tb-1p-4ra-2Der Begriff der IllusionJllusion und ästhetische Wirklichkeit    
 
JOHANNES VOLKELT
Glück und Wert der Jllusion

"In der Liebe herrscht die Phantasietäuschung, als wäre dieser Mann der absolute Mann, dieses Weib das absolute Weib. Allein gerade mit dieser Täuschung treten alle höheren Kräfte der Phantasie, das ganze Gedankenleben, alle edelsten ethischen Triebe, Wohlwollen, Mut der Aufopferung, Sinn für alles Liebenswerte und Schöne in der ganzen Welt in Blüte. Diese Täuschung ist daher wertvoll, ist geheimnisvolles Werk eines unbewußten Zweckstrebens im Gattungsleben der Menschheit, den sinnlichsten ihrer Triebe zu ihrer Ethisierung zu benützen."

"Und wie das Streben und Mühen in der Liebe, so ist alles Wirken und Arbeiten von Jllusion nicht nur begleitet, sondern wesentlich durch sie bedingt. Die Jllusion besteht hier, in der Täuschung, als ob wir mit dem Wirken mehr erreichten, als dies in Wahrheit der Fall ist. Wir müssen, um wirken zu können, die Menschen für empfänglicher, zum Guten und Vernünftigen williger halten, als sie sind. Dieser Jllusion sollen wir uns mit vollem Wissen hingeben. Nur sie gibt die Frohheit und den Mut des Wirkens. Also brauchen wir sie; es ist also vernünftig, ist logisch, ist recht, sie zu hegen."

Wenn der Pessimist an sein trübseliges Geschäft geht, uns anhand der Erfahrung den Nachweis zu liefern, daß es besser wäre, wenn der ganze Reichtum des Daseins in die Nacht des Nirvana versänke, so läßt er sich dabei von zwei Gesichtspunkten leiten. Zunächst richtet er mit scharfem kritischen Blick an jedes der vermeintlichen Lebensgüter die Frage, ob die Lust, die es uns verschafft, nicht durch die in ihm enthaltene Unlust an Menge und Stärke übertroffen werde. Doch ist es mit diesem Examen nicht genug. Es knüpft sich die weitere Frage daran, ob die mit den Lebensgütern unwidersprechlich verknüpfte Lust auch der Sache nach wohlbegründet ist, oder ob sie nicht vielmehr auf Täuschung und Jllusion beruht und somit aufhört, wirkliche Lust zu sein. Und in der Tat, der ehrlich und einfach denkende Mensch wird, so wenig er auch den Pessimisten Recht geben mag, diesen doch zustimmen, wenn sie folgern, daß die auf Jllusion gebaute Lust an ihrer Wurzel vergiftet ist und sich in Schmerz und Ärger über die von der Natur an uns verübte Prellerei verwandeln müsse. Es wird sich darum für ihn an diese Zustimmung die grundehrliche Bemühung knüpfen, von der als Jllusion angefochtenen Lust so viel als möglich durch den Nachweis zu retten, daß ihr ein objektiv wertvoller Sachverhalt entspricht und sie daher auf völlig solider Grundlage ruht.

Wie wäre es denn nun aber, wenn wir kühn und zuversichtlich mit FRIEDRICH VISCHER ausriefen: "Ist die Lust Jllusion, so ist noch lange nicht bewiesen, daß sie keine Lust ist. Die Jllusion ist die schönste unter den Einrichtungen der Natur, sie ist das Gut der Güter!" In der Tat, es scheint eine der Erwägung werte Frage zu sein, inwieweit die Phantasie, die Jllusion in sich selbst Wert besitzt, und ob es daher nicht töricht wäre, sich die Lust durch den Nachweis untergraben zu lassen, daß sie sich an ein Phantasiegebilde knüpft, das in der wirklichen Welt entweder gar nichts oder etwas nur teilweise Entsprechendes findet.

