cr-2p-4J. SchultzV. KraftC. Stumpf    
 
MAX SCHELER
Die transzendentale und
die psychologische Methode


"Wenn wir beispielsweise einen  Augustinus,  diesen souveränen und ohne Gleichen kraftvollen Geist der Wundersucht verfallen finden, heute aber jeden Schulknaben von der  starren Gesetzlichkeit des Weltgeschehens  reden hören, so werden wir nicht umhin können, die Frage zu stellen, ob es nicht vielleicht auch eine  Gesetzessucht  gibt und ob es nicht eine Aufgabe für  alle  sein müßte, welche die Geistesfreiheit als Gut verehren, aller  Süchte  ledig zu werden."

"Am Allgemeinen vermag der Mensch, selbst wenn er es noch so gern möchte, nicht vorüberzugehen. Diese Lehre gibt die Neuzeit auf den verschiedensten Lebensgebieten. Will man die Willkür des Ganzen vermeiden, so ist es nur die Willkür der Teile, die man entfesselt. Der aufstrebende politische Liberalismus vermochte sich nur unter der Fiktion zu halten, daß auch die entfesselten Individuen ohne weiteres Regulativ von seiten des Staates für das Ganze sorgen."


Vorrede

Man hat nicht ohne Recht geklagt, unsere gegenwärtige Philosophie leide am Plänemachen, an "Vorfragen", "Prolegomenas", "Präludien" etc.; es fehle die rechte Kraft und der rechte Mut, einmal als wahr ergriffene Gedanken in die Fülles des Stoffes einzubauen; nicht Einzelnen, sondern der Zeit sei mit der Naivität auch jegliche Schöpferkraft verloren gegangen. Trotzdem wagen wir es, die Zahl der Abhandlungen jener Gattung noch um eine zu vermehren. Einmal nämlich glauben wir nicht, daß jene sentimentale Klage - vom historischen Gesichtspunkt zweifellos berechtigt - imstande ist, das Übel zu verringern. Noch weniger glauben wir, daß eine von den beiden Möglichkeiten, zu denen unsere Zeit nur allzu leicht neigt: Skeptische Indifferenz bezüglich aller nicht auf "exaktem" Weg lösbarer Fragen hier, brutale, willensmäßige Ergreifung einer bestimmten Lösung des "Welträtsels" - sei die Lösung materialistisch, klerikal oder nietzscheanisch - dort, einer philosophischen Denkart geziemt. Daß die letztere Art des Vorgehens sich selbst richtet, brauchen wir hier nicht zu sagen. Uns selbst wenigstens möge Gott vor einer solchen "Naivität" in Gnaden bewahren. Was die erstere Ankunft betrifft, so vermag ja eine fleißige und ansich gewiß wertvolle Einzelarbeit in den vergleichsweise exaktesten Disziplinen der Philosophie, der Psychologie und Logik den Mangel an prinzipieller, methodischer Einhelligkeit verstecken: Auch hier ist nicht aufgehoben, was aufgeschoben ist. Was als Frage des Prinzips aus dem Urteilsbereich des Faches gerückt ist, kehrt an allen einzelnen Punkten mit der alten Problematik wieder und findet hier einseitige und kurzsichtige Lösungen - Lösungen, welche prinzipielle Fragen einmal nicht vertragen können. Die Objektivität im Kleinen, die über das berechtigte Maß hinausgehende Furcht vor der Zwangsjacke einer einheitlichen Methode wird zur krassen Subjektivität im Großen. Der LEIBNIZsche Unterschied des "Klaren" und "Deutlichen" kehrt hier potenziert wieder. Was uns an allen einzelnen Punkten als deutlich dünkt, hat im Ganzen seine Umrißlinien verloren, verschwimmt charakterlos mit allem Möglichen.

