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JOHN STUART MILL
System der
deduktiven und induktiven Logik

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"Von der Wissenschaft, welche die Operationen des menschlichen Verstandes bei der Erforschung der Wahrheit erklärt, ist demnach die Frage ein wesentlicher Teil: welche Tatsachen sind Gegenstand der Anschauung und des Bewußtseins und welche sind ein Ergebnis des bloßen Folgerns? Diese Frage wurde indessen niemals als ein Teil der Logik betrachtet. Sie findet ihren Platz in einem wohl unterschiedenen Teil der Wissenschaft, dem vielmehr der Name Metaphysik zukommt, in jenem Teil der spekulativen Philosophie, welcher zu bestimmen sucht, welcher Teil des Geistesgerätes ursprünglich zum Geist gehört und welcher Teil aus Material besteht, das von außen beigebracht wurde."

Vorrede zur ersten Auflage

Das vorliegende Buch macht keinen Anspruch darauf, der Welt eine neue Theorie der Geistesoperationen zu geben. Wenn es überhaupt die Aufmerksamkeit beansprucht, so gründet sich dieser Anspruch auf die Tatsache, daß es ein Versuch ist, die besten Ideen, welche von philosophischen Schriftstellern veröffentlicht wurden oder zu denen sich strengere Denker bei ihren wissenschaftlichen Untersuchungen bekannten, nicht überflüssig zu machen, sondern zu einem Ganzen zu verweben und zu einem System zu vereinigen.

Die einzelnen Bruchstücke eines Gegenstandes, der niemals als ein Ganzes behandelt worden ist, aneinanderzukitten, die wahren Teile nicht übereinstimmender Lehren durch Herstellung der nötigen Glieder in der Gedankenkette und durch Loslösung der Irrtümer, womit sie mehr oder weniger verwoben sind, in Harmonie zu bringen, verlangte naturgemäß keinen geringen Aufwand eigener Spekulation. Auf andere Originalität macht dieses Werk keinen Anspruch. Bei der gegenwärtigen Pflege der Wissenschaften würde man stark gegen einen jeden eingenommen sein, der sich einbilden sollte, daß er eine Revolution in der Theorie der Erforschung der Wahrheit bewirkt oder derselben ein fundamental neues Verfahren hinzugefügt habe. Die Verbesserung sehr bedürfen), können nur darin bestehen, daß man systematischer und genauer Operationen ausführt, mit denen, wenigstens in ihrer einfachsten Form, der menschliche Geist bei der einen oder andern seiner Tätigkeiten schon vertraut ist.

Der Verfasser fand nicht für nötig, in demjenigen Teil des Werks, welcher vom Syllogismus handelt, in technische Einzelheiten einzugehen, welche so vollkommen aus den Abhandlungen über die sogenannte scholastische Logik zu schöpfen sind. Man wird bemerken, daß er die Verachtung, welche manche neueren Philosophen für die syllogistische Kunst hegen, keineswegs teilt, obgleich ihm die wissenschaftliche Theorie, auf welche man dieselbe gewöhnlich stützt, als eine irrtümliche erscheint. Die Ansicht, welche er über die Natur und den Gebrauch des Syllogismus hat, bieten vielleicht ein Mittel, die Prinzipien der Kunst mit dem, was in den Lehren und Einwürfen ihrer Gegner gegründetes liegt, zu versöhnen.

Dieselbe Enthaltung vom Detail konnte dagegen im ersten Buch, welches von den Namen und den Urteilen handelt, nicht beobachtet werden, da manche nützlichen Grundsätze und Unterscheidungen, welche die alte Logik kannte, allmählich aus den Schriften späterer Lehrer verschwanden und es wünschenswert schien, sie wieder zu beleben und zugleich die philosophische Grundlage, auf welcher sie ruhen, zu verbessern und rationeller zu machen. Die ersten Kapitel des einleitenden Teiles werden daher manchem Leser unnötig elementer und scholastisch erscheinen. Diejenigen aber, welche wissen, in welches Dunkel die Natur unseres Wissens und die Natur der Prozesse, durch welche es gewonnen wird, durch unklares Verständnis der Bedeutung und des Inhalts der verschiedenen Klassen von Worten und Aussagen umhüllt, wird diese Erörterungen weder für müßig, noch für bedeutungslos für den weiteren Fortgang unserer Untersuchungen halten.

In Beziehung auf die Induktion bestand die Aufgabe, die Methode der Untersuchung der Wahrheit und der Schätzung des Beweises, mittels deren so viele wichtigen und verborgenen Naturgesetze den verschiedenen Zweigen des menschlichen Wissens gewonnen wurden, zu verallgemeiner; daß dies keine leichte Aufgabe war, wird man aus der Tatsache erkennen, daß eminente Schriftsteller (unter denen Erzbischof WHATELY und der Verfasser eines berühmten Artikels über BACON in der "Edinburgh Review" (1) sogar in neuester Zeit sich nicht scheuten, sie als unmöglich zu bezeichnen. Der Verfasser hat sich bemüht, ihre Theorie in derselben Weise zu bekämpfen, in welcher DIOGENES das skeptische Schließen gegen die Möglichkeit der Bewegung widerlegte und er ist sich wohl bewußt, daß DIOGENES' Argumente dieselbe Gültigkeit gehabt hätten, wenn sich sein Spazieren auch auf den Umkreis seines Fasses beschränkt hätte.