Die Phantasie ist in gewissem Sinne die idealste unter den Seelentätigkeiten. Das Denken soll nirgends, auch da nicht, wo es sich mit den höchsten Ideen beschäftigt, die Realität aus den Händen verlieren; es bleibt überall an den Ernst und die Schwere der Wirklichkeit gebannt. Bei weitem eines leichteren Fluges ist die Phantasie. Sie hebt den Menschen aus dem engen, dumpfen Leben, aus der Angst des Irdischen in ein Reich voll freundlicher, lächelnder Gestalten, in ein Reich, wo alle Hoffnungen und Wünsche sich uns in seliger, schöner Erfüllung zeigen. "Des Erdenlebens schönes Traumbild sinkt", und leicht schwebt uns im Äther der Phantasie alles Liebe und Ersehnte entgegen, setzt sich, wie aus eigenem Zug, in die willkommenste Situation und Bewegung, wir erblicken uns selbst heimnisch und vertraut mitten unter der bunten Schar und freuen uns, uns nur halb als Lenker der Bilder fühlend, der holden Täuschung, als bewegten sich alle diese Gestalten wie von selbst und uns zu Gefallen mit so reizendem, günstigen Erfolg. Wer hat nicht schon diese holde Gunst der Phantasie, dieses goldene Träumen, dieses liebliche Sichhineintäuschen in eine selbsterbaute Welt genossen? Mag es noch so finster um uns aussehen, kaum zeigt sich uns in der Ferne ein matter Lichtschimmer: schon hat sich seiner die Phantasie bemächtigt, er wird heller, glänzender und beleuchtet schließlich eine Welt mit ebenen Pfaden, mit lockenden Früchten. Und nicht nur in Zukunftsträume zaubert uns die Phantasie hinein: auch über die Vergangenheit breitet sie ihren leicht verhüllenden, poetisch verklärenden Schleier. Alles Schöne und Freundliche, das uns aus Hoffnung und Erinnerung zufließt, - wie matt und kläglich müßte es ohne die steigernde, hebende Kraft der Phantasie ausfallen!

Ich weiß sehr wohl, daß die Phantasie sich ebenso gern an den kleinsten schwarzen Punkt an unserem Horizont klammert und ihn mit Blitzesschnelle zu einem ganzen Heer von Unheil und Gefahren auseinandertreibt; ich weiß sehr wohl, daß es vor allem auf Temperament und vorübergehende Stimmung ankommt, ob die Phantasie in Richtung des Optimismus oder des Pessimismus hin treibt und gestaltet; auch kenne ich die aufregenden, peinigenden Qualen, welche die aufs Schwarze hinarbeitende Phantasie, wenn sie einmal am Zug ist, selbst bei geringer Nahrungszufuhr von außen, uns rastlos bereitet. Allein auf die gegenseitige Abwägung der aus der Phantasie entspringenden Leiden und Freuden kommt es mir hier gar nicht an. Worauf ich hinauswill, das ist der Nachweis, daß das Glück, womit uns die Träume der Phantasie beschenken, darum, weil ihm kein wertvoller äußerer Gegenstand entspricht, doch nicht weniger wert oder gar eines vernünftigen Menschen unwürdig sei. Und ist dieser Nachweis nicht schon darin enthalten, wenn ich hervorhebe, daß der menschliche Geist im Erbauen seiner Phantasiewelt seine relative Unabhängigkeit vom Boden, aus dem er erwachsen ist, seine Freiheit und Selbständigkeit gegenüber der Natur erweist? Wäre der Menschengeist nicht eine so starke, so vorzügliche Realität, so könnte er sich auch nicht, der ihn umgebenden Wirklichkeit zum Trotz, eine mannigfach belebte Phantasiewelt nach Lust und Gefallen erschaffen. Entspricht daher auch dem aus den Phantasiebildern entspringenden Glück nicht der Wert eines gegenwärtig oder künftig wirklichen Gegenstandes, so liegt der Wert jenes Glückes doch in der sich in ihm erweisenden Macht und Freiheit des Menschengeistes. Darum mag sich der Phantasievolle nur getrost und ohne Besorgnis, sich an ein der Sache nach nichtiges, wertloses Glück hinzugehen, aus der Enge und Schwüle des Erdendaseins in die kühlen, blühenden Gärten seiner Phantasie hineinzaubern lassen! Beweist er damit doch seine in gewissem Sinne weltschöpferische Macht!