Zu diesem allgemeinen Grund, der freilich für das Recht der Methodenfragen überhaupt - auch innerhalb anderer Wissenschaft - geltend gemacht werden kann, kommt hier noch hinzu, daß die Philosophie eine weit intimere Abhängigkeit von ihrer Methode besitzt als die übrigen Wissenschaften. Die Ergebnisse anderer Wissenschaften bewahren gegen die Methoden, durch welche sie gefunden sind, ohne Zweifel eine weit größere Selbständigkeit. Bei der "Prinzipienwissenschaft"  kat exochen  [schlechthin - wp] ist die Isolierbarkeit der Einzelfrage von der Methode eine weit geringere. Wo immer in ihrer Geschichte ein wesentlicher Fortschritt erzielt wurde, war es ein Fortschrit der Methode. Hat doch der große Urheber der mächtigsten Denkwandlung innerhalb der neueren Philosophie sein Hauptwerk einen "Traktat von der Methode" (1) genannt.

Insbesondere aber ist es die gegenwärtige Lage, welche eine selbständige Erörterung der philosophischen Methode notwendig erscheinen läßt. Die neuere KANT-Forschung - vor allem VAIHINGERs verdienstvoller Kommentar - scheint uns die Versuche, aus dem Werk dieses das philosophische Denken immer noch beherrschenden Geistes eine in den Hauptpositionen eindeutige Methode herauszuschälen, endgültig vernichtet zu haben. Hier hat die vielangegriffene "philologische Akribie" eine für den systematischen Fortschritt der Philosophie durchaus notwendige Arbeit geleistet. Nicht  daß  "KANT verstehen über ihn hinausgehen" heißt, um ein Wort WINDELBANDs (2) zu gebrauchen, dürfte noch eine Frage sein, sondern nur,  wie  man über ihn hinausgehen muß, erscheint uns als Grundproblem der Methode. Daß aber diese Frage schon eine Lösung gefunden hat, können wir bei aller Anerkennung der vielen lehrreichen Vorarbeiten, denen wir selbst so Vieles verdanken, nicht zugestehen.

Zu den bezeichneten sachlichen Gründen, welche uns zu dieser Arbeit führten, kommt für uns noch ein persönlicher hinzu. Nicht am Ende, nicht in der Mitte, sondern am Anfang unserer philosophischen Arbeit befinden wir uns. Und da wir für die Überzeugung leben, daß - wenn auch entgegen dem Sinn des Bildes, das auch dem Geist eine Schwerkraft andichten möchte - in der Philosophie der Bau vom Dach her beginnt, so schien es uns als Gewissenspflicht, uns durch eine (hoffentlich) positive Kritik über die Grundfrage aller Philosophie, die Methode, zu klären.

Dieser Zweck aber schien uns am besten erreicht zu werden durch eine Anknüpfung an die beiden philosophischen Methoden, die man die transzendentale und die psychologische Methode genannt hat. Wenn wir hier von "philosophischen" Methoden schlechthin und nicht von "erkenntnistheoretischen" reden, so wird den Grund hierfür der Fortgang der Arbeit bringen. Auch bestimmtere Gründe für die Wahl gerade dieser Methoden anzugeben, müssen wir dem kurzen historischen Überblick über die philosophische Methode in der Neuzeit, der uns nicht wohl zu umgehen schien, überlassen. Eine genauere Rechtfertigung der methodlogischen Fragestellung gegenüber der Lage der heutigen Wissenschaft überhaupt, ist Sache der Einleitung.

Für jenen Abschnitt der Arbeit, welcher Resultate unserer allgemeinen Kritik der transzendentalen Methode auf einige Grundprobleme der Erkenntnistheorie zur Anwendung bringt, müssen wir schon hier um eine milde Beurteilung bitten. Nichts lag uns ferner - und konnte uns bei der Anlage dieser Arbeit ferner liegen - als hier irgendwie vollständige Theorien bieten zu wollen. Nur wer zugesteht, daß auch echte Probleme Gedanken in einem guten Sinn sind, wird uns hier nicht alles Recht versagen. Auch dürfen wir hier wohl das Recht in Anspruch nehmen, auf einen künftigen Ausbau der hier dargelegten methodischen Prinzipien auch nach dieser Seite hin einen geneigten Leser zu verweisen.