Was auch der Wert von dem, was der Autor in diesem Teil erreicht hat, sein mag, er hält es für seine Pflicht, anzuerkennen, daß er viel davon verschiedenen in den letzten Jahren veröffentlichten, teils historischen, teils philosophischen Abhandlungen über die allgemeinen Resultat und das Verfahren der Naturwissenschaften verdankt. Diesen Abhandlungen und ihren Verfassern hat er sich bemüht, in diesem Werk Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Da er indessen häufig Gelegenheit hat, mit einem dieser Schriftsteller, mit Herrn WHEWELL, verschiedener Meinung zu sein, so drängt es ihn umso mehr, hier zu erklären, daß ohne die Beihilfe der Ideen und Tatsachen, welche in dessen "Geschichte der induktiven Wissenschaften" enthalten sind, die entsprechenden Teile dieses Werkes schwerlich geschrieben worden wären.

Das letzte Buch ist ein Versuch, etwas zur Lösung einer Frage beizutragen, welche der Verfall alter Ansichten und die Aufregung, welche bis zur tiefsten Tiefe der europäischen Gesellschaft geht, für die praktischen Interessen des menschlichen Lebens heutzutage ebenso wichtig machen, als sie zu allen Zeiten für die Vollständigkeit unseres theoretischen Wissens sein muß, zur Frage nämlich: Sind die geistigen und gesellschaftlichen Erscheinungen wirklich Ausnahmen von der allgemeinen Gewißheit und Gleichförmigkeit im Gang der Natur und inwiefern können die Methoden, durch welche man die Kenntnis so vieler Gesetze der physischen Welt unwiderruflich erkannten und allgemein anerkannten Wahrheiten angereiht hat, verwendet werden, um zu einem ähnlichen System von anerkannten Lehren in den moralischen und sozialen Wissenschaften zu gelangen.


Einleitung

§ 1. In der Art und Weise, wie die Schriftsteller die Logik zu definieren pflegen, herrscht eine eben so große Verschiedenheit, als in der Behandlung der einzelnen Teile derselben. Dies ist naturgemäß bei einem jeden Gegenstand zu erwarten, über welchen die Schriftsteller mittels ein und derselben Sprache verschiedene Ideen auszudrücke haben. Diese Bemerkung findet aber eben so gut auf die Ethik und die Jurisprudenz Anwendung als auf die Logik selbst. Da fast ein jeder Schriftsteller eine andere Ansicht über einige der Einzelheiten hat, welche diese Zweige des Wissens anerkanntermaßen einschließen, so hat ein jeder seine Definition so geformt, daß er von vorn herein seine eigenen besonderen Lehrsätze angibt und zuweilen zu deren Gunsten als wahr annimmt, was noch zu beweisen ist.

Diese Verschiedenheit ist nicht sowohl ein zu beklagendes Übel, als ein unvermeidliches und gewissermaßen eigentümliches Resultat des unvollkommenen Zustandes jener Wissenschaften. Es ist nicht zu erwarten, daß eine Übereinstimmung in Beziehung auf die Definition eines Dings stattfinde, bevor eine Übereinstimmung in Betreff des Dings selbst stattgefunden hat. Ein Ding definieren heißt: aus dem Ganzen seiner Eigenschaften diejenigen wählen, welche durch dessen Namen bezeichnet und ausgesprochen werden sollen; bevor wir daher imstande sind, zu bestimmen, welche von diesen Eigenschaften zu diesem Zweck die geeignetsten sind, müssen wir mit denselben wohl bekannt sein. In allem, was eine Wissenschaft genannt werden kann, findet eine so verwickelte Anhäufung von Einzelheiten statt, daß die Definition, mit der wir beginnen, selten diejenige ist, welche eine ausgedehntere Kenntnis des Gegenstandes als die geeignetste erscheinen läßt. Bevor wir die Einzelheiten selbst kennen, können wir nicht über die genaueste und umfassendste Weise, sie durch eine allgemeine Beschreibung zu umschreiben, entscheiden. Erst nach einer ausgedehnten und genauen Bekanntschaft mit den Einzelheiten der chemischen Erscheinungen fand man es möglich, eine rationelle Definition der Chemie zu geben; die Definition der Wissenschaft des Lebens und der Organisation ist immer noch ein Gegenstand des Streites. So lange die Wissenschaften unvollkommen sind, müssen die Definitionen an ihren Unvollkommenheiten Teil nehmen und wenn die ersteren fortschreiten, so müssen es auch die letzteren. Von der Definitioin, die einem wissenschaftlichen Gegenstand vorangeht, kann man daher nur erwarten, daß sie das Ziel unserer Untersuchungen definiere, und die Definition, welche ich nun von der Wissenschaft der Logik geben werde, beansprucht nichts mehr, als eine Darlegung der Frage zu sein, welche ich mir selbst vorgelegt habe und welche dieses Buch zu beantworten versucht. Der Leser hat die Freiheit, gegen eine solche Definition der Logik Einwendungen zu machen, es ist indessen auf alle Fälle eine richtige Definition vom Gegenstand dieses Werkes.

§ 2. Die Logik ist oft die Kust des Schließens genannt worden. Ein Schriftsteller (Erzbischof WHATELY), welcher mehr als eine jede andere lebende Persönlichkeit beigetragen hat, um das Studium derselben wieder auf die Stufe der Achtung zu erheben, von welcher es bei der gebildeten Klasse unseres eigenen Lanes herabgesunken war, hat die obige Definition mit einer Verbesserung angenommen, er hat die Logik definiert: als die Wissenschaft sowohl, als die Kunst des Schließens, indem er mit dem ersteren Namen die Analyse des geistigen Prozesses bezeichnen will, welcher stattfindet, wenn wir Schlüsse ziehen, mit dem letzteren dagegen die Regeln für die richtige Ausführung der auf diese Analyse gegründeten Prozesse. Man kann die Zulässigkeit dieser Berichtigung nicht bezweifeln. Ein richtiges Verständnis des geistigen Prozesses selbst , der Bedingungen, von welchen er abhängig ist und der Stufen, aus welchen er besteht, ist die einzige Basis, auf welche sich ein für die Ausführung dieses Prozesses geeignetes System von Regeln möglicherweise gründen kann. Die Kunst setzt notwendigerweise Wissen voraus; die dem Zustand der Kindheit entwachsene Kunst setzt wissenschaftliches Wissen voraus; und wenn eine jede Kunst nicht den Namen der Wissenschaft trägt, auf welche sie sich stützt, so geschieht dies nur deshalb nicht, weil oft mehrere Wissenschaften erforderlich sind, um das Grundwerk einer einzigen Kunst zu bilden. So verwickelt sind die Bedingungen, welche unsere praktische Tätigkeit bestimmen, daß, um uns in den Stand zu setzen ein Ding zu tun, es oft nötig ist, die Natur und die Eigenschaften vieler Dinge zu wissen.

