ra-2 G. MyrdalFranz BleiLujo Brentano    
 
GUNNAR MYRDAL
Das politische Element in der
nationalökonomischen Doktrinbildung

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"Heute scheint sich in Deutschland eine Umorientierung anzubahnen. Das Interesse an theoretischen Fragen ist wieder erwacht. In Ermangelung fast jeder eigenen Tradition in Theorie sucht man zum Teil über die Österreicher Anlehnung an das altetablierte Doktringebäude der angelsächsischen Neuklassiker, das durch seine filigrane Durcharbeitung und nicht zuletzt durch die politische Stellung der Angelsachsen in der Welt und die Stellung seiner namhaftesten Vertreter in der internationalen Politik und Wirtschaft unerschütterlich gefestigt erscheint, jedenfalls ganz andere Autorität genießt und wohl auch verdient als irgendeines der ja auch in Deutschland vorfindlichen  Systeme."

Vorwort

In diesem Buch soll die Rolle, die die politische Spekulation in der Nationalökonomie gespielt hat, in großen Zügen historisch und kritisch dargestellt werden.

Es muß jedoch sogleich eine Einschränkung gemacht werden. Das Buch behandelt nur diejenige politische Doktrinbildung, die im Rahmen der eigentlichen Theorie stattgefunden hat, also innerhalb der wissenschaftlichen Entwicklungslinie, die von den Physiokraten herkommend über die klassische Schule schließlich in den neuklassischen Marginalismus der verschiedenen Prägungen ausgemündet ist. Der "wissenschaftliche Sozialismus" und die von ihm befruchtete Doktrinbildung innerhalb der deutschen historischen Schule sind nur im Vorbeigehen berührt, um gelegentlich Zusammenhang und Hintergrund zu gewinnen. Dank dieser Beschränkung ist die zur Darstellung kommende Gedankenwelt einigermaßen homogen.

Trotz der Begrenzung bleibt aber die Aufgabe noch zu weit gesteckt und wir haben allenthalben noch weiter einschränken und beschneiden müssen. Eine Menge Generalisationen und Konstruktionen mußten weniger gut verifiziert bleiben, als möglich gewesen wäre. Die positiven, zur Behandlung kommenden Doktrinen sind nur als typische Exempel anzusehen, das Bemühen ist gleichwohl dahin gegangen, die allgemeinen, wesentlichen und gemeinsamen Grundgedanken herauszustellen.

Gänzlich außerhalb des Rahmens dieser Arbeit liegen alle Prioritätsdebatten. Wir haben es nicht für unsere Aufgabe angesehen, aufzuspüren, in welcher obskuren Publikation irgendein Idee zuerst aufgetaucht ist. Auch die wechselseitigen Einwirkungen der verschiedenen Autoren untereinander zu verfolgen, haben wir kein Interesse gehabt. Unser Ziel ist nur gewesen, die durchgehende, wenn auch mit der Zeit sich allmählich verschiebende doktrinäre  Basis  für die politische Spekulation in der ökonomischen Theorie logisch zu rekonstruieren und kritisch zu analysieren. Die Beziehungen zur allgemeinen Gesellschaftsphilosophie und Wissenschaftstheorie bekommen dabei primäre Bedeutung. - Wo es galt, Repräsentanten für die behandelten Anschauungen auszuwählen, mußte das Bemühen des Verfassers ständig dahin gehen, die Theoretiker herauszugreifen, die sich durch einen besonders klaren Ausdruck des zu charakterisierenden Gedankens auszeichnen. Unter diesem Gesichtspunkt wird die Wahl meistens, wenn auch nicht immer, auf die Autoren fallen, die den größten Einfluß auf die Entwicklung der ökonomischen Theorie ausgeübt haben.

