tb-2T. K. ÖsterreichO. LiebmanK. FischerP. Natorp    
 
FRIEDRICH ÜBERWEG
Neukantianismus
und Neokritizismus

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"Johannes Volkelt steht in einem Gegensatz zum Neukantianismus, der eine Kritik der Naturwissenschaft und Mathematik verbietet (transzendentale Voraussetzung), er fordert vielmehr eine Voraussetzungslosigkeit der Erkenntnistheorie. Die Erkenntnistheorie hat mit einer Besinnung über die Gewißheitsquellen zu beginnen, vermöge deren wir auf Erkennen Anspruch erheben. Den Ausgangspukt bildet dann die vorlogische, intrasubjekte psychologische Selbstgewißheit des Bewußtseins."

"Das Urteil des Ursprungs liegt für Cohen dann vor, wenn etwas als  gegeben  bezeichnet wird. Das mathematische Zeichen  x,  das nicht die Unbestimmtheit, sondern die Bestimmbarkeit bedeutet, sagt genau das, was Cohen mit dem  Gegebenen  im Auge hat. Woher kommt dieses Gegebene, dieses Etwas? Cohen antwortet: Auf dem Umweg des Nichts stellt das Urteil den Ursprung des Etwas dar."

"Sieht man dieses Erkennen an, so findet man, daß es durchgängig ein Denken ist. Auch alles wahrnehmen, das man so gern dem Denken gegenüberstellt, sei zuletzt doch auch ein Denken: es wird über einen Gegenstand etwas ausgesagt, er wird nach Zeit, Art usw.  bestimmt.  Alle Wahrnehmung ist  Denkbestimmung.  Die Wahrnehmung muß sich den Gesetzen der Quantität, der Qualität und Relation fügen; irgendein Inhalt, der aus diesem dreifachen Verfahren des Denkens herausfiele, könnte auch durch Wahrnehmung niemals  gegeben  werden. So angesehen ist alles, was wir Tatsachen nennen, Gedanke, die gesamte Wirklichkeit ist Denkinhalt."

Die umfangreichste Bewegung während der letzten Jahrzehnte ist der  Neukantianismus  bzw.  Neokritizismus  gewesen. Er reicht in seinen Anfängen bis in die sechziger Jahre zurück und hat mancherlei Wandlungen durchgemacht. Während zunächst ein möglichst naher Anschluß an KANT erstrebt wurde, ist seit einiger Zeit auch bei denen, die früher für einen solchen eintraten, eine zunehmend stärker werdende Tendenz nach einer Fortbildung des Kritizismus über KANT hinaus festzustellen. Auf der einen Seite hat man sich FICHTE genähert, auf der andern HEGEL, außerdem machte sich - namentlich vor dem Weltkrieg - auch der Einfluß BERGSONs (siehe unten) bemerkbar. Die ganze Bewegung ist, wie schon oben hervorgehoben wurde, sehr zusammengesetzter Natur. Als gemeinsames Moment tritt die Betonung der Bedeutung des  Denkens  für die Erkenntnis hervor, eine Betonung, die so weit geht, daß für einen erheblichen Teil der Bewegung eine andere legitime Quelle (Wahrnehmung) der Erkenntnis neben dem Denken eigentlich nicht existiert: die Mathematik bildet für sie das Vorbild aller Erkenntnis überhaupt. Ferner macht sich in allen Schulen des Neukritizismus, der zunächst eine wesentlich erkenntnistheoretische Strömung war, die Einsicht in die Bedeutung des Problems der  Werte  zunehmend geltend; teilweise hat sie sogar zu einer völligen Auflösung der Philosophie in eine reine Werttheorie geführt.

Es sind sieben Richtungen im Neukritizismus zu unterscheiden: Jahrzehntelang hatten die antirealistischen Richtungen (4. und 5.) die Oberhand; in der Gegenwart hat sich mehr und mehr ein neuer Realismus durchgesetzt (siehe unten).

Auch vor dem Einsetzen der eigentlichen "Kantbewegung" war hier und da an KANT angeknüpft worden, so von FORTLAGE (1832) und BENEKE, insbesondere hat die  Fries'sche Schule  an der kantischen Philosophie in der ihr von FRIES gegebenen Gestalt festgehalten. Ferner sind zu nennen der Sohn C. L. REINHOLDs, ERNST REINHOLD (1793-1855), der dieselbe in weniger psychologistischem Sinn verstand. "Die Logik oder die allgemeine Denkformenlehre", Jena 1826, "Theorie des menschlichen Erkenntnisvermögens und Metaphysik, 2 Bde., Gotha 1831-34, Die Wissenschaft der praktischen Philosophie im Grundriß, 3 Bde., Jena 1837, Das Wesen der Religion und sein Ausdruck im evangelischen Christentum, Jena 1846 u. a., sowie CARL ALEXANDER Freiherr von REICHLIN-MELDEGG (1801 - 77): "Psychologie", Heidelberg 1837f, "System der Logik nebst Einleitung in die Philosophie", Heidelberg 1874 (Autobiographie). 1847 endlich wies WEISSE in einer akademischen Rede auf KANT zurück. Im selben Jahr tat es auch sein Freund I. H. FICHTE in seiner Eröffnungsrede auf dem ersten deutschen Philosophenkongress in Gotha ("Grundsätze für die Philosophie der Zukunft", Stuttgart 1847, Seite 20). Ebenso betonte PRANTL die Notwendigkeit eines Rückganges auf KANT ("Die gegenwärtige Aufgabe der Philosophie", 1852).

Mit den 50er Jahren beginnen die Hinweise von Vertretern der Philosophie der 2. Hälfte des Jahrhunderts auf KANT. Als erster von ihnen gab HELMHOLTZ 1855 seiner Verehrung für KANT Ausdruck, der sich zur Naturwissenschaft seiner Zeit nicht in einen Gegensatz gesetzt hat, sondern, am empirischen Charakter aller Erkenntnis festhaltend und keine Erweiterung derselben durch reines Denken erstrebend, die Quellen unseres Wissens und den Grad seiner Berechtigung untersuchen wollte, "ein Geschäft, welches immer den Philosophen verbleiben wird, und dem sich kein Zeitalter ungestraft wird entziehen können" (in: Über das Sehen des Menschen", Vortrag). Zwei Jahre später betonte HAYM (Hegel und seine Zeit, Seite 468), daß es sich darum handelt, "die dogmatische Metaphysik des letzten Systems ins Transzendentale umzuschreiben". Die eigentliche moderne Kantbewegung beginnt jedoch erst in den sechziger Jahren. Drei Namen bezeichnen ihren Anfang: KUNO FISCHER, EDUARD ZELLER, OTTO LIEBMANN. Im Jahre 1860 erschienen zwei Darstellungen der kantiscen Philosophie von KUNO FISCHER, "Kants Leben und die Grundlagen seiner Lehre", 3 Vorträge, Mannheim und das Hauptwerk I. "Kant, Entwicklungsgeschichte und System der kritischen Philosophie (ebd.). Beide Werke waren für die Erneuerung der Kenntnis KANTs von großer Bedeutung, zumal K. FISCHER betonte, die kritische Philosophie dürfe nicht ungestraft vernachlässigt werden. Zwei Jahre danach (1862) verlangte ZELLER die Wiederaufnahme erkenntnistheoretischer Forschungen, um eine sichere Grundlage für die Philosophie zu gewinnen (wie dann auch das Wort "Erkenntnistheorie" von ihm herrührt), und zwar forderte er einen Rückgang auf KANT, um durch die wissenschaftlichen Erfahrungen des neuen Jahrhunderts bereichert, die von KANT begangenen Fehler zu vermeiden. 1865 endlich erscheien die Jugendschrift OTTO LIEBMANNs: "Kant und die Epigonen", Stuttgart 1865, die für die Bewegung den entscheidenden Anstoß bedeutete. Jedes Kapitel schloß mit dem Refrain: "Also muß auf Kant zurückgegangen werden!"

Der Entwicklung des systematischen Neukantianismus parallel ging die Entstehung und Entwicklung einer  Kantphilologie.  Ihre Wurzeln sind teilweise in dem allgemeinen historischen Geist der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zu suchen, der sich im selben Maße, wie die ARISTOTELES-Forschung in den Hintergrund rückte, KANT zuzuwenden begann. Hinu kam der Umstand, daß die Schwierigkeiten, die die Werke KANTs dem Verständnis teilweise bieten, insbesondere einander widersprechende Partien, zu ihrer völligen Auflösung eine Aufhellung der historischen Entstehung seiner Schriften voraussetzen. So entstand dann eine historische Kantforschung im größten Maßstab. KANTs Schriften wurden in allen ihren Einzelheiten zu Objekten der Untersuchungen gemacht, auch die Vorgeschichte des Kritizismus, KANTs philosophische Entwicklung wurde durchforscht. Gleichzeitig wurde sein literarischer Nachlaß, soweit er sich erhalten hat, zur Veröffentlichung gebracht (RUDOLF REICKE, BENNO ERDMANN, A. KRAUSE u. a.). Auch den Nachschriften der Vorlesungen KANTs, von denen einige bereits früher veröffentlicht waren, wandte sich die Aufmerksamkeit von neuem zu (M. HEINZE). Ferner erschienen zahlreiche neue Ausgaben der Werke KANTs (BENNO ERDMANN, ADICKES, KEHRBACH u. a.) HANS VAIHINGER unternahm in einem großen wertvollen gründlichen Kommentar zur "Kritik der reinen Vernunft", 2 Bde., Stuttgart 1881 - 92, von dem leider nur 2 Bände (ein Ergänzungsband ist in Aussicht) erschienen, alle bis dahin vorliegenden Diskussionen der kantischen Lehren systematisch zu sammeln und unter scharfsinniger Kritik sachlich aufzuarbeiten. - Ihren Abschluß findet die Materialbearbeitung in der KANT-Ausgabe, die die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften auf Veranlassung DILTHEYs herausgibt, die auch die Briefe KANTs und den Nachlaß in sich begreift. Von letzterem sind bisher 3 starke, von ADICKES bearbeitete Bände erschienen. Eine Ergänzung und ein vorläufiger Ersatz für die aus rechtlichen Gründen in der Akademieausgabe nicht mögliche Veröffentlichung eines Teils von KANTs Nachlaß ist ADICKES' Werk: "Kants Opus postumum", dargestellt und beurteilt, Berlin 1920.

Eine wesentlich Förder hat die KANT-Forschung durch die von HANS VAIHINER 1896 begründet Zeitschrift "Kant-Studien" erfahren (Redaktion: 1904 -1916 BRUNO BAUCH, seitdem MAX FRISCHEISEN-KÖHLER). Seit 1906 erscheinen zahlreiche Sonderhefte. 1904 gründete VAIHINGER ferner die "Kant-Gesellschaft", welche zunächst die finanzielle Fundierung der Kant-Studien zur Aufgabe hatte. Die außerordentliche Entwicklung der Gesellschaft (über 3000 Mitglieder) hat es ihr ermöglicht, ihre Wirkung über das nächstliegende Ziel weit hinaus zu erstrecken. Sie ist auf dem Weg, eine allgemeine Förderin der deutschen Philosophie in großem Maßstab zu werden. Hervorgehoben sei u. a. ihre Veranstaltung von Neudrucken wichtiger, vergriffener philosophischer Werke. Bisher erschienen G. E. SCHULZEs "Aenesidemus", OTTO LIEBMANNs "Kant und die Epigonen", SALOMON MAIMON, "Versuch einer neuen Logik", NICOLAS TETENS, "Philosophische Versuche I. Ferner gibt die Kant-Gesellschaft philosophische Vorträge heraus, veranstaltet Preisausschreiben u. a. Stellvertretender Geschäftsführer ist ARTHUR LIEBERT. Den Versuch einer "Übersetung" KANTs in eine leichter verständliche sprachliche Ausdrucksweise machten EMIL KÜHN, "Kants Prolegomena in sprachlicher Bearbeitung", Gotha 1908 und WILHELM STAPEL, "Kants Kritik der reinen Vernunft", ins Gemeindeutsche übersetzt, Hamburg 1920f.


I. Die physiologische Richtung.

Die älteste und primitivste Form des Neukantianismus ist die physiologische Interpretation des Kritizismus. Sie erblickt in den Ergebnissen der Sinnesphysiologie eine Bestätigung und den wahren Sinn von KANTs Aprioritätslehre. Ihre Vertreter sind HELMHOLTZ und LANGE, der mit der Auffassung des Dings-ansich als bloßen Grenzbegriff gleichzeitig COHEN vorbereitet und an idealistischer Metaphysik in der Form bewußter Gedankendichtung festhält.

HERMANN von HELMHOLTZ, gleich bedeutend als Physiker und Physiologe - er gehörte zu den Begründern der experimentellen Psychologie -, geboren 1821 als Sohn eines Gymnasiallehrers in Potsdam, 1842 Militärarzt in Potsdam, 1849 Professor der Physiologie in Königsberg, 1858 Professor der Physik in Heidelberg, 1871 in Berlin, 1888 Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt; 1894 gestorben in Charlottenburg. "Über das Sehen des Menschen", Vortrag 1855, "Die Lehre von den Tonempfindungen, Braunschweig 1863. "Handbuch der physiologischen Optik", Leipzig 1856 - 66. "Die Tatsachen der Wahrnehmung", Berlin 1879, "Vorträge und Reden", 3. Auflage der populär-wissenschaftlichen Vorträge, Braunschweig 1884. "Schriften zur Erkenntnistheorie" herausgegeben und erläutert von PAUL HERTZ und MORITZ SCHLICK, Berlin 1921, u. a. - Von universaler Denkungsart und ethisch hochstehender Gesinnung, hat HELMHOLTZ zu einer Zeit, als Verachtung aller Philosophie, zumal in der Naturwissenschaft, die Tagesmeinung war, erkenntnistheoretischer Probleme mit höchstem Ernst behandelt, ohne jedoch ein philosophisches System anzustreben. Zur Metaphysik stand er seit frühester Jugend in scharfem Gegensatz, jedoch erkannte er den ethischen Gehalt und die Bedeutung des Idealismus für die Entwicklung der Geisteswissenschaften mit bemerkenswerter Objektivität an. Von drei Seiten sah sich HELMHOLTZ zur Philosophie geführt: durch seine sinnespsychologischen Untersuchungen, durch das Problem der Axiome der Geometrie und durch die Grundvoraussetzungen der Physik. Das Erkenntnisproblem: in welchem Sinne entsprechen unsere Vorstellungen der Wirklichkeit? ist der Punkt, in dem Philosophie und Naturwissenschaft sich nach HELMHOLTZ begegnen. Beide müssen sich auf diese Frage Antwort geben. Die Philosophie, welche die geistige Seite betrachtet, sucht aus unserem Vorstellen auszuscheiden, was aus den Einwirkungen der Körperwelt herrührt, um rein darzustellen, was der eigenen Tätigkeit des Geistes angehört. Die Naturwissenschaft umgekehrt sucht auszuscheiden, was aus dem Geist stammt, um rein übrig zu behalten, was der Welt der Wirklichkeit angehört, deren Gesetze sie sucht. Die Richtung, in der sich das Denken HELMHOLTZ' bewegt, ist durch KANT bestimmt. HELMHOLTZ war der erste Neukantianer. Er begründete im Neukantianismus die  physiologische  Auffassung KANTs. Unsere Empfindungen sind Wirkungen, welhe durch äußere Ursachen in unseren Sinnesorganen hervorgebracht werden. Die Wirkung hängt sowohl vom erregenden Objekt wie vom perzipierenden Sinnesapparat ab. Insbesondere ist der Ort und die Zeit, wo eine Sinnesempfinung auftritt, vom Realen abhängig. Die Empfindung ist ein  Zeichen  des affizierenden Objekts, nicht sein Abbild. Die Beziehungen zwischen beiden beschränken sich darauf, daß das gleiche Objekt, unter gleichen Umständen zur Einwirkung kommend, das gleiche Zeichen hervorruft und daß ungleichen Zeichen immer ungleiche Einwirkungen entsprechen. Diese Tatsache ist von der größten Wichtigkeit, denn sie hat zur Folge, daß die Gesetzmäßigkeit der wirklichen Welt in der Welt der Zeichen sich widerspiegelt. Auch Raum und Zeit kommen nicht den Dingen selbst zu. HELMHOLTZ lehnt es aber ab, die geometrischen Axiome mit KANT für unabhängig von der Erfahrung zu halten. Der Raum könne transzendental sein, aber die Erkennung seiner Gestalt erfolgt empirisch. Für ihren empirischen Charakter macht HELMHOLTZ auch die von ihm behauptete Vorstellbarkeit anderer als euklidischer Gebilde geltend. Wir könnten uns den Anblick einer pseudo-sphärischen Welt ebensogut nach allen Richtungen ausmalen, wie wir ihren Begriff entwickeln können.

Das Kausalgesetz hat HELMHOLTZ in den von ihm selbst herausgegebenen Publikationen als ein a priori gegebenes Gesetz betrachtet; ein Beweis desselben sei nicht möglich, weil schon die ersten Schritte der Erfahrung das Kausalgesetz voraussetzen. Es garantiert auch die Realität der Außenwelt, indem wir von der Empfindung auf eine objektive Ursache ihrer schließen.

Im Nachlaß HELMHOLTZ' haben sich jedoch Aufzeichnungen gefunden, aus denen hervorgeht, daß HELMHOLTZ zuletzt auch die Kausalgesetzlichkeit der Natur als eine bloße Hypothese ansah.

Ähnlich wie HELMHOLTZ lehrt ADOLF FICK, "Versuch über Ursache und Wirkung", Kassel 1882, "Die Welt als Vorstellung", Vortrag, Würzburg 1870, "Philosophischer Versuch über die Wahrscheinlichkeiten", Würzburg 1883, daß ein Verstandesschluß aus den Empfindungen, als innersten Zuständen unserer selbst, die äußeren Dinge konstruiere.

FRIEDRICH ALBERT LANGE, geb. in Wald bei Solingen als Sohn des Theologen J. P. LANGE, mehrfach als Gymnasiallehrer tätig, 1870 Professor der Philosophie in Zürich, 1872 in Marburg, gest. 1875. "Die Grundlagen der mathematischen Psychologie", Duisburg 1865, "Die Arbeiterfrage", Duisburg 1865. "Geschichte des Materialismus", Iserlohn 1866. "Logische Studien" (Beiträge zur Neubegründung der formalen Logik und der Erkenntnistheorie), Iserlohn 1877. Die Erkenntnistheorie LANGEs ist der HELMHOLTZ' sehr ähnlich, seine Bedeutung und Eigenart liegt in seiner Stellung zur Metaphysik. Nur in der theoretischen Philosophie sieht LANGE KANTs unvergängliche Leistung, die praktische sucht er selbst durch eine andere zu ersetzen. "Die Sinnenwelt ist ein Produkt unserer Organisation. Unsere sichtbaren (körperlichen) Organe sind gleich allen anderen Teilen der Erscheinungswelt nur Bilder eines unbekannten Gegenstandes. Die transzendentale Grundlage unserer Organisation bleibt uns ebenso unbekannt wie die Dinge, welche auf sie einwirken. Wir haben stets nur das Produkt von beiden vor uns." Entsprechend seiner Umdeutung der kantischen Erkenntnistheorie ins Physiologische erblickt LANGE in der Physiologie der Sinnesorgane den "entwickelten oder den berichtigten Kantianismus". KANTs System kann gleichsam als ein Programm zu den neueren Entdeckungen auf diesem Gebiet betrachtet werden. KANTs Verdienst ist, daß er Raum und Zeit als subjektiv erkannte und diese Lehre auch auf den Verstand (die Kategorien) ausdehnte. Dieselben sind auf das Ding ansich nicht anwendbar. Auch der Kausalitätsbegriff wurzelt nach LANGE in unserer Organisation und ist der Anlage nach vor jeder Erfahrung. Er hat ebendeshalb auf dem Gebiet der Erfahrung unbeschränkte Gültigkeit, aber jenseits desselben gar keine Bedeutung. Auf psychologischem Gebiet polemisierte LANGE lebhaft gegen den Begriff der Selbstbeobachtung und setzte sich für die neue "naturwissenschaftliche Psychologie" ein. Eine feste Grenze zwischen innerer und äußerer Beobachtung lasse sich überhaupt nicht ziehen. Da LANGE auch das Seelische für bloße Erscheinungen hält, in denen es nichts Festes gibt, sah er sich fortgeführt zur Vertretung einer "Psychologie ohne Seele" (ein Ausdruck, der auf ihn zurückzugehen scheint). Aus diesem Grunde hielt LANGE deshalb in der 1. Ausgabe seiner "Geschichte des Materialismus" die Einwände gegen KANTs Verwendung des Begriffs des Dings ansich für das ganze System erschütternd, später schien ihm die Formulierung desselben als "Grenzbegriff" ein gangbarer Ausweg. "Wir wissen wirklich nicht, ob ein Ding-ansich existiert. Wir wissen nur, daß die konsequente Anwendung unserer Denkgesetze uns auf den Begriff eines völlig problematischen Etwas führt, welches wir als Ursache der Erscheinungen annehmen, sobald wir erkannt haben, daß unsere Welt nur eine Welt der Vorstellung sein kann." Durch diese Betonung der Auffassung des Dinges ansich als Grenzbegriffs bereitete LANGE die Kant-Interpretation COHENs vor.

Auf metaphysischem Gebiet sieht LANGE den Mangel des kantischen Systems darin, daß KANT die intelligible Welt nicht als eine Welt der Dichtung ansehen wollte. Eine solche ist sie in LANGEs Augen, aber dennoch sei sie nicht als ein Spiel talentvoller Willkür anzusehen, sondern "eine notwendige und aus dem innersten Lebenswurzeln der Gattung hervorbrechende Geburt des Geistes, der Quelle alles Hohen und Heiligen". In den Erkenntnissen der Wissenschaft haben wir Bruchstücke der Wahrheit, in den Ideen der Religion und Metaphysik haben wir ein Bild der Wahrheit in ihrer Ganzheit, das aber stets Bild bleibt. Seine Bedeutung liegt in der erhebenden Wirkung, die von ihm ausgeht. Hiermit glaubte LANGE eine befriedigende Lösung des religiösen Problems gegeben zu haben, für die nur zwei Wege möglich seien: entweder völlige Aufgabe und Abschaffung desselben oder ein Eingehen auf ihren Kern, der eben in der bewußten Erhebung über die Wirklichkeit bestehe. LANGEs Eigenart liegt also darin, daß er, obwohl er die Metaphysik ganz wie SOPHIE GERMAIN lediglich für Dichtung ansieht, sie dennoch für fähig hält, auch als solche eine tiefe, der Religiosität ähnliche Wirkung auf den Menschen auszuüben. Metaphysik als Wissenschaft hält LANGE in jeder Form für unmöglich. Wird sie als solche versucht, so werde "auch der Materialismus immer wieder hervortreten und die kühneren Spekulationen zerstören, indem er dem Einheitstrieb der Vernunft mit einem Minimum von Erhebung über das Wirkliche und Beweisbare zu entsprechen sucht". - Auch auf sozialphilosophischem Gebiet war LANGE lebhaft tätig, im Sinne eines besonnenen Kathedersozialismus.

Gewirkt hat LANGE besonders auf VAIHINGER. In der Metaphysik ist ihm verwandt auch ADICKES.

Ferner sind hier hier zu nennen der Physiologe C. ROKITANSIK, A. CLASSEN, "Physiologie des Gesichtssinns", zum erstenmal begründet auf "Kants Theorie der Erfahrung", Braunschweig 1877. "Wie orientieren wir uns im Raum durch den Gesichtssinn?" Jena 1879. J. STILLING, "Psychologie der Gesichtsvorstellungen nach Kants Theorie der Erfahrung", Berlin 1901. "Schätzung der kantischen Philosophie" zeigen auch die Arbeiten des Physikers HEINRICH HERTZ (1857-94, Schüler von HELMHOLTZ, zuletzt Professor in Bonn). "Die Prinzipien der Mechanik". Vom 1. Buch derselben bemerkt er geradezu, daß es nicht auf Erfahrung, sondern ganz auf Sätzen der inneren Anschauung und den Formen des Denkens beruhe. Wir machen uns nach HERTZ Symbole oder Scheinbilder der äußeren Gegenstände, uns zwar derart, daß die denknotwendigen Folgen der abgebildeten Gegenstände, woraus hervorgehe, daß eine gewisse Übereinstimmung zwischen der Natur und unserem Geist vorhanden sein müsse. Die Begriffe dürfen, um richtig zu sein, freilich der Erfahrung nicht widersprechen.

Zu einem Neukantianismus im Sinne eines kritischen Empirismus bekannte sich zunächst auch FRITZ SCHULTZE, von DARWIN beeinflußt, um die Psychologie der primitiven Völker verdient (1846 - 1908, Professor an der Technischen Hochschule in Dresden). "Der Fetischismus", Leipzig 1871. "Philosophie der Naturwissenschaft", 2 Bde., Leipzig 1881f. "Vergleichende Seelenkunde I", Leipzig 1894. "Psychologie der Naturvölker", Leipzig 1900. SCHULTZE suchte den Kritizismus mit der Biologie zu verbinden. Das Apriori wird von ihm als angeborene Funktion verstanden. Der Kritizismus söhnt die Gegensätze zwischen Wissenschaft, Religion und Ethik aus. Später ist SCHULTZE über den Kritizismus zu einer dualistischen Metaphysik fortgeschritte.

Eine biologisch-psychologische Deutung des Apriori vertritt auch JULIUS SCHULTZ (geboren 1862 in Göttingen, Gymnasialprofessor in Berlin). "Psychologie der Axiome", Göttingen 1899. "Bilder von der Materie", Göttingen 1905. "Die drei Welten der Erkenntnistheorie", Göttingen 1907. SCHULTZ leitet die Allgemeingültigkeit der Grundsätze und des Denkens aus vererbten Assoziationsgewöhnungen her. Die Kategorien entwickeln sich in der Erscheinungswelt. SCHULTZ unterscheidet drei Welten: 1. die gesäuberte Sinneswelt des Forschers, 2. die daraus konstruierte mechanische Welt der Atome, 3. die Welt als "das Erlebnis des Erlebens selber, der psychische Augenblick, der Inhalt jedes Moments" (siehe auch unten). "Der Grundfaktor der Biologie", Berlin 1920. "Die Philosophie am Scheidewege", Leipzig 1922. "Leib und Seele", Berlin 1922. - ALFRED DIPPE, "Naturphilosophie", München 1907.


II. Die metaphysische Richtung

Sie wird vertreten durch OTTO LIEBMANN (1840 - 1912). Auf einen das Ding-ansich eliminierenden Standpunkt zustrebend, hat er doch die realistische und psychophysische Kantinterpretation nicht völlig ausgeschieden. Er hält eine kritische Metaphysik für möglich. Die gleiche Überzeugung vertritt auch VOLKELT, der ohne Einschränkung dem Realismus huldigt. VOLKELT ist in der Ästhetik von großer Bedeutung.

Die Möglichkeit der Metaphysik als empirisch-hypothetischer Erkenntnis der Dinge ansich hat schon EDUARD ZELLER vertreten, geb. 1814 in Kleinbottwar, nördl. von Stuttgart, nacheinander Professor in Bern, Marburg, Heidelberg, Berlin (seit 1872), 1895 erimiert, 1908 gest. in Stuttgart, der, ausgegangen von der Theologie, vornehmlich als  Historiker  der Philosophie, besonders der griechischen, hervorragt. Er gehörte mit zu denen, die den Rückgang auf KANT forderten und die erkenntnistheoretische Wendung der Philosophie hervorriefen, wie denn auch der Name Erkenntnistheorie auf ihn zurückgehen soll, was mir freilich nicht als sicher erscheint. (Das Wort wurde schon 1847 von I. H. FICHTE verwandt "Grundsätze für die Philosophie der Zukunft", Stuttgart 1847, Seite 21). Näheres über ihn in früheren Auflagen dieses Grundrisses. "Über Bedeutung und Aufgabe der Erkenntnistheorie", Heidelberg 1862. "Über Metaphysik als Erfahrungswissenschaft", Archiv für systematische Philosophie, Bd. 1, 1895 u. a. Vorträge und Abhandlungen, Leipzig 1865.

OTTO LIEBMANN, geb. in 1840 in Löwenberg in Schlesien, 1872 außerordentlicher Professor in Straßburg, 1882 ordentlicher Professor in Jena, daselbst gest. 1912, verband mit philosophischem Problembewußtsein und dichterischer Empfänglichkeit für die Weltphänomene gründliche Kenntnis der Naturwissenschaften, ohne doch von dem in ihnen herrschenden Naturalismus infiziert zu werden. Seine aus selbständigen Abhandlungen aufgebauten Werke nehmen literarisch einen bedeutenden Rang in der deutschen philosophischen Literatur ein. In seiner ohne große Standpunktsänderungen verlaufenen Entwicklung lassen sich drei Abschnitte unterscheiden: 1. Entwicklungszeit bis 1876. 2. Höhepunkt: "Analyse der Wirklichkeit" 3. Ausbildung des darin vertretenen Standpunkts in "Gedanken und Tatsachen".

Auch LIEBMANN begann noch mit einem Kampf gegen die spekulativen Systeme. In seiner Erstlingsschrift (1865) wollte er ihre Unhaltbarkeit dartun durch den Nachweis, daß sie sich sämtlich des Begriffs vom Ding ansich bedienen, in dem LIEBMANN den Hauptfehler KANTs erblickt. LIEBMANN hat, obwohl nach HELMHOLTZ zeitlich der erste unter den Neukantianern, somit doch bereits sublimere spätere Kantinterpretationen vorausgeahnt, wenn ich auch die Elimination des Dings ansich nie gelungen ist. Nach der von ihm im "Objektiven Anblick" gegebenen und später festgehaltenen Konstruktion stehen hinter der Welt wie unserem Leib noch unbekannte Größen, aus deren Wechselverhältnis die Erscheinungen entstehen. "Es ist die Relation zwischen einem Unbekannten (Y) und einem anderen, gleichfalls Unbekannten (X), wobei letzteres uns als unser Leib erscheint, woraus in unserem Bewußtsein tatsächlich jene sensiblen Qualitäten entstehen, die unser Verstand nach a priori gegebenen Gesetzen in die wahrnehmbare Natur, das Phänomen der materiellen Außenwelt, umwandelt." Jene Relation zwischen  X  und  Y  nennt LIEBMANN "den transzendenten Faktor der Anschauung". Trotz LIEBMANNs entgegengesetzter Behauptung sind  Y  und  X  offenbar dem "Ding ansich" nahe verwandt. Ebenso hat LIEBMANNs KANT-Auffassung die physiologische und vor allem die  psychologische  Deutung nicht völlig ausgeschieden; sie steht somit dem historischen KANT noch recht nahe. Auch darin weicht LIEBMANN von anderen Neukantianern ab, daß er eine deutliche Tendenz zur  Metaphysik  zeigt, wie er auch überhaupt in der Weite der Auffassung von den Aufgaben der Philosophie dem Idealismus verwandt genannt werden kann. Erkenntnistheorie ist für LIEBMANN nur der erste Teil der Philosophie, über ihn erheben sich noch zwei andere: Naturphilosophie und Psychologie einerseits, Ethik und Ästhetik andererseits, jenes Theorien des Seins, diese dessen, was sein  soll Während die Physik das einzelne Geschehen aus Gesetzen, womöglich mathematisch, deduziert, wäre die Aufgabe der Metaphysik, zu sagen, warum dies und das überhaupt irgendwo und irgendwann geschieht. LIEBMANN hält sie als "kritische Metaphysik", d. h. in der Form  hypothetischer  Aufstellungen über das Wesen der Dinge, für realisierbar ("Gedanken und Tatsachen", Bd. 1, Seite VII; Bd. 2, Seite 163). Die große Leistung KANTs fand LIEBMANN schon früh im Nachweis der Abhängigkeit der Objekte vom  Subjekt.  Der Kerngedanke der kritischen Weltauffassung besteht in der Einsicht, daß der Mensch alles nur im Medium des menschlichen Bewußtseins erkennt, daß mithin auch alle Philosophie, wie alle Wissenschaft, sich immer nur innerhalb der Sphäre menschlicher Gedanken und menschlicher Vorstellungen bewegen kann und diese Sphäre niemals und unter keinen Umständen zu überschreiten vermag. Nicht etwa die Welt, sondern unser Bewußtsein ist die Urtatsache. Was bei einer Aufhebung des Bewußtseins übrigbleiben würde, ist ein völlig unbekanntes, unfaßbares Etwas oder Nichts, absolute Finsternis. In der Auffassung des Subjekts schwankt LIEBMANN zwischen seiner Deutung als individuelles Ich und der Annahme eines überindividuellen transzendentalen Ich. Den tiefsten Wahrheitsgehalt der Vernunftkritik findet er darin, daß die höchsten Intellektualgesetze ebensosehr für den Erkenntnisakt des Subjekts wie das erkennbare Objekt (d. h. die phänomenale Welt) gelten im nämlichen Sinn, wie die im Auge herrschenden dioptrischen Gesetze für den Sehakt, wie die optische Beschaffenheit der gesehenen Außenwelt maßgebend sind. - Die Fundamentalvoraussetzung aller Realwissenschaften ist der Grundsatz der Kausalität: an die gleiche Ursache  a  ist stets die gleiche Wirkung  b  geknüpft. Jeder Naturvorgang stellt sich dann dar als ein logischer Schluß, indem das Naturgesetz den Obersatz , der gegenwärtige Zustand des Objekts den Untersatz, der Naturvorgang den Folgesatz bildet. Es ist sogar möglich, viele spezielle Naturgesetze auf einige allgemeine zurückzuführen. Das nennt LIEBMANN  Logik der Tatsachen.  Alle Naturforschung hat aber stets den Vorbehalt zu machen: "vorausgesetzt die Realität der empirischen Natur, vorausgesetzt also eine Intelligenz, in welcher nach gleichen Intellektualgesetzen das gleiche Bild der Welt entsteht wie in mir" ("Analysis der Wirklichkeit", Seite 268f). Die allgemeinsten Sätze der Physik wie die von der Erhaltung der Substanz und der Konstanz der Energiemenge wurden von LIEBMANN nicht als apriorische Sätze angesehen, auch nicht als experimentell erwiesen. - In der Logik vertritt LIEBMANN bereits einen recht modernen antipsychologistischen Standpunkt, in der  Wertphilosophie der Ästhetik wie der Ethik bekennt er sich dagegen zu einem stark relativistisch gefärbten Standpunk. "Nichts ist ansich weder gut noch böse, weder schön noch häßlich. Die Gedanken und Empfindungen der Menschen machen es erst dazu; und es gibt in objektiver Beziehung nichts absolut Wertvolles" ("Analysis der Wirklichkeit", Seite 581). Völlig fremd sind freilich auch LIEBMANNs absolute Tendenzen in der Wertlehre nicht, die vorhandenen Widersprüche sind bei ihm hier wie anderswo ein Symptom für die tiefe Art, mit der er die Probleme durchdacht hat.

Eine  kritische Metaphysik  hält auch JOHANNES VOLKELT für möglich ( geb. 1848 in Lipnik, Galizien, seit 1894 Professor in Leipzig, 1921 emeritiert), der, zuerst von HEGEL ausgegangen, dann auch beeinfluußt von SCHOPENHAUER und EDUARD von HARTMANN, die objektivste, äußerst scharfsinnige Analyse der verschiedenen Tendenzen gegeben hat, die sich in KANTs Erkenntnistheorie kreuzten. VOLKELT unterscheidet selbst zwei Arten von Gewißheit. Die erste ist die der reinen Erfahrung, der Selbstgewißheit des Bewußtseins, des Innenseins der unmittelbaren Bewußtseinstatsachen, wozu VOLKELT auch die Erinnerungsgewißheit rechnet. Diese reine Erfahrung ist nur ein jedes leitenden Fadens entbehrender Wirrwarr zusammengeworfener flüchtiger Bewußtseinsinhalte. Ergänzend tritt ihr zur Seite die zweite Gewißheit, das "Bewußtsein der Denknotwendigkeit". Erst die dem Denken eigentümlichen, nicht durch die Erfahrung gegebenen Funktionen machen aus den bloßen Bewußtseinsinhalten die wissenschaftliche Erfahrung, indem die unempirischen und darum apriorischen Begriffe  Notwendigkeit, Allgemeinheit, Kontinuität, Kausalität, Gesetzmäßigkeit  durch das  Denken  hinzupostuliert werden. Eine Überschreitung der Erfahrung ist ganz unvermeidlich. Das unvermeidliche Minimum nennt VOLKELT "das transsubjektive Minimum". Es besteht in den Annahmen 1. fremder Bewußtseins, 2. kontinuierlichen Bestehens transsubjektiver Wesenheiten, 3. ihrer gesetzmäßigen Verknüpfung, 4. der Einzigkeit der den Sinneswahrnehmungen der verschiedenen Personen entsprechenden transzendenten Welt. Mit der Anerkennung der transsubjektiven Gültigkeit der Denknotwendigkeit ist zugleich die Metaphysik als eine notwendige und innerhalb gewisser Grenzen realisierbare Wissenschaft anerkannt. VOLKELT hält aber die Metaphysik nicht für beschränkt auf dieses Minimum von Hypothesen, sondern wir werden von den positiven Wissenschaften selbst und mit logischer Notwendigkeit zu einer Erörterung der abschließenden Probleme gedrängt. Jenseits der rein wissenschaftlichen Philosophie liegt das Feld der "Lebensphilosophie", denn das Leben kann bei den bloßen hypothetischen Möglichkeiten, die die Wissenschaft eröffnet, nicht stehen bleiben, sondern verlangt Gewißheit. Freilich ist seine Gewißheit nur von intuitivem Charakter, d. h. Glaube, der der Wissenschaft genügt. Auf der anderen Seite drängt aber auch das Leben und die Religiosität, welche VOLKELT als Einheitsbewußtsein mit dem Weltgrund auffaßt, nach gedanklicher Klärung, so daß Metaphysik und Religion zusammengehören. VOLKELT selbst lehrt eine Religion bzw. Metaphysik des absoluten Geistes, die an den späteren FICHTE und HEGEL anknüpft.

In seinem vorletzten Werk "Gewißheit und Wahrheit" gibt VOLKELT seiner Erkenntnistheorie einen reifen Abschluß und setzt sie zu den neueren Bestrebungen von NATORP, WINDELBAND, RICKERT, LASK, HUSSERL, von MEISSNER, VAIHINGER, MACH und vieler anderer durch eine eingehende, lehrreiche Diskussion in Beziehung. Er bezeichnet seinen Standpunkt als "subjektivistischen Transsubjektivismus". Wir können der Wahrheit nur in der Form der Gewißheit zur Selbstgegebenheit bringen. Alle Erkenntnistheorie ist Selbstbesinnung auf die Bedeutung des theoretischen Geistes. VOLKELT erkennt jetzt neben den beiden Gewißheitsformen der reinen Erfahrung und der Denknotwendigkeit nocht die "intuitive Gewißheit" an, die in einem "unmittelbaren Gewißsein eines Transsubjektiven" besteht. Sie ist eine eigenartige, auf keine andere zurückführbare Gewißheitsweise und überlogischer Natur. Wir werden durch sie der Realität der Außenwelt wie unseres eigenen Lebens, ja vielleicht auch der Realität anderer psychischer Personen gewiß, so daß diese Fakta über die Stufe des denknotwendig Geforderten erhoben werden. VOLKELT steht in einem Gegensatz zum Neukantianismus, der eine Kritik der Naturwissenschaft und Mathematik verbietet ("transzendentale Voraussetzung"), er fordert vielmehr eine Voraussetzungslosigkeit der Erkenntnistheorie. Die Erkenntnistheorie hat mit einer Besinnung über die Gewißheitsquellen zu beginnen, vermöge deren wir auf Erkennen Anspruch erheben. Den Ausgangspukt bildet dann die vorlogische, intrasubjekte psychologische Selbstgewißheit des Bewußtseins (vgl. DRIESCH). VOLKELT nimmt auch für die Erinnerung Evidenz in Anspruch. Das Verhältnis der Erkenntnistheorie zur Psychologie beurteilt VOLKELT nicht in ganz so negativer Weise, wie es aus Furcht vor Psychologismus sonst gegenwärtig geschieht, den auch er ablehnt. Alles Transsubjektive, die Natur und die fremden Iche, bleibt für die reine Erfahrung jedoch ein Fragliches. Zu seiner Annahme werden wir durch die Zusammenhangslosigkeit der reinen Erfahrung veranlaßt. Die Schritte des Denkens werden nicht durch das Gesetz der Identität oder des Widerspruchs, sondern durch das "Zusammenhangsgesetz" bestimmt. "Sobald uns ein Zusammenhang einleuchtet, hat sich uns ebendamit ein "Transsubjektives" enthüllt. Wahrheit ist gleichbedeutend mit einer Gültigkeit des Denknotwendigen. Diese wird von VOLKELT im Sinne der "Abbildtheorie" bestimmt, die er gegen neuere unberechtigte Vorwürfe seitens des Neukantianismus in Schutz nimmt. Ein Gelten gibt es nach VOLKELT nur innerhalb eines denkenden Bewußtseins und es hat zur Voraussetzung, daß ein Sein da ist, in dem es verwirklicht ist. Die von der phänomenologischen Bewegung behauptete intuitive Gewißheit scheint VOLKELT lediglich auf einem Mißverstehen und einer Übersteigerung der "Selbstgewißheit des Bewußtseins" zu beruhen. Diese gibt nur eine Erfahrungsgewißheit des Zusammenseins von Stärke, Höhe und Klangfarbe im Ton, die Bindung dieses Gesamtinhaltes zu einem Wesenszusammenhang ist dagegen erschlossen, die Phänomenologie biete in Wahrheit nichts als eine gewöhnliche empirisch-psychologische Analyse.

In seiner neuesten Schrift "Die Gefühlsgewißheit" untersucht VOLKELT die intuitive Gewißheit näher und prüft dann die verschiedenen Arten sogenannter Gefühlsgewißheit. Als ein ureigenes Phänomen dieser Art ist lediglich die emotionale Wertgewißheit anzuerkennen.

Besondere Verdienste hat sich VOLKELT auf dem Gebiet der  Ästhetik  erworben. Er unternimmt eine umfassende Synthese des modernen psychologisch-analytischen Verfahrens, das auch für ihn die Hauptmethode darstellt, mit der Gedankenbildung der spekulativen deutschen Ästhetik (SCHILLER, HEGEL, FR. TH. VISCHER); die transzendentale Ästhetik der Gegenwart, wie sie sich in der Marburger und Badischen Schule entwickelt hat, wird von ihm in eingehender Diskussion abgelehnt. Einmünden läßt VOLKELT die Ästhetik zuletzt in geistvoller Weise in die  Metaphysik,  nicht ohne teilweise Berührung mit der Ästhetik des spekulativen Theismus (WEISSE), der sonst in der Gegenwart meist tief unterschätzt wird. Die Grundlage allen Seins bildet der absolute Wert. Die Werte, in denen er sich innerhalb der menschlichen Welt verwirklicht, sind die vier Werte des wissenschaftlichen Erkennens, des sittlichen Wollens, des religiösen Fühlens, des ästhetischen Schauens. Am meisten verwandt mit dem absoluten Wert ist die Liebe. Er ist vielleicht ein sich verwirklichender unendlicher Liebesdrang. Die Übereinstimmung der Natur mit den Bedingungen des ästhetischen Genießens (das Naturschöne) ist zu erklären aus der aus dem Absoluten stammenden Weltharmonie.

Auf einem realistischen Standpunkt steht ferner, da die äußeren Erfahrungen als Vorstellungen einer Erklärung durch einen außerbewußten Gegenstand bedürfen, und ist der Metaphysik nicht abgeneigt: Dr. OTTO SCHNEIDER (ein Schweizer, lebt in Luzern), "Grundriß zu Vorlesungen über mein System der Philosophie", Luzern 1915. "Welt und Wirken", Zürich 1915. "Grundzüge einer Philosophie der Musik", Frauenfeld 1915. Durch eine neue Methode, die er "zentrifugal-zentripedal" nennt, glaubt SCHNYDER ein neues philosophisches System mit völlig neuen Ergebnissen errichtet zu haben. Der theoretischen und der praktischen Philosophie habe er eine dritte, die theoretisch-praktische Philosophie hinzugefügt, "die eine Universalkritik des Begebenen durch das Aufgegebene enthält." Er bezeichnet seinen Standpunkt als "Positivismus in immanenter Beziehung, Agnostizismus in transzendentaler Beziehung und Mystizismus in transzendenter Beziehung." Es ist ein "ethischer und ästhetischer Idealismus und Universalismus", eine Synthese von Pessimismus und Optimismus. Das außerbewußte Etwas hinter den Erfahrungen ist für das strenge Wissen unbekannt, aber wir können und dürfen es mit metaphysischen Phantasien umkleiden. Auch das Schlußwort der religiösen Kritik lautet lediglich: Keine Gewißheit. Aber nicht: Völlige Ungewißheit. Von den unsicheren Spekulationen über die Unsterblichkeit der Seele jedoch wendet sich SCHNYDER der gegebenen Welt und ihren Aufgaben zu. Die ethisch ideale Forderung lautet: "Bejahe die Welt und gestalte sie der Idee gemäß, in dir selbst und in anderen."

In wesentlichen Punkten sich an KANT anschließend, hält Metaphysik in erheblichem Umfang ebenfalls für möglich FRANZ EBERHARDT (geb 1864, Professor in Rostock), "Kritik an der kantischen Antinomienlehre", Leipzig 1888. "Mechanismus und Teleologie", Leipzig 1890. "Der Satz vom Grund als Prinzip des Schließens", Leipzig 1891. "Metaphysik", Bd. 1 (Erkenntnistheorie), Leipzig 1894. Zwar ist die Idealität von Raum und Zeit anzuerkennen, aber mit der Idealität der letzteren ist die notwendig anzunehmende Realität der seelischen Prozesse zu vereinigen. Die Kategorienlehre KANTs verwirft EBERHARDT; betreffs der Substantialität und des Kausalprinzips nimmt er eine Art Mittelstellung zwischen Empirismus und Apriorismus ein: das letztere beziehe sich gerade auf die Dinge ansich und nicht auf Erscheinungen und führe zur Erkenntnis der Dinge-ansich. Die absolut reale Welt muß als ein System immaterialer Kräfte, unräumlicher Elemente, angesehen werden. Die Metaphysik hat von der Erfahrung auszugehen, darf sie aber ebenso wie andere Wissenschaften überschreiten.

In der Lösung des Konflikts von Wissen und Glauben zugunsten einer Rehabilitierung des letzten als praktischer Überzeugung, die dort einsetzt, wo das Wissen zuende ist, erblickte das kulturelle Hauptverdienst KANTs FRIEDRICH PAULSEN, der in seinem Buch über KANT zu zeigen versuchte, daß derselbe nicht Agnostizist, sondern ganz und gar Metaphysiker ist, eine Auffassung, die zahlreiche Entgegnungen hervorrief, so LUDWIG GOLDSCHMIDT, "Kantkritik oder Kantstudium?", Gotha 1901. GOLDSCHMIDT, (geb. 1853, Mathematiker der Lebensversicherung in Gotha) widerspricht aller Weiterbildung KANTs und fordert die Annahme seiner von ihm in älterer Form interpretierten Philosophie bis ins einzelne. Einen strengen Anschluß an KANT huldigen der Kanthistoriker EMIL ARNOLDT (1828 - 1905, lebte in Königsberg) und AXEL WERNICKE (Professor in Braunschweig), "Kant und kein Ende?", Braunschweig 1894.

Genannt sei an dieser Stelle ferner der taube und blinde Dichter LANDESMANN (HIERONYMUS LORM, geb. 1821 in Nikolsburg, gest. 1902 in Brünn). Er erblickt in der "Kritik der reinen Vernunft" wegen ihrer Lehre von der Unerkennbarkeit des Dings ansich "die Begründung des wissenschaftlichen Pessimismus", daß die Fragen nach dem Ursprung und Zweck des Daseins unlösbar sind. LANDESMANN vertritt diesem Verstandesergebnis gegenüber einen freudigen "grundlosen Optimismus", da die Fragen nach dem Ursprung und Zweck des Daseins unlösbar sind. LANDESMANN vertritt diesem Verstandesergebnis gegenüber einen freudigen "grundlosen Optimismus", daß dem Endlichen ein Unendliches, wenn auch nur als Sehnsucht, gegenübersteht.


III. Die realistische Richtung

In durchaus positivistischem Geist alle Metaphysik als rein subjektives Gebilde ablehnend erachtet ALOIS RIEHL Philosophie als Wissenschaft nur als Theorie der Erkenntnis möglich und hat sich selbst die Erkenntnistheorie der exakten Wissenschaften zur Aufgabe gemacht. Er hält an der realistischen Interpretation KANTs und der Annahme von Dingen ansich fest, betont aber die Bedeutung der Mitwirkung des Denkens an aller Erkenntnis. Objektive Geltung haben allein die arithmetischen Verhältnisse der Erscheinungswelt. Neben der Erkenntnislehre ist von RIEHL in steigendem Maße die Bedeutung der Philosophie als überwissenschaftlichen, Wertideale schaffenden Kulturfaktors anerkannt worden. - Positivistische Elemente weist auch KOPPELMANN auf.

ALOIS RIEHL, geb. 1844 in Bozen, zunächst als Lehrer am Gymnasium in Klagenfurt tätig, 1877 außerordentlicher, 1878 ordentlicher Professor in Graz, 1882 nach Freiburg berufen, 1895 Kiel, 1898 Halle, 1905 Berlin, jetzt emeritiert, betont die realistischen und antimetaphysischen Momente des kantischen Systems. Er ist früher oft als Positivist bezeichnet worden. Diese Auffassung ist unhaltbar. Vom Positivismus unterscheidet ihn schon seine Anerkennung der Apriorität mancher Grundsätze der Physik. Ein gewisser positivistischer Zug ist RIEHL freilich zueigen, insofern er die starke gefühlsmäßige Abneigung des Positivismus gegen alle Metaphysik teilt und die Ersetzung dieser durch die positiven Wissenschaften fordert. Was der Philosophie von den anderen Wissenschaften allein als Aufgabe noch übrig gelassen ist, ist, seitdem KANT alle Metaphysik als unmöglich erwiesen hat, nur noch die Theorie und Selbstkritik der Erkenntnis selbst. Nur als  Erkenntnistheorie  ist wissenschaftliche Philosophie möglich, alle übrige ist unwissenschaftlich. RIEHLs eigene Hauptleistung ist die Theorie der  naturwissenschaftlichen  Erkenntnis. Die Erkenntnistheorie hat nicht bloß die Methoden der Erkenntnis zu beschreiben, sondern zu sagen, unter welchen Voraussetzungen dieselbe reale Bedeutung hat. Diese Untersuchung der Gültigkeit des Erkennens ist mit er nach ihrer psychologischen Entstehung identisch. - Trotz der Abneigung gegen metaphysische Spekulation im allgemeinen nimmt RIEHL seine erkenntnistheoretische Stellung doch auf seiten des  Realismus,  und zwar sieht er auch die seelischen Vorgänge, weil in der Zeit verlaufend, als bloße Phänomene eines transzendenten Realen an. Das Ding-ansich erscheint RIEHL als ein unaufhebbarer Bestandteil des Kritizismus von durchaus wesentlicher Natur. Jede andere Auffassung als die realistische mache das Erkennen zu einem bloßen Spiel des Geistes. Die Gewähr für die Realität der Außenwelt liegt schon in jeder Empfindung, da sie die Beziehung auf etwas außer ihr in sich schließt. "Die durch die Empfindungen betätigten Innervationsgefühle bilden die einzige Basis unserer Überzeugung von der Wirklichkeit der Dinge, und es ist erlaubt zu sagen, physiologisch betrachtet entstehe der Glaube aus dem Zusammenwirken von Empfindung und Innervationsgefühl ("Kritizismus", Bd. 2, Seite 45). Auch das Dasein der Mitmenschen wird nicht bloß gefolgert. Der Glaube daran beruth einmal auf einem instinktiven Sichhineinversetzen in sie, und sodann bilden die altruistischen Gefüle einen Beweis für die Existenz der Mitmenschen. RIEHL erachtet diesen  sozialen Beweis  der Realität der Außenwelt für noch erheblicher als den aus der Empfindung ("Kritizismus", Bd. 2, Seite 169f). Ähnlich wie HELMHOLTZ bezeichnet RIEHL die Empfindungen als Zeichen, nicht Abbilder der Dinge (Bd. 2, Seite 50). JOHANNES MÜLLER und HELMHOLTZ' Lehre von der spezifischen Qualität der Sinnesempfindungen teilt er jedoch nicht. Lediglich der arithmetische und der logische Teil der Raumanschauung haben reale Bedeutung. Die Dinge, deren Erscheinungen unsere räumlicen Wahrnehmungen sind, koexistieren derart, daß sie eine dreifach ausgedehnte Mannigfaltigkeit bilden, in welcher hinsichtlich der Beziehung von Element zu Element die einfachsten Verbindungsgesetze gelten (Bd. 2, Seite 182). In seiner qualitativen Beschaffenheit ist uns das Reale gänzlich unbekannt, wir wissen nur, daß es da ist und uns affiziert. Es steht in gleicher Weise hinter den Empfindungen wie auch dem inneren seelischen Leben, das RIEHL, weil in der Zeitform verlaufend, auch nur als Erscheinung ansieht. Wegen dieser gleichmäßigen Bedingtheit der körperlichen wie der geistigen Erscheinungswelt durch die Dinge ansich nennt RIEHL seinen Standpunkt  Monismus. 

Die Empfindungen sind das einzige, was dem Erkennen materielle Gewißheit gibt, die Denkgesetze geben nur formale. Es gibt darum zuletzt keine Erkenntnis, die nicht durch Empfindungen verifiziert werden müßte, abgesehen von der Mathematik, wo Sache und Begriff dasselbe sind; aber schon der Satz, daß der Raum drei Dimensionen hat, ist ein Erfahrungsaxiom (Bd. 2, Seite 173). Die Empfindungen allein geben aber keine Erkenntnis. Erst das Hinzutreten des Verstandes macht aus den Wahrnehmungen  Erfahrung.  Erfahrung ist beurteilte, verstandene Wahrnehmung. Unser Denken nimmt einen weiter reichenden Zusammenhang unter den Gegenständen an, als die Substanz, die wir in den Dingen, und der Kausalzusammenhang, den wir zwischen ihnen annehmen, werden beide nicht wahrgenommen, sondern nur gedacht. Die Verarbeitung der einfachen Wahrnehmungen (Empfindungen) erfolgt in der Sozialität. "Die Erfahrung ist ein sozialer, kein individualpsychologischer Begriff" (Bd. 2, Seite 64). Lebhaft polemisiert RIEHL gegen die Erdichtung eines menschlichen Gattungsbewußtseins, das noch außer uns über dem Bewußtsein der einzelnen Menschen bestehen soll (Bd. 2, Seite 162f). Das transzendente, gemeinschaftliche Bewußtsein ist nichts weiter als das "intellektuelle Koordinatensystem, auf das ich alle Erkenntnis bezogen denke", es ist ein bloßer Gedanke. Überall wird das Erkennen von gewissen allgemeinen Überzeugungen geleitet, die aus dem reinen Verstand stammen und deshalb bereits den Griechen bekannt waren. Dahin gehören die Sätze von der Erhaltung des Stoffs und der durchgängigen Kausaliät allen Geschehens. Die Leistung KANT ist, daß er gezeigt hat, wie diese Verstandessätze a priori und gleichwohl objektiv gültig sein können und müssen. Der Beweis für ihre objektive Gültigkeit liegt darin, daß ohne sie überhaupt Erfahrung nicht möglich ist. "Apriorität bedeutet kein chronologisches, sondern ein logisches Verhältnis unter Begriffen" (Bd. 2/2, Seite 76). Die logischen Kategorien gehen der Erfahrung nicht voraus, sondern konstituieren dieselbe. Dem Empiriokritizismus nähert sich RIEHL in der Auffassung des Ich. Der Gegensatz von Subjekt und Objekt, Ich und Nicht-Ich ist ihm kein ursprünglicher. Das ursprüngliche Bewußtsein ist noch indifferent (Bd. II, Seite 65f). Der Gegenstand der Forschung ist nach RIEHL stets das Allgemeine, sie such nach Klassen und Gesetzen. Nur die historischen Wissenschaften nehmen eine Sonderstellung ein, aber gegen WINDELBAND und RICKERT betont RIEHL, daß auch sie nach Kausalbeziehungen suchen. Ohne dieselben wären sie nur "Geschichtskunde", nicht Geschichtswissenschaft. Es gibt keine wirklich ideographischen Wissenschaften. Die Erklärungsweise der Historie ist aber nicht die mechanische. Diese ist nicht die einzige, unser Erkenntnisbedürfnis befriedigende (Bd. 2/2, Seite 356). Die  teleologische  Erklärung verwirft RIEHL noch entschiedener als KANT. Das  psychophysische Problem  löst RIEHL in einer für seine streng positive Denkart charakteristische Weise im Sinne eines  partiellen Parallelismus.  Der Panpsychismus ist reine Spekulation, ja "Fetischglauben" (Bd. 2/2, Seite 192f). Nur bestimmte organische Prozesse sind von den Bewußtseinsvorgängen begleitet. Zahlreiche physikalische, insbesondere aber chemische Erfahrungen machen die atomistische Struktur der materiellen Wirklichkeit zweifellos. - Die "Philosophie der Gegenwart" weist gegenüber dem "Philosophischen Kritizismus" einzelne erkenntnistheoretische Anschauungsänderungen auf, so z. B. in Bezug auf den Glauben an die Realität der Außenwelt, der jetzt von RIEHL nicht mehr aus der Empfindung abgeleitet zu werden scheint.

Wenn RIEHL so auch die wissenschaftliche Philosophie auf die Bearbeitung erkenntnistheoretischer Probleme beschränkt, so erkennt er doch an, daß damit der "Weltbegriff" der Philosophie noch nicht getroffen ist. Er schafft ihm Raum als praktischer "Weisheitslehre" (und zwar bereits im "Kritizismus" Bd. 2/2, Seite 20f). Zwar kann die Metaphysik nicht wieder Philosophie werden, aber es bleibt noch das Problem der  positiven Wertgebung  (näher behandelt in der "Philosophie der Gegenwart"). Als reine Wissenschaft ist die Philosophie gleichgültig gegen alle Werte, sie beschreibt das Wertleben der Menschen, aber sie fällt nicht selbst Werturteile. Aber auch die positive Wertgebung ist des Philosophen nicht unwürdig. SOKRATES und NIETZSCHE, die im Philosophen den Lehrmeister der Kultur erblickten, sind vorbildlich Typen dieser Art des Philosophierens. Auch sie ist Erkennen, denn es gibt nach RIEHLs Überzeugung absolute Werte; aber sie ist nicht reines Erkennen, denn nur durch einen schöpferischen Prozeß treten die Werte ins Bewußtsein. Werte entdecken heißt zugleich Werte erleben, Werte in sich neu erschaffen. Aus diesem Grund ist Wertphilosophie nicht mehr reine Wissenschaft, sie ist mehr, etwas anderes als Wissenschaft: die Kunst der Geistesführung.

Ein Schüler von RIEHL ist RICHARD HÖNIGSWALD (geb. 1875, Professor in Breslau), der sich ebenfalls überwiegend der Erkenntnistheorie der exakten Wissenschaften zugewandt hat.

In den "Grundlagen der Denkpsychologie" sucht HÖNIGSWALD zu zeigen, daß das Schicksal der Psychologie als methodisch selbständiger Wissenschaft sich an den Problemen der Psychologie entscheiden muß und daß Denkpsychologie, unbeschadet ihrer Einstellung auf "Tatsachen", eine philosophische Prinzipiengemeinschaft ist, die philosophischen Aufgaben selbst drängten unabweisbar zu psychologischen Problemen. Gleichwohl lehnt HÖNIGSWALD eine Wendung zum Psychologismus ab.

Trotz der experimentellen Methodik ist Psychologie nicht Naturwissenschaft, denn der Gegenstand der Psychologie "muß  wissen  können, er muß zu sich  Ich  sagen können, er muß  Subjekt  sein" (Seite 224). Auch die Psychologie ohne Seele muß ihre Feststellungen in eine substantiale Form kleiden. Ohne den Substanzbegriff der Seele kann man nicht von Entwicklung, Reaktion und dgl. sprechen. Die Mathematik ist auf die Psychologie nur insofern anwendbar, als das Psychische Ordnung besitzt. "Auch Psychologie ist Wissenschaft von der Geltung, nämlich Wissenschaft von dem, in jedem Geltungsanspruch sich verwirklichenden Ich-Bezug." Die Psychologie ist nicht nur ein Gegenstand der Philosophie wie andere Wissenschaften auch, sondern selbst Philosophie.

Auf pädagogischem Gebiet ist HÖNIGSWALD um eine sorgfältige Fixierung des Begriffs der Pädagogik und ihrer eigentümlichen Probleme bemüht, mit dem Ergebnis, daß sie nur als philosophisches Facht dort Daseinsberechtigung hat. Ja, alle Pädagogik ist nach HÖNIGSWALD Erziehung zur Philosophie und durch Philosophie, denn es handelt sich in aller Pädagogik um die Übermittlung von "Geltungswerten" der Kultur (Wissenschaft, Kunst, Sittlichkeit, Recht, Religion).

Positivistische und kantische Elemente mischen sich auch bei WILHELM KOPPELMANN, "Untersuchungen zur Logik der Gegenwart", Berlin 1913. "Weltanschauungsfragen", Berlin 1920. "Was wissen wir von der menschlichen Seele?", Bielefeld 1922.

WILHELM KOPPELMANN (geb. 1860 in Schüttorf, Oberlehrer und Professor in Münster) vertritt ebenfalls einen neukantischen Standpunkt, jedoch in ziemlich selbständiger Gestalt. Er lehnt den Marburger Standpunkt ab und sieht in den Sinnesdaten bestimmte, nicht weiter in Denken auflösbare letzte Gegebenheiten. Andererseits betont auch er die Bedeutung des Denkens für den Ausbau der Wirklichkeit und nimmt apriorische Prinzipien an.

Die Logik zerfällt nach ihm in  Erkenntnislehre  und  formale Logik,  die er als eine "Lehre von den Mitteln und Gesetzen des Gedankenaustausches" ansieht . Diese Auffassung wird konsequent durchgeführt, und auch die logischen Grundsätze werden zu diesem Zweck in eigenartiger Weise umgedeutet. Das Identitätsprinzip erhält folgende Formulierung: "Beim Gedankenaustausch müssen die Bedeutungen, welche die Beteiligten mit den Wörtern oder ideographischen Zeichen bzw. mit den gebräuchlichen sprachlichen oder ideographischen Formulierungen verbinden, identisch sein und bleiben." Ebenso werden die Sätze vom ausgeschlossenen Dritten und vom zureichenden Grund in der Auffassung KOPPELMANNs zu bloßen Normen des intellektuellen Verkehrs. Weiter behandelt KOPPELMANN in der formalen Logik "die Hauptklassen der Wortbedeutungen", zunächst die "Wörter für Kategorien". Es sind Sinnes- und Verstandeskategorien zu unterscheiden. Jene (Farbe, Geruch u. a.) sind rein subjektive, diese dagegen (Lage, Dauer, Ursache u. a.) bauen das Weltbild auf der Grundlage der sinnlichen Gegebenheit auf. In Bezug auf das Problem der Begriffe nimmt KOPPELMANN auch "gemischte Wortbedeutungen" oder "Halbbegriffe an, die zwischen den sinnlichen Vorstellungen und Begriffen in der Mitte stehen sollen. Das Ziel der Begriffsbildung wird als lediglich "denkökonomisch" bezeichnet. Aus praktischen Rücksichten soll die Wirklichkeit "berechenbar" werden. - In der  Erkenntnislehre  lehnt KOPPELMANN die Ansicht ab, "daß die Verhältnisse und Beziehungen unserer Wirklichkeit ihren Grund außer uns haben, ohne unser Zutun existieren, von unserer Vernunft als schlechthin gegeben anerkannt werden müssen". Andererseits behauptet auch er gegen COHEN und NATORP, "daß das Wahrgenommene bzw. die Wahrnehmungsordnung etwas  Gegebenes Unabänderliches ist, und in seinem Bestand  nicht  vom Denken abhängt". Aber dieses Gegebene sei "gänlich verschieden von dem durch das Denken erst festzustellenden objektiven Sachverhalt, dem Wirklichen". Die Aufgabe der Erkenntnislehre ist die Feststellung von Konstruktionsprinzipien, nach denen der Aufbau der Wirklichkeit durch uns erfolgt. Dabei ergeben sich Gesetze, denen die Wirklichkeit niemals widersprechen kann, da sie bei jenem Aufbau überall zugrunde gelegt werden. Es gilt sowohl vom räumlichen wie dem zeitlichen Aufbau der Wirklichkeit. In beiden Fällen sucht KOPPELMANN gewisse apriorische Konstruktionsgesetze aufzudecken. In der organischen Welt ist die Zweckbetrachtung ein unentbehrliches Forschungsprinzip. - KOPPELMANNs Untersuchungen sind vielfach ausgezeichnet durch Gründlichkeit und Berücksichtigung zahlreicher Wissenschaftsgebiete. Eigenartig ist die Mischung neukantischer und positivistisch-pragmatischer Betrachtungsweise. - Auch auf  ethischem  Gebiet versucht KOPPELMANN eine Fortbildung der kantischen Ethik. Das ethische Prinzip ist nach KOPPELMANN die Wahrheit als alle Gemeinschaft bedingend.

In seinem Buch  "Weltanschauungsfragen"  macht KOPPELMANN den Versuch zur Gewinnung einer Weltanschauungssynthese (vgl. OESTERREICH, JELLINEK u. a.) Das Ergebnis ist dieses: Von den Naturwissenschaften aus ist keine Klarheit über das Wesen der Außenwelt zu gewinnen trotz all ihrer Leistungen im Einzelnen. Alles bleibt Hypothese und Theorie, die fortgesetzt wechselt. Nirgends feste Ergebnisse. Ebensowenig vermag die Philosophie Auskunft über das Wesen der Außenwelt zu geben. Wohl aber offenbart es sich "in etwa" unserem Gefühl bei der Anschauung der Natur. Die Bestimmung des Menschen, d. h. der seinem innersten Wesen entsprechende Zweck ist das höchste Gut, d. h. "ein Zustand vernünftiger Wesen, auf dem auf der Basis höchster Sittlichkeit höchstes Glück erblüht". Die Sittlichkeit ist auch die Grundlage, aus der allein religiöse Gewißheit hervorgeht, die der Mensch als Geschenk empfängt und sich nicht willkürlich schaffen kann. - In jüngster Zeit hat sich KOPPELMANN der Philosophie der Politik zugewandt.

Den realistischen Standpunkt vertrat auch bereits RUDOLF WEINMANN, "Wirklichkeitsstandpunkt", Hamburg 1896. "Die Erkenntnistheoretische Stellung des Psychologen", Zeitschrift für Psychologie, Bd. 17. Er hält Raum, Zeit und Kausalität für a priori von uns zur Auffassung der Welt mitgebracht, meint aber, daß sie die objektive Welt spiegeln. Er fordert bereits "Emanzipation von Kant". - LUDWIG DILLES (geb. 1870 in Bielitz), "Weg zur Metaphysik als exakte Wissenschaft", 2 Bde. Stuttgart 1903-06. Das einzig unbedingt Gewisse sind unsere Empfindungen, wir haben von ihnen absoute Erkenntnis; sie sind "ein wirkliches Stück des Weltalls", doch nicht das Weltganze, sondern ein Anzeichen für ganz außerhalb des Ich Gelegenes, in Bezug auf welches von ihnen (den Empfindungen) aus gewisse Aussagen möglich sind. DILLES ist besonders beeinflußt von KANT, SPINOZA, FEUERBACH u. a.
IV. Die logizistisch-methodologische Richtung

Eine völlig neue Wendung erfuhr die Kantinterpretation durch HERMANN COHEN, den Begründer der sogenannten  Marburger Schule,  die in den entscheidenden Grundlagen von einheitlichen Überzeugungen beherrscht wird; neben COHEN sind ihre bedeutendsten Vertreter NATORP und CASSIRER. COHEN eliminierte das Ding-ansich vollständig und gab dem dem Kritizismus eine Deutung, nach der sich alles Dinghafte in Gedachtes auflöst. Der wesentlichste Punkt, in dem COHEN hiermit über KANT hinausgeht, ist die Ablehnung der Anerkennung der Anschauung als dem Denken nebengeordneter heterogener Erkenntnisquelle gleichen Rangs. Auch sie ist Denken. Der "Gegenstand" als in Raum und Zeit vollständig bestimmter Denkinhalt ist nur ideales, nie erreichtes Ziel. Die  empiristische  Bedingtheit aller Wirklichkeitserkenntnis anerkennend stellt COHEN der Philosophie die Aufgabe, ihre  logischen  Bedingungen aufzuhellen; dabei wird Erkenntnis wie schon bei KANT auch von ihm einseitig im Sinne der mathematischen Physik verstanden, die für ihn das Ideal aller Erkenntnis darstellt. COHEN steht in einem scharfen Gegensatz zu allem erkenntnistheoretischen Psychologismus.

Wie in der Erkenntnistheorie hat COHEN auch in der  Ethik  und  Ästhetik  die Lehre KANTs fortgebildet. Er und NATORP sind die philosophischen Hauptrepräsentanten der sozialen Bewegung der letzten Jahrzehnte, deren Gehalt sie, ihn idealisierend, im Sinne der kantischen Philosophie der Menschenwürde auffassen. Die Religiosität wird, ebenfalls nach dem Voranschreiten KANTs, von der Marburger Schule fast ganz in Moralität aufgelöst. NATORPs Bedeutung liegt außer in der Sozialethik, von der aus er zu einer Sozialpädagogik fortgeschritten ist, in der Erkenntnistheorie der Mathematik und Physik. Dies gilt auch von CASSIRER, dessen erkenntnistheoretische Leistungen ebenfalls auf dem Gebiet der exakten Wissenschaften gelegen sind und der zugleich als Historiker des Erkenntnisproblems hervorragt.

HERMANN COHEN, geb. 1842 in Coswig, 1873 Privatdozent in Marburg, 1876 ebd. ordentlicher Professor, 1912 zurückgetreten, lebte fortan in Berlin, gest. 1918, ist ausgegangen von historischen Studien, die aber von Anfang an von ihm unter einer systematischen Gesichtspunkt betrieben worden sind. Seine philosophiegeschichtlichen Publikationen sind darum durchgängig gleichzeitig systematische Auseinandersetzung mit den Gedanken der behandelten Denker. Nach dreifacher Richtung hat sich COHENs historische Arbeit erstreckt: erstens auf PLATO, zweitens auf die Begründer der Infinitesimalrechnung und drittens auf KANT. Zwischen allen drei Arbeitsrichtungen besteht ein innerer Zusammenhang, es ist die Entstehung des Idealismus (so wie COHEN denselben versteht), um deren Aufhellung es ihm zu tun war. Durch diese Arbeiten wurde COHEN der Begründer einer neuen Auffassung des kantischen Systems und zugleich sein Fortbilder; ferner gab er die Grundzüge einer neuen Auffassung auch PLATOs, die dann von NATORP aufgenommen worden ist. Mit der Schrift über die Infinitesimalrechnung hat er als erster die Diskussion über die in der höheren Mathematik gelegenen erkenntnistheoretischen Probleme eröffnet.

Das eigene System COHENs ist eine Wiederaufnahme und konsequente Durchbildung der kantischen Ideenwelt, so wie sie sich nach ihm darstellt. "Von vornherein war es mir um die Weiterbildung von KANTs System zu tun. Der historische KANT war nur der Eckstein, in dessen Richtung das Weiterbauen erfolgen müsse." Wie KANT geht auch COHEN von der wissenschaftlichen Erfahrung aus, wie sie in der modernen  mathematischen Naturwissenschaft,  die für ihn eigentlich allein wahre Wissenschaft ist, vorliegt. Diese wissenschaftliche Erfahrung ist gegeben, und die Aufgabe der Philosophie besteht darin, aufzuhellen, welches die immanenten logischen Bedingungen dieser Erfahrung sind (=  "transzendentale Methode"  der Philosophie). Damit ist keine Erforschung des Zustandekommens der Erkenntnisse des einzelnen Individuums gemeint, sie wäre Aufgabe der Psychologie. Die Philosophie hat es lediglich mit der rein logischen Frage zu tun, welche begrifflichen Voraussetzungen die condition sine qua non [Grundvoraussetzung - wp] der mathematischen Physik ausmachen. Das Hauptinstrument der reinen Naturwissenschaft ist die Infinitesimalrechnung, deren Zentralbegriff der Begriff des Unendlichen ist. Diese Rechnungsmethode hat in der Logik bisher keine Stellung gefunden. Die Logik hat deshalb in COHENs Augen ihre eigentliche Aufgabe verfehlt und das neue Problem, das ihr die Wissenschaft seit 200 Jahren gestellt, noch immer nicht erfaßt. Selbst KANT hat hier die Fährte verloren.

Der zweite Fehler KANTs liegt nach COHEN darin, daß er dem Denken die Sinnlichkeit vorangehen ließ. Der dritte Hauptpunkt, in dem COHEN über KANT hinausgeht, ist die völlige Verwerfung des Dings ansich. COHEN behauptet sogar, daß auch KANT diesen Begriff niemals in einem realistischen Sinn gemeint hat. Er hält sich an jene Stellen der "Prolegomena", in denen KANT das Ding-ansich einen  Grenzbegriff  nennt.

COHENs Philosophie stellt sich in schärfsten Gegensatz zu jeder realistischen Auffassung, die die Dinge als schlechthin gegeben und von uns einfach hinnehmbar ansieht. Die Dinge sind uns nach COHEN nicht unabhängig von unserem Denken gegeben, sondern erst durch das Gedachtwerden sind sie für uns überhaupt da, und deshalb muß auch die Erkenntnistheorie mit dem  Denken  beginnen. Eine Selbstkritik des Denkens ist notwendig, eine "Dialektik", wie PLATO sagt; COHEN selbst nennt diese Arbeit  "Logik".  Es ist aber in den COHEN-NATORP'schen Schriften durchweg wohl zu beachten, daß unter dem Wort sein logischer Inhalt zu verstehen ist. Ihre ganze Philosophie bezieht sich nicht auf das Denken als psychologischen Vorgang, sondern auf den Inhalt des Denkens, das Gedachte. Dieses das Verständnis unzweifelhaft erschwerende Eigentümlichkeit ihrer Terminologie darf nicht unbeachtet gelassen werden. Denkfortschritt, Denkbewegung usw. bedeuten also fast stets den "Fortschritt", die "Bewegung" der Begriffe selbst, sind also bildlich zu verstehen. - Mit dem Gegensatz COHENs gegen allen Realismus ist gegeben, daß ihm das erkennende Denken etwas Schöpferisches ist. Er ersetzt den kantischen Ausdruck der Synthesis deshalb durch den des  Erzeugens,  da die Synthesis immer noch war. "Der ganze unteilbare Inhalt des Denkens muß Erzeugnis des Denkens sein." Das Problem des Denkens als eines Erzeugens nennt COHEN das "Problem des  Ursprungs",  und durch die Stellung, die er dem Denken als Erzeugen einräumt, wird seine ganze Logik zu einer "Logik des Ursprungs". Alle Urteile bewegen sich in bestimmten Richtungen, die "Kategorien" heißen. Dieselben sind nicht angeborene Begriffe, sondern die Grundrichtungen, in denen sich sich das Urteil vollzieht, ein weiterer Punkt, in dem COHEN über KANT hinausgeht. Die kantische Ableitung der Kategorien aus den Urteilsarten lehnt COHEN ebenfalls ab, da die Annahme der Korrespondenz je einer Kategorie mit je einer Urteilsart unhaltbar sei. COHEN selbst unterscheidet 12 Urteilsklassen: I. die Urteile der Denkgesetze: 1. das Urteil des Ursprngs, 2. der Identität, 3. des Widerspruchs; II. die Urteile der Mathematik: 1. das Urteil der Realität, 2. der Mehrheit, 3 der Allheit; III. die Urteile der mathematischen Naturwissenschaft: 1. das Urteil der Substanz, 2. des Gesetzes, 3. des Begriffs; IV. die Urteil der Methodik: 1. das Urteil der Möglichkeit, 2. der Wirklichkeit, 3. der Notwendigkeit. COHEN sucht zu zeigen, daß die Kategorialfunktionen des Denkens sich alle gegenseitig fordern und ohne einander nicht bestehen können. - An der Spitze der ganzen Reihe steht das Urteil des Ursprungs. Es liegt dann vor, wenn etwas als "gegeben" bezeichnet wird. Das mathematische Zeichen  x,  das nicht die Unbestimmtheit, sondern die Bestimmbarkeit bedeutet, sagt genau das, was COHEN mit dem "Gegebenen" im Auge hat. Woher kommt dieses Gegebene, dieses Etwas? COHEN antwortet: "Auf dem Umweg des Nichts stellt das Urteil den Ursprung des Etwas dar." Das Etwas ist für COHEN das "nicht-Nichts", denn er rekurriert auf das unendliche Urteile, das von der neueren Logik zu Unrecht beiseite geschoben wird; durch dasselbe entständen die Begriffe des A-toms, des Unbedingten, der Unsterblichkeit usw. Das zweite der Erläuterung bedürftige Urteil ist das Urteil der Realität. Unter Realität versteht COHEN hier nicht "Wirklichkeit", diese ist eine Sache der Empfindung, die ihrerseits keine rechtmäßige Quelle der Erkenntnis darstellt. Real sind, so wird man im Sinne COHENs sagen dürfen, auch die Mineralien im Erdinnern, obwohl wir sie nicht sehen. Real ist überhaupt alles, was in der mathematischen Naturwissenschaft  > 0  ist. das Minimum sozusagen des Realen ist das Unendlichkleiine. "Das Unendlichkleine ist das Sein." COHEN weist dabei auf PYTHAGORAS hin, dessen Lehre: die Zahl sei das Sein nur nicht "nach ihrem wissenschaftlichen Ernst verstanden wurde". COHEN rechnet abernicht nur die positiven Zahlen, sondern auch die imaginären und negativen zur Realität.

Die  Ethik  ist nach COHEN die Lehre vom Sollen, und zwar sind seine Bedingungen zu erforschen, analog wie die Logik der reinen Erkenntnis die Bedingungen der exakten Physik zu ermitteln hat. In dieser Auffassung der Ethik scheint ein Widerspruch gegen den Charakter der Wissenschaft zu liegen, deren Aufgabe es ist, das Seiende zu erforschen. Die Lösung liegt darin, daß das Sein mit dem Dasein verwechselt wird. Das Sollen ist ein Sein, aber kein Daseiendes. Auch die Ethik ist  sozialhumanitärer  Art. Der Begriff der Menschenwürde ist ihr Zentralbegriff. COHEN nähert sich stark dem  Sozialismus nicht ebenso der sozialistischen Partei, deren eudämonistischen Materialismus, Atheismus und revolutionäre Tendenzen er ablehnte. Im bewußten Anschluß an das klassische deutsche Zeitalter bekennt er sich zu einem gewissen Kosmopolitismus, obwohl er die Eigenart der Nationalitäten festgehalten wissen will. Der Staat ist nicht Selbstzweck, sondern lediglich eine Organisation zur Versittlichung der Gesellschaft. - Auf  religionsphilosophischem  Gebiet bekennt sich COHEN zur reinen Moralitätsreligion des Judentums, unter schroffer Ablehnung aller  mythologischen  Momente. Auch der Gottesbegriff wird lediglich als Idee der vollkommenen Moralität verstanden, selbst die Prädizierung der "Existenzen" von Gott wird mit MAIMONIDES als über menschliches Erkennen hinausgehend abgewiesen. COHEN läßt durchlicken, daß er die metaphysikfreie jüdische Religiosität, so wie er selbst sie vertrat, gegenüber dem Christentum als die höhere ansah. - Eine wesentliche Standpunktsänderung, wie man sie in COHENs letzter Schrift über den "Begriff der Religion" hat finden wollen, ist in Wahrheit nicht eingetreten. Nach wie vor lehnte er alles Mystische ab und legte das ganze Schwergewicht auf das Ethische. COHENs religionsphilosophische Gesamtstellung war ein unmittelbares Ergebnis seiner extrem rationalistischen Natur, die neben den Erkenntnis- und den Sozialwerten nur dem Ästhetischen Verständnis entgegenbrachte, allem spezifisch religiösen Erleben aber völlig unzugänglich war. Hinzu kamen die bitteren persönlichen Mitfühlungserfahrungen, die er als Jude unter dem Druck des Antisemitismus gemacht hat, die ihn ebenfalls den Schwerpunkt im Sittlichen finden ließen.

Auch die  Ästhetik  wird von COHEN als zur Philosophie gehörig und von ihr prinzipiell nicht ablösbar angesehen. Von der Ästhetik KANTs entfernt sich COHEN weit. Das Organ der Kunst ist das Gefühl, und zwar das "reine Gefühl", worunter COHEN die Liebe zum Menschen in der Totalität seines, auch tierische Momente in sich schließenden Wesens versteht. Die in überaus schwer verständlichem Stil geschriebene "Ästhetik" ist reich an geistigem Gehalt, aber auch reich an Willkürlichkeiten.

Nach Herkunft und persönlicher Überzeugung Jude, fühlte sich COHEN doch durch und durch als Deutscher und sah seine Mission in der Vertretung der kulturellen Tradition des deutschen Klassizismus. Auch im Krieg betätigte er sich als geistiger Vorkämpfer. Während die typische englische Philosophie sensualistisch und eudämonistisch sei, erblickt COHEN in der deutschen Philosophe die legitime Fortsetzung PLATONs. KANT hat "den ethischen Geist der Deutschheit zu einer Vollendung gebracht". - Von 20 Anhängern COHENs erschienen "Philosophische Abhandlungen", Hermann Cohen zum 70. Geburtstag dargebracht, Berlin 1912.

PAUL NATORP, geb. 1864 in Düsseldorf, 1881 Privatdozent in Marburg, 1885 ebd. außerordentlicher Professor, bezeichnet sich selbst als in engster Arbeitsgemeinschaft mit der Marburger Schule unter ihrem Führer HERMANN COHEN stehend, ohne darum dessen Philosophie als abschließend und nicht fortbildbar anzusehen. Während bei COHEN nicht selten ein eigentümlich dunkler Stil das Verständnis sehr erschwert, ist die Darstellung bei NATORP viel leichter und flüssiger. Auch NATORP akzeptiert die erkenntnistheoretische Definition der Philosophie. Ihr Objekt ist die Erkenntnis. Die Erkenntnis ist ihrem inneren Wesen nach immer ein und dieselbe: sie sucht nach einem in sich geschlossenen, gesetzmäßigen Weltbild von der Art, wie es die mathematische Physik anstrebt. Sieht man dieses Erkennen an, so findet man, daß es durchgängig ein Denken ist. Auch alles wahrnehmen, das man so gern dem Denken gegenüberstellt, sei zuletzt doch auch ein Denken: es wird über einen Gegenstand etwas ausgesagt, er wird nach Zeit, Art usw. "bestimmt". Alle Wahrnehmung ist "Denkbestimmung". Die Wahrnehmung "muß sich den Gesetzen der Quantität, der Qualität und Relation fügen; irgendein Inhalt, der aus diesem dreifachen Verfahren des Denkens herausfiele, könnte auch durch Wahrnehmung niemals  gegeben  werden." So angesehen ist alles, was wir Tatsachen nennen, Gedanke; die gesamte Wirklichkeit ist Denkinhalt. Wie COHEN hebt auch NATORP hervor, daß sonach der Gegenstand in Wahrheit gar nicht außerhalb des Denkens steht, sondern im Denken ist. Nur der Dogmatismus hält das Sein für gegeben, der Kritizismus erkennt, daß, da alles Erkennen Denken ist, auch der Gegenstand des Erkennens nur im Denken ist, erst in ihm entsteht. damit scheint alles freier Willkür überliefert zu sein, denn denken kann ich ja, was ich will. Aber es scheint nur so. Denn nicht jedes Denken ist wissenschaftliches Denken, ist Erkennen. Alles wissenschaftliche Denken ist dadurch gekennzeichnet, daß es mit dem Denken der mathematischen Naturwissenschaft wesenseins ist: es strebt nach einem streng gesetzmäßigen Weltbild. Noch stärker als bei COHEN tritt bei NATORP die Unabgeschlossenheit unserer Erkenntnis zutage. Der "transzendentale Idealismus" könne sich mit Recht als "echter Empirismus" bezeichnen, insofern er in der Erfahrung kein Absolutes anerkennt. "Die Tatsache im absoluten Sinn ist das letze, was die Erkenntnis zu erreichen hätte, in Wahrheit nie erreicht; ihr ewiges  X."  In Wirklichkeit bleibe die Tatsächlichkeit stets ein Problem, stets Hypothese, und das Urteil darüber, was Tatsache ist, muß in jedem Augenblick der Berichtigung gewärtig sein. Auch ein Ding-ansich im gängigen Sinn des Wortes wird von NATORP selbstverständlich nicht angenommen. das Ding-ansich KANTs ist nach seiner Auffassung der Gegenstand, wie er schlechthin bestimmt wäre. Seine Unerkennbarkeit besteht darin, daß unsere Erkenntnis nie zum Abschluß kommt.

Die Aufgabe der Philosophie nun ist, das Denken gleichsam während der Arbeit zu belauschen, die in ihm liegenden Momente, die jenes gesetzmäßige Weltbild bedingen, aufzuzeigen. Die Aufgabe darf aber nicht psychologisch verstanden werden: es handelt sich nicht darum, die einzelnen psychischen Prozesse zu ermitteln, die das Weltbild als individuelles Erlebnis zustande bringen, sondern es sollen vielmehr die  logischen  Bedingungen festgestellt werden, ohne die dasselbe nicht bestehen kann. (Der psychologische Erkenntnisprozeß verläuft so, daß jene Bedingungen von ihm als bestehend angesehen werden, denn von den als seiend beurteilten Empfindungen aus unter entsprechender Auswahl das Weltbild konstruiert wird; da jene Bedingungen vorausgesetzt werden und die Ausgangsbasis bilden, kann sich nichts begeben, das den Rahmen des Weltbildes sprengen würde: was mit jenen Bedingungen in Widerspruch stände, würde überhapt nicht als seiend beurteilt werden.) Jene Bedingungen sind  apriorischer  Natur. Apriori ist also für NATORP etwas, was eine unerläßliche Bedingung zur "Möglichkeit der Erfahrung", d. h. der eindeutigen Bestimmbarkeit der Naturvorgänge ist. Die Auffassung des Apriori als "unbegriffener, instinktiver Voraussetzungen, die man kühn der Natur zum Gesetz mache", sei durchaus verfehlt. - Die Philosophie hat alle jene Einheitsbedingungen in einem System erschöpfend darzustellen. Die philosophische Disziplin, in der das geschieht, nennt NATORP  "Logik".  Eine Verwendung des Terminus, die nichts mehr zu tun hat mit der formalen Logik; das Wort wird vielmehr im Sinne der transzendenten Logik KANTs verwandt. Auch die auf erkenntnistheoretische Aufhellung der  Mathematik  gerichteten Bestrebungen COHENs hat NATORP fortgesetzt. In seinen "Logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften" unternimmt er eine rein logische apriorische Begründung der Mathematik, in Anlehnung an KANT, aber ohne dessen Sinne festzuhalten. Mit eindringlichem Scharfsinn und in eingehender Auseinandersetzung mit DIRICHLET, DEDEKIND, KRONECKER, CANTOR usw. analysiert NATORP die begrifflichen Grundeigenschaften der Zahlenwelt. Die Mathematik entnimmt ihre Begriffe ausschließlich den Grundbeziehungen des Logischen selbst. "Es gibt zwischen ihr und der Logik gar keine äußere Scheidung der Gebiete, sondern nur einen inneren Unterschid der Fragerichtung. Mathematik zielt nämlich auf die Entwicklung des Logischen, insbesondere, Logik auf die letzte, zentrale Einheit, in die alles Logische, seinem Begriff nach, schließlich zurückgehen muß." NATORP pflichtet dem bei, daß die Zahl die Anschauung von Raum und Zeit oder beider nicht zur Voraussetzung hat. Die Mathematik ist entwickelbar, ohne daß vom Raum die Rede zu sein braucht. Die Zahlbegriffe und die mathematischen Operationen sind lediglich Beziehungsbegriffe, Relationen.  Raum und Zeit  sind weder eine absolute Denknotwendigkeit, noch Erfahrungstatsachen oder etwa durch die Erfahrung zu bewährende Hypothesen, sondern Bedingungen möglicher Erfahrung", notwendige Voraussetzungen in dem Sinne, daß sie die Bedingung für die eindeutige gesetzmäßige Bestimmbarkeit von Existenz in der Erfahrung darstellen. Zeit und Raum sind Stellenordnungen des Existierenden. Als Ideen sind sie notwendig; ohne sie läßt sich ein einziger Funktionalzusammenhang des Geschehens nicht aufstellen. Solange nichts gegeben ist als der Raum selbst und die Zeit, findet keinerlei  Wechsel  statt; es hätte keinen Sinn etwa zu sagen, daß die Stellen des Raumes ihre Stellen wechseln. Man müßte dazu einen weiteren Raum voraussetzen, in dem es geschähe. Es muß dazu also irgendein Etwas (KANT:  Reales, Substanz)  im Raum gedacht werden, das, vom Stellenwechsel abgesehen, als unveränderlich gedacht werden muß. Was dieses Reale sei, darüber ist damit noch nichts entschieden. NATORP neigt mit der neuesten Naturwissenschaft dazu, es als  Energie  aufzufassen. Und zwar bedeutet das für ihn, "daß keine andere Erhaltung für die Rechnungen der Natur erforderlich und in der Tat auch keine gegeben ist als allein die Erhaltung des Grundbestandes der Veränderung selbst; d. h. jede in einem bestimmten Zeit- und Raumpunkt geschehene Veränderung muß darstellbar sein als Einzelergebnis der beständig, und zwar kontinuierlich sich ändernden räumlichen Verteilung einer durch die Konstruktion der gesetzmäßigen Abhängigkeitsbeziehungen unter den beobachtbaren Veränderungen erst darzustellenden, in keiner Weise unabhängig gegebenen  Substanz  dieser Veränderungen selbst". Die Substanz bzw. die Energie ist also ein bloßer Rechnungsfaktor. Eine nähere Definition der Energie durch ihr gewöhnliches Maß, den mechanischen Arbeitswert, ist ohne Zirkel nicht möglich. Auch hebt der sich in der jüngsten Forschung erhebende Zweifel an der Konstanz der wägbaren Masse den Arbeitswert als exakte Energiemessung auf.

Besonders selbständig ist NATORP auf  psychologischem  Gebiet. Die gewöhnliche Psychologie ist Naturwissenschaft, objektivierende Gesetzeserkenntnis. Da ihr Material und ihre Methoden dieselben wie die der Physik sind, ist sie im Grund nur eine unvollkommene Vorstufe dieser. Ihre Gesetze "sind vorläufige, sehr vorläufige Darstellungen von Prozessen, die strenger, überzeugender als reine Naturprozesse, etwa als chemische Umsetzungen zwischen Nervensubstanzen darzustellen wären; sie würden ihre Rolle ausgespielt haben, sobald es gelänge, die letzteren befriedigend darzustellen". Neben der gewöhnlichen Psychologie hält NATORP aber noch eine andere für möglich, die auf das Erleben in seiner Unmittelbarkeit gerichtet ist. (Berührung mit BERGSON!) Zu seiner Erfassung muß von der Objektivierung rückwärts gegangen werden, ein  "rekonstruktives"  Verfahren hat einzutreten. Ein in einem absoluten Sinn nicht objektivierendes Verfahren ist freilich nicht möglich, denn sobald man von Ich spricht, hat man es bereits objektiviert, zum Objekt gemacht. Wohl aber gibt es Gradunterschiede in der Objektivierung. Die Aufgabe der Rekonstruktion ist nun, von den höheren Stufen der Objektivierung zu geringeren zurückzuschreiten. Als Ziel steht wie am Ende der Objektivierung die absolute Gesetzeserkenntnis der Natur, so an diesem anderen Ende das absolute Subjekt, das nur Supposition, nicht mehr phänomenaler Befund ist. Das Subjektive ist die "Dynamis", die "Potenz aller Bestimmungen, die an ihm durch die objektivierende Erkenntnis vollzogen werden und weiter vollziehbar sind".

Wie bei COHEN ist auch für NATORP die zweite Disziplin der Philosophie die Ethik, sie hat es mit dem Sollen zu tun und ist gleichsam eine  Logik des Sollens.  Den Mangel an KANTs Ethik findet NATORP lediglich in ihrer unzureichenden Durchführung ins Konkrete. Diese Durchführung zu geben hat NATORP sich zur Aufgabe gemacht, und in ihr liegt seine moralphilosophische Bedeutung. Seine "Sozialphilosophie" ist eins der wenigen Werke moderner Ethik, die zum modernen Kulturproblem ernsthaft eingehend Stellung genommen zu haben. Wie COHEN ist auch NATORP durch und durch Sozialethiker. Zwischen Individuum und Gemeinschaft besteht keine Spannung; beide haben dasselbe Ziel: die Verwirklichung des Sittlichen. Im Zusammenhang mit der Ethik hat sich NATORP eingehend mit  Pädagogik  beschäftigt und versucht eine Fortentwicklung von PESTALOZZI angebahnter Tendenzen zu geben. Seine Idee der Pädagogik greift weit hinaus über die gewöhnliche Beschränkung des Ziels dieser Disziplin. NATORP nähert sich der Idee einer  Pädagogik  der ganzen Volksgemeinschaft. "Im Ideal würde alle wirtschaftliche Arbeit und alle soziale Regelung nur Mittel sein zum schließlichen Zweck der Menschenbildung, was als die  sozialpädagogische  Idee des Staates der Sache nach von PLATO bereits aufgestellt ist und den obersten Leitpunkt der sozialen Kritik und damit der sozialen Ethik überhaupt noch heute so sicher wie damals bezeichnet." Der Geist der Pädagogik NATORPs ist der Geist der preußischen Reformzeit, eine starke Tendenz zu einer allgemeinen Lebenserhöhung des Volkes und ein übermäßiger Glaube an die in demselben ruhenden moralischen Triebkräfte. Auch NATORPs Ethik ist wie die COHENs ein ins Geistige und Sittliche erhobener idealisierter demokratischer Sozialismus. - Stärkere Abweichungen von COHENs Standpunkt bietet die  Religionsphilosophie  NATORPs. Die höchste Idee ist für NATORP die Idee der Menschheit (vgl. COMTE). Wie es eine Psychologie ohne Seele gibt, ist auch eine Religion ohne Gott möglich. Doch zehrt auch bei NATORP das Moralische alles Religiöse im gewöhnlichen Sinne auf. Alles Transzendente wird ausgeschieden. - Auf  historischem  Gebiet hat NATORP besonders die von COHEN inaugurierte PLATO-Auffassung im einzelnen zu erweisen gesucht.

Seine drei Kriegs- und Revolutionsbücher hat NATORP nach eigenem Bekenntnis wie unter dem Zwang einer Inspiration geschrieben. "Ich hatte gar keine Wahl, sie zu schreiben oder nicht, ich mußte ... So muten mich gerade diese späten Schriften fast an wie Jugendstreiche, deren man sich nur nicht gerade zu schämen hat." Sie runden seine Sozialethik ab und entwickeln eine neue Philosophie der Geschichte. Wie NATORPs Ethik sich durch ihr Eingehen auf die konkreten Lebensprobleme der Gegenwart auszeichnet, so ist auch seine  Geschichtsphilosophie  keine Erkenntnistheorie, sondern inhaltlicher Natur. Ihr Streben ist darauf gerichtet, ausgehend von neueren positiven Forschungen die Seele der einzelnen Epochen zu erfassen. Den wesentlichen Unterschied der Weltalter erblickt NATORP darin, wie das Verhältnis des Endlichen zum Unendlichen und unter ihm die Welten von Wissenschaft, Sittlichkeit, Kunst, Religion und Philosophie erfaßt und neu gestaltet werden. Es gibt drei Phasen dafür. In der orientalischen, besonders indischen Phase wird das Unendliche aufgefaßt als das unbedingt allem Überlegene, überragende Eine. Alles Endliche, Individuelle erscheint als wertlos. In der zweiten Phase tritt dasselbe dagegen bereits stark hervor, und es kommt zum Konflikt mit dem in seiner überragenden Hoheit festgehaltenen Überendlichen. Der Gegensatz erreicht seine Höhe im Christentum und beherrscht das ganze Mittelalter. In der dritten Phase wird das Individuum voll selbständig, und der Eigenwert der Welt wird anerkannt. "Der Lebensdrang wird Schöpferdrang, der Mensch Mitarbeit am ewigen Schöpfungswerk, ja Gottschöpfer." Im Gegensatz zu HEGEL, der den Tag der Menschheit sich bereits der Dämmerung zuneigen läßt, erklärt NATORP: "Nein, der Tag der Menschheit ist noch kaum angebrochen." Die Stellung Deutschlands kennzeichnet NATORP dahin: bei den Westvölkern überwiege die weltliche, ethisch-politische, wissenschaftliche, künstlerische Entwicklung, während alles, was die Neuzeit in Religion und Philosophie Selbständiges erzeugt hat, fast allein auf deutschen Boden entstand. Deshalb kommt es für die Zukunft der Menschheit auch am meisten auf Deutschland an. Sein Weltberuf ist die Sozialisierung der Gesellschaft (in dem von NATORP verstandenen Sinne). Auch die innere Erneuerung nach überstandener Revolution müsse ausgehen vom Aufbau der Menschengemeinschaft in Wirtschaft, Staat und Erziehung. "Der Idealismus muß sozial, der Sozialismus ideal werden." Das soziale Leben der Idee zu unterwerfen, gebe es nur den Weg der sozialen Erziehung. Das Buch "Sozialidealismus", eine Ergänzung zur "Sozialpädagogik", will dazu den Weg weisen. Es fordert eine Vertiefung der Erziehung der ganzen Nation, so daß jeder an der geistigen Kultur wirklich Anteil hat. In sittlicher Hinsicht bedeutet soziale Erziehung die Erziehung aller im Sinne der Allheit. Der Gesichtspunkt der Sozialpädagogik muß dem Sozialpolitik und Sozialwirtschaft  über geordnet werden. Dem Partei-Sozialismus mit der Forderung der Zwangssozialisierung und der allgemeinen Zwangsarbeit steht NATORP mit großer Schärfe ablehnend gegenüber. Wohl aber fordert er Selbstbeteiligung aller Arbeitenden an der Gestaltung der Arbeit in wirtschaftlicher und politischer Beziehung. In pädagogischer Hinsicht fordert er die Beseitigung der Klassengesetze im Bildungswesen durch die Einheitsschule.

Der bedeutendste aus dem jüngeren Kreis der Marburger Schule ist ERNST CASSIRER (geb . 1847 in Breslau, Privatdozent in Berlin, jetzt ordentlicher Professor in Hamburg). CASSIRER hat in seinen historischen Arbeiten die Vor- und Nachgeschichte der Transzendentalphilosophie in der Neuzeit ausführlich behandelt. Für ihn stellt sich die Entwicklung der Philosophie seit der Renaissance als ein immer klareres Zutagetreten der Probleme der kritischen Philosophie dar. Diese selbst, welche er wesentlich im Sinne COHENs auffaßt, ist von ihm besonders in Bezug auf die Erkenntnistheorie der  Mathematik, Physik  und  Chemie  gefördert worden. COHEN geht aus von einer Untersuchung über Begriffsbildung. Er sucht die gewöhnliche Auffassung der Begriffe als Herausarbeitung gemeinsamer Züge der Wahrnehmungsinhalte durch eine völlig andere, mehr funktionale zu ersetzen, nach der alle Begriffsbildung an eine bestimmte Reihenbildung gebunden ist. Auch die Raumbegriffe werden von COHEN in Reihenbegriffe aufgelöst. Die  Mathematik  wird von ihm unter eingehender Diskussion der neueren von Mathematikern aufgestellten Theorien, nicht als Wissenschaft der Quantität, sondern als allgemeine Wissenschaft der Qualitäten, als Kombinatorik, d. h. als universelle Darstellung der möglichen Weisen der Verknüpfung überhaupt und ihrer wechselseitigen Abhängigkeit bestimmt. Die mathematischen Begriffe entstehen im Gegensatz zu den empirischen durch genetische Definition. Die Logik der Mathematik ist darum im Sinne COHENs eine Logik des Ursprungs. - Ganz im Sinne der marburger Schule wird auch von COHEN die prinzipielle Gegenüberstellung von Theorie und Beobachtung abgelehnt; auch das Beobachtungsmaterial schließt bereits Theoretisches in sich, frei davon sind nur Urteile über die Gegenwärtigkeit von Sinnesinhalten schon jedes Urteil über ihr Vorhandensein ist es nicht mehr. Bei jeder experimentellen Untersuchung ist es "stets ein bestimmtes  logisches System  der Verknüpfung des Empirischen, das an einem anderen derartigen System gemessen und von ihm aus beurteilt wird". Die gesamte Naturwissenschaft, ihre allgemeine Theorie wie das Beobachtungsmaterial ist demnach gedankenhafter Natur, eine gedankliche Konstruktion.

Alle physikalischen Grundbegriffe sind Mittel, das "Gegebene" in Reihen zu fassen; Masse, Kraft, Atom, Äther, auch der absolute Raum und die absolute Zeit sind nicht Realitäten, sondern Instrumente des Denkens, "um das Gewirr der Erscheinungen als gegliedertes und meßbares Ganzes zu überschauen". Die Gesetze der Physik beziehen sich demgemäß auf Gegenstände, die gar nicht der eigentlichen Erfahrung angehören. Von besonderer Bedeutung ist, daß COHEN als erster die erkenntnistheoretische Analyse auch der  Chemie  ernsthaft in Angriff genommen hat. Das Ergebnis ist, daß dieselbe durch die energetische Auffassung aus einer beschreibenden zu einer mathematischen Naturwissenschaft geworden ist. Der Energiebegriff bezeichnet nicht ein neues gegenständliches Etwas neben Licht, Wärme, Elektrizität usw., sondern er bedeutet nur eine gesetzmäßige Korrelation, in der sie alle zueinander stehen.

Aufgabe der  Transzendentalphilosophie  ist es, "diejenigen universellen Formelemente zu ermitteln, die sich in allem Wechsel der besonderen materialen Erfahrungsinhalte erhalten". Apriori heißt eine Erkenntnis, weil und sofern sie in jedem gültigen Urteil über Tatsachen als notwendige Prämisse enhalten ist. Es gehört dazu der Raum (nicht auch der Farbe), weil er eine Invariante für jegliche physikalische Konstruktion bildet.

Auch das Wort "objektiv" hat für COHEN seinen realistischen Sinn verloren, "objektiv" nennt er die sich in allen weiteren Experimenten behauptenden Zusammenhänge, so daß es Grade der Objektivität gebe. Einen unmittelbaren Unterschied von "subjektiv-objektiv" weist die reine unmittelbare Erfahrung nach ihm nicht auf.

Als einer der ersten hat CASSIRER als Erkenntnistheoretiker zur Relativitätstheorie EINSTEINs Stellung genommen und sie vom Marburger Standpunkt aus durchgearbeitet. Er kommt zu dem Ergebnis, daß ein Gegensatz zu demselben nicht bestehe. Vielmehr findet er in derselben eine Bestätigung seiner eigenen Auffassung, daß die Physik keine Abbildung der Wirklichkeit beabsichtigt, sondern, das Gefüge alles Geschehens unter dem Gesichtspunkt und der Voraussetzung ihrer Meßbarkeit betrachtend, dasselbe in eine Ordnung von Zahlen aufzulösen strebt. Eine Änderung in der erkenntnistheoretischen Betrachtung ist nur insofern erforderlich, als durch die Relativitätstheorie erwiesen zu sein scheint, daß der euklidischen Geometrie nicht mehr, wie es bisher schien, eine Vorzugsstellung für die physikalische Theorienbildung zukommt. Vielmehr scheint in Zukunft gerade der nicht-euklidische Raum der allein "wirkliche" zu sein, während der euklidische eine bloße abstrakte Möglichkeit darstellt. Das Wort "wirklich" wird dabei aber von CASSIRER nicht in einem realistischen Sinn verstanden, vielmehr gelten ihm - ähnlich wie SIMMEL - die physikalische, die ästhetische und andere Welten als nebeneinanderstehende gleichwertige Seinssphären, denen gegenüber die physikalische Welt nicht die allein reale ist.

Zu demselben Ergebnis wie CASSIRER kommt - unabhängig von ihm - in Bezug auf die Relativitätstheorie ILSE SCHNEIDER, "Das Raum-Zeit-Problem bei Kant und Einstein", Berlin 1921. Es bestehe zwischen KANT und EINSTEIN kein unlösbarer Widerspruch.

Ebenfalls auf dem Boden der Marburger Schule steht ARTHUR LIEBERT, geb. 1878 in Berlin, Dozent an der Handelshochschule, daselbst Professor.

LIEBERT teil die Auffassung, daß die Philosophie es im Unterschied zu den übrigen Wissenschaften nicht mit dem Sein, sondern mit der Frage nach der "Geltung, dem Gehalt, dem Sinn, dem Wert des Seins" zu behandeln hat. Diese Worte werden von LIEBERT als gleichbedeutend behandelt, er nimmt also das Wort "Geltung" in sehr weitem Sinn. Er erkennt im Gegensatz zur badischen Schule den Begriff des Sollens jedoch nicht als einen für den Begriff der Geltung grundlegenden und selbständigen an. Ebenso bedeutet Geltung für ihn nicht Abstraktion vom Sein oder dessen Negierung, sondern "Bejahung in der Richtung auf seine Ergänzung und Erhebung über den Standpunkt der nackten Faktizität zur Inhaltlichkeit, zum Gehalt, d. h. zur Geltung, die da aussagt, daß das Sein nicht nur ist, sondern daß es auch gilt, daß es etwas bedeutet, daß es einen Sinn hat". Als der abschließende, weil logisch autonome Geltungsbegriff des Denkens erscheint LIEBERT ganz im Geiste der Marburger Schule der Begriff des Systems. Denn jede Setzung des Seins sei nur der Ausdruck einer umfassenden systematischen Ordnung, in der jede einzelne Seinssetzung ihren logischen Ort hat. Dieses einen bestimmten Ort im System haben ist das Gelten des Seins. Alle kritische Geltungstheorie setzt das Faktum von Ordnungen, wie Zusammenhängen voraus.

In seinen neueren Schriften versucht LIEBERT eine Fortbildung der Marburger Philosophie, doch ohne an den Fundamenten zu rühren.

Einmal hat er die transzendentale Fragestellung auf die Transzendentalphilosophie selbst ausgedehnt und gefragt: "Wie ist kritische Philosophie möglich?" "Welches ist das sie bedingende und tragende Prinzip?" Dabei wird gleichzeitig die Kluft zwischen dem Kritizismus und der auf ihn folgenden Spekulation als nur eine scheinbare aufzudecken und zu erweisen unternommen, "daß das Bildungsgesetz des Kritizismus, d. h. die gesetzlich-organische Form seiner Möglichkeit zugleich dasjenige Gesetz ist, das die ganze nachkantische Spekulation ermöglicht, und von dem diese zutiefst bedingt ist ... Die Vernunftgesetzlichkeit, die den Kritizismus begründet, bedingt mit Notwendigkeit den Schritt zu jenem Idealismus."

In LIEBERT hat der Marburger Neukantianismus ferner eine Wendung zur  Metaphysik  genommen. Zwar lehnt auch er sie als Wissenschaft ab, aber, ihre Kulturbedeutung bedingungslos anerkennend, sucht er ihr in der Weise Platz zu schaffen, daß er sie als etwas für sich neben der Wissenschaft gelten läßt. Ihr Gegenstand ist das Absolute, ihr Charakter ist problematisch, aber das Problematische sei eben eine besondere "Kategorie".

Beeinflußt von COHEN und NATORP ist der Rechtsphilosoph RUDOLF STAMMLER (geb. 1856, ordentlicher Professor der Jurisprudenz in Halle, jetzt Berlin), "Theorie des Anarchismus", 1894. "Wirtschaft und Recht nach der materialistischen Geschichtsauffassung, Halle 1896. "Die Lehre vom richtigen Recht", Berlin 1902. "Theorie der Rechtswissenschaft, Halle 1911. "Rechtsphilosophie", 1922 u. a. 1913 begründete STAMMLER eine "Zeitschrift für Rechtsphilosophie in Lehre und Praxis", in der er in Band 1 über Begriff und Bedeutung der Rechtsphilosophie handelt. STAMMLER unternimmt eine kritische Sozialphilosophie zu schaffen, indem er unter Würdiung der Geschichtsauffassung MARXens die kantische Methode auf das soziale Gebiet anwendet. Soziales Leben ist ihm "durch äußerlich verbindende Normen geregeltes Zusammenleben von Menschen". Die Erfassung der Gesetze des sozialen Lebens kann sich nur auf die Form, d. h. die äußere Regelung, beziehen, die Materie ist das menschliche Zusammenwirken zur Befriedigung irgendwelcher menschlicher Bedürfnisse. Berechtigt ist nur die monistische Auffassung in der Entwicklung des sozialen Lebens, "die keine eigenartige und selbständige Ursachenreihe für durchgreifende soziale Strömungen und für die bestimmenden Gründe von Rechtsänderungen kennt, sondern diese durch vorausgegangene soziale Erscheinungen selbst genetisch bedingt sein läßt und alle Bewegungen und Wandlungen des gesellschaftlichen Menschendaseins in der unbedingten Einheit sozialer Erfahrung begreifen und erkennen will". Das soziale Ideal ist die Gemeinschaft frei wollender Menschen, "in der ein jeder die objektiv-berechtigten Zwecke des andern zu den seinigen macht". Von besonderer Bedeutung sind das 4. Buch: Soziale Teleologie, Kausalität und Telos, soziale Konflikte, Prinzip der sozialen Gesetzmäßigkeit, und das 5.: Das Recht des Rechts: Recht und Willkür, Begründung des Rechtszwangs, Sozialer Idealismus. Während nach STAMMLER die Wirtschaft die Materie des Gemeinschaftslebens ist, bildet das Recht die Form desselben. Aufgabe der Rechtswissenschaft ist es, die letztere zu behandeln, was ohne Rücksichtnahme auf die Materie geschehen kann. Umgekehrt ist dies nicht der Fall. Aufgabe der "Lehre vom richtigen Recht ist es, die Frage zu beantworten: Wann ist der Inhalt einer Rechtsnrom sachlich begründet? Oberstes Regulativ ist das soziale Ideal, das die zwei Grundsätze des richtigen Rechts liefert: "1. Achte jeden in seiner Besonderheit, 2. laß jedes Glied der Gemeinschaft auch an anderen Lebensgütern teilnehmen." - Die "reine Rechtslehre" hat zu geben, "was sich in rechtlichen Erörterungen mit unbedingter Allgemeingültigkeit aufstellen läßt". - STAMMLERs "Rechtsphilosophie" geht vom geschichtlich gegebenen Recht aus und fragt in "kritischer Selbstbesinnung nach den Begriffen und Grundsätzen, die unerläßlich sind, um Einheit und Ordnung in allen jemals denkbaren Rechtsfragen zu haben."

Die eingehendste Kritik STAMMLER gab JULIUS BINDER, "Rechtsbegriff und Rechtsidee", Leipzig 1915. Ebenso wendet sich gegen ihn G. A. WIELIKOWSKI, "Die Neukantianer und die Rechtsphilosophie", München 1914.

Verwandtschaft mit COHEN (wie auch HEGEL) weist auch auf BERTHOLD KERN (geb. 1848 in Münsterberg, Generalarzt und Subdirektor der Kaiser-Wilhelms-Akademie). "Das Erkenntnisproblem und seine kritische Lösung", Berlin 1910 u. a. Die Trennung zwischen Objekt und Subjekt kommt nach KERN erst durch eine Spaltung des ansich einheitlichen Erlebnisvorgangs vermöge unseres beziehenden Denkens zustande. Physisches und Psychisches sind in Wahrheit ihrem Inhalt nach identisch, indem sie nur verschiedene begriffliche Auffassungsweisen eines und desselben Inhalts darstellen. Die eine bezieht alles auf den Raum und Stoff, die andere auf das Ich. Diese drei Begriffe sind lediglich der Ordnung der Wahrnehmungsinhalte dienende "Beziehungsbegriffe". Sie finden Anwendung, wo und wie wir es für zweckmäßig erachten. Selbst die Empfindung ist kein ursprüngliches Element unserer Erfahrung, sondern ein erst im Urteil gewonnener Begriff, "ein automatisch gewordenes Urteil". Sie verliert damit den Charakter des "Gegebenen". Auf biologischem Gebiet vertritt KERN die rein mechanistische Auffassung. Das Wesen der Religion erachtet KERN nur auf dem Weg historischer Besinnung über ihren Entwicklungsgang aufklärbar. Es ergibt sich dabei, daß sie Grundphänomen und Endphänomen des geistigen Gesamtlebens zugleich sei. Ihre Entwicklung ist noch nicht zu Ende. Das Endphänomen derselben wird in einer Loslösung auch des Glaubensinhaltes und der Ethik von ihr bestehen, so daß sie dann in ihrer lauteren Reinheit zutage tritt. - Wenn KERN seinen Standpunkt als entschiedenen "Realismus" bezeichnet, so ist wohl zu beachten, daß er das Ding-ansich durchaus ablehnt, so daß sein Realismus dem Empiriokritizismus nahesteht.
LITERATUR: Friedrich Überweg, Grundriß der Geschichte der Philosophie, Vierter Teil, Berlin 1923