p-4cr-2Th. ElsenhansP. NatorpA. MeinongF. BrentanoM. SchlickR.Avenarius    
 
CARL STUMPF
Psychologie und Erkenntnistheorie
[1/3]

"Wir können, lehrt uns die Kritik, nicht von einem  Gegenstand  reden, noch weniger von der  Natur  als der umfassenden gesetzlich zusammenhängenden Einheit der Gegenstände oder von Naturgesetzen als den Regeln dieses Zusammenhangs, ohne die Kategorien der Einheit, Allheit, Substanzialität, Kausalität, Notwendigkeit usw. auf die Erscheinungen anzuwenden. Jede Kategorie ist eine Form der Synthese oder, wie man auch gesagt hat, eine Einheitsfunktion. So ist es der Verstand, der durch die Betätigung seiner Einheitsfunktionen die Gegenstände, die Natur und ihre Gesetzlichkeit  schafft.  Die Natur ist nicht zuerst da und spiegelt sich nur im Verstand ab, sondern sie entsteht als Natur erst im Verstand und durch ihn. Die Erscheinungen als solche haben keine Regel, keine Ordnung, kein Gesetz in sich."

"Einer der modernen Kritizisten nach Kant drückt sich, von der  Einheit der Apperzeption  sprechend, so aus: "Wir können a priori nur das von den Dingen erkennen, was wir selbst in sie legen. Woher nehmen wir selbst dasjenige, was wir in die Dinge legen müssen, um etwas a priori an ihnen zu erkennen? Wenn jetzt die Antwort lautet: aus dem Bewußtsein, so denken wir das Bewußtsein als den Inbegriff der Mittel und Methoden, die jenes Hineinlegen ausmachen." Werden wir hier nicht einfach im Kreis herumgeführt? Wir nehmen dasjenige, was wir in die Dinge legen müssen, aus dem Inbegriff der Methoden, die - das Hineinlegen ausmachen."

I. Die Streitfrage

Als ZELLER in seinem Vortrag "Über Bedeutung und Aufgabe der Erkenntnistheorie" (1862) zur erneuten Pflege dieser Wissenschaft aufforderte, bezeichnete er als ihre Aufgabe die Untersuchung der Voraussetzungen, unter denen der menschliche Geist zur Erkenntnis der Wahrheit befähigt ist, spezieller die Untersuchung des  Ursprunges  und der  Wahrheit  unserer Vorstellungen. Er nannte es KANTs unsterbliches Verdienst, daß er diese Frage aufs Neue in Fluß gebracht und gründlicher als seine Vorgänger gelöst habe. Er betonte die Notwendigkeit, in der Logik auf solche Untersuchungen zurückzugehen. Daß sie auch mit der Psychologie eng zusammenhängen, sagt er nicht ausdrücklich; aber was er über den Ursprung unserer Vorstellungen in diesem Vortrag und besonders in den späteren Zusätzen (1877) beibringt, läßt über seine affirmative Ansicht auch in dieser Beziehung keinen Zweifel zu.

In der neukantischen Schule, die sich seitdem entwickelt hat, sind andere Anschaungen hierüber hervorgetreten. Zwar pflegt man die Logik auch von dieser Seite zumeist mit Erkenntnistheorie zu vereinigen. Umso schärfer aber wird die Psychologie davon abgesondert, ja in einen diametralen Gegensatz dazu gebracht. Diese Anschauung hat so um sich gegriffen, daß auch solche, die man nicht zur Schule rechnen kann, einer möglichst weitreichenden Arbeitsteilung und einer prinzipiellen Unabhängigkeit der Erkenntnistheorie das Wort reden. Damit steht eine veränderte Auffassung der eigentümlichen Leistung KANTs in Verbindung, als welche eben diese scharfe Sonderung und Entgegensetzung bezeichnet wird. Psychologie der Denktätigkeiten habe es seit LOCKE und schon früher gegeben. Auch die von DAVID HUME aufgeworfenen Schwierigkeiten bezüglich der Erkenntnis von Kausalgesetzen seien von diesem Standpunkt aus bereits durch KANTs Zeitgenossen NICOLAS TETENS so vollständig als möglich behandelt. Aber erst KANT verdanke man die Emanzipation der Erkenntnistheorie von der Psychologie, das ist die Erkenntnis kritik.  Wohl geben die Meisten zu, daß die Trennung sich bei KANT selbst erst in der zweiten Auflage der Vernunftkritik und auch da nicht konsequent genug vollzogen finde. Es wird, wenn ich so sagen darf, ein idealer und ein historischer KANT unterschieden. (1) Einige glauben die Tendenz zur reinen Erkenntniskritik, zum "kritischen Idealismus", auch schon bei LEIBNIZ, bei DESCARTES, bei PLATO zu finden, wodurch das Eigentümliche der Kantischen Leistung auch von diesem Standpunkt einigermaßen in Frage gestellt wird. Doch mögen solche Differenzen hier auf sich beruhen.

