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ALEXIUS MEINONG
Psychologisch-ethische Untersuchungen
zur Werttheorie


"Es kann sehr wohl etwas wertgehalten werden, das gleichwohl keinen Wert hat, alter und neuer Aberglaube hat gar vieles werthalten gelehrt, dem kein besonnen Denkender darum Wert beimessen wird. Weit häufiger noch ereignet sich der umgekehrte Fall, daß, was Wert hat, zur Zeit oder wohl gar überhaupt nicht wertgehalten wird. Ersteres findet an jedem Wertobjekt während bald kürzerer, bald längerer Zeit statt: auch bei dem, was für mich den größten Wert hat, können meine Gedanken nicht immer verweilen, noch weniger meine Gefühle; der Wert aber bleibt dadurch unberührt. Aber auch die oben an zweiter Stelle genannte Möglichkeit wird man oft genug realisiert finden. Schreiben zu lernen, hat für das Schulkind sicherlich Wert, auch wenn es in seiner Unwissenheit nicht den geringsten Wert darauf legen sollte. Ebenso kann mir ein Ding, über dessen Eigenschaften ich unzureichend oder falsch informiet bin, wertlos erscheinen, ohne daß sein, wenn auch unerkannter Wert darum geringer wäre."

Vorwort

 
Die Untersuchungen, deren Hauptergebnisse ich in der vorliegenden Schrift zusammenzudrängen versucht habe, sind im Wesentlichen vor mehr als einem Jahrzehnt durchgeführt worden. Sie haben seither zu Vorlesungszwecken wiederholte Überprüfung und hoffentlich auch Berichtigung erfahren: vor allem aber ist mir dabei die Unfertigkeit des damit Geleisteten immer deutlicher geworden, so daß der Gedanke an die einst nahe geglaubte Veröffentlichung immer mehr in die Ferne zu rücken schien. Daß ich mich nun gleichwohl, mitten aus ganz andersartigen Arbeiten heraus, die mich seit Jahren beschäftigen, zur Publikation des einer Vervollkommnung noch so sehr Bedürftigen entschloß, hat äußere Gründe, die zum Zwecke der Rechtfertigung meines Vorgehens zu erwähnen hier unerläßlich ist.

CHRISTIAN EHRENFELS' schöne Arbeit "Werttheorie und Ethik" (1) hat, wenn auch die darin meinem Einfluß gezollte Anerkennung weit mehr für des Autors Bescheidenheit und freundschaftliche Gesinnung als für meinen Anteil an seiner Leistung zeugt, mir doch jedenfalls den Beweis erbracht, daß, was ich über ethische und ihnen verwandte Dinge zu sagen hatte, mindestens die Eignung besitzt, andere zu Forschungen anregen zu helfen, über die man sich im Interesse ethischer Theorie wie Praxis nur freuen kann. Zusammen mit ähnlichen Erfahrungen im internen akademischen Wirkungskreis hat mich dies zur Überzeugung geführt, daß durch Mitteilung des bisher von mir Gefundenen denn doch einiger Nutzen gestiftet werden könnte. Es kommt hinzu, daß ich heute noch gar nicht abzusehen vermag, wann derzeit im Zug befindliche, zunächst dem Geistesleben gewidmete Arbeiten mir gestatten werden, mit dem Gemütsleben mit jener Ausschließlichkeit zuzuwenden, welche unerläßlich ist, soll das, was man zustande gebracht hat, sich nicht schon dem ersten Blick als Stückwerk verraten. So habe ich mich entschlossen, lieber bereits jetzt Stückwerk zu liefern, als noch weitere zehn Jahre brach liegen zu lassen, was einstweilen doch vielleicht Früchte tragen könnte. Dem Verdacht vorschnellen Publizierens werde ich wohl auch jetzt nicht mehr ausgesetzt sein: und die Hoffnung, später einmal den Stoff in einer Weise bearbeiten zu können, die dem Ideal des Ausgeführten und Abgeschlossenen mindestens näher kommt, - die Hoffnung braucht ja darum noch nicht aufgegeben zu werden.

Es entspricht der sozusagen provisorischen Natur dieser Veröffentlichung, daß ihr jeglicher gelehre Apparat fehlt. Ich will nicht aus der Not eine Tugend machen und lege daher das ehrliche Bekenntnis ab, daß es mir dabei nicht um die Schonung jener Leser zu tun war, deren ästhetische oder sonstige Empfindlichkeit unter Anmerkungsziffern im Text, von Fußnoten gar nicht zu reden, sicherem Vernehmen nach so viel zu leiden hat. Ich halte enge, nicht nur innerliche, sondern auch äußerliche Fühlung mit der einschlägigen Literatur für einen viel zu großen Vorzug, als daß ich mich desselben gutwillig entledigt hätte. Der Verzicht ist mir vielmehr abgezwungen worden, vor allem durch den engen, von mir ohnehin gegen Herkommen ausgeweiteten Rahmen dieser Gelegenheitspublikation, dann auch durch die Kürze der Zeit, in der die Niederschrift durchgeführt werden mußte. So beschränken sich im Folgenden ausdrückliche Bezugnahmen fast ausschließlich auf die EHRENFELSsche Abhandlung, deren besonders nahes Verhältnis zu dem hier Niedergelegten wenigstens an einigen Punkten direkte Berufung oder auch direkte Polemik nötig zu machen schien.

Ob es ein Wagnis ist, das ansich so Unvollkommne gleichsam auch ohne Rüstzeug in die Öffentlichkeit treten zu lassen? Doch möglicherweise macht nicht die Rüstung den Sieger und - um ein friedlicheres Bild zu gebrauchen - Mängel an der Schale können am Ende doch dem Kern nichts anhaben, wenn dieser nur gesund ist. Daß er es wirklich ist, darauf habe ich nun freilich ein so festes Zutrauen, als ich das Stück Lebensarbeit, das, wenn auch auf Jahre verteilt, dann doch an diese Untersuchungen gewendet worden ist, nicht umsonst getan zu haben hoffe. Im übrigen aber wird kein ehrlicher Arbeit am Bau der Wissenschaft dem, was er durch seiner Hände Fleiß aufgerichtet hat, den Anschein größerer Haltbarkeit wünschen, als ihm seiner innersten Natur nach wirklich eigen ist.


I. Kapitel
Der Wertgedanke

1. Abschnitt
E i n l e i t e n d e s

§ 1.
Das Wertproblem vor dem Forum der Psychologie

Seit es eine national-ökonomische Forschung gibt, macht der Wert eines ihrer vornehmsten Objekte aus. Wenn daher nun auch die Psychologie an diesen Problemen-Kreis herantritt, so wird ihr anscheinendes Eindringen in fremdes Gebiet sicher nicht allenthalben auf wohlwollende oder auch nur duldsame Beurteilung zu rechnen haben, am wenigsten von seiten der zum Glück täglich kleiner werdenden Gruppe derjenigen, die erste eine selbstgefertigte Vogelscheuche mit dem Namen "Philosophie" belegen und dann allem, was ihnen unter diesem Namen in Wirklichkeit begegnet, es gleich schwer zum Vorwurf machen, wenn es jener Vogelscheuche gleicht, als wenn es ihr nicht gleicht. Inzwischen hat von den wirklich berufenen Vertretern einer Wissenschaft nur selten einer das Recht auf Arbeit demjenigen streitig zu machen versucht, der auch die Pflichten wissenschaftlicher Arbeit auf sich zu nehmen gewillt war. Zu diesen Pflichten wird es ohne Zweifel gehören, daß, wer einem Forschungsziel auf bisher ungebräuchlichen Forschungswegen zustrebt, es nicht unterlasse, sich über die Eignung dieses Weges ein vorgängiges Urteil zu bilden. Die endgültige Rechtfertigung seines Vorgehens wird er freilich auch dann erst in den Ergebnissen dieses Vorgehens für sich haben und hoffen dürfen, durch diese günstigen Falles auch denjenigen nicht unwillkommene Förderung zu bieten, die sich durch Tradition wie Eigenart ihrer theoretischen oder praktischen Aufgaben gewöhnt haben, zunächst einem anderen als dem von ihm angewendeten Untersuchungsverfahren zu vertrauen.

Es gibt streng genommen keine Fragestellung, keine wissenschaftliche und keine unwissenschaftliche, die als solche nicht auch ihre psychologische Seite hätte. Nicht nur das Fragen, sondern auch das, wonach gefragt wird, gehört ja  zunächst  jedenfalls dem psychischen Leben des Fragenden an, wobei es erst von der richtigen Antwort auf die Frage abhängen mag, ob durch dieselbe etwas getroffen wird, was unter Umständen außerhalb jenes oder etwa auch außerhalb jedes Lebenskreises liegt.

Aber es sind nicht Beziehungen so allgemeiner Art, auf welche die Psychologie die Hoffnung gründen darf, zur Lösung der Wertprobleme einen Beitrag liefern zu können. Es scheint vielmehr, daß die Tatsache des Wertes selbst, das Wertphänomen, wenn man so sagen darf, sich gar nicht anders beschreiben läßt, als mit Hilfe von Bestimmungen, welche dem psychischen Leben entnommen, doch wohl auch vor das Forum der Psychologie gehören werden. Dafür Zeugnis abzulegen, wird die national-ökonomische Tradition selbst kaum verweigern können: es ist, soviel mir bekannt ist, niemals auch nur versucht worden, das Wesen des Wertes ohne Bezugnahme auf Psychisches zu definieren oder zu beschreiben und vielleicht ist auch noch niemand auf den Gedanken gekommen, daß es überhaupt ohne eine solche Bezugnahme geschehen könnte. Die auf Selbstverständlichkeit gegründete allgemeine Übereinstimmung geht aber noch weiter: kaum wird jemand meinen, der Tatsache des Wertes durch ausschließliche Berufung auf die intellektuelle Seite der menschlichen Natur Rechnung tragen zu können. Augenscheinlich ist es vielmehr das Gemütsleben, an das man sich zunächst zu wenden hat; wohin aber innerhalb dieses immer noch so weiten Gebietes, das ist bisher eine offene Frage geblieben. Nahe liegt zumindest die Möglichkeit, daß durch eine genauere Bestimmung dieses gleichsam psychologischen Ortes zugleich die Tatsache des Wertes selbst eine auch theoretisch befriedigende Präzisierung erfahren könnte; und es wird wohl in erster Linie Aufgabe der  psychologischen  Untersuchung sein, dieser Möglichkeit nachzugehen.