Und dieses Glück ist ja nicht so schwer zu erlangen. Nicht nur Künstlern und Dichtern von der Gnade Gottes, auch schlichteren Menschenkindern gibt die Phantasie ihren Zauberstab in die Hand. Wer ist so stumpf und nüchtern, daß er sich nicht beim sorgenlosen Antreten eine Reise unwillkürlich wie ein in die blaue Ferne duftig unbestimmtes Gewebe freundlicher Reize vorstellte, die ihn da und dort, in Berg und Tal, erwarten und lächelnd zu sich laden? Und sicherlich knüpft sich für jeden an die erste Begegnung mit der Geliebten, an die erste Andeutung ihrer Gunst und an jeden weiteren Fortschritt in der Verwirklichung seiner Wünsche eine bunte Reihe von süßen Bildern, die ihn, so sehr er sich auch oft dagegen sträuben mag, unversehens dem Drang der Wirklichkeit entführen. HEINEs Phantasie webt aus dem strahlend roten Gold der Sonne droben ein Diadem für das geweihte Haupt seines Mädchens und hängt ihm ein Stück der blauseidenen Himmelsdecke als Krönungsmantel um die königliche Schulter. Allein jedermann weiß, daß es auch einer bescheideneren Phantasie gelingt, die Geliebte zum strahlenden Mittelpunkt einer über alles Maß seligen Zukunft zu machen.

Indessen mit all diesen Phantasiebildern, so wird man mir mit Recht entgegenhalten, ist noch keine eigentliche Jllusion verknüpft. Denn Jllusion ist nur da, wo der Schein für volle Wirklichkeit genommen wird, wo das Wissen davon, daß wir bloße Phantasiebilder vor uns haben, gänzlich fehlt. Bisher habe ich die Phantasie bloß in ihrem freien Schweifen in Vergangenheit und Zukunft, in ihrem Träumen und Luftschlösserbauen betrachtet. Doch auch hierin liegt wenigstens ein Keim von Jllusion. Denn wird sich jemand in eine schöne Situation hineinphantasieren, ohne sich nicht wenigstens für den Augenblick das Bewußtsein von der Unwirklichkeit der Phantasiebilder verdunkeln zu lassen?

Nun also zur eigentlichen Jllusion, die den Schein für vollwirkliche Gegenwart hält! Wir leben weit mehr in solchen Jllusionen, als es sich der Mensch meist ahnen läßt. Aller Naturgenuß beruth auf Jllusion. Wir erfreuen uns am Anblick einer Frühlingslandschaft: durch die ganze Natur strömt warme, drängende, quellende Liebe, in den tausend und abertausend Blüten freut sich die Natur kindlich offen über ihre eigene Pracht, das Grün der Blätter umspielt ein Hauch keuscher, unberührter Jugendlichkeit. Existiert Liebe, Freude, Keuschheit etwa wirklich in der Natur? Und dann stehen wir vor einer Herbstlandschaft: da zieht ein stummes Klagen, eine schmerzlich lächelnde Trauer durch die Natur, der über der Gegend ruhende Sonnenschein ist wie in sanfter Scheidegruß, die Bäume lassen sich, wie still und wehrlos in ihr trübes Schicksal ergeben, ihres grünen Schmuckes entkleiden. Ist dies nicht alles Jllusion? Unwillkürlich beseelen wir die Natur, wenn wir sie ästhetisch genießen, unwillkürlich leihen wir all ihren Erscheinungen unser Fühlen, unsere Stimmung. Wohl wissen wir, daß durch die Natur kein menschlicher Pulsschlag geht. Doch dieses Wissen ist im ästhetischen Betrachten der Natur unwillkürlich zum Schweigen gebracht. Nur dann erscheint uns die Natur schön, wenn uns aus Busch und Wald, aus Bach und Blume, aus Berg und Tal, aus Stern und Wolke unser eigenes Herz entgegenschlägt. Die Abendglocke stimmt uns wehmütig, nur weil in ihren Klängen selbst eine leise Wehmut zu zittern scheint. Der Mond, Busch und Tal mit Nebelglanz erfüllend, löst dem Dichter die Seele und breitet über sein Geschick wie eines Freundes Auge seinen lindernden Blick. Und wäre der Mond dazu imstande, wenn in seinem Licht nicht selbst etwas Weiches, Linderndes, Lösendes, also Seele, zu liegen schiene?

