p-4 R. WillyM. WalleserE. LaasKierkegaardE. Bergmann    
 
MAX SCHELER
Über Selbsttäuschungen
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"Der Psychotherapeut wird und kann daher nie eine Kritik am Gehalt des Lebens seines Patienten üben, sei es eine moralische oder sonst irgendeine. Er wird es nicht wie der aufdringliche Seelenarzt und Prediger zu verändern suchen oder ihm eine andere Richtung zu geben suchen als diejenige ist, die aus seinem eigenen Born quillt. Sein einziges Ziel ist, daß der Patient den Inhalt seines Lebens sehe und übersehe - so vollständig und klar wie möglich. Was er dann damit tue, ist seine Sache und nicht die des Arztes. Was in seinem Leben an Gehalt, auch an Wertgehalt liegt, das ist durch keine Psychotherapie veränderlich."

1. Teil
Einleitung

Es gibt ein dreifaches Interesse, das man an den Täuschungen über seelische Vorgänge - so wollen wir zunächst das vieldeutige Wort "Selbsttäuschungen" verstehen - nehmen kann. Einmal das Interesse des Phänomenologen und Erkenntnistheoretikers, der zu sagen hat, was denn eine solche Täuschung ist im Unterschied von Irrtümern und der die unmittelbar gegebenen Tatsachen des seelischen Seins, ihre Erkenntnisart sowie die Stufen, in denen sie angeschaut, wahrgenommen, bemerkt, beachtet und schließlich in Urteilen begrifflich bestimmt werden, aufzuweisen hat. Das gehört nicht zur Psychologie, sondern zur Theorie der Erkenntnis des Psychischen, die aller Psychologie analog vorhergeht wie die Theorie der Naturerkenntnis der Naturwissenschaft. Zweitens das Interesse des Psychologen, der die Täuschungen zu erklären sucht, indem er den Mechanismus ihrer Verwirklichung darlegt. Drittens das Interesse des Psychopathologen, für den es mir wichtig zu sein scheint zu wissen, welche seelischen Funktionen es sind, die bei den nicht normalen Selbsttäuschungen die Störung oder den Ausfall erlitten; ob dies bei den verschiedenen Arten, Halluzinationen und Jllusionen z. B., schon das pure Empfindungsmaterial ist oder die mit ihm verschmelnzenden Elemente des Sinnengedächtnisses oder die dazu tretenden reproduzierten Vorstellungen oder erst die im Urteil liegende Funktion des Behauptens und Glaubens. Es muß für ihn von Interesse sein zu wissen, welche Stufen der Einbildung z. B. eines Schmerzes es gibt, wie etwa dem hysterischen Patienten sein objektiv nicht gegründeter Schmerz gegeben ist. Die Streitigkeiten, was Simulation ist und was nicht, z. B. bei der traumatischen Neurose, die mit der Unfallgesetzgebung verbunden ist, lassen sich nur schlichten, wenn es eine tiefer fundierte Morphologie der Selbsttäuschungen gibt, die mit ihrer Erklärung keineswegs zusammenfällt. Die Aufhebung von pathologischen Selbsttäuschungen durch den Arzt oder den Erzieher hängt mit der Erkenntnis, welche Funktionen der Erfassung eines Seelenvorgangs denn jeweilig gestört sind, aufs Engste zusammen.

Aber ein noch weit tieferes und prinzipielleres Interesse scheint mir für den Psychopathologen und den Psychotherapeuten mit unserer Frage verknüpft zu sein.

Ich sehe in den gegenwärtigen psychotherapeutischen Bestrebungen zwei Auffassungen des Zieles jeglicher psychotherapeutischen Hilfeleistung miteinander ringen, die sich ausschließen und auf grundverschiedene theoretische Vorstellungen über das Seelenleben zurückgehen. Die erste dieser Auffassungen könnte man bezeichnen als die des psychischen Chirurgen. Demnach bedeutet Psychotherapie einen irgendwie zu machenden Eingriff in den kausalen Ablauf der psychischen Erlebnisse des Patienten mit der Endabsicht, sie in die Bahn einer normalen Verlaufsform zu zwingen. Alle Suggestionsmethoden beruhen zum Beispiel darauf. Den theoretischen Hintergrund für diese Ansicht vom Ziel der Psychotherapie pflegt eine mechanistische Assoziationspsychologie zu bilden. Die zweite Auffassung kann man als die des Psychoanalytikers - oder wie ich lieber sagen will, da in der Schule, die sich diesen Namen gab, beide Auffassungen durcheinandergehen - als die "Sokratische" bezeichnen. Demnach ist es Endabsicht jeder Psychotherapie, den Patienten zur Einsicht über sich selbst, seine tatsächlichen Erlebnisse der Vergangenheit zu führen oder auch ihn von "Selbsttäuschungen" frei zu machen. Mag zu diesem Ende auch wieder ein technisches Eingreifen in seinen seelischen Ablauf stattfinden z. B. auch Hypnose und Suggestion Anwendung finden, so stellt sich doch dieses Verfahren hier immer in den Dienst des Ziels, ihm hierdurch jene mangelnde Einsicht zu gewähren. Der kausale Eingrif in die Erscheinungen hat hier nicht den technischen Zweck, sie abzuändern, Teile zu unterdrücken oder neue einzusetzen, sondern einen analogen Zweck, wie ihn der Eingriff des Experimentes in die Natur gelegentlich hat, ein schon Vorhandenes schärfer sichtbar und in seinen Zusammenhängen verständlich zu machen. Der theoretische Hintergrund dieses therapeutischen Ideals aber ist eine Auffassung, nach der alles "seelische Kranksein" gar nicht in den real erlebten psychischen Vorgängen des Patienten, in ihrem Inhalt und in ihrem Ablauf selbst wurzelt, sondern nur in der Art und Weise, wie sie in den Funktionen der inneren und Selbstwahrnehmung aufgefaßt, unterdrückt und gedeutet, interpretiert und beurteilt werden; wie wir Stellung zu ihnen nehmen, in welcher Weise und in welcher Art wir sie erkennen. Es sind Funktionsstörungen des Bewußtseins von den psychischen Erlebnissen, auf denen hierarchisch das seelische Kranksein beruth. Erst in diesem letzteren Zusammenhang gewinnt der Begriff der Selbsttäuschung seine volle und überragende Bedeutung. Denn die gesamte Psychotherapie ordnet sich dann letzten Endes in das Ziel ein, Selbsttäuschungen aufzuheben.

Zwei Dinge sind mit diesem Unterschied der psychotherapeutischen Ideale nicht berührt. Die eindeutige Determination der psychischen Störung und ihr Verhältnis zu Störungen des Nervensystems und des Gehirns. Der Begriff der Selbsttäuschung und die Ansicht, daß es mannigfache Funktionen und Akte gibt, durch die wir die psychischen Vorgänge erfassen, zu Einheiten gliedern, deuten usw. enthält durchaus nicht, daß in diesem Sichtäuschen, im anormalen Stattfinden dieser Funktionen ein Moment von Willkür liege. Vielmehr kann auch nach dieser zweiten Ansicht alles streng determiniert vor sich gehen, wenn auch die Gesetzlichkeit der Funktionen von denen der psychischen Inhalte unterschieden werden muß. Auch eine Selbsttäuschung kann notwendig und eindeutig determiniert sein. Auch hier hüte man sich, Gesetzlichkeit mit mechanischer Gesetzlichkeit (bzw. assoziativer Gesetzlichkeit) gleichzusetzen. Und auch die zweite Ansicht gestattet, in jeder seelischen Störung, die auf einer solchen Funktionsstörung beruth, unter anderem auch ein Zeichen zu sehen für eine Störung in Nervensystem und Gehirn. Es ist nicht der theoretische Gegensatz einer materialistischen und einer spiritualistischen Auffassung der Geistes- und Gemütskrankheiten, um den es sich hier handelt, sondern der Gegensatz einer funktionstheoretischen und einer inhaltstheoretischen Auffassung, ein Gegensatz, der in der Psychologie und Physiologie gleichzeitig herrscht und auf beiden Seiten selbständig ausgetragen werden muß. Das kann hier freilich nicht genauer gezeigt werden. Nur eine Andeutung möge hier stehen. Wer die zweite Auffassung zu Ende denkt, der wird auch brechen müssen mit jener Ansicht über das Verhältnis von Leib und Seele, wonach der  Inhalt  der psychischen Erlebnisse durch Zustände des Nervensystems und Gehirns eindeutig bestimmt wäre (sei es kausal oder in der Vorstellungsweise des sogenannten Parallelismus). Nicht der Inhalt, sondern was wir von ihm wahrnehmen, wie wir es wahrnehmen, kurz das ins Spieltreten der Funktionen, in denen wir unsere seelischen Tatsachen erfassen, hat irgendeine eindeutige Determinationsbeziehung zum Gehirn und Nervensystem. Genauso, wie auch in der äußeren Wahrnehmung nicht der Inhalt "rot", "grün", "sauer" usw., sondern das Empfinden, das Sehen, das Schmecken, die verschiedenen Stufen des Wahrnehmens dieser Inhalte durch Vorgänge auf der Netzhaut und Zunge, in den Seh- und Geschmacksnerven und ihren Endstellen im Gehirn und seinen Teilen eindeutig bestimmt ist.

Der Psychotherapeut im letzteren Sinne wird und kann daher nie eine Kritik am Gehalt des Lebens seines Patienten üben, sei es eine moralische oder sonst irgendeine. Er wird es nicht wie der aufdringliche kynische [hündische - wp] Seelenarzt und Prediger zu verändern suchen oder ihm eine andere Richtung zu geben suchen als diejenige ist, die aus seinem eigenen Born quillt. Sein einziges Ziel ist, daß der Patient den Inhalt seines Lebens sehe und übersehe - so vollständig und klar wie möglich. Was er dann damit tue, ist seine Sache und nicht die des Arztes. Was in seinem Leben an Gehalt, auch an Wertgehalt liegt, das ist durch keine Psychotherapie veränderlich. Nur, was wie viel und wie es aufgenommen, erfaßt wird, ist es.

Das therapeutische Ideal im zweiten Sinne ist um ein Erhebliches bescheidener als jenes des psychischen Chirurgen. Die sokratische Zurückhaltung ist ihm eigen im Unterschied von kynischer Vordringlichkeit in der Lebenslenkung fremder Menschen.


I. Zur Grundlegung der
Lehre von den Selbsttäuschungen


1. Wesen der Täuschung im Unterschied vom Irrtum.

Nimmt man einen fertigen falschen Satz über einen Gegenstand, so kann seine Falschheit eine zwiefache Quelle haben, die schon die Volkssprache scheidet in "Irrtum" und "Täuschung". Die Täuschung hat hierbei immer im unmittelbaren Erkennen, der Irrtum im mittelbaren Erkennen, besonders im Schließen, seine eigentliche Sphäre. Wenn ich aufgrund einer geschehenen Nässe auf dem Weg vor meinem Haus urteile: "es hat geregnet" und ich finde danach, daß es weiter unten auf der Straße nicht naß ist, und endlich, daß hier ein Spritzwagen gefahren ist, so ist das ein Irrtum. In der gesehenen Nässe war mir nicht der Regen irgendwie gegeben; sondern ich zog den Schluß, daß es regnete oder assoziierte die Vorstellung des Regens und brachte sie mit der Nässe in einen logischen Zusammenhang. Es ist etwas ganz anderes, wenn ich im "Nebelkleid die Eiche zum aufgetürmten Riesen" vergrößert finde. Das ist eine Täuschung. Oder wenn ich den Stab, der zur Hälfte im Wasser liegt, gebrochen sehe. Auch das ist eine Täuschung.

In der Täuschung liegt zunächst ein bestimmter Inhalt, eben das, was ich zu sehen, zu spüren, zu fühlen usw. meine. Es ist gleichgültig, ob ich dies oder jenes darüber urteile. Urteile ich, so ergibt sich ein Satz, der falsch ist; aber ich brauch gar kein Urteil zu vollziehen. Aber in der Täuschung liegt abgesehen von diesem Inhalt noch etwas anderes. Die bloße Erscheinung des gebrochenen Stabes ist ja noch keine Täuschung. Die Täuschung besteht vielmehr darin, daß ich diesen Sachverhalt des Gebrochenseins, der mir in der Erscheinung vorliegt, als eine reale Eigenschaft des "wirklichen" Stabes ansehe. Obgleich ich den wirklichen Stab in seiner wirklichen Beschaffenheit nicht in der Anschauung habe - sonst wäre ja die Täuschung unmöglich - habe ich doch schon im ersten Anblick die Seinssphäre "fester Dinge" gegenwärtig. Ich blicke durch die Erscheinung in diese Seinssphäre hinein; und ich verlege den Erscheinungssachverhalt in diese Seinssphäre. Es gibt Leute, die da meinen: wozu diese schwierigen Unterscheidungen? Der gebrochene Stab und der gerade Stab im Wasser sind zwei ganz gleichwertige Erscheinungen und es besteht nur der Unterschied, daß die erste Erscheinung eine solche des Gesichtssinns, die zweite eine solche des Tastsinns ist. Zur Täuschung führe erst die gewohnte Erwartung, daß der Stab auch für den Tastsinn gebrochen sei. Diese wird enttäuscht, wenn ich den Stab berühre und abtaste. Daß wir den Stab für den Tastsinn dann den "realen", "wirklichen" nennen, sei im Grunde unberechtigt und komme daher, daß wir eine instinktive Neigung haben, die Daten des Tastsinns denen des Gesichtssinns vorzuziehen. Wäre dies richtig, so müßte hier ein Schluß stattfinden (oder ein gleichwertiger Vorgang) des Inhalts: auch für mein Angreifen wird der Stab gebrochen sein. Und die hierauf gebaute Erwartung wurde getäuscht. Die Täuschung wäre dann auf einen Irrtum zurückgeführt. Der Unterschied jedoch zwischen Täuschung und Irrtum bleibt diesem Reduktionsversuch zum Trotz bestehen. Diese Auffassung vermag gar nicht verständlich zu machen, wieso wir denn die beiden Erscheinungen auf dasselbe Reale, denselben Stab beziehen. Warum sagen wir nicht: es gibt hier zwei Stäbe, einen für den Gesichtssinn und einen für den Tastsinn? Dann gäbe es auch keine Täuschung. Auch der "Vorzug" des Tastsinndatums erklärt hier nichts. Ein solcher "Vorzug" der einen Erscheinung vor der anderen macht doch jene identische Beziehung auf denselben Stab nicht verständlich. Und außerdem ist es nicht richtig, daß wir generell die Daten des Tastsinns als Zeichen für Reales (denn daß der Sinn des Wortes "real" durch eine Tastempfindung gedeckt sei, wird doch wohl auch diese Theorie nicht zu behaupten wagen) denen Gesichtssinns vorziehen. Wenn mir bei übereinandergelegten Fingern zwei Kugeln gegeben sind, während nur eine da ist und auch für den Gesichtssinn eine, so sage ich doch nicht: es sind wirklich zwei usw. Hier ziehe ich also das Datum des Gesichtssinns vor. Dazu tritt, daß die Täuschung durch die Abtastung des Stabes nicht verschwindet, sondern nur der darauf aufgebaute falsche Satz abgelehnt wird. Nich nur die Erscheinung bleibt, ihr purer Inhalt; sondern noch immer meine ich, den Stab als gebrochen zu sehen. Die Täuschung kann daher nicht darin bestehen, daß jene unerfüllte Erwartung besteht. Denn jetzt besteht sie nicht mehr; und doch ist die Täuschung da.

Man muß zugestehen, daß wir in beiden Erscheinungen unmittelbar dasselbe Reale wahrnehmen und erst hierdurch wird ein Widerspruch zwischen den auf sie aufgebauten Sätzen: der Stab ist gebrochen, ist gerade,  möglich.  Wie aber kann umgekehrt ein solcher Widerspruch als Konstruktionsmittel für das Reale angesehen werden! Es ist eben die Voraussetzung dieser Theorie, daß wir zunächst Gesichtserscheinungen und Tasterscheinungen wahrnehmen und erst aus ihnen den realen Dingkörper konstruieren, so ganz irrig. Wir nehmen die Dinge selbst und als solche wahr - wie unvollständig und einseitig auch immer - und erst durch nachträgliche Reflexionsakte finden wir, welche Teilinhalte des Gegebenen uns im bloßen Sehen und Tasten gegeben sind. Ich sehe auch in der Gesichtserscheinung des "gebrochenen" Stabes von vornherein auf das Stabding hin; eine Erwartung, unter gewissen Bedingungen - bei Ablauf der mit dem Erfassen verbundenen Muskelempfindungen usw. - eine Tastempfindung zu erhalten, ist dazu nicht nötig. Und die Täuschung besteht nun darin, daß ich den in der Gesichtserscheinung gegebenen Sachverhalt des Gebrochenseins ohne weiteres als reale Eigenschaft des Stabdinges erfasse. Das heißt ich verlege diesen Sachverhalt, der ja als Sehinhalt unanfechtbar ist und einer Erklärung - in diesem Falle einer physikalischen Erklärung - bedarf, in eine Seinsschicht, in die er nicht gehört, in die Schicht des dinglichrealen Daseins.

Zu einer Täuschung gehören also immer eine Mehrheit von Sachverhalten und eine Mehrheit von Seinsschichten. Die Täuschung besteht dann immer darin, daß ich den Sachverhalt  b  der tieferen Seinsschicht  B  - hier z. B. der realen Dinge - nicht erfasse, wohl aber noch die Seinsschicht  B,  in der er sich befindet; und daß ich einen anderen Sachverhalt  a  unmittelbar anschaulich erfasse, ihn aber nich  in der  Seinsschicht  A,  in der er sich befindet, und die ich gleichfalls erfasse - hier des Sehdings - wahrnehme, sondern in der Seinsschicht  B  in der realen Dingssphäre. Die Täuschung besteht also ganz unabhängig von der Urteilssphäre, der Sphäre des Glaubens, Behauptens, Setzens in der prälogischen Sphäre der Sachverhalte. Sie besteht in einem unangemessenen Verhältnis mindestens zweier Sachverhalte zu den ihnen zugehörigen Seinsschichten.

Ganz anders der Irrtum. Der Irrtum besteht in einem Verhältnis des im Urteil gemeinten Sachverhalts zu dem in der Anschauung bestehenden Sachverhalt. Er besteht in einem Widerstreit dessen, was ich mit einem Urteil meine oder besser, was in den in es eingehenden Bedeutungen und Bedeutungszusammenhängen gemeint wird und dem in der Anschauung gegebenen, bestehenden Sachverhalt. Auch hier haben wir zwei Sachverhalte: den gemeinten und den bestehenden, den bloß gedachten und den anschaulich gegebenen. Aber von Seinsschichten ist hier keine Rede und während die Täuschung ganz in der Sphäre des Anschaulichen verbleibt, liegt der Irrtum in einem Verhältnis von Gedachtem und Anschaulichem. Die falschen Sätze, die ein Halluzinant z. B. über die Wirklichkeit um sich aussagt, sind keine Irrtümer - oder brauchen es nicht zu sein. Er kann ein halluziniertes Objekt etwa einen Bären nach Farbe, Form, Größe, Stellung usw. so beschreiben, daß die im Urteil gemeinten Sachverhalte den ihm anschaulich gegebenen vollständig angemessen sind. Er irrt hierbei durchaus nicht. Er kann diesen und jenen Zug des halluzinierten Objekts sukzessiv aufmerksam erfassen und ihn unter Bedeutungen subsumieren; er kann richtige Schlüsse ziehen aus dem Tatbestand, den er vor sich sieht. Er kann natürlich außerdem noch irren, wenn er Sachverhalte behauptet, die ihm in der Anschauung nicht gegeben sind oder solche, die ihm anders gegeben sind.

Noch ein Unterschied fällt klar heraus. Das pure Phänomen, das in einer Täuschung gegeben ist, ist immer eine Tatsache und als solche unbestreitbar, unangreifbar. In ihm und seinem Inhalt besteht natürlich die Täuschung nicht. Die Täuschung besteht allein darin, daß ich diesen tatsächlichen Inhalt einer anderen Seinsschicht zuweise als diejenige ist, auf der er liegt. Darin besteht der formale Charakter der Täuschung. Im Irrtum kann ich einen Sachverhalt behaupten, der in keinem Sinne existiert und besteht. Dies ist bei der Täuschung ausgeschlossen, in der das Gemeinte immer irgendwie besteht. Die Täuschung trifft nur das "Wie" des Bestehens, nicht das Bestehen selbst. Im Irrtum kann ich auch einen Inhalt setzen, der allen Inhalten der anschaulichen Sachverhaltssphäre widerstreitet. Auch das ist bei der Täuschung ausgeschlossen. Denn was den "Inhalt" der Täuschung ausmacht, ist immer ein tatsächlich anschaulicher Inhalt. Über diesen gibt es keine Täuschung. Die Täuschung erfolgt in ihm, in einem Sehen desselben in einer Seinsschicht, in die er nicht hineingehört. Darum kann  jede  Täuschung aufgehoben werden (prinzipiell) dadurch, daß man einen Inhalt, ohne daß er selbst verschwände oder modifiziert werde, in der ihm zukommenden Seinsschicht sehen lernt. Es ist keine Täuschung, wenn ich den Sachverhalt des gebrochenen Stabes dem Sehding zuweise. Es ist auch keine Täuschung mehr, wenn ich einen Haß, dessen ursprüngliches Objekt verdrängt ist und der hierdurch zu einer Gehässigkeit im Verhalten geworden ist, das auf alle möglichen Objekte geht, wieder auf sein ursprüngliches Objekt zurückleite. Nur daß ich das wirkliche Stabding als gebrochen sehe, macht die Täuschung aus.

Noch ein phänomenologischer Unterschied von Irrtum und Täuschung sei hervorgehoben. In der Täuschung geht das, was zum falschen Satz führt, nicht von "mir" aus; nicht ich fühle mich tätig in der Täuschung, sondern "es gibt sich eine Erscheinung für etwas aus", was sie nicht ist. Im Irrtum bin ich es, der deutet, interpretiert usw. Und der Irrtum ist das Ergebnis dieses Deutens, Interpretierens. So gelange ich zum falschen Satz durch eine mir bewußte Tätigkeit. Bei der Täuschung dagegen beansprucht eine Erscheinung für etwas zu gelten, was sie nicht ist. Es ist wie ein "Lügen", das seinen Ausgangspunkt gar nicht in mir, sondern im Objekt hat. Mag dieser Tatbestand auch durch Heranziehung unwillkürlicher und unbewußter Tätigkeiten meiner selbst erklärbar sein - analog wie das "Angezogenwerden" und "Abgestoßenwerden" durch Erscheinungen im Willensleben durch gewisse nicht willkürliche Intentionen des Bewegens der Glieder - die Erscheinung selbst ist unumstößlich. Die Täuschung ist daher weit weniger individuell als der Irrtum, weit weniger subjektiv als er. Ihr Mechanismus geht unabhängig von jenem Ich seinen Gang, das sich bewußt tätig, überlegend, urteilend verhält und seine Aufmerksamkeit willkürlich zu verteilen weiß.
LITERATUR: Max Scheler, Über Selbsttäuschungen, Zeitschrift für Pathopsychologie, Leipzig 1912