Schließlich ergreife ich hier die Gelegenheit, der vielfachen Belehrung und Anregung zu gedenken, die ich neben der mündlich wie in gedruckter Arbeit derzeitiger deutscher Philosophen überhaupt inbesondere dem verdanke, was mir an der Universität Jena geboten wurde. Wenn ich hier den Namen RUDOLF EUCKENs in besonders dankenswerter Gesinnung ausdrücklich zu nennen mich verpflichtet halte, so geschieht es in der Überzeugung, daß die folgenden Gedanken einer eingehenden Beschäftigung mit seinen Werken Anlaß und Ausgestaltung in nicht geringem Maß verdanken.



Einleitung

Am Ende eines Jahrhunderts, dessen wissenschaftlicher Ertrag zu den reichsten gehört, welche uns die Geschichte der Jahrhunderte aufweist, bietet sich uns ein zunächst schwer verständlicher Anblick dar. Auf allen Gebieten des Wissens bemerken wir einen harten, oft die peinlichsten Formen annehmenden Streit um die Methoden, und zwar nicht etwa nur einen Streit um sekundäre, untergeordnete Methoden, sondern Streit um die letzten prinzipiellen Auffassungsweisen der den betreffenden Wissenschaften zugehörigen Tatsachenbereiche. Auch nicht etwa nur innerhalb jener Wissenschaften, die gleich der Theologie, Jurisprudenz, Nationalökonomie und Biologie seit Menschengedenken im Grund nie aufgehört haben, über ihre Erkenntnisprinzipien bald mit mehr, bald mit weniger Energie zu streiten, sondern gerade und insbesondere innerhalb derjenigen Wissenschaften, die sich wie Mathematik, Physik oder Chemie noch vor kurzer Zeit rühmten, auf klar, fest und eindeutig vorgezeichneten Erkenntnisbahnen voranzuschreiten. Warum nur ermuntert die Fülle dessen, was man auf den alten Wegen gefunden hat, nicht zum Weiterschreiten? Eine schwierige Frage, auf welche eine summarische Antwort kaum möglich ist. Sie müßte so gut wie Versuche der Lösung jener Schwierigkeiten für das besondere Gebiet besonders in Angriff genommen werden. Da nun aber eine Erfolg versprechende Arbeit am Verständnis und der Beilegung jener Kämpfe, ohne in alle einzelnen Besonderheiten der Probleme hinabzusteigen, nicht aussichtsvoll erscheint, so könnte man zum Schluß kommen, daß jede Einzelwissenschaft ihre methodologischen Probleme mit sich selbst auszumachen hat und jede Einmischung von solchen, die von einer höheren Warte aus dieses Treiben zu übersehen suchen, nur als überflüssig und irreführend zu erachten ist. Diese Konsequenz hat man dann auch nicht nur hie und da, sondern sogar im Sinne eines  Prinzips  gezogen. An erster Stelle ist es der Positivismus in seinen verschiedenen Färbungen, der eine Methodenlehre als philosophische Disziplin ablehnen zu müssen glaubt. So COMTE (Cours de philosophie positive, Seite 34). (3) Aber auch Forscher, welche ein besseres Verständnis für den Wert der Erkenntniskritik und der Methodologie an den Tag legen als COMTE, den selbst der strenge Empirist JOHN STUART MILL (4) hinsichtlich der geringen Beachtung jener Disziplinen getadelt hat, kommen öfters auf dieses Ergebnis hinaus. So läßt sich beispielsweise CARL MENGER in seinen klassischen "Untersuchungen über die Methode der Sozialwissenschaften und der politischen Ökonomie insbesondere" (Leipzig 1883), Seite 11 folgendermaßen aus:
    "Kein Zweifel vermag darüber zu bestehen, daß in der obigen Rücksicht (d. h. im Hinblick auf die Methoden der politischen Ökonomie) nicht wir von den Logikern, sondern diese letzteren von uns so ziemlich alles zu erwarten berechtigt sind und daß jenes unter den deutschen Nationalökonomen neuerdings vielfach hervortretende Streben, über die Ziele der Forschung auf dem Gebiet ihrer eigenen Wissenschaft in den Schriften der hervorragenden Logiker Aufklärung zu finden, lediglich als ein Symptom des in hohem Grad unbefriedigenden Zustandes dieses Teils der Erkenntnistheorie unserer Wissenschaft betrachtet werden muß."