Wir bezeichnen im Folgenden mit dem Ausdruck "Kritizismus" die Auffassung der Erkenntnistheorie, welche sie von allen psychologischen Grundlagen zu befreien sucht, mit dem Ausdruck "Psychologismus" (den wohl JOHANN EDUARD ERDMANN zuerst gebraucht hat) die Zurückführung aller philosophischen und besonders auch aller erkenntnistheoretischen Untersuchungen auf Psychologie; und wir lassen nun die Kritizisten und Psychologisten ihre Geschosse gegeneinander richten, wobei wir der Sache halber auf eine möglichst scharfe Zuspitzung der Argumente bedacht sind, ohne Rücksicht darauf, ob sie genau in dieser Form in der Literatur vertreten sind.

Der nächstliegenden Argumentation des Psychologisten, daß die Erkenntnis doch selbst ein psychischer Vorgang und demgemäß die Untersuchung ihrer Bedingungen eine psychologische Untersuchung sei, hält der Kritizist entgegen, daß psychologische Forschung uns wohl zu gewissen Tatsachen des inneren Lebens, zur Kenntnis der Denk- und Gefühlsprozesse und allenfalls zu empirischen Regeln, wie denen der Ideenassoziation, führen könne, niemals aber zur Erkenntnis allgemeiner und notwendiger Wahrheiten, am wenigsten solcher, die auch objektiv gelten sollen, etwa der geometrischen Grundsätze des Kausalgesetzes. Das letztere liegt gerade umgekehrt auch aller psychologischen Forschung zugrunde. Die Psychologie sei eine besondere Erfahrungswissenschaft, die Erkenntnistheorie lehre uns die Bedingungen für die Möglichkeit jeder Erfahrung überhaupt.

So in die Defensive gedrängt hat der Psychologist gleichwohl noch einen leichten Stand, solange von den eigentümlichen Positionen der Kantischen Philosophie Umgang genommen wird. Zu Erkenntnissen, antwortet er, kann man gelangen ohne Erkenntnistheorie, ebenso wie man essen und spazierengehen kann ohne Physiologie. Man kann einsehen, daß das Quadrat der Hypotenuse gleich der Summe der analytischen und synthetischen Urteile zu ahnen. Man konnte die Pendelgesetze entdecken, ohne das Kausalgesetz etwa als einen synthetischen Grundsatz a priori zu erkennen. Und so konnte und kann man auch psychische Zusammenhänge ohne eine Theorie des Erkennens erforschen. Dies würde als etwas Selbstverständliches nicht der Erwähnung bedurft haben, wenn nicht doch manche Äußerungen von kritizistischer Seite auf eine gegenteilige Meinung schließen ließen. "Soll es - so fragt Einer - Erkenntnis geben ohne Kritik derselben? Das wäre eine Erkenntnis ohne Gesetz, ohne eine Norm ihrer Wahrheit, mithin ohne Wahrheit." Mit nichten! Eine Erkenntnis kann nicht bloß wahr, sie kann dem Erkennenden bis in ihre letzten Gründe völlig evident sein, ohne daß er sich eine Theorie dieser Evidenz gebildet hätte.

Soviel ist allerdings richtig, daß man vielfach mit Voraussetzungen rechnet, die nur eben durch den Gebrauch als nützlich befunden sind und daß die Forschung, nachdem sie so ein gutes Stück vorwärts gekommen, das Bedürfnis empfindet, auch rückwärts nach der etwaigen inneren Berechtigung oder Notwendigkeit jener Voraussetzungen zu fragen und sie selbst unter allgemeine Begriffe und Regeln zu bringen. Wie die Prozesse und Hantierungen des täglichen Lebens allgemach der Theorie unterworfen und später "mit Bewußtsein" ausgeführt werden, wie das natürliche Sehen und Hören zur Optik und Akustik und weiter zur Konstruktion feinster Werkzeuge und zur Aufstellung scharfer Kriterien für die objektive Zuverlässigkeit der Wahrnehmungen geführt hat, so ist auch die Erkenntnistheorie die Tochter des natürlichen Erkennens und die Mutter des künstlichen (kunstgemäßen). Mit Recht haben daher LOCKE und HUME das Ziel einer solchen Untersuchung nicht in das Erkennen überhaupt, sondern in die genauere Bestimmung der Mittel und Wege, der Grenzen und der Wahrscheinlichkeitsgrade unserer Erkenntnisse gesetzt.

Man könnte die Behauptung wagen, daß die Psychologie einer solchen nachträglichen Prüfung ihrer Voraussetzungen weniger bedürfe als die Naturwissenschaften: insofern gerade  die  Voraussetzung, welche am meisten zur Erkenntnistheorie hindrängt, die Annahme einer vom Bewußtsein unabhängigen materiellen Außenwelt, für sie irrelevant erscheint. Doch wollen wir hierauf kein Gewicht legen, da es doch nicht ohne Weiteres klar ist, ob die Psychologie wirklich ohne diese Annahme auskommt, wenn anders sie ihre Aufgabe nicht bloß in der Beschreibung, sondern auch in der genetischen Erforschung der psychischen Zustände erblickt.

Zu erkenntnistheoretischen Reflexionen drängt also die Psychologie wie jede Wissenschaft in ihrem Fortgang hin und sie bedarf derselben zur Vollendung, nicht aber zum Beginn. Wie nun? ist auch Erkenntnistheorie in ihrem Beginn oder überhaupt von aller Psychologie unabhängig? bedarf sie nicht ganz notwendig psychologischer Vorarbeit und Mitwirkung, zumindest in der Frage nach dem Ursprung unserer Begriffe?