§ 2.
Außerökonomische Werte

Nun pflegt, wo verschiedene Wissenschaften an die nämlichen Tatsachen herantreten, meist Ähnliches zu geschehen, als wo verschiedene Menschen es tun: die Verschiedenart der Eigenart kommt in den Fragen zur Geltung, die gestellt werden; nach der Frage aber richtet sich die Antwort, in der Wissenschaft wie im Leben. Es sind ganz bestimmte Interessen, welche die Nationalökonomie zu den Wertproblemen hingedrängt haben: da ist es nichts als natürlich, daß auch die diesen Problemen gewidmeten Untersuchungen über den Kreis jener Interessen nicht hinausgegangen sind. Dagegen ist der psychologischen Betrachtungsweise eine solche Beschränkung durch nichts nahe gelegt: es stellt sich bei ihr daher ganz von selbst das Bedürfnis ein, die Frage nach dem Wesen des Wertes auf einen weiteren Tatsachenkreis zu beziehen, sie also insofern allgemeiner zu stellen.

Man brauch sonach den Traditionen der Nationalökonomie keineswegs einen Vorwurf machen zu wollen, wenn man gleichwohl darauf Gewicht legt, daß die allgemeinere Fragestellung durch den Umstand gerechtfertigt ist, ja geradezu verlangt wird, daß der Begriff des Wertes nicht, wie man doch anzunehmen pflegt, mit dem des "ökonomischen Wertes" sich deckt. (2) Es gibt eben nicht nur ökonomische, sondern auch außerökonomische Werte und das ist eigentlich eine so selbstverständliche Sache, daß der Existenznachweis in Betreff der letzteren namentlich zu Beginn einer Untersuchung, die gerade mit ihnen noch so viel zu tun haben wird, sich billig auf wenige Beispiele aus dem Gebiet täglichster Erfahrung beschränken darf.

Schon bei Gegenständen, die uns durch langen Gebrauch oder als Andenken "wert" geworden sind, könnte die Frage aufgeworfen werden, wie viel von so einem Wert innerhalb des Rahmens ökonomischer Behandlung zur Geltung zu kommen vermag. Daß aber der Wert, den wir auf den Beifall, die Achtung und die Wohlgesinntheit seitens der uns umgebenden Mitmenschen legen, unter normalen Umständen ganz und gar kein "ökonomischer Wert" ist, wird kaum von irgendeiner Seite angezweifelt werden. Auch die Schätzung, die wir der Liebenswürdigkeit, der Tüchtigkeit, dem Edelsinn eines Menschen nicht versagen, ist nicht ökonomischer Natur. Um aber nicht etwa die Vermutung aufkommen zu lassen, daß außerökonomische Werte nur durch die Beziehungen verschiedener Menschen zueinander zustande kommen, sei noch darauf hingewiesen, wie es auch wertvolle Erinnerungen gibt, wie einer auf diese oder jene Eigenschaft, die er besitzt oder zu besitzen meint, Wert legt und dgl.

Es ist natürlich leicht, sich solche Tatsachen durch eine entsprechende Definition des Wortes "Wert" fern zu halten; und ich erachte mich nicht für kompetent, ein Urteil darüber abzugeben, ob die Nationalökonomie durch ihre besonderen Aufgaben darauf angewiesen ist, vom Prinzip der Definitionsfreiheit in diesem Sinne Gebrauch zu machen. Der außerwissenschaftliche Sprachgebrauch aber hat dem Wort "Wert" ein so weites Anwendungsgebiet gesichert, daß eine Untersuchung, die sich nicht vermöge der Besonderheit ihrer Aufgaben zu einem Teil dieses Gebietes in einem besonderen Verhältnis befindet, einfach einseitig verführe, wollte sie einem anderen am Ende gar dem größeren Teil dieses Gebietes die Berücksichtigung versagen.


§ 3.
Wert und Bedürfnis

Indem im folgenden der Versuch unternommen werden soll, das Wesen des Wertes ohne einschränkende Nebenrücksichten zu erfassen, bietet sich nun doch zunächst ein Gedanke dar, der auch schon den Bestrebungen der um die Werttheorie verdientesten national-ökonomischen Forscher gute Dienste geleistet hat. Schon dem Denken des täglichen Lebens scheint nichts näher liegen zu können als die Annahme, ein Ding habe insofern Wert für uns, als es die Fähigkeit besitzt, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Um aber die Bedeutung dieser Bestimmung ermessen zu können, ist die Vorfrage unerläßlich, was hier unter Bedürfnis denn eigentlich zu verstehen sei.

Ohne die weitverbreitete, im Grunde aber doch immer recht wunderliche Neigung, psychische Tatsachen gewissermaßen als Wirklichkeiten zweiter Güte zu betrachten, hätte man wohl nie verkannt, daß der Bedürfnisgedanke ohne wesentliche Bezugnahme auf Psychisches niemals auszudenken ist. Wie die Dinge aber einmal stehen, ist es immer noch nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, daß etwa Selbst- und Arterhaltung, bei deren Begriffsbestimmung auf Psychisches zu rekurrieren ja in der Tat entbehrlich sein mag, zur Bedürfnistatsache zunächst doch in gar keiner anderen Beziehung stehen als der, daß sie uns die Erfahrung normalerweise als gleichviel wie wichtige und verbreitete,  Objekte  menschlichen Bedürfnisses kennen lehrt. Wer nicht die Spur einer Vorstellung davon hätte, was schreiben sei, wäre durch die Auskunft, daß es Wörter sind, die man schreibt, kaum erheblich belehrt: wer wissen will, was Bedürfnis ist, mag durch den Hinweis auf Bedürfnis gegenstände  in praktisch ganz empfehlenswerer Weise auf den Weg gewiesen werden, auf dem er sich selbst unterrichten kann; aber was als ultima ratio, vielleicht häufiger als man denkt, unvermeidlich sein mag, darf darum doch nicht mit dem Anspruch einer Definition auftreten. Zudem ist es gar nicht richtig, daß Selbsterhaltung für jedermann Bedürfnisgegenstand wäre: wer wird auch dem wirklich Lebensmüden einreden wollen, daß er nach dem, was das Leben erhält oder nach dieser Erhaltung selbst ein Bedürfnis habe?

Es geht also nicht an, von Bedürfnis zu reden ohne Bezugnahme auf Tatsachen psychischen Lebens, näher natürlich des Gemütslebens. Denkt man zum Zweck einer genaueren Feststellung etwa an das Nahrungsbedürfnis des Hungrigen, so drängt sich sofort der Gedanke auf, die wesentliche Leistung eines Bedürfnisobjektes sei die Beseitigung einer vorliegenden Unlust und darin bestehe eben die "Befriedigung" des Bedürfnisses. Aber das Bedürfnis nach Kleidung, Obdach und dgl. haben wir auch, wenn keine aktuelle Unlust vorliegt; es ist dadurch nicht (auch nicht vorübergehend) aus der Welt geschafft, daß es in gewissem Sinne befriedigt ist und man muß bei den Bedürfnissen, die wir "haben", geradezu die befriedigten als eine Art besonderer Klasse den unbefriedigten zur Seite stellen. Man wird also besser sagen: Bedürfnis habe ich nach demjenigen, was mir abgeht, wenn es nicht vorhanden ist. Das ist zwar keine schulgerechte Definition, dürfte aber für unsere nächsten Zwecke jedenfalls ausreichen.

Wollen wir nämlich wissen, wie die Tatsache des Wertes der Tatsache des Bedürfnisses gegenübersteht, so brauchen wir nunmehr zu fragen, ob denn wirklich nur das für uns Wert hat, auf dessen Abwesenheit oder Nicht-Existenz wir durch ein Unlustgefühl reagieren. Wer aber möchte vom Bauern, der nie von einer Dreschmaschine gehört hat, behaupten, dieser habe ein Bedürfnis nach einer solchen? Dennoch wird kaum bezweifelt werden, daß, wenn ihm eines Tages eine zur Verfüfung gestellt würde, dieselbe sofort Wert für ihn hätte und nicht etwa erst dann, wenn sich angesichts der Möglichkeit einer Arbeitserleichterung ein "Bedürfnis" danach eingestellt hätte. Immerhin kann aber hier noch ein Umstand die Beweiskraft des Beispiels beeinträchtigen. Die Mühe des Dreschens ohne Maschine ist auf alle Fälle ein Übel; das Nichtvorhandensein der Maschine hat also, wenn auch der Ununterrichtete davon keine Kenntnis hat, tatsächlich ein gewisses Superplus an Unlust an sich, so daß es immer noch einen Sinn behält, von einem mit der Abwesenheit des Objektes verknüpften "Abgang" zu reden. Man denke sich nun aber etwa eine vom Eisenbahnverkehr ausreichend abliegende Ortschaft oder auch eine Stadt im vorigen Jahrhundert. Daß für deren Bewohner eine Eisenbahn schon damals von großem Wert gewesen wäre, ist wieder selbstverständlich; und so weit dieser Wert sich etwa auf ökonomische Vorteile gegründet hätte, bietet dieses Beispiel dem vorigen gegenüber nichts Charakteristisches dar. Nehmen wir aber an, durch egal wie unwahrscheinliche Umstände würden alle Vorteile dieser Art paralysiert und das Einzige, was die fiktive Eisenbahn den Bewohnern zu leisten imstande wäre, bestände in der ihnen gewährten Möglichkeit eines Verkehrs mit fernen Freunden und Bekannten, dem ohne Eisenbahn praktisch unüberwindliche Hindernisse im Wege standen. Ohne Zweifel würde auch diese Leistung allein die Behauptung legitimieren, die Eisenbahn hätte für die Bewohner Wert. Von einem "Abgehen" im obigen Sinne aber wird hier, Fälle positiver Sehnsucht und was dem verwandt ist, abgerechnet, nicht mehr die Rede sein können, da unter den gegebenen Verhältnissen der Gedanke an einen Verkehr mit jemandem, der "hundert Meilen weit" wohnt, gar nicht aufkommt, geschweige das Verlangen nach solchem Verkehr. Hier ist es also nicht das Superplus des an das Nichtvorhandensein geknüpften Abganges, worauf der Wert des betreffenden Objektes beruth, sondern das Superplus des an dessen Vorhandensein geknüpften Gewinnes, Vorteiles oder wie man sonst sagen mag. Wie man sieht, weist uns hier der Wertgedanke nicht auf den Begriff des Bedürfnisses zurück, sondern auf den der Nützlichkeit und damit auf die alte, so viel bearbeitete Frage nach dem Verhältnis zwischen Nützlichkeit und Wert.