Ist es nun aber des Menschen, der doch vom Drang nach nackter Wahrheit erfüllt sein soll, nicht unwürdig, den Wald z. B. wie ein schweigend und sinnend dastehendes Geheimnis zu betrachten und sich von ihm in eine wehmütig rätselhafte Stimmung versetzen zu lassen? Sollte er sich beim Anblick des Waldes nicht lieber, wie die Pessimisten allen Ernstes verlangen, vorhalten, daß die Bäume dort oben zum Glück zwar wohl für Leid und Freude gleich fühllos sind, dagegen unter dem Getier, das der Wald beherbergt, ein grimmiger, schmerzvoller Kampf ums Dasein unablässig wütet? Man sieht: ist die Lust, die auf Jllusion beruth, von Übel, so ist dem ganzen Naturgenuß die Art an die Wurzel gelegt. Nun aber ist diese ästhetische Jllusion nicht Jllusion in jedem Sinne, sie ist - so paradox das klingen mag - eine Jllusion von innerer Wahrheit. Wäre es denn nämlich möglich, daß uns die Naturerscheinungen unwillkürlich aufforderten, sie zu beseelen, uns aus ihren Gestalten, trotz der Fremdartigkeit derselben, unseren eigenen Geist heimisch und vertraut uns entgegensprechen zu lassen, wenn die Natur nicht im tiefsten Grund aus demselben Einem und Allem stammte wie der Mensch, wenn die Natur nicht auch Geist wäre wir wir, nur Geist, der sich noch nicht bis zur vollen Klarheit, Tiefe und Selbstdurchleuchtung emporgearbeitet hat? Nur wenn der Menschengeist das letzte Ziel ist, das der Natur auch auf ihren unteren Entwicklungsstufen als eigenste treibende Kraft geheim gegenwärtig war, nur wenn der Mensch, wie VISCHER sagt, das gelöste Geheimnis der Welt ist, nur dann ist es begreiflich, daß uns die Natur mit menschlicher Physiognomie, mit einem seelenvollen Blick anschaut. In der Jllusion der ästhetischen Naturbeseelung sprechen wir daher unwillkürlich und unbewußt die tiefe Wahrheit aus, daß die Gestalten in Natur und Geist Offenbarungen eines ewig Einen sind, und daß sich auch die stumme, dumpfe Natur nach Menschwerdund gleichsam emporsehnt.

Doch nicht nur die Natur-, sondern auch alle Kunstschönheit beruth auf einem solchen wahrheitsvollen Schein. Derjenige ist ein Philister, dem es erst dann wohl wird, wenn er weiß, daß zwischen dem Wert der platt und äußerlich genommenen Dinge draußen und der Art, wie er diesen Wert fühlt, ein pures Gleichheitszeichen besteht, der vor allem, was schöner Schein heißt, Angst und Entsetzen empfindet, als wäre von Lüge und Prellerei die Rede. Diese philisterhaft moralische Ernsthaftigkeit müßte sich eigentlich die Freude an jeder Statue, jedem Gemälde, den Genuß jedes Gedichtes, jedes Musikstückes von Grund auf verleiten lassen. Denn all dieses Schöne steht ja draußen, außerhalb unseres Geistes, keineswegs fertig da, so daß es auch fertig vorhanden wäre, wenn es von niemandem angeschaut und genossen würde. Es vollendet sich erst in unserer Phantasie, unserem Genießen, erst dadurch, daß sich der Genießende durch die Harmonie der äußeren Gestalt in seinem Gemüt harmonisch bewegt findet. Doch meint aber jeder unwillkürlich, das Schöne, Anmutige, Erhabene werde uns von der Außenwelt vollständig fertig dargeboten. Wer wäre aber so unfrei gesinnt, die Schönheit darum zu verachten, weil sie erst durch das Dazutreten unseres harmonischen Inneren zustande kommt? Gerade durch diese Mitbeteiligung der Phantasie an ihrem Entstehen ist sie ein Beweis dafür, daß, wie LOTZE sagt, "die Dinge und wir zusammenpassen". Im Gefühl des Schönen genießen wir die große Tatsache der Weltharmonie, des "Füreinanderseins von Welt und Geist".

Und noch nach einer anderen Seite beruth das Schöne auf Schein und Jllusion. Die schönen Gestalten halten uns nur ihre äußere Form, ihre Oberfläche entgegen; ihre Form ist es, die sie uns von einem Innern beseelt zeigen. So erwecken die Gestalten, seien sie nun gemeißelt, gemalt oder gedichtet, durch ihre anschaubare Form den Schein, als besäßen sie hinter ihr ein inhaltvolles Inneres, das in die Form, in die Oberfläche hinausleuchtet und sie von der Tiefe aus beseelt, während ihnen in Wahrheit, abgesehen von der Form, kein Inneres, keine Seele innewohnt. Nur eine am Stofflichen klebende Sinnesart aber könnte sich darum vom Genuß des Schönen abwenden, weil die tote Marmorform uns mit dem Schein eines Inhalts täuscht, der sich von innen aus bis zur Oberfläche des Steins gleichsam ans Tageslicht herausgebildet hat. Nein, wie über einen Triumph des Geistes über die Natur sollen wir uns darüber freuen, daß der Menschengeist imstande ist, aus rohem Stoff Formen zu bilden, aus denen uns der Schein eines schönen Inhalts entgegenleuchtet. Denn nur dadurch, daß dieses Innere nicht mehr abgesondert für sich besteht, sondern ganz in die Form aufgegangen und so zum bloßen Schein geworden ist, hat es alle irdische Trübheit, Verkümmerung und Schwere abgelegt und schwebt in einem leichten, idealen Äther.

Gehen wir noch weiter. Ist es schließlich nicht auch Jllusion, daß uns die Welt von Licht, Farben, Tönen, Wärme, Düften usw. erfüllt erscheint? Nur durch die Eigentümlichkit der menschlichen Anschauung verwandeln sich die Luft- und Ätherschwinungen in die gemütstiefe Welt der Klänge, in das blühende Reich der Farben. Sehr treffend sagt LOTZE in seiner sinnvollen Weise: "So groß ist der eigene Wert dieser Eindrücke, daß bei aller übrigen Armut unseres Lebens wir doch immer dem gütigen Schicksal zu danken hätten, das Tag für Tag diese schöne Welt vor unseren Sinne auftut und uns gestattet, in die lebendige, ahnungsvolle Tiefe der Farben, der Töne und Düfte niederzutauchen." Alles diese Schönheit ist aber doch Jllusion, denn jeder, der sich an Licht, Farbe, usw. erfreut, glaubt unwillkürlich, die Außenwelt selbst lache ihn so hold und freundlich an. Der tiefste Grund aber, warum wir uns hierdurch die Freude an Farben, Tönen usw. nicht verderben lassen sollen, liegt wiederum darin, daß der anschauende Menschengeist die Luft- und Ätherschwingungen nur in ihre eigene ideelle Bestimmung emporhebt, nur das enthüllt, was ihnen als innerstes geheimes Ziel auch scon in ihrem mechanischen, molekularen Zustand zugrunde gelegen haben muß.

Jetzt sollte ich mich auf die verschiedenen Fälle einlassen, in denen wir aus unserer Stimmung heraus die umgebende, gegenwärtige Welt unbewußt und unwillkürlich idealisieren und verklären. Nur Weniges will ich andeuten. Wem Liebe im Herzen blüht und lacht, den schaut die Welt mit erhöhtem Glanz, mit innigeren Farben an. Berg und Tal, Himmelsbläue und Waldesgrün, Blume und Menschenauge - alles tut sich ihm mit holderem, liebevollerem Entgegenkommen auf als dem alltäglich gestimmten Gemüt. Wem hinter der Landschaft, wie GOETHE sagt, ein liebliches Gesicht steht, dem glänzt alles wie durch einen Silberflor:
    Durch solcher holden Lampe Schein
    Wird Alles klar und überrein,
    Was sonst ein garstig Ungefähr,
    Tagtäglich, ein Gemeines wär'.
In ähnlicher Weise verklärt sich die Welt dem sonntäglich gestimmten Gemüt. Dem Schäfer bei UHLAND erscheint am "Tag des Herrn" der Himmel "so klar und feierlich, so ganz, als wollt er öffnen sich". Und wenn am Weihnachtsabend sich die Dämmerung niedersenkt, scheint ein geheimnisvolles Wehen, ein wundersames Hallen durch die Lande zu gehen, die düsteren Straßen, die eilenden Menschen erscheinen wie verzaubert, die ganze Welt wie in einen Traum von unendlicher, ewiger Liebe gehüllt. Auf der Reise gibt sich uns die Welt weit frischer und freier als sonst, sie verschönt sich durch den Reiz der wechselnden Neuheit und des nur vorübergehenden Verweilens. Und fröhlicher Weingenuß zeigt uns Gegenwart und Zukunft weit liebenswerter, viel leichter zu erobern; es ist so, wie NOVALIS sagt: wenn der Wein seine goldenen Flügel schüttelt, da steht der Lebensgenuß wie ein klingender Baum voll goldener Früchte vor uns. Eine gute Tat, eine glücklich vollendete Arbeit, getreue Pflichterfüllung, sie lassen die Welt vor unseren Augen nicht so stehen, wie sie uns sonst erscheint, sondern machen sie uns weit wohnlicher, behaglicher, freundlicher. Dieses Glück der Jllusion wird natürlich einem empfänglichen, weltoffenen Sinn, einem uneigennützigen, dankbaren Gemüt, einer beweglichen und freundlich gestaltenden Phantasie weit öfter und intensiver zuteil als verschlossenen, phantasielosen, grämlichen, nur auf eigenen Gewinn und Vorteil erpichten Menschen. HEYSE führt uns in seinen "Kindern der Welt" mehrere so glücklich angelegte, freie, phantasievolle Gemüter vor, wie auch der ganze Roman aus einer Stimmung heraus geschrieben ist, welcher sich alle Gestalten verklären und erwärmen, und die es sich darin wohl sein läßt. Da ist z. B. EDWINs und BALDERs Mutter: sie hat eine "Sehnsucht, aus dem Schatz des eigenen Herzens und einer lieblich schwärmenden Phantasie den grauen Tag des Erdendaseins zu vergolden"; sie macht es "wie die Vögel beim Nesterbauen, die auch nicht wie im Tagelohn schwitzen, sondern im Ab- und Zufliegen eins singen, eine Beere schmausen oder sich hoch in den Himmel schwingen." Sollten wir uns nun bemühen, all diesen schönen Jllusionen aus uns herauszureißen und die Welt lediglich mit den Augen des kalten Verstandes zu betrachten? Dies wäre eine Empörung gegen die Harmonie der Welt. Denn es zeugt, wie ich schon mehrmals hervorgehoben habe, von der Zusammenstimmung aller Dinge, daß die Farbe unserer Stimmung uns sofort und unwillkürlich aus den Gestalten der Welt ringsumher entgegenzuleuchten scheint.

Allein es gibt noch weit bedenklichere Arten der Jllusion. Es gibt Jllusionen, welche die Grundlage unseres ernstesten, heiligsten Strebens bilden. Wird sich auch hier die Jllusion als etwas Wertvolles retten lassen? Diese Jllusionen sind es besonders, die VISCHER in seinem neuesten Buch ("Goethes Faust", Seite 291 - 303) gegenüber den Ansprüchen des Pessimismus als wertvoll zu halten sucht. Ich weise hier ausdrücklich auf seine gehaltvollen Ausführungen hin, denen auch diese Zeilen ihre Anregung verdanken.

Mit Recht sagt VISCHER, daß in der Liebe die Phantasietäuschung herrscht, als wäre dieser Mann der absolute Mann, dieses Weib das absolute Weib. Allein gerade mit dieser Täuschung "treten alle höheren Kräfte der Phantasie, das ganze Gedankenleben, alle edelsten ethischen Triebe, Wohlwollen, Mut der Aufopferung, Sinn für alles Liebenswerte und Schöne in der ganzen Welt in Blüte. Diese Täuschung ist daher wertvoll, ist geheimnisvolles Werk eines unbewußten Zweckstrebens im Gattungsleben der Menschheit, den sinnlichsten ihrer Triebe zu ihrer Ethisierung zu benützen." Ich möchte noch hinzusetzen: jene Jllusion in der Liebe ist auch darum wertvoll, weil sie beweist, daß der Mensch die Schranken der Endlichkeit von sich abtun, sich zum Unendlichen ergänzen will, daß im Menschen, selbst insofern er sich dem sinnlichsten der Triebe hingibt, doch ein Unendliches lebt. Freilich sind wir gerade damit an einem Punkt angelangt, wo die Jllusion sich nicht mehr völlig rechtfertigen zu lassen scheint, und wo sie auf weitere, schwierigere Probleme hinweist. Denn mit Recht wird man mir entgegenhalten: das ist ja eben die Wurzel allen Übels, daß sich das Unendliche der Natur der Sache nach niemals in einem Endlichen erschöpfen kann, daß es aber dennoch im Endlichen lebt, und der endliche Mensch daher von einem unstillbaren Durst nach dem doch ewig unerreichbaren Unendlichen geplagt wird und infolge dieser reichen Armut, dieses armen Reichtums gezwungen ist, sich der Jllusion hinzugeben, als hätte er es erreicht. Der Mensch ist aus Unendlichem und Endlichem, aus Hohem und Niedrigem gemischt und wird von einem Extrem ins andere geworfen, bald zum Himmel erhoben, bald ins Gemeine hinabgestürzt.

Und wie das Streben und Mühen in der Liebe, so ist alles Wirken und Arbeiten von Jllusion nicht nur begleitet, sondern wesentlich durch sie bedingt. Die Jllusion besteht hier, nach VISCHERs Worten, in der "Täuschung, als ob wir mit dem Wirken mehr erreichten, als dies in Wahrheit der Fall ist. Wir müssen, um wirken zu können, die Menschen für empfänglicher, zum Guten und Vernünftigen williger halten, als sie sind." Dieser Jllusion sollen wir uns mit vollem Wissen hingeben, da sie nur eine relative Jllusion ist. "Denn nur weniger erreichten wir mit unserem Wirken, als wir hofften, aber nicht Nichts, sondern immer Etwas, und eben dieses Etwas würden wir nicht erreichen, wenn wir uns nicht der Jllusion erfreuten, als erreichten wir mehr als dieses Etwas. Nur sie gibt die Frohheit und den Mut des Wirkens. Also brauchen wir sie; es ist also vernünftig, ist logisch, ist recht, sie zu hegen."

So scheint die Jllusion gerettet, weil sie das Wirken befördert; sie borgt ihren Wert von dem des Wirkens. Ist nun aber das Wirken etwas absolut Wertvolles? VISCHER bejaht diese Frage ohne Bedenken. Mir scheinen sich jedoch große, schwierige Zweifel dazwischen zu drängen. Denn nur dann ist offenbar das Wirken von absolutem Wert, wenn es ein absolutes positives, inhaltvolles Weltziel gibt, auf das letzten Endes alles Wirken lossteuert. Gibt es nun ein solches absolutes inhaltvolles Gut? Das ist das große Fragezeichen, von dessen Beantwortung im letzten Grund Pessimimus und Optimismus abhängen. Ist die Seligkeit des sittlichen Handelns mehr als bloß formal? Und das sittliche Handeln selbst kann doch wohl auch nur Mittel sein für ein Höchstes, das durch das sittliche Handeln erst erreicht, dargestellt werden soll? So fragt der geängstigte Mensch. Ist dieses Höchste nun etwa das Wissen? Dies scheint aber doch nur die formale Zusammenstimmung des Geistes mit der Welt und seinem eigenen Wesen zu sein. Und die Schönheit? Sie bildet die Weltharmonie aber auch die Weltharmonie ist eine bloße Form, die erst mit einem gediegenen INhalt ausgefüllt werden soll. Und wie kann es dann überhaupt einen absoluten Inhalt geben, wenn die Weltentwicklung doch ins Unendliche geht? Ein Ziel, das nie wirklich, nie positiv wird, ist gar kein Ziel, ist ein Widerspruch in sich selbst, ist ein Nichts!

Es liegt mir fern, diese Fragen hier auch nur versuchsweise zu beantworten. So wenig günstig indessen auch die Beantwortung derselben für den Optimismus ausfallen mag, so hat doch der Pessimismus noch nicht alle Positionen erobert. Wohl soll jeder denkende Mensch Stunden haben, wo er in die Unendlichkeit der Weltentwicklung hinausblickt und über das dunkle Endziel des Universums nachsinnt. Dann mag Trauer, hohe Trauer, wie sie das Tragische mit sich führt, ihn ergreifen. Allein dieses Hinausblicken soll doch nur die Ausnahme bilden. Die endlosen Fernen der Weltentwicklung sind dem Menschen seiner Natur nach nur ganz dunkel erfaßbar; sie sind nicht der Boden, der ihm Nahrung gibt, und nach dessen Charakter er sein Dasein einrichten soll. Der Mensch hat seine Wohnung und Heimat im Endlichen, in einem endlichen Raum, einer endlichen Zeit, in endlichen Verhältnissen. "Ein kleiner Ring begrenzt unser Leben". Es ist daher in Ordnung, daß der Mensch dem Standpunkt der Endlichkeit gerecht wird, nicht vorwiegend an das absolute Wohin aller Weltentwicklung denkt, sondern die Welt um sich her von der ihm naturgemäßen Beschränktung aus anschaut. Innerhalb dieser seiner kleinen, engen Endlichkeit gibt es nun aber doch glücklicherweise ein Unendliches: die in jedem Augenblick gegenwärtige, ewig fertige Weltharmonie. Auf dem jetzigen Standpunkt, wo wir nicht mehr von der Frage nach dem absoluten Endziel der Welt, nach dem, was die endlose Zeit dem Weltall bringen wird, geplagt sind, muß die allgegenwärtige, ewige, harmonische Zusammenstimmung aller Dinge, der ideelle Zusammenklang der Welt, das zweckmäßige, logische Ineinandergreifen all ihrer Stufen und Glieder, als höchstes Gut erscheinen. Sittlichkeit, Schönheit, Wissen aber sind einzelne Formen dieses Gutes, und jeder Fortschritt auf diesen Gebieten daher eine wertvolle Errungenschaft.

Es gilt daher, sich zu beschränken, zu bescheiden, sich, wie GOETHE, der "Grenzen der Menschheit" zu erinnern. Wer das versteht, wird sich an den kleinen Fortschritten, die er überall sieht, freuen; er wird tief innerlich zufrieden sein, wenn ihn sein Streben auch heute wieder um ein Weniges weiter gebracht hat; er wird alles Gute und Schöne, was ihm Welt und Schicksal entgegenhalten, dankbar genießen. Nicht wenig aber wird eine solche Sinnesart durch die ästhetische Betrachtungsweise der Welt, wie wir sie mit Rücksicht auf die Jllusion ins Auge gefaßt haben, gefördert. Das Schöne erweckt in uns die Jllusion, als wäre in einem endlichen Bild ein Unendliches gegenwärtig. Indem wir uns dieser Jllusion hingeben, verweilen wir ruhig und selig im Augenblick, im Bild der schönen Gegenwart; alles in die Zukunft und ihre Interessen hinausgespannte Wollen ist verschwunden. Wird es nun nicht in der Richtung einer Natur, die sich diese ästhetischen Weltbetrachtung hinzugeben liebt, auch liegen, auf praktischem Gebiet auf den kleinen Fortschritten im Guten und Tüchtigen, um die uns das Streben der gegenwärtigen Stunde, des heutigen Tages weitergebracht hat, mit einem freudigen, zufriedenem Blick zu verweilen? Die ästhetische Weltfreudigkeit unterstützt und fördert die praktische, sittliche Weltfreudigkeit.

Wie herrlich steht auch hierin GOETHE da, der in dem, was ihm die Gegenwart Schönes und Gutes brachte, tüchtig und resolut lebte! Wer darauf ausgeht, seine Jllusionen grämlich zu zerstören, wird nie, wie er, "in Götterselbstgefühl jedes Tags genießen", nie mit ihm in das gesättigt reife, tüchtige Wort einstimmen können:
    Weite Welt und breites Leben,
    Langer Jahre redlich Streben,
    Stets geforscht und stets gegründet,
    Nie geschlossen, oft geründet.
    Ältestes bewahrt mit Treue,
    Freundlich aufgefaßtes Neue,
    Heitern Sinn und reine Zwecke:
    Nun, man kommt wohl eine Strecke.
So gelte uns dann die Jllusion als teures, wertvolles Gut: sie weist den Menschen auf die sichere Gegenwart hin. So hoch sie ihn auch auf ihren Flügeln emporträgt, so ist sie es doch zugleich, die ihn "auf der wohlgegründeten dauernden Erde" wohl und heimisch werden läßt.
LITERATUR: Johannes Volkelt, Glück und Wert der Jllusion, "Im neuen Reich" - Wochenschrift für das Leben des deutschen Volkes in Staat, Wissenschaft und Kunst, Bd. 2, Leipzig 1876