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CARL STUMPF
Zur Einteilung der Wissenschaften
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"Soviel ist sicher, daß das unmittelbar Gegebene im strengen Sinne, d. h. das, was als Tatsache streng unmittelbar einleuchtet, niemals Objekt irgendeiner Wissenschaft sein kann, obgleich es jeder (wenigstens jeder empirischen) Wissenschaft als Grundlage dient. Unmittelbar gegeben sind nur die dem denkenden Individuum momentan bewußten Erscheinungen und Funktionen nebst den ihnen immanenten Verhältnissen. Die vergangenen Erscheinungen und Funktionen des nämlichen Individuums sind nicht unmittelbar gegeben. Mag man noch so sehr von der Wahrheit der in deutlicher Erinnerung als vergangen vorschwebenden Erscheinungen und Tätigkeiten überzeugt sein: die Überzeugung kann doch nur entweder auf einem blinden Glauben oder auf einer durch Schlüsse vermittelten Einsicht ruhen, niemals auf einer unmittelbaren Einsicht."

"Was wir nun im weitesten Wortsinn einen Gegenstand nennen, über den wir denken und sprechen, ist jedesmal bereits ein Gebilde, und zwar ein  begriffliches  Gebilde. Auch Individuelles läßt sich niemals anders als mit Hilfe von Allgemeinbegriffen beschreiben. Sagen wir:  dieses Rot hier,  so lehren die Demostrativa, daß es sich um etwas Individuelles handelt, aber Rot ist der Name eines Begriffes. Nicht also das Wahrnehmen, nicht das Herausheben einer Erscheinung aus dem Chaos ununterschiedener Eindrücke, sondern die Begriffsbildung ist es, durch die Gegenstände entstehen."

"Nur so lange kann man sich über die Undenkbarkeit der phänomenalistischen Physik täuschen, als man die  gedeuteten  Erscheinungen mit den wirklichen, sozusagen nackten, Erscheinungen verwechselt. Die Dinge treten beständig unvermerkt an deren Stelle, und man glaubt positivistisch sich an das Gegebene allein zu halten, während man mit jedem Wort darüber hinausgreift."

Versteht man unter einer Wissenschaft einen relativ einheitlichen Komple von Erkenntnissen und Untersuchungen, so entsteht sofort die Frage, wodurch die Einheitlichkeit des Komplexes gegeben sei. Die Frage führt auf das Problem der Klassifikation der Wissenschaften. Die Unterschiede der Klassifikatioin aus verschiedenen Zeiten, bei ARISTOTELES, den Stoikern, den Enzyklopädisten des Mittelalters, BACON, BENTHAM, AMPÉRE, COMTE, SPENCER lassen sich zum Teil aus dem tatsächlich verschiedenen Stand des menschlichen Wissens verstehen, wie er durch das Aufkommen neuer Disziplinen, die veränderte Auffassung der alten, die Verschiebungen der Arbeitsteilung und Arbeitsgemeinschaft herbeigeführt wird. Zum Teil liegen die Unterschiede aber auch an individuellen Theorien der Urheber jener Klassifikationen und zumal an ihren Vorstellungen vom Idealzustand, dem sich die einzelnen Gebiete im Hinblick auf die Methode und der Ergebnisse nähern. Gerade dieser subjektive Faktor macht eine solche Unterscheidung häufig wertvoller, als es getreue Registrierungen des jeweiligen Wissenschaftssystems sein würden, wenn nämlich und sofern sachliche Anregungen daraus fließen.

Jeder Spezialforscher, der über seine eigene Disziplin nachdenkt, sieht sich dazu geführt, sie auch in ihrem Verhältnis zu den übrigen von allgemeineren Standpunkten aus zu betrachten. Der Philosoph, der seinen Standpunkt so hoch wie möglich nehmen soll, wird die Architektonik des Wissenschaftsgebäudes unter dem Licht der allgemeinsten Begriffe sehen, auf die seine Untersuchungen hinauslaufen. Er kann so zu Unterscheidungen gelangen, die von Zeitströmungen weniger abhängig sind. Aber den Spezialforschern damit zu nützen, kann er nur dann hoffen, wenn er deren eigene Stimme über Gegenwart und Zukunft ihres Faches mit zu Rate zieht. Nachdem nun einer der philosophischen Disziplinen, die Psychologie, selbst scheinbar oder wirklich unter die Spezialwissenschaften eingetreten ist, sind gerade hieraus neue Streitpunkte und Schwierigkeiten entstanden und es ist für den Inhaber einer solchen Doppelstellung eine doppelte Veranlassung, der Frage näher zu treten.

Gegenüber vielen früheren und gegenwärtigen Klassifikationen schein es mir unmöglich, mit einem einzigen Einteilungsgrund auszukommen. Es müssen mehrere sich durchkreuzende benutzt werden, will man den charakteristischen Unterschieden der hervortretendsten Wissenschaftsgruppen gerecht werden. Ferner erscheint es unrichtig, in erster Linie von der Methode auszugehen. Von Methode reden mit besonderer Vorliebe solche, die selbst nicht eine einzige sachliche Untersuchung geführt haben. Durchgreifende Unterschiede der Methode wurzeln doch zuletzt immer in Unterschieden der Gegenstände. Im Zusammenhang damit sei auch sogleich betont, daß die reinlichste Scheidung der Wissenschaften wohlverträglich ist mit einem Ineinander- und Übereinandergreifen der wissenschaftlichen Forschungen. Disziplinen, die ihrem Gegenstand nach wenig miteinander zu tun haben, können auf lange Strecken einen unteilbaren Arbeitskörper bilden. Die Untersuchungen trennen und verbinden sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in unberechenbarer Weise, und einer solche zeitweilige Verflechtungen werden es trotz zunehmender Arbeitsteilung immer mehr. Hier mag man nun wieder vom grünen Tisch Purismus predigen - leerer Schall! Klassifikationen können den Blick für die Wissensgegenstände schärfen, erweitern, auf mögliche neue Gebiete oder neue Beziehungen der alten zueinander hinweisen; aber sie können nicht die Forscher lehren, wie sie es zu machen haben, insbesondere sie nicht hindern, durch kühne Übergriffe ihren Wissenschaften neue Erkenntnisquellen und Anstöße zuzuführen. Zählen und Messen dringt in die Philologie ein, Ägyptologen und Geologen ziehen sich gegenseitig zu Rate, die Verdauungsphysiologie versucht mit psychischen Faktoren in den Magendrüsen zu rechnen: - hier muß erlaubt sein, was nützt, was weiterführt. Daß es verkehrt ist, physiologische Argumentationen in die Geometrie einzumischen, will ich damit nicht leugnen. Es ist aber  darum  verkehrt, weil für geometrische Fragen daraus nicht das Geringste folgt, und es folgt nichts, weil hier verschiedene  Gegenstände  miteinander konfundiert [vermischt - wp] werden.


I. Unmittelbar und mittelbar Gegebenes

Man könnte versuchen, den in der Überschrift bezeichneten erkenntnistheoretischen Unterschied als Fundament für eine erste Scheidung der Wissenschaften zu gebrauchen. Der Psychologie, allgemeiner den Geisteswissenschaften, würd man dann das unmittelbar Gegebene, allen übrigen das bloß Erschlossene zuweisen. Es soll hier nicht untersucht werden, inwieweit damit WUNDTs Unterscheidung von Wissenschaften der unmittelbaren und der mittelbaren Erfahrung zusammentrifft (es kommt ja auch auf den Begriff der Erfahrung an, sowie auf die Möglichkeit, überhaupt von einer unmittelbaren Erfahrung zu sprechen); aber soviel ist sicher, daß das unmittelbar Gegebene im strengen Sinne, d. h. das, was als Tatsache streng unmittelbar einleuchtet (1), niemals Objekt irgendeiner Wissenschaft sein kann, obgleich es jeder (wenigstens jeder empirischen) Wissenschaft als Grundlage dient. Unmittelbar gegeben sind nur die dem denkenden Individuum momentan bewußten Erscheinungen und Funktionen nebst den ihnen immanenten Verhältnissen. Die vergangenen Erscheinungen und Funktionen des nämlichen Individuums sind nicht unmittelbar gegeben. Mag man noch so sehr von der Wahrheit der in deutlicher Erinnerung als vergangen vorschwebenden Erscheinungen und Tätigkeiten überzeugt sein: die Überzeugung kann doch nur entweder auf einem blinden Glauben oder auf einer durch Schlüsse vermittelten Einsicht ruhen, niemals auf einer unmittelbaren Einsicht. Noch weniger kann natürlich von einer Kenntnis fremden Seelenlebens, das doch auch zum Gegenstand der Psychologie gehört, die Rede sein. Endlich handelt Psychologie überhaupt nicht von individuellen Tatsachen, sondern von gesetzlichen Beziehungen, und solche sind niemals unmittelbar gegeben.

