ra-2Rudolf StammlerRobert LiefmannF. Lifschitz    
 
RUDOLF STOLZMANN
Die soziale Theorie der Verteilung
und des Werts


"Die Grenznutzentheorie kann nur für die Erklärung der wirtschaftlichen Erscheinungen innerhalb einer privatkapitalistischen Wirtschaftsweise tauglich sein. Es fehlt die Brücke von ihren idealisierenden Annahmen zu den realen Verhältnissen des wirklichen Marktverkehrs, da der Preis eine gesellschaftliche Erscheinung ist und daher nur aus den Marktvorgängen unter dem Einfluß  sozialer Machtverhältnisse  erklärt werden kann."

"Lohnhöhe und Kapitalprofit hängen ab von der Menge des gesamten gesellschaftlichen Produkts, über das die Gesellschaft verfügt. Um dieses Produkt wird der Kampf der gesellschaftlichen Klassen geführt.  Woher  diese  Menge des gesellschaftlichen  Produkts kommt, durch welche  sozialen Bedingungen  sie bestimmt wird, bleibt ununtersucht, vor allem aber die Hauptfrage: Was ist denn das eigentlich für ein greifbares Wesen, dieses als ein Ganzes postulierte Ding, diese  Gesellschaft,  die über das  gesellschaftliche  Massenprodukt  verfügt?" 

"Der Markt beherrscht die Produktion, und nicht die Produktion den Markt, die Schwierigkeit für den Unternehmer besteht nicht darin, eine Ware zu produzieren, sondern für sie einen Markt zu finden. Das heißt doch aber nichts anderes als: den Absatz zu einem bestimmten  Wert.  Das Bindeglied allen Verkehrs ist diese Wertbestimmtheit, es werden nicht sinnliche Dinge als  Naturdinge,  sondern die Waren als  Wertdinge;  d. h. als Ausdruck ihrer sozialwirtschaftlichen Bedeutung vertauscht."

    "Die Geschichte lehrt, daß erst in der Reife der Wirklichkeit
    das Ideale dem Realen gegenüber erscheint und sich die Welt
    in Gestalt eines intellektuellen Reichs erbaut ...
    Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt,
    dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden
    ... die Eule der Minerva beginnt erst
    mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug."

    - Hegel im Vorwort seiner Rechtsphilosophie

Die Versuchung liegt nahe, diese Worte auch auf die theoretische Wirtschaftswissenschaft anzuwenden: Erst als der helle Tag der Wirklichkeit die  soziale Frage  wachgerufen hatte, bequemte sie sich, ihrem ureigenen Begriff gerecht zu werden: nicht länger mehr Ökonomik, sondern  Sozial ökonomik zu sein. Langsam und träge, dem Vogel der Minerva gleich war ihr Gedankenflug, und oft genug ging er nicht vorwärts, er ging zurück ins Ökonomische, ja - worauf man noch stolz war - zurück ins  "Rein-Ökonomische". Doch diesem rückschrittlichen Zug ergab sich doch gerade diejenige Schule, die sich mit Vorliebe die "moderne" nennt, und noch heute, nachdem RODBERTUS, SCHÄFFLE und WAGNER längst ihr Werk getan haben, schwört ein großer Teil der Jünger MENGERs auf die Worte ihres Meisters: "Der ökonomische Charakter der Güter ist in keinerlei Weise an die Vorbedingung der menschlichen Wirtschaft in ihrer  sozialen  Erscheinung geknüpft." Wie sich aber aller Fortschritt in Richtung und Gegenrichtung bewegt, so hat auch hier die auf die Spitze getriebene "rein-ökonomische" Betrachtung neuerdings selbst bei Anhängern der MENGERschen Schule eine derartige Reaktion gezeitigt, daß sie selbst nicht mehr zu wissen scheinen, ob sie Bekehrende oder ob sie Bekehrte sind. Ich denke an KOMORZYNSKI und an AMMON.

Es redeten doch auch die Tatsachen, es redeten die Forderungen des Tages eine gar zu eindringliche Sprache. Die soziale Frage wandelte sich mehr und mehr aus einer Frage der Erkenntnis zu einer Frage des Wollens und der Tat, zu einer Frage der Organisation, in deren Mittelpunkt das Problem der  Verteilung  steht. So hauchte der soziale Zug der Zeit, der vom Leben ausging, auch der Lehre einen neuen Geist ein. Sie erkannte im wirtschaftlichen Produktionsprozeß den ihm immanenten Verteilungsprozeß. Es war dann auch die eherne Logik des Krieges, die uns von neuem den innigen Zusammenhng zwischen der Erzeugung der Güter und ihrer Verteilung lehrte, das organische Wechselverhältnis zwischen Einkommen und Preisbildung. Die Regelung der Hervorbringung und die Regelung des Verzehrs erwiesen sich als untrennbare Teile eines einheitlichen Problems. Die tastenden Versuche unserer Kriegswirtschaft mahnten uns, auch in der Theorie das nachzuholen, was in der Praxis versäumt wurde. Überall drängte sich die Notwendigkeit der Neuorientierung und des Umlernens auf.

Der Teil der Aufgabe, der hierbei der Wirtschaftstheorie zufällt, ist nicht die Darbietung fertiger Rezepte, sondern nur die Herausarbeitung und Bereitstellung des gedanklichen Rüstzeugs, die Darlegung der soziale Grundbegriffe, Grundtatsachen und Grundzusammenhänge des volkswirtschaftlichen Sein. Die Theorie ist nicht Selbstzweck, sie läuft, wie KANT sagt, immer auf das Praktische hinaus. Die rechte soziale Theorie ist die bedingende Grundlage der rechten sozialen Praxis. Sie darf sich deshalb auch nicht vom historischen Boden der zu erklärenden Wirklichkeit entfernen, sie darf nicht im sozialleeren Raum ihr Luftgebilde aufführen, sie es auf dem Wolkenkuckucksheim einer "abstrakten Gesellschaft", sei es auf der Fiktion eines gott- und weltverlassenen ROBINSON, sei es schließlich - was das Allerschlimmste ist, jetzt aber in die Mode zu kommen scheint - auf einem irreführenden Mischgebilde von beidem.

Noch ein Mann wie ROSCHER, obgleich Mitbegründer der  historischen  Schule, konnte die Abhängigkeit der wirtschaftlichen Erscheinungen von der jeweiligen konkreten Rechts- und Wirtschaftsordnung so sehr verkennen, daß er dem Phantom nachlief, "gleichsam eine Anatomie und Physiologie der Volkswirtschaft zu begründen. Er träumte von "einer festen Insel wissenschaftlicher Wahrheit im Gewoge der Tagesmeinungen, die ebenso allgemein anerkannt wäre, wie die Ärzte der verschiedenen Richtungen die Lehren der mathematischen Physik gleichmäßig anerkennen" (ROSCHER, Grundlagen, §§ 26, 27f. Man ist seitdem bescheidener geworden, man ließ die Jllusion fahren, "Naturgesetze" des Wirtschaftslebens zu entdecken. Die Wirtschaftswelt regiert sich nicht aus sich selbst, die Volkswirtschaft reift nicht wie ein natürlicher Organismus der ihr bestimmten Entwicklung entgegen, sie ist kein Natur-, sondern ein Zweckgebilde, eine Schöpfung des menschlichen Willens, von dem sie auch ihre Erhaltung und Fortbildung erwartet. Mit der utopischen Friedensinsel ist es nichts. Natur allein schafft auch auf volkswirtschaftlichem Feld keine Harmonie, sondern den Kampf aller gegen alle.

Was die Natur  nicht  bietet, das muß sich die Menschheit aus Eigenem schaffen, aus eigenem Willen, mit eigener Tat. Der Intellektualismus fügt sich dem Primat der praktischen Vernunft, die aber nicht im Individuum als natürlichem Einzelwesen wurzelt, nicht im  homo phaenomenon  mit seinen unfreien Lust- und Unlustgefülen, mit seinem persönlichen Glückseligkeitsdrang, sondern im sozialen, im "höheren" Menschen, wie ihn KANT fordert, im freien  homo noumenon.  Erst die  Idee der Gemeinschaft  führt in das Reich der Freiheit hinein. Das  Ziel,  nach dem zu streben, wird so ein gemeinsames, nur um die  Mittel  bewegt sich der Kampf. Nur so wird die Wahlstatt geschaffen, auf der die Waffen gleich sind, und wo man, ohne aneinander vorbeizureden und vorbeizustreben, schließlich erst einmal erkennt, worum man sich eigentlich streitet. Die Idee der Gemeinschaft und die Gemeinschaft der Idee ist es, die sich erst unbewußt, dann aber bewußt in den Ordnungen einer gesellschaftlichen Bindung verkörpert, angefangen von der Familie, aufsteigend zur Gruppe, zur Gesellschaft und zum Staat, bis sie sich schließlich ins Metaphysische verläuft, in die Idee des theologischen oder teleologischen Universalismus.

Aber im Mittelpunkt dieser Kette steht für den Nationalökonomen nüchtern und greifbar das soziale Zweckgebilde der geregelten Wirtschaftsordnung, durch welche die Individuen zur organisierten Gemeinschaft ihrer materiellen Bedürfnisbefriedigung zusammengeschlossen sind. Damit ist die  sozialorganische  Betrachtungsweise ganz von selbst gefordert und gegeben. Ich habe sie in meinen früheren Schriften versucht für das System der Volkswirtschaftslehre und ihre Einzelmaterien fruchtbar zu machen.

Meine jetzige Aufgabe besteht darin, sie anhand zweier neuerer literarischer Erscheinungen kritisch zu erhärten. Sie bieten mir die willkommene Gelegenheit, den gegenwärtigen Stand der nationalökonomischen Erkenntnis an ihrem erwähnten Zentralproblem darzulegen: es ist die Lehre von der  Verteilung,  die auch für den unausbleiblichen Kampf der Geister in der Friedenszeit das Allgemeininteresse ganz besonders herausfordert. Es handelt sich um folgende beiden Schriften:
    1) Soziale Theorie der Verteilung, von MICHAEL TUGAN-BARANOWSKY, Berlin 1913, Sonderabdruck aus den "Annalen für soziale Politik und Gesetzgebung", Bd. 2, Heft 5 und 6;

    2) Das Grundprinzip der Verteilungstheorie, von JOSEPH SCHUMPETER, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 42, Heft 1, Seite 1 - 88.
Die letztere Schrift erschien erst, als meine Untersuchung über TUGAN-BARANOWSKYs Lehre im wesentlichen abgeschlossen war. Ich muß deshalb ihre Würdigung einer späteren Abhandlung vorbehalten. Eine solche Würdigung ist aber auch dringend geboten, schon deshalb, weil erst durch ihre Einbeziehung die Möglichkeit geboten wird, unseren Gegenstand von den  beiden  allein denkbaren Extremen aus, damit aber auch  erschöpfend  zu behandeln: von dem sozialen Gesichtspunkt aus, dem der Sozialist TUGAN-BARANOWSKY huldigt, und vom rein-ökonomischen Standpunkt aus, den SCHUMPETER so energisch und gewandt verteidigt.

Inzwischen, noch im Jahr 1917, erschienen nun auch LIEFMANNs "Grundsätze der Volkswirtschaftslehre", in denen er seine neue und originelle Theorie, die er die "psychische" nennt, vorführte, die er auch schon vorher in Auszügen, besonders in mehreren Abhandlungen dieser "Jahrbücher" eingeführt und vorläufig begründet hatte. Da er hier wie dort der ganzen "sozialen Betrachtungsweise" in seiner kampffrohen Art den Streit angesagt hat, war es unabweislich, den hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen. Auch seine Lehre soll uns dazu dienen, an ihrem Gegensatz das Wesen unserer eigenen umso besser abzuheben. Ich werde sie deshalb schon in der vorliegenden Abhandlung - in den Kapiteln z, 8 und 9 - in der Kürze berücksichtigen, die durch den begrenzten Rahmen meines Themas geboten ist.


1. Wesen und Programm der soziale
Verteilungslehre Tugan-Baranowskys

Zur Kritik der "sozialen Theorie der Verteilung" ist wohl kein anderer so sehr wie ich veranlaßt und legitimiert, der ich zuerst in dieser Ausführlichkeit und Durcharbeitung die  Verteilung  als den Kern aller sozialökonomischen Lehre aufzuweisen versuchte, und dies auf einer breiteren Grundlage als TUGAN-BARANOWSKY. Denn während dieser die Theorie der Verteilung von der des Werts streng sondert und den gemeinsamen Grundfehler der herrschenden Lehren darin erblickt, daß sie die Verteilungsphänomene als Wertprobleme behandeln, gehe ich von deren organischer Zusammengehörigkeit aus; nur daß ich nicht, wie die deshalb von T.-B. mit Recht getadelte herrschende Auffassung, die Verteilung aus dem Wert, sondern den Wert aus dem sozialen Zweckbegriff der Verteilung ableite, ähnlich wie RODBERTUS, der als erste den Wert als "Medium der Verteilung" bestimmte: Wert und Verteilung sind nach meiner Lehre in  einem  Zug aus den sozialen Funktionen des volkswirtschaftlichen Organismus a priori zu erfassen, und die Grundgebrechen der allermeisten Theorien rühren nach meiner Ansicht gerade von einem nicht überwundenen  Dualismus  zwischen Wert und Verteilung her. Seine schließliche  Überwindung,  die Überwindung des damit sich berührenden Gegensatzes von Subjektivismus und Objektivismus, ihre Versöhnung und "Verschmelzung zu einer sozialorganischen Einheit" halte ich für die nächste und vornehmste Aufgabe der volkswirtschaftlichen Lehre. Sie war Gegenstand meiner beiden (1) vorangehenden Abhandlungen, 1914, III. Folge, Bd. 48, Seite 145f und 1915, III. Folge, Bd. 49, Seite 145f dieser Jahrbücher, über Subjektivismus und Objektivismus, sie drückt sich auch in der von mir gewählten Überschrift des vorliegenden Aufsatzes aus: nicht "Soziale Theorie der  Verteilung",  wie T.-B.s Titel lautet, sondern "Soziale Theorie der Verteilung  und des Wertes". 

Dagegen legt uns T.-B. sein  "Programm  in einem kurzen Vorwort dahin vor: Die Eigentümlichkeit der von ihm dargelegten Verteilungstheorie besteht in der Hervorhebung der  soziale  Faktoren der Einkommensbildung. Die beiden herrschenden Hauptrichtungen der Theorie, die Grenznutzenlehre so gut wie die MARXsche Wertlehre, kranken seiner Ansicht nach an dem gemeinsamen Grundfehler, daß sie die Verteilungsphänomene als Wertprobleme behandeln. Er könne sich deshalb zu keiner der beiden Richtungen bekennen, obwohl seine Theorie viel Gemeinsames mit der einen  und  der andern hat. In der Grenznutzenlehre sehe er die (!) wissenschaftliche (!) Theorie des wirtschaftlichen Güterwerts, im Marxismus scheine ihm die soziale Grundlage der ökonomischen Erscheinungen von größter Bedeutung. Aber von der Grenznutzenlehre scheide ihn eine andersartige Auffassung des Verteilungsproblems, das aufgrund der individualistisch-psychologischen Methode dieser Schule nicht zu lösen ist, und an der MARXschen Verteilungslehre tadelt er, daß sie trotz ihrer sozialen Grundlage mit individualistischen Elementen durchsetzt ist. Die wichtigste Aufgabe der ökonomischen Wissenschaft unserer Zeit erblickt er in der "Synthese"  beider. 

Es ist auffallend, daß T.-B. nicht die inneren Widersprüche seines  Programms  bemerkt hat. Liegen sie doch auf der Hand. Ist die  "soziale  Grundlage der ökonomischen Erscheinungen" so bedeutungsvoll, wie kann da die Grenznutzenlehre eine "wissenschaftliche" Theorie sein,  obschon  sie doch gerade nicht sozialer, sondern individualistisch-psychologischer Natur ist, und der wichtigste Teil der Wissenschaft, das Verteilungsproblem, "aufgrund der Grenznutzenlehre eben nicht zu lösen ist"? Und ferner: Wenn die wichtigstes Aufgabe  in der Synthese  beider Lehren liegt, wie kann da der  Dualismus  von Wert und Verteilung eine solche Synthese  erbringen?  Wird er nicht umgekehrt eine solche geradezu unmöglich machen?

Gibt es doch nur ein einziges und einheitliches Objekt für die  Sozial ökonomik: die soziale Volkswirtschaft als unteilbares Ganzes, von dem die Verteilung wie der Wert nur je eine gedankliche Seite darstellen. T.-B. hat meines Erachtens eine unzutreffende Antithese aufgestellt, wenn er seine Theorie auf dem Gegensatz von Verteilung und  Wert  gründet. Der Verteilung steht sprachlich und logisch die  Produktion  gegenüber und nicht der Wert. Wert und Verteilung sind überhaupt keine Gegensätze. Der Wert ist das  Gemeinsame,  die Wertlehre hat gerade die eigentlichste und einzige Aufgabe: die von T.-B. gesuchte Synthese zu erbringen, die verbindende Brücke aufzuweisen, welche die beiden Hauptfunktionen der Volkswirtschaft, die Produktion und die Verteilung, durch das gemeinsame Band des obersten Sozialzwecks zusammenhält.

Der Wert darf nicht abseits stehen. Er ist der  Ausdruck  der volkswirtschaftlichen Einheit  in  der Wechselwirkung und dem ewigen Kreislauf ihrer Funktionen, er ist das Maß der ökonomischen Dinge. Hier wie in  aller  modernen Wissenschaft ist deren große Aufgabe zu lösen: das fließende Moment der Qualitäten auf  quantitativ erfaßbare Maßstäbe  zu bringen. Erst dadurch  wird  sie in gewissem Sinne zur "Wissenschaft". Für die nationalökonomische Wissenschaft  ist  dieses Maß eben der "Wert". Daher ist in allen ökonomischen Theorien seit ARISTOTELES, seit den Physiokraten und immer intensiver in den neueren Systemen die wachsende Einsicht in die Wichtigkeit, die der Wertlehre beizumessen ist. Der "gemeinsame Grundfehler" der Systeme liegt  nicht  in der Behandlung der Verteilungsphänomene als Wertphänomene. Verteilungsphänomene  sind  Wertphänomene, wie alle anderen volkswirtschaftlichen Erscheinungen, sie machen hiervorn keine Ausnahme. Die Frage ist nur, ob die Verteilung aus dem Wert oder der Wert aus der Verteilung, oder aber drittens, ob Wert  und  Verteilung, wie schon gesagt,  in einem Zug  aus einer übergeordneten Einheit, als einem Dritten, abzuleiten sind. Das letztere ist die von mir in allen meinen Schriften vertretene Grundauffassung. Ich glaube dort den Nachweis erbracht zu haben, daß der Wert kein Ding für sich, keine  primäre  Erscheinung, sondern nur das Ergebnis von immanenten sozialorganischen Zweckfunktionen darstellt, ihren kurzen und letzten Ausdruck.

Was KANT von den Kategorien im allgemeinen sagt, als den Mitteln, mit denen der Verstand die Erscheinungen "buchstabiert", das gilt im besonderen von der Wertkategorie als dem Mittel zur Buchstabierung der sozialökonomischen Erscheinungen. Und wenn KANT den Verstand "der Natur die Gesetze vorschreiben" läßt, so ist die Wertkategorie das Mittel zur Erfassung und zum Ausdruck der sozialökonomischen "Gesetze". Die Analyse des Werts geht in der Analyse der Volkswirtschaft auf, der Wert ist ein Letztes in der Ableitung, er ist ein Erstes höchstens für die systematische Darstellung des Abgeleiteten. Der Wert ist ein sozialer Zweckbegriff. Wie die Gesellschaft eine Sonderkategorie darstellt, die aus dem Wesen des Einzelindividuums oder der Einzelindividuen in ihrem mechanisch zufälligen Kontakt oder ihrem neuerdings sogenannten "übergreifenden Funktionen" nicht zu verstehen ist, so geht auch der Zweck, der den Wert ausmacht, aus dem in einer besonderen Analyse zu entwickelnden Zweck der Gesellschaft in ihrer konkreten Wirtschaftsordnung hervor. Für das einzelne Wirtschaftssubjekt ist dieser Zweck ein ihm aufgezwungenes Fremdes, das es bewußt oder unbewußt erst hinterher in die Autonomie seines Willens aufnimmt. Nur durch Dienen gelangt es zur Herrschaft. Sind einmal die autark abschlossenen Natural- und Eigenwirtschaften in der arbeitsteiligen Volkswirtschaft aufgegangen, so ist es ein Unding, das Gebilde der Volkswirtschaft als solches aus der mechanischen "Resultante" ihre Teile erkennen zu wollen, den Zweckorganismus eines lebendigen Ganzen aus den ihm eingegliederten und untergeordneten Bestandteilen. Ebensowenig wie der Sonnenkönig können die Individuen sagen: Wir sind der Staat, wir "organisieren" die Volkswirtschaft. Die subjektivistische Betrachtung, so führte ich an anderer Stelle aus, kann uns wohl veranschaulichen, wie sich der Einzelwirtschafter im fertigen Bau der Sozialwirtschaft häuslich einrichtet, aber sie läßt uns den Bau selbst in seiner Eigenart unerklärt. Die Einzelakte des individuellen "Handelns" ergeben nicht das Wesen des Gesamtgefüges, sie sind nur die Ausführung des sozialen Wirtschaftsplans an der den Individuen zugewiesenen Stelle.

T.-B. setzt sich mit der blinden Hinnahme der psychologischen Grenznutzentheorie etwas vornehm über alle Einwendungen hinweg, die seitdem gegen sie eingehend und - wie ich meine - vernichtend erhoben worden sind, nicht nur von bürgerlichen, sondern auch von sozialistischen Forschern. Aus der unbegrenzten Zahl der  ersteren  möchte ich nur KARL DIEHL hervorheben, der im Bd. 51 dieser Jahrbücher, Seite 491f in seiner Kritik gegen WIESER, die in den wesentlichen Grundzügen mit der meinigen in Bd. 49, Seite 172f übereinstimmt, jene Einwendungen so zusammengefaßt hat:
    "Da die Grenznutzenlehre auf den individuellen Nutzerwägungen des einzelnen Wirtschaftssubjekts basiert, passen ihre Resultate nur für Wirtschaftsformen, die sich auf dieser individualistischen Basis aufbauen, nicht aber für Sozialformen prinzipiell gänzlich verschiedener Art. Es ist daher falsch, zu sagen, daß im Individuum die Dispositionen nachgewiesen werden müßten, durch die es sich dem gesellschaftlichen Gefüge verbindet. Nur für die so begrenzte Aufgabe, nämlich für die Erklärung der wirtschaftlichen Erscheinungen innerhalb einer privatkapitalistischen Wirtschaftsweise, kann also die Grenznutzentheorie tauglich sein. Es fehlt die Brücke von ihren idealisierenden Annahmen zu den realen Verhältnissen des wirklichen Marktverkehrs, da der Preis eine gesellschaftliche Erscheinung ist und daher nur aus den Marktvorgängen unter dem Einfluß  sozialer  Machtverhältnisse erklärt werden kann. Wozu diese ganze individuelle Genußlehre mit ihren gekünstelten Beispielen, wie z. B. dem einer Schiffsmannschaft mit knappem Wasservorrat? Warum geht man nicht gleich direkt zur Erklärung der Markterscheinungen vor und gibt eine empiristisch-realistische Theorie?"
Aus der Zahl der  sozialistischen  Theoretiker greife ich CONRAD SCHMIDT heraus.
    Auch er sieht den Kardinalirrtum der Grenznutzentheorie darin, daß "sie sich in psychologischen Räsonnements darüber ergeht, wie der Besitzer eines ihm zur unmittelbaren Bedarfsdeckung zur Verfügung stehenden Vorrats von Gütern verschiedener Art bei einer eventuellen Abschätzung des subjektiven Wertes, den diese für ihn haben, verfahren wird, und daß sie sich allen Ernstes einbildet, aus so gewonnenen Resultaten Folgerungen für die Regulierung der Austauschsätze im Warenaustausch ableiten zu können ... Die psychologischen Zwecksetzungen (der im Marktverkehr Austauschenden) sind nicht nach Robinson-Analogien, sondern in ganz anderer Art und Weise charakterisiert ... Der Einfluß, den das von den Grenznutzlern als letzthin ausschlaggebendes Moment proklamierte, auf en subjektiven Gebrauchswert der Waren fundierte  subjektive Werturteil  ... auszuüben imstande ist, reduziert sich im wesentlichen auf einen allgemein bekannten Umstand, der überall, statt, wie die Grenznutzler wollen, die im Markverkehr jeweils bestimmten Preise zu erklären, sie vielmehr voraussetzt. Das Einkommen (Jahreseinkommen) der Funktionäre des wirtschaftlichen Gesamtprozesses ... gibt nur die Maximalgrenze an, in deren Rahmen sie das System ihrer Bedürfnisse je nach der Größe ihres Geldeinkommens befriedigen können ... keine neue Erkenntnis eines Sachverhalts (ist das, sondern) im besten Fall ein im Ausdruck subtil formuliertes Etikett" (CONRAD SCHMIDT, "Vom Begriff des Warenwerts" in den  Sozialistischen Monatsheften,  1916, Bd. 2, Seite 568 und 569).
Aber T.-B. stellt sich nicht nur in einen Gegensatz zu den sozialgerichteten Schulen, er nimmt in seiner Verteilungslehre auch den Kampf gegen die Subjektivisten auf, ja den Kampf gegen  alle  Schulen. Denn sie alle entwickeln, wie er sagt, unterschiedslos die Verteilungstheorie als eine spezielle Theorie der  Wert theorie;; ein besonderes Verteilungsproblem, neben dem Wertproblem, besteht für sie nicht, sie beziehen in die allgemeine Preislehre auch die Verteilungstheorie ein. Aber gerade diese originelle Stellungnahme des auch sonst wegen seiner Tiefe und seines ideellen Zuges geachteten Sozialisten schien mir besonders geeignet zu sein, um an seiner Lehre das trennende und gleichzeitig das trotzdem Verbindende zwischen den antagonistischen bürgerlichen und sozialistischen Grundanschauungen klarzustellen. T.-B. kämpft den Kampf gegen zwei Fronten; aber gleichzeitig übernimmt er auch von beiden Seiten den "richtigen Kern". Seine Lehre ist eklektisch, ihre Kritik gibt uns Gelegenheit, beide Richtungen nach ihrem inneren Verhältnis zueinander zu würdigen, oder allgemeiner gesagt, sie führt uns auf das wichtige, bisher von der Wissenschaft immer noch nicht gelöste Problem, welches das Verhältnis der natürlichen und der gesellschaftlichen Beziehungen zum Gegenstand hat, das Verhältnis des Menschen zur Natur und das Verhältnis des Menschen zum Menschen.


2. Die Begründung und der Zweck
"der sozialen Verteilungslehre"

In einer besonderen "Einleitung" legt uns T.-B. den Zweck seiner Theorie so dar: Seine Theorie wolle den Ansprüchen des praktischen Lebens gerecht werden, ihrem Lauf  folgen,  nicht ihnen hinterherhinken. Das habe die herrschende Lehre versäumt. Sie verfehlte die Beantwortung der wichtigsten Frage: Ist eine "Beeinflussung" der Lohnhöhe durch die Gewerkschaften grundsätzlich möglich? Ist die Lohnhöhe "regulierbar", oder folgt die Verteilung der gesellschaftlichen Einkommen in der kapitalistischen Gesellschaft ihren eigenen unabänderlichen Gesetzen? Haben die Gelehrten, so drückt er es an anderer Stelle aus, recht, die das behaupten und der neueren Richtung die Verfolgung unerreichbarer Ziele vorwerfen, oder hat die Praxis des Lebens, d. h. eine vom Standpunkt der praktischen Interessen der Sozialpolitik ausgehende Lohntheorie recht? Man sieht, es handelt sich um dieselben Grundfraen, die ich in meinen Schriften, zuletzt in meiner Auseinandersetzung mit BÖHM-BAWERK unter dem von letzterem gewählten Titel: "Macht oder ökonomisches Gesetz", Bd. 49, Seite 200f dieser "Jahrbücher" eingehender und grundsätzlicher als T.-B. erörtert habe. In einem viel weiteren Sinn noch als ich in "Der Zweck in der Volkswirtschaft", Seite 776, erkennt dieser zwar die Grenznutzenlehre, soweit es ihre  Wert lehre angeht, als  ktema es aei  [Bestitz für alle Zeit - wp] an. Auf dem Gebiet der  Verteilungs theorie dagegen habe sie gänzlich versagt. Wie ich (Bd. 49, Seite 163), weist er auf den für sie letalen [tödlichen - wp] Umstand hin, daß jeder ihrer bedeutendsten Vertreter seine eigene Verteilungstheorie hat, nur daß ich, noch weiter gehend (Bd. 48, Seite 156f) nachwies, daß sich dieser Mangel an Übereinstimmung keineswegs auf das Gebiet der Verteilungslehre beschränkt, sondern schon in der Verschiedenheit des "Grundpfeilers" der  ganzen  Theorie  einschließlich  der Wertlehre wurzle, mit anderen Worten in dem "passe-partout", als welches BÖHM-BAWERK den  Fortfall,  von WIESER aber den Gedanken des ruhigen und ungestörten  Besitzes  bezeichnet. Ich weiche von T.-B. nach dem Gesagten auch darin ab, daß er jenen Mangel als auffallendsten Beweis für die besonderen Schwierigkeiten des Problems selbst ansieht und als Beweis dafür, daß die Grenznutzenlehre mit den anderen Schulen die Verteilungslehre zur Unrecht als eine spezielle Lehre der allgemeinen  Wert theorie entwickelt. Ich dagegen sehe im Scheitern ihrer Verteilungstheorie nur den Beweis der  Unzulänglichkeit  der ihr zugrunde liegenden  Wert theorie.

Man ist nun mit Recht gespannt, zu hören, mit welcher Begründung T.-B. die seinerseits behauptete Kluft zwischen Wert und Verteilung begründen, noch mehr aber, wie er den von ihm selbst zerrissenen Faden zwischen beiden wieder verknüpfen will. Denn er verkennt ja keineswegs ihre Zusammengehörigkeit ansich. Wie kommt es, so fragt er im 1. Kapitel "Zur Methodologie des Verteilungsproblems", wie kommt es, daß die Verteilungstheorie im System der ökonomischen Wissenschaft eine besondere Stelle neben den Theorien der Produktion und des Austauschs einnehmen kann, da die Verteilungsphänomene doch mit den Produktions- und Austauschphänomenen zusammenfallen und den gesamten wirtschaftlichen Prozeß erschöpfen? Warum ist die Verteilung ein Problem  sui generis?  [eigener Art - wp] In der von ihm gewählten Beantwortung dieser Frage sieht T.-B. das, was er die "Methodologie" seiner eigenartigen Verteilungslehre nennt - nebenbei eine ungewöhnliche Verwendung des Begriffs "Methode". Denn unter einer solchen versteht man doch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch nur die formale Art des Forschungsweges, es gibt z. B. eine deduktive, eine induktive, eine synthetische, analytische, naturalistische, psychologische und allenfalls - obgleich es bestritten wird - eine historische "Methode". Der Weg der Untersuchung, den T.-B. geht, unterscheidet sich ganz und gar nicht vom Wesen dieser üblichen Methoden, er kommt mit ihnen nur zu anderen  Ergebnissen.  Seine Dialekt ist folgende: Der psychologisch-individualistische Wert ist der unbestreitbare "wissenschaftliche" Ausgangspunkt, er ist die logisch natürliche Kategorie. Da nun die Verteilung im Gegensatz dazu etwas Historisch-Soziales ist, eine, wie er sagt, soziale Kategorie  kat exochen  [schlechthin - wp] darstellt, so ist damit für sie die Notwendigkeit einer "besonderen Methode" ohne weiteres gegeben. Seine Dialektik nährt sich ganz von diesem  Gegensatz,  und zwar auf folgende Weise:

I. Die Gesetze der  Preis bildung (Preis und Wert werden von T.-B. mit Recht (2) als synonym gebraucht) seien nur vom individualistischen Standpunkt aus zu erklären, ihre wissenschaftliche Analse könne daher nur die psychologischen Prozesse der Individuen zum Gegenstand haben, die "im Werturteil zum Ausdruck kommen". Das Gegenteil muß für die Theorie der Verteilung gelten. Während das Wertphänomen eine logische Kategorie und auch bei der isolierten Wirtschaft eines einzigen Individuums zu beobachten sei, sei die Verteilung nur in einer sozialen Wirtschaft, d. h. "nur in der Gesellschaft einer bestimmten historischen Struktur möglich". Der notwendige Ausgangspunkt sei daher für die kapitalistisch organisierte Gesellschaftsordnung in den durch sie bedingten Besitz- und Abhängigkeitsverhältnissen der drei sozialen Klassen, der Lohnarbeiter, Kapitalisten und Grundbesitzer gegeben. Es ist, sagt er "also (!) methodologisch ganz falsch, die Verteilungstheorie in die Werttheorie einzuschließen. Denn (!) der Zusammenhang verschiedener Einkommensarten beruth keineswegs auf individuellen Wertschätzungen." Das Individuum etwa kann nicht wählen, Arbeiter, Kapitalist oder Grundbesitzer zu werden, seine soziale Lage, seine Zugehörigkeit zu dieser oder jener Klasse hängt nicht von seinem individuellen Willen ab. So ist der Schluß  e contrario  [Umkehrschluß - wp] fertig, der so oft schon die Forschung auf Abwege geführt hat.

II. T.-B. hat versucht, die Antithese von Wert und Verteilung noch auf einem weiteren Weg zu erhärten, durch eine Zergliederung der  Tauschakte,  die ja allerdings in unserer heutigen "Tauschgesellschaft" das formale Bindeglied abgeben, durch das - auf dem Wege des Kaufes und Verkaufes - "das Nationalprodukt von Stufe zu Stufe gehoben wird" (RODBERTUS), durch Kauf und Verkauf der Arbeits- und Kapitalleistungen gegen Lohn und Zins, sowie der produzierten Güter durch Umsatz zwischen den Betrieben der Produktionsstufen herauf bis zum Absatz an die letzten Konsumenten. Zu seinen theoretischen Zwecken  zerlegt  T.-B. diese Tauschakte in je einen Wert- (Warenaustausch-)  und  einen Verteilungsakt, und zwar in recht künstlicher Weise. Auf dem "Warenaustauschakt" beruht die Preisbildung, auf dem "Akt der Verteilung" die Auseinandersetzung der sozialen Klassen. Obgleich nämlich auch der erstere Akt ein sozialer Prozeß ist, so gut wie der zweite, und obgleich die Verteilungsphänomene mit den Produktions- und Tauschphänomenen zusammenfallen, so kommt es eben auf die  Analyse  der Verbindung an, auf die Auflösung in ihre beiden Elemente, es kommt darauf an, das die kapitalistische Gesellschaftsordnung kennzeichnende Verhältnis der drei Einkommensarten zueinander darzustellen. Das Problem der Verteilung ist als das Problem der Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Einkommen derjenigen sozialen Klassen zu definieren, die durch die Bedingungen der Produktion und des Austauschs miteinander verknüpft sind, und zwar, wie er sagt, durch einen "unauflösbaren Knoten". Die Verteilungsphänomene sind deshalb keine besonderen und selbständigen ökonomischen Tatsachen, sondern derselbe Prozeß, nur von einem bestimmten  Standpunkt  aus betrachtet, als "Schlußergebnis".

Dieses äußerliche Zusammenfallen der Verteilungs- mit den Produktions- und Tauschphänomenen habe die Mehrzahl der Nationalökonomen verführt, das eigentlich  Charakteristische  des Verteilungsprozesses zu verkennen: "die  soziale Ungleichheit  der Kontrahenten" beim Zustandekommen eines Tauschaktes, eine Ungleichheit, die nicht individuellen, sondern sozialen Ursprungs ist. Daraus ergebe sich folgender Unterschied: "die  Preis theorie beruht auf der Voraussetzung der sozialen Gleichheit der Teilnehmer des Tauschaktes, die  Verteilungs theorie auf der sozialen Ungleichheit derselben. Denn um was handelt es sich bei der ersteren und um was bei der letzteren? Antwort: bei der ersteren um die Bestimmung der Bedingungen, die den Preis einer Ware um so und so viel höher oder niedriger als den einer anderen gestalten, jede Ware habe ihren besonderen Preis, und gerade in der Bestimmung dieser individuellen Preisunterschiede besteht die Aufgabe der Preistheorie.
    "Alle Waren müssen als durch ihre Vertreter derselben sozialen Klassen bewertet betrachtet werden, nämlich durch die Kapitalisten, von denen ja jede Ware auf dem Markt veräußert wird. Hier ist die Rolle der Käufer und Verkäufer nicht verschieden, sie gehören beide zu derselben sozialen Klasse. Ein Kapitalist kann heute eine Baumwollspinnerei besitzen und Spinnmaschinen kaufen; morgen aber kann er seine Spinnerei veräußern, eine Maschinenfabrik erwerben und zum Verkäufer der Maschinen werden ... Ganz anders die Verteilungsphänomene: Im Akt der Verteilung begegnen sich die Vertreter  verschiedener  Klassen ... Wenn der Kapitalist einen Arbeiter mietet, so sind die Rollen des Käufers und Verkäufers nicht umzukehren ..., da der Arbeiter dazu aus der Arbeiterklasse in die Kapitalistenklasse wechseln müßte".
Gerade diese Ungleichheit mache die Natur der sozialen Klassen aus. Auch MARX habe, darin der Grenznutzenlehre gleichend, die  Wert form der Verteilungsphänomene von ihrem sozialen Inhalt nicht genügend unterschieden. Seine Profittheorie habe wegen der werttheoretischen Grundlage seines Systems einen individuellen Ausgangspunkt und Charakter, auch er sehe im Profitproblem ein Wertproblem und entwickle bekanntlich - in dem berühmten Beispiel der Baumwollspinnerei - seine Profitttheorie ganz individualistisch vom Standpunkt "einer einzelnen kapitalistischen Unternehmung aus, während die Profitbildung vom Standpunkt des Ganzen der Gesellschaft nicht darin zum Ausdruck kommt, daß ein Wertzuwachs in den Händen der Kapitalisten da ist, sondern im Übergang eines Teils des  gesellschaftlichen Produkts  in den  Besitz  der Kapitalistenklasse. Der Wertzusatz, der Mehrwert, sei nur eine Folge der Tatsache eines Überschusses an Produkten über das für die Erhaltung der gesellschaftlichen Produktion nötige sonstige Produkt. Der Mehr wert  sei offenbar nur eine bloße Folge des Mehr produktes. 

Damit gelangen wir zur  positiven  Verteilungstheorie T.-B.s

III. Dieselbe ist kurz und klar. Über die Grundrente später. Was die beiden anderen Abfindungen, den Lohn und den Profit betrifft, so hängen sie, wie er - wohl nach dem Vorbild RODBERTUS' ausführt, einerseits von der "Menge" oder "Masse" des gesamten gesellschaftlichen Produkts ab, über welches die Gesellschaft nach Abzug der Produktionsmittel, die im Prozeß der Produktion zu verausgaben sind, verfügt, und zweitens von dem jeweiligen Ergebnis des "Kampfes zwischen den gesellschaftlichen Klassen, deren jede den möglichst größten Teil desselben sich anzueignen strebt". Hier entscheiden die sozialen Machtverhältnisse. Es wird, vom Standpunkt der sozialen Theorie der Verteilung, die durchschnittliche  Lohnhöhe  in einer bestimmten Gesellschaft durch zwei Faktoren bestimmt:  durch die Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit,  welche die Menge des gesellschaftlichen Produktes, das zwischen verschiedenen sozialen Gruppen zu verteilen ist, feststellt,  und  durch  die soziale Macht der arbeitenden Klasse,  welche die Quote des gesellschaftlichen Produktes, über welche die Arbeiterklasse verfügen kann, festsetzt. Da Profit und Arbeitslohn die beiden Teile sind, in die jenes Produkt zerfällt, so müssen "die realen Faktoren, welche die Höhe des  Profits  bestimmen, dieselben sein, wie die Faktoren der Lohnhöhe, da Lohn und Profit die Quotienten derselbn Summe sind. Hängt die Lohnhöhe von der Arbeitsproduktivität und der sozialen Macht der arbeitenden Klasse ab, so muß von diesen Faktoren auch die Höhe des Profits abhängen." Die nähere Ausführung wird uns später beschäftigen, wenn wir T.-B.s Einzellehren von der Grundrente, dem Arbeitslohn und dem Profit vorführen, die er "vom Standpunkt der sozialen Theorie der Verteilung" aus in den nächstfolgenden Kapiteln entwickelt. hier ist zunächst die kritische Stellungnahme zu seiner vorgetragenen Allgemeinlehre geboten.


3. Die Kritik der Lehre
Tugan-Baranowskys im allgemeinen.

Der Weg zur Wahrheit geht durch Irrungen, die nicht immer unfruchtbar sind. T.B. ist ein nicht minder verdienstvoller Forscher als die, welche vor ihm den Pfad suchten. Nachdem sowohl die Rein-Sozialen wie die Rein-Ökonomischen am Ziel vorbeigingen, lag es für T.-B. nahe, als einzig übrigen Ausweg die kombinierte Route zu versuchen. Aber der Doppelweg, den er einschlug, ließ ihn die Einheit des Zieles verfehlen. Wohl winkte ihm als rechter Leitstern der  soziale Gedanke,  aber er hat ihn nicht ausgedacht. Er blieb unfruchtbar und lebensfremd, weil er in seiner Abstraktheit der Rolle nicht gerecht wird, die dem leibhaftigen Träger dieses Gedanken, dem  Individuum,  zukommt. Statt das Band der Gemeinschaft zwischen Gesellschaft und Individuum im  sozialen Wert  zu suchen, beraubt er  beide  des Besten, das ihnen aus ihrer Verbindung zuteil wird: das Individuum bleibt  unsozial,  und das Soziale schwebt in abstrakten Lüften.

Der Gang unserer Kritik ist danach von selbst gegeben. Sie strebt, wo T.-B. überall nur das Trennende sieht, zur positiven Einheit; der dualistischen Sonderung stellt sie einen versöhnenden Monismus entgegen, der trennenden Analyse die zusammenfassende Synthese. Die im vorigen Kapitel unter I bis III behandelten Gesichtspunkte ergeben die Reihenfolge unserer Untersuchung.

I. Gerade der von T.-B. aus der sozialen Verbindung ausgeschaltete  Wert  ist eine durch und durch  gesellschaftliche Tatsache,  aber nicht in dem vagen Sinn, wonach er  in  der Gesellschaft eine Rolle spielt, oder wonach, wie T.-B. einräumt, der Tausch ein sozialer Prozeß ist, auch nicht im Sinne etwa DIETZELs, der unter Sozialphänomenen solche versteht, durch welche außer der wirtschaftlichen Lage des handelnden Subjekts auch die "irgendwelcher anderer, mit ihm in wirtschaftlichem Kontakt (!) lebender Subjekte irgendwie (!) berührt wird", durch "Weiterwirkung (!) der wirtschaftlichen Handlungen des ROBINSON auf die wirtschaftliche Lage anderer Individuen" (OTHMAR SPANN meint dasselbe mit den "übergreifenden" Funktionen). Der Wert ist vielmehr eine Tatsache, die allerst  durch  die Gesellschaft als solche als ein soziales Element konstituiert wird. Erst die Gesellschaft als konstitutive Kategorie ist es, die  alle  wirtschaftlichen Erscheinungen allererst zu  Gegenständen  der sozialökonomischen Erkenntnis macht (Zweck, Seite 114f). So vor allem den Wert, der nicht vorweg durch irgendeine Art dialektischer Abstraktion konstruiert, sondern nur erst aus der Gesellschaft in ihrer jeweiligen, spezifisch historischen Wirtschaftsordnung abgeleitet und erklärt werden kann. Auch der Wert ist eine soziale Kategorie "par excellence", er ist der oberste und letzte Kontrollapparat, ohne den nicht nur die Verteilung, sondern auch die Produktion der Güter nicht durchführbar wäre, die Verteilung nicht, weil in der Volkswirtschaft nicht - wie in der Naturalwirtschaft - Güter als solche, sondern Güter werte  zur Verteilung gelangen, die Produktion nicht, weil heute der kapitalistische Betriebsunternehmer nicht Gebrauchswerte für seinen individuellen Bedarf, sondern Tauschgüter für den sozialen Markt herstellt, um aus ihrem Werterlös wieder andere Wertgüter einzutauschen. Der Maßstab zur Vergleichung beider Güterreihen, der Wert, kann nur aus den sozialen "Verhältnissen" entnommen werden, aus der Eigenart der sozialen Regelung.

T.-B. tat recht daran, das Problem der Verteilung in den Vordergrund zu rücken; denn der Zweck der Volkswirtschaft ist die Abfindung der Anteilsberechtigten, man produziert nicht für ein Ding da draußen, was man die "Gesellschaft" nennt, sondern um für sich aus der gesellschaftlichen Produktion, d. h. den Produkten  anderer,  seine Befriedigung zu suchen. Wie kann man das anders, als wenn, wie MARX sagt, ein Preis gezahlt wird, der auf die Dauer die Zufuhr und die Reproduktion der Ware gewährleistet; d. h. ein solcher, durch den die notwendigen Abfindungen in Gestalt von Lohn, Gewinn und Grundrente gedeckt werden. Der ganze Produktionsprozeß ist auf die Erzielung dieser Abfindungen zugeschnitten, er kann nicht durchgeführt werden, wenn nicht schon auf den Einzelstufen der Produktion von Betrieb zu Betrieb, vom Vormann zum abnehmenden Nachmann, ein Liquidationsmittel geschaffen wird, das die spätere Einlösung der Anteile am gesellschaftlichen Produkt gewährleistet. Diese Anweisung auf den Markt, dieses Liquidationsmittel ist eben der Wert als der Vollstrecker der Zwecke der Wirtschaftsordnung, welcher erst Ordnung in das sonst unvermeidliche Chaos hineinbringt. Wert und Verteilung haben deshalb dieselbe Wurzel. Sie fallen nicht nur wie T.-B. sagt äußerlich im Tauschakt zusammen, sondern sie entspringen einer einheitlichen Ursache, sie sind homogen, eil sie  beide sozial  sind. Der Wert ist nicht ohne die Verteilung zu erklären, denn er, sowie sein Ausdruck: der Preis, richtet sich nach den sozialbedingten und sozialnotwendigen  Kosten,  die in den auszutauschenden Gütern enthalten und zu erstatten sind, d. h. nach dem Lohn und dem Kapitalgewinn, die sich ihrerseits gerade nach T.-B.s Verteilungslehre durch die  sozialen  Machtverhältnisse der beiden Klassen der Arbeiter und Kapitalisten bestimmen. Es ist also die "soziale Struktur" auch für die Preisbildung entscheidend. Der Umstand, den T.-B. dagegen ins Feld führt, nämlich daß das Wertphänomen "auch (!) bei der isolierten Wirtschaft eines einzelnen Individuums zu beobachten, da die Wirtschaft ohne Werturteile unmöglich" ist, trifft gänzlich daneben. Das, was ROBINSON oder vielmehr seine nationalökonomischen Verehrer "Wert" nennen, hat mit dem Wert und Preis der Verkehrswirtschaft nur den Namen gemein. Für die letztere kommen eben beide Kategorien in Betracht, es handelt sich nur um ihr  Verhältnis  zueinander, nicht um das  Ob  der einen oder der anderen. Das Argument aus dem Gegensatz trifft nicht.

II. Noch mehr versagt es bei dem Versuch, den Dualismus zwischen Wert und Verteilung aus der sozialen  Gleichheit  oder  Ungleichheit  der Kontrahenten beim  Tauschakt  herzuleiten, mit der Erwägung, daß sie beim Austausch der gewöhnliche Ware sozial Gleichgestellte, nämlich Kapitalisten, beim Austausch der "Ware ganz besonderer Art" aber, der menschlichen Arbeitskraft, sozial ungleich gestellte Personen, nämlich Arbeiter und Kapitalisten, gegenüberstehen. Es ist das ein schlechtes Kriterium für den angeblichen Unterschied der Wertbildungs- und der Verteilungsbedingungen. Denn abgesehen davon, daß es sachlich keine getrennten "Akte" des Warenaustausches und der Verteilung gibt, sit schon der  Ausdruck  "Akt der Verteilung" streng abzuweisen, ebenso und vielleicht noch mehr der öfters von T.-B. verwendete Begriff der gesonderten Wert- und Verteilungs phänomene.  Alle wirtschaftlichen "Phänomene" treten einheitlich in Erscheinung, die Scheidung der Kategorien ist nur ein Denkmittel der Analyse. Es gibt keine getrennten  Gruppen  von Erscheinungen ("Subj.", Bd. 48, Seite 148, 149), sondern, wie T.-B. an anderer Stelle selbst sagt, nur verschiedene "Gesichtspunkte" in der Betrachtung.

Wenn T.-B. sagt: "Setzen (!) wir die Teilnehmer des Tauschaktes als sozial gleich, so abstrahieren wir (!) von der inneren Struktur der Gesellschaft, worin sich der Tauschakt vollzieht", so geht diese Begründung um den Kern der Sache herum. T.-B. begründet den Satz so: "Jede Ware wird heute durch die Kapitalisten auf dem Markt veräußert, es tauscht Kapitalist gegen Kapitalist, und wir haben kein methodologisches Recht, den Verkäuer der einen Ware als den sozial Stärkeren oder Schwächerein im Vergleich mit dem Verkäufer einer anderen Ware zu betrachten." Aber das behauptet auch niemand, und es kommt gar nicht darauf an. Es kommt nicht an auf das mehr äußerliche Moment der Gleichheit oder Ungleichheit beim Tausch akt,  nicht auf "Übervorteilung" aus dem Recht des Stärkeren. Es kommt nur darauf an,  worauf sich der Preis gründet,  und ob er nicht soziale Elemente  enthält und verwirklicht.  Das tat er aber, denn wir sehen, daß er die  Kosten  decken muß, die sich durch die  sozial bedingten Abfindungen, also, nach T.-B. selbst, aus Verteilungsmomenten ergeben. So ist auch der Preis in der bestehenden Volkswirtschaft  durch und durch sozial,  Warenaustausch und Arbeitsertrag stehen beide auf sozialem Grund. Wie es - wir sahen es - keine Werterklärung ohne eine Erklärung der Verteilungsverhältnisse gibt, so ist keine Verteilung denkbar ohne das Medium des Wertes. Der Dualismus zwischen beiden Kategorien ist schon dadurch als haltlos erwiesen.

Gerade mit dem unorganischen und deshalb unsozialen Formalbegriff der "Verteilungs akte"  bleibt T.-B. in der von ihm für die Verteilung verworfenen  individualistischen  Bebtrachtung stecken. Die Einzelakte der Individuen sind nicht Bedingendes, sondern Bedingtes. Sie richten sich nach den organischen Funktionen, die ihnen durch die planmäßige Anlage der Wirtschaftsordnung vorweg gegeben sind; denn durch sie erhalten sie erst Anstoß und Wesen. Die einzelnen Kauf-, Tausch- und alle übrigen Akte der sozialen Produktion und Verteilung vollführen erst den großen sozialen Wirtschaftsplan. Es gibt keine gesonderten Verteilungsakte, sondern jeder Akt dient gleichzeitig der Produktion und der Verteilung. Es ist eine schiefe Auffassung, soziale Akte von rein ökonomischen Akten zu trennen, es ist schief, die Verteilungsakte auf Akte zwischen sozial "ungleichen" Personen und Klassen zu beschränken. Wenn der  kapitalistische  Vormann das Zwischenprodukt an den ebenfalls  kapitalistischen  Nachmann der folgenden Produktionsstufe veräußert, so schließt das gleichfalls einen Akt der Verteilung in sich. Der Wert ist das Medium der Verteilung unter  Gleichen wie unter Ungleichen.  Es ist der  Sozialist  T.-B. der Versuchung unterlegen, die Begriffe des  Sozialen  und der Ungleichheit miteinander zu vermischen. Der Wert ist nur das Mittel der sozialen Auseinandersetzung, als solches bildet er auch den  gleichmachenden  Faktor. Ich stellte das bereits in meinem "Zweck" an den sogenannten "Urtypus" klar, in dem nur Arbeitsprodukt gegen Arbeitsprodukt zu vertauschen ist und es überhaupt keine "Klassen" gibt. Hier wird es zur Evidenz klar, wie der Wert sehr wohl den Schlüssel der Verteilung zwischen "Freien und Gleichen" ergeben kann. Der soziale Wert stellt im Grundsatz nichts anderes als die Messung der in den Produktionsprozeß eingeworfenen Sonderleistungen an einem  gemeinsamen  Durchschnittsmaß dar, er hat lediglich dne Ausgleich der Abfindungen zum Ziel und ist  insofern  gerade der Ausdruck der sozialen Gleichheit und Gleichberechtigung. Das ist das Grundwesen des Wertes. Daß er in einer  klassenmäßig  geordneten Sozialwirtschaft den Ausgleich  auch  zwischen sozial Ungleichen bewirkt, ist im Vergleich zu jenem seinem Wesen etwas Zufälliges, eine Modifikation, eine Akzidenz des kasuistischen Sachverhalts.

Auch mitten nin der kapitalistischen Wirtschaftsordnung von heute ist der Wert der Maßstab der Verteilung sowohl zwischen verschiedenen wie zwischen den Mitgliedern ein und derselben Klasse, und schon in der mittelalterlichen Zunftverfassung, die ängstlich die Gleichheit der Handwerkernahrung gegen den eindringenden Kapitalismus verteidigte, fiel dem Wert sicher die Verteilungsfunktion unter Gleichen zu. Auch im rein-sozialistischen Statt, wo jeder Klassenunterschied gefallen ist, würde der Wertausgleich "wichtiger wie je sein" (MARX). Auch hier wie in jeder arbeitsteiligen Gesellschaft hat die soziale Regelung letzthin nur das gegenseitige Verhältnis der Individuen zum Gegenstand, der Begriff der Gesellschaft, obgleich ansich überindividuell,  besteht  in der Regelung dieses Verhältnisses. Es ist ein Irrtum, daß in einer sozialistischen Gesellschaft nur die Produktion der Güter in Frage kommt, die Produktion für das Ganze. Die Sozialisten, führte ich in "Zweck", Seite 367 aus, denken sich meistens ihren Zukunftsstaat als ein einheitliches Kollektivsubjekt, dessen Funktionen sie sich kurzerhand nach dem äußerlichen Klappern des rein technischen Räderwerks einer großen Produktionsmaschine vorstellen, in der leichtsinnigen Annahme, daß mit dem Ablauschen dieser Produktionstechnik das Problem erschöpft und der ganze komplizierte Rechts- und Verwaltungsapparat der heutigen sozialen Regelung entfiele. Im Gegenteil müßte hier die Regelung viel intensiver und umfangreicher sein als in dem sich selbst überlassenen Verkehr von heute, von dem eine gewisse Schule sagte: "Le monde va de lui-meme." [Die Welt bewegt sich. - wp] Die häufige Nichtbeachtung dieser Notwendigkeit ist nur dadurch erklärlich, daß der sozialistische Zukunftstaat nicht praktisch ausgedacht wird, seine Regelung ist unbekannt, seine utopistische Ausmalung bewegt sich überall nur in formaler Gegenüberstellung mit den Mängeln von heute, zum Ziel könnte nur der Vergleich mit einer positiv in das Einzelne ausgedachten Regelung führen - ein nicht nur schwieriges, sondern unmögliches Geschäft!

Aber während dieser Mangel erklärlich und entschuldbar ist, ist es unentschuldbar, das Wesen der geregelten Wirtschaftsordnung, in der wir leben und deren Wirken sich so klar vor unseren Augen abspielt, in ihrem Hauptzweck zu verkennen: der Produktion und Verteilung der Güter nach dem Maßstab der zuteilenden Wertbestimmung. Daß die Käufer und Verkäufer einer Ware der gleichen sozialen Klasse angehören, "berechtigt", sagt T.-B. Seite 83, "in der  Preis theorie von der Klasseneigenschaft der Teilnehmer des Tauschakts (!) ganz zu abstrahieren". Aber der mechanische "Tauschakt" als solcher ist nach dem Gesagten für die regelmäßige Preisbildung überhaupt nicht grundlegend, das könnte er höchstens im außerordentlichen Fall der mißbräuchlichen Ausbeutung und Übervorteilung oder in anormalen Wirtschaftslagen sein, wo die Konkurrenz und der soziale Kontakt ausgeschaltet und behindert ist, so bei den Mustertypen der Grenznutzenlehre, den Robinsonaden und Wüstenreisenden. Einer "wissenschaftlichen" Preislehre obliegt die Erklärung des Regalzustandes, sie fragt nach den konstanten Sozialgründen, die  hinter  jedem Tauschakt stehen. Sie "sucht die allgemeinen ökonomischen Bedingungen auf, die vom Willen des Einzelnen unabhängig sind", sie strebt die Ermittlung dessen an, "was hinter ihrem Rücken durch die Macht von ihnen unabhängiger Verhältnisse vorgeht" (MARX), sie erforscht die  gesellschaftlichen  Zusammenhänge, in welche die Einzelwirtschaften eingeschlossen und von denen sie abhängig sind. Zu diesen vorweg gegebenen Verhältnissen und Zusammenhängen gehören die Preise. Die austauschenden Kapitalisten, trotz ihrer sozialen Gleichheit,  realisieren  im Preis lediglich die in Wert bezifferten Verteilungsquoten, die sie in Gestalt der Lohnabfindungen und Auslagen vorausgezahlt haben, einschließlich natürlich ihres Gewinnes. Sie sind in diesem Sinne heute als Leiter der gesamten Volkswirtschaft die Distributeure auch für die anderen Klassen, Geschäftsführer ohne Auftrag,  negotiorum gestores.  Der gesellschaftliche Körper, führte iach an anderer Stelle (zuletzt "Obj." Seite 174) aus, schwebt nicht als abstrakter Astralleib  über  den Individuen, sie sind sein Zeck und  Inhalt,  das Gesellschafts- und das Individualinteresse sind solidarisch und komplementär. Es ist die Nichtbeachtung des höchst individualistischen Unterbaus unserer Volkswirtschaft, welche auch T.-B. bei seiner nun zu würdigenden  positiven  Verteilungslehre in die Irre geführt hat. III. Teilt T.-B. in der  Preis lehre den Individuen mit ihren subjektiven Willensäußerungen und Wertschätzungen eine überschwängliche Bedeutung zu, so läßt er sie in der  Verteilungs lehre eine allzu klägliche Rolle spielen. Ihre persönlichen Funktionen und Rechte verlieren sich im soziale Massenbrei - rudis indigestaque moles [eine rohe und ungeordnete Masse - wp]. In seiner Verteilungstheorie ist alles "Masse" und "Menge", die Dinge und die Personen, das "Sozialprodukt" und die, an welche es aufgeteilt wird. Der Kernsatz seiner Lehre ist uns bekannt: Lohnhöhe und Kapitalprofit, "hängen von der Menge (!) des gesamten gesellschaftlichen Produkts ab, über das die Gesellschaft ... verfügt. Um dieses Produkt wird der Kampf der gesellschaftlichen Klassen geführt ..."  Woher  diese  Menge  des "gesellschaftlichen" Produkts kommt, durch welche  sozialen Bedingungen  sie bestimmt wird, bleibt ununtersucht - ein auffallendes Manko einer "sozialen Theorie"! Vor allem aber: welchen  Wert  haben denn diese Mengen, aus welchen Wertbestandteilen setzen sie sich zusammen? Denn, wie wir sahen, nicht Gütermengen, sondern Güterwerte werden heute verteilt. Und die Hauptfrage: Was ist denn das eigentlich für ein greifbares Wesen, dieses als ein Ganzes postulierte Ding, diese "Gesellschaft", die über das "gesellschaftliche" Massenprodukt "verfügt"? Das alles bleibt ein Rätsel. Keine Spur der Erklärung des grautheoretischen Gedankendings "Gesellschaft". Es fehlt jede Analyse der bestehenden, "bestimmten", konkreten kapitalistischen Wirtschaftsordnung mit ihrem erwähnten durch und durch individualistischen Unterbau. Man sollte doch meinen, daß das "gesellschaftliche Produkt" nur in einem solchen Umfang und zu solchen Preisen erzeugt wird, wie das treibende Motiv der Lohn- und Gewinnerzielung die Einzelwirtschaften, aus denen sich das gesellschaftliche Gesamtgefüge  zusammensetzt,  allererst in Aktion bringt.

Nichts von all dem bei T.-B.! Wie sich die meisten Sozialisten so wenig die Mühe gegeben haben, die spezifische Regelung ihres  Zukunfts staates im Verhältnis zu den ihn bildenden Individuen auszudenken, so wenig halten sie sich bei der Erklärung der  bestehenden  Wirtschaftsordnung mit der grundsätzlichen Untersuchung ihres Wesens auf. Und soweit sie es tun, so z. B. MARX, betrachtet ihr kritisches Auge nur negativ den "Antagonismus" der heutigen Klassen und nicht die eigentümliche Art ihres positiven Zusammen- und Ineinanderwirkens. Statt die Individuen und die Gesellschaft als einander bedingende Komplementärbegriffe, als Pole ein und derselben Einheit zu betrachten, schwebt bei ihnen die Gesellschaft mystisch und fremd  über  den Individuen, der Gedanke über dem Stoff, wie der Geist über den Wassern (MARX). Genau wie für den Zukunftsstaat das inhaltslose Wort die Lücke auszufüllen meint: die Gesellschaft leitet künftig ihre Produktion selbst, so drückt sich die ganze Blässe des Gedankens für die  heutige  Volkswirtschaft in dem überabstrakten Begriff des gesellschaftlichen Gesamtprodukts aus. Auch T.-B. führt uns durch das Dunkel der Abstraktion in das Reich der Gespenster und Schatten, das die lebenswarmen Gestalten der Einzelwirtschafter in die fleisch- und blutlosen Schemen "schlechthinniger" Individuen verwandelt.

T.-B. differenziert sie zwar, aber nur nach  Klassen,  innerhalb deren der Einzelne keine Rolle mehr spielt. Er billigt das Verfahren von RODBERTUS, wonach dieser die gesamten Arbeiter, Kapitalisten und Grundherren der Gesellschaft je als einen einzigen kollektiven Arbeiter, Kapitalisten und Grundherrn betrachtete, und erläutert das wieder aus dem Gegensatz von Preis und Verteilung. Während, sagt er, die Warenpreise zusammen kein einheitliches Ganzes ausmachen, weil jede Ware ihren besonderen Preis hat und gerade in der Bestimmung dieser individuellen Preisunterschiede die Aufgabe der Preislehre besteht, interessiert für die Verteilung nicht der Arbeitslohn in diesem oder jenem besonderen Industriezweig, sondern vor allem der durchschnittliche Lohn, also die Summe (!) der Arbeitslöhne in allen Industriezweigen, durch die Summe aller Vertreter der Arbeiterklasse dividiert. (!) Die Aufgabe der Verteilungstheorie besteht gerade in der Bestimmung der  gesamten Summe  der Löhne, Gewinne und Grundrenten. Nun ist doch aber dieser alte, an den QUETELETschen  homme moyen  [Durchschnittsmensch - wp] erinnernde Summenirrtum seit KNIES und dann von LEXIS und nderen längst widerlegt (zu vergleichen "Zweck", Seite 369). Überdies scheint mir T.-B. hier zwei Dinge zusammenzuwerfen: die annähernd gleiche Durchschnittseinheit der Abfindungen, die sich aus den tieferen, erst gerade aufzufindenden Gründen der Konkurrenz usw. ergibt, und zweitens das bloße Aggregat der Summeneinheit, die nur einen mechanischen Effekt der ersteren darstellt. T.-B. hat eingesehen: "Die Bestimmung der  Preis summe des gesellschaftlichen Ertrages steht außerhalb der Aufgabe der Preistheorie" (Seite 13). Aber nicht anders steht es mit dem Summenbegriff, von dem T.-B. in der  Verteilungslehre  ausgeht, und um die Teilsummen ("Quoten" sagt T.-B. an anderer Stelle), welche davon den Klassen zufallen. Auch sie sind unbrauchbare Abstraktionsbegriffe. Es lassen sich wohl vergangene und allenfalls auch künftige Wirtschaftszustände ausdenken, in denen Naturalmengen gemeinsam hergestellter Gesamtgütermengen hinterher wieder  in natura  an die Mitglieder oder Klassen der Gesellschaft ausgeteilt werden. Aber was hat das mit der zu erklärenden Volkswirtschaft von heute zu schaffen? Wo werden heute jemals Naturalgüter ohne Wertbemessung an die Arbeiter, Kapitalisten und Grundherren als kollektive Körperschaften ausgeteilt? Die bestehende Volkswirtschaft zeigt uns die Güter und Leistungen überall in ihrem Wertgewand, nicht Güterhaufen, sondern "Waren", d. h. Güter und Leistungen mit einem "Wertetikett". T.-B. selbst hat uns auf den ersten Seiten seiner "Krisentheorie" in Anlehnung an MARX sehr treffend den großen Warenmarkt der Volkswirtschaft geschildert, als den Knotenpunkt, wo alle Fäden des wirtschaftlichen Lebens zusammenlaufen. Dieser Markt, sagt er, beherrscht die Produktion, und nicht die Produktion den Markt, die Schwierigkeit für den Unternehmer besteht nicht darin, eine Ware zu produzieren, sondern für sie einen Markt zu finden. Das heißt doch aber nichts anderes als: den Absatz zu einem bestimmten  Wert.  Das Bindeglied allen Verkehrs ist diese Wertbestimmtheit, es werden nicht sinnliche Dinge als "Naturdinge", sondern die Waren als "Wertdinge"; d. h. als Ausdruck ihrer sozialwirtschaftlichen Bedeutung vertauscht.

Aber T.-B. läßt die soziale Kategorie, obwohl er ihr grundsätzlich für seine Verteilungslehre die entscheidende Bedeutung beilegt, schließlich noch weiter in den Hintergrund treten, er geht noch einen letzten Schritt in das Rein-Ökonomische zurück, er macht Miene, den Wert als Medium der Verteilung ganz aus dem Gesichtskreis der Betrachtung schwinden zu lassen, nämlich in einer Polemik gegen MARX, dem er ja vorwirft, das Profitproblem als Wertproblem behandelt zu haben. Vom Standpunkt des einzelnen Unternehmers habe MARX recht; denn, sagt er, "die Elemente der Auslage in einer einzelnen Fabrik und das von ihr produzierte Produkt sind materiell inkommensurabel und lassen nur als Werte eine Vergleichung zu". Anders vom Standpunkt der gesellschaftlichen Wirtschaft als Ganzes: dann verschwindet die Notwendigkeit, den Profit als ein Wertproblem anzusehen.
    "Zwar sind", sagt er, in einer einzelnen Fabrik die Produktionselemente Dinge ganz anderer Natur, als das Produkt. Kohle, Maschinen, Konsumtionsmittel sind in einer Baumwollspinnerei ganz andere materielle Dinge als Baumwollgespinnst. Aber indem wir die gesamte gesellschaftliche Wirtschaft ins Auge fassen, verschwindet dieser Unterschied. Die Gesellschaft (!) verwendet und erzeugt im Großen und Ganzen dieselben materiellen Dinge. Sie verwendet Eisen, Kohlen, Holz, Konsumgegenstände usw. und erzeugt ebendieselben Eisen, Kohlen, Holz, Konsumgegenstände suw. - Und in seiner Krisentheorie führt T.-B. den Gedanken so aus: Wenn wir die Volkswirtschaft in ihrem Ganzen nehmen, so erfolgt die Warenzirkulation innerhalb dieses Ganzen, in Bezug auf das Ganze wird kein Kauf oder Verkauf von Waren geschehen, und der Warenpreis wird also seine Bedeutung verlieren, die Gesellschaft als solche hat mit niemandem ihr Produkt zu teilen, und daher ist der gesamte Reichtum unabhängig vom Preis. Er kann nur in Gebrauchswerten ausgedrückt werden. Am Anfang einer Produktionsperiode verfügt die Gemeinschaft über ein gewisses Kapital an Produkten und Konsumtionsmitteln der Arbeit. Zum Ende hat sie ein Mehr von allem, sie reproduziert alles in vermehrter Menge. Es wird ein Mehr von allem, sie reproduziert allein in vermehrter Menge. Es wird ein Mehrprodukt erzeugt, es entsteht der von MARX so genannte Mehrwert. Die Abhängigkeit des Profits vom Moment der  Vermehrung im Produktionsprozeß der Gütermenge  ist begreiflich, es ist eine Entstehung des  Mehrwerts  ohne Mehrprodukt undenkbar, da der Warenkörper die materielle Grundlage des Tauschwerts ist. Der Stand der gesellschaftlichen Produktionstechnik ermöglicht es, eine größere Gütermenge zu schaffen, als es für die Erneuerung des gesellschaftlichen Produkts technisch notwendig ist, das Mehrprodukt wird von den Kapitalisten angeeignet, welche die Macht dazu haben, weil sie Monopolbesitzer einer notwendigen materiellen Vorbedingung des Produktionsprozesses sind."

    Es ist auffallend, wie sich diese Art der Massenbetrachtung auch bei Vertretern der bürgerlichen Richtung findet. Ich denke z. B. an von WIESER. Hier reichen sich Vertreter der reinökonomischen Methode und der Vertreter der "sozialen Kategorie par excellence), T.-B., die Hand. Sie vertreten beide dasselbe Stück  Naturalismus.  Bekanntlich (vgl. "Obj.", Bd. 49, Seite 163) hat von WIESER den Kapitalzins ebenfalls aus der physischen Produktivität begründet. Das Kapital eines Jägers z. B., eines Fischers, d. h. Pfeile, Bogen und Netze, sagt er "Natürlicher Wert", seite 129f, erzeuge zwar nicht im trockensten Sinn des Wortes wieder in Gestalt von neuen Pfeilen, Bogen und Netzen, sondern nur von fremdartigen Dingen, Jagdbeute und Fischen. Aber das  mittelbare  Gesamtergebnis läuft schließich doch auf dasselbe hinaus: der Besitz von Pfeilen, Bogen und Netzen erleichtert die Bedingungen der Wiedererzeugung durch eine Steigerung des Rohertrages an Wild und Fischen, infolgedessen nun weit mehr Arbeit als früher für die Kapitalbeschaffung  frei  war. Das Schlußergebnis ist dasselbe, als ob jedes Kapital sich selber mit einem Überschuß erzeugte.
Nun hat dies schon alles von BÖHM-BAWERK treffend widerlegt. Ein Kapital sagt er (Kapital I, Seite 667), erzeugt nicht buchstaäblich sich selbst wieder noch etwas anderes. Sondern es erzeugt irgendwelche andersartigen Produkte, und diese sind mit ihm nicht anders kommensurabel als unter dem Gesichtspunkt des Wertes. Bogen und Pfeile liefern ihr Produkt nicht wieder in Bogen und Pfeilen, sondern im erlegten Wild; daß aber dieses mehr wert ist, als die bei seiner Erlegung benutzten Bogen und Pfeile, ist keine technische Tatsache, mit welcher man den Reinertrag des Kapitals, das ist den Gegenstand des Zinsproblems, erklären könnte, sondern es ist die den Gegenstand dieses Problems bildende, also die zu erklärende Tatsache selbst. Es ist, meint BÖHM-BAWERK mit Recht, durch nichts erwiesen und erklärt, daß die größere Menge von Produkt auch ein einen größeren  Wert  haben muß als das Kapital, aus dem sie hervorgegangen ist. Roh- und Reinertrag sind sehr wohl auseinanderzuhalten. Die Zurechnungstheorie kann nur immer die Anteile der einzelnen Produktionsfaktoren an der Erzielung des Rohertrags ermitteln. Ob sich in der Rohertragsquote auch eine Reinertragsquote findet, das sind Fragen, die über das Problem der Zurechnung hinausgehen, da dieses - auch nach der richtigen Voraussetzung von WIESERs - auf dem Satz beruth,, daß der Wert der Produktivgüter vom Wert ihrer Produkte abhängt, dem letzteren gleichsam als ihrem Bild folgt, das sie restlos zu sich heranzieht. Für einen Wertüberschuß bleibt kein Platz.

Auch T.-B. vertritt mit aller Energie den Satz, daß "der Preis des Produktionsmittels vom Preis des mit seiner Hilfe erzeugten endgültigen Produkts abhängen muß". Um aber aus diesem Dilemma herauszukommen, in dem sich von von WIESER verstrickte, muß er sich über dieser Welt der Wirklichkeit eine zweite, künstlich abstrakte aufbauen, die beschriebene Welt der naturalen Massen und Summen. Er beachtet nicht, daß dieser theoretische Aufbau von der wissenschaftlichen Kritik längst zertrümmert ist, weil er nachgewiesenermaßen auf einer argen Verwechslung von Wert- und Stoffproduktion beruth. Auch hier hatte schon von BÖHM-BAWERK in unübertrefflicher Weise diejenigen Möglichkeiten zergliedert, die für das Verhältnis zwischen Produkt und Produktionsgütern allein denkbar sein: man faßt das Verhältnis der  Masse  des Produkts zur  Masse  des Aufwandes ins Auge, oder stellt der  Masse  des einen den  Wert  des anderen gegenüber, oder schließlich - was auch von BÖHM-BAWERK für das einzig Richtige hält - man setzt  Wert  auf der einen Seite dem  Wert  auf der anderen entgegen. Die ersteren Varianten fertigt er ein für allemal mit der Erwägung ab: "Auf die Masse kommt es im Wirtschaftsleben überhaupt nicht an." Inbesondere tut er die Versuche, "den Zins aus einer produktiven Kraft des Kapitals erklären zu wollen", mit den Worten ab: "ein vergebliches Bemühen, da es keine Kraft gibt, die ebenso, wie auf dem Acker Weizen wächst, direkt einen  Mehrwert  wachsen lassen könnte" (von BÖHM-BAWERK, Kapital und Kapitalzins, Bd. 1, Seite 227 und 253).

Einzig die Gegenübersetzung von Wert gegen Wert läßt die Gleichung auf einen Generalnenner bringen, nur freilich, daß von BÖHM-BAWERK diesen im Wert des Produkts zu finden meint, weil er den "kausalen Vorrang" des letzteren behauptet und lehrt, "daß der Wert der Kostengüter, und zwar durch Vermittlung des Wertes ihrer Produkte, sich selbst aus einem Grenznutzen ableitet", während ich hier den kausalen Vorrang irgendeiner Faktur überhaupt verwerfe und der Wert der Produkte und ihrer Produktivgüter gleichmäßig aus der übergeordneten Zweckeinheit der sozialorganisch bestimmten Volkswirtschaft ableite (von BÖHM-BAWERK, Exkurs Seite 245 - "Zweck", Seite 356; "Obj." Seite 197 - 200, "Subj." Seite 172f, 184). Ohne dieses  tertium comparationis  [gemeinsames Drittes - wp] führt auch die Gegenüberstellung von Wert auf beiden Seiten nicht zum Ziel. Die Gleichung ist nur lösbar, wenn beide Werte einer  dritten  Größe gleich sind.

So ist T.-B. mit seiner Dialektik auf den letzten Posten zurückgedränägt, von dem aus eine Abwehr noch denkbar wäre: er könnte geltend machen, daß es doch eben keine Utopie, sondern eine "gesellschaftliche"  Tatsache  sei, daß in Wirklichkeit, im "Erfolg", das "gesellschaftliche" Produkt unter die drei sozialen Klassen der Arbeiter, Kapitalisten und Grundbesitzer aufgeteilt wir und zwar wirklich nach der sozialen Macht, die ihnen als Besitzern der drei Faktoren: Arbeitskraft, Kapital und Boden gegeben ist. Aber damit ist er doch nur auf den Ausgangspunkt zurückgedrängt, auf eine bloße  Tatsache,  auf eine Binsenwahrheit, um deren wissenschaftliche  Erklärung  es sich gerade erst handelt. Die "Wissenschaftlichkeit" jeder "Theorie" besteht in der zureichenden  Erklärung  der Dinge, ohne sie bleibt sie eine bloße  Beschreibung,  und die besondere Aufgabe einer "Theorie der Verteilung" wäre die Aufdeckung des begründenden Verhältnisses für die einzelnen Bestandteile des volkswirtschaftlichen Getriebes zueinander und zum Ganzen. Da nur der Wert den Ausdruck und das Maß dieses Verhältnisses ergibt, hat sich T.-B., wie gesagt, des besten und einzigsten Bindemittels beraubt, er hält die Stücke in der Hand, es fehlt ihm das geistige Band.


4. Die Grundrente vom Standpunkt
der sozialen Theorie der Verteilung.

Eine "soziale Theorie" muß den  beiden  Anforderungen gerecht werden, die in ihrem Begriff enthalten sind: sie muß eine  Theorie  und sie muß  sozial  sein. Im Wesen der  Theorie  liegt die Forderung, rein objektiv kausal, ohne Seitenblicke und Nebensprünge ins Moralische, das bloße  Sein  des Bestehenden  systematisch  zu erklären. Das bedeutet  negativ  den Ausschluß der rein  genetischen  Betrachtung, des Gewordenseins und des vorausgesagten Seinwerdens, dann aber  positiv  die Darlegung der Wirksamkeit der Einzelelemente in ihrem synthetischen Zusammenhang und in ihrem Verhältnis zum Ganzen. - "Sozial" aber ist eine Theorie, wenn sie,  negativ  genommen, sich vom begrifflichen Gegenteil, dem Rein-Ökonomisch-Natürlichen, abhebt,  positiv  aber das spezifisch "Gesellschaftliche" in seinem Wesen und im inneren Zusammenhang seiner Einzelerscheinungen ergründet.

Dem Kenner der Soziallehre sind die ewigen Grenzverschiebungen bekannt, die aus der Nichtbeachtung jener notwendigen Unterscheidungen von jeher entstanden sind, und das Heer der Irrungen sowie die unfruchtbaren Streitfragen, die sie hervorgerufen haben. Ich meine
    1) die Vermischung des Unterschiedes zwischen Genesis (Historik) und Systematik,

    2) zwischen den rein-ökonomischen und den sozialen Kategorien und schließlich

    3) zwischen Kausalbetrachtung und Ethik.
Ohne eine radikale Ausrottung dieser drei erkenntnistheoretischen Grundirrtümer kann der Boden der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht fruchtbar gemacht werden.

T.-B. erkennt das gelegentlich selbst an. Die gebotene Unterscheidung zwischen rein-ökonomischen (er nennt sie mit RODBERTUS auch "logische" Kategorien) und  sozialen  Kategorien hat T.-B. grundsätzlich beachtet, wie wir in dem bisher schon erörterten Teil seiner Lehre feststellen konnten. Auch seine grundsätzliche Beachtung der Unterscheidung zwischen genetischer und  systematischer  Erklärung der volkswirtschaftlichen Erscheinungen bekundet er unter anderem Seite 8 in den Worten: "Die Volkswirtschaftslehre stellt sich nicht zur Aufgabe, allgemeine Gesetze der sozialen Klassenbildung in der Geschichte festzustellen, oder konkrete Besitzverhältnisse in diesem oder jenem Land zu erklären. Sie setzt solche vielmehr als ihren notwendigen Ausgangspunkt voraus; und sie in ihrer Entwicklung zu verfolgen, überläßt sie der allgemeinen Geschichte und der Soziologie." Auch hinsichtlich der Abgrenzung des  Theoretischen  vom  Ethischen  finden sich bei ihm treffende Äußerungen.
    Seite 30: Die "Theorie soll objektive Bedingungen des Arbeitslohns feststellen, nicht aber soziale Normen postulieren. Die Bedingungen des kapitalistischen Marktes werden nicht durch Humanitätsrücksichten bestimmt, so erhaben und allgemeingültig diese auch sein mögen." Und Seite 70: "In der realen kapitalistischen Gesellschaft sind beide Bestandteile des Kapitals - Produktionsmittel und Subsistenzmittel der Arbeiter - gleich unentbehrlich zur Profitbildung, und es gibt keinen objektiven Grund, die Rolle der Produktionsmittel oder des Arbeiters im Prozeß der Profitbildung höher oder niedriger zu stellen." Während vom Standpunkt der Ethik das Produkt nur dem Arbeiter, als dem  Subjekt  der Wirtschaft zuzurechnen ist, also als Arbeitsprodukt erscheint, ist vom Standpunkt der objektiven materiellen Prozesse aus die Rolle der Arbeit und der Maschine keine verschiedene, insofern von beiden gleichmäßig der Produktionsertrag erzielt wird. Schließlich aber besonders klar Seite 228 der Krisentheorie: "Auf die Frage, wem das Mehrprodukt gehören" soll, den Arbeitern oder den Kapitalisten, gibt die  Theorie  des Profits gar keine Antwort. Sie leugnet die Wichtigkeit dieser Frage nicht, sie erkennt aber ihre Inkompetenz zur Lösung derselben an. Sie hat sich auf die Erklärung der sozialen Tatsachen und die Aufzeigung ihrer Gründe zu beschränken. Das Gebiet des Sollens liegt außerhalb der Kompetenz der objektiven Wissenschaft, der nur die Aufdeckung der ursächlichen Zusammenhänge der Erscheinungen zukommt.
Etwas anderes ist jedoch die Anerkennung richtiger Grundsätze, etwas anderes ihre Durchführung im System. Die Irrungen T.-B.s kommen meistens aus der Überspannung des sozialen Begriffs ins  sozialistische  Extrem, das schon von BÖHM-BAWERK darin erblickte, daß "die sozialistischen Theorien in der Grundrente und im Kapitalzins das ausschließliche Produkt eines brutalen Nehmens, also kein naturgemäßes wirtschaftliches, sondern ein ganz und gar künstliches Machtphänomen erblicken". "STOLZMANN", so fährt er fort, "scheint mir diesem zweiten Extrem ganz nahezustehen, ohne daß er sich selbst darüber klar wäre, wie nahe er ihm steht." Ich habe bereits "Zweck", Seite XIIf diesen Vorwurf nachdrücklich abgelehnt und die Charakterisierung meiner Lehre und anderer, so der von DIETZEL, LEXIS usw., als eine "vulgär-ökonomischen  Ablegers  der sozialistischen Ausbeutungstheorie", als eine verfehlte zurückgewiesen. Was ich und die zunehmende Zahl von Vertretern der sozialen Richtung unter sozialer Kategorie und "sozialen Machtverhältnissen" verstehen, hat mit dem uns von von BÖHM-BAWERK imputierten Extrem nichts gemein. Nachdem jedoch jetzt auch SCHUMPETER mich und die übrigen Vertreter meiner Richtung mit T.-B. auf eine Linie gestellt hat, liegt alle Veranlassung vor, die Gemeinschaft mit jener Auffassung gründlichst abzuweisen. Dies ist einer der Hauptzwecke der vorliegenden Abhandlung.

Auch in seiner Lehre von der  Grundrente  unterscheidet T.-B. grundsätzlich sehr wohl deren genetischen Ursprung von ihrem systematischen Wesen. Der "soziale"  Ursprung  der Grundrente sei klar, er beruhe auf "krasser politischer Gewalt", auf der Aneignung des nationalen Territoriums aus dem Besitz der den Boden bearbeitenden kleinen Produzenten. T.-B. folgt hier ganz dem MARXschen Vorbild, der im Kapitel 24 seines Hauptwerks die Geschichte dieser Expropriation [Ausbeutung - wp] als das "Geheimnis der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals" in den düsternsten Farben geschildert hat und von ihr sagt, daß sie "in die Annalen der Menschheit mit Zügen von Blut und Feuer eingeschrieben" ist. Nach dieser Entstehung, sagt T.-B., erscheint die Grundrente als eine soziale, historische Kategorie des modernen Wirtschaftssystems par excellence. Aber dieser gewaltsame Ursprung bestimmt nicht im mindesten den  ökonomischen  Charakter der Grundrente in der  heutigen  Wirtschaft. Die Höhe der Grundrente wird nicht durch den sozialen Kampf der gesellschaftlichen Klassen bestimmt, sondern durch Gesetze ganz anderer Art, die RICARDO im Begriff der "differentialen Grundrente" endgültig festgestellt hat. Sie wird bestimmt durch die Lage und Fruchtbarkeit des Bodens, also durch äußere Bedingungen rein-ökonomisch-natürlicher Art. Obwohl der politische Kampf der gesellschaftlichen Klassen indirekt, z. B. bei der heutigen agrarischen Bewegung (Schutzzoll usw.), eine sehr große Rolle spielt, übt der Klassenkampf eine  direkte  Wirkung auf die Grundrente nie (!) aus, weil in ihr eben nur die Abhängigkeit der menschlichen Wirtschaft von der äußeren Natur, also die Bedeutung "außersozialer Mächte" und nicht die "sozialen Machtverhältnisse" zum Ausdruck kommen.

Vielmehr, sagt er, schaffen nur die Unterschiede (!) der  natürlichen Produktions bedingungen auf den durch sie bevorzugten Grundstücken größere Produktmassen und überschüssige Einkommen im Vergleich mit solchen geringerer Produktivität. Es sei also methodologisch nicht ganz richtig, die Grundrente als etwas außerhalb des Prozesses der sozialen Verteilung Liegendes zu betrachten und von ihr in der Untersuchung dieses Prozesses zu  abstrahieren.  Die Grundrente sie ihren eigenen Gesetzen unterworfen, die in gewissem Sinn außerhalb des sozialen Kampfes stehen: die Grundherren brauchen nicht im mindestn ihre Macht zu entfalten, um ihren Teil des gesellschaftlichen Produkts zu erhalten, ihr Einkommen fließe ihnen mit der Veränderung "der allgemeinen Wirtschaftsbedingungen der Gesellschaft" von selbst zu, es sei ein "arbeitsloses" Einkommen. Dies jedoch nur im Fall des Großgrundbesitztes; das "Bauerneinkommen" sei keine "arbeitslose Grundrente", der Bauer wirtschafte nicht kapitalistisch, sein Einkommen hat bloßen Arbeitscharakter.

Mit dieser Charakterisierung der Rente als eines "arbeitslosen" Einkommens mündet T.-B. also doch wieder in das Gebiet des "Sozialen" und gar des Ethischen hinein. Denn wir wissen ja, "sozial" bedeutet bei ihm die Ungleichheit, die Ausbeutung und damit eben den arbeitslosen Erwerb. Es ist deshalb auffällig, wie er die  Grundrente  außerhalb der Einflußsphäre der sozialen Kategorie stellen kann. Man sollte meinen, auch das Wesen, nicht nur der Ursprung der Rente sei eminent sozial, und zwar  mehr  noch als alle anderen "arbeitslosen" Einkommen, mehr noch als der Kapitalprofit, welcher ja gemeinsam mit der Grundrente entstanden, nämlich, wie T.-B. selbst (Seite 29) nach MARXschem Muster ausführt, durch eine "Freisetzung" des Arbeiters - frei in dem Doppelsinn, den MARX damit verbindet, frei als Person und frei von den Produktionsmitteln, unter denen der Boden das ursprünglichste ist.

Es ist unbegreiflich, weshalb T.-B. sich gerade in der Grundrentenlehre das "soziale" Moment hat entgehen lassen. SCHUMPETER hat dann auch diesen Umstand in seiner Kritik gegen ihn gründlich ausgenützt. "Mit Vergnügen", sagt er a. a. O. Seite 19, konstatiere ich hier die Gemeinsamkeit des theoretischen (rein-ökonomischen) Bodens, "mit umso größerem Vergnügen, als von vornherein gerade für den Fall der Grundrente, deren Bezug doch Folge einer zum Teil so zweifellos auf  Machtverhältnissen  beruhenden Eigentumsposition ist, das Gegenteil zu erwarten war". Wenn, so fragt er, T.-B. so klar erkennt, daß der einfache Hinweis auf den "Machtfaktor" dabei gar nichts leistet, und die ökonomische Erklärung nur aus ökonomischen Momenten fließen kann, muß sich da bei den anderen Einkommensarten nicht a fortiori dasselbe Resultat gewinnen lassen? - Lassen wir SCHUMPETER diesen kritischen Triumph bis dahin, wo die Kritik seiner eigenen Lehre uns zwingen wird, einige Tropfen Wermut in den Becher seiner Freude zu tun.

Was T.-B. betrifft, so hat er, trotz der grundsätzlichen Scheidung der Kategorien, ihre Grenzen nicht eindeutig abgesteckt. Er scheut sich nicht, die logische Scheidelinie nach Belieben zu überspringen, einmal nach der einen und dann wieder nach der entgegengesetzten Seite. Statt beiden Kategorien gleichmäßig gerecht zu werden, statt  beiden  Kausalreihen der volkswirtschaftlichen Erscheinungen, der rein-ökonomischen  und  der sozialen, gerecht zu werden, verfällt er abwechselnd bald in die Übertreibung des natürlichen, bald des sozialen Faktors und vermengt damit noch die ethische Betrachtung. Die "soziale Quelle" der Grundrente sieht er  historisch  in der Herkunft des Grundbesitzes aus krasser politischer Gewalt und  systematisch  in der Erzielung des "arbeitslosen" Einkommens der Großgrundbesitzer, das er dem Einkommen der "Bauern" entgegensetzt. Wenn er, wie er doch will, die Grundrente in der bestehenden Wirtschaftsordnung zu erklären unternahm, so mußte er die "soziale Quelle" ohne den ethischen Einschlag der sozialen Ungleichheit, ohne Hineintragung des moralisierenden Gegensatzes von Arbeits- und Besitzeinkommen, von Großgrund- und bäuerlichem Besitz, reinlich kausal aus der Eigenart der bestehenden Regelung, ohne Abirrung in Genetik und Ethik erklären. Bei strenger Festhaltung dieses rein systematischen Standpunktes hätte er das Wesen der Grundrente lediglich im  Ertragsüberschuß  finden müssen, den Arbeitslohn und Kapitalgewinn zur Verfügung des Grundeigentümers übrig lassen, und den auch der rechnende "Bauer" nicht außer Ansatz läßt. Die Blüte und das Behagen des deutschen Bauernstandes wird gerade durch diesen Überschuß erzeugt, und daß mit ihm recht genau gerechnet wird, zeigt sich bei der Festsetzung der Grundstückspreise, bei der Beleihung und den Erbabfindungen. Der systematische Schnitt zwischen "arbeitsloser" Rente und einer solchen Rente, bei deren Erzeugung der Bauer mit Hand anlegt, ist willkürlich und augenscheinlich durch die Tendenz diktiert. Im unklaren Begriff des "Bauerneinkommens" steckt eine  petitio  [Anforderung - wp]. Der Überschuß des bäuerlichen Ertrages, der übrigens zur größeren Hälfte durch eine Verschuldung an die Kapitalbesitzer übergeht, beruth, wie der Ertrag selbst, nur zum Teil auf der Arbeit des Bauern, zum anderen Teil genau wie beim Großgrundbesitz auf Aneignung. Das Mehr über den bloßen Unterhalt, der überdies mehr oder weniger reichliche sein kann, ist "angeeigneter positiver Reichtum", ein wirkliches Mehrprodukt, wie T.-B. selbst ausführte, er ist es ebensogut wie das Einkommen aus allen anderen  Überschußerträgen  qualifizierter Kapital- und Arbeitsleistungen.

Überspannte T.-B. im Begriff der arbeitslosen Großgrundbesitzrente den sozialen Gedanken, so verläuft er sich dann wieder in das andere Extrem: die Grundrente ist ihm eine rein natürliche Kategorie, die Differenz in natürlichen Ertrag, aus der er, mit RICARDO, Wesen und Höhe der Rente ableitet. Er berührt mit keinem Wort die Ergebnisse der neueren Forschungen, welche die Unzulänglichkeit der Differentialbetrachtung ergeben haben: Nicht die Differenz zwischen den Erträgen verschiedener Grundstücke, sondern der Überschupt auf  jedem  Grundstück, das einen solchen trägt, ergibt die Grundrente, mit anderen Worten, der errechnete Überschuß über den üblichen Lohn und den üblichen Kapitalgewinn. T.-B. spricht immer nur von der Höhe der Grundrente und versäumt damit die Untersuchung ihres  Wesens Höhe und Wesen können nur aus  einem  Prinzip erklärt werden. Die Grundrente hat nicht ihr Prinzip in sich als eine selbständige Größe, sondern muß aus dem Gefüge der ganzen Volkswirtschaft heraus verstanden werden.

T.-B. selbst weist mit Recht auf die "allgemeinen Wirtschaftsbedingungen der Gesellschaft" als die letzte Grundlage auch der Rente hin. Da also das Wesen der Rente erst im Überschuß über Lohn und Profit liegt, gebührt der Lehre dieser beiden Einkommensarten der didaktische Vorrang. So wollen auch wir - wie T.-B. - die Grundrente vorläufig "beiseite lassen". Wir wenden uns seiner Lohn- und Profitlehre zu.
LITERATUR - Rudolf Stolzmann, Die soziale Theorie der Verteilung und des Werts, Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, III. Folge, Bd. 55, Jena 1918
    Anmerkungen
    1) Ich werde die erstere kurz als "Subj.", die zweite als "Obj." zitieren.
    2) Ich habe "Zweck", Seite 570 und "Subj." Seite 149 das Verhältnis von Wert und Preis näher dargelegt. Danach ist der Preis die zu erklärende Tatsache, der "Wert" aber nur ein - manchmal recht verdächtiges, tendenziöses -  Denkmittel  der Erklärung, das die Objektivisten wie die Subjektivisten ganz nach ihren Lehrzwecken modelliert haben.