§ 4.
Wert und Nützlichkeit

Soviel der Außenstehende zu urteilen vermag, ist das Problem auf dem Gebiet, wo es sich zunächst unabweislich fühlbar machte, auch zum endgültigen Austrag gelangt. Daß nichts Wert haben könne, was "zu nichts nütze" ist, scheint dem Nachdenken des Alltagslebens klar; aber dem Paradoxon gegenüber, daß so nützliche Dinge wie Luft und Wasser unter gewöhnlichen Umständen für wertlos gelten, weiß es keinen Rat. Auch die ökonomische Theorie unterlag für eine Weile dem Eindruck dieses Paradoxons, bis Konzeption und Anwendung des Grenznutzenbegriffes (3) sie in den Stand setzte, der Vulgärmeinung von der engen Zusammengehörigkeit von Nützlichkeit und ökonomischem Wert zu ihrem Recht zu verhelfen. Natürlich wird aber angesichts der Veränderlichkeit des Wertes bei ungeänderter Nützlichkeit niemand mehr daran denken können, etwa das Wesen des Wertes kurzweg in der Nützlichkeit zu suchen: aber ein wesentliches Moment, ein unerläßlicher Teil der gesuchten Charakteristik könnte immerhin in der Nützlichkeit liegen; es kommt also darauf an, ob sich der Nützlichkeitsgedanke in diesem Sinne als verwendbar erweist.

Nützlich heißt etwas, sofern es die Fähigkeit hat, zu nützen, so wie etwas mit Rücksicht darauf schädlich genannt wird, wenn es schaden kann. Nur ein augenscheinlich laxerer Sprachgebrauch, dessen Analogon für den Fall des Schadens nicht gerade fehlt, aber augenscheinlich weit weniger verbreitet ist, setzt dieser stets potentiellen Nützlichkeit eine aktuelle zur Seite, indem er demjenigen, dem ein Ding eben tatsächlich nützt, gestattet, es in der Wendung auszudrücken, das Ding sei ihm nützlich. Deutlicher bleibt es jederzeit, in Fällen letzterer Art von Nutzen statt von Nützlichkeit zu reden; und wer wissen will, was Nützlichkeit ist, findet sich auf die Frage zurückgewiesen, worin der Nutzen oder das Nützen besteht.

Nun scheint freilich nichts natürlicher, als hierauf die Antwort zu geben, ein Ding nütze mir, sofern es in mir, egal unter Vermittlung wie vieler Zwischenglieder, ein Gefühl von Befriedigung, ein Gefühl der Lust, das Wort im weiten psychologisch-technischen Sinne genommen, wachruft, oder auch ein bereist anderweitig wachgerufenes Lustgefühl wach erhält. Nützen wäre demnach kurz so viel als Lust kausieren [verursachen - wp], Nutzen dann etwa die kausierte Lust und Schaden die kausierte Unlust. Aber auch im verhinderten Leid, der beseitigten Unlust erblickt man einen Nutzen, so daß im Begriff des Letzteren eine für einheitliche Gedankenkonzeptionen ganz ungewöhnliche Zweiteiligkeit oder Spaltung hervorzutreten scheint. Freilich ist man gerade bei Lust und Unlust an dergleichen gewöhnt und verschanzt sich hinter die Berufung darauf, daß ja allenthalben die Herabsetzung von Lust Unlust, die Herabsetzung von Unlust Lust bedeute. Aber derlei Äquivalenzbeziehungen ändern an der Zweiheit dessen, an dem sie zur Geltung kommen, so wenig, als etwa ein einheitlicher Name, der die beiden Seiten ex definitione zusammenfaßt. (4) Man könnte eben streng genommen nicht anders, als dem so definierten Wort, in unserem Falle also den Wörtern Nutzen und Nützlichkeit, eine einheitliche Bedeutung absprechen.

Von bei weitem größerem Gewicht als dieser immerhin recht theoretische Mangel müßte es aber sein, wenn auch in anderen Fällen als denjenigen, wo der Nutzen in einer Verhinderung von Unlust besteht, der Tatbestand des Nützens mit dem der Lustverursachung nicht zusammenfiele. Mir scheint das nun wirklich der Fall zu sein.

Vom Schulkind, das schreiben lernt, sagt man unbedenklich, der Unterricht nütze ihm, auch wenn es vorerst nichts zu schreiben hat. Freude muß ihm das Schreiben an sich darum auch nicht machen; wo liegt also die Lustkausation? Man erwidert wohl, Kausation werde schon kommen, sobald das heranwachsende Kind sich auf seine Fertigkeit angewiesen findet. Warum sagt man dann aber, der Unterricht  nütze  dem Kinde, wenn damit nur gemeint ist, er  werde  dem Kinde in Zukunft nützlich sein, sei es aber derzeit nicht? Lust kausieren ist am Ende doch etwas anderes, als eine Lust ursache  kausieren. Natürlich gilt das ganz allgemein von den vielen Fällen, wo der Nutzen eines Dinges darin besteht, daß sie uns zu anderen Dingen verhelfen, die erst ihrerseits und vielleicht immer noch nicht unmittelbar, zu Lusttatbeständen irgendwelcher Art führen. Und das sind so wenig die Ausnahmefälle von Nützlichkeit, daß der gewöhnliche Sprachgebrauch dort, wo einmal wirklich etwas wie unmittelbare Lustkausation vorliegt, sich geradezu weigert, den Ausdruck Nützlichkeit noch anzuwenden. Eine wohlschmeckende Frucht, eine reizvolle Kunstschöpfung nennt man angenehm, aber nicht nützlich. Beide Glieder des dem Alltagsleben so geläufigen Gegensatzens zeugen gleich kräftig gegen die Identifikation von Nutzen mit Lustkausation: das "angenehm" Genannte, sofern es Lust kausiert und doch nicht nützlich heißt, das "nützlich" Genannte, sofern es gerade die Fälle in sich begreift, wo nicht die Lust das zunächst Verursachte ist.

Auf eine viel wichtigere, für den Fortgang dieser Untersuchungen vielleicht fundamentale Einsicht führt uns ein anderes Beispiel. Einem Sammler ist ein guter Aufbewahrungsraum, dem Geizigen seine feuerfeste Kasse sicherlich von Nutzen und zwar nicht nur zu Zeiten, wo er sich seine Schätze besieht, sondern auch wenn er bloß an sie denkt, ja selbst zu Zeiten, wo seine Gedanken anderswo beschäftigt sind. Wie steht es in diesen beiden letzten Fällen mit der Lustkausation? Denkt er überhaupt nicht an seinen Besitz, so wird, um den vorhandenen Nutzen mit der Lustverursachung in die gewünschte Verbindung zu bringen, ein ähnliches Auskunftsmittel wie oben beim Schreibunterricht zu suchen und am Ende auch zu finden sein. Wie aber, wenn er an seinen Schatz denkt? Auf den ersten Blick scheint dies der für die Theorie der Lustkausation günstigere Fall: denn wenn der Sammler sich seinen Besitz vor Gefahren aller Art geborgen denken darf, so repräsentiert die in der Beruhigung hierüber liegende Befriedigung ein nicht gering anzuschlagendes Lustmoment, das offenbar auf die Tatsache der angemessenen Aufbewahrung gegründet ist. Hier entspricht also dem Nutzen in ganz unverkennbarer Weise die Befriedigung; darf man aber behaupten, daß diese Befriedigung hier durch das nützliche Objekt  hervorgebracht  ist? Das Magazin oder die Kasse konnte im Sammler freilich einmal eine Wahrnehmungsvorstellung hervorrufen, deren Reproduktion nun das Lustgefühl erregen helfen mag. Aber das Vorstellen ist jetzt offenbar nicht wesentlich: er könnte auch ein Magazin vorstellen, das nicht ihm, sondern einem anderen gehört, er könnte sich seine eigene Sammlung darin untergebracht denken; das würde ihm aber keine Befriedigung bereiten und ihm in diesem Sinne nichts nützen. Ein andermal kann er durch den Gedanken an eine Aufbewahrungsgelegenheit erfreut werden, die durch fremde Vermittlung seinem Besitz zustatten kommt, noch ehe er selbst Gelegenheit gefunden hat, seinen Schatz etwa in der neuen Aufstellung zu besichtigen. Was hier zwischen dem Objekt, auf das sich das Lustgefühl bezieht und zwischen diesem genügt, auf Beispiele hingewiesen zu haben, wo die Kausalbeziehung es offenbar nicht ist. Mit dem Nützen geht hier wirklich ein Lusttatbestand Hand in Hand; Nützen ist aber doch nicht Lustkausation, weil die Verbindung zwischen dem nützlichen Gegenstand und der Lust keine kausale ist.

Zusammenfassend kann man also sagen: Wer Nutzen und Nützlichkeit durch Lustkausation zu bestimmen versucht, definiert zu weit, indem er das "Angenehme" mit einbegreift, ja im Grunde geradezu das Angenehme anstelle des Nützlichen setzt; er definiert andererseits zu eng, indem er Nützlichkeitsfälle nicht einzubeziehen vermag, die mit der Lust anders als ursächlich verknüpft sind.

