Lust nicht genügt, sucht es sich einen nicht von selbst sich ergebenden, sondern durch künstliche Mittel erzeugten Genuß zu verschaffen. So werden die Genüsse immer verfeinerter, raffinierter. Es tritt das Bedürfnis ein, auf Umwegen, durch allerlei künstliche Steigerungsmittel die Genüsse zu erhöhen. So hat gewissermaßen auch das Denken etwas beim Genießen zu tun, indem es sich an der Kompliziertheit und Künstlichkeit der Mittel erfreut. Derartige raffinierte Genüsse aber sind viel mehr als jene einfacheren, natürlicheren geneigt, umzuschlagen und Überdruß und Ekel zu erzeugen. Ihnen folgt das Gefühl der inneren Öde, des ungeheuren Katzenjammers auf dem Fuß. Die Hetzpeitsche der Lust bringt sehr bald eine allgemeine Abspannung, ein Gefühl der allgemeinen Zerschlagenheit hervor. Für solche blasierte, abgestumpfte Gemüter ist die Welt ohne Freude und Reiz; sie wenden sich mit Ekel von der Welt ab, deren Nichtigkeit und Eitelkeit sie eben darum erfahren haben, weil sie, vermöge ihres sittlichen Standpunktes, die bloße Lust zum alleinigen Maßstab für dieselbe nahmen. Wir brauchen nicht noch besonders darauf hinzuweisen, wie der Pessimismus für solche abgestumpfte Gemüter die einzig entsprechende Philosophie ist.

Wir sehen, wie der Pessimismus mit den größten Vorzügen unserer Zeit zusammenhängt. Auch nach einer anderen Seite läßt sich dasselbe nachweisen. Unsere Zeit ist eine Zeit der Gärung, der allgemeinen Umgestaltung. Wird es schon daraus wahrscheinlich, daß in unserer Zeit Schmerz und Elend mehr verbreitet ist als sonst, so ergibt sich dies mit voller Klarheit, wenn wir auf eine bestimmte Zeiterscheinung blicken. Die Bildung wird immer allgemeiner, das Bewußtsein der wesentlich geistigen Natur des Menschen, das Gefühl der Menschenwürde dringt in immer tiefere Schichten des Volkes. Dadurch werden seine geistigen und physischen Bedürfnisse, seine Ansprüche und Forderungen immer zahlreicher und dringender. Allein die Umwandlung der äußeren Verhältnisse, der gesellschaftlichen und staatlichen Zustände kann mit der Steigerung jener Bedürfnisse nicht gleichen Schritt halten. Die Forderungen und Klagen der unteren Klassen bleiben auf diese Weise zum großen Teil vorderhand unbefriedigt. Ihr Bewußtsein, das viel feinfühliger und empfindlicher gegen Elend, Unterdrückung und Einschränkung geworden ist, empört sich gegen einen solchen Druck, gegen diese Hemmung, die der Befriedigung ihrer Bedürfnisse, der freien Entfaltung ihrer Menschennatur entgegengesetzt wird. Wir brauchen uns hier nicht in Schilderungen des Massenelends zu ergehen. Jeder weiß, daß vom Elend und Jammer unserer Zeit sicherlich der größte Teil in den emporstrebenden Massen des Volkes zu finden ist. Ist es da zu verwundern, wenn der ruhige Betrachter der Welt, indem er das Gespenst der Massenarmut erblickt, in pessimistische Betrachtungen verfällt? Wir wollen HARTMANN zugeben, daß in unseren Tagen die Summe der Lust von der Summe der Unlust überwogen wird. Nur durch dieses Zugeständnis wird die ungemeine Verbreitung des Pessimismus völlig erklärlich. Der Widerspruch zwischen den durch die fortschreitende Bildung und Bewußtseinssteigerung bedingten Bedürfnissen des Volkes und den ihrer Befriedigung entgegenstehenden äußeren Verhältnissen fördert eine solche Masse des Elends zutage, daß der Pessimismus als vorübergehende Erscheinung geradezu eine Notwendigkeit wird. Ebenso aber ist es klar, daß der moderne Pessimismus uns nicht zu Klagen über die Verderbtheit der Welt stimmen soll, da er ein Produkt der ungeheuren Fortschritte unserer Zeit ist.

Wir wollten den Pessimismus nicht widerlegen, sondern nur zu begreifen suchen, wie er in unseren Zeitverhältnissen wurzelt. Der Kampf zwischen Pessimismus und Optimismus wird nicht sobald ausgefochten sein. Soll der Optimismus - wie wir zuversichtlich hoffen - den Sieg davontragen, so wird zunächst der Standpunkt der Lust verlassen werden müsse. Anstelle dieses  formellen  Prinzips wird das  inhaltliche  Prinzip des im Ganzen der Welt sich immer mehr realisierenden vernünftigen Gehalts treten müssen. Die größten Philosophen der Neuzeit standen auf dieser Höhe: ich erinnere an FICHTE, KRAUSE, HEGEL. Hoffen wir, daß ihr unerschütterlicher Glaube an die Macht der Vernunft zum Allgemeingut der Menschheit wird.
LITERATUR: Johannes Volkelt, Die Entwicklung des modernen Pessimismus, "Im neuen Reich" (Wochenschrift für das Leben des deutschen Volkes in Staat, Wissenschaft und Kunst), hg. von Alfred Dove, zweiter Jahrgang 1872, Bd. 1, Leipzig.