Die Logik umfaßt also sowohl die Wissenschaft des Schließens als auch eine auf diese Wissenschaft gegründete Kunst. Aber das Wort Schließen enthält wiederum, ähnlich den meisten anderen wissenschaftlichen Ausdrücken, im gewöhnlichen Sprachgebrauch eine Menge Zweideutigkeiten. - In der einen seiner Bedeutungen bezeichnet es das Syllogisieren oder die Schlußweise, welche man (mit hinreichender Genauigkeit für den gegenwärtigen Zweck) das Schließen vom Allgemeinen auf das Besondere nennen kann. In einer anderen Bedeutung heißt Schließen einfach, irgendeine Behauptung aus anderen, bereits zugegebenen Behauptungen folgern und in diesem Sinne hat die Induktion so gerechte Ansprüche auf den Namen  Schließen,  wie die Beweise der Geometrie.

Die über Logik Schreibenden haben im Allgemeinen die erstere Bedeutung des Ausdrucks vorgezogen; die letztere und umfassendere Bedeutung ist es, deren ich mich zu bedienen gedenke. Ich tue es vermöge eines Rechts, welches ich für jeden Schriftsteller in Anspruch nehme, des Rechtes nämlich, von seinem eigenen Gegenstand irgendeine beliebige vorläufige Definition zu geben.

Es werden sich aber, wie ich glaube, im Verlauf unserer Untersuchungen genügend Gründe dafür entwickeln, daß das nicht bloß die vorläufige, sondern daß es auch die Enddefinition sein sollte. Sie schließt auf alle Fälle keine willkürliche Änderung an der Bedeutung des Wortes ein; denn mit dem allgemeinen Gebrauch der englischen Sprache stimmt die weitere Bedeutung besser überein als die engere.

§ 3. Aber Schließen scheint sogar nicht in der weitesten Bedeutung, deren das Wort fähig ist, alles das zu umfassen, was in der besseren oder auch nur in der geläufigeren Vorstellung vom Umfang und Inhalt unserer Wissenschaft eingeschlossen liegt. Der Gebrauch des Wortes Logik, um die Theorie der Argumentation zu bezeichnen, rührt von den aristotelischen oder wie sie gewöhnlich genannt werden, den scholastischen Logikern her.

Aber auch bei ihnen, in ihren systematischen Abhandlungen nämlich, bildete die Argumentation nur den Gegenstand des dritten Teils; die beiden ersten handelten von den Wörtern und den Urteilen (Propositionen); unter der einen oder der anderen dieser Rubriken wurde auch die Definition und die Einteilung (divisio) begriffen. Von einigen wurden diese vorläufigen Themata offenbar nur wegen ihres Zusammenhangs mit dem Schließen und als eine Vorbereitung für die Lehre und die Regeln des Syllogismus eingeführt. Sie wurden jedoch mit größerer Ausführlichkeit und Weitläufigkeit behandelt, als für diesen Zweck allein nötig war. Neuere Schrifsteller über Logik haben im Allgemeinen den Ausdruck so verstanden, wie er von dem geschickten Verfasser der Port-Royal-Logik gebraucht wurde, d. h. als gleichbedeutend mit der Kunst zu denken. Auf diese Bedeutung beschränkt er sich nicht bloß in Büchern und bei wissenschaftlichen Forschern; sogar im gewöhnlichen Verkehr schließen die mit dem Wort Logik verbundenen Ideen wenigstens eine Präzision der Sprache und die Genauigkeit der Klassifikation ein und wir hören vielleicht manche öfter von einer logischen Anordnung oder von logisch definierten Ausdrücken, als von logisch aus Prämissen abgeleiteten Schlüssen zu sprechen. Auch wird oft mancher ein großer Logiker oder ein Mann von gewaltiger Logik genannt, nicht der Genauigkeit seiner Deduktionen, sondern der umfassenden Beherrschung der Prämissen wegen, indem ihm die für die Erklärung einer Schwierigkeit oder die Widerlegung eines Sophismus nötigen allgemeinen Urteile reichlich und schnell zur Hand sind, kurz, weil er reiches Wissen für den argumentativen Gebrauch leicht beherrscht. Wir mögen uns daher zu der Behandlungsweise derjenigen, welche aus dem Gegenstand ein besonderes Studium gemacht haben oder zum Brauch der populären Schriftsteller und der gewöhnlichen Sprechweise bekennen, so schließt der Bereich der Logik immerhin mehrere Geistesoperationen ein, welche man gewöhnlich nicht als in der Bedeutung der Wörter  Schließen  und  Argumentieren  eingeschlossen betrachtet.