Das unmittelbar Gegebene ist nur Ausgangspunkt der Forschung und Material der Begriffsbildung. Diese Bedeutung hat es aber nicht nur für den Psychologen, sondern auch für den Physiker. Denn die Erscheinungen bleiben doch Grundlage der Physik, mag sie sich in den Schlüssen und selbst in der Begriffsbildung noch so weit davon entfernen. Nun kann man wohl  innerhalb  des unmittelbar Gegebenen die Wurzeln einer Zweiteilung finden, die dann auch auf die Formulierung der Gegenstände entscheidenden Einfluß gewinnt (Erscheinungen - psychische Funktionen). Aber damit verläßt man eben das Prinzip jener Einleitung.

Selbstverständlich läßt sich auch nicht etwa sagen, die Erkenntnistheorie (statt der Psychologie) sei die Wissenschaft, die vom unmittelbar Gegebenen handelt. Sie handelt davon, sofern sie feststellt, was es heißt: "unmittelbar gegeben sein" und was zu dieser Klasse von Erkenntnissen gehört und was nicht. Also nicht unmittelbar Gegebenes selbst, sondern der allgemeine Sinn des Ausdrucks und die Klasse, die er bezeichnet, gehören zu ihren Untersuchungsobjekten.


II. Begriff des Gegenstandes
im weitesten Wortsinn

Um zu brauchbaren Einteilungsprinzipien zu kommen, ist es unerläßlich, zuvor die neuerdings vielbesprochene Unterscheidung von Inhalt und Gegenstand unseres Denkens kurz zu erläutern. (2)

Erscheinungen sind der Ausgangspunkt, sie sind notwendig auch das ursprüngliche Material intellektueller Funktionen. Allmählich werden Verhältnisse zwischen ihnen, es werden auch psychische Funktionen wahrgenommen, während sie sich an den Erscheinungen vollziehen. Das Denken (als Gesamtheit der intellektuellen Funktionen verstanden) führt weiter zu Gebilden in dem früher erläuterten Sinn: Begriffen, Inbegriffen, Sachverhalten. (3) Was wir nun im weitesten Wortsinn einen Gegenstand nennen, über den wir denken und sprechen, ist jedesmal bereits ein Gebilde, und zwar ein  begriffliches  Gebilde. Auch Individuelles läßt sich niemals anders als mit Hilfe von Allgemeinbegriffen beschreiben. Sagen wir: "dieses Rot hier", so lehren die Demostrativa, daß es sich um etwas Individuelles handelt, aber Rot ist der Name eines Begriffes. Nicht also das Wahrnehmen, nicht das Herausheben einer Erscheinung aus dem Chaos ununterschiedener Eindrücke, sondern die Begriffsbildung ist es, durch die Gegenstände entstehen. (4) Indem wir die Erscheinung oder einen Erscheinungskomple oder auch ein Verhältnis oder eine Funktion oder einen Komplex solcher Elemente unter allgemeinen Begriffen erfassen, werden aus den bloßen Inhalten Gegenstände des Denkens. In der Sprache gibt sich diese Umwandlung durch eine sinngemäße Anwendung der allgemeinen Namen kund. (5)

Hierbei deckt sich nun das Erscheinungsmaterial einschließlich der assoziierten Vorstellungsinhalte (Erscheinungen zweiter Ordnung) meistens nicht mit der Bedeutung des Begriffs und Namens, sondern bleibt dahinter zurück. Wir sagen und Denken "Kugel", während sowohl die etwa vorhandenen Empfindungen wie die von früher her mit diesen Empfindungen und mit dem Wort  Kugel  assoziierten Vorstellungen nur äußerst unvollkommen der uns wohlbekannten und klar gegenwärtigen Bedeutung des Namens entsprechen. Diesen Zug möchte ich indessen nicht (wozu HUSSERL zu neigen scheint) als das eigentlich charakteristische Merkmal ansehen, wenn es gilt, den Unterschied von Inhalt und Gegenstand zu erläutern. Ein andrees ist die Bildung eines Denkgegenstandes aus dem Vorstellungsmaterial durch allgemeine Begriffe, und ein anderes das Denken eines Gegenstandes von einer bestimmten Seite her, nach einem einzelnen Merkmal, während das Ganze gemeint ist. Der letzte Zug kommt zum gegenständlichen Denken hinzu, aber er macht nicht sein Wesen aus.

Wir müssen wohl vielfach das Wesentliche, Zentrale, die Invariante eines Begriffsgebildes von zufälligen Ansichten unterscheiden, die augenblicklich im Vordergrund eines Denkaktes stehen und durch besondere Ausdrücke bezeichnet werden. (6) Die beiden Ausdrücke: "Der Sieger von Austerlitz", "Der Besiegte von Waterloo" bezeichnen denselben Gegenstand. So ist es auch möglich, ganz einfache Gegenstände wie "Rot" auf die mannigfachste Weise durch Umschreibungen zu charakterisieren, derart daß die entstehenden Gedankengebilde in der Tat sehr verschieden sind, während der Gegenstand unverändert bleibt. Daraus folgt, daß man in solchen Fällen als Gegenstand eben nur das Zentrale ansehen darf, das allen diesen Umschreibungen gemeinsam ist. Dieses selbst aber, wie es in unseren beiden Fällen durch die Worte "Napoleon I.", "Rot" ausgedrückt wird, erlangt Gegenständlichkeit doch nur dadurch, daß es unter einem Begriff erfaßt wird, sei dieser noch so allgemein, und sei auch der  Name  des Begriffs dabei augenblicklich nicht unter den Bewußtseinsinhalten. Es ist tatsächlich unmöglich, bei den genannten Worten irgendetwas, auch nur das Geringste und Flüchtigste, zu denken, ohne daß zugleich irgendwelche Allgemeinbegriffe im Bewußtseinsinhalt eingeschlossen wären. Es zeigt sich auch hier das charakteristische Grundmerkmal menschlichen Geisteslebens, das uns überall entgegentritt, wo wir irgendwelche seiner Leistungen zu analysieren versuchen.

Gegenstände in dem weiten Sinn, wie hier der Ausdruck steht, sind nicht notwendig  reale  Gegenstände, Dinge. Wenn wir z. B. zwei Farben in Bezug auf Nuance oder Helligkeit vergleichen, ist es gleichgültig, ob wir sie als Dinge oder als Eigenschaften von Dingen oder als bloße Bewußtseinsinhalte auffassen: Gegenstände sind sie immer. Ebenso wenn wir in der Psychologie die einzelnen Denk- oder Gefühlsfunktionen untersuchen: sie sind dann Gegenstände. Was immer unter allgemeinen Begriffen erfaßt wird, wird gegenständlich erfaßt. In Zweifelsfällen bedarf es also, wenn speziell von realen Gegenständen die Rede sein soll, zur Vermeidung von Unklarheiten eben dieses Epithetons [Beiwortes - wp].

In der psychischen Entwicklung des Individuums entstehen Gegenstände nicht etwa zuerst als  äußere  Gegenstände. Die hierin liegende Unterscheidung eines Auußen und Innen ist ein späteres Produkt. Erst wenn der Gegensatz des eigenen Körpers und fremder Körper, weiterhin der des eigenen und eines fremden Seelenlebens aufgetreten ist, sind äußere Gegenstände als solche für das Bewußtsein vorhanden. Der Ichgedanke hat darum nichts mit dem allgemeinen Gegenständsbegriff zu tun; er ist nicht etwas das notwendige Korrelat dazu, sondern selbst nur eine besondere Form davon. (7)

Wenn sich nun das Denken statt auf Individuelles auf Allgemeines als solches richtet, auf Begriffe, Gesetze, so fällt hier der Unterschied zwischen Inhalt und Gegenstand weg. Sie sind eo ipso [schlechthin - wp] Gegenstände und niemals etwas anderes. Nur jener zweite Zug tritt auch hier hinzu, daß wir einen zusammengesetzten Begriff, wie den des gleichseitigen Dreiecks, nur diesem einzelnen Merkmal nach benennen und identifizieren, während wir sehr wohl wissen (und zwar uns aktuell bewußt sind), daß dem so bezeichneten allgemeinen Gegenstand eine Fülle uns augenblicklich nicht gegenwärtiger Eigenschaften und Beziehungen zukommt. Die schwierige Aufgabe einer näheren Beschreibung dieses intellektuellen Verhaltens und Verfahrens kann hier auf sich beruhen.

Das Allgemeine ebenso wie das unter einem Allgemeinbegriff aufgefaßte Individuelle wird stets ohne Rücksicht auf den momentanen Denkakt aufgefaßt. Anders ausgedrückt: alles begriffliche Denken ist ein  objektives  Denken. Auch Urteilsinhalte (Sachverhalte), selbst Negativa, wie die Nichtexistenz eines kreisförmigen Vierecks, sind in diesem Sinn objektiv. Analogien dazu bietet auch das Gefühlsgebiet: Wertvolles wird begehrt ohne jede Beziehung zum augenblicklichen Akt des Begehrens selbst. Den Werten kommt im gleichen Sinn wie den Sachverhalten Objektivität zu. Objektivität bedeutet also hierbei nicht ein außerbewußtes Dasein, sondern nur den Umstand, daß in den Begriffsinhalt niemals das Merkmal des individuell-augenblicklichen Fühlens und Wollens eingeht, worin jene intellektuellen und diese emotionalen Inhalte gegeben sind.