Dem Mangel kann aber abgeholfen werden durch eine zunächst ziemlich unscheinbare Abänderung. Damit etwas nützlich heiße, ist durchaus nicht nötig, daß es direkt Lust verursache, ja mit Rücksicht auf das zuletzt Beigebrachte ist das vielleicht gar nicht statthaft. Dagegen darf von allem Nützlichen als solchem verlangt werden, daß, was es hervorbringt oder hervorbringen hilft, nicht wertlos sei. Dem Schulkind ist der Schreibunterricht nützlich, weil es durch diesen eine Fähigkeit gewinnt, die ihm von Wert ist - schon jetzt ist und nicht etwa bloß später sein wird, so gewiß für jedermann eine gesicherte Zukunft von Wert  ist  und nicht etwa erst dann  sein wird,  wenn sich die Zukunft zur Gegenwart umgewandelt hat. In gleicher Weise ist dem Sammler das Repositorium nützlich, indem es der sicheren Unterbringung seines Besitzes dient, die ihm gleichfalls von Wert ist. Auch was dazu dient, vorhandenen Schmerz zu lindern oder drohenden abzuwehren, ist mir von Nutzen, weil die Minderung eines vorhandenen, die Abhaltung zu gewärtigenden Leides einen unzweifelhaften, eventuelle recht beträchtlichen Wert für mich repräsentiert. Man darf demnach sagen: nützen bedeutet soviel wie eine Werttatsache verursachen. Für den besonderen Fall, daß Lustkausation vorliegt, ist durch diese Bestimmung auch der durch das Sprachgefühl verlangten Mittelbarkeit dieser Kausation Rechnung zu tragen, denn es ist zwar nicht unmöglich, doch erfahrungsmäßig nichts weniger als gewöhnlich, Lust selbst als Werttatsache zu behandeln. Wird man sich ausdrücklich dessen bewußt, daß Lust wirklich selbst einen Wert repräsentiert, dann wird man auch nicht sprachwidrig finden, das, was dieses Wertobjekt hervorbringt, als solches nützlich zu nennen. (5)

Erinnern wir uns nun aber daran, daß der Anlaß und Ausgangspunkt der Erwägung über das Wesen der Nützlichkeit das Streben gewesen ist, mindestens einen Teil dessen, was für den Wert charakteristisch ist, aus dessen enger Verbindung mit der Nützlichkeit zu erschließen, so belehrt uns das eben gewonnene Ergebnis aufs Einleuchtendste über die Fruchtlosigkeit solchen Beginnens. Nützlichkeit kann den Wert darum nicht ganz und auch nicht teilweise charakterisieren, weil sie selbst erst durch Bezugnahme auf den Wert charakterisierbar ist. Nicht der Wert ist vom Nützlichkeitsbegriff abgeleitet, sondern umgekehrt der Nützlichkeits- vom Wertbegriff. Der Nützlichkeitsbegriff ist zur Gewinnung einer annehmbaren Wertdefinition womöglich noch ungeeigneter als der Begriff des Bedürfnisses.


2. Abschnitt
Wesen des Wertes

§ 5.
Werthaltung und Existenzgefühl

Ob von dem bisher eingeschlagenen Verfahren ein besserer Erfolg zu erwarten wäre, wenn anstelle von Bedürfnis und Nützlichkeit ein anderer Gedanke träte? Statt dieses Problem, dem wenigstensich eine beachtenswerte Gestalt weiter nicht mehr zu geben vermöchte, etwa noch in abstracto zu erwägen, will ich lieber sogleich den Weg einschlagen, der mir zum Ziel zu führen scheint: ich meine den schon oben in Aussicht gestellten Weg einer psychologischen Untersuchung.

Eine ganz einfache Erwägung ist es, die uns diesen Weg weist. In allen Tatsachenfragen ist die möglichst enge Fühlung mit der Erfahrung ein erstes Erfordernis. Daß wir auch im Wert ein Tatsächliches vor uns haben, versteht sich; aber wie sieht eigentlich die Erfahrung aus, welche dieses Tatsächliche in sich enthält?

Nicht darum handelt es sich hier natürlich, innerhalb welchen Erfahrungskreises etwa Wert gegenstände  anzutreffen sind: ein solcher gleichviel durch welche Bestimmungen eingeschränkter Erfahrungskreis ließe sich gar nicht namhaft machen, weil es wahrscheinlich überhaupt nichts gibt, dem von Natur aus die Eignung fehlte, in dieser oder jener Weise Wertgegenstand zu sein. Es dreht sich hier vielmehr um jene Erfahrungen, denen wir den Wert gedanken  selbst entnehmen, oder auf die gestützt wir diesen Gedanken bilden: und da enthält gerade die Universalität des Gebietes möglicher Wertobjekte den kaum zu mißdeutenden Hinweis darauf, daß es nicht oder doch nicht zunächst die Gegenstände sind, auf die es ankommt, sondern unser Verhalten zu den Gegenständen. Sage ich von einem Ding, es sei mir wert, so beziehe ich mich dadurch auf eine ganz bestimmte Stellungnahme diesem Ding gegenüber, auf ein bestimmtes psychisches Erlebnis, durch welches das Ding eine charakteristische Bedeutung für mich erlangt hat. Daß dasjenige, was mir wert ist, was ich wert halte, eben darum auch Wert für mich hat, ist durch den Gleichklang der Wörter außerordentlich nahe gelegt, und ich finde nichts, was uns abzuhalten berechtigt wäre, hier dem im Ausdruck gelegenen Hinweis zu folgen. Aller Wert geht auf die psychische Tatsache dieses Werhaltens zurück; wollen wir also wissen, was Wert ist, so muß die Untersuchung von der Tatsache des Werthaltens ihren Ausgang nehmen.

Dabei ist vor allem ein Mißverständnis auszuschließen, das der hier verwendete Ausdruck "werthalten" leicht mit sich führen könnte. Werthalten soll hier nicht so viel bedeuten wie "für wert halten", was natürlich eine rein intellektuelle Operation wäre, auf die sich im gegenwärtigen Zusammenhang zu berufen schon deshalb nicht anginge, weil, um etwas als "wert", d. h. als Wertobjekt zu erkennen, man schon anderswoher wissen muß, was man dem betreffenden Objekt unter dem Namen des Wertes denn eigentlich zuschreibt. Ich gebrauche vielmehr die Wendung "etwas werthalten" analog zu "etwas hochhalten", was sicher niemand mit "für hoch halten" wird identifizieren wollen. In diesem Sinne kann ich etwas werthalten, noch lange bevor ich den Wertgedanken zu konzipieren imstande bin; die Werthaltung ist eben ein Geühl, das in seiner Selbständigkeit gar wohl fähig ist, für jene Konzeption die natürliche Grundlage abzugeben.

Oder wäre das gemütliche Verhalten, auf das es hier ankommt, nicht als Gefühl, sondern vielmehr als Begehren zu charakterisieren? EHRENFELS behauptet geradezu, Wert haben sei so viel wie  begehrt  werden (6); und wirklich scheint die Erfahrung unzweifelhaft zu ergeben, daß nichts begehrt wird, was nicht auch für den Begehrenden Wert hätte. Die Psychologie des täglichen Lebens wird aber dem sofort entgegenhalten, daß hier insofern eine Umkehrung des natürlichen Sachverhaltes vorliegt, als der Wert nicht erst durch das Begehren gleichsam geschaffen, sondern vielmehr von diesem bereits vorgefunden wird. Daran ist mindestens so viel richtig, daß das Werthalten sehr häufig dem Begehren vorangeht, und dieses Werthalten ohne Begehren beweist jedenfalls schon eine Wesensverschiedenheit gegenüber dem letzteren. Greifbarer noch ist jedoch ein anderer Umstand. Ich kann nicht begehren, was schon da ist, sondern nur etwas, sofern es nicht da ist. Das heißt nicht kurzweg, daß nur Künftiges begehrt werden kann: wer nur an das Wollen denkt, wird das freilich für das einzig Natürliche zu halten geneigt sein; indessen ist auch Wünschen eine Art Begehren, sozusagen ein niedrigerer Grad desselben, und wünschen kann man auch in Bezug auf Gegenwärtiges, ja auf Vergangenes. Aber immer unter der Voraussetzung, daß das zu Wünschende eben nicht bereit ist oder war: an diese Voraussetzung ist nun aber der Wert so wenig gebunden, daß vielmehr einem Objekt nur dann und insofern Wert nachgesagt werden kann, als es existiert. Und wenn dies selbst nicht in der Allgemeinheit zuträfe, wie es der Fall ist, so läge schon darin, daß wir so vielen Dingen Wert beimessen, die wir tatsächlich besitzen, oder sie sonst in einer Weise uns wirklich gegenwärtig ssind, der Beweis dafür, daß in der tatsächlichen Existenz unmöglich ein Werthindernis in gleicher Weise gesehen werden kann, wie sie ein Begehrungshindernis ist. Ich erachte damit für dargetan, daß in Sachen des Wertes auf das Begehren nicht zu rekurrieren ist: etwas anderes als das Gefühl steht uns aber dann schwerlich zu Gebote.

Natürlich kommt es nun sehr darauf an, ob dieses Gefühl des Werthaltens auch eine ausreichend scharfe psychologische Charakterisierung gestattet. Von selbst bietet sich aber als Mittel zu einer solchen die eben hervorgehobene Tatsache an, daß von Werthalten oder, wie wir stattdessen auch sagen können, von einem Wertgefühl stets nur mit Bezug auf Existenz und Existierendes die Rede ist. Dies gilt keineswegs von allen Gefühlen, wie sofort durch den Hinweis auf ästhetische Gefühle deutlich wird, die dem Erdichteten gegenüber ebensowohl zur Geltung kommen können wie dem gegenüber, was sich wirklich zugetragen hat. Dagegen kann ich auf nichts Wert legen, wenn ich es nicht für existierend halte, nur mit dem Beisatz, daß auch die Nicht-Existenz eines Dinges mir von Wert sein kann. Man kann in diesem Sinne sagen: für die Wertgefühle ist es wesentlich, daß sie Existenz-Gefühle sind.