Die Wissenschaft würde alle diese verschiedenen Operationen umfassen und durch eine sehr einfache Definition würde noch ein weiterer Vorteil erreicht werden, wenn wir durch eine, von hohen Autoritäten sanktionierte, Ausdehnung der Bedeutung des Wortes die Logik definieren würden "als die Wissenschaft, welche von den Operationen des menschlichen Verstandes bei der Erforschung der Wahrheit handelt"; denn diesem letzten Zweck sind Benennung, Klassifikation, Definition und alle anderen Operationen, über welche die Logik jemals eine Herrschaft beanspruchte, wesentlich dienstbar. Sie können alle als Kunstgriffe betrachtet werden, welche uns befähigen sollen, die nötigen Wahrheiten zu wissen und zwar genau in dem Augenblick zu wissen, wo wir ihrer bedürfen. Diese Operationen dienen in der Tat auch noch anderen Zwecken, z. B. dem Zweck, unser Wissen anderen mitzuteilen. Aber unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, wurden sie niemals als dem Bereich der Logik zugehörig angesehen. Unseren eigenen Gedanken eine Richtschnur zu sein ist der einzige Gegenstand der Logik, die Mitteilung dieser Gedanken an andere ist die Sache der Rhetorik in einem weiteren Sinn, in welchem diese Kunst von den Alten aufgefaßt wurde, oder auch die Sache der noch ausgedehnteren Kunst der Erziehung. Die Logik nimmt nur Kenntnis von unseren Geistesoperationen in dem Maße als sie uns selbst zum Wissen und zur Herrschaft über dieses Wissen um der eigenen Anwendung willen führt. Wenn es im ganzen Weltall nur ein einziges vernünftiges Wesen gäbe und dieses Wesen wäre der vollkommenste Logiker: so würde die Wissenschaft und die Kunst der Logik für dieses einzige Wesen dieselbe sein wie für das ganze Menschengeschlecht.

§ 4. Wenn aber die vorher geprüfte Definition zu wenig einschloß, so fällt die nun gegebene in den entgegengesetzten Fehler.

Wir erkennen die Wahrheiten auf zweierlei Weise: manche werden direkt und von selbst erkannt, manche mittels anderer Wahrheiten. Die ersteren sind Gegenstand der Anschauung (Intuition) oder des Bewußtseins (2), die letzteren der Folgerung. Die durch Anschauung erkannten Wahrheiten sind die ursprünglichen Prämissen, aus denen alle anderen gefolgert werden. Da sich unsere Zustimmung zu einem Schluß auf die Wahrheit der Prämissen gründet, so könnten wir niemals durch Schließen zu irgendeiner Erkenntnis gelangen, wenn nicht etwas dem Schließen Vorausgehendes erkannt werden könnte.

Beispiele von Wahrheiten, die uns durch das unmittelbare Bewußtsein bekannt werden, sind: unsere körperlichen Empfindungen und geistigen Gefühle. Ich weiß direkt aus meiner eigenen Erkenntnis, daß ich gestern geärgert wurde und heute hungrig bin. Beispiele von Wahrheiten, die wir nur mittels des Folgerns erkennen, sind: Ereignisse, welche während unserer Abwesenheit stattfanden; die von der Geschichte aufgezeichneten Begebenheiten oder die Lehrsätze der Mathematik. Die beiden ersteren folgern wir aus dem beigebrachten Zeugnis oder aus den noch vorhandenen Spuren jener vergangenen Ereignisse; die letzteren aus den Prämissen, welche in den Büchern über Geometrie unter dem Titel "Lehrsätze und Axiome" enthalten sind. Was wir nur immer zu erkennen fähig sind, gehört der einen oder der anderen dieser Klassen an, muß in der Anzahl der ursprünglichen Data oder der Schlüsse, welche daraus gezogen werden können, enthalten sein.

Mit dem ursprünglich Gegebenen oder den letzten Prämissen unserer Erkenntnis, mit ihrer Zahl oder Natur, der Art, in welcher wir zu ihnen gelangen, oder den Mitteln, durch welche sie unterschieden werden können, hat die Logik, so wie ich die Wissenschaft verstehe, direkt wenigstens, nichts zu tun. Diese Fragen sind zum Teil nicht Gegenstand der Wissenschaft überhaupt, zum Teil einer ganz anderen Wissenschaft.

Was wir durch das Bewußtsein (durch die Anschauung) erkannt haben, schließt die Möglichkeit des Zweifels aus; was jemand körperlich oder geistig sieht oder fühlt, davon ist er sicher, daß er es sieht oder fühlt. Aufgrund solcher Wahrheiten bedarf es keiner Wissenschaft; keine Kunstregeln können unser Wissen in dieser Beziehung gewisser machen, als es an und für sich ist. Für diesen Teil unserer Erkenntnis gibt es keine Logik.

Wir mögen uns aber einbilden, daß wir sehen oder fühlen, was wir in Wirklichkeit folgern. NEWTON sah die Wahrheit vieler Sätze der Geometrie ohne die Beweise zu lesen, aber gewiß nicht ohne daß die letzteren durch seinen Geist blitzten. Von einer Wahrheit oder einer supponierten Wahrheit, welche wirklich das Ergebnis einer sehr raschen Folgerung ist, kann es scheinen, als wäre sie intuitiv erkannt. Die Denker der entgegengesetzten Schulen stimmten lange darin überein, daß dieser Irrtum in dem so gewöhnlichen Fall des Sehens tatsächlich begangen wird. Nichts scheinen wir direkter zu erkennen, als die Entfernung eines Gegenstandes von uns. Man hat indessen schon längst erkannt, daß das, was das Auge gewahrt, höchstens eine verschieden gefärbte Fläche ist; daß wenn wir uns einbilden, eine Entfernung zu sehen, wir in der Tat nur gewisse Abwechslungen von scheinbarer Größe und Färbung sehen und daß unsere Schätzung der Entfernung eines Gegenstandes das Resultat einer Vergleichung (die so rasch gemacht wird, daß wir uns dessen nicht bewußt sind) zwischen der Größe und Farbe des Gegenstandes ist, wie sie zur Zeit erscheinen und der Größe und Farbe desselben oder ähnlicher Gegenstände, wie sie in unserer Nähe oder auch wie sie erschienen, als ihre Entfernung durch andere Mittel erwiesen wurde. Die Perzeption der Entfernung durch das Auge, welche der Intuition so ähnlich sieht, ist also in Wirklichkeit eine auf Erfahrung gegründete Folgerung und noch dazu eine Folgerung, welche wir zu machen lernen und welche wir in dem Maße, als unsere Erfahrung wächst, mehr oder weniger richtig machen, obgleich sie in gewöhnlichen Fällen so schnell stattfindet, daß sie genau jenen Wahrnehmungen des Gesichtes gleichkommt, welche wirklich intuitiv sind, nämlich den Wahrnehmungen der Farbe. (3)