Die Arbeit ist, wie gesagt, doktrinhistorisch angelegt. In der Tat kann man die neuere wirtschaftspolitische Spekulation nicht anders als in doktrinhistorischer Beleuchtung begreifen und logisch präzisieren. Die Mehrzahl auch der allermodernsten wirtschaftspolitischen Doktrinen sind anzusehen als mehr oder weniger modifizierte Reminiszenzen altbekannter politischer Theorien, stammend aus der Zeit, da man die Nationalökonomie noch ganz offen normativ orientierte. Gewiß sind heute in weitem Ausmaß ganz andere Gesellschaftsprobleme aktuell und die soziale Entwicklung hat mehr oder weniger große Modifikationen notwendig gemacht, damit die politischen Doktrinen überhaupt ernst genommen werden können. Man trifft sie auch heute nicht mehr isoliert, sondern hier und da eingestreut als formell weniger wesentliche Bestandteile neben einem mit den speziellen aktuellen Problemen wechselnden empirischen Stoff und neben rein wissenschaftlichen Analysen dieses Stoffes. Da nun das statistische Erkenntnismaterial gewachsen, die ökonomische Analyse verfeinert und die wirtschaftlichen Beziehungen immer verwickelter geworden sind, so sind die Probleme selbst und damit auch die politischen Doktrinelemente, die sich in die Problemlösungen eingeschmuggelt haben, in ungeheurem Grad differenziert worden. Aber trotzdem können die wirtschaftspolitischen Doktrinen, wenn sie durch logische Analyse isoliert und fixiert sind, mehrere Generationen zurückverfolgt werden. Selbst die Formulierungen sind oft im wesentlichen die alten.

Betrachtet man die politische Spekulation in der Nationalökonomie unter diesem Gesichtspunkt, so zeigt es sich, daß sie sich um drei zentrale Vorstellungen kristallisiert: die Wertidee, die Freiheitsidee und die Idee einer gesellschaftlichen Wirtschafts- oder Haushaltsführung. Diese drei Vorstellungen vereinigen sich in verschiedenen Mischungsverhältnissen und geben den ökonomischen Doktrinen ihren politischen Einschlag. Es liegt in der Natur der Sache, daß sie streng genommen nicht voneinander getrennt werden können. Gleichwohl können wir sagen, daß unsere Darstellung im folgenden das Interesse der Reihe nach jeweils auf eine dieser drei Vorstellungen konzentriert.

Im ersten Kapitel orientieren wir uns über die Beschaffenheit des Problems, im zweiten Kapitel zeichnen wir seinen geistesgeschichtlichen Hintergrund. Die beiden folgenden Kapitel beschäftigen sich mit der Wertidee, in Gestalt der klassischen und neuklassischen Wertlehre, die von methodischem Gesichtspunkt am wichtigsten und entscheidensten ist. Das Kapitel über den wirtschaftlichen Liberalismus behandelt vor allem die Freiheitsidee und ihre Entwicklung. Die Idee der gesellschaftlichen Wirtschaftsführung kommt ganz allgemein im 6. Kapitel zur Behandlung und mit Bezugnahme auf ein spezielles Problem im 7. Kapitel, das die Finanzlehre behandelt. Im letzten Kapitel wird dann ganz kurz die Frage diskutiert, wie die Nationalökonomie "praktisch" sein kann, ohne in rationelle Politik auszumünden.

Wenn im folgenden gewisse gesellschaftsphilosophische Spekulationen einer logischen Kritik unterzogen werden, so nur in ihrer Eigenschaft als wissenschaftliche Prämissen für ökonomische Theorie, nicht dagegen als Ausdruck für eine persönliche politische Anschauung. Selbst wenn es sich erweisen sollte, daß ihnen nicht nur wissenschaftliche Objektivität, sondern auch innerer logischer Zusammenhang mangelt, so ist das ein Fehler nur vom wissenschaftlichen Standpunkt aus. Es ist sicher eine Jllusion, zu glauben, die politische Einstellung eines Individuums oder einer Gesellschaftsgruppe müsse sich in Form untereinander widerspruchsfreier Urteile formulieren und irgendeinem höchsten, wenn auch nicht objektiven Prinzip unterordnen lassen. Wir werden uns mit dieser Auffassung am Schluß des Buches noch beschäftigen. Sie gründet sich jedenfalls auf eine falsche Analogie von der intellektuellen Sphäre des Seelenlebens zur emotionellen, eine falsche Analogie, die zudem im engen Zusammenhang steht mit der stark intellektualistischen Auffassung vom Menschen in unserer abendländischen Kulturwelt. Also die Kritik gilt immer nur den Gesellschaftsvorstellungen als Gliedern eines wissenschaftlichen Gedankengangs und nicht als Ausdruck einer persönlichen politischen Einstellung.

