ra-1cr-2M. MerlekerHönigswaldHume-Studien IIA. RiehlF. H. Jacobi    
 
ALEXIUS MEINONG
Zur Geschichte und Kritik
des modernen Nominalismus

[ Hume-Studien I ]
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"Es liegt in unserer Macht, die  Aufmerksamkeit  bei der Betrachtung eines Individuums in einem solchen Maß auf  einige  Merkmale desselben zu konzentrieren, daß wir infolgedessen von den übrigen Attributen absehen können. Wenn sich das aber so verhält, dann ist auch ein großer Teil von  Berkeleys  Polemik völlig gegenstandslos. Denn gehört die Aufmerksamkeit auch zu jenen Tatsachen des geistigen Lebens, für deren Erklärung die Psychologie noch am allerwenigsten getan hat, so kennen wir sie doch, Dank der inneren Erfahrung, gut genug, daß die Frage nach der Abstraktion wenigstens als gelöst zu betrachten ist, sobald sich diese auf die Phänomene der Aufmerksamkeit und der Ideenassoziation zurückführen läßt."

"Gesetzt, wir hätten zwei kongruente Dreiecke,  A  und  B;  ist nun die Dreieckigkeit von  A  identisch mit der Dreieckigkeit von  B?  d. h.  ist  die Dreieckigkeit von  A  die Dreieckigkeit von  B?  Niemand wird bestreiten, daß  A  fortbestehen kann, auch wenn  B  vernichtet ist, - ebensowenig wird angefochten werden, daß das Attribut an seinem Gegenstand haftet, mit ihm besteht, aber auch mit ihm vergeht. Gibt es nun  B  nicht mehr, so existiert auch die Dreieckigkeit von  B  nicht mehr, dagegen existiert  A  und die Dreieckigkeit von  A  ungestört fort. Nun ist aber die Dreieckigkeit von  A  nach  Mill  auch die Dreieckigkeit von  B,  somit existiert dieselbe Dreieckigkeit und existiert doch wieder nicht, was wohl niemand für möglich zu halten geneigt sein wird."

"Wenn  Locke  den Gebrauch der Worte für Dinge als einen verkehrten bezeichnet, so hat dagegen  John Stuart Mill  mit Recht darauf hingewiesen, wie wir weit davon entfernt sind, mit dem Satz:  die Sonne ist die Ursache des Tageslichts  etwas über unsere Vorstellungen aussagen zu wollen.  Berkeley  steht nun gewissermaßen in der Mitte zwischen diesen Gegensätzen, indem für ihn der Unterschied zwischen  Idee  und  Objekt  nicht existiert; der Fortschritt gegen  Locke  wird aber in der Behauptung deutlich, daß das allgemeine Wort nicht eine allgemeine Idee, sondern Individualvorstellungen bezeichnet."

Zur Geschichte und Kritik
des modernen Nominalismus

Es gibt in der Psychologie leider nur zu viele Fragen, deren Lösung schon in der verschiedensten Weise versucht worden ist, ohne daß es gelungen wäre, eine allgemeine Übereinstimmung in Bezug auf diese Lösung zu erzielen; aber zum Glück geht die Uneinigkeit doch nur in wenigen Fällen so weit, daß sie sich nicht bloß auf die Erklärung, sondern selbst auf die  Existenz  eines psychischen Phänomens erstreckte, wie das bei der  Abstraktions frage der Fall ist. Nicht nur darum handelt es sich seit BERKELEY,  wie  man zu abstrakgen Begriffen gelangt, sondern  ob  es überhaupt solche Begriffe  gibt - nicht  wie der Abstraktionsakt beschaffen ist, muß in erster Linie festgestellt werden,  sondern, ob ein solcher Abstraktionsakt überhaupt  möglich  ist, ob er nicht die menschlichen Fähigkeiten weit übersteigt.