§ 6.
Wert- und Lustkausation

Inzwischen wäre mit dem bloßen Hinweis auf Existenzen, die in vielen, wenn nicht in den meisten Fällen nur außerhalb des fühlenden Subjekts anzutreffen sein könnten, der Erkenntnis der psychologischen Sachlage noch wenig gedient: die Frage, was denn das Gefühl mit solchen Existenzen zu schaffen haben könnte, was es mit denselben verbindet, drängt sich unmittelbar auf. Auch um die Antwort meint man sich vorerst nicht verlegen: nichts kann selbstverständlicher sein, als daß die gesuchte Verbindung eben die kausale ist, indem die betreffenden Dinge, sofern sie existieren, in uns die betreffenden Gefühle hervorbringen. In der Tat, das Wasser, das meinen Durst, das Brot, das meinen Hunger stillt, aber auch Farben und Gestalten, wie Natur oder Kunst sie bieten, erwecken nicht nur Empfindungen, sondern auch Gefühle, und leicht mag es dann oft gelingen, sich zu überzeugen, daß eben diese Gefühle das eigentlich Wertvolle an den betreffenden Dingen ausmachen. Daß aber die Kausalverbindung nicht überall maßgebend sein kann, ließe sich schon aus einer ziemlich formalistischen Erwägung annehmen, falls wir oben im Recht waren, Wertgefühle nicht nur an Existenz, sondern eventuelle auch an Nicht-Existenz geknüpft zu erachten. Was nicht vorhanden ist, bewirkt auch nichts; an ein Wirken der Nicht-Existenz oder eine "causa deficiens" [unzureichende Ursache - wp] wird man wohl auch nicht denken wollen. Wo es eine Nicht-Existenz ist, auf die Wert gelegegt wird, muß die Verbindung mit einem Wertgefühl eine andere als die kausale sein.

So ein Raisonnement läßt sich jedoch entbehren, wo schon die Tatsachen so deutlich reden, Tatsachen obendrein, deren uns einige bereits begegnet sind. Wir haben ja den Gedenken der Lustkausation, auf den es hier am Ende doch wieder hinausläuft, schon einmal (siehe oben) als unzureichend empfunden; nunmehr, wo es über die bloße Negation hinaus zu einem positiven Ergebnis zu gelangen gilt, ist es am Platz, den wenigen dort beigebrachten Beispielen weitere an die Seite zu stellen, zugleich eine beiläufige Schätzung der Größe des hier in Betracht zu ziehenden Tatsachenkreises zu ermöglichen.

Übrigens ist aber zu diesem Ende weiter nichts nötig, als an die Gruppe der außer-ökonomischen Werte zu erinnern, auf die hinzuweisen gleichfalls bereits (siehe oben) Anlaß war. Nicht etwa, als ob alle außer-ökonomischen Werte die Kausalauffassung ausschlössen; aber immerhin wird man vorzugsweise unter ihnen Fälle antreffen, welche einer solchen Auffassung widerstreben, dann aber allerdings auch solche, welche diese Auffassung gar nicht zulassen. Man braucht nach illustrierenden Belegen für beides nicht eben lange zu suchen.

Worauf beruth etwa der Wert, den wir auf den Beifall unserer Umgebung zu legen pflegen? Sicher mag es vielfach ohne besondere Mühe gelingen, für denselben Lustkausationen im herkömmlichen Sinn aufzuweisen: man denke etwa an den ausübenden Musiker, der auf Unterricht und Konzerte als Erwerb angewiesen ist. Aber kein Unbefangener wird meinen, daß nur unter Voraussetzungen dieser Art der Beifall für den Künstler Wert hat; weit eher wird sich Gelegenheit finden, über die Voraussetzungslosigkeit dieses Wertes zu staunen, der sich manchmal sogar von der Urteilsfähigkeit, ja in extremen Fällen von jeder wie immer gearteten Beschaffenheit des den Beifall Zollenden unabhängig zeigt. Unterdessen scheint aber der Gedanke der Lustkausation immer noch Raum finden zu können: der Beifall, wird man etwa sagen, erweckt die Beifallsäußerung, diese aber angenehme Empfindungen in demjenigen, dem der Beifall gilt. Nun wird das aber doch nicht so zu verstehen sein, als ob das Geräusch des Händeklatschens den Konzertgeber etwa in der Weise angenehm berührte, wie der elementare Wohlklang einer schönen Stimme. Also nicht auf die "angenehm betonte" Empfindung, wie man manchmal sagt, kommt es an; der Beifallsausdruck erfreut vielmehr nur um dessen willen, was er ausdrückt; die Beschaffenheit der mehr oder minder konventionellen Beifallsbezeigungsform ist durchaus Nebensache. Natürlich liegt auch hierin noch kein Hindernis für die Anwendung des Kausalgedankens; man braucht an die obigen Glieder der Kausalkette nur noch eines zu schließen. Der wahrgenommene Beifallsausdruck erregt im Wahrnehmenden die Überzeugung vom Vorhandensein des Beifalls; diese Überzeugung aber ist es, welche den Künstler befriedigt. Und dagegen ist in der Tat nichts einzuwenden; nur eine Frage drängt sich auf. Letzte Ursache der Befriedigung ist hier das Wissen um den Beifall, das hier in der Tat auf diesen Beifall selbst als Ursache zurückgeht. Wäre nun für das Wertgefühl des Künstlers die Sachlage eine wesentlich andere gewesen, wenn dieses Wissen auf andere Ursachen zurückzuführen gewesen wäre, als auf die Existenz des Gewußten? Wir kommen auf die Frage bald genug zurück: als Beispiel von einer Sachlage,, die sich dem Gedanken der Lustkausation zumindest nicht eben ohne Widerstreben fügt, wird das Dargelegte jedenfalls betrachtet werden können.

Aber dieses Widerstreben hätte seitens dessen, der sich in den Kausationsgedanken einmal hineingelebt hat, aufwenig Beachtung zur rechnen, gäbe es nicht Fälle, wo es schlechthin unüberwindlich ist. Man denkt sofort an Wertgefühle, die sich an Objekte schließen, die unserer Wahrnehmung nicht gegenwärtig sind; so hält der Musiker sein Instrument wert, auch wenn er es nicht vor sich hat. Wird aber das Gefühl hier nicht statt durch die Wahrnehmung durch die Erinnerung an das Wertobjekt kausiert, welche Erinnerung dann doch wieder Wahrnehmung und daher Existenz des Objekts zu mittelbaren Ursachen hätte? Sorgfältiger Erwägung wird diese Auffassung schwerlich standhalten. Die Erinnerung an den Zeitpunkt, da der Künstler sein Instrument zum letzten Mal gesehen hat, kann für das Wertgefühl nicht entscheidend sein: denn wäre einstweilen sein Instrument verloren gegangen, so hätte die Erinnerung, dazu vielleicht auch ein Wertgefühl, aber jedenfalls eines von gerade entgegengesetzter Qualität als das, von dem bisher ausschließlich die Rede war. Dieses Wertgefühl hat mit dem Instrument zu tun, sofern es gegenwärtig im Besitz des Künstlers ist; die Überzeugung (wir werden wieder auf diese gedrängt) vom gegenwärtigen Besitz aber hat nicht die Erinnerung an den vergangenen zur Ursache, wenigstens nicht sie allein. Gesetzt überdies etwa, das Instrument sei ihm entwendet worden; er findet aber die Spur, nicht des Instruments, wohl aber des Diebes, und hat Gründe, die ihn an der Zurückgewinnung des Verlorenen nicht zweifeln lassen. Dann ist sein Wertgefühl im wesentlichen wieder hergestellt, obwohl eine direkte Kausalverbindung mit dem Instrument dabei gar keine Rolle mehr gespielt zu haben braucht.

Läßt sich dies an einem Wertobjekt dartun, dem die Fähigkeit, sinnlich zu befriedigen, also Lust zu kausieren, gleichwohl ganz wesentlich ist, so wird Gleiches umso leichter dort gelingen, wo diese Fähigkeit unbeschadet des Wertes des betreffenden Gegenstandes fehlen kann. Der Brief eines verstorbenen Freundes ist mir wert, obwohl er in keinem Sinn auf "Schönheit" Anspruch erheben kann, vielleicht mir auch tatsächlich mehr trübe als heitere Gedanken erregt. Wieder kommt es auf das Bewußtsein an, ihn zu besitzen; dieses kann auf ein Wahrnehmungsurteil und damit auf Kausation zurückgehen, aber immer sind Umstände möglich, die eine solche Annahme nicht aufkommen lassen.

Zum Schluß noch ein Beispiel, dessen Alltäglichkeit den Schein streuen soll, als hätte man, um Instanzen gegen die Lustkausation auf dem Wertgebiet zu erhalten, zumindest immer künstliche Fiktionen oder Konstruktionen nötig. Gesetzt, ich weiß vom heutigen Tag, daß er einen fernen Freund an ein lang ersehntes Ziel bringt; ich freue mich darüber und drücke vielleicht meine Freude in einem Glückwunsch-Telegramm aus. Woher ich um die Sache weiß, ist einerlei; nur so viel sei vorausgesetzt, daß mir von diesem Ereignis nicht erst nach dessen Eintreffen, telegraphisch etwa, Kunde wurde. Daß mir das Ereignis von Wert ist, wird niemand bestreiten; mein Wertgefühl aber kann unmöglich durch dasselbe kausiert sein. Es muß darum nicht jeder Kausalzusammenhang fehlen: vielleicht kannte ich die Ursachen des Ereignisses und schloß von diesen mit Recht auf das Eintreffen der Wirkung. Es ist aber selbstverständlich, daß eine Verbindung, die erst in einer Kausalreihe ein paar Schritte zurück, dann aber in einer anderen Richtung wieder ein paar Schritte vorwärts geht, etwas wesentlich anderes ist als dem Kausationsgedanken vorschwebt.