Mit Ausnahme vielleicht des Kapitels über die Finanzlehre wird man finden, daß sich die Arbeit im allgemeinen recht wenig in einem speziell deutschen Gedankenmilieu bewegt, es ist vielmehr die angelsächsische, vorwiegend die englische Gedankenwelt, mit der wir uns auseinanderzusetzen haben; die österreichische Grenznutzenschule gehört in jüngster Zeit der Sache nach fast dazu. Nun heißt das nicht etwa, daß die eigentlich deutsche Nationalökonomie von den hier zu kritisierenden Ideen sich freigehalten hat. Auch die deutsche historische Schule ist ja in eine Objektivierung hat man sich nur wegen eines allgemeinen Desinteressements an Theorie ferngehalten, nicht weil es dem deutschen Denken überhaupt fern gelegen hätte.

Heute nun scheint sich in Deutschland eine Umorientierung anzubahnen. Das Interesse an theoretischen Fragen ist wieder erwacht. In Ermangelung fast jeder eigenen Tradition in Theorie sucht man zum Teil über die Österreicher Anlehnung an das altetablierte Doktringebäude der angelsächsischen Neuklassiker, das durch seine filigrane Durcharbeitung und nicht zuletzt durch die politische Stellung der Angelsachsen in der Welt und die Stellung seiner namhaftesten Vertreter in der internationalen Politik und Wirtschaft unerschütterlich gefestigt erscheint, jedenfalls ganz andere Autorität genießt und wohl auch verdient als irgendeines der ja auch in Deutschland vorfindlichen "Systeme".

Eine solche Entwicklung der Nationalökonomie in Deutschland müßte aber dennoch bedauert werden. Wenn irgendetwas zu wünschen wäre, dann gerade, daß die deutsche Wissenschaft mit ihrem neu erwachenden Interesse an der Theorie und der nur zu begrüßenden Abkehr vom historischen Epigonentum nicht die Entwicklung noch einmal durchläuft, die die angelsächsische durchlaufen hat und mit der sie - wenigstens was die eigentliche Theorie angeht - in der heutigen Sackgasse angelangt ist. Die deutsche Nationalökonomie hat genug Möglichkeiten, an die großen philosophischen und historisch-soziologischen Traditionen der deutschen Geistesgeschichte anzuknüpfen und diese auch für die internationale Entwicklung unserer Wissenschaft fruchtbar zu machen. Daß sich die deutsche Nationalökonomie beim bevorstehenden Neubau der ökonomischen Theorie eine gesundkritische Einstellung bewahren und sich nicht an einem doktrinären Nachbeten der Angelsachsen genügen lassen möge, dazu möchte die deutsche Auflage dieses Buches an ihrem bescheidenen Teil beitragen. Die Zeit der mastodontischen [mammuthaften - wp] "Systeme", der Schulenbildungen und Prinzipienschlachten, die mit Hilfe autoritätsgläubiger Schülerscharen ausgefochten wurden, ist hoffentlich endgültig dahin. Die Nationalökonomie dieses Typs, die es in Deutschland heute noch gibt, wirkt für jeden, der die Tendenzen der internationalen Entwicklung überschaut, wie ein Atavismus [Rückfall - wp] aus einem überwundenen Wissenschaftsmilieu. Wenn sich ein Wandel anbahnt, so hat dazu zweifellos der Kontakt mit den klassischen Traditionen des Auslands beigetragen, deren gesündeste Eigenschaft doch immer eine gewisse Portion "common sense" gewesen ist. Aber der "common sense" der klassischen Ökonomie enthält Metaphysik wertphilosophischer Natur. Es steht zu befürchten, daß sich diese Metaphysik bei der Übernahme der klassischen Tradition mit einschleicht. Erste Aufgabe der Wissenschaft ist aber gerade eine Kritik der in der common-sense-Einstellung enthaltenen populären Metaphysik.
LITERATUR - Gunnar Myrdal, Das politische Element in der nationalökonomischen Doktrinbildung, Berlin 1932