Es müssen erhebliche Schwierigkeiten der Lösung dieses Problems entgegenstehen, wenn eine so lange Zeit dieselbe so wenig zu fördern vermochte, und kaum wird sich heute ein Einzelner noch Kraft genug zutrauen, gleichsam mit  einem  Schlag alle Zweifel und Kontroversen in dieser Hinsicht zu beseitigen. Aber was sich nicht mit  einem  Wurf gewinnen läßt, mag vielleicht doch allmählich, Schritt für Schritt, zu erreichen sein, und zu diesem Ende hat es sich stets als das Leichteste und doch zugleich Lohnendste herausgestellt, eine kritische Betrachtung des bereits Geleisteten der eigenen Untersuchung zugrunde zu legen. Wenn daher an dieser Stelle die eine der beiden heute einander gegenüberstehenden Abstraktionstheorien in der Darstellung, die sie durch ihre ersten und hervorragendsten Vertreter gefunden hat, einer eingehenden Prüfung unterzogen wird, so ist mindestens nicht alle Hoffnung ausgeschlossen, daß aus einer solchen Untersuchung außer für die Geschichte der Philosophie auch für die Aufklärung der in Rede stehenden Frage selbst mancher Nutzen erwachsen könnte.



Die Historiker haben sich mit der Behauptung, ein späteres Ereignis sie die  notwendige  Folge dieses oder jenes früheren gewesen, niemals sehr zurückhaltend gezeigt; ja sie pflegen Thesen dieser Art mit einer Sicherheit aufzustellen, als ob nicht schon dem Bemühen, das wirkliche Vorhandensein eines solchen Verhältnisses auch nur einigermaßen  wahrscheinlich  zu machen, in der Regel die größten Schwierigkeiten im Weg stünden. In dieser Beziehung muß die Tatsache, welche zur Ausbildung der modernen  nominalistischen  Abstraktionstheorie gewissermaßen den Anstoß gegeben hat, zu den Ausnahmen zählen. Wer sich die Charakteristik vergegenwärtigt, die JOHN LOCKE im vierten Buch seines  Essay concerning human understanding  von den abstrakten  Ideen  entwirft, - der wird in der Tat, heute wenigstens, kaum anders denken können, als daß eine Reaktion, wie sie in BERKELEYs Schriften bald genug eintrat, geradezu unvermeidlich war.

"Achten wir genau auf sie", sagt LOCKE (1), "so werden wir finden, daß allgemeine Ideen Gebilde und Erfindungen des Geistes sind, die nicht ohne Schwierigkeit gebildet werden und sich nicht so leich von selbst einstellen, wie wir zu glauben geneigt sind. Erfordert es z. B. nicht einige Mühe und Geschicklichkeit, die allgemeine Idee eines Dreiecks zu bilden, die doch noch keine der abstraktesten, umfassendsten und schwierigsten ist? Es soll die Idee eines Dreiecks gebildet werden, welches weder schiefwinklig noch rechtwinklig, weder gleichseitig, noch gleichschenklig, noch ungleichschenklig ist, sondern all das und zugleich nichts von dem. In der tat ist dies etwas Unvollständiges, das nicht existieren kann, eine Idee, worin einige  Teile  von verschiedenen und miteinander  unvereinbaren  Ideen zusammengestellt sind". Was LOCKE bei diesen Worten vorschwebte, kann nicht im Geringsten zweifelhaft sein; aber indem er Umfang und Inhalt des Begriffs  Dreieck  nicht auseinanderhielt, behaftete er den letzteren zugestandenermaßen mit einem inneren Widerspruch, und wer ihm einmal so weit folgte, für den lag wohl nichts näher, als noch einen Schritt weiter zu gehen und solchen abstrakten Begriffen die Existenz kurzweg abzusprechen.

Wirklich liegt dann auch in BERKELEYs Ausführungen auf der  Negation  das Hauptgewicht. Er leugnet, daß die innere Erfahrung von einem psychischen Vorgang des Abstrahierens Kenntnis gibt (2), er bestreitet die Möglichkeit eines Abstraktums im Hinblick auf den Satz des Widerspruchs (3), - ein dritter Einwand, die Frage,  wann  sich das Individuum die Fähigkeit zu der von LOCKE als so schwierig geschilderten Operatioin eigentlich erwirbt, (4) ist den beiden ersten gegenüber natürich nur von sehr untergeordneter Bedeutung. So weit ist auch alles klar und präzise; nicht das Nämliche ist aber von der Art und Weise zu sagen, in der er die so in die Erklärung der psychischen Phänomene gerissene Lücke wieder auszufüllen sucht.