Vielleicht gewinnt der Leser späterer Ausführungen den Eindruck, daß es Wertgebiete gibt, welche das, was ich durch obige Beispiele zu erweisen versuchte, noch viel deutlicher erkennen lassen. Mir ist es jedoch zweckmäßig erschienen, mich vorerst vom Umkreis dessen, was man herkömmlicherweise als Werttatsachen zu betrachten pflegt, nicht allzuweit zu entfernen. Gleichwohl erachte ich durch das Obige für erwiesen, daß es für das Wertgefühl jedenfalls nicht wesentlich ist, durch das Wertobjekt verursacht zu sein. Für die Fälle aber, wo diese Kausalverbindung fehlt, ist die Frage unabweislich, in welch anderer Weise denn der Zusammenhang zwischen dem Wertgefühl und dem Gegenstand, auf den es sich am Ende doch "bezieht", hergestellt ist.


§ 7.
Die Verbindung durch das Urteil

Die Antwort liegt in den obigen Beispielen klar zutage. Ob und wie der dem Künstler gespendete Beifall ihn kausal zu affizieren vermag, mußte zweifelhaft bleiben; daß aber der Künstler um die Tatsache des Beifalls  wissen  muß, ergab sich als unerläßliche Voraussetzung seines Werthaltens. Dieses Wissen, genauer diese Überzeugung (sie könnte einmal auch auf einem Irrtum gegründet sein) erscheint hier als direkte Ursache für das Auftreten des Wertgefühls, und dieses Überzeugungsmoment tritt uns auch in den anderen Beispielen in genau derselben Stellung zum Wertgefühl entgegen. Man muß an seinen Besitz glauben, um sich desselben zu freuen; um die Reliquie wert zu halten, bedarf ich der Überzeugung von ihrem Vorhandensein; um den bedeutungsvollen Tag im Leben des Freundes mitzufeiern, muß ich daran glauben, daß das bedeutsame Ereignis eingetreten ist. Bedienen wir uns für "überzeugtsein", "glauben" und dgl. des in der Psychologie dafür als technischer Ausdruck gebräuchlichen Wortes "urteilen", so können wir einfach sagen: wo das Wertobjekt das Wertgefühl nicht verursacht, da ist ein  Urteil  über die Existenz des Wertobjekts die Ursache des Wertgefühls; das Urteil ist es hier, welches die Verbindung zwischen Wertgefühl und Wertobjekt herstellt.

Fragt man nun weiter nach der Natur der Verbindung, welche so zwischen Gefühl und Existenz durch das Urteil vermittelt erscheint, so mag man freilich an ein Rätsel rühren, auf dessen Lösung für jetzt, allenfalls auch für lange oder gar alle Zeiten zu verzichten, so manchem als unvermeidlich erscheinen mag. Es liegt nicht daran, daß die eine psychische Betätigung (das Urteil) die andere (das Gefühl) erweckt; das ist so leicht oder auch so schwer verständlich, wie eben psychische Kausalfälle ohne Zusatz sonst auch. Wie fängt es aber sozusagen das Urteil an, eine Wirklichkeit, durch die es nicht einmal kausiert ist, gleichsam zu erfassen und so dem Gefühl zugänglich zu machen? Kein Leichtes wäre es für eine theoretische Auffassung, das Gewicht dieses Rätsels zu tragen, gäbe es überhaupt eine Theorie in Bezug auf das Wirkliche, die von diesem Rätsel frei wäre. Aber überall, wo wir "die Wirklichkeit erkennen", ist es das Urteilen, das sich in irgendeiner Weise dieser Wirklichkeit bemächtigen muß. Wie es dies kann, wie die Brücke aussieht vom Wissen zum Dasein, hat noch kein theoretisches Nachdenken ergründet; und doch vertraut alles praktische Denken wie alle Wissenschaft vom Wirklichen auf die Tragkraft dieser geheimnisvollen Brücke. Was aber alle Wissenschaft tun darf, wird auch den gegenwärtigen Untersuchungen nicht als Mangel anzurechnen sein, zumal es im besonderen keine Auffassung der Wertsachen geben kann, die in diesem Punkt günstiger gestellt wäre.


§ 8.
Das Wertgefühl als Urteilsgefühl

Wir haben die Fähigkeit des Urteils, zwischen Wertobjekt und Wertgefühl gewissermaßen zu vermitteln, bisher nur an solchen Werthaltungen erprobt, bei denen eine Kausalverbindung zwischen diesen beiden Momenten schwer oder gar nicht annehmbar erschien. Daraus folgt aber keineswegs, daß diese Vermittlerrolle mit einer solchen Kausalverbindung etwa unverträglich wäre. Vielleicht spricht die für alle Werttatbestände als solche doch wohl anzunehmende Gleichartigkeit derselben in den wesentlichsten Punkten sogleich für die Vermutung, das auf einem Teil des Wertgebietes Festgestellte werde sich wohl auf das Ganze dieses Gebietes übertragen lassen. Doch machen sich für eine solche Übertragung noch weit zwingendere Gründe gelten.

Im Grunde ist, um in dieser Sache klar zu sehen, weiter nichts mehr erforderlich, als eine jener Werthaltungen einmal unbefangenen Blickes ins Auge zu fassen, bei denen die Fähigkeit des Wertgehaltenen, Lust zu erregen, wesentlich ist. Daran kann hier doch auch niemand denken, daß die durch das Objekt unter günstigen Umständen erregte Lust selbst das Wertgefühl ist; sonst könnte man das Ding eben nur so lange werthalten, als es Lust erregt. Der Wert, en ich auf den Ofen lege, wird sicher auf die Annehmlichkeit des warmen Zimmers gegründet sein, zu dem er mir verhilft; aber das Werthalten des Ofens ist darum doch nicht etwa ein sinnliches, eher ein Temperatur-Gefühl. Fällt aber einmal das Wertgefühl und das durch das Wertobjekt verursachte Gefühl nicht mehr zusammen, dann besteht die Frage, was die Verbindung zwischen Wertgegenstand und Wertgefühl herstellt, für den Fall der Lustkausation ganz ebenso, als da, wo eine solche Kausation nicht vorliegt. Und ganz ebenso wie hier weist dann die Empirie auf das keinem Werthaltungsakt fehlende Urteil, die Überzeugung vom Dasein des Wertgehaltenen, so daß die theoretisch erwartete Konformität mit dem oben Untersuchten sich anhand einer direkten Erfahrung als völlig verifiziert herausstellt.

Indirektere Erwägungen können dann noch ein Übriges tun. Vor allem wäre noch einmal an das alte Paradoxon in Bezug auf die unabhängige Veränderlichkeit des Wertes gegenüber der Nützlichkeit zu erinnern: dasjenige nämlich, das im Fall einer Lustkausation mit dieser Hand in Hand geht, ist die Nützlichkeit und nicht der Wert. Es kann also in Sachen der Lustkausation alles unverändert bleiben, gleichwohl kann der Wert, bzw. die Intensität des Wertgefühls zwischen Null und einem recht erheblichen Betrach variieren; es braucht dazu vom betreffenden Gut nur das eine Mal sehr viel, das andere Mal sehr wenig verfügbar zu sein. Für die Lustkausation bedeutet es natürlich nicht das Mindeste, ob neben dem kausierenden noch viel oder wenig Objekte ähnlicher Beschaffenheit existieren: daß dagegen ein Gefühl, das seiner Natur nach durch ein bestimmtes Urteil wachgerufen wird, durch das Wissen über konkomittierende [begleitende - wp] Umstände, also wieder durch Urteile, in seiner Stärke modifiziert werden kann, ist mindestens eine ganz plausible Annahme.

Ferner muß hier nochmals, und diesmal mit vollem Nachdruck, der Tatsache gedacht werden, daß sich nicht nur an Existenz, sondern auch an Nicht-Existenz Wertgefühlt knüpfen, die je nach Beschaffenheit des Nicht-Existierenden sich bald als Gefühle des Mangels, bald als Gefühle der Freiheit darstellen. Konnte schon oben bemerkt werden, daß, was nicht da ist, auch keine Lust kausieren kann, so ist nunmehr hinzuzufügen, daß die Vermittlung durch das Urteil auch hier selbst jeden Schein einer Schwierigkeit beseitigt. Wieder ist es nicht die sozusagen objektive Nicht-Existenz, sondern das Wissen um dieselbe, genauer das Urteil, das negative natürlich, was das Wertgefühl erreg; das negative Urteil ist aber selbstverständlich ebenso real, ist eine ebenso positive psychische Tatsache wie das affirmative [zustimmende - wp] so daß nicht der entfernteste Grund vorliegt, ihm die Fähigkeit zur Gefühlserregung abzusprechen.

Es scheint mir damit erwiesen, daß das Gefühl der Werthaltung, also jenes Wertgefühl, das in jeder Werttatsache als charakteristisches Moment derselben seine Stelle hat, psychologisch jedenfalls dadurch gekennzeichnet ist, daß es allemal auf ein bejahendes oder verneinendes Existenz-Urteil als auf seine psychische Ursache zurückweist. Ob das so entstandene Wertgefühl auch schon in sich, abgesehen von seiner Provenienz, eine charakteristische Eigenart besitzt, darf hier angesichts der Tatsache, daß uns eben in dieser Herkunft eine so deutliche Charakteristik gegeben ist, ununtersucht bleiben.