Zwei Gründe sind es, welche uns veranlassen, diesen Bescheid trotz der in ihm enthaltenen Halbwahrheit zurückzuweisen. Erstens liegt ihm eine grundfalsche Gesamtanschauung über die Geschichte der Wissenschaft, besser gesagt, über die Form des Prozesses, in dem sich die Wissenschaft erzeugte, zugrunde. Es waltet hier die Meinung, es sei die Wissenschaft langsam durch eine fortlaufende Anhäufung von Einzeldaten auf ihre derzeitige Höhe gekommen und es hätten sich innerhalb dieses Prozesses die wesentlichen Verschiebungen der Methodik mühelos, wie von selbst, in jenen Augenblicken vollzogen, in denen neue Daten kein Unterkommen in den alten Denk- und Erkenntnisformen mehr gefunden hätten. Die Wirklichkeit zeigt uns jedoch hiervon nichts. Die Denker, welche der modernen Wissenschaft das Programm in einfachen und gewaltigen Zügen gezeichnet haben, waren sich einer solchen Kontinuität so wenig bewußt, daß vielmehr das klare Bewußtsein eines Bruches mit dem Alten überall in ihnen erkennbar ist. Wohl hat die neuere Forschung eine stärkere Abhängigkeit eines DESCARTES oder eines BACON von der Scholastik aufgedeckt. Wir verstehen heute die Bedeutung der scholastischen Begriffe für DESCARTES' Denkweise besser zu würdigen (5); wir haben die aristotelischen Begriffselemente der induktiven Naturenlehre des BACON klarer erkannt (6). Aber all dies kann die Tatsache nicht erschüttern, daß hier überall der Wein trotz der alten Schläuche neu ist. Und wie wenig eine bloße Anzahl neuer Daten solche radikalen Wendungen veranlassen konnte, dafür ist der beste Beweis, daß jene großen weitausschauenden Methodologen der positiven Forschung gerade in jenen Gebieten wenig genützt haben, für die sie das Programm aufstellten. DESCARTES' Physik, seine Korpuskular- und Wirbeltheorie, seine astronomischen Lehren, seine falsche Beurteilung des GALILEI in den Briefen an MERSENNE sind eher als Hemmnisse der positiven Forschung zu betrachten denn als Förderung (7). Und BACON war ein viel zu leicht geschürzter Geist, als daß er die Bahn, die er mit genialem Griffel der Zukunft vorgezeichnet hatte, selbst rüstig hätte beschreiten können. Wie hier nicht neue Daten die methodische Wendung vorbereiteten, sondern die schöpferische Kraft einer logischen Phantasie, die sich in schroffem Kampf mit der Tradition aufarbeitet, so finden wir bei allen ähnlichen grundlegenden Wandlungen innerhalb der Geschichte der Wissenschaften schöpferische Vorstößte und Antizipationen, die allererst neue Gebiete der Wirklichkeit der Forschung eröffnen. Lange bevor uns die Spektralanalyse die chemische Homogenität der Gestirnwelt mit den telluren Substanzen erwies, hatte GIORDANO BRUNOs geniale Intuition das allgemeine Resultat vorweggenommen und den Blick der exakten Forscher eben hierdurch auf jene Forschungen gelenkt. Die Überzeugung, daß kein Quantum von Materie aus dem Nichts hervorkommen kann (ex nihilo nil fit) mußte feststehen, ehe die Chemie durch den Satz von der Gewichtsgleichheit der Substanzen in ihren verschiedenen Verbindungen jene Antizipation verifizierte. Daß die Form der Planetenbewegungen irgendeine frei konstruierbare geometrische Gestalt besitzen muß, war die Voraussetzung, unter