Von der Wissenschaft, welche die Operationen des menschlichen Verstandes bei der Erforschung der Wahrheit erklärt, ist demnach die Frage ein wesentlicher Teil: welche Tatsachen sind Gegenstand der Anschauung und des Bewußtseins und welche sind ein Ergebnis des bloßen Folgerns? Diese Frage wurde indessen niemals als ein Teil der Logik betrachtet. Sie findet ihren Platz in einem wohl unterschiedenen Teil der Wissenschaft, dem vielmehr der Name Metaphysik zukommt, in jenem Teil der spekulativen Philosophie, welcher zu bestimmen sucht, welcher Teil des Geistesgerätes ursprünglich zum Geist gehört und welcher Teil aus Material besteht, das von außen beigebracht wurde. Dieser Wissenschaft gehören die großen und vielbesprochenen Fragen über die Existenz der Materie, die Existenz des Geistes und des Unterschiedes zwischen ihm und der Materie, die Realität zwischen Zeit und Raum als Dinge außerhalb des Geistes und unterscheidbar von den Gegenständen, von denen man sagt, sie existieren in ihnen, d. i. in Raum und Zeit. denn bei den gegenwärtig stattfindenden Erörterungen dieses Gegenstandes wird fast allgemein zugegeben, daß die Existenz der Materie oder des Geistes, der Zeit oder des Raumes ihrer Natur nach des Beweises nicht fähig ist und daß, wenn wir etwas von denselben erkennen, es durch unmittelbare Anschauung sein muß. Derselben Wissenschaft gehören die Untersuchungen über die Natur der Vorstellung, der Wahrnehmung, des Gedächtnisses und des Glaubens an; es sind dies alles Operationen des Vertandes bei der Erforschung der Wahrheit, mit welchen aber, als Phänomene des Geistes, der Logiker ebensowenig zu tun hat, wie mit der Möglichkeit oder Unmöglichkeit, sie in einfachere Phänomene zu zerlegen. Auch die folgenden und alle analogen Fragen müssen jener Wissenschaft zugewiesen werden: Wie weit sind unsere geistigen Fähigkeiten und unsere Empfindungen angeboren, wie weit Resultate der Assoziationi; sind Gott und Pflicht Realitäten, deren Existenz uns vermöge der Beschaffenheit unserer Vernunft a priorie klar ist oder sind unsere Ideen von ihnen erworbene Vorstellungen, deren Ursprung wir verfolgen und erklären können; und ferner die Realität der Gegenstände selbst eine Frage nicht des Bewußtseins oder der Anschauung, sondern des Beweisens und Schließens.

Der Bereich der Logik muß auf jenen Teil unserer Erkenntnis beschränkt werden, der aus Folgerungen aus vorher bekannten Wahrheiten besteht, gleichgültig, ob diese vorausgehenden Data allgemeine Urteile oder besondere Beobachtungen und Wahrnehmungen sind. Die Logik ist nicht die Wissenschaft des Glaubens, sondern die Wissenschaft des Beweises oder der Evidenz. Soweit der Glaube sich auf den Beweis zu stützen vorgibt, ist es die Aufgabe der Logik, ein Prüfmittel zu liefern, wodurch bestimmt werden kann, ob derselbe wohl begründet ist oder nicht; mit den Ansprüchen jedoch, welche irgenein Urteil auf den Beweis (die Evidenz) der Anschauung hin, d. i. also ohne Beweis im eigentlichen Sinn des Wortes, auf Glauben macht, hat die Logik nichts zu schaffen.

§ 5. Da bei weitem der größte Teil unseres Wissens, sei es allgemeiner Wahrheiten oder besonderer Tatsachen, offenbar aus Folgerungen besteht, so ist fast das Ganze nicht allein der Wissenschaft, sondern auch der menschlichen Handlungsweise überhaupt der Autorität der Logik unterworfen. Folgerungen ziehen ist das große Geschäft des Lebens genannt worden. Ein jeder hat täglich, stündlich, in jedem Augenblick Tatsachen zu prüfen, welche er nicht direkt beobachtet hat und zwar nicht zu dem allgemeinen Zweck der Vermehrung seines Wissens, sondern weil die Tatsachen selbst für seine Interessen und Beschäftigungen von Wichtigkeit sind. Die Geschäfte der Magistratsperson, des Militärs, des Seefahrers, des Arztes oder des Landwirts bestehen nur in der Beurteilung von Beweisen (der Evidenz) und im Handeln danach. Sie alle haben gewisse Tatsachen zu bestimmen, um sodann gewisse Regeln anzuwenden, welche sie entweder selbst erfunden oder welche ihnen andere als eine Richtschnur vorgeschrieben haben; und je nachdem sie das gut oder übel tun, erfüllen sie gut oder übel die Pflichten ihres Berufes. Es ist dies die einzige Beschäftigung, von welcher der Geist niemals befreit ist und ist der Gegenstand, nicht der Logik, sondern des Wissens im Allgemeinen.