§ 9.
Wertgefühl und Wert

Nun ist aber an unserem Hauptproblem zum allermindesten noch ein Punkt einer Klärung bedürftig. Man wird anstandslos zugeben, daß der Wert auf das Wertgefühl zurückgeht, aber der Wert  ist  doch jedenfalls nicht das Wertgefühl. Wie hängt er also mit diesem zusammen? In welcher Weise kann das Wesen des Wertes aus dem Wertgefühl heraus erkannt werden?
Am einfachsten wäre es wohl, zu sagen: Wert hat für mich, was ich werthalte; der Wert eines Gegenstandes besteht demnach im Wertgehaltenwerden. Dies ist jedoch aus mehr als einem Grund unannehmbar. Einerseits kann sehr wohl etwas wertgehalten werden, das gleichwohl keinen Wert hat, alter und neuer Aberglaube hat gar vieles werthalten gelehrt, dem kein besonnen Denkender darum Wert beimessen wird. Weit häufiger noch ereignet sich der umgekehrte Fall, daß, was Wert hat, gleichwohl zur Zeit oder wohl gar überhaupt nicht wertgehalten wird. Ersteres findet an jedem Wertobjekt während bald kürzerer, bald längerer Zeit statt: auch bei dem, was für mich den größten Wert hat, können meine Gedanken nicht immer verweilen, noch weniger meine Gefühle; der Wert aber bleibt dadurch unberührt. Aber auch die oben an zweiter Stelle genannte Möglichkeit wird man oft genug realisiert finden. Schreiben zu lernen, hat für das Schulkind sicherlich Wert, auch wenn es in seiner Unwissenheit nicht den geringsten Wert darauf legen sollte. Ebenso kann mir ein Ding, über dessen Eigenschaften ich unzureichend oder falsch informiet bin, wertlos erscheinen, ohne daß sein, wenn auch unerkannter Wert darum geringer wäre.

Nicht ohne eigentümliche Schwierigkeiten, gleichwohl mindestens nicht prinzipiell abzuweisen ist eine dritte Eventualität: man denke sich einen Menschen, der mit seinen Interessen über die Gegenwart in keiner Weise hinauskommt, so daß ihm seine Zukunft wirklich völlig gleichgültig ist. Wird man darum sagen wollen, daß etwa ein Besitz, an dem seine ganze Zukunft tatsächlich hängt, für ihn wertlos ist? Oder hat für den Blödsinnigen eine Unterkunft, die ihn vor äußerster Not schützt, darum keinen Wert, weil er die Eventualität dieser Not, falls er an sie zu denken imstande ist, nicht in den engen Kreis seiner augenblicklichen Interessen aufzunehmen vermag? Ich zweifle nicht daran, daß man hier leicht genug auf äußerst schwer zu beantwortende Grenzfragen gelangen wird; so viel aber scheint mir durch das Beigebrachte erwiesen, daß der Wert an emotionalen Anomalien ebensowenig eine unüberwindbare Schranke findet als an intellektuellen.

Allgemein kann man also sagen: nicht an die aktuelle Werthaltung ist der Wert gebunden, sondern an die mögliche Werthaltung, und auch für diese sind noch günstige Umstände, eine ausreichendere Orientiertheit, sowie ein normaler Geistes- und Gemütszustand in Anschlag zu bringen. Der Wert besteht demnach nicht im Wergehaltenweren, sondern im Wertgehalten-werden-können unter der Voraussetzung der erforderlichen günstigen Umstände. Ein Gegenstand hat Wert, sofern er die Fähigkeit hat, für den ausreichend Orientierten, falls dieser normal veranlagt ist, die tatsächliche Grundlage für ein Wertgefühl abzugeben. (7)

Es liegt nahe, dieser Bestimmung des Wertgedankens ihre Kompliziertheit zum Vorwurf zu machen. Aber was an Genauigkeit über die Produkte des naiven Alltagsdenkens hinauszukommen versucht, muß diesen Produkten gegenüber eventuell auch etwas Umständlichkeit mit in Kauf zu nehmen entschlossen sein. Daß also die Denkpraxis des täglichen Lebens, wo sie mit dem Wert zu tun hat, viel summarischer verfährt, muß rückhaltlos eingeräumt werden. Sie tut es nicht nur im Fall des Wertes, sondern so ziemlich überall, wo dem Gefühl eine charakterisierende, demnach intellektuelle Funktion zufällt. Es geschieht dies nichts weniger als selten, wie die häufige Anwendung von Adjektiven wie "angenehm", "schön", "gut" und dgl. verrät, welche gleich ihren verschiedenen Determinationen ohne Einbeziehung des Gefühls sinnlos wären. Gleichwohl redet man vno einer wohlklingenden Stimme, von einer herrlichen Aussicht. Und besinnt man sich darauf, was man bei solchen Wendungen unter gewöhnlichen Umständen wirklich denkt, so fällt der Gefühlsanteil dort, wo er doch nicht fehlen kann, gar nicht als in besonderem Maße komplizierendes Moment ins Gewicht. Das kann insbesondere bei den sinnlichen Gefühlen auch gar nicht befremden; hier hat ja die außerordentlich enge Verbindung, welche das Gefühl mit Vorstellungsinhalten einzugehen vermag, längst im Begriff des "Gefühlstones" Anerkennung gefunden. Der Enge dieser Verbindung wird es wohl beizumessen sein, daß, obwohl dieselbe zunächst nur der Wahrnehmungsvorstellung zukommt, doch auch die Einbildungsvorstellung das (natürlich normalerweise nur vorgestellte) Gefühl, das die "Betonung" des Wahrnehmungsinhaltes ausgemacht hatte, einfach als Inhaltsbestandsstück aufnimmt und der Subjektivität seiner Provenienz [Herkunft - wp] weiter auch keine Rechnung trägt. Mit der nämlichen Leichtigkeit schreibt man dann einem Ton zu, daß er hoch oder tief, als daß er angenehm oder widrig sei, und man erlebt es oft genug, daß der Urteilende auf die Subjektivität von Attributen letzterer Art erst aufmerksam gemacht werden muß. Nun zeigen aber auch außersinnliche, z. B. ästhetische Gefühle diese, ich möchte sagen, Anschlußfähigkeit an rein intellektuelle Bestimmungen; so wird dann auch dort, wo etwas als wertvoll gedacht wird, sich die psychologische Sachlage meist viel einfacher gestalten, als bei faktischer Einbeziehung etwa des Fähigkeitsgedankens möglich wäre. Auch mag dieses abgekürzte Verfahren, das etwa einem psychischen Objekt ohne weiteres das Wertgefühl als Attribut beimißt, praktischen Bedürfnissen bestens entsprechen. Das kann aber nichts an der Tatsache ändern, daß das Gefühl weder eine Eigenschaft des betreffenden Dings sein kann, noch mit diesem Ding ebenso beständig verknüpft ist, wie der Wert es doch  ceteris paribus  [unter vergleichbaren Umständen - wp] sein soll. Meint man gleichwohl, auch für ein strengeres theoretisches Nachdenken nicht darauf verzichten zu dürfen, im Wert ein Attribut des Wertvollen, und zwar ein ihm möglichst konstant zukommendes zu erfassen, so muß der Gedanke des täglichen Lebens durch die Einschiebung eines Fähigkeitsmoments verschärft, aber allerdings auch kompliziert werden.


§ 10.
Die beiden Relativitäten am Wert

Es hieße nun dem Alltagsdenken Unrecht tun, meinte man, es habe sich in Sachen des Wertes allenthalben an dem genügen lassen, was eben mehr kurz als genau das abgekürzte Verfahren genannt worden ist. Das beweist der Umstand, daß, was man als die "Relativität" des Wertes bezeichnen kann, sich auch bereits der Aufmerksamkeit des theoretisch Naiven aufzudrängen pflegt und in sprachlichen Wendungen wie: "es hat Wert für mich", oder gar: "ich lege Wert darauf" zu einem deutlichen Ausdruck gelangt.

Es kann zunächst auffallen, daß das hier ohne Zweifel hervortretende Relativitätsbewußtsein sozusagen einen anderen Zielpunkt hat, als man fürs Erste erwarten möchte, nachdem man im Wert eine Fähigkeit erkannt hat. Es gibt keine Fähigkeit und kann keine geben, die nicht eine Fähigkeit zu irgendetwas wäre: dieses unerläßliche Korrelat fehlt natürlich auch beim Wert nicht; es ist, wie wir sahen, das Wertgefühl. Nun bezieht sich aber, was man die Relativität des Wertes zu nennen pflegt, nicht auf das Wertgefühl, sondern auf dessen Subjekt:  dieses  heben Redeweisen wie die eben angeführten hervor. Näher besehen hat man es hier aber auch gar nicht mit der ansich kaum sehr beachtenswerten Konsequenz daraus zu tun, daß Fähigkeit eben eine Relation ist, sondern vielmehr mit einem selbständigen und wichtigen Beitrag zur Ausgestaltung des Wertgedankens, den sich auch die theoretische Fixierung desselben zu eigen machen muß.

Ansich ist es nämlich freilich wieder sehr selbstverständlich, daß ein Wertgefühl sich nicht anders als an einem Subjekt zutragen kann. Daß also jeder Wert ein Wert für ein Subjekt sein muß, das präsentiert sich zunächst nicht anders als eine Weiterführung der schon im Fähigkeitsgedanken liegenden Relativität. Aber es liegt mehr darin. Wer ein Werkzeug verfertigt, stellt damit ein Ding von gewissen Fähigkeiten her: er ziehht aber dabei sehr wohl in Betracht, ob sich auch eine Gelegenheit finden wird, die Fähigkeit in eine Wirklichkeit umzusetzen, d. h. das Ding zu gebrauchen. Ganz ebenso gibt sich der Wertgedanke nicht mit der bloßen Fähigkeit zufrieden, sondern zieht auch die "Gelegenheit" mit in Betracht: Gelegenheit aber, d. h. Voraussetzung, unter der allein die Fähigkeit zum Wertgefühl sich sozusagen bewähren kann, ist das Vorhandensein eines psychischen Wesens von ausreichender Veranlagung, eines Subjektes also. Ein Ding kann was auch immer an Eigenschaften und Fähigkeiten haben, ansich machen diese seinen Wert noch nicht aus, sofern nicht ein Subjekt existiert, in dessen Gefühlsleen diesem Ding ein bestimmter Platz zukommt. Ohne sich im Mindesten zu ändern, kann ein Ding, das eben Wert hatte, diesen verlieren, indem das Subjekt zu existieren aufhört, auf das es seinem Wert nach hingewiesen war. Einem Ding Wert zuschreiben, heißt also nicht nur ihm eine gewisse Fähigkeit zuschreiben, sondern zugleich die Existenz eines Subjektes behaupten, dem diese Fähigkeit sich gleichsam in Wirklichkeit umsetzen kann.

Relativität des Wertes hat demnach, wie man sieht, streng genommen zweierlei zu bedeuten. Relativ ist der Wert einmal, sofern er Fähigkeit ist; relativ ist er aber auch, sofern seine Existenz außer an die Existenz dessen, von dem er ausgesagt wird, noch an die Existenz eines anderen Dings, des Wertsubjekts nämlich, gebunden ist. Eine solche doppelte Relativität ist gar nichts Seltenes: die Ähnlichkeitsurteile des gewöhnlichen Lebens z. B. stehen hierin mit den Werturteilen ganz auf gleicher Linie. SO wenig man einem Objekt einen Wert zuschreiben könnte ohne Hinblick auf ein Wertgefühl, so wenig könnte man etwas ähnlich nennen ohne Hinblick auf ein anderes, dem es eben ähnlich ist. Die Existenz des Ähnlichen liegt im Ähnlichkeitsgedanken streng genommen so wenig wie die Existenz des Urteilsgefühls im Fähigkeitsgedanken. Dennoch wird man in der Regel, wenn man einem Wirklichen eine Ähnlichkeit nachsagt, ein anderes Wirkliches im Auge haben. Was hier bloß die Regel ist, geschieht beim Wert sozusagen  ex definitione,  nur daß diese Definition nicht, wie die Analogie zur Ähnlichkeit nahe legen würde, das Fähigkeitskorrelat (das Wertgefühl), sondern dessen psychischen Träger in Anspruch nimmt.

So wenig übrigens in dieser doppelten Relativität etwas ansich besonders Ungewöhnliches liegt, so wird es doch dem Außerachtlassen dieser Doppelseitigkeit zunächst zuzuschreiben sein, daß man sich beim Wert mit dem in der Anerkennung seiner Relativität gelegenen Verzicht so schwer zufrieden gibt und immer wieder zu einem absoluten Wert der Dinge durchzudringen hofft. Es ist nämlich eine Tatsache, daß die eine der beiden Relativitäten sich so wenden läßt, daß, wenn man sie vom Objekt behauptet, diesem selbst zunächst nichts Relatives als Eigenschaft zugeschrieben wird. Den Fähigkeitsgedanken nämlich kann man auch so ausdrücken: das Objekt ist so beschaffen, daß, wenn jemand um seine Existenz weiß, er durch dieses Wissen freudvoll oder leidvoll affiziert wird. Was hier dem Objekt nachgesagt wird, ist das so und so Beschaffensein, welches natürlich davon ganz unabhängig ist, ob ein psychisches Wesen von dieser Beschaffenheit Notzi nimmt oder nicht. Das Verfahren scheint überdies seine Legitimation noch darin zu finden, daß es auch anderen Relationen gegenüber anwendbar ist; statt  A  dem  B  einfach ähnlich zu nennen, kann ich auch sagen:  A  ist so beschaffen, daß es, mit  B  verglichen, zum Vergleichsergebnis "Ähnlichkeit" führt. Ob letzterer Fall mit dem ersteren relationstheoretisch wirklich auf gleicher Linie liegt, könnte einer genaueren Untersuchung sehr zweifelhaft werden; uns liegt hier ein solche fern, und soviel ist nicht zu bestreiten, daß wirklich Ähnlichkeits- oder sonstige Vergleichsaussagen dazu dienen, ein Ding nach Eigenschaften, die nichts weniger als relativ sind, indirekt (8) zu bestimmen. Und sicherlich ist diese Wendung ins Objektive, oder genauer Absolute, dem Fähigkeitsgedanken viel weniger äußerlich als dem Ähnlichkeitsgedanken. Versteht also einer unter Wert wirklich nicht mehr als die Fähigkeit zum Wertgehaltenwerden, so ist auch gegen die Ausbildung des Gedankens von einem Ding immanten, absoluten, von allen Veränderungen in der Umgebung des Dings unabhängigen Wert nichts einzuwenden. Nur darüber darf er sich dann keinen Täuschungen hingeben, daß  dieser  Wert nicht das ist, was man sonst mit diesem Wort meint: denn der Wert im gewöhnlichen Sinn ist, wie sich übrigens in der Folge noch deutlicher herausstellen wird, alles eher als unabhängig von der Umgebung des Dings, dem er zugeschrieben wird. Ein Wert im gewöhnlichen Sinne existiert einfach nur sofern und solange jemand existiert, für den er ein Wert ist, und  diese  Relativität ist durch keinerlei Transformation auch nur dem Schein nach zu beseitigen. Wie fern aber der Wert in diesem Sinne dem steht, was sich als der eben berührte "absolute Wert" erfahren ließe, das zeigt am deutlichsten der Umstand, daß eine solche von ihrer Umgebung unabhängige Eigenschaft natürlich auch nicht an den Schwankungen partizipieren knnte, von denen nach allgemeiner Meinung der Wert im gewöhnlichen Sinne bei unveränderter Beschaffenheit des Objekts in jener charakteristischen Weise abhängig bleibt, welche in dem wiederholt berührten Paradoxon in Bezug des Verhaltens von Nützlichkeit und Wert ihren bekannten Ausdruck gefunden hat.

Mit dem Gegensatz zwischen absolutem und relativem Wert scheint der zwischen objektivem und subjektivem Wert zusammenzufallen, so daß, wenn es keinen Sinn macht, von einem absoluten Wert zu reden, es mit der Annahme objektiver Werte auch nicht viel besser bestellt wäre. Ob es damit seine Richtigkeit hat, soll vorerst noch dahingestellt bleiben: so viel ist nach dem Bisherigen ja jedenfalls selbstverständlich, daß, wenn wir im Folgenden versuchen wollen, den Erscheinungen des Wertgebietes etwas näher zu treten, der subjektive, psychologische Aspekt es ist, auf den wir zunächst angewiesen sind. Ist auch der Wert, wie wir nun wissen, nicht das Wertgefühl, so ist dieses doch das ausschließlich Phänomenale, also Erfahrbare am Wert: was die psychologische Empirie über dieses Wertgefühl lehrt, das muß dann sofort auch der Einsicht in die Werttatsachen zugute kommen. Zugleich wird sich wohl von selbst herausstellen, ob die Dinge hier wirklich so stehen, daß einer Gegenüberstellung objektiven und subjektiven, wahren und eingebildeten Wertes von vorn herein jeder Angriffspunkt entzogen ist.
LITERATUR - Alexius Meinong, Psychologisch-ethische Untersuchungen zur Werttheorie, Graz 1894
    Anmerkungen
    1) CHRISTIAN von EHRENFELS, Werttheorie und Ethik, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie", Leipzig 1893. Wo die Abhandlung im Folgenden ohne Angabe der Jahreszahl zitiert wird, ist stets der Jahrgang 1893 gemeint.
    2) Diese Koinzidenz impliziert z. B. die Definition CARL MENGERs (Grundsätze der Volkswirtschaftslehre I, Wien 1872, Seite 78); ausdrücklich wird sie daselbst Seite 81 am Ende der ersten Fußnote behauptet. Auch FRIEDRICH von WIESER meint seiner direkt ausgesprochenen Intention, "das  ganze  Gebiet der Werterscheinungen ohne irgendeine Ausnahme zu erschöpfen" (Der natürliche Wert, Wien 1889, Seite XI des Vorwortes) nachkommen zu können, obwohl seine Untersuchungen das ökonomische Gebiet nicht überschreiten.
    3) FRIEDRICH von WIESER, Der natürliche Wert, Seite 11f
    4) Dies bleibt auch gegen EHRENFELS' Begriff der "relativen Glücksförderung" selbst unter der Voraussetzung aufrecht, daß man die Aufstellungen, zu denen dieser in des genannten Autors Schrift "Über Fühlen und Wollen" (Wien 1887) führt, für ebenso natürlich und fruchtbar hält, wie sie scharfsinnig erdacht sind.
    5) Eine Seite des Sprachgebrauchs bleibt dagegen immer noch unberücksichtigt: man redet ohne Zweifel vorwiegend da vom Nützen, wo egoistische Interessen ins Spiel kommen. EHRENFELS hat darum innerhalb des durch obige Definition bestimmten Gebietes dem Nützen das "Frommen" gegenübergestellt (Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 17, Leipzig 1893, Seite 96f) Mir scheint indessen einer solchen Wortanwendung das Sprachgefühl noch weniger entgegenzukommen, als jener Erweiterung des Anwendungsgebietes für den Terminus "Nutzen", die mindestens der wissenschaftliche Sprachgebrauch in Wörtern wie "Nützlichkeitsprinzip", "Gemeinnutzen" und dgl. längst vollzogen hat.
    6) CHRISTIAN von EHRENFELS, Werttheorie und Ethik, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie", Leipzig 1893, Seite 89; über eine spätere Modifikation siehe weiter unten.
    7) EHRENFELS' Modifikation seiner oben besprochenen Wertdefinition, derzufolge unter dem für den Wert charakteristischen Begehren "nicht ausschließlich ein aktuelles, sondern ebensowohl ein mögliches Begehren oer, was dasselbe ist, eine Begehrensdisposition zu verstehen ist" (a. a. O. Seite 209) kommt praktisch dem obigen ziemlich habe, will man die Begehrensdisposition auch dort maßgebend sein lassen, wo durch die äußere Sachlage ein wirkliches Begehren ausgeschlossen ist. Das wäre dann aber eine jener "künstlichen" Definitionen, die selbst in der Mathematik, auch wenn sie den Vorzug größerer Präzision für sich haben, den natürlichen Gedanken so leicht eher verdunkeln als beleuchten. - Übrigens legt auch EHRENFELS seinen weiteren Untersuchungen nicht die Begehrungs-, sondern die Gefühlsdisposition zugrunde.
    8) Über den Begriff des indirekten Vorstellens vgl. meine Ausführungen "Zur Relationstheorie" (Hume-Studien II), Seite 87