Mit der Objektivität ist zugleich  Einheit  gesetzt. Eben weil der zufällige augenblickliche Denkakt nicht selbst als Merkmal in den gedachten Begriffen eingeht, ist er der Intention nach ein und derselbe für alle Denkenden, die das bezügliche Wort im gleichen Sinn verstehen. Es ist nicht bloß ein gleicher, sondern ein identischer, wie HUSSERL mit Recht betont hat. Er ist identisch in demselben Sinn, wie wir von einem nicht bloß gleichen, sondern identischen Ofenreden, wenn mehrere davor stehen, obwohl die Inhalte unserer Sinnesempfindungen und Sinnesvorstellungen nur gleich oder auch nicht einmal gleich sind. Zur platonischen Ideenlehre brauchen wir darum noch nicht zurückzukehren, da Gegenständlichkeit nicht soviel ist wie Realität. Aber ihr Wahrheitskern kommt uns doch in solchen Betrachtungen lebhaft zu Bewußtsein. (8)

Die Bildung von Gegenständen in diesem Sinn unter dem Einfluuß der alltäglichen Erfahrung gehört zur Vorgeschichte des wissenschaftlichen Denkens. Die Wissenschaft findet Gegenstände aller Art schon vor und bildet sie nach immer strenger und konsequenter durchgeführten Gesichtspunkten um. Dadurch bestimmt sich in erster Linie die Klassifikation der Wissenschaften. Wir heben nun einige Einteilungen der Gegenstände heraus, die sich als die durchgreifendsten Unterscheidungsmerkmale für die Gruppierung wissenschaftlicher Untersuchungen erwiesen haben, und die auch ihren methodischen Charakter wesentlich beeinflussen.


III. Physisches und Psychisches.
Natur- und Geisteswissenschaften

Der Gegensatz des Physischen und des Psychischen lag von jeher, wenn auch verschieden definiert, der Scheidung von Natur- und Geisteswissenschaften zugrunde. Wir akzeptieren dieses Einteilungsprinzip, bemerken aber sogleich, daß die Einteilung in jedem Fall unvollständig ist.

Geht man auf die letzte Wurzel des Unterschieds zurück, so kann diese nur gefunden werden in dem früher erläuterten Unterschied der Erscheinungen und der psychischen Funktionen, jener Dualität, die im unmittelbar gegebenen Tatbestand eines jeden Bewußtseins enthalten ist. Von hier aus kommt man aber nicht auf gleichem Weg zu den Natur- wie zu den Geisteswissenschaften.


1. Naturwissenschaften

Es läge nahe und entspräche weitverbreiteten Redewendungen, sofort die Naturwissenschaften als  Wissenschaften der Erscheinungen  zu bestimmen. Tatsächlich aber waren niemals bloße Erscheinungen im strengen Wortsinn ihr Gegenstand. In einem frühen Stadium mochte man wohl glauben, in den empirischen Gegenständen, die zwar auch nicht als Erscheinungen zu definieren, aber vom gewöhnlichen Bewußtsein wenigstens aus dem bloßen Erscheinungsmaterial im Denken aufgebaut sind, in den ausgedehnten, farbigen, klingenden, schmeckenden, riechenden Körpern als solchen die Träger der Kräfte, Ursachen und Wirkungen vor sich zu haben. Die aristotelische Physik handelte von physischen Gegenständen in diesem Sinne. Aber selbst damals waren es nicht die Qualitäten selbst, sondern die durch Qualitätsbegriffe charakterisierten Gegenstände, deren Umwanlungen man untersuchte. Dies ist nach dem vorher Bemerkten zweierlei. Die sinnlichen Qualitäten sollten auch nur eine Seite der Dinge sein, denen man außerdem noch Kräfte und verborgene Qualitäten zuschrieb; und gerade aus solchen strebte man ihre Umwandlungen zu erklären.

Heute wissen wir, daß die Dinge, durch deren Einwirkung auf unsere nervösen Zentralorgane man sich die wahrnehmbaren Erscheinungen entstanden denkt, überhaupt nicht durch spezifische Sinnesqualitäten bestimmbar sind. Von nur abstrakt mathematisch definierbaren Dingen handeln Physik und Chemie, und in diese Wissenschaften strebt alle Naturforschung sich nach Möglichkeit aufzulösen. Angesichts des Eindruckes, den eine rein phänomenalistische Auffassung der Physik, von einem so geistreichen Fachman wie ERNST MACH befürwortet, in weiten Kreisen gemacht hat, muß man es nachdrücklich aussprechen, daß diese phänomenalistische Auffassung in konsequenter Form nicht mehr und nicht weniger besagen würde als: die Physik noch einmal von vorn anzufangen.

JOHN STUART MILL hat bekanntlich in Durchführung BERKELEY'scher und positivistischer Gedanken die vom Bewußtsein unabhängig fortbestehenden Außendinge, wie sie das gewöhnliche Bewußtsein und (in abstrakterer Formulierung) die gewöhnliche Physik annimmt, in bloße "permanente Möglichkeiten der Empfindung" umgedeutet. Wir wissen eben, daß, wenn wir die Augen schließen und wieder öffnen, die nämliche optische Erscheinung wieder auftritt. Weiter liegt nach dieser Deutung, die in keiner Weise über die Tatsachen hinausgehen will, nichts vor. Dies ist auch der Kern von MACHs Auffassung.

Nun aber beruth die ganze Physik gerade umgekehrt auf der Erfahrung, daß es solche permanente Möglichkeiten der Empfindung  nicht  gibt. Das Gesichtsbild kehrt nicht stets unverändert wieder, selbst wenn alle vorausgehenden und begleitenden Sinnesempfindungen (Muskelempfindungen usw.) so genau wie nur möglich wiederhergestellt werden. Könnte man die Summe aller gleichzeitigen und aufeinanderfolgenden Sinnesempfindungen eines individuellen Bewußtseins aufschreiben (und nur individuelle Empfindungen gibt es in Wirklichkeit), so würde diese Liste zwar gewisse Regelmäßigkeiten der Koexistenz und Sukzession da und dort aufweisen, nicht aber strenge und ausnahmslose Gesetze. Wahrscheinlich würden sogar in der ganzen Linie sich nicht zwei Elemente finden, die durchgängig miteinander verknüpft wären. Diese Inkonstanz der Erscheinungen wird auch nicht dadurch beseitigt, daß man die Erscheinungen zweiter Ordnung hinzunimmt. Denn wir können zwar jedesmal durch Interpolation anschaulicher Vorstellungen von räumlichen Prozessen gemäß den uns schon bekannten Naturgesetzlichkeiten die Anomalien des Empfindungsverlaufes ausgleichen, aber wir tun es doch tatsächlich nicht jedesmal. Somit besitzt der  tatsächliche  Lauf der Erscheinungen einschließlich derer der zweiten Ordnung eben  keine  gesetzliche Konstanz. Ja sogar wenn man die Erscheinungen erster und zweiter Ordnung bei anderen mit Bewußtsein begabten Individuen in das Interpolationsverfahren aufnähme, so würde auch so ein lückenloser Zusammenhang nicht resultieren, im Gegenteil, es gäbe ein unendliches Wirrsal.

Wir können die Einschläge von Unregelmäßigkeiten in Regelmäßigkeiten des tatsächlichen Erscheinungsverlaufs, analog wie die scheinbaren Unregelmäßigkeiten der Planetenbahnen, nur auf dem Weg der  Hypothesen  beseitigen. Und die einzige  brauchbare  Hypothese, die zu unendlich fruchtbaren Folgerungen, zu allgemeinen Gesetzen und fortlaufenden Verifikationen durch Voraussagungen und darauf gegründetes Handeln geführt hat, ist die einer vom Bewußtsein unabhängig existierenden, in sich selbst aber nach Kausalgesetzen zusammenhängenden Welt von Dingen. Einen geringfügigen Bruchteil dieser Dingwelt, den "eigenen Körper", genauer gewisse Teile desselben, denken wir in einer konstanten Verknüpfung mit unserem Bewußtsein, wie auch immer diese Verknüpfung näher definiert werden mag. Dann erhält man eine doppelte Veränderungsreihe, die der "äußeren Körper" unter sich und die des "eigenen Körpers" relativ zur übrigen Körperwelt, und aus dieser zweifachen Veränderungsmöglichkeit lassen sich sämliche tatsächlich beobachtete Regelmäßigkeiten wie Unregelmäßigkeiten des Erscheinungsverlaufes herleiten.