Dies zu widerlegen, hält der Kritizist stärkere und tiefer einschneidende Waffen in Bereitschaft, die er dem Arsenal der Kritik der reinen Vernunft entnimmt: die Lehre von den Wurzeln aller wissenschaftlichen Erfahrung in den apriorischen Formen der Anschauung und des Denkens, von der transzendentalen Synthesis und dem transzendentalen Schematismus.

Wir können, lehrt uns die Kritik, nicht von einem "Gegenstand" reden, noch weniger von der "Natur" als der umfassenden gesetzlich zusammenhängenden Einheit der Gegenstände oder von Naturgesetzen als den Regeln dieses Zusammenhangs, ohne die Kategorien der Einheit, Allheit, Substanzialität, Kausalität, Notwendigkeit usw. auf die Erscheinungen anzuwenden. Jede Kategorie ist eine Form der Synthese oder, wie man auch gesagt hat, eine Einheitsfunktion. So ist es der Verstand, der durch die Betätigung seiner Einheitsfunktionen die Gegenstände, die Natur und ihre Gesetzlichkeit  schafft.  Die Natur ist nicht zuerst da und spiegelt sich nur im Verstand ab, sondern sie entsteht als Natur erst im Verstand und durch ihn. Die Erscheinungen als solche haben keine Regel, keine Ordnung, kein Gesetz in sich.

Zur Darlegung dieses Sachverhaltes nun, sagt der Kritizist, ist keiner psychologische Voraussetzung, Tatsache oder Beobachtung nötig. Wir gehen vom Begriff der wissenschaftlichen Erfahrungaus und fragen nach den Bedingungen, welche eine solche möglich machen, nach den Voraussetzungen oder Elementen, die in jenem Begriff enthalten sind. Wir finden darin den Begriff der Substanz usw. Von den "Bedingungen einer möglichen Erfahrung" wird hier nicht im psychologischen Sinne gesprochen. Es wird nichts darunter verstanden als die Elemente, die sich durch eine Analyse des Begriffes Erfahrung ergeben. Somit ist Erkenntniskritik ohne Psychologie möglich. Ja, sie kann die Psychologie nicht heranziehen, ohne sich zu verunreinigen. Die Deduktion der Gültigkeit der Kategorien darf nicht von der Gültigkeit einer einzigen psychologischen Tatsache oder eines einzigen Gesetzes abhängig gemacht werden. (2)

Obgleich nun Kritizisten strengster Observanz - dogmatische Kritizisten! - diese Sachlage als eine für alle Zeiten ausgemachte hinstellen und über Andersdenkende von vornherein schwere Zensuren verhängen, so lassen doch viele ältere wie neuere Untersuchungen über KANTs Lehre eine allmähliche Verständigung der weniger Extremen auf beiden Seiten erhoffen. Es handelt sich zuerst um die Frage, inwiefern und inwieweit gesagt werden kann, daß der Verstand die Gegenstände und ihre Gesetzlichkeit schaffe (II); dann um die Positionen, welche dieser Lehre als hauptsächliche Stütze dienen, die Trennung von Materie und Form (III) und die Lehre von der synthetischen Notwendigkeit (IV).

Über alle diese Fragen ist seit einem Jahrhundert unübersehbar Vieles und darunter auch Treffliches gesagt worden. Aber nur ein kleiner Teil davon kommt für unseren Zweck in Betracht. Der größte Teil bezieht sich ohnedies auf bloße Interpretationsfragen, wie sie durch die dunkle und gewundene Darstellungsweise KANTs veranlaßt sind und schon manchen Ausleger zur resignierten Anerkennung vielfacher Widersprüche genötigt haben. (3) Um solche Diskussionen tunlichst zu vermeiden - ganz sind sie ja nicht zu umgehen - halte ich mich an die jeweilig günstigste und von den modernen Kritizisten bevorzugte Auslegung. Hierzu treibt uns nicht bloß KANTs eigene Erinnerung, "daß es gar nichts Ungewöhnliches sei, durch die Vergleichung der Gedanken, welche ein Verfasser über seinen Gegenstand äußert, ihn sogar besser zu verstehen als er sich selbst verstand, indem er seinen Begriff nicht genugsam bestimmte und dadurch bisweilen seiner eigenen Ansicht entgegen redete", und das Billigkeitsmotiv, daß man diese "mildere und der Natur der Dinge angemessenere Auslegung" auch ihm selbst zugestehen müsse (AUGUST STADLER), sondern auch taktische Gründe: denn nur in diesem Fall läßt sich für unsere sachliche Streitfrage ein sachlicher Gewinn und eine Verständigung erhoffen.


II. Schöpfung der Natur durch den Verstand

Da Begriffe als solche nur im Bewußtsein existieren, so ist es eine unbezweifelbare Wahrheit, daß die Vereinigung von Erscheinungen zum Begriff eines Gegenstandes, die Beziehung von Erscheinungen oder Gegenständen aufeinander unter dem Gesichtspunkt der Kausalität, die Zusammenfassung aller Gegenstände und Kausalverbindungen im Begriff der Natur, daß alle diese Synthesen Denkakte, Bewußtseinsfunktionen sind. Es ist auch nichts dagegen zu sagen, wenn man gerade im Zusammendenken,  syllabein eis hen  [Zusammenfassung in Eins - wp], eine charakteristische Funktion des Denkvermögens erblickt, obschon auch die andere von PLATO daneben hervorgehobene, das Zertrennen eines in der Anschauung einheitlich Gegebenen nicht minder wesentlich erscheint. Aber die Kernfrage bleibt: was dürfen, können, müssen wir vereinigen, was nicht? Weder der allgemeine Begriff einer "Einheitsfunktion" noch die einzelnen "Formen der Synthese" (Kategorien) geben hierfür eine Anleitung. Hier setzt nun bekanntlich die "transzendentale Deduktion" und der "Schematismus" der reinen Verstandesbegriffe ein. Die erste soll das Recht dartun, Kategorien überhaupt auf Erscheinungen anzuwenden, die zweite Möglichkeit oder den Weg angeben, auf welchem dies geschehen kann. Unserem regressiven Plan gemäß ziehen wir zuerst den letzten Punkt in Betracht.

1. (Zum Schematismus) Die Anwendung der Kategorien auf Erscheinungen wird nach KANT ermöglicht und geregelt durch die Schemata, das ist durch Raum und Zeit, in welchen sich die Erscheinungen ordnen. Das geläufigste Beispiel, woran auch wir uns zunächst halten, ist die durch die Zeitfolge vermittelte Anwendung der Kausalität. Wenn auf eine Begebenheit regelmäßig eine andere folgt, so wird diese Kategorie ins Spiel gesetzt, gleichsam ausgelöst. Wir sprechen dann von einem nicht bloß subjektiven (durch die zufällige Richtung der Einbildungskraft bestimmten) sondern objektiven Zusammenhang; das will nichts anderes heißen als: von einem unter der Regel der Kausalität stehenden, kausal notwendigen Zusammenhang.

Gegenüber dem naheliegenden und von SCHOPENHAUER bereits vorgebrachten Bedenken, daß doch Tag und Nacht regelmäßig aufeinanderfolgen, ohne daß wir sie in Kausalverbindung bringen, haben Verteidiger KANTs bemerkt, daß es sich bei KANT nicht um einzelne Erscheinungen sondern um Veränderungen von Substanzen handle. Die Anwendung des Substanzbegriffes selbst aber wird von KANT bereits vorher erläutert. Wir mögen daher, wenn auch die Schwierigkeit dadurch vielleicht nur zurückgeschoben ist, einer möglichst immanenten Kritik halber hier von diesem Bedenken Umgang nehmen.

Auf einen anderen Einwand, daß nämlich Ursache und Wirkung, genau genommen, immer zugleich seien, da in demselben Moment, wo die Bedingungen eines Ereignisses vollständig vorhanden sind, das Ereignis eintreten müsse (4), hat KANT selbst bereits erwidert. "Hier mus man wohl bemerken, daß es auf die  Ordnung  der Zeit und nicht den  Ablauf  derselben abgesehen sei; das Verhältnis bleibt, wenngleich kein Zeitverlauf ist. Die Zeit zwischen der Kausalität der Ursache und deren unmittelbarer Wirkung kann verschwindend (sie also zugleich) sein; aber das Verhältnis der einen zur anderen bleibt doch immer der Zeit nach bestimmbar. Wenn ich eine Kugel, die auf einem ausgestopften Kissen liegt und ein Grübchen darin drückt, als Ursache betrachte, so ist sie mit der Wirkung zugleich. Allein ich unterscheide doch beide durch die Zeitverhältnisse der dynamischen Verknüpfung beider. Denn wenn ich die Kugel auf das Kissen lege, so folgt auf die vorige glatte Gestalt das Grübchen; hat aber das Kissen (ich weiß nicht woher) ein Grübchen, so folgt darauf nicht eine bleierne Kugel." (5)

Was will aber KANT damit sagen, daß wir Ursache und Wirkung durch die "Zeitverhältnisse der dynamischen Verknüpfung" unterscheiden? Eine dynamische Verknüpfung ist nicht ein Zeitverhältnis. Sie ist ja eben das, was wir aus dem Zeitverhältnis der regelmäßigen Folge erst entnehmen sollen.

Aufklärung bietet vielleicht eine kurz nachher folgende Stelle, wo KANT betont, daß jeder Übergang in einen neuen Zustand Zeit gebraucht und so auch jede Ursache eine Zeit lang wirkt und währenddessen den neuen Zustand durch kleinere Grade hindurch erzeugt. Man kann noch hinzufügen, daß das, was wir im strengen Sinn als Ursache bezeichnen, nämlich der vollständige Inbegriff der Bedingungen eines Zustandes, sich auch nur allmählich in der Zeit zusammenfindet. In diesen beiden Rücksichten läßt sich sagen, daß die Ursache der Wirkung vorhergeht: die Ansammlung der Bedingungen geht der Wirkung und zumal der vollständigen Erzeugung der Wirkung vorher.

Wollen wir nun aufgrund dieser Auslegung auch von diesem Einwand absehen, so führt er doch unmittelbar zu einem dritten, den ich in der Tat ohne Weiteres für unlösbar halte. Auch er ist nichts weniger als neu, muß aber immer wieder eingeschärft werden.

Scheidet man mit KANT vollkommen scharf den Begriff der Kausalität und den des Zeitverlaufs, dergestalt, daß keiner dieser Begriffe den anderen irgendwie einschließt, so ist aus diesen Begriffen auch nicht mehr einzusehen, warum nur das Frühere Ursache des Späteren sein könnte und nicht umgekehrt. Man kann sich dann ohne logische Schwierigkeit ebenso denken, daß das Spätere Ursache des Früheren wäre oder daß gar kein festes Zeitverhältnis zwischen Ursache und Wirkung bestände.

Daß die Zeit mit den Kategorien die Apriorität, mit den Sinneserscheinungen die Anschaulichkeit gemein hat, gibt ihr zwar eine mittlere, aber nicht eine vermittelnde Stellung; es liefert keinen Grund, die Erscheinungen unter die Kategorien zu  subsumieren.  Drastisch, aber nicht unrichtig wirft UEBERHORST gegen eine solche Motivierung ein: "Kann man etwa mit Hilfe der Vorstellung eines Glases, welches mit einem Laubblatt die Eigenschaft der grünen Farbe, mit der Luft die der Durchsichtigkeit gemeinsam hat, das Laubblatt unter den Begriff der Luft subsumieren?" (6) - Und schließlich würde im besten Fall doch nur die Anwendbarkeit der Kategorie überhaupt, nicht diese bestimmte Beziehung der Kausalität zur Zeitfolge im Gegensatz zu der umgekehrten Beziehung sich daraus ergeben.

Der einzige Grund, auf den man sich, KANTs Prämissen zugegeben, zur Ableitung dieser bestimmten Beziehung etwa stützen könnte, wäre jene allmähliche Ansammlung der Bedingungen, bis die Ursache komplett ist und das allmähliche Wachstum der Wirkung vom ersten Moment der Wirksamkeit an. Aber dies sind, soviel ich sehe, empirische Tatsachen. Es scheint unmöglich, sie aus dem Begriff der Ursache und Wirkung abzuleiten.

Es ist aus den Prämissen der Vernunftkritik auch nicht ableitbar, warum dieselbe Wirkung von verschiedenen Ursachen erzeugt werden kann, während doch dieselbe Ursache stets nur  eine  Wirkung hat. Wenn der letztere Satz wirklich mit dem Begriff der Kausalität und der Zeitfolge apriori gegeben ist, warum nicht auch der erstere? - Es ist nur ein Zeichen dieser Konsequenz, was bei einem namhaften neueren Darsteller der Lehre zu lesen steht: "Tatsächlich behaupten wir alle, daß das Wasser gar nicht in den Siedezustand geraten konnte, ohne daß eine Wärmeerzeugung vorangegangen wäre, daß das Feuer  jederzeit  vorher da sein  muß,  ehe das Kochen des Wassers eintreten kann." Tatsächlich behaupten wir das  nicht  alle. Das Wasser kann auch ohne Feuer und ohne Wärme sieden, durch Verminderung des Luftdruckes. Natürlich hilft es nichts, wenn man dies so auslegen will, daß durch Verminderung des Druckes ebenso wie durch Erhitzung ein und derselbe bestimmte Zustand der Moleküle des Wassers geschaffen werde, der dann regelmäßig das Sieden zur Folge habe, sodaß diese Wirkung doch jedesmal durch dieselbe Ursache erzeugt werde. Denn nun kann eben wieder jener Zustand der Moleküle durch zweierlei Ursachen hervorgerufen werden.

Ähnliches wie bezüglich des Kausalbegriffes gilt nun auch für den Substanzbegriff. Daß die Begründung der Anwendbarkeit hier vielleicht noch plausibler erscheint, rührt davon her, daß KANT Substanz eben von vornherein als das Beharrliche, Unwandelbare definiert, was den Zeitbegriff einschließt. "Der Zeit, die selbst unwandelbar und bleibend ist, korrespondiert in der Erscheinung das Unwandelbare im Dasein, das ist die Substanz und bloß an ihr kann die Folge und das Zugleichsein der Zeit nach bestimmt werden."

Entweder ist das Merkmal der Beharrlichkeit wörtlich zu verstehen, dann liegt im Substanzbegriff ein Zeitmerkmal, was dem Wesen der Kategorien durchaus widerspricht oder in irgendeinem nur uneigentlichen Sinne, dann ist es ganz vergeblich, durch die bloße Analogie die Subsumierbarkeit zu beweisen.

Offenbar gilt das Nämliche für alle Kategorien. Es ist also kein Weg und keine Möglichkeit, Kategorien in einleuchtender Weise auf Erscheinungen anzuwenden. Die Anwendung könnte nur auf willkürlicher Satzung oder auf einem unbegreiflichen psychologischen  Zwang  beruhen und wir wären im Fahrwasser des vollen Skeptizismus. Denn eine blinde Nötigung, Erscheinungen mit Begriffen zu verbinden, ohne irgendeine Verwandtschaft, einen direkten oder indirekten sachlichen Zusammenhang, ohne den Schatten einer Einsicht in das Warum, würde immer wieder die Frage nach der Berechtigung des Verfahrens erwecken. Wenn wirklich die Erkenntniskritik auf bloße Konstatierung einer solchen psychologischen Maschinerie hinausliefe, so würde sie damit ja gerade selbst in einen Psychologismus der schlimmsten Art übergehen. Gegen den bloßen Zwang einer geistigen Organisation, worin allerdings Manche (wie FRIEDRICH ALBERT LANGE) das Wesentliche der Kantischen Lehre erblicken, gegen ein solches "Präformationssystem der reinen Vernunft" hat sich KANT energisch genug ausgesprochen. "Ich würde nicht sagen können: die Wirkung ist mit der Ursache im Objekt (d. h. notwendig) verbunden, sondern ich bin nur so eingerichtet, daß ich diese Vorstellung nicht anders als so verknüpft denken kann; welches gerade das ist, was der Skeptiker am meisten wünscht; denn alsdann ist alle unsere Einsicht ... nichts als lauter Schein und es würde nicht an Leuten fehlen, die diese subjektive Notwendigkeit (die gefühlt werden muß) von sich nicht gestehen würden; zumindest könnte man mit Niemandem über dasjenige hadern, was bloß auf der Art beruth, wie sein Subjekt organisiert ist." (Ausgabe KEHRBACH, Seite 683) Und doch wird man beim Mangel an einleuchtender Beweisführungen unweigerlich zu einem solchen Präformationssystem und damit zum Skeptizismus hingedrängt. Bloß zu sagen: "die Anwendung der Kategorien in der beschriebenen Weise ist Bedingung der Erfahrung; ohne sie müßten wir auf alle wissenschaftliche Erfahrung verzichten" - dies wird keinen Skeptiker überzeugen. Er wird eben den Schluß ziehen: "Also müssen wir verzichten." Beruft sich der Kritizist darauf, daß es doch tatsächlich Erfahrungswissenschaft gibt, so braucht der Skeptiker nur sich selbst als Beleg hinzustellen, daß an der Erfahrung im Sinne der Annahme unbedingt gültiger Naturgesetze immerhin gezweifelt werden kann. Und sicherlich wird sich ein solcher Zweifel nicht durch die noch so umständliche Aufzeigung eines gewissen ineinandergreifenden Räderwerks von Formen und Schemen, sondern nur durch die Aufsuchung der  logischen  Mittelglieder, die von den unmittelbaren Einsichten zu jenen hinführen, als ein unvernünftiger dartun lassen. nicht sogenannten  "Nachweise"  im Sinne der Kritizisten, sondern allein  Beweise  im gewöhnlichen Sinne der Logik können hier helfen.

Hiermit stehen wir schon in dem Problem, welches KANT durch die "transzendentale Deduktion" lösen wollte. Sie soll nicht die Handhabe für die Anwendung der Kategorien im Einzelnen, sondern das Recht dazu überhaupt aufzuzeigen. Obgleich dies von vornherein vergebnlich erscheint, wenn die Berechtigung für die Anwendung im Einzelnen nicht erweisbar ist und unnötig, wenn sie es ist, so möchte ich doch nicht unterlassen, auch hier den Punkt zu bezeichnen, der den "kritischen" Wendepunkt im doppelten Sinn des Wortes bilden dürfte.

2. (Zur transzendentalen Deduktion) Alle jene Tätigkeiten, welche KANT unter dem Namen der Synthesis der Apprehension [Bewußtmachung - wp] in der Anschauung, der Reproduktion in der Einbildung, der Rekognition im Begriff oder der transzendentalen Apperzeption aufzählt (die wir hier einmal als Ergebnisse der kritischen Methode hinnehmen wollen, ohne die psychologische Natur dieser Aufstellungen und die Notwendigkeit ihrer psychologischen Prüfung zu urgieren) - sie führen anerkanntermaßen insgesamt im besten Fall nur zu der Einsicht, daß es in der Natur und Tendenz unseres Erkennens liegt, einen Zusammenhang in die Erscheinungswelt zu bringen, aber nicht zu der Einsicht, daß die Erscheinungswelt sich dem fügen muß.

Fragen wir den Physiker der Gegenwart, warum er Licht und Elektrizität identifiziert, so beruft er sich auf bestimmte Eigentümlichkeiten der Erscheinungen. Zunächst glaubt er sich berechtigt, die Licht- und Elektrizitätserscheinungen, wie die Sinne sie uns darbieten, mit Rücksicht auf die Interferenz und dgl. auf objektive Wellenbewegungen zu beziehen, weiterhin, diese Bewegungen identisch zu setzen. Der Philosoph mag noch so viele Vorbehalte bezüglich des Begriffes einer Außenwelt überhaupt daran knüpfen, in keinem Fall darf er übersehen, daß  bestimmte  Synthesen nur durch eine Erwägung der besonderen Beschaffenheit der Erscheinungen und ihrer mannigfachen raumzeitlichen Kombinationen gewonnen werden. Wenn aber in allen einzelnen Fällen bestimmte Synthesen durch bestimmte den Erscheinungen selbst entnommene Gründe gerechtfertigt werden müssen, so bedürfen wir keiner Rechtfertigung a priori und im Allgemeinen und ist auch keine möglich. Man sage nicht: der Begriff des Naturgesetzes oder die Möglichkeit eines solchen im Allgemeinen gründet ausschließlich im Verstand, die besonderen wirklichen Naturgesetze aber in der Anwendung des Verstandes auf die Erscheinungen. Worin alle besonderen Naturgesetze gründen, darin gründet auch der Begriff des Naturgesetzes überhaupt, der nur eine Abstraktion von den besonderen Naturgesetzen ist.

In dem uns gegebenen Erscheinungsstoff müssen also die ausschlaggebenden, logisch einleuchtenden Gründe aller Synthesen gesucht werden. Die Begriffe des Gegenstandes, der Natur, der Naturgesetze sind, wenn wir eine bei Gelegenheit des Universalienstreites vielfach gebrauchte scholastische Formel hierher übertragen wollen, entia rationis cum fundamento in re [Das Wesen der Vernunft ist Grundlage des Wirklichen. - wp]; - unter res zunächst die Erscheinungen verstanden, weiterhin allerdings die objektiven Dinge, ohne welche wieder die Erscheinungen nicht verstanden werden.

In der "transzendentalen Deduktion" ist unter den vielen technischen Ausdrücken und Begriffen keiner merkwürdiger als der der  "Affinität"  oder  "Assoziabilität" der Erscheinungen  (1. Auflage der Kritik der reinen Vernunft), wodurch die bloß zufällige Verbindung von Vorstellungen sich von derjenigen unterscheide, die wir als ein Naturgesetz aussprechen. Die Erscheinungen, sagt KANT ausdrücklich, müssen  "ansich assoziabel"  sein. Freilich - ich möchte sagen: leider - fügt er sofort hinzu: "Diesen objektiven Grund aller Assoziation der Erscheinungen können wir nirgends anders als im Grundsatz von der Einheit der Apperzeption, in Ansehung aller Erkenntnisse, die mir angehören sollen, antreffen." Er sträubt sich durchaus, das was uns sinnlich  gegeben  ist, irgendwie maßgebend werden zu lassen. Gerade in diesem vergeblichen Bemühen liegt, wie mir scheint, der letzte Grund all der Dunkelheit, welche man von jeher besonders in diesem Abschnitt des berühmten Werkes gefunden hat.

Eine genau analoge Wendung nur mit dem Unterschied, daß statt der Erscheinungen der jenseitige Gegenstand als das Bestimmende und Einheitgebende anerkannt wird, enthält der Abschnitt über die Synthesis der Rekognition, wo KANT den Gegenstand des Erkennens als dasjenige bezeichnet "was dawider ist, daß unsere Erkenntnisse nicht aufs Geratewohl oder beliebig, sondern (dafür ist, daß sie (7)) a priori auf gewisse Weise bestimmt seien;" sofort aber hinzufügt, daß es sich mit der durch dieses  X  bedingten Einheit doch nur um die  formale  Einheit des Bewußtseins in der Synthesis handeln könne.

In solchen nahezu tautologischen Wendungen folgen die modernen Kritizisten KANT nach. Einer drückt sich, von der "Einheit der Apperzeption" sprechend, also aus: "Wir können a priori nur das von den Dingen erkennen, was wir selbst in sie legen. Woher nehmen wir selbst dasjenige, was wir in die Dinge legen müssen, um etwas a priori an ihnen zu erkennen? Wenn jetzt die Antwort lautet: aus dem Bewußtsein, so denken wir das Bewußtsein als den Inbegriff der Mittel und Methoden, die jenes Hineinlegen ausmachen." (8) Werden wir hier nicht einfach im Kreis herumgeführt? Wir nehmen dasjenige, was wir in die Dinge legen müssen, aus dem Inbegriff der Methoden, die - das Hineinlegen ausmachen.

Dagegen glaube ich die entscheidende Einsicht bei einem anderen sonst sehr überzeugten Anhänger des Kritizismus zu finden. Er unterscheidet im Bewußtsein die "Bewußtheit" und den Inhalt. "In der Bewußtheit als solcher ist keine solche Einheit, die etwa die Einheit des Gesetzes und damit die des Gegenstandes begründen könnte. ... Die Bewußtheit wird nur gewissermaßen bestimmt durch die Bestimmtheit des Inhalts. Somit ist es der Inhalt allein und zwar hinsichtlich seiner Verbindung im jedesmaligen Bewußtsein, der der psychischen oder Bewußtseinstatsache ihren eigentlich positiven Sinn gibt. ... Daher sind das fundamental Bestimmende eben die objektiven (inhaltlichen) Einheiten." (9)

Es ist in der Tat nur die Hälfte oder nicht einmal die Hälfte der Wahrheit, was der Kritizismus uns unermüdlich wiederholt, daß wir die Ordnung und Gesetzlichkeit in die Erscheinungen hineinbringen, daß der Verstand die Quelle der Natur und ihrer Gesetze sei. Wir können diese Behauptung, aufgrund deren dann die Beteiligung der Psychologie an der Arbeit der Erkenntnistheorie abgelehnt wird, in ihrer Einseitigkeit nicht zugeben. Ob, wenn sie zutreffend wäre, eine solche Folgerung mit Recht daraus gezogen würde (denn Mancher möchte vielleicht umgekehrt schließen) (10) - die mag nun auf sich beruhen.

Wohl aber soll nunmehr an den Grundlagen des Kritizismus direkt gezeigt werden, wie gerade die Vernachlässigung psychologischer Untersuchungen zu den Aufstellungen hingedrängt hat, die wir soeben vom erkenntnistheoretischen Standpunkt selbst als einseitig und in ihrer Einseitigkeit undurchführbar erkannten. Es handelt sich vor allem um die durchgehende Unterscheidung von Materie und Form in unseren Vorstellungen.
LITERATUR: Carl Stumpf, Psychologie und Erkenntnistheorie, Abhandlungen der Philosophisch-Philologischen Classe der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 19. Bd., München 1892
    Anmerkungen
    1) Vgl. unter anderem WINDELBAND, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 1, Seite 224f, wo Windelband gerade auch in Bezug auf das Verhältnis KANTs zum "Psychologismus" zu dem Ergebnis gelangt, daß der wahre Kritizismus in keiner der Schriften KANTs zum vollen Ausdruck kommt, sondern nur einen der Übergangsstandpunkte bedeutet, welche er zwischen 1770 und 1780 durchlaufen hat. WINDELBAND betont ausdrücklich die "Abhängigkeit des Kritizismus von der psychologischen Theorie seines Urhebers, welche durch alle gegenteiligen Äußerungen derselben nicht verdeckt werden kann."
    2) Vgl. unter anderem ALOIS RIEHL, Der philosophische Kritizismus I, Seite 8 ("Die kritische Philosophie Kants kennt keine Psychologie"), Seite 18, 166, 247 usw.
    3) WINDELBAND kommt in der oben erwähnten Abhandlung zu dem Ergebnis, daß man in einem der wichtigsten Abschnitte der Kritik der reinen Vernunft zwischen drei verschiedenen Auffassungen fortwährend hin- und hergeworfen wird (Seite 256f). VAIHINGER findet in der Kritik überhaupt drei bis fünf verschiedene Begriffsreihen "in einem einzigen schwer entwirrbaren Argumentationsknäuel verknüpft". Der noch unvollendete Kommentar dieses Kantforschers mit seiner mühevollen Zusammenstellung und Besprechung aller Auslegungen bietet ein ganz entmutigendes Bild. Der Verfasser greift trotz aller Verehrung wiederholt zu den stärksten Ausdrücken über die in KANTs Darstellung herrschende Verwirrung und führt oft genug gerade die dogmatischsten Kritizisten selbst, die doch jeden Einwand gegen die Kantische Lehre als Mißverständnis erklären, zum Beleg verschiedener und entgegengesetzter Auslegungen an. Gelegentlich läßt er sogar einen ihrer Hauptführer für sich allein schon "eine Wolke von Mißverständnissen und dunklen, gesuchten Wendungen" verbreiten (I, 471).
    4) Schon DESCARTES erklärt dies für einen evidenten Satz: "Lumen naturale non dictat ad rationem efficientis requiri, ut tempore prior sit suo effectu: nam contra, non proprie habet rationem causae, nisi quamdiu producit effectum, nec proinde illo est prior." (Responsiones ad primas objectiones, Meditat. 1685, Seite 56)
    5) Wir müssen hier wohl in KANTs Sinn genauer schreiben: "hat aber das Kissen ein Grübchen und lege ich die Kugel darauf, so folgt nicht die glatte Gestalt." Den Druck der Kugel in Verbindung mit der vorherigen Gestalt nennen wir die Ursache, die neue Gestalt ist die Wirkung; und die Zeitfolge dieser Umstände oder Zustände ist - darauf kommt es KANT an - nicht umkehrbar.
    6) So ergänzt VOLKELT mit Recht den sprachwidrig zusammengezogenen Satz (Kants Erkenntnistheorie nach ihren Grundprinzipien analysiert, Seite 114 und 115). Auch darin hat VOLKELT unzweifelhaft Recht, daß unter dem Gegenstand  X  hier nicht mit COHEN die Kategorie Substanz, sondern das Ding ansich zu verstehen ist.
    7) KANTs Lehre vom Verhältnis der Kategorien zur Erfahrung, 1878, Seite 20
    8) HERMANN COHEN, Kants Theorie der Erfahrung, 2. Auflage, Seite 142
    9) PAUL NATORP, Einleitung in die Psychologie nach kritischer Methode, 1888, Seite 112f
    10) So WINDELBAND, Viertelsjahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 1, Seite 247: "Die Kategorien gelten a priori für alle Erfahrung, weil sie dieselbe machen. Wenn dieses ... Argument das entscheidende ist, so hängt auch hier die Kantische Lehre in den Angeln einer psychologischen Einsicht: denn daß die Erfahrung durch die Kategorien zustande kommt, kann eben nur durch eine psychologische Analyse erkannt werden. In der Tat ist dann auch der psychologische Charakter dieser Deduktion unverkennbar usw.".