der KEPLER arbeitete, als er diese Form als die elliptische näher bestimmte und die pythagoräische Lehre, daß im Weltall mathematisch faßbare Gesetze walten, war die schaffende Kraft in der Konzeption fast aller jener Grundbegriffe, auf deren Basis sich das stolze Gebäude der neueren Naturwissenschaft erhebt. Oder wer wollte die Grundlegung der politischen Ökonomie durch die Physiokratie und ADAM SMITH verstehen wollen ohne den Lebenshintergrund des  Ordre naturel  des Deismus? Wir wollen diese Beispiele, die ja ohnehin bekannt genug sind, nicht häufen. Genug, es erweist die Geschichte der Wissenschaften, vorzüglich die der Neuzeit zur Genüge, daß jene Voraussetzung, unter welche die Methode ein mühelos in den Schoß fallendes Geschenk neuer Daten wäre, falsch ist. Die Funde der positiven Forschung erweisen sich vielmehr als wertvolle Determinationen allgemeinerer Überzeugungen, die, indem sie den Forschergeist auf bestimmte Wirklichkeitsausschnitte und der mögliche Gliederung richten, ihm allererst Fragen und Aufgaben stellen, die ihm ohne diese "généralités vagues" [vagen Allgemeinheiten - wp] niemals aufgegangen wären, schon deswegen nicht, weil der Geist ohne ihre treibende Kraft entweder bei der Betrachtung der jeweilig bekannten Tatsachen hätte beharren müssen (und dies wäre ein Stillstand der Forschung gewesen) oder aber sich in einem zügellosen und ziellosen Drang in die unendliche Mannigfaltigkeit des Seins hätte verlieren müssen (und dies wäre die Anarchie der Forschung gewesen). Verhielt es sich aber so, wie weit wir auch den geschichtlichen Entwicklungsgang der Wissenschaften verfolgen können, und liegt kein Anlaß vor, zu meinen, es werde sich in Zukunft die Form dieses Prozesses von Grund auf verändern, so ist auch das Recht der Philosophie, sich um die Methoden der Einzelwissenschaften zu kümmern, erwiesen und der Satz, es habe jede Einzelwissenschaft ihre Methode selbst, ohne auf das Ganze zu sehen, zu bestimmen, wird hinfällig. (8) Denn eben die Philosophie ist es, welche diese Urteile a priori, diese Hintergründe der positiven Forschung stets wieder ans helle Licht des Tages zu ziehen hat, wenn die Fülle der positiven Resultate sie zu verstecken droht; sie ist es, welche in diesen Antizipationen, welche dem in die Mannigfaltigkeit der besonderen Probleme verstrickten Einzelforscher leicht zur platten Selbstverständlichkeit erstarren, das Wunderbare  kat exochen,  aber auch das Problematische und doch so unendlich weitgehend Verpflichtend zu sehen lehrt (9). Und sie vermag mit Hilfe der Geschichte jenes positivistische Vorurteil der "généralités vagues" umso leichter zu überwinden, als sie zeigen kann, daß sich jene généralités nur vom Standpunkt des in die Einzelarbeit versenkten Forschers mit einer gewissen psychologischen Notwendigkeit als "vagues" ausnehmen, wogegen sie im Vergleich mit andersartigen "généralités", von denen sich die Forscher anderer Kulturperioden mit demselben Selbstverständlichkeitsfanatismus leiten ließen, Bestimmtheit und Individualität erreichen. Wenn wir beispielsweise einen AUGUSTINUS, diesen souveränen und ohne Gleichen kraftvollen Geist der Wundersucht verfallen finden, heute aber jeden Schulknaben von der "starren Gesetzlichkeit des Weltgeschehens" reden hören, so werden wir nicht umhin können, die Frage zu stellen, ob es nicht vielleicht auch eine "Gesetzessucht" gibt und ob es nicht eine Aufgabe für  alle  sein müßte, welche die Geistesfreiheit als Gut verehren, aller "Süchte" ledig zu werden.