Es handelt sich einfach um die Frage: wie sind, wenn es keine Abstrakta gibt,  allgemeine  Erkenntnisse möglich? ja, was ist überhaupt, wenn die Dinge sich so verhalten, unter Allgemeinheit zu verstehen? "Allgemeinheit besteht", nach BERKELEYs Meinung, "nicht in dem absoluten, positiven Wesen oder Begriff von irgendetwas, sondern in der Beziehung, in welcher etwas zu anderem Einzelnen steht, was dadurch bezeichnet oder vertreten wird, wodurch es geschieht, daß Dinge, Namen oder Begriffe, die ihrer eigenen Natur nach partikulär sind, allgemein werden." (5) Von den  allgemeinen Dingen  kann bei der vorliegenden erkenntnistheoretischen Frage natürlich nicht eingehender die Rede sein, umso mehr aber von den allgemeinen Namen und allgemeinen Begriffen.

Gibt es also auch keine  abstrakte  allgemeine Idee, so können  allgemeine  Ideen doch auf anderem Weg entstehen. Eine partikuläre Idee wird dadurch allgemein, "daß sie dazu verwendet wird, alle anderen Einzelvorstellungen derselben Art zu repräsentieren oder statt derselben aufzutreten". (6) Die Ideen verdanken daher ihre Allgemeinheit dem, was sie  bezeichnen,  man betrachtet sie darum auch, viel mehr nach ihrem  relativen  Wert, insofern sie für andere substituiert sind, als nach ihrer eigenen Natur oder um ihrer selbst willen". (7)  Wie  freilich diese Substitution, wie jene Repräsentation zu denken ist, darüber finden wir bei BERKELEY keinerlei Aufschluß.

Mit dieser Theorie von den allgemeinen Begriffen möchte es nun ganz wohl verträglich erscheinen, bezüglich der allgemeinen  Worte  an LOCKEs Behauptung festzuhalten:  "Worte  werden dadurch allgemein, daß sie zu Zeichen allgemeiner Ideen gemacht werden," (8) aber BERKELEY widerspricht dieser Ansicht. Nach ihm wird ein Wort allgemein, indem es als Zeichen gebraucht wird für alle partikulären Ideen, welche vermöge ihrer Ähnlichkeit zu derselben Art gehören und deren jede es besonders im Geist anregt; (9) es ist, wie man sieht, so ziemlich derselbe Vorgang wie bei der Bildung der allgemeinen  Ideen "Ebenso, wie die einzelne Linie dadurch, daß sie als Zeichen dient, allgemein wird, so ist der Name  Linie,  der ansich partikulär ist, dadurch, daß er als Zeichen dient, allgemein geworden. Und wie die Allgemeinheit jener Idee nicht darauf beruth, daß sie ein Zeichen für eine abstrakte oder allgemeine Linie wäre, sondern darauf, daß sie ein Zeichen für alle einzelnen geraden Linien ist, die existieren können, so muß auch angenommen werden, daß das Wort  Linie  seine Allgemeinheit von derselben Ursache herleitet, nämlich von dem Umstand, daß es verschiedene einzelne Linien unterschiedslos bezeichnet." (10)

Sonach steht der allgemeine Begriff wie das allgemeine Wort in gleicher Weise denselben partikulären Ideen als deren  Zeichen  gegenüber. Aber wie verhalten sich allgemeines Wort und allgemeiner Begriff  zueinander?  Sie sind nicht identisch, denn die allgemeine Idee ist ja, wie gesagt wurde, ihrer Natur nach den partikulären Ideen gleichartig, die sie vertritt, - nicht so das allgemeine Wort. Dieses ist aber auch nicht ein  Zeichen  für die allgemeine Idee, denn es bezeichnet, wie eben gezeigt,  alle  partikulären Vorstellungen derselben  Art  unterschiedslos (11). Daß aber gar die Idee ein Zeichen für das Wort sein sollte, das hat weder BERKELEY noch irgendjemand vor oder nach ihm behauptet. Besteht also gar keine Beziehung zwischen allgemeinen Worten und allgemeinen Ideen? Das scheint dann doch der Erfahrung zu widersprechen, aber BERKELEY selbst hat einen Weg, auf dem die Schwierigkeit zu lösen wäre, nicht gezeