tb-1 W. SchuppeL. NelsonErkenntnistheorie Menschliche GewißheitH. Cohen    
 
JOHANNES VOLKELT
Erfahrung und Denken
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"Der unkritische Mensch, der die prinzipielle Grenzscheide, die zwischen seinem Bewußtsein und allem draußen Liegenden besteht, nicht in ihrer Tragweite begriffen hat, wird gegen alle solche Bemühungen taub bleiben. Er wird sich nun einmal seinen mystisch-realistischen Glauben nicht nehmen lassen, daß sein Bewußtsein unmittelbar mit den realen Dingen als solchen verkehre und sie sozusagen in ihrer Selbstheit in seinem Bereich besitze und wird daus diesem Glauben heraus die gründliche Beschäftigung mit jenem fundamentalen Zweifel für eine müßige Liebhaber einiger spitzfindiger Köpfe halten."

Vorrede

Als ich vor sechs Jahren meine Untersuchungen über die Erkenntnistheorie KANTs veröffentlichte, geschah dies mit dem Vorsatz, die systematische Durchführung der erkenntnistheoretischen Grundauffassung, von der aus ich die Analyse der Kantischen Vernunftkritik unternommen hatte, zum Gegenstand meiner nächsten größeren Arbeit zu machen. Einmal war es ein subjektives Bedürfnis, was mich dazu antrieb. Von Jahr zu Jahr hatte sich mir der maßgebende, grundlegende Charakter, den die Erkenntnistheorie für alle übrigen Zweige der Philosophie besitzt, immer deutlicher aufgedrängt. Da ich mich nun zu derselben Zeit mitten in der Arbeit darüber befand, die neuen Gesichtspunkte, mittels deren ich die philosophischen Gedankenkreise meiner Jugend einer tiefgreifenden Umbildung unterzog, zu begründen und auszugestalten, so lag mir begreiflicherweise nichts so sehr am Herzen, als unter den erworbenen neuen Gesichtspunkten gerade die Erkenntnistheorie auszubauen. Meine umgestaltete Denkweise sollte hierdurch in meinen eigenen Augen eine unanfechtbare Grundlage erhalten. Hierzu gesellte sich als ein mehr objektiver Antrieb die immer fester werdende Überzeugung, daß die von mir angesponnenen Gedankengänge geeignet seien, einerseits die erkenntnistheoretischen Bemühungen der Gegenwart in der von ihnen eingeschlagenen Richtung weiterzuführen und andererseits doch gewisse folgenschwere Einseitigkeiten und Verirrungen derselben in haltbarer Weise zu vermeiden.

Das vorliegende Buch ist das Ergebnis der infolge dieser Antriebe angestellten und seither ununterbrochen gepflogenen Erwägungen. Ich beschränkte mich absichtlich und aus gutem Grund auf die Darstellung des grundlegenden Teils der Erkenntnistheorie und ließ demgemäß alle Untersuchungen, die in die besonderen Teile derselben gehören, streng beiseite. Der Leser muß es sich daher gefallen lassen, daß öfters auf Fragen und Schwierigkeiten hingewiesen wird, die doch in diesem Buch keine Erledigung finden.

Wenn ich meine Untersuchungen, nachdem sie zum Abschluß gebracht sind, überblicke, so verhehle ich mir nicht, daß in ihnen die Mühe des Suchens und Arbeitens manchmal vielleicht allzu stark hervortritt. Der Leser wird möglicherweise zuweilen den Eindruck haben, daß ich mir gewisse Schwierigkeiten allzuoft und allzu peinlich in den Weg stelle, daß ich es mit dem Fortschaffen mancher Einwände zu gründlich nehme, daß ich auf gewisse fundamentale Gesichtspunkte zu oft zurückkomme und daß ich mir mit der Reflexion und dem Rechenschaftgeben über die Art meines Verfahrens zu viel zu schaffen mache. Ließe sich, so wird man mit einem gewissen Recht fragen können, derselbe Gegenstand, ohne Abbruch an Wissenschaftlichkeit, denn nicht weniger mühevoll darstellen, nicht ansprechender und einladender entwickeln? Es möge indessen folgendes nicht vergessen werden.

Es sind die elementarsten, am meisten grundlegenden Fragen der Philosophie und des Wissens überhapt, mit denen sich diese Schrift beschäftigt. Von der Beantwortung derselben hängt das Urteil über den Wert, die Leistungsfähigkeit und die Methoden des Erkennens und der ganze Aufbau der übrigen Wissenschaften ab. Wenn daher irgendwo ein genaues, ja peinliches Achten auf jedweden Schritt des Verfahrens, ein erschöpfend gründliches Eingehen auf alle irgendwie beachtenswerten Schwierigkeiten und Einwände dringend von nöten ist, so ist es auf diesem Gebiet der Fall. Ja, ein Zuviel an dornenvoller Gründlichkeit, wie ich es von meinem Buch gern zugebe, wird hier weit eher zu entschuldigen sein als ein vorwiegendes Ausgehen auf glatten und bequemen Fluß der Gedankenreihen.

Ferner aber ist auch zu bedenken, daß diejenigen Bücher, die dem Leser die Mühe und Anstrengung des Verfassers zu spüren geben, ihn auch weit mehr in die Gedankenarbeit desselben einführen, ihn weit mehr in das Werden und die Entwicklung der Art, wie er des Gegenstandes Meister zu werden versucht, hineinblicken lassen und ihn auf diese Weise weit energischer zum Mitdenken nötigen. Vielleicht wird auch für manchen Leser der folgenden Untersuchungen dieses gesteigerte Zutagetreten des logischen Arbeitens eine Quelle der Anregung und Befriedigung werden.

Wer eine erkenntnistheoretische Arbeit vollendet hat, kann sich nicht des erhebenden und ermutigenden Gefühls erfreuen, etwas mit den Werten und Gütern der Menschheit unmittelbar Zusammenhängendes geleistet zu haben. Seine Arbeit trägt im Verhältnis zu dem, worin das Glück und Heil der Menschheit liegt, den Charakter des ganz von fern Vorbereitenden und höchst indirekt Vermittelnden. Es wird daher auch nicht ausbleiben, daß den Erkenntnistheoretiker zuweilen ein gewisses Gefühl der Unbefriedigung überkommt. Wenn er sein Arbeiten etwa mit demjenigen des Moralphilosophen, des Psychologen oder auch des Geschichtsforschers vergleicht: wie unlebendig und künstlich muß ihm das seinige nicht erscheinen! Gegen solche Stimmungen wird er sich in der Gewißheit zu befestigen haben, daß die von ihm behandelten Fragen die allererste und unentbehrlichste Aufgabe des Erkennens ausmachen und daß die Lösung dieser Aufgabe auch für das konkrete Erkennen der herrlichen Fülle des Weltinhalts, wenn auch in höchst indirekter Weise, von unberechenbarem Nutzen werden müsse. Dazu wird sich der weitere ermutigende Gedanke gesellen, daß die Ereignisse der Erkenntnistheorie vor denen der übrigen philosophischen Wissenschaften den nicht geringen Vorzug einer größeren Evidenz und Klarheit besitzen.




Erster Abschnitt
Die wissenschaftliche Notwendigkeit
der Erkenntnistheorie


Erstes Kapitel
Die Erkenntnistheorie als
voraussetzungslose Wissenschaft

1. Jede Wissenschaft - mit alleiniger Ausnahme derjenigen, die sich eben durch diese Erörterungen als notwendig herausstellen soll - macht eine gewisse Voraussetzung über die Möglichkeit des Erkennens. Zumindest besteht die stillschweigende Annahme, daß es  überhaupt  ein objektives Erkennen gebe; meistenteils indessen tritt noch die weitere Voraussetzung hinzu, daß, abgesehen vom Erkennen im allgemeinen, auch die Möglichkeit der  besonderen  Wissenschaft, um die es sich gerade handelt, einfach feststehe. Denn nur selten sind die Wissenschaften so vorsichtig, bevor sie in die Untersuchung ihres Gegenstandes eintreten, sich die Frage nach den Grenzen, die sich speziell auf ihrem Gebiet vielleicht dem menschlichen Erkennen entgegenstellen, vorzulegen. Niemals aber kommt es ihnen in den Sinn, die Möglichkeit des Erkennens  überhaupt  zu bezweifeln und zu prüfen. Und es ist dies auch ganz in der Ordnung; denn wollte jede Wissenschaft ab ovo [vom Ei weg - wp], mit der Beantwortung der Frage nach der Möglichkeit des Erkennens überhaupt, anfangen, so würde sie sich damit Untersuchungen aufbürden, die sowohl nach Gegenstand wie Methode von dem, was sie eigentlich betreiben will, grundverschieden wären. Auch müßte dann jede Wissenschaft mit genau denselben und zudem höchst weitläufigen und verwickelten Erörterungen beginnen. Es wird daher, wenn solche Erörterungen überhaupt nötig sind, das Amt einer besonderen Wissenschaft sein, sie zu führen.

Das Entscheidende für die Anerkennung der Notwendigkeit einer besonderen Wissenschaft von der Möglichkeit des Erkennens oder einer Erkenntnistheorie liegt darin, daß sich gegen die Möglichkeit des objektiven Erkennens gewichtige und wohlbegründete Zweifel erheben. Dies ergibt sich einfach aus der unbestreitbaren Erwägung, daß alle Akte, die darauf Anspruch machen, ein objektives Erkennen zu sein, unabtrennbar an das erkennende individuelle Bewußtsein gebunden sind, daß sie sich zunächst und unmittelbar nirgends anderswo als im Bewußtsein des Individuums vollziehen und daß sie über das Bewußtsein des Individuums hinauszugreifen und das Gebiet des draußen liegenden Realen zu erfassen oder zu betreten völlig außerstande sind. Es mag sein, daß diese Akte mehr sind, als bloße individuelle Bewußtseinsvorgänge, ja es mag vielleicht absurd sein und nach Unzurechnungsfähigkeit aussehen, wenn jemand im Ernst meinen sollte, daß ihnen kein weiteres Sein und Gelten zukomme. Allein  zunächst,  d. i. vor aller Untersuchung über das Erkennen und seine Möglichkeit, drängt sich die Frage auf, wie sich denn Gewißheit darüber erlangen lasse, daß die Bewußtseinsakte, aus denen das Erkennen besteht, mehr seien als ganz individuelle, objektiv nichtssagende Vorgänge; wie wir darauf bauen können, daß diese Akte auf die Zustimmung anderer Individuen rechnen und für eine objektive Wirklichkeit Geltung beanspruchen dürfen. Bevor eine besondere Untersuchung diese Frage beantwortet hat, ist mit jedem Erkenntnisakt, der objektiv gelten will, nur soviel als unbezweifelbar ausgesagt, daß wir uns die objektive Geltung seines Inhalts  vorstellen,  nicht daß der Inhalt wirklich ein objektives Bestehen hat. Und es beruth dieses Bedenken nicht etwa auf einer läppischen Spitzfindigkeit; sondern es handelt sich hier um eine Schwierigkeit, die das Erkennen an seiner Wurzel angreift. Das Erkennen ist ein durch und durch subjektiver Akt: daher wird uns durch dasselbe unmittelbar und ohne weiteres nicht  mehr  verbürgt, als daß sein Inhalt  in meinem Bewußtsein  anwesend ist. Es wird daher besonderer Erörterungen bedürfen, ob das Erkennen sich in Bezug auf seine Geltung qualitativ und prinzipiell in der Tat von den subjektiven Gefühlen der Lust und Unlust unterscheide.  Vor  einer solchen Untersuchung droht das Erkennen, wie mein Müdigkeits- oder Behaglichkeitsgefühl nicht mehr als ein individueller Bewußtseinsvorgang zu sein.

2. Es wäre verkehrt, einzuwenden, daß, auch  ohne  eine eigene, der Möglichkeit des Erkennens gewidmete Untersuchung, allein schon die Tatsache der empirischen Wissenschaften, die doch eine Menge allgemein oder fast allgemein anerkannter Sätze enthalten, jenen Zweifel schwinden oder doch als nicht beachtenswert erscheinen lasse. Ich will die Behauptung, daß es eine Menge wissenschaftlicher Erkenntnisse gebe, denen jeder oder fast jeder normal Denkende zustimmt, unangefochten hinnehmen. Allein es frägt sich, ob die allgemeine Anerkennung, die eine große Anzahl von Urteilen und Lehren bei den normal Denkenden unserer Zeit genießt,  ansich schon  das objektive Erkennen in den Rang einer vernünftigerweise nicht weiter bezweifelbaren Tatsache erheben könne? Dagegen ließe sich zunächst schon die Erwägung geltend machen, daß die allgemeine Verbreitung eines Vorstellungsmechanismus, der die Menschen in gewisse übereinstimmende Jllusionen unwiderstehlich einspinnt, keineswegs eine von vornherein ausgeschlossene Unmöglichkeit ist. Besitzt doch nach KANT der Mensch in der Tat wenigstens in einem Teil seines Denkens, in der theoretischen "Vernunft", ein solches Vermögen, das ihn unwiderstehlich in Schein und Blendwerk stürzt! Allein auch ohne die Hilfe einer solchen Erwägung, also ganz direkt, ist es einleuchtend, daß die Behauptung von der allgemeinen Anerkennung, deren sich so viele Sätze erfreuen, möge sie durch noch soviele Belege gestützt sein, jenem fundamentalen Zweifel genau ebenso ausgesetzt ist, als irgendein anderes Urteil, das objektiv gelten will. Ihre Voraussetzung hat die Behauptung von der allgemeinen Anerkennung in der Annahme, daß eine unbestimmte Zahl denkender Subjekte außer mir existiere. Schon diese Voraussetzung steht jenem fundamentalen Zweifel gegenüber völlig wehrlos da. Über allen Zweifel erhoben ist nur soviel, daß ich die  Vorstellung  einer großen Menge denkender Subjekte habe, daß unter meinen Wahrnehmungen, besonders unter denen des Gesichts und Gehörs, auch solche vorkommen, die ich unwillkürlich als unmittelbare Kundgebungen anderer denkender Subjekte deute. Allein daß dieses Deuten in seinem Recht sei, ist vor jenem fundamentalen Zweifel nicht geschützt. Dieser Zweifel wäre nur dann niedergeschlagen, wenn ihm eine besondere Untersuchung gewidmet und dabei das glückliche Ergebnis erzielt worden wäre, daß gewisse Gründe vorliegen, denen er nichts anhaben könne. Solange man dagegen diesen Zweifel einfach beiseite läßt und als nichtvorhanden ansieht, wird seine Macht auch durch noch so viele Belege allgemein anerkannter wissenschaftlicher Wahrheiten in keiner Weise erschüttert.

Ein ebenso fehlgehender Einwand wäre es, daß das Erkennen sich allein schon durch die Zusammenstimmung mit der Wirklichkeit gegenüber jenem Zweifel rechtfertigen könne. Denn zu diesem Zweck müßte es möglich sein, das Erkennen mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Allein indem ich dies zu tun versuche, ist es ja nicht die Wirklichkeit als solche, die ich zum Vergleichen herbeiziehe, sondern schon die für mein erkennenwollendes Bewußtsein vorhandene, zum Erkenntnisvorgang gehörige Wirklichkeit. Was das Erkennen in seine Hand bekommt, ist ja zunächst und unmittelbar immer schon in die Form individueller Bewußtseinsakte eingegangen. Es ist daher ganz unmöglich, den Inhalt meiner auf ein objektives Erkennen Anspruch erhebenden Bewußtseinsakte mit dem Gegenstand selbst, der erkannt werden soll, zu vergleichen.

Ein dritter Einwand könnte dahin gehen, daß in der Bestätigung durch die Erfahrung, d. h. im wirklichen Eintreten solcher Erfahrungen, deren Eintreten vorhergesagt wurde, ein unbezweifelbarer Beweis für die objektive Bedeutung des Erkennens liege. In diesem Fall würde das alltägliche Leben und vor allem die Naturwissenschaft eine Fülle unwidersprechlicher Zeugnisse für die Objektivität des Erkennens enthalten. Wer sich indessen den Sinn und die Tragweite unseres Satzes, daß sich jeder Erkenntnisakt restlos im individuellen Bewußtsein vollzieht und nicht um Haaresbreite darüber hinausgeht, ein für allemal klar gemacht hat, der wird auch für diesen Einwand nur ein Lächeln übrig haben. Denn auch die Bestätigung durch das vorhergesagte Eintreten der Erfahrung führt durch sich allein nicht über den Kreis des eigenen Bewußtseins hinaus. Ohne vorhergehende Untersuchung und Beseitigung jenes fundamentalen Zweifels besagt sie nur dies, daß, wie  in  meinem Bewußtsein das Vorhersehen voranging, so auch  in meinem Bewußtsein  das Eintreffen nachfolgt.

3. Es wäre vergebliche Mühe, sich auf die Widerlegung anderer möglicher Einwände einzulassen. Der unkritische Mensch, der die prinzipielle Grenzscheide, die zwischen seinem Bewußtsein und allem draußen Liegenden besteht, nicht in ihrer Tragweite begriffen hat, wird gegen alle solche Bemühungen taub bleiben. Er wird sich nun einmal seinen mystisch-realistischen Glauben nicht nehmen lassen, daß sein Bewußtsein unmittelbar mit den realen Dingen als solchen verkehre und sie sozusagen in ihrer Selbstheit in seinem Bereich besitze und wird daus diesem Glauben heraus die gründliche Beschäftigung mit jenem fundamentalen Zweifel für eine müßige Liebhaber einiger spitzfindiger Köpfe halten.

Sehr häufig wird auch von Philosophen jene Bezweifelbarkeit aller objektiven Erkenntnis in ihrer Bedeutung für die Wissenschaft vom Erkennen und für die Philosophie überhaupt weitaus unterschätzt. Man meint, es sei jener subjektivistische Mangel nun eben einmal das allgemeine Schicksal des Denkens, gegen das sich nicht ankämpfen lasse; aber da wohl noch niemand auf Grundlage der Einsicht in jenen Mangel ernsthaft auf alle Objektivität des Erkennens verzichtet und sich zum Solipsismus bekannt habe, so sei es verkehrt, von demselben viel Wesens in der Philosophie zu machen. Und so wird wohl jene subjektive Bewußtseinsnatur des objektiven Erkennens hie und da einmal erwähnt, zugleich aber wird zu erkennen gegeben, daß sich damit nichts anfangen lasse und daß sich daran keine weiteren Konsequenzen für das Erkennen knüpfen. (1) Im Gegensatz hierzu ist an der Einsicht festzuhalten, daß, wenn irgendetwas die Berechtigung der Erkenntnistheorie zu erweisen imstande ist, dies die unwidersprechliche Erfahrung vom durchgängig subjektiven Ausgangspunkt, Schauplatz und Daseinselemente alles objektiven Erkennens sein muß. Ich weiß nicht, welche Erwägung sich dem Erkennen näher legen und stärker aufdrängen könnte, als diejenige, daß an allen seinen objektiven Feststellungen von vornherein die aus seiner subjektiven Natur entspringende Ungewißheit nagt. Das Erkennen trägt in seiner eigensten Natur eine beständige Mahnung an seine durchgängige Ungewißheit und es sollte gleichgültig darüber hinwegsehen und darin nicht vielmehr den schwerwiegenden Anlaß finden, in gewissenhafter Selbstprüfung sich über die Berechtigung jener Mahnung Rechenschaft abzulegen und jene Schwierigkeit, wie rein subjektive Akte gegründeten Anspruch haben sollen, etwas Objektives zu bedeuten, aus dem erreichbar letzten Prinzip heraus zu überwinden? Im folgenden werden allerorten Belege darüf zu finden sein, welche tiefgreifende Wichtigkeit für die ganze Beurteilung und Schätzung des objektiven Erkennens jene hervorgehobene Bezweifelbarkeit besitze.

Es läßt sich die Aufgabe der Philosophie geradezu dahin bestimmen, die Selbstverständlichkeit möglichst einzuschränken. Niemals würde es zu Fortschritten im Erkennen überhaupt kommen, wenn nicht dasjenige, was sich bisher dem Menschen als problemlos, als frei von allen Schwierigkeiten und Unerklärlichkeiten dargestellt hat, in immer steigendem Umfang für ihn diesen Charakter des Selbstverständlichen verlöre und so immer mehr an die Stelle des einfachen, ruhigen Hinnehmens die scharfe Unruhe des theoretischen Fragens und Suchens träte. So lag auch für die Philosophie eine Hauptbedingung ihres Fortschreitens darin, daß diejenigen allgemeinen Verhältnisse der Erfahrungswelt, bei denen sich die Intelligenz bisher als bei einem einfachen So- und Nichtanderssein beruhigt hatte, immer mehr Anstöße zu Fragen, Alternativen und verschiedenen Lösungsmöglichkeiten darboten. Da nun über die Philosophie hinaus keine Wissenschaft mehr liegt, welche die von ihr nicht gestellten Probleme übernehmen könnte, so darf von ihr erwartet werden, daß sie mit ihren Fragen nur vor dem  absolut Selbstverständlichen  Halt mache. Um diese Erwartung zu erfüllen, wird sie namentlich darauf sorgfältig zu achten haben, daß sie manches nicht unwillkürlich und ohne es ausdrücklich für etwas absolut Selbstverständliches zu erklären, doch so behandle, als verstände es sich ohne weiteres von selbst. Die ganze moderne Erkenntnistheorie ist aus einer solchen Verschärfung des philosophischen Bewußtseins entsprungen. Man sah immer deutlicher ein, daß das Erkennen keineswegs in den Bereich des absolut Selbstverständlichen gehöre, daß, so naiv und sicher es zunächst sogar von der Wissenschaft ausgeübt werde, es doch Schwierigkeiten beunruhigendster Art in sich berge und daß diese Schwierigkeiten vor allem aus seiner subjektiven Bewußtseinsnatur entspringen. Damit war unmittelbar die Forderung gegeben, die Möglichkeit des Erkennens zu einem Problem der Philosophie zu machen. Nur besaß man in den bei weitem meisten Fällen nicht genug Mut und Konsequenz des Denkens, um den Mangel an Selbstverständlichkeit auf das objektive Erkennen in seinem vollen Umfang (d. h. soweit es irgendwie auf Allgemeingültigkeit Anspruch erhebt und etwas über das Bewußtsein des erkennenden Subjekts Hinausliegendes bezeichnen will) nachdrücklich auszudehnen und - was damit zusammenhängt - das objektive Erkennen gleichfalls in seinem ganzen Umfang in die erkenntnistheoretische Fragestellung hereinzuziehen.

4. So ist also erwiesen, daß es eine Wissenschaft geben müsse, welche sich die Möglichkeit und Berechtigung des Erkennens in seinem vollen Umfang und von Grund aus zum Problem macht. Und diese Wissenschaft führt üblicherweise den Namen der  Erkenntnistheorie.  Damit ist natürlich nicht verwehrt, sich das Erkennen auch in ganz anderem Sinne zum wissenschaftlichen Problem zu machen. So wird die Psychologie sowohl als auch die Metaphysik naturgemäß dazu führen, den Erkenntnisvorgang nach seinem psychischen Zustandekommen und nach seinen in den allgemeinsten Weltprinzipien liegenden Voraussetzungen zu betrachten. Dagegen wird es sich später zeigen, daß durch die Anerkennung einer Erkenntnistheorie in unserem Sinne  die gesonderte Behandlung des Erkennens in der Logik  ausgeschlossen und aufgehoben ist. Doch vorderhand geht uns das Verhältnis jener Erkenntnistheorie zur Logik noch nichts an. Wir wissen nur, daß wir uns der Forderung der Erkenntnistheorie im dargelegten Sinn nicht entziehen können.

Es kann nicht zweifelhaft sein, welche Stelle im Aufbau der Wissenschaften dieser so aufgefaßten Erkenntnistheorie gebühre. Die Erkenntnistheorie hat allen anderen Wissenschaften vorauszugehen; sie darf sich in keiner Weise Sätze aus anderen Wissenschaften zur Grundlage geben; sie hat in ihren grundlegenden Erörterungen alle anderen Wissenschaften wie nicht vorhanden anzusehen; sie ist die im strengsten Sinne  voraussetzungslose  Wissenschaft. Wer das philosophische Erkennen mit einer anderen Wissenschaft beginnt, der kann wohl auch eine gewisse Erkenntnistheorie liefern. Er kann an irgendeiner Stelle seiner Erkenntnisunternehmungen, etwa irgendwo in der Psychologie oder Logik oder Metaphysik, auch den Fragen, inwieweit ein Erkennen möglich sei, worin es seine Bedingungen und Schranken habe und dgl., eine eingehende Beantwortung widmen. Und es wird dies ohne Frage für den lückenlosen Ausbau und die Befestigung seines Standpunktes nützlich sein; ja es kann sich aus einer solchen auf Grundlage mannigfacher Erkenntnisresultat aufgebauten Erkenntnistheorie als weiterer Gewinn die wertvolle Einsicht ergeben, daß in einer Welt, die so eingerichtet ist, wie es die vorangegangenen Wissenssätze ausdrücklich oder implize festgesetzt haben, ein Erkennen von gewissem Charakter in der Tat möglich wäre. Allein ganz unausgemacht bleibt dabei, ob ein solches Erkennen  überhaupt  möglich sei. Denn worauf beruth für eine solche dogmatische Erkenntnistheorie die Einsicht, daß die Wirklichkeit jene vorausgesetzte Beschaffenheit besitze? Offenbar doch selbst schon auf der Voraussetzung, daß dem erst nachher gerechtfertigten Erkennen Gültigkeit zukomme. Wie will ich aber ein Objekt rechtfertigen, wenn sämtliche oder auch nur einige Sätze, aufgrund deren diese Rechtfertigung geschieht, selbst schon ihre Gültigkeit nur der Voraussetzung verdanken, daß dieses Objekt bereits gerechtfertigt dastehe?

Jede Erkenntnistheorie also, welche logische, psychologische, metaphysische Annahmen voraussetzt, kurz jede dogmatische Erkenntnistheorie würde gerade das Bedürfnis unbefriedigt lassen, das uns die Forderung einer Erkenntnistheorie aufzustellen nötigte. Der Grund, warum wir uns über die Möglichkeit des Erkennens Rechenschaft zu geben für nötig erachteten, war darin gelegen, daß das Erkennen zunächst nur ein subjektiver Bewußtseinsvorgang ist, also seine objektive Gültigkeit als im innersten Kern zweifelhaft erscheint. Es wird also eine Rechtfertigung verlangt, welche das Erkennen nicht selbst schon als ein irgendwie unbezweifelbares Faktum voraussetzt. Wir wollen dem Erkennen unmittelbar ins Gesicht sehen, es in seiner ganzen Blöße und Mannigfaltigkeit untersuchen. Wir wollen uns nicht den täuschenden Glauben vorspiegeln, als ob das Erkennen sich zum Zweck seiner Rechtfertigung auf sich selbst als auf eine zugleich über ihm stehende Instanz berufen könnte; - ein Glaube, der an die Geschichte von dem sich selbst an seinem Zopf in die Höhe ziehenden MÜNCHHAUSEN erinnert. Die Frage hat also nicht zu lauten, welche Garantie das Erkennen  vermöge gewisser schon als feststehend betrachteter Erkenntnisresultate  für die  übrigen  Erkenntnisbestrebungen gewähre; sondern es sind  sämtliche  mögliche Erkenntnisresultat auf die eine Seite zu stellen, während auf die andere Seite das Erkennen als solches, d. h. als diejenige Potenz, welche die gesamte erstere Seite zu tragen und zu halten beansprucht, zu treten hat. Und nun ist an dieses von  allen  Erkenntnisresultaten losgelöste, blanke Erkennen die Frage zu richten, welche Mittel und Bürgschaften es aufzuweisen habe, um die Gültigkeit nicht etwa nur dieser und jener, sondern der Erkenntnisresultate  überhaupt  zu rechtfertigen. Wir dürfen daher schon hier sagen: die Erkenntnistheorie hat auf das individuelle Bewußtsein, in welchem das Erkennen zunächst vorliegt und sich vollzieht, einzugehen und zu fragen, aus welchen bewußten Quellen für das Bewußtsein die Überzeugung von der objektiven Gültigkeit des Erkennens entspringe. Es sind also die allen Erkenntnissen sachlich vorausgehenden Ursprünge der Gewißheit aufzudecken und daraufhin zu prüfen, ob und in welchem Grad sie die Gültigkeit des Erkennens garantieren.

Solange eine solche Erkenntnistheorie nicht existiert, hat die Wissenschaft einfach ihre Pflicht nicht erfüllt. Solange das Erkennen, um sich zu rechtfertigen, sich immer wieder schon auf gewisse Erkenntnisresultate als eine über ihm stehende Instanz beruft, muß sich die Wissenschaft den Vorwurf gefallen lassen, daß sie ihrem eigenen Element und Organ, dem Erkennen, nicht rücksichtslos nahe zu treten wage, daß sie sich seine Ansprüche bis in die letzte Tiefe zu prüfen scheue, ja daß sie, indem sie doch das Erkennen nach seiner Berechtigung zu untersuchen vorgibt, vor sich selbst Komödie spiele. Und was will denn beim Mangel einer voraussetzungslosen Rechtfertigung des Erkennens die Wissenschaft gegenüber den verschiedenen Zweifeln, die das Erkennen als eine Fiktion, als eine bedeutungslose Seifenblase verdächtigen, in gegründeter und beruhigender Weise antworten? Ja noch mehr: läuft die Wissenschaft, solange eine solche kritische Erkenntnistheorie fehlt nicht Gefahr, über Bedeutung, Leistungsfähigkeit, Grenzen und Kriterien des Erkennens vage und irrige Vorstellungen zu hegen und bald in Überschätzung bald in Unterschätzung zu geraten? Eine Wissenschaft, die sich über die eigentlichen Gründe der Gewißheit, über das Maßgebende und Tragende in der Geltung des Erkennens keine voraussetzungslose Rechenschaft gibt, wird auch in ganz konkreten Fällen und speziellen Fragen, sobald es sich um die Feststellung der Schranken und Kriterien des Erkennens handelt, nur zu leicht in ein dunkles, instinktartiges Tappen hineingeraten.

Wenn die Forderung der Voraussetzungslosigkeit in diesem Sinne verstanden wird, so ist sie, wie sich zeigen wird, ganz wohl durchführbar. Zu einer Absurdität würde sie nur dann, wenn man sie im  psychologischen  Sinne auffassen wollte. Es versteht sich von selbst, daß ich, um überhaupt nur die Forderung einer Erkenntnistheorie als einer voraussetzungslosen Wissenschaft aussprechen zu können, allerhand Wissen besitzen muß. Nur wer da weiß, was Erkennen, Wahrheit, Wissenschaft bedeutet, und nur wer auf dem Feld der Wissenschaft mannigfach gearbeitet hat, ist in der lage, diejenigen Reflexionen anzustellen, die zu der oben ausgesprochenen Fassung des Problems führen. Kurz, es ist ein sehr verwickelter Bildungsgang, ein Aufsteigen vom naiven Hinnehmen der Eindrücke bis zu einem im hohen Grad verfeinerten Verarbeiten derselben vorausgesetzt, wenn die Forderung einer voraussetzungslosen Erkenntnistheorie hingestellt wird. Jene Voraussetzungen sind aber für diese Forderung ganz unschädlich. Durch meine Forderung sind nur diejenigen Voraussetzungen verboten, deren die Sätze der Erkenntnistheorie  zu ihrer Geltung  bedürfen, die  als wahr  zugestanden sein müssen, wenn die Sätze der Erkenntnistheorie Wahrheit besitzen sollen. Mit einem Wort:  logische, wissenschaftliche  Voraussetzungen dürfen der Erkenntnistheorie nicht zugrunde liegen. Jene erwähnten Voraussetzungen jedoch sind  psychologischer oder faktischer  Natur und daher in beliebigem Umfang erlaubt. Sie stehen nicht in notwendiger Beziehung zur Frage nach dem  Grund der Geltung  derjenigen Sätze, denen sie allerdings zur psychologischen Voraussetzung dienen. Wenn ich z. B. sage: mein Erkennen ist ein Vorgang in meinem Bewußtsein, so ist dieser Satz logisch oder wissenschaftlich voraussetzungslos; denn frage ich, aus welchen Gründen er wahr sei, so kann die Antwort nur im Hinweis auf seine Selbstverständlichkeit bestehen, er bedarf keiner Gründe, keiner Beweise und es würden sich solche auch nicht beibringen lassen; wer die Worte des Satzes versteht, muß ihm ohne weiteres zustimmen. Und doch müssen, wenn jemand in die Lage kommen soll, diesen Satz auszusprechen, sehr zahlreiche und verwickelte psychologische Bedingungen erfüllt sein. (2) - Ich werde bald auf eine für unser Problem sehr wichtige Seite dieser psychologischen Voraussetzungen zu sprechen kommen.

5. Ich habe die Notwendigkeit der Erkenntnistheorie vom prinzipiellsten Punkt aus dargetan und ich wurde dabei von selbst zu der weiteren Forderung geführt, daß diese Wissenschaft im strengsten Sinn voraussetzungslos zu behandeln sei. Jener prinzipiellste Punkt aber, die subjektive Natur jedes Erkenntnisaktes, erscheint von umso größerem Gewicht, als erfahrungsgemäß und nach allgemeinem Zugeständnis die Unsicherheit des Erkennens sich über einen fast erschreckend weiten Umfang erstreckt. Wenn das menschliche Wissen überall oder fast überall mit dem Bewußtsein der Unumstößlichkeit erworben würde und wenn das, was dem einen für unumstößlich gilt, immer auch die Anerkennung aller anderen besäße, dann könnte man jenen Hinweis auf die ausschließliche Bewußtseinsexistenz des Erkennens mit einem gewissen Schein von Recht als eine spitzfindige Grübelei verdächtigen; man könnte fragen: wozu in aller Welt man sich mit einem Mangel so ernsthaft beschäftigen soll, der in der Theorie wohl vorliegt, aber von keinen praktischen Konsequenzen begleitet sei. Indessen zeigt auch eine flüchtige Umschau in der Geschichte des menschlichen Wissens, daß, wohin man auch blicken mag, sich nahezu überall Ungewißheit einmengt, bald annagend, bald unterwühlend, bald völlig umstürzend. Trotz des gründlichsten, angestrengtesten und gewissenhaftesten Forschens herrschend auf fast allen Gebieten, selbst in den sogenannten exakten Wissenschaften, prinzipielle Meinungsverschiedenheiten in großer Menge. Betrachten wir, was den jeweilig fortgeschrittensten und anerkanntesten Denkern als ausgemacht und bleibend gilt, so begegnet uns ein wahrhaft entmutigendes Auf und Nieder, ein rastloser Wechsel von Aufbauen, Umbauen und Niederreissen. Ganz besonders niederdrückend aber wirkt die Wahrnehmung, daß es uns oft, selbst beim besten entgegenkommenden Willen, unmöglich ist, uns von so vielem, ja oft vielleicht dem meisten, was wir bei ernsten und fähigen Denkern als bewiesen hingestellt finden, zu überzeugen. Sieht man vom Konstatieren des Tatsächlichen ab, wiewohl auch hierin Unsicherheit und Wechsel der Ansichten in Menge anzutreffen ist, so gibt es sicherlich unter dem, was jeder von seinem Standpunkt aus als ausgemacht ansieht, nur weniges, was nicht schon allen Ernstes und von ganz vernünftigen Denkern bezweifelt worden wäre, wie sich andererseits kaum etwas so absurd Scheinendes denken läßt, was nicht schon seine Verteidiger gefunden hätten. Angesichts dieser Erfahrungen konnte es nicht ausbleiben, daß auch über den Umfang und die Grenzen der Erkennbarkeit die verschiedensten Ansichten geherrscht haben und noch herrschen. Mehr oder weniger hat es zu allen Zeiten radikale Skeptiker, resolute Verteidiger des absoluten Wissens und vorsichtige Vertreter von allen möglichen dazwischenliegenden Standpunkten gegeben. Bald erklärte sich das menschliche Wissen für berechtigt, mit stolzer Stirn und entschlossener Hand den Schleier von der Werkstätte der schaffenden Urkraft hinwegzuheben; bald gab es, entmutigt und enttäuscht, alle im Reich des Übersinnlichen und Unbedingten liegenden Positionen auf und zog sich in kühler Selbstbesinnung in die unmittelbar zugänglichen Bezirke der sinnlichen Erscheinungen zurück; ja zuweilen wurde, wie in der Sophistik und Skepsis des griechischen Altertums, die unbedingte Verneinung der Möglichkeit jedweder Erkenntnis als Losungswort und Prüfstein reifster Weisheit verkündet.

Wenn wir dieses Schauspiel überblicken, so muß unser wissenschaftliches Gewissen die laute Forderung erheben, daß über Grenzen, Bedingungen und Möglichkeit des Erkennens in zusammenhängender und prinzipieller Weise Untersuchungen gepflogen werden. Und damit unser Erkennen ja vor falscher Sicherheit und voreiligem Vertrauen zu sich selbst geschützt bleibe, werden wir an diese Untersuchungen mit dem Vorsatz herantreten müssen, daß nur dasjenige Wissen als keiner Rechtfertigung bedürfend angesehen werde, das auch dem schärfsten Auge und der ungläubigsten Kritik keine Angriffspunkte zur Bezweiflung darbietet. Folgen wir nun diesem Vorsatz, so zeigt sich, daß  sämtliche  Akte des objektiven Erkennens, welchen Inhalt sie auch haben mögen, der Kritik eine wunde Stelle zeigen; denn sie alle sind durch und durch lediglich Vorgänge innerhalb des individuellen Bewußtseins und erheben doch Anspruch auf eine mehr oder weniger weit über dasselbe hinausreichende Gültigkeit. So führt daher die Ausführung jenes Vorsatzes zum Unternehmen einer voraussetzungslosen Rechtfertigung des objektiven Erkennens in seinem vollen Umfang. Man sieht demnach: jene allbekannten und in die Augen fallenden Eigentümlichkeiten in der Entwicklung der Wissenschaften, die ich zusammenfassend angedeutet habe, sind für sich allein zwar nicht imstande, die voraussetzungslose Erkenntnistheorie in unserem Sinne als notwendig zu beweisen, doch aber führen sie in einer solchen in bedeutsamer Weise entgegen. Mit anderen Worten: wir werden durch jene historischen Erfahrungen über die Ungewißheit des menschlichen Wissens dringend aufgefordert, es mit jener fundamentalen Schwierigkeit des Erkennens, die sich an seine subjektive Existenzweise knüpft, ernst zu nehmen und diesen Gesichtspunkt, der für sich allein bei allen, die erkenntnistheoretischen Untersuchungen abgeneigt sind, leicht den Schein des spitzfindig Erklügelten erwecken könnte, für die Gestaltung der Erkenntnistheorie prinzipiell maßgebend sein zu lassen.

6. Nach den bisherigen Erörterungen darf ich die voraussetzungslose Erkenntnistheorie auch als  Theorie der Gewißheit  bezeichnen. Das objektive Erkennen ist uns durchaus nur in der Weise eines individuellen Bewußtseinsvorgangs gegenwärtig. Mit anderen Worten: wir haben nur insofern ein Erkennen, als wir dessen  gewiß  sind, ein solches zu haben; wir erkennen immer nur durch Vermittlung und in Form von Gewißheit. Es dürfen sich daher die Fragen, die sich zunächst an das Erkennen richten, nur darauf beziehen, wie und wodurch sich das Erkennen unserem Bewußtsein als objektiv verbürge, worauf sich unser Vertrauen zu den Erkenntnisakten gründet, was unser Bewußtsein dazu berechtige, gewisse Akte für mehr als subjektiv zu halten. Es wird also die Gewißheit, die unser Erkennen begleitet, zu rechtfertigen sein. Nur von der Seite der Gewißheit aus läßt sich die Rechtfertigung des Erkennens unternehmen. Ist die Gewißheit, deren wir im Erkennen inne werden, gerechtfertigt, dann ist auch das Erkennen selber verbürgt. (3)

Aber nicht nur zu Beginn, sondern auch im ganzen weiteren Verlauf der Erkenntnistheorie, d. h. solange es sich um die Frage nach der Möglichkeit des Erkennens handelt, wird sich die Untersuchung stets an die Gewißheit zu halten haben und nur durch Vermittlung dieser subjektiven Seite wird auszumachen sein, wieviel Objektivität wir dem Erkennen zusprechen dürfen. Setzen wir den Fall, es sei das objektive Erkennen bis zu einem gewissen Grad bereits gerechtfertigt und es handlich sich nun darum, eine neue Seite oder Form des Erkennens auf ihr objektive Bedeutung zu prüfen: so wird dies nur so geschehen können, daß dabei auf die Vorgänge der Gewißheit und Ungewißheit, durch welche sich diese neu zu prüfende Weise des Erkennens kundgibt, in erster Linie geachtet wird. Immerhin mag diese neue Erkenntnisweise sich mit Notwendigkeit aus den schon gerechtfertigten Erkenntnisformen ableiten und beweisen lassen und in diesem Ableiten und Beweisen die gesuchte Rechtfertigung liegen: so ist es doch immer nur die individuelle, subjektive Stimme der Gewißheit und Ungewißheit, wodurch sich dieses Ableiten und Beweisen als vertrauenswürdig erweist. So werden also alle Bürgschaften, welche die Erkenntnistheorie für die Objektivität des Erkennens aufstellt, immer doch schließlich an der subjektiven Gewißheit und Ungewißheit zu messen sein. - Hiermit ist, wie gleich hier voraus bemerkt werden mag, keineswegs ausgeschlossen, daß sich uns in der Form der subjektiven Gewißheit eine sachliche, objektive, überindividuelle Notwendigkeit kundtue.

Wenn die Erkenntnistheorie berechtigt sein sollte, die individuelle Bewußtseinsform zu überspringen und gleich von vornherein mit objektiven Münzen zu hantieren, so müßte unser Erkennen eine von der gegenwärtigen himmelweit verschiedene Beschaffenheit haben. Es müßte  entweder  dann das Erkennen der Gegenstände mit dem Erzeugen ihrer durch das Erkennen gemeinten Existenz identisch sein; es dürfte für das erkennende Bewußtsein kein Draußen, kein Jenseits geben, auf das sich das Erkennen bezöge; das ideelle Objekt des Erkennens müßte eo ipso [ansich - wp] mit der realen Existenz desselben zusammenfalle; Kurz unser Erkennen müßte ein Erschaffen im strengsten Sinne sein.  Oder  es müßte auf eine schlechthin übernatürliche Weise die Wahrheit als solche, d. h. ohne daß dabei die Gewißheit als entscheidende Instanz in Frage käme, unserem Bewußtsein eingegraben sein. Allein da weder unser Verstand die erkannten Objekte zu erschaffen imstande ist, noch auch die Wahrheit durch Magie und Offenbarung, durch Flammen- und Sternenschrift unserem Bewußtsein verkündet wird, so muß sich jede Untersuchung, die das Erkennen rechtfertigen will, auf die subjektiven Gewißheitsphänomene einlassen und die Rechtfertigungsversuche auf diese stützen. Nicht nur etwa die Darstellungen der Logik von HEGEL und aus seiner Schule, sondern auch solche Erkenntnislehren, die prinzipiell die subjektive Daseinsnatur des Erkennens anerkennen, verfahren in der Regel nicht subjektiv genug, werfen ihren Anker viel zu wenig in den subjektiven Gewißheitserscheinungen, prägen und bauen von vornherein viel zu selbstverständlich in der Substanz des Objektiven. Indem ich also die Erkenntnistheorie als Gewißheitslehre bezeichne, so ist damit ein durchgreifender Zug in der Gestaltung derselben angekündigt. - Übrigens erhellt sich aus der ganzen Darstellung, daß dieser subjektive Charakter und jene Voraussetzungslosigkeit untrennbar aneinander geknüpft sind und sich aus einer und derselben Fundamentaleinsicht ergeben.

7. Ich setze mir in diesem Buch nicht die Aufgabe, die Erkenntnistheorie in ihrem ganzen Umfang darzustellen. Meine Aufgabe hat weit engere Grenzen; ich beabsichtige nur, den grundlegenden und prinzipiellsten Teil der Erkenntnistheorie zu entwickeln. Und es wird leicht zu sagen sein, worin das allgemeine Thema dieses grundlegenden Teils zu bestehen habe. Wenn die ganze Erkenntnistheorie nichts anderes ist, als die erschöpfende Behandlung der Frage, ob und inwieweit und in welchem Sinn sich das objektive Erkennen rechtfertigen lasse, so wird der grundlegende Teil derselben ohne Zweifel sich mit der  Frage nach den letzten Erkenntnisprinzipien  zu beschäftigen haben, d. h. mit der Frage: auf welchen einfachen, nicht weiter zurückführbaren Prinzipien es beruhe, daß wir unseren Erkenntnisakten objektive Gültigkeit zusprechen und welcher allgemeine Erkenntniswert, welche prinzipielle Leistungsfähigkeit diese elementaren Quellen und Wurzeln aller Gewißheit zukomme. Soll das Erkennen nach seiner Möglichkeit voraussetzungslos untersucht werden, so kann das nur dadurch geschehen, daß vor allem darüber Klarheit gewonnen wird, auf welche elementaren Prinzipien sich unsere Gewißheit, daß wir objektiv erkennen, gründe. Es ist ganz unmöglich, von irgendwelchen konkreten Erkenntnisakten auszumachen, ob ihr Anspruch auf objektive Gültigkeit berechtigt sei, bevor wir nicht wissen, aus welchen letzten Quellen die Gewißheit des objektiven Erkennens überhaupt entspringe und mit welchem Recht und inwieweit wir ihnen trauen dürfen.

Wer jemals logische und erkenntnistheoretische Literatur auf die Erörterung dieser Frage hin angesehen hat, wird bekennen müssen, daß hierin die allergrößte Verwirrung herrsche. So begnügt man sich z. B. sehr häufig mit dem Ausdruck, daß in der Übereinstimmung mit der  Erfahrung  das Kriterium des objektiven Erkennens liege. Dabei käme es nun vor allem darauf an, das, was wirklich Erfahrung ist, in seiner Reinheit herzustellen. Stattdessen aber wird meistens mit dem unkontrollierten Begriff der Erfahrung, der tausendfache Unerfahrbarkeiten in sich birgt, sorglos und unter dem Anspruch auf große Exaktheit operiert. Wieviele Empiristen kommen überhaupt nicht einmal auf den Gedanken, daß in dem, was man so gewöhnlich Erfahrung nennt, gar viele Elemente enthalten seien, die eine Ergänzung, Weiterführung, Vertiefung des in der Erfahrung Gegebenen bedeuten und die daher an sich absolut unerfahrbar sind, wiewohl sie unwillkürlich zur Erfahrung selbst hinzugeschlagen zu werden pflegen. Damit hängt zusammen, daß man sich mit dem dunklen Gefühl begnügt, es werde wohl, wenn man sich mit dem dunklen Gefühl begnügt, es werde wohl, wenn man sich nicht allzuweit über die unmittelbare Erfahrung hinauswage, diese Erfahrung selbst eine sichere Kontrolle für solche Überschreitungen ihrer selbst abgeben. So begeht man die Verwechslung, in den bloßen  Tatsachen  der Erfahrung ohne weiteres  Gründe  dafür zu erblicken, daß es sich jenseits der Erfahrungsgrenze, wenn auch in der nächsten Nähe derselben, ebenso verhalten werde.

Anderswo wieder werden der gesunde Verstand, das natürliche Denken, das klare und deutliche Vorstellen, die korrekte Logik, die Evidenz des Beweisens, die innere Übereinstimmung der Erkenntnisresultate oder etwa ein gewisses unmittelbares Gefüh für das Abgeschmackte und Extreme und dgl. als Erkenntnisprinzipien entweder stillschweigend vorausgesetzt oder ausdrücklich genannt. Alle diese Maßstäbe der Erkenntnis sind sowohl eng miteinander verwandt, als auch wieder vielfach voneinander verschieden und doch wird gar häufig bald der eine, bald der andere einfach als wahrhaftes Erkenntnisprinzip aufgestellt, ohne daß eine Rechtfertigung auch nur versucht würde, warum gerade in ihm und nicht in den übrigen, die sicherste Bürgschaft für das Erkennen liegen solle und ohne daß auch nur die Frage aufgeworfen würde, ob der aufgestellte Prüfstein ein letztes, nicht weiter zurückführbares Gewißheitsprinzip sei und in welcher Beziehung er zu den elementaren Gewißheitsprinzipien stehe.

Es läßt sich von vornherein nicht überschauen, zu welchen Unterfragen die Untersuchung unserer allgemeinen Frage hinführen, welche besondere Aufgaben uns die Erörterung der elementaren Erkenntnisprinzpien auferlegen und an welchem Punkt dieselbe erschöpft sein werde. In anderen Wissenschaften wird die Einteilung durch in die Augen springende Gliederung des unbezweifelt und fertig vorliegenden Gegenstandes gegeben oder doch durch Erwägungen, die sich leicht an ihn knüpfen lassen, nahegelegt. Wir jedoch haben hier keinen gegebenen Gegenstand, vielmehr soll die Untersuchung den Gegenstand, das objektive Erkennen, erst in seiner Existenzberechtigung dartun und ihm erst ein begründete Dasein geben. Der voaussetzungslos beginnende Erkenntnistheoretiker ist daher nicht in der Lage, die Einteilung seiner Untersuchung, wie sie sich nachher ergeben wird, von vornherein dem Leser aus naheliegenden Gesichtspunkten plausibel zu machen. Aus diesem Grund halte ich es für überflüssig, die Gliederung, zu der uns die eigene Ordnung und der notwendige Fortschritt unserer erkenntnistheoretischen Erwägungen von selbst drängen wird, schon an dieser Stelle voraus mitzuteilen. Und ebenso mag vorläufig auch der Punkt unbezeichnet bleiben, an welchem unsere fundamentale Untersuchung das Recht haben wird, sich als abgeschlossen zu betrachten und wo daher die Erkenntnistheorie in ihre spezielleren Teile übergeht.

8. Nicht, wie man noch vielfach hört, erst mit KANT, sondern schon mit LOCKE hat die kritische Erkenntnistheorie als ausgebildete Wissenschaft ihren Anfang genommen. Ihre keimartigen Anfänge liegen noch viel weiter zurück. Beide sind freilich noch weit entfernt davon, ihren erkenntnistheoretischen Untersuchungen eine konsequent kritische Haltung zu geben; ja, sie habe es sich nicht einmal zu Bewußtsein gebracht, daß die voraussetzungslos Behandlung die unabweisbare Konsequenz der in einem kritischen Sinn aufgefaßten Erkenntnistheorie ist. Was die erkenntnistheoretischen Bestrebungen beider dennoch als die bedeutsamen Anfänge der  kritischen  Erkenntnistheorie anzusehen verpflichtet, das ist vor allem der Umstand, daß sie die Frage nach der Möglichkeit der Erkenntnis mit dem vollen Bewußtsein von ihrer für die Philosophie fundamentalen und umgestaltenden Tragweite aufgestellt und die umfassende Untersuchung dieses Problems für die grundlegende philosophische Disziplin erklärt haben, von deren Ergebnissen alle anderen philosophischen Erörterungen abhängig zu machen seien.

Es würde zu weit führen, wenn ich hier die erkenntnistheoretischen Bemühungen beider miteinander vergleichen wollte. Ich will nur erwähnen, daß LOCKE, der in gar vielen Stücken, vor allem in der Tiefe des Eindringens in das menschliche Bewußtsein, dem deutschen Philosophen weit nachsteht, doch auch manchen Vorzug vor diesem besitzt. Er fordert mit derselben Schärfe wie KANT, daß man vor allen anderen Untersuchungen die Fähigkeiten des Verstandes prüfen, die Grenzen des Erkennens ermitteln, den Maßstab für die Gewißheit unseres Erkennens finden und das Erkennbare vom Nichterkennbaren scheiden solle. Dabei jedoch schränkt er diese Frage nach der Möglichkeit des Erkennens nicht, wie KANT, auf das aus der reinen Vernunft entspringende, d. h. streng notwendige und allgemeine Erkennen ein, sondern sie gilt ihm, wie seine späteren Ausführungen dartun, ebenso sehr für das zu bloß "komparativer Allgemeinheit" führende empirische Wissen. Und ferner geht er nicht, wie KANT, von der ausdrücklichen Voraussetzung aus, daß es tatsächlich ein allgemeines und notwendiges Wissen gebe. (4) Diese von KANT nie ausdrücklich in Prüfung gezogene Voraussetzung steht mit dem Charakter der kritischen Erkenntnistheorie derart in Widerspruch, daß man sich ernstlich die Frage vorlegen muß, ob die "Kritik der reinen Vernunft" als kritische Erkenntnistheorie gelten dürfe. Ist nun auch diese Frage aus guten Gründen zu bejahen, so ist doch durch jene dogmatische Voraussetzung die kritische Haltung der Kantischen Erkenntnistheorie in durchgreifender Weise gestört. Mögen nun auch bei LOCKE im Laufe der Darstellung sich alle möglichen ungeprüften Voraussetzungen einschleichen, ja zum großen Teil psychologische Untersuchungen an die Stelle der erkenntnistheoretischen treten, so lastet doch auf seinen Entwicklungen nicht das einengende, starre Dogma, daß an der tatsächlichen Existenz und Geltung eines allgemeinen und notwendigen (und noch dazu als recht umfassend gedachten) Wissens ein für allemal nicht gezweifelt werden dürfe. Er will überhaupt die Gewißheit des menschlichen Wissens untersuchen, einen Maßstab für sie auffinden und sehen, "ob es überhaupt so etwas wie Wahrheit gebe und ob die Menschheit die genügenden Mittel zur Erlangung einer sicheren Kenntnis derselben besitze. (5)

Diese freiere, weitere Fassung der Aufgabe erleichtert es dann auch LOCKE, auf die Frage nach den letzten, elementaren Prinzipien und Quellen des Wissens einzugehen, den Erkenntniswert derselben genau zu bestimmen und demgemäß den Bereich des Erkennens zu ordnen und den verschiedenen Weisen und Zweigen des Erkennens zu ordnen und den verschiedenen Weisen und Zweigen des Erkennens ihre berechtigten Ansprüche und eigentümlichen Schranken zuzuweisen. Ohne Frage ist das vierte Buch seines Essays, wiewohl man es gegen die beiden ersten Bücher meist in den Hintergrund zu stellen pflegt, in erkenntnistheoretischer Beziehung das wichtigste. Hier nun eben findet man in eingehender Weise diese echt erkenntnistheoretischen Untersuchungen über die Prinzipien, Grade und Grenzen der Gewißheit geführt, wenn auch Einteilung und Fortschritt derselben sich nicht unmittelbar aus den fundamentalen Gesichtspunkten der Erkenntnistheorie ergeben und auf den ersten Blick ein ziemlich zerstreutes Vielerlei darbieten. Auch in dieser Beziehung ist der klare, wiewohl oft ziemlich oberflächliche Engländer dem deutschen Philosophen voraus, der wohl weit tiefer dringt, aber im Auseinandernehmen der Fragen weniger beweglich ist und etwas formalistisch Eingesponnenes hat. Nirgends bei KANT richtet sich die Erörterung ausdrücklich darauf, die letzten Prinzipien der Gewißheit zu ordnen, gegeneinander abzugrenzen, ihre Leistungsfähigkeit zu bestimmen und dgl. Überall wirken in seinem Denken die letzten Erkenntnisprinzipien in Form von mehr oder weniger dunkel bewußten Triebfedern. Man denke nur z. B. daran, daß er die Frage, welches berechtigte Erkenntnisprinzip ihm ermögliche, zu den zahlreichen Bestimmungen des Dings ansich zu kommen, nirgends sich auch nur vorlegt, trotzdem es sich doch hier um Behauptungen handelt, die mit der phänomenalistischen Grundlage seiner Philosophie in offenbarem Widerstreit stehen und die daher ganz besonders der erkenntnistheoretischen Rechtfertigung bedürften.
LITERATUR: Johannes Volkelt, Erfahrung und Denkenm - Kritische Grundlegung der Erkenntnistheorie, Hamburg und Leipzig 1886
    Anmerkungen
    1) So erklärt z. B. LOTZE die allgemeine Bezweiflung des Erkennens für einen "öden, grundlosen, aus wunderlicher Bekümmernis entsprungenen Skeptizismus" und läßt ihn für die Gestaltung der Wissenschaft vom Erkennen in keiner Weise von Bedeutung werden (Logik, Leipzig 1874, Seite 475f).
    2) Damit erledigen sich die Bedenken, welche SCHUPPE in seinem Aufsatz "Zur voraussetzungslosen Erkenntnistheorie" meiner Forderung einer voraussetzungslosen Erkenntnistheorie entgegengehalten hat (Philosophische Monatshefte, 1882, Heft VI und VII, Seite 375). Sie beruhen auf einer Verwechslung der psychologischen und wissenschaftlichen Voraussetzungen.
    3) Ähnlich bestimmt GEORG NEUDECKER, Das Grundproblem der Erkenntnistheorie, Nördlingen 1881, Seite 3f, die Aufgabe der Erkenntnistheorie. Er hebt hervor, daß die Erkenntnistheorie erst dann allen *Dogmatismus abstreife, wenn sie vor allem die subjektive Seite des Erkennens, die Gewißheit, untersuche.
    4) In meiner Schrift "Immanuel Kants Erkenntnistheorie nach ihren Grundprinzipien analysiert" (Leipzig 1879), findet man ausführlich nachgewiesen, daß 'KANT in der Tat diese Voraussetzung überall an die Spitze stellt (Seite 193f).
    5) JOHN LOCKE, An essay concerning human understanding I, 1. § 2.