Ein anderer Grund, welcher die Philosophie die Pflicht auferlegt, sich um die Methoden der Einzelwissenschaften zu kümmern, bzw. den Einzelforscher zwingt, Philosoph zu sein, ist der, daß die Willkür, welche durch den Ausschluß der Kompetenz der Philosophie auf die methodologischen Fragen der besonderen Wissenschaften und der Reservierung der Diskussion dieser Fragen für diese selbst vermieden werden soll, gerade hierdurch in vervielfachter Gestalt erzeugt wird. Am Allgemeinen vermag der Mensch, selbst wenn er es noch so gern möchte, nicht vorüberzugehen. Diese Lehre gibt die Neuzeit auf den verschiedensten Lebensgebieten. Will man die Willkür des Ganzen vermeiden, so ist es nur die Willkür der Teile, die man entfesselt. Der aufstrebende politische Liberalismus vermochte sich nur unter der Fiktion zu halten, daß auch die entfesselten Individuen ohne weiteres Regulativ von seiten des Staates für das Ganze sorgen. Die methodologische Selbstbestimmung der Einzelwissenschaften würde sich nur halten lassen, wenn man erweisen könnte, daß ihre Sonderbestrebungen schon ohne weiteres Zutun, ohne eine Art Synopsis [Zusammenfassung - wp] ihrer Resultate, aus einer Art prästabilierten logischen Harmonie einen Zug zur Einheit und zum Ganzen in sich trügen. Auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet hat sich jene Meinung, die in die sozialen Atome jenen Trieb hineindachte, als schwere Fiktion erwiesen. Wie steht es innerhalb der Wissenschaft? Auch hier, denke ich, zeigt sich ein Gleiches. Anstatt daß sich die Resultate der Einzelwissenschaften zum Ganzen einer wissenschaftlichen Weltanschauung zusammenschließen, sucht jede Einzelwissenschaft ihren Machtbereich bis auf das All auszudehnen, keine Schranke außer sich anzuerkennen. Die Naturwissenschaft sucht ihre spezifischen Methoden der Geschichtswissenschaft aufzudrängen (COMTE, BUCKLE, LAMPRECHT), wogegen wiederum andere Methodologen, welche die Methode der Naturwissenschaft in einer möglichst einfachen und vollständigen Beschreibung des anschaulich Gegebenen sehen (KIRCHHOFF, MACH, AVENARIUS), eher die Naturwissenschaft methodologisch der Geschichte annähern. Dabei beschränkt sich diese Willkür keineswegs auf jene großen Gebiete der Wissenschaften; sie setzt sich vielmehr in die Teile der Teile fort. Der Wirtschaftshistoriker sucht seine Methoden auch dem politischen, Wissenschafts- und Literaturhistoriker aufzudrängen. Der Mathematiker und Physiker verlangt vom Physiologen und Entwicklungshistoriker Gesetze von gleicher Allgemeingültigkeit, als er sie auf seinem Gebiet finden mag, wogegen jener Teil der Naturwissenschaften, welcher vermöge der Eigenart seines Gegenstandes nicht zu einer mathematisch fixierbaren Gesetzlichkeit zu gelangen vermag, von der Mathematik den Tribut fordert, als empirische Wissenschaft zu gelten. Die Psychologie wird bald als Naturwissenschaft (z. B. MÜNSTERBERG, RICKERT, WINDELBAND) definiert und ihr jede Bedeutung für fie Geschichtswissenschaften abgesprochen, bald als Grundlage aller Geisteswissenschaften erklärt (WUNDT). Wieder Andere lösen das ganze All in eine Summe von Empfindungen = Empfundenem auf (z. B. ZIEHEN), wobei dann alle Urscheidungslinien der Wissenschaften völlig verschwinden. Die auf dem Gebiet der Entwicklungsgeschichte hochbedeutende Sektionstheorie DARWINs sollte für alle möglichen auf völlig heterogenen Tatsachengebieten liegenden Probleme der Universalschlüssel sein. Juristen glaubten etwas gesagt zu haben, wenn sie den Krieg als einen "Kampf der Rechtssystem ums Dasein" definierten. Sozialdemokratische Theoretiker der Volkswirtschaft versuchten um jeden Preis, die logische Konkordanz zwischen dem Marxismus und der Selektionslehre aufzuzeigen, wogegen theoretische Vertreter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung jene zoologische Theorie für ihre Lehrsätze auszuschlachten suchten. SIMMEL (10) wandte die Theorie auf die Erkenntnistheorie an und sah in der Wahrheit das Merkmal der an die Umgebung bestangepaßtesten Vorstellungen, während wieder andere (11) mit Trompetenstößen eine neue auf jene Theorie aufgebaute Ethik verkündeten. Diese Beispiele, deren weitere Verfolgung über den einleitenden Zweck dieses Abschnittes hinausginge, erweisen zur Genüge jenen Absolutismus der Methoden der Einzelwissenschaften, von dem wir anfänglich redeten. Die methodologische Willkür der HEGELschen Philosophie mit ihrer Tendenz, die Einzelwissenschaften in sich aufzusaugen, war, so wenig gerechtfertigt sie war, dem geschilderten Zustand eher vorzuziehen. Denn jede Art von Ordnung, selbst jene absolutistische, die Einzelarbeit erstickende Ordnung, ist besser als keine, als methodologische Anarchie. Beide Gründe, eine richtige Vorstellung von der Form des Prozesses, in der die Wissenschaft wächst und eine Einsicht in den unbefriedigenden Zustand eines Absolutismus der Methoden der Einzelwissenschaften dürften genügen, um das Recht der Philosophie, sich um jene Methodenstreitigkeiten zu kümmern, als erwiesen zu betrachten.

Abgesehen vom Recht der Philosophie gegenüber den besonderen Disziplinen, ist es aber auch eine Pflicht der Philosophie gegen sich selbst, an diese Aufgabe kräftig heranzutreten. Sie wird unfruchtbar, wenn sie es unterläßt. Sie wird insbesondere dann unfruchtbar, wenn sie ihre erkenntniskritische Arbeit nur auf einen Teil der Wissenschaft richtet, etwa bloß auf Mathematik, Mechanik und mathematische Physik, hingegen Geschichte, Theologie, politische Ökonomie und jene Gebiete der Naturwissenschaft, in denen notwendige und allgemeingültige Sätze im Sinne KANTs nicht zu erreichen sind, von ihrer erkenntniskritischen Bemühung ausschließt. Sie gelangt in diesem Fall - wir werden später bei unserer Kritik der sogenannten "transzendentalen Methode" hierauf noch genauer zu sprechen kommen - zu der Einseitigkeit, das große Ganze der Wissenschaften an einem, wenn auch noch so sicher fundierten, so doch viel zu eng umschriebenen Kreis von Resultaten einer Einzelwissenschaft sich nicht für vergewaltigt erachten und deshalb einer solchen Erkenntniskritik ihr Augenmerk zu versagen gezwungen wären.

Vor allem aber - und dies ist der wichtigste Punkt, auf den es uns in diesem Zusammenhang ankommt, muß die Philosophie das von einigen ihrer Vertreter gehegte Vorurteil aufgeben, daß sie eine feste Methode besitzt, auf der sie nur weiterzuschreiten braucht. Der Zustand, daß die Einzelwissenschaften im schärfsten Methodenstreit liegen, sogar jene - wie Mathematik, Physik, Chemie - die noch vor kurzer Zeit auf ihr unzerstörbares methodisches Gefüge nicht laut genug pochen konnten, die Philosophie dagegen ruhig und gemessen auf scharf vorgezeichnetem Weg weiterschreitet, dieser Zustand dürfte schon a priori dahin zu deuten sein, daß jene vielleicht zu selbstgewisse Philosophie eine Reihe von Problemen, welche die geistige Entwicklung dieses Jahrhunderts zuallererst aufgeworfen hat, nicht genügend tief empfunden und demgemäß auch nicht eingehend genug bearbeitet hat. An dieser Stelle kann dies freilich noch nicht erwiesen werden. Nur das Recht, auch für die Philosophie die Frage nach ihrer Methode aufzuwerfen, galt es einstweilen gegen die festen Ansprüche herrschender Methoden zu erweisen. Ihre Methode ist so wenig eine gesicherte, daß vielmehr die einzige Hoffnung auf eine solche darin besteht, sie werde sich durch eine kräftige Mitarbeit an den methodologischen Kämpfen, welche zur Zeit auf den verschiedenen Gebieten der Forschung ausgetragen werden, selber zu einer Methode führen, welche jenen später näher zu bezeichnenden Problemen, die sie bisher weniger in ihre Arbeit einbezogen hatten, besser gewachsen ist.

Solche Probleme aufzudecken und zu umgrenzen, dürfte ansich, von ihrer Lösung abgesehen, nicht ganz verdienstlos sein.

So wird sich unsere Aufgabe folgendermaßen gliedern. Zuerst wird ein kurzer Überblick über die wesentlichen Züge derjenigen philosophischen Methoden gegeben, die sich seit dem Beginn der Neuzeit in der Geschichte der Philosophie entfaltet haben. Hierauf folgt in einem zweiten Teil die Darstellung und Kritik zweier philosophischer Methoden, die wir als die gegenwärtig vorherrschenden bezeichnen dürfen. Man hat sie "transzendentale" und "psychologische" Methode genannt. Der folgende Abschluß bringt eine Anzahl Thesen, in welchen die positiven Ergebnisse meiner Kritik zusammengestellt werden.
LITERATUR: Max Scheler, Die transzendentale und die psychologische Methode, Leipzig 1900
    Anmerkungen
    1) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Vorrede zur zweiten Auflage.
    2) WINDELBAND, "Kritische und genetische Methode", Präludien, Schluß.
    3) Vgl. hierzu meinen Aufsatz "Arbeit und Ethik" in der Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 114, Seite 171, 172.
    4) In seinem Werk über die Philosophie des AUGUSTE COMTE.
    5) Vgl. hierzu: von HERTLING, Untersuchungen über Descartes' Abhängigkeit von der Scholastik (Münchner Akademie).
    6) Vgl. die Ausführungen von CHRISTOPH SIGWART, Logik II, § 93 und in den Preußischen Jahrbüchern, 1863, Seite 93
    7) DESCARTES tadelt hier GALILEI, weil er nur die Ursachen bestimmter Tatsachen gesucht hat, ohne die ersten Ursachen der Natur zu suchen. Auch erklärt er GALILEIs Fallgesetze und das Gesetz der parabolischen Wurfbewegung für falsch.
    8) Jede "Einzelwissenschaft" sagten wir, nicht "jeder Vertreter einer Einzelwissenschaft". Selbstverständlich hat jeder Vertreter der Einzelwissenschaft das Recht, methodische Untersuchungen anzustellen. Aber er hat es nur "als Philosoph". Er ist eben Philosophe, wenn er es richtig tut.
    9) Ob wir in diesen Urteilen "Postulate" oder "synthetische Urteile a priori" zu sehen haben, ob es eine begrenzte, systematisch ableitbare Zahl solcher Urteile gibt, ob sie für alle Zeiten gleiche oder verschiedene sind, ob bloß formale Behauptungen oder inhaltlich bestimmte, soll  hier  noch nicht ausgemacht werden.
    10) siehe "Archiv für systematische Philosophie", Neue Folge, Bd. 1, erstes Heft: Über eine Beziehung der Selektionslehre zur Erkenntnistheorie.
    11) siehe z. B. ALEXANDER TILLE "Von Darwin bis Nietzsche"