Die Logik ist indessen nicht einerlei mit Wissen, obgleich das Feld der Logik ebenso ausgedehnt ist, als das des Wissens. Die Logik ist der gemeinsame Richter aller besonderen Untersuchungen; sie unternimmt es nicht, Beweise zu finden, sondern zu bestimmen, ob sie gefunden worden sind. Die Logik beobachtet weder, noch erfindet oder entdeckt sie, sondern sie urteilt und richtet. Es ist nicht die Sache der Logik, dem Wundarzt zu erklären, von welchen Erscheinungen ein gewaltsamer Tod begleitet ist, er muß dies von seiner eigenen Beobachtung und Erfahrung oder von der seiner Vorgänger in dieser besonderen Beschäftigung lernen; aber die Logik sitzt darüber zu Gericht, ob diese Beobachtung und Erfahrung hinreichend ist, um seine Regeln, und ob seine Regeln hinreichend sind, um sein Verfahren zu rechtfertigen. Sie liefert ihm keine Beweise, aber sie lehrt ihm das, was diese zu Beweisen macht und wie er sie zu beurteilen hat. Sie lehrt nicht, daß irgendeine besondere Tatsache eine andere beweist, sondern sie zeigt, welchen Bedingungen alle Tatsachen entsprechen müssen, um andere Tatsachen zu beweisen. Die Entscheidung, ob eine gegebene Tatsache diese Bedingungen erfüllt oder ob in einem gegebenen Fall Tatsachen aufzufinden sind, welche sie erfüllen, gehört ausschließlich der besonderen Kunst oder Wissenschaft oder unserer Kenntnis des besonderen Gegenstandes an.

In diesem Sinne ist die Logik, was BACON so bezeichnend  ars artium  [die Kunst der Künste - wp], die Wissenschaft der Wissenschaft selbst. Alle Wissenschaft besteht aus Gegebenem und aus Schlüssen, die aus diesem Gegebenen gezogen wurden, aus Beweisen und aus dem, was sie beweisen; nun zeigt die Logik die Beziehungen auf, die zwischen Daten und allem, was aus ihnen gefolgert werden kann, zwischen dem Beweis und allem, was er beweisen kann, bestehen müssen. Wenn solche unumgänglichen Beziehungen stattfinden und genau bestimmt werden können, so muß ein jeder besondere Zweig der Wissenschaft sowohl, als ein jedes Individuum bei der Führung seiner Geschäfte sich danach richten und zwar bei Strafe falsche Folgerungen oder Schlüsse zu ziehen, welche nicht auf die Realität der Dinge gegründet sind. Was nur immer zu irgendeiner Zeit richtig geschlossen worden ist, welches Wissen wir nur immer auf anderm Weg als durch unmittelbare Anschauung erworben haben, hängt von der Beobachtung der Gesetze ab, deren Untersuchung dem Bereich der Logik angehört. Sind die Schlüsse richtig und ist das Wissen ein reelles, so sind jene Gesetze bewußt oder unbewußt beobachtet worden.

§ 6. In Bezug auf die oft angeregte Frage wegen der Nützlichkeit der Logik brauchen wir also keine weitere Lösung zu suchen. Wenn eine Wissenschaft der Logik existiert oder existieren kann, so muß sie nützlich sein. Wenn es Regeln gibt, nach denen sich jeder Verstand in jedem Fall, in welchem er richtig geschlossen hat, wissentlich oder unwissentlich richtet, so scheint es kaum nötig zu erörtern, ob es wahrscheinlicher ist, daß einer diese Regeln beobachten werde, wenn er sie kennt, als wenn er sich nicht kennt.

Eine Wissenschaft kann ohne Zweifel auf eine gewisse Höhe gebracht werden ohne die Anwendung einer anderen Logik, als derjenigen, welche alle Menschen, die einen gesunden Verstand besitzen, im Verlauf ihrer Studien empirisch erlangen. Die Menschen urteilten über den Beweis und zwar häufig ganz richtig, ehe die Logik eine Wissenschaft war, auch würden sie dieselbe sonst niemals zu einer Wissenschaft haben machen können; sie führten große mechanische Arbeiten aus, ehe sie die Gesetze der Mechanik kannten. Es gibt aber eine Grenze sowohl in Beziehung auf das, was die Mechaniker ohne die Grundsätze der Mechanik, wie auch auf das, was die Denker ohne die Grundsätze der Logik zu leisten vermögen. Wenige ungewöhnlich begabte Individuen mögen die Resultate der Wissenschaft antizipieren, der größte Teil der Menschen aber muß entweder die Theorie von dem, was er tut, verstehen, oder er muß Regeln haben, welche von denjenigen, welche die Theorie verstanden haben, aufgestellt worden sind. Beim Fortschreiten der Wissenschaft von der leichtesten zur schwierigsten Aufgabe hatte jeder große Schritt vorwärts gewöhnlich, als seinen Vorläufer oder als seinen Begleiter und seine notwendige Bedingung, eine entsprechende Verbesserung in den Begriffen und den Prinzipien der Logik, wie sie von den besten Denkern aufgefaßt wurde. Und wenn mehrere der schwierigen Wissenschaften in einem noch so mangelhaften Zustand sind; wenn in ihnen nicht allein so wenig bewiesen wird, sondern wenn der Streit über das wenige Bewiesene so gar nicht enden zu wollen scheint: so liegt der Grund vielleicht darin, daß die logischen Begriffe der Menschen noch nicht jenen Grad von Ausdehnung und Genauigkeit erlangt haben, welche für die Beurteilung des jenen besonderen Teilen der Wissenschaft zugehörigen Beweises erforderlich sind.

§ 7. Die Logik ist also die Wissenschaft von den Verstandesoperationen, welche zur Schätzung des Beweises dienen, sowohl des Prozesses selbst von unbekannten Wahrheiten zu bekannten schreiten, als auch von allen anderen geistigen Operationen, welche hierbei Hilfe leisten. Sie schließt daher die Operation des Benennens ein, denn die Sprache ist sowohl ein Instrument des Gedankens, als auch ein Mittel, die Gedanken mitzuteilen. Sie schließt ebenso die Definition und Klassifikation ein, denn diese Operation (wenn wir nur unseren eigenen Geist und nicht den von anderen in Betracht ziehen) dient nicht allein dazu, unsere Beweise und die Schlüsse aus ihnen unvergänglich und dem Gedächtnis zugänglich zu erhalten, sondern auch die Tatsachen, welche wir zu einer beliebigen Zeit untersuchen wollen, so anzuordnen, daß wir imstande sind, deutlicher wahrzunehmen, welches Maß von Beweiskraft ihnen innewohnt. Das sind daher Verrichtungen, die der Abschätzung von Beweisgründen speziell dienen und sie fallen somit in den Bereich der Logik. Es gibt andere, mehr elementare Vorgänge, die an jeder Denkarbeit beteiligt sind, wie die Begriffsbildung, die Erinnerung und dergleichen; allein die Logik braucht von ihnen keine genauere Kenntnis zu nehmen, da sie, zum Problem des Beweises keinen näheren Bezug haben, außer insofern als dieses gleichwie jedes andere an den Intellekt herantretende Problem sie voraussetzt.

Unser Ziel ist also der Versuch einer richtigen Analyse des geistigen, Schließen und Folgern genannten, Prozeß, und derjenigen geistigen Operationen, welche denselben erleichtern sollen; so wie auch, auf diese Analyse gestützt und  pari passu  [im Gleichschritt - wp] mit ihr, ein System von Regeln aufzustellen, um die Zulänglichkeit eines gegebenen Beweises, wodurch ein gegebenes Urteil bewiesen werden soll, zu prüfen. In Bezug auf den ersten Teil dieses Unternehmens versuche ich nicht, die in Frage stehenden Geistesoperationen in ihre letzten Elemente zu zerlegen. Es ist hinreichend, wenn die Analyse, so weit sie geht, richtig ist und wenn sie für die praktischen Zwecke einer als eine Kunst betrachteten Logik weit genug geht. Die Zerlegung eines verwickelten Phänomens in seine Bestandteile gleicht durchaus nicht einer zusammenhängenden Kette von Beweisen. Wenn ein Glied eines Arguments bricht, so fällt das Ganze zu Boden; aber ein Schritt vorwärts in einer Analyse bleibt bestehen und besitzt einen unabhängigen Wert, wenn wir auch niemals einen zweiten Schritt vorwärts tun können. Die Resultate der analytischen Chemie sind nicht weniger wertvoll, wenn man die Entdeckung machen sollte, daß alles, was wir jetzt einfache Substanzen nennen, in der Tat Verbindungen sind. Auf jeden Fall sind alle anderen Dinge aus diesen Elementen zusammengesetzt; ob die Elemente selbst eine weitere Zerlegung zulassen, ist an und für sich eine wichtige Frage, sie berührt aber nicht die Gewißheit der bis zu diesem Punkt gelangten Wissenschaft.

Ich werde demnach versuchen, den Prozeß des Folgerns und die demselben untergeordneten Prozesse nur so weit zu analysieren, als es erforderlich ist, um den Unterschied zwischen einer richtigen und einer unrichtigen Ausführung dieser Prozesse zu ermitteln. Der Grund einer solchen Beschränkung ist einleuchtend. Gegner der Logik haben darauf hingewiesen, daß wir unseren Körper nicht gebrauchen lernen, indem wir seinen Gliederbau erforschen. Diese Tatsache ist nicht ganz richtig angegeben; denn wenn der Gebrauch einer unserer Muskeln durch eine örtliche Schwäche oder andere physische Mängel fehlerhaft wird, so mag die Kenntnis ihrer Anatomie für die Heilung wohl nötig werden. Jene Einwürfe wären indessen ganz gerecht, wenn wir in einer Abhandlung über die Logik die Analyse des Prozesses des Schließens über den Punkt hinaus führen würden, bei welchem eine Ungenauigkeit, welche sich eingeschlichen haben könnte, ersichtlich wird. Wenn wir (um den Vergleich fortzusetzen) körperliche Übungen erlernen, so müssen wir die Bewegungen des Körpers so weit analysieren, als es nötig ist, um zwischen auszuführenden und nicht auszuführenden Bewegungen zu unterscheiden. Bis zu einer ähnlichen Ausdehnung und nicht weiter, muß der Logiker die geistigen Prozesse analysieren, welche die Logik angehen. Eine jede weitere Analyse muß dem Metaphysiker überlassen werden, welcher bei diesem, wie bei jedem anderen Teil unserer geistigen Natur entscheidet, was letzte Tatsachen sind und was in andere Tatsachen zerlegbar ist. Auch glaube ich, daß man finden wird, daß die Schlüsse, zu denen das vorliegene Werk gelangt, in keiner notwendigen Verbindung mit irgendwelchen besonderen Ansichten bezüglich der letzten Analyse stehen. Die Logik ist ein gemeinsamer Grund, auf welchem sich die Anhänger von HARTLEY und REID, von LOCKE und von KANT begegnen und die Hände reichen können. Besondere und einzelne Meinungen aller dieser Denker werden ohne Zweifel gelegentlich bestritten werden, indem sie alle sowohl Logiker als auch Metaphysiker waren, aber das Feld, auf welchem sie ihre Hauptschlachten lieferten, liegt außerhalb der Grenzen unserer Wissenschaft.

Es kann in der Tat nicht behauptet werden, daß logische Prinzipien für jene abstrusen Untersuchungen gänzlich bedeutungslos sein können, auch ist es möglich, daß die Anschauung, welche wir von der Aufgabe der Logik haben, für die Annahme der einen Ansicht über diese viel bestrittenen Gegenstände günstiger stimmt, als für die andere; denn indem die Metaphysik ihre eigene Aufgabe zu lösen sucht, muß sie Mittel gebrauchen, über deren Gültigkeit die Logik zu entscheiden hat. Ihr Verfahren besteht ohne Zweifel solange als möglich bloß in einer genaueren und aufmerksameren Befragung unseres Bewußtseins oder besser gesat, unseres Gedächtnisses und so weit ist sie der Logik nicht unterworfen; wo aber diese Methode für die Erreichung des Zwecks ihrer Untersuchungen unzureichend ist, muß sie wie andere Wissenschaften zum Beweis greifen. Aber von dem Augenblick an, wo diese Wissenschaft Folgerungen aus dem Beweis zu ziehen beginnt, wird die Logik der oberste Richter darüber, ob ihre Folgerungen wohl begründet sind oder welche andere Folgerungen es sein würden.

Dies stellt indessen keine nähere und auch keine andere Beziehung zwischen der Logik und der Metaphysik her, als zwischen der Logik und allen anderen Wissenschaften besteht; und ich kann mit gutem Gewissen versichern, daß kein in diesem Werk gesprochener Satz in der Absicht angenommen worden ist, um vorgefaßte Meinungen in irgendeinem Zweig des Wissens oder Untersuchens, worüber die spekulative Welt noch unentschieden ist, aufzustellen, oder auch nur wegen der Verwendbarkeit des Satzes zu einem solchen Zweck. (4)
LITERATUR - John Stuart Mill, System der deduktiven und induktiven Logik, Braunschweig 1977
    Anmerkungen
    1) In den letzten Ausgaben von WHATELYs Logik gibt derselbe als seine Meinung, nicht daß nicht "Regeln" für die Feststellung von Wahrheiten durch induktive Forschung aufzustellen seien, oder daß sie nicht von "eminentem Nutzen" sein könnten, sondern "daß sie immer vergleichungsweise unbestimmt und allgemein sein müssen und daß eine demonstrative Theorie wie die des Syllogismus nicht aus ihnen herzustellen ist" (Buch IV, Kap. IV). Und er bemerkt, daß hierfür ein System zu ersinnen, welches "in eine wissenschaftliche Form gebracht werden kann", ein Unternehmen ist, in das sich nur der einlassen kann, "welcher mehr sanguinisch als wissenschaftlich ist" (Bd. IV, Kap. II). Da dies indessen ganz der Zweck des von der Induktion handelnden Teiles dieses Werks ist, so liegt in der Darstellung der zwischen Erzbischof WHATELY und mir bestehenden Meinungsverschiedenheit, wie sie in diesem Text gegeben ist, keine Übertreibung.
    2) Ich gebrauche die Worte unterschiedslos, weil eine Unterscheidung derselben für unsere Zwecke nicht erforderlich ist. Doch pflegen die Metaphysiker den Gebrauch des Wortes "Anschauung" (Intuition) auf unsere angeblich unmittelbare Kenntnis von der Außenwelt, jenen der Worte "unmittelbares Bewußtsein" (Consciousness) auf die Kenntnis unserer eigenen Geisteszustände zu beschränken.
    3) Neben den im Text erwähnten zwei Faktoren, der  Lichtstärke  und der  Akkomodationsbewegung,  unterstützt beim "Sehen mit zwei Augen" auch "der  Konvergenzwinkel der Sehachsen  (oder besser ausgedrückt die ihn bestimmende Muskelzusammenziehung" und die dieselbe begleitende Empfindung) "die Bildung eines Urteils über die Entfernung der Gegenstände." Vgl. CARL LUDWIG, Lehrbuch der Physiologie des Menschen I, Seite 254
    4) Die in diesem Werk ausgesprochene Ansicht über Definition und Zweck der Logik steht in einem strengen Gegensatz zur Ansicht einer philosophischen Schule, welche durch die Schriften Sir WILLIAM HAMILTONs und seiner zahlreichen Schüler vertreten ist. Nach dieser Schule ist die Logik "die Wissenschaft von den formalen Gesetzen des Denkens", eine Definition, die dem besonderen Zweck dienen soll, aus der Logik, als ihr frem, alles auszuschließen, was auf Glauben und Unglauben oder auf das Suchen nach Wahrheit als solcher Bezug hat. Was ich gegen diese Einschränkung des Gebietes der Logik zu sagen hatte, ist ausführlich in einer zuerst im Jahr 1865 veröffentlichten Schrift "An examination of Sir William Hamiltons Philosophy and of the principal philosophical questions discussed in his writings (eine Prüfung der Philosophie Sir William Hamiltons und der wichtigsten in seinen Schriften erörterten Fragen) gesagt worden. Für die Zwecke der vorliegenden Abhandlung wird sich die Rechtfertigung einer größeren Ausdehnung des Gebietes der Wissenschaft im Verlauf der Abhandlung selbst ergeben. Einige Bemerkungen über die Beziehung der Logik der Folgerichtigkeit zur Logik der Wahrheit und über die Stelle, welcher dieser besondere Teil in dem Ganzen, zu dem er gehört, einnimmt, finden sich im Bd. II, Kapitel III, § 9 dieses Buches.