Wie die Wurzel und die allgemeine Möglichkeit einer physikalischen Wissenschaft, so ist auch jeder Fortschritt darin an die Unterscheidung der objektiven Dinge von den Erscheinungen geknüpft. Es war ohne Zweifel richtig, zunächst soviel als möglich vom vollen Bestand der sinnlichen Eigenschaften der Gegenstände, wie sie das gewöhnliche Denken dem wissenschaftlichen überlieferte, beizubehalten. Aber allmählich hat man notgedrungen fast alles davon über Bord geworfen. Schon die ausgedehnten Atome waren bereits der Farbe und aller spezifischen Qualitäten beraubt und dadurch im Grunde ganz unanschaulich geworden (denn Ausdehnung ohne Farben- oder Tastqualität ist unvorstellbar). An ihre Stelle traten aber, nach den genialen Antizipationen von LEIBNIZ und BOSCOVICH, zur Zeit der AMPÉRE, CAUCHY, W. WEBER, LOTZE und FECHNER ausdehnungslos Kraftzentren. Heute brauchen wir, wie übrigens auch LOTZE, ja LEIBNIZ schon betont haben, den Raum nur mehr als eine abstrakte Ordnung, in der jedes Glied durch drei Variable, anstelle der anschaulichen Dimensionen, bestimmbar ist. Es ist unter den Erscheinungsbegriffen nur der Zeitfaktor unreduziert übrig geblieben, der nun einmal aus dem Begriff der Veränderung nicht hinauszubringen ist. Das heuristische Prinzip bei diesen Umformungen lautet heute nicht wie anfangs: soviel als möglich von den sinnlichen Eigenschaften beibehalten, sondern umgekehrt: soviel als möglich davon aus den Definitionen entfernen. Und dies ist auf dem gegenwärtigen Standpunkt das Richtige. Denn Begriffe kann man umformen, Anschauungen nicht. Daß wir aber beständig umformen müssen, ist die Lehre der Jahrhunderte. Überdies haben wir gelernt, die Anschauungen immer mehr als ein Zufälliges zu betrachten, das dem einen so, dem andern anders gegeben ist, je nach der Beschaffenheit des winzigen Teiles der Dingwelt, mit dem sein individuelles Bewußtsein konstant verknüpft ist, seiner Sinnes- und Zentralorgane. Daß daher irgendwelche Erscheinungen mit der Dingwelt jenseits der Erscheinungen qualitativ konform wären, ist nicht mehr von vornherein wahrscheinlich, sondern unwahrscheinlich und für jede Gattung der Erscheinungen des Beweises bedürftig. Der Beweis kann aber nur geführt werdern durch die Einfügung der entsprechenden Hypothese in die große Hypothese der Physik. Was in den Formeln der mathematischen Physik nicht enthalten, also zur Voraussagung von Erscheinungen nicht unbedingt erforderlich ist, mag als Hilfsvorstellung, Modell, Durchgangspunkt nützlich sein, gehört aber nicht zum wesentlichen und bleibenden Gegenstand der Naturwissenschaft, durch den man sie definieren kann.
    Man muß nur die phänomenalistische Auffassung streng wörtlich nehmen und sie dann an konkreten Beispielen durchzuführen versuchen, um ihre Haltlosigkeit zu erkennen. Auch nicht eines der physikalischen Gesetze, auch das allereinfachste nicht, läßt sich als Gesetz von Sinneserscheinungen ausdrücken. Ganz zu schweigen von Begriffen, die der Anschauung so fern stehen wie etwa der der potentiellen Energie, - man analysiere nur einen scheinbar so ganz anschaulichen Satz wie diesen: "Wenn der linke Waagebalken halb so lang ist, wie der rechte, so muß, damit Gleichgewicht besteht, die Last am linken Ende doppelt so groß sein, wie am rechten,  2 p  gegen  p".  Hier ist nicht einmal das Längenverhältnis der Waagebalken als optische Erscheinung gegeben, da der Erscheinungsraum nicht exakt-metrisch, ja nach MACH sogar überhaupt nicht metrisch ist (Erkenntnis und Irrtum Seite 331f) (9).  2 p  bedeutet aber natürlich nicht eine Gewichtsempfindung des Druck- oder Muskelsinnes (schon darum nicht, weil die Empfindung als solche uns nur lehren kann, daß ein Gewicht schwerer als ein anderes, niemals aber, daß es doppelt so schwer ist). Vielmehr bedeutet  2 p  die Tatsache, daß diese Last doppelt soviele Gewichtseinheiten wie die andere besitzt. Jede der beiden ist durch die Zahl der Gewichtseinheiten definiert, denen sie auf der Waage das Gleichgewicht hält. Auf den Gesichtssinn also würde auch dieser Begriff hinauslaufen. Aber für den Sinn ist die Erscheinung einer Anzahl von Gewichtsstücken äußerst verschieden je nach ihrer gegenseitigen Lage. Die Identifikation der Stückchen, die hier zuerst wohlgeordnet nebeneinander, dann dort auf der Gewichtsschale dicht beisammen oder übereinander liegen, ist nicht Sache des optischen Eindrucks, der vielmehr eine totale Verschiedenheit zeigt. Wir setzen voraus, daß die Stückchen während des Transportes mit sich identisch bleiben, und wir wissen durch Erfahrung, daß das Gewicht eines sonst unverändert bleibenden Stückchens durch eine so kleine Lagenänderung sich nicht merklich ändert, sowie daß die einzelnen Gewichte unter den gegebenen Umständen additiv zusammenwirken. Aber weder jene Voraussetzung noch diese Erfahrungen gelten von den Erscheinungen als solchen. Sie haben keinen Sinn in Bezug auf solche. Indem wir sie aussprechen, sprechen wir von objektiven Dingen und Verhältnissen.

    Die reinen Erscheinungsbilder sind ja überdies auch bei den einfachsten Dingen und ihren einfachsten Veränderungen überaus kompliziert: sie zeigen infolge des binokularen Sehens, wenn stärker disparate Netzhautstellen beseitigt sind, Doppelbilder in verschiedenen Lagen gegeneinander, sie zeigen die "Streckendiskrepanzen" der Netzhäute auch beim monokularen Sehen, sie zeigen Verkürzungen, Verlängerungen, Krümmungen, Verschwinden und Auftauchen ganzer Dimensionen, Helligkeits- und Farbenwechsel der Teils usw. Alle diese Komplikationen sind in den Gegenständen physikalischer Gesetze getilgt oder vielmehr niemals darin enthalten gewesen. Dem Physiker ist es ganz einerlei, ob das Gewicht  p  etwas weiter oder näher an seinem Auge liegt, es bleibt das nämliche Gewicht. Die optische Erscheinung aber ist sehr wesentlich verschieden. Seine Dinge sind eben nicht "Sehdinge", um diesen Ausdruck HERINGs zu gebrauchen. Sie sind auch nicht etwa bloß vorgestellte Sehdinge, da ja optische Erscheinungen zweiter Ordnung vollends unbestimmt, schattenhaft und fließend sind. Sondern sie sind  begrifflich definierte  Dinge.

    Oder will man sagen: sie sind Erscheinungen, nicht wie sie wirklich erscheinen, sondern wie sie für ein absolutes Auge erscheinen könnten oder sollten? Erscheinungen unter Abstraktion von all jenen Trübungen, in denen sie im wirklichen Bewußtsein vorkommen? Dann sind sie eben in Wahrheit keine Erscheinungen mehr. Die Abstraktion ist die Hauptsache. Nur so lange kann man sich über die Undenkbarkeit der phänomenalistischen Physik täuschen, als man die  gedeuteten  Erscheinungen mit den wirklichen, sozusagen nackten, Erscheinungen verwechselt. Die Dinge treten beständig unvermerkt an deren Stelle, und man glaubt positivistisch sich an das Gegebene allein zu halten, während man mit jedem Wort darüber hinausgreift.

    Wir haben dies an den Erscheinungen des Gesichtssinns erläutern wollen, weil sich auf diese immer noch am plausibelsten die phänomenalistische Auffassung stützen mag. Daß aber Physik nicht Gerüche, Geschmäcke, Schmerzempfindungen und deren mathematisch-gesetzliche Beziehungen untersucht, liegt ohnedies auf der Hand. Und dennoch: warum sollte der Gesichtssinn hierin ein Vorrecht haben, wenn Erscheinungen und ihre Gesetze den Gegenstand der Physik bilden? Wo bleiben die physikalischen Gesetze, die zwischen Gerüchen und Tönen als solchen oder zwischen Hitze- und Juckqualitäten bestehen?

    Im vorhin angedeuteten Sinn unterscheidet THEODOR ZIEHEN (10)  Individualempfindungen  und  reduzierte Empfindungen  oder Reduktionsbestandteile. Die letzteren seien Gegenstand der Physik. Sie verhielten sich zu den individuellen Empfindungen etwa wie ein Bild zu seinen Erscheinungsweisen bei verschiedener Beleuchtung. Also gleichsam ein "Bild ansich", nicht mehr die wirkliche Erscheinung, wie sie uns tatsächlich allein gegeben ist, sondern ein begrifflich umgestaltetes Etwas. Dieser Reduktionsbestandteil ist nach ZIEHEN auch das Gemeinsame der Empfindungen verschiedener Individuen, wenn sie behaupten, einen und denselben Baum zu sehen.

    ZIEHEN scheint mir hiermit, obgleich er sich noch innerhalb des "Idealismus" zu befinden behauptet, in den Realismus zurückzulenken. Der Reduktionsbestandteil ist eben dasjenige außerbewußte Etwas, dessen Einwirkung auf die verschiedenen individuellen Sinnesorgane die Verschiedenheit der Erscheinungen erzeugt, die dann von den Inhabern dieser Sinnesorgane die Verschiedenheit der Erscheinungen erzeugt, die dann von den Inhabern dieser Sinnesorgane aufgrund vieler Erfahrungen seit frühester Kindheit auf gemeinsame Objekte gedeutet werden. Jedenfalls ist eine derartige Wendung, wie sie der scharfsinnige Psychiater vollzieht, mag man sie nun in seiner eigenen Formel oder in einer anderen ausdrücken, unbedingt erforderlich, um die bis zum Überdruß wiederholten Versicherungen des vulgären Idealismus (der den vulgären Materialismus abgelöst hat, in dem ich aber nicht mit ZIEHEN irgendeine "Entdeckung" erblicken kann) mit der Existenz einer wissenschaftlichen Physik in Einklang zu bringen.

    Selbstverständlich kommt für den Physiker niemals etwas in Betracht, das sich nicht durch einen Einfluß auf Erscheiungen unserer Sinne legitimiert, wie er auch niemals ein Gesetz aufstellen wird, das keine Aussicht hat, an Erscheinungen geprüft zu werden. Erscheinungen sind Anfang und Ende jeder physikalischen Untersuchung, aber sie sind nicht der Gegenstand einer einzigen. Man kann sehr wohl mit HERTZ darauf bestehen, daß die Formeln nur zur Verknüpfung und Voraussage von Erscheinungen da sind, daß sie gleichsam nur den verbindenden Text zwischen ihnen darstellen. Dennoch ist es gerade dieser Text, dessen Herstellung der Physik obliegt, und der ihren vollen und einzigen Gegenstand ausmacht. Aus dem Fallgesetz ist zu  schließen,  daß wir eine Kugel, die wir in einem gegebenen Moment den Halter des Fallapparates verlassen sehen, in einem bestimmten Zeitpunkt den Boden berühren sehen werden, - vorausgesetzt nämlich, daß das Auge auf die Stelle gerichtet ist und sonst alle Bedingungen des Sehens vorhanden sind. Aber von diesem unserem Sehen enthält das Gesetz nichts. Es sagt nur, daß und wann die Kugel aufschlägt, schlechterdings nichts weiter. Ob dies jemand sieht, hört, fühlt, ist für den Bestand und die Fassung der Formel gleichgültig, es hat nur Bedeutung für ihren Beweis und andererseits für ihre Nutzanwendung. Darum behalten Naturgesetze ihren Sinn ohne Klausel und Zusatz auch für eine Welt, in der noch kein Organismus war oder keiner mehr sein wird. Wir finden kein Bedenken darin, sie auf solche Weltzustände anzuwenden; was doch entweder einen logischen Widerspruch einschließen oder sehr phantastische Hilfsannahmen erfordern würde, wenn Erscheinungen ihren Gegenstand bildeten. Das Auftreten von Sinnesempfindungen ist ja nur die Folge bestimmter äußerst spezieller Kollokationen; und daß wir gelernt haben, uns vom Zwang dieser zufälligen Nebeneffekte des Weltlaufs, an den wir in der Wahrnehmung gebunden sind, wenigstens im Denken zu emanzipieren, ist gerade die Leistung, die wir den vereinigten Anstrengungen der Physik, Physiologie und Philosophie verdanken.

    Zur Vervollständigung möchte es auch noch dienlich sein, zwischen dem  Zweck  und dem  Gegenstand  der Naturforschung zu unterscheiden. Der Zweck mag sehr verschieden gefaßt werden. Schreibt man aller Wissenschaft nur praktische Ziele zu, so folgt natürlich, daß die Naturforschung ihren besonderen Zweck in der Beherrschung (Voraussage und willkürlichen Herbeiführung) von Erscheinungen hat, und zwar von Erscheinungen im wörtlichsten und engsten Sinn. Aber auch wer dem Wissen nicht bloß praktische Ziele setzt, könnte immerhin das Wissen um äußere Gegenstände als solche, die nur erschlossen und hypothetisch sind, als bloßes Mittel einschätzen, während ihm das Wissen um die unmittelbar gegebenen Erscheinungen als Selbstzweck erscheinen mag. Denke man hierüber, wie man will: der Gegenstand der Naturforschung wird dadurch kein anderer. Seine Bestimmung ist unabhängig von der Wert- und Zweckbestimmung für die ihm gewidmeten Untersuchungen.
Physische Gegenstände also oder Gegenstände der Naturwissenschaft, wodurch diese definiert wird, sind weder Erscheinungen noch Erscheinungskomplexe, sondern  die aus den Erscheinungen erschlossenen, in raumzeitlichen Verhältnissen angeordneten Träger gesetzlicher Veränderungen.  Raum und Zeit selbst sind damit nicht als außerbewußt, vom Bewußtsein unabhängig existierend, gesetzt. Nur raumzeitliche  Verhältnisse  müssen außerbewußt existieren. Denn ohne diese gibt es keine physikalischen Gesetze. Sie sind ein unentbehrlicher Bestandteil der umfassenden Hypothese, durch welche die Gegenstände der Naturforschung für unsere Erkenntnis geschaffen werden. Von "Trägern" aber reden wir hier nicht im Sinne des alten Substanzbegriffs, sondern nur in dem Sinne, daß die mathematisch-gesetzlichen Beziehungen doch zwischen irgendetwas statthaben müssen, das in wechselnden Orten seinen Sitz hat, seien auch diese "Dinge oder Substanzen" in jedem Augenblick nur durch ihre wechselnden Orte voneinander unterscheidbar, im übrigen aber als bloße Komplexe von Verhaltensweisen, Kräften, Dispositionen definiert.

Atomistik und Stetigkeitslehre, mechanische Physik und Energetik bilden Gegensätze  innerhalb  dieses Rahmens, die uns hier nicht zu beschäftigen brauchen. Der Naturforscher, und speziell auch der mathematische Physiker, wird und kann niemals darauf verzichten, seine Begriffe an konkrete Vorstellungen zu knüpfen, als es, ideal gesprochen, unbedingt nötig wäre. Schon in der Raumvorstellung ist ja unweigerlich Qualitatives enthalten: man mag sich den leeren Raum noch so schwarz ausmalen, er bleibt dann eben voll von Schwärze. Aber sie spielt keine Rolle bei den Rechnungen. Andere Modifikationen, die nicht psychologisch oder logisch unvermeidlich wären, werden doch absichtlich eingeführt, gerade der Rechnung halber. Im Ergebnis werden sie zuguterletzt wieder verschwinden: mechanische Modelle, Bilder, Arbeitshypothesen. Zu diesen gehören zweifellos auch die obigen streitendenn Vorstellungsweisen. Ob eine davon den definitiven Sieg erringt oder ob in ewiger Abwechslung bald diese, bald jene ein Stück weiterführt, hat mit der allgemeinen Definition des Gegenstandes der Physik nichts zu tun. Ich erwähne das, weil von energetischer Seite, unter dem vordringlichen Einfluß des Berkeleyanismus, die Idee der Atome (der unstetigen Materie) und die Annahme, Eisenoxid besteht tatsächlich aus Eisen und Sauerstoff, als unsinnig bezeichnet worden ist, da ja nur Sinneswahrnehmungen und nichts weiter gegeben seien. Man kann BOLTZMANN nur Recht geben, wenn er gegen solcherlei Argumentationen Einsprache erhob. (11) Atomistische Vorstellungen mögen unnötig, auch falsch sein; unsinnig sind sie durchaus nicht.

Wir bezeichneten den Gegenstand der Naturwissenschaft ganz allgemein im vorstehenden als Hypothese, und Hypothesen sind auch sämtliche darauf bezüglichen Gesetze, da sie, wie alle induktiv erschlossenen Wahrheiten, auf dem Prinzip der Wahrscheinlichkeitsrechnung ruhen, das uns lehrt, aus Gegebenem auf Nichtgegebenes zu schließen. Arbeitshypothesen unterscheiden sich von den essentiellen Hypothesen, die den Gegenstand der Physik ausmachen, dadurch, daß sie logisch entbehrliche Bestandteile enthalten. Zu diesen logisch entbehrlichen Bestandteilen gehört nach den obigen Bemerkungen sogar der Erscheinungsraum. Umsomehr also alle Vorstellungsweisen, die mit anschaulich-räumlichen Bildern operieren. Solange man sich aber bewußt bleibt, daß es nicht auf das Anschauliche, sondern ausschließlich auf die darin liegenden abstrakten Gesetzlichkeiten ankommt, kann man in der Wahl der Bilder beliebig vorgehen und sie mit einer so unglaubwürdigen Sinnenfälligkeit ausstaffieren, wie man sie nur immer für die Unterstützung des Denkens nützlich findet. Enthalten sie Bestandteile, die den begrifflichen Anforderungen geradezu widersprechen, so kann man sie durch Definitionen korrigieren, wie das ja auch schon der Geometer beständig zu tun gezwungen ist. (12)

Es bleibt nach allem aber ein Bedenken zu heben, das vielen als wichtigstes erscheint. Sind die Träger der Gesetze, gleich den Gesetzen selbst, doch nur hypothetisch: warum müssen sie real sein oder wie  können  sie auch nur real sein? Sie sind eben begriffliche Hilfskonstruktionen, vielleicht notwendige, zum Unterschied von den willkürlichen, aber doch nur Konstruktionen, die man sich als vom Bewußtsein unabhängig existierend  denkt,  während sie gleichwohl Bewußtseinsprodukte bleiben, - substanzlose "Gespenster", nur erfunden, um das einzig Reale, die Erscheinungen, unter sich im Denken zu verknüpfen.

Es hat, wie mir dünkt, wenig Zweck, hierüber zu streiten. Gerade weil alles, was wir denken, eo ipso [schlechterdings - wp] gedacht wird, kommt es ausschließlich darauf an,  als was  wir ein jedes denken; ob als Reales oder als Nichtreales, als Physisches oder als Psychisches, als Allgemeines oder als Individuelles, als Bewußtseinseigenschaft oder als etwas nicht mit einer integrierenden Beziehung zum Bewußtsein Behaftetes usw. Was wir als ein vom Bewußtsein Unabhängiges, das Bewußtsein selbst Bedingendes denken, und zwar aufgrund logischer Einsicht denken  müssen,  wenn wir uns nicht mit allen Regeln der Wahrscheinlichkeit in Widerspruch setzen wollen, das eben pflegen wir objektiv-real zu nennen. Wer aber die zopfigere, pleonastische Ausdrucksweise vorzieht oder es besonders tiefsinnig findet, sämtlichen Gegenständen unseres Denkens und Sprechens noch den Index "Gedachtes" anzuhängen, mag auch dabei bleiben. Irgendein Problem wird er damit nicht lösen. Worauf es im vorliegenden Fall ankommt, ist nur dies, daß Naturgesetze sich eben auf jene begrifflich konstruierten Gegenstände beziehen, die wir voraussetzen müssen, und zwar an wechselnden Punkten des vorausgesetzten idealen Raums voraussetzen müssen, um den Gang der Erscheinungen zu verstehen und zu beherrschen. Wird dies zugegeben, so ist die gegenwärtige Angelegenheit erledigt.

Die Naturwissenschaften außer der Physik und physikalischen Chemie haben in der Definition ihrer Gegenstände die spezifisch-sinnlichen Merkmale noch nicht in demselben Maß abgestreift und werden sie für die Beschreibung ihrer Einzelobjekte, wie der Mineralien, der Pflanzen und ihrer Teile, niemals entbehren können. Aber die obige allgemeine Definition physischer Gegenstände umfaßt alle diese besonderen Gegenstände. Sie hindert nicht, dieselben voneinander durch sekundäre Merkmale abzugrenzen, die aus der Wirkung auf unsere Sinne hergenommen sind. Auch die Lebewesen sind in räumlich-zeitlichen Verhältnissen angeordnete Träger gesetzlicher Veränderungen. Wenn die Neovitalisten leugnen, daß physikalisch-chemische Kräfte im gewöhnlichen Sinn hinreichen, die Geheimnisse des Lebens zu entschleiern, und wenn sie dafür Dominanten oder Entelechien fordern, so können sie darunter unbeschadet aller Besonderheiten doch zuletzt auch nur im Raum und in der Zeit wirksame Kräfte verstehen, deren Erbfolge als räumliche Massenverteilungen oder chemische Umwandlungen auftreten, und zwar unter gleichen Bedingungen in immer gleicher Weise. Und so wird nichts im Wege stehen, auch auf organisierte Gebilde den obigen allgemeinen Begriff des Physischen anzuwenden. (13)

Wir können nun auch ganz einfach sagen: Naturwissenschaft ist die Wissenschaft der Körperwelt oder der Materie oder der Natur, ohne den Vorwurf der Tautologie zu fürchten, nachdem die Ausdrücke vorher erläutert sind.


2. Geisteswissenschaften

Während die Gegenstände der Naturwissenschaften aus den Erscheinungen nur erschlossen sind, liefert das zweite Glied der fundamentalen Unterscheidung, die psychischen Funktionen, ohne weiteres so, wie es gegeben ist, das Material für die Gegenstände der Geisteswissenschaften.

Ich sage nicht: die Gegenstände selbst, sondern: das Material dazu. Schon indem wir die bestimmten, jedem augenblicklich gegebenen Funktionen als "psychische Funktionen" bezeichnen, bilden wir einen Begriff davon und erheben sie zu Denkgegenständen. Sie sind objektiviert in dem schon besprochenen Sinn. Außer von den eigenen augenblicklichen Funktionen des sie wahrnehmenden und denkenden Subjekts sprechen wir aber auch von seinen vergangenen und denkenden Subjekts sprechen wir aber auch von seinen vergangenen Funktionen und von denen anderer Subjekte. Die Gesamtheit dieser zu Denkgegenständen erhobenen Funktionen bildet den Gegenstand der Geisteswissenschaften. Die eigenen vergangenen und die fremden (gegenwärtigen und vergangenen) Funktionen sind hierbei allerdings nur erschlossen, insofern vergleichbar den Gegenständen der Naturwissenschaft (14). Trotzdem bleibt ein wesentlicher Unterschied der erkenntnistheoretischen Dignität. Dort, in den Naturwissenschaften, hat sich sogar das Material, aus dem das Denken die Gegenstände ursprünglich bildete, die Sinneserscheinungen, als unadäquat erwiesen, man mußte sich auf ganz abstrakte Definitionen zurückziehen. Hier hingegen ist man dabei geblieben und wird dabei bleiben, daß das erschließbare eigene psychische Leben vor dem gegenwärtigen Moment, sowie das fremde psychische Leben, das wir aus seinen Äußerungen mit annähernder Sicherheit erschließen können, qualitativ dem unmittelbar gegebenen gleichartig ist. Wenn aber die Schlüsse wegen der mangelnden sprachlichen Verständigung und der abnehmenden Analogie der sinnenfälligen Äußerungen beim Herabsteigen in der Tierreihe unsicherer werden, so kann man hier doch auch nur auf eine in gleichem Maß abnehmende qualitative Gleichartigkeit, nicht auf völlige Unadäquatheit mit dem unmittelbar gegebenen Seelenleben schließen. Es liegt hierin doch ein gewaltiger erkenntnistheoretischer Vorzug gegenüber den Naturwissenschaften, der sehr wohl als Ausgleich für die Unmöglickeit räumlicher Maßbestimmungen beim Psychischen gelten kann.

Staats- und Gesellschaftswissenschaft, Sprach-, Religions-, Kunstwissenschaft usw. sind Wissenschaften  komplexer  psychischer Funktionen, Psychologie die Wissenschaft der  elementaren  psychischen Funktionen. Komplex sind die Betätigungen, aus denen soziale Gebilde entspringen, in doppelter Beziehung: einmal sofern sie schon in jedem beteiligten Einzelwesen das Zusammenwirken aller Seiten des psychischen Lebens, wie sie die Psychologie unterscheidet, voraussetzen, dann weil das Zusammenwirken vieler Individuen dafür wesentlich ist, und eben dadurch auch der einzelne erst den Reichtum individuellen Lebens empfängt, der ihn zu weiterem Zusammenwirken ausrüstet.

Indem Geisteswissenschaften von psychischen Funktionen handeln, handeln sie damit von den Trägern psychischer Funktionen. Denn ganz ebenso wie bei den Gegenständen der Naturforschung gibt es keine Eigenschaft, keine Veränderung, Tätigkeit, Kraft für sich allein; stets und notwendig findet sich eine jede nur als Teil des Ganzen, das wir Ding (körperliches - seelisches Ding) nennen und als Subjekt oder Träger der vorher unterschiedenen Eigenschaften, Tätigkeiten usw. Auffassen (15). Hier kann dahingestellt bleiben, ob es richtig ist, beiderlei Dinge als kausal verknüpft zu denken, oder ob man das körperliche und das seelische Ding als dasselbe fassen, d. h. physische und psychische Funktionen wieder als ein Ganzes höherer Ordnung zu einer substanziellen Einheit verknüpft denken muß. Dieser Streit wird von der Definition der Natur- und der Geisteswissenschaft besser ferngehalten.

Wir scheiden sie also durch die physische und die psychische Beschaffenheit ihrer Gegenstände, einerlei welches Verhältnis diese zueinander haben. Und wiederum brauchen wir nicht den Vorwurf der Tautologie zu fürchten, wenn wir nach diesen Erläuterungen einfach sagen: Geisteswissenschaft handelt vom Geist (bzw. von der Seele, falls man "Geist" nur für die höheren Formen des psychischen Lebens nimmt. Man muß sich nur immer jene Unterscheidung der psychischen Funktionen von den Erscheinungen und ihre gegenseitige relative Selbständigkeit vergegenwärtigen, die bei früherer Gelegenheit ausführlich erörtert worden ist; eine Tatsache, die wir als zusammenfassenden Ausdruck des Ergebnisses zahlreicher Einzeluntersuchungen betrachten, die aber mit einer Behauptung über das Verhältnis von Leib und Seele, Ich und Außenwelt, Erscheinung und Ding ansich und dgl. nichts zu tun hat. Auf dieser richtig verstandenen Tatsache ruht zuletzt der richtig verstandene Unterschied von Geistes- und Naturwissenschaft. (16)

Eine Bemerkung muß jedoch mit Rücksicht auf jene frühere Untersuchung hinzugefügt werden. Die Ansicht, die wir dort vertraten und auch hier in Erinnerung brachten, daß psychische Funktionen (unter bestimmten Bedingungen) in sich selbst wahrnehmbar sind: diese Behauptung wäre allenfalls für den Zweck der Scheidung der Wissenschaften entbehrlich. Wer sie nicht teilt, würde das, was für die vergangenen und die fremden psychischen Funktionen ohnedies gilt, für psychische Funktionen überhaupt vertreten: daß sie überall nur aus den Erscheinungen erschlossen, d. h. zur Deutung der Erscheinungen vorausgesetzt seien, ganz ebenso wie es mit den physischen Gegenständen (Kräften, Prozessen) der Fall ist. Der Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften wäre dann der, daß sie nach verschiedener Richtung schließen, die ersten auf Vorgänge, die den Erscheinungen kausal zugrunde liegen, die letzten auf Vorgänge, die durch die Erscheinungen selbst ins Spiel gesetzt werden. Auch so ist es ein Unterschied im Gegenstand; und daß er wesentlich genug ist, lehrt die Verschiedenheit der resultierenden Gesetzlichkeiten.

Nicht vorübergehen dürfen wir an dem von HERMANN PAUL (17) erhobenen Bedenken: daß in allen sogenannten Geisteswissenschaften die physische Seite der Vorgänge eine sehr ausgiebige Rolle spielt und das Psychische unmöglich gesondert behandelt werden kann. PAUL will daher nicht Geistes-, sondern  Kulturwissenschaften  den Naturwissenschaften gegenüberstellen. Die Psychologie gilt ihm dabei gleichwohl für die Kulturwissenschaften als Grundwissenschaft im vorhererwähnten Sinn. Aber sie habe eben in gleicher Weise das Physische mitzuberücksichtigen und tut dies gegenwärtig in einem solchen Maß, daß sie zur Hälfte Naturwissenschaft geworden sei.

Das Sachliche hieran ist ganz unbestreitbar. Das psychische Leben ist durchweg auf dem Physischen aufgebaut und in jeder uns bekannten Einzelleistung davon unabtrennbar, während andererseits das Physische sicherlich im weitesten Umfang, nach Ansicht vieler sogar allgemein, ohne jede Rücksicht auf psychische Funktionen nach Struktur und Gesetzlichkeiten untersucht und dargestellt werden kann. Ein Blick etwa auf Mineralogie, dann auf Nationalökonomie, zeigt die ungemischte Natur der ersten, die gemischte der zweiten Disziplin.

Dennoch scheint es mir vom Definitionsstandpunkt aus zweckmäßiger, die alte Scheidung und das alte Merkmal beizubehalten. Daß man das psychische Leben nicht ohne die physische Grundlage des Organismus und der Umgebung verstehen kann, und daß die nächsten Ziele geistiger Tätigkeit auch wieder zum großen Teil auf physischem Gebiet liegen, in Siedlungen, Städtegründungen, Besitz- und Länderverteilung, stehenden Heeren und Schießgewehren, in Sprachschöpfungen und Bildwerken, in der Gesamtheit der äußeren Lebensgestaltung, das lehrt jeder Schritt und Tritt innerhalb der Geisteswissenschaften. Aber es braucht nicht notwendig in ihrer Definition zu stehen. Zur Definition genügt und empfiehlt sich das knappste Unterscheidungsmerkmal. Auch in der Durchführung zeigt sich doch, daß das  Primäre,  die Wurzel all jener Betätigungen, auf welche die Theorie und Geschichte der Sprache, Religion, Kunst, Staats- und Rechtsbildung sich bezieht, auf psychischem Gebiet liegt,, in Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gemütsbewegungen, Trieben, Willensentschlüssen. Endlich scheint mir der Ausdruck "Kulturwissenschaften" gegenüber den Naturwissenschaften leicht zu einer Mehrdeutigkeit zu führen. Im Begriff der Kultur, wie er nun einmal allgemein verstanden wird, liegt das Merkmal einer Tendenz zur Entwicklung von Werten. Diese Tendenz mag mit dem psychischen Leben in seiner höheren Ausbildung, zumal mit dem sozialen Leben höherer psychischer Individuen, naturnotwendig verknüpft sein; aber sie ist, logisch betrachtet, ein hinzukommendes, abgeleitetes Merkmal. Das Primäre bleibt doch eben die psychische Natur der Funktionen. Darum klingt es auch wunderlich, die Psychologie als Kulturwissenschaft zu bezeichnen, und doch müßte sie als die Grunddisziplin dieser ganzen Gruppe  kat exochen  [schlechthin, ansich - wp] Kulturwissenschaft sein, wie Physik  kat exochen  Naturwissenschaft ist. In den elementarsten Funktionen, die sie untersucht, liegen die Vorbedingungen aller Kultur; zur Wirklichkeit kommt diese aber erst im sozialen Zusammenleben, das die Psychologie im engeren und gewöhnlichen Sinn nicht beschäftigt. PAUL selbst ist nicht entgangen, daß die Psychologie es auch mit dem Seelenleben der Tiere zu tun hat, und daß der Begriff der Kultur eine starke Erweiterung erfahren müßte, um auch die Tierpsychologie noch unter den Kulturwissenschaften unterzubringen.

Es genügt daher und ist zweckmäßiger, die Unterscheidung in der obigen Weise zu vollziehen, wenn man sich dabei bewußt bleibt, daß damit nur der primäre Gegenstand der Geisteswissenschaften angegeben ist, der zur Abgrenzung eben hinreicht, nicht der vollständige, und daß schon beim ersten Schritt jeder Untersuchung physische Gegenstände miteinbezogen werden müssen.

Da die naturwissenschaftliche Ausgestaltung der neueren Psychologie auch für WINDELBAND und RICKERT eines der Motive geworden ist, die alte Einteilung noch stärker als H. PAUL umzuformen, so möge über diesen Punkt sogleich folgendes bemerkt werden. Die Psychologie hat das Experiment nützlich und nötig gefunden, um die Bedingungen, unter denen Selbstbeobachtung stattfindet, möglichst genau objektiv festzulegen und die subjektiven Erlebnisse, die beobachtet werden sollen, systematisch nach bestimmten Richtungen hin zu variieren. Aber sie betrachtet das Experiment überall nur als Einleitung und Unterstützung der subjektiven Beobachtung, die nach wie vor entscheidend bleibt, und als äußeren Anlaß der subjektiven Erlebnisse, die nach wie vor ihren Gegenstand bilden. Wenn sie in Anbetracht der ganzen äußeren Methodik den naturwissenschaftlichen Fächern unserer philosophischen Fakultäten nähergerückt ist als den geisteswissenschaftlichen, und sogar noch engere Fühlung hat mit medizinischen, wie Physiologie, Neurologie, allgemeiner Biologie, Psychiatrie, so mag man über ihre zweckmäßigste Einfügung in die Fakultäten streiten - Fakultäten sind bloße Arbeitsgemeinschaften und in ihrer Zusammensetzung und Abgrenzung durch praktische Rücksichten mitbedingt -: ihr Gegenstand wird dadurch nicht geändert.

Nun muß allerdings zugegeben werden, daß auch im Hinblick auf den Gegenstand Psychologie und Physiologie in gewissen Teilen stark ineinandergreifen, da die psychischen Funktionen mit den Prozessen der Hirnrinde verknüpft sind und das Detail dieser Verknüpfung beide Disziplinen gleichmäßig angeht, da nicht minder die Funktionen der Sinnes- und Bewegungsorgane auf subjektivem und objektivem Weg zugleich untersucht werden müssen. Aber warum sollen die Wissenschaften nicht teilweise ineinander übergreifen, wenn ihre Gegenstände es tun? Veränderte Definitionen bedingt dies noch immer nicht. Auch die natürlichen Arten der Pflanzen und Tiere weisen Gruppen auf, die verschiedenen Arten gemeinschaftlich zugerechnet werden können, ohne daß die Artdefinitionen ihren Sinn und Zweck verlieren.

RICKERT nimmt besonderen Anstoß daran, daß die Psychologie in ihrer gegenwärtigen Form als Grunddisziplin der Geisteswissenschaften gelten soll, wie sie es doch nach der alten Unterscheidung sein müßte und auch nach H. PAULs Modifikation noch sein würde. Kein Geschichtsforscher kann von ihr Gebrauch machen. Für diesen kommt allein das unmittelbare Einfühlen in historische Persönlichkeiten und die Erfahrung des täglichen Lebens in Betracht. Es scheint mir, daß auch hier über den in die Augen springenden Äußerlichkeiten die Vertiefung der Analyse, die nicht bloß erstrebt, sondern tatsächlich schon in erheblichem Maße erreicht ist, und die, wenn nicht direkt, doch auf zahllosen indirekten Wegen in den Gebrauch der Geisteswissenschaften übereht, zu gering eingeschätzt ist. Eine geschärfte Kunst psychologischer Zergliederung kann, wenn sie sich mit jenem persönlichen Hineinfühlen verbindet, der Klarheit und Wahrheit einer historischen Charakterdarstellung zuletzt nur förderlich werden. Auch muß man in Rechnung stellen, daß die Psychologie sich erst allmählich von der extremen Vertiefung in die Probleme der Sinneswahrnehmung, die den Anfang ihrer neuen Entwicklung bilden mußte, den komplizierteren und höheren Funktionen zuwendet, die den Kern des geistigen Lebens ausmachen, besonders den Willensfunktionen. Im übrigen versteht man ja auch, daß Mißbräuche von Historikern selbst diskreditierend wirken. Eine pedantisch-doktrinäre Übertragung von Ausdrücken (die für begrenzte Erscheinungskreise gebildet sind und selbst da nur einen vorübergehenden Wert beanspruchen) auf große geschichtliche Massenerscheinungen macht eine Darstellung nicht ohne weiteres schon zu einer exakt-psychologischen. Es lohnt sich nicht, über diesen Punkt, die Bedeutung der neueren Psychologie für die Geisteswissenschaften im allgemeinen, mehr Worte zu machen; er ist zuletzt Sache der wissenschaftlichen Praxis auf beiden Seiten und regelt sich von Fall zu Fall.
LITERATUR: Carl Stumpf, Zur Einteilung der Wissenschaften, Berlin 1907
    Anmerkungen
    1) Es gibt auch unmittelbar einleuchtende  Gesetze.  Daher müßte nicht das unmittelbar Gegebene (wenn es wie oben definiert wird), sondern das unmittelbar Einleuchtende überhaupt vom bloß Erschlossenen unterschieden werden. Doch können die unmittelbar einleuchtenden Gesetze hier außer Betracht bleiben, da sie jedenfalls von den Anhängern eines solchen Einteilungsprinzips nicht gemeint sind.
    2) An der Diskussion haben sich vorzugsweise TWARDOWSKI, MEINONG, HUSSERL, LIPPS beteiligt. Die folgenden Bemerkungen stehen den Anschaungen HUSSERLs am nächsten (Logische Untersuchungen II, Seite 46f).
    3) Siehe die Abhandlung "Erscheinungen und Funktionen", Seite 28f
    4) Ich glaube hiermit den Vorgang zwar nicht erschöpfend, aber etwas bestimmter bezeichnet zu haben, als es LIPPS tut, wenn er Gegenstände durch das "geistige Auge", durch den Denkakt, die Aufmerksamkeit oder die Auffassungstätigkeit entstehen läßt (Psychologische Untersuchungen, Bd. 1, erstes Heft, 1905, Seite 21f). Übrigens hat bereits DESCARTES in seinen allbekannten Betrachtungen über die Identität eines Stückes Wachs bei allen möglichen Erscheinungsveränderungenn (2. Meditation) auf die Beteiligung des begrifflichen Denkens hingewiesen.
    5) Allgemeine Namen können, wie WUNDT einmal richtig bemerkt, auch schon vor der Bildung von Allgemeinbegriffen durch die bloße Assoziation von einem Gegenstand auf einen anderen infolge ganz zufälliger Anlässe übertragen werden. Darum ist im Text on einer sinngemäßen Anwendung, d. h. einem Verstehen der allgemeinen Bedeutung, gesprochen. Was dies wieder heißen will, kann die Psychologie und Logik nähehr zu erläutern versuchen; hier darf das begriffliche Denken im Unterschied von der bloßen Aufeinanderfolge von Einzelbildern als eine tatsache vorausgesetzt werden.
    6) Siehe "Erscheinungen und psychische Funktionen", Seite 30, Anm. und Seite 33 Anm.
    7) Auch in dieser Beziehung kann ich LIPPS nicht beipflichten, wenn er mit den Gegenständen zugleich den Gegensatz zwischen ihnen und dem Ich oder dem Bewußtsein entstehen läßt (a. a. O. Seite 22)
    8) Auf die bereits von HUSSERL (Logische Untersuchungen I, Seite 215) ausführlich zitierten Bemerkungen HERBARTs über Objektivität und Identität des Begriffsinhalts sei auch hier verwiesen, da sie den Psychologen HERBART zugleich als einsichtigen Erkenntnistheoretiker zeigen.
    9) Aus diesem Grund muß ich es nicht bloß als unrichtigt, sondern zugleich als inkonsequent ansehen, wenn gerade MACH die rein phänomenalistische Physik vertritt. Ist der Erscheinungsraum nicht metrisch, was ist dann überhaupt noch metrisch im ganzen Reich der Erscheinungen? Gerüche, Geschmäcke? Die physikalischen Gegenstände aber  sind  metrisch.
    10) THEODOR ZIEHEN, Psychophysiologische Erkenntnistheorie, 1898. Ferner Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 23, Seite 111f, bes. 118.
    11) LUDWIG BOLTZMANN, Abhandlungen in den Annalen der Physik, Bd. 57 (1896), abgedruckt in den "Populären Schriften", Seite 104f und 132.
    12) Vgl. über die Forderung der Bilder wie auch der "begrifflichen Reinheit" MACHs "Erkenntnis und Irrtum", Seite 227 und 246.
    13) Es gibt allerdings auch eine Form des Vitalismus - man könnte sie anistischen oder Psycho-Vitalismus nennen -, die es für unvermeidlich hält, bei allen organischen Prozessen geradezu das Eingreifen psychischer Faktoren (Unterscheidungsfähhigkeit, Urteil, Wollen, von Zwecken und Mitteln) anzunehmen. Die selektiven Funktionen, z. B. die Anpassung der Abscheidungsprodukte der Magendrüsen an die verschiedenen in den Speisekanal eingeführten oder auch nur dem Gesichtssinn dargebotenen Stoffe (PAWLOW), kann man dafür schwer beweisend finden, da Selektion und Anpassung auch bei rein physikalischen Vorgängen, wie der akustischen und elektrischen Resonanz, stattfinden. Auch der Versuch, die Schwierigkeiten der Entwicklungslehre durch die Voraussetzung psychischer Kräfte in den bezüglichen Gebilden zu lösen, wie ihn namentlich der Zoologe A. PAULY kürzlich unternommen hat (Darwinismus und Lamarckismus 1905), dürfte nach anderen Richtungen wieder in ebenso große Schwierigkeiten hineinführen. Aber nehmen wir einmal an, die Erklärungsweise wäre allgemein als die einzig fruchtbare und befriedigende akzeptiert, so würde damit nur das Zusammenwirken von Psychologie und Physiologie, wie es für die nervösen Zentralorgane tatsächlich stattfindet, auf alle Kapitel der Biologie ausgedehnt werden. Es würde aber nicht nötig sein, den Begriff des Physischen selbst durch Aufnahme psychischer Merkmale zu bereichern.
    14) JOHANNES VOLKELT nimmt (Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 118, Seite 1f) für die Erinnerung an das früher Erlebte eine unmittelbare Gewißheit in Anspruch. Ich kann dies nur für das unwissenschaftliche Bewußtsein zugeben, das auch der Außenwelt einen unmittelbaren Glauben entgegenbringt. Die wissenschaftliche Erkenntnis der eigenen Vergangenheit kann sich nur auf Schlüsse stützen.
    15) Man kann auch irgendeinen besonders wesentlichen, konstanten Teil (Eigenschaft usw.) als Träger der übrigen auffassen. Von diesen Feinheiten in der Ausdeutung des Substanzbegriffs mögen wir hier absehen.
    16) Gegen WUNDTs Lehre, daß der Unterschied nicht in den Objekten, sondern nur in den Gesichtspunkten der Betrachtung liegt, hat ERNST MEUMANN Einwendungen erhoben, die mir durch WUNDTs Gegenbemerkungen nicht entkräftet scheinen (Archiv für die gesamte Psychologie II, Literaturbericht Seite 29f, Abhandlungen Seite 333f). - - - Nicht ganz übereinstimmen kann ich in diesem Punkt mit HUSSERLs Auseinandersetzungen (Logische Untersuchungen II, Seite 336f). So richtig er auch hier die Bedeutung des Gegenstandsbegriffs hervorhebt, so ist das Unterscheidende zwischen Naturwissenschaft und Psychologie doch nicht hierin zu finden, sondern im Material, das zur Gegenstandsbildung verwendet wird. Auch kann ich den Unterschied des Psychischen vom Physischen nicht darin erblicken, daß vom Psychischen eine adäquate Anschauung möglich ist, vom Physischen nicht. "Kein Körper ist innerlich wahrnehmbar - nicht weil er  physisch  ist, sondern weil z. B. die dreidimensionale Raumform in keinem Bewußtsein adäquat anschaubar ist. Adäquate Anschauung ist aber dasselbe wie innere Wahrnehmung." Hiernach würde für den Fall, daß wir uns ein dreidimensionales Raumgebildet ebenso anschaulich vorstellen könnten wie ein zweidimensionales (was z. B. nach HERING tatsächlich der Fall ist), und daß auch sonst alle Eigenschaften des physischen Gegenstandes uns anschaulich zu gleicher Zeit vorstellbar wären, Physik zur Psychologie werden, was ich nicht zugebe. Es tritt hier HUSSERLs eigentümliche Lehre ins Spiel, wonach das gegenständliche Denken dadurch charakterisiert ist, daß es auf mehr gerichtet ist, als wir uns augenblicklich aktuell vorstellen.
    17) HERMANN PAUL, Prinzipien der Sprachgeschichte, 1880