ra-2 Nicolai HartmannDie Zukunft des KapitalismusWerttheorie und Ethik    
 
MAX SCHELER
Der Formalismus in der Ethik
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"Zwecke sind selbst nur dann berechtigte Zwecke, wenn das Wollen, das sie setzt oder gesetzt hat, gutes Wollen war. Das gilt für alle Zwecke, da es für das Wesen des Zweckes gilt, ganz unabhängig davon, welches Subjekt die Zwecksetzung vollzog; es gilt auch für etwaige  göttliche  Zwecke. Nur an der sittlichen Güte vermögen wir die Zwecke Gottes von denen des Teufels zu unterscheiden. Die Ethik muß es zurückweisen, wenn man von  guten Zwecken  und  schlechten Zwecken  redet. Denn niemals sind Zwecke als solche, abgesehen von den Werten, die in ihrer Setzung realisiert werden sollen, und abgesehen vom Wert des sie setzenden Aktes, gut oder schlecht. Nicht erst die besondere Art der Verwirklichung eines Zwecks, sondern schon die Setzung eines Zwecks ist entweder gut oder schlecht. Und eben darum kann gutes und schlechtes Verhalten niemals nach dem Verhältnis zu einem Zweck, ob es ihn fördere oder hindere, bemessen werden."

1. Teil
Einleitende Bemerkung

In einer demnächst erscheinenden größeren Arbeit will ich versuchen eine materiale Wertethik auf der breitesten Basis phänomenologischer Erfahrung zu entwickeln. gegen ein solches Unternehmen erhebt die noch in der Gegenwart weithin in Geltung stehende Ethik KANTs Einspruch. Da ich in jener Arbeit die Ansichten anderer Philosophen keiner Kritik unterwerfen will, sondern nur so weit ihre Lehren heranziehen möchte, als sie geeignet sind, die eigenen positiven Sätze zu erleuchten, so möchte ich an dieser Stelle durch eine Kritik des Formalismus in der Ethik überhaupt und insbesondere der von KANT für ihn angeführten Argumente mir gleichsam für jene positive Arbeit freie Bahn schaffen. In letzter Linie gilt in der Philosophie das Wort SPINOZAs: die Wahrheit ist das Kennzeichen ihrer selbst und des Falschen. Darum werde ich schon in dieser Arbeit jene Kritik nur in der Form leisten können, daß ich die Irrigkeit der Kantischen Voraussetzungen dadurch aufweise, daß ich an ihre Stelle die richtigen zu setzen suche.

Es würde nach meiner Meinung einen großen Irrtum darstellen, wollte man annehmen, es habe irgendeine der nachkantischen Richtungen materialer Ethik die Kantische Lehre widerlegt. Ich bin so wenig dieser Meinung, daß ich vielmehr glaube, daß alle diese neuen Richtungen, die einen materialen Grundwert, wie "Leben", "Wohlfahrt" usw. zum Ausgangspunkt der ethischen Argumentation machten, nur Beispiele für eine Voraussetzung abgeben, deren endgültige Zurückweisung gerade das höchste Verdienst, ja streng genommen das einzige Verdienst der praktischen Philosophie KANTs ausmacht. Denn alle jene Formen materialer Ethik sind mit geringen Ausnahmen gleichzeitig Formen der  Güter-  und  Zweckethik,  aber alle Ethik, die von der Frage: was ist das höchste Gut? oder: was ist der Endzweck aller Willensbestrebungen? ausgeht, halte ich durch KANT ein für allemal als widerlegt. Alle nachkantische Ethik, so viel sie in der Erleuchtung besonderer konkreter sittlicher Werte und in der Analyse konkreter sittlicher Lebensbeziehungen auch geleistet haben mag, vermag in ihren prinzipiellen Teilen nur den Hintergrund abzugeben, auf dem sich die Größe, die Festigkeit und die Geschlossenheit von KANTs Werk nur umso leuchtender und plastischer abhebt.

Andererseits aber bin ich der Überzeugung, daß dieser Koloß aus Stahl und Bronze die Philosophie absperrt auf ihrem Weg zu einer konkreten einsichtigen und gleichwohl von aller positiven psychologischen und geschichtlichen Erfahrung unabhängigen Lehre von den sittlichen Werten, ihrer Rangordnung und den auf dieser Rangordnung beruhenden Normen; und damit zugleich von jedem auf wahrer Einsicht beruhenden Einbau der sittlichen Werte in das Leben des Menschen. Alle Sicht auf die Fülle der sittlichen Welt und ihrer Qualitäten, alle Überzeugung, über sie selbst und ihre Verhältnisse etwas  Bindendes  ausmachen zu können, ist uns geraubt, solange jene furchtbar erhabene Formel in ihrer Leere für das einzige strenge und einsichtige Ergebnis aller philosophischen Ethik gilt.

Alle sogenannte "immanente" Kritik, die nur auf die Folgerichtigkeit der Kantischen Aufstellungen Bedacht nähme, hätte zu diesem Zweck keinerlei Wert. Vielmehr soll es sich hier darum handeln, alle jene Voraussetzungen KANTs aufzudecken, die nur zum Teil von ihm selbst formuliert, zum größten Teil aber von ihm verschwiegen worden sind - wohl darum, weil er sie für zu selbstverständlich gehalten hat, um ihrer auch nur ausdrücklich zu gedenken. Voraussetzungen solcher Art sind meist solche, die er mit der gesamten Philosophie der neueren Zeit teilt oder solche, die er unbesehen und ungeprüft von den englischen Empiristen und Assoziationspsychologen übernommen hat. Wir werden im Laufe der Abhandlung auf beide Arten stoßen. Die bisherige Kantkritik scheint uns auf sie viel zu wenig Bedacht genommen zu haben. Aber auch darum weise ich hier die Aufgabe einer "immanenten Kritik" zurück, weil es hier nicht darauf ankommen soll, den "historischen KANT" mit allen seinen zufälligen Schnörkeln einer Kritik zu unterziehen, sondern die Idee einer  formalen Ethik  überhaupt, für die uns die Ethik KANTs nur die - allerdings größte und eindringlichste - Repräsentation und die bei weitem strengste Form, die sie gefunden hat, darstellt.

Ich mache hier jene Voraussetzungen namhaft, die es in gesonderten Abschnitten eingehend zu prüfen gilt und die ausgesprochen oder nicht der Kantischen Lehre zugrunde liegen. Sie Lassen sich auf folgende Sätze zurückführen.
    1. Alle materiale Ethik muß notwendig Güter- und Zweckethik sein.

    2. Alle materiale Ethik ist notwendig von nur empirisch induktiver und aposteriorischer Geltung; nur eine formale Ethik ist a priori und unabhängig von induktiver Erfahrung gewiß.

    3. Alle materiale Ethik ist notwendig Erfolgsethik und nur eine formale Ethik kann als ursprünglicher Träger der Werte  gut  und  böse  die Gesinnung oder das gesinnungsvolle Wollen ansprechen.

    4. Alle materiale Ethik ist notwendig Hedonismus und geht auf das Dasein sinnlicher Lustzustände an den Gegenständen zurück. Nur eine formale Ethik vermag bei der Aufweisung der sittlichen Werte und der Begründung der auf ihnen beruhenden sittlichen Normen den Hinblick auf sinnliche Lustzustände zu vermeiden.

    5. Alle materiale Ethik ist notwendig heteronom, nur die formale Ethik vermag die Autonomie der Person zu begründen und festzustellen.

    6. Alle materiale Ethik führt zu bloßer Legalität des Handelns und nur die formale Ethik vermag die Moralität des Wollens zu begründen.

    7. Alle materiale Ethik stellt die Person in den Dienst ihrer eigenen Zustände oder ihr fremder Güterdinge; nur die formale Ethik vermag die Würde der Person aufzuweisen und zu begründen.

    8. Alle materiale Ethik muß in letzter Linie den Grund aller ethischen Wertschätzungen in den triebhaften Egoismus der menschlichen Naturorganisation verlegen und nur die formale Ethik vermag ein von allem Egoismus und aller besonderen menschlichen Naturorganisation unabhängiges, für alle Vernunftwesen überhaupt gültiges Sittengesetz zu begründen.

I. Materiale Wertethik und
Güter-, bzw. Zweckethik

Ehe ich auf die irrige Gleichsetzung KANTs von Gütern und Werten, bzw. auf seine Meinung, es seien die Werte als von Gütern abstrahiert anzusehen, komme, sei hervorgehoben, daß KANT mit vollem Recht jede Güter- und Zweckethik als von vornherein verfehlt zurückweist. Dies sei für die Güter und die Zweckethik zunächst besonders gezeigt.

Güter sind ihrem Wesen nach Wert dinge.  Wo immer wir, sagt KANT, die Güte oder die sittliche Schlechtigkeit einer Perspn, eines Willensaktes, einer Handlung usw. von deren Verhältnis zu einer als wirklich gesetzten Welt bestehenden Güter (bzw. Übel) abhängig machen, ist auch die Güte oder Schlechtigkeit des Willens vom besonderen zufälligen Dasein dieser Güterwelt mit abhängig gemacht; und gleichzeitig von ihrer erfahrungsmäßigen Erkenntnis. Wie immer auch diese Güter heißen mögen, z. B. Wohlfahrt einer vorhandenen Gemeinschaft, Staat, Kirche, Kultur und Zivilisationsbesitz einer bestimmten Stufe nationaler oder menschlicher Entwicklung, immer würde der sittliche Wert des Willens davon abhängig sein, daß er diese Güterwelt, sie es "erhalte", sei es "fördere", sei es in die vorhandene "Entwicklungstendenz" dieser Güterwelt fördernd oder hindernd, beschleunigend oder verzögernd eingreife. Mit der Veränderung dieser Güterwelt würde sich Sinn und Bedeutung von gut und böse ändern; und da diese Güterwelt in fortwährender Veränderung und Bewegung in der Geschichte begriffen ist, so müßte an ihrem Schicksal auch der sittliche Wert menschlichen Wollens und Seins teilnehmen. Eine Vernichtung dieser Güterwelt würde die Idee des sittlichen Wertes selbst aufheben. Alle Ethik wäre damit auf die historische Erfahrung, in der uns diese wechselnde Güterwelt kund wird, aufgebaut. Sie könnte selbstverständlich darum immer nur empirisch induktive Geltung haben. Der Relativismus der Ethik wäre damit ohne weiteres gegeben. Jedes Gut ist weiterhin eingeschlossen in den natürlichen Kausalnexus der wirklichen Dinge. Jede Güterwelt kann durch Kräfte der Natur oder der Geschichte partiell zerstört werden. Wäre unser Wille abhängig hinsichtlich seines sittlichen Wertes von ihr, so müßte damit auch dieser mit betroffen werden. Auch er wäre damit von den Zufällen abhängig, die im wirklichen Kausalverlauf der Dinge und der Ereignisse liegen. Dies aber ist, wie KANT mit Recht sah, evident  unsinnig. 

Völlig ausgeschlossen aber wäre jede Art von  Kritik  der jeweilig bestehenden Güterwelt. Wir häten uns vor jedem beliebigen Teil dieser Güterwelt ohne weiteres zu verbeugen und uns der jeweiligen "Entwicklungstendenz", die in ihr gelegen sein mag, hinzugeben. Es ist demgegenüber aber zweifellos, daß wir fortgesetzt nicht nur an dieser Güterwelt Kritik üben, z. B. zwischen echter und unechter Kunst, zwischen echter Kultur und Talmi [Falschgold - wp]-Kultur, zwischen dem Staat, wie er ist und wie er sein soll usw. unterscheiden, sondern auch daß wir Personen und Menschen die höchste sittliche Schätzung zollen, die unter Umständen eine solche vorhandene Güterwelt zerschlugen und an ihre Stelle Ideale des Neuaufbaus setzten, die im äußersten Gegensatz zur vorhandenen Güterwelt ihrer Epoche standen. Und das gilt selbstverständlich auch für die "Entwicklungstendenz" oder die "Entwicklungsrichtung" einer solchen Güterwelt. Eine Entwicklungsrichtung kann  selbst  noch  gut  oder  schlecht  sein; auch die Fortbildung der religiösen Gesinnung und Ethik der Propheten zur rabbinischen Gesetzesmoral und zu einer Menge ausgerechneter Kultgeschäfte mit Gott war eine "Entwicklung". Aber es war eine "Entwicklung" in der Richtung des  Schlechten  und gut was dasjenige Wollen, das sich jener Entwicklung entgegenstemmte und schließlich jene Entwicklung unterbrach. Jeder Versuch daher, zuerst eine Entwicklungsrichtung der "Welt" oder des vorhandenen "Lebens" oder der menschlichen "Kultur" usw. festzustellen (gleichgültig, ob diese Entwicklung einen fortschrittlichen, auf Wertvermehrung abzielenden oder einen rückschrittlichen, auf Wertverminderung abzielenden Charakter trägt), um nachher den sittlichen Wert der Willensakte am Verhältnis zu bemessen, die sie für den Gang jener "Entwicklung" haben, trägt gleichfalls alle Züge der von KANT mit Recht zurückgewiesenen Güterethik an sich.

Eben dasselbe gilt nun aber auch für jede Ethik, die einen  Zweck,  sei es einen Zweck der Welt oder der Menschheit oder einen Zweck menschlichen Strebens oder einen sogenannten "Endzweck" feststellen will, um den sittlichen Wert des Wollens am Verhältnis zu diesem Zweck zu bemessen. Jede Ethik, die so verfährt, würdigt die Werte gut und böse notwendig zu bloßen  technischen  Werten für diesen Zweck herab. Zwecke sind selbst nur dann berechtigte Zwecke, wenn das Wollen, das sie setzt oder gesetzt hat, gutes Wollen war. Das gilt für alle Zwecke, da es für das Wesen des Zweckes gilt, ganz unabhängig davon, welches Subjekt die Zwecksetzung vollzog; es gilt auch für etwaige "göttliche" Zwecke. Nur an der sittlichen Güte vermögen wir die Zwecke Gottes von denen des Teufels zu unterscheiden. Die Ethik muß es zurückweisen, wenn man von "guten Zwecken" und "schlechten Zwecken" redet. Denn niemals sind Zwecke als solche, abgesehen von den Werten, die in ihrer Setzung realisiert werden sollen, und abgesehen vom Wert des sie setzenden Aktes, gut oder schlecht. Nicht erst die besondere Art der Verwirklichung eines Zwecks, sondern schon die Setzung eines Zwecks ist entweder gut oder schlecht. Und eben darum kann gutes und schlechtes Verhalten niemals nach dem Verhältnis zu einem Zweck, ob es ihn fördere oder hindere, bemessen werden. Die gute Person setzt sich auch gute Zwecke. Niemals aber vermögen wir, ohne Kenntnis der Art und der Phasen, in denen es zu irgendeiner Zwecksetzung kam, an den bloßen Zweckinhalten  gemeinsame Merkmale entdecken, die den einen Teil der Zwecke gut, den anderen schlecht machten. Gut und schlecht sind daher sicher keine Begriffe, die von empirischen Zweckinhalten irgendwie abgezogen wären. Jeder Zweck kann, soweit wir nur ihn selbst kennen, und nicht die Art, wie er gesetzt war, weder gut noch schlecht sein.

Wir unterlassen es, des weiteren auf die Bedeutung und den noch präziseren Sinn dieser großen Einsicht KANTs einzugehen, zumal wir nicht fürchten, in diesen Sätzen irgendeinen Widerspruch von den Kreisen zu erfahren, an die allein wir uns hier wenden.

Von äußerster Wichtigkeit aber ist uns die Folgerung, die KANT aus dieser Einsicht zieht. Er vermeint nämlich, weit  mehr  dargetan zu haben, als er dargetan hat; nicht nur  Güter  und  Zwecke,  sondern auch alle  Werte  materialer Natur seien von einer nach richtiger Methode vorgehenden Ethik als Voraussetzungen der Begriffe "gut" und "böse" und ihrer Konstituierung zurückzuweisen. "Alle praktischen Prinzipien, die ein Objekt (Materie) des Begehrungsvermögens als Bestimmungsgrund des Willens voraussetzen, sind insgesamt empirisch und können keine praktischen Gesetze abgeben. Ich verstehe unter Materie des Begehrungsvermögens einen Gegenstand, dessen Wirklichkeit begehrt wird."

Indem KANT von den wirklichen Güterdingen bei der Begründung der Ethik abzusehen versucht und das mit Recht, meint er ohne weiteres auch von den  Werten  absehen zu dürfen, die sich in den Gütern darstellen. Das aber wäre nur dann richtig, wenn die Wertbegriffe, anstatt in  selbständigen  Phänomenen ihre Erfüllung zu finden, von den  Gütern  abstrahiert wären; oder aber, wenn sie erst aus den tatsächlichen Wirkungen der Güterdinge auf unsere Zustände von Lust und Unlust ablesbar wären. Daß dies der Fall sei, ist eine jener  verschwiegenen  Voraussetzungen, die KANT macht. Auch die weitere Folgerung, es könne sich bei sittlich "recht" und "unrecht", "gut" und "böse" nur um die formalen Verhältnisse, die zwischen den Zwecken bestehen (Einheit und Harmonie im Gegensatz zu Widerspruch und Disharmonie), handeln, setzt voraus, daß es  vor  und unabhängig vom empirischen Zweck, den sich ein Wesen setzt, eine Phase der Willensbildung gar nicht gäbe, in der bereits die  Wertrichtung  des betreffenden Wollens noch ohne eine bestimmte Zweckidee gegeben wäre. In diesen Folgerungen nun, sagen wir, irrt KANT. Und erst aus  diesem  Irrtum, nicht aber aus der auch für uns gültigen Zurückweisung aller  Güter-  und Zweckethik ergibt sich der erste der vorhin angeführten Sätze: es müsse alle materiale Ethik notwendig Güter- und Zweckethik sein. Das ist nun genauer zu erweisen.
LITERATUR: Max Scheler, Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik, Neuer Versuch der Grundlegung eines ethischen Personalismus - [mit besonderer Berücksichtigung der Ethik Immanuel Kants], Sonderdruck aus: "Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung", Bd. I und II, herausgegeben von EDMUND HUSSERL, Freiburg i. Br., Halle a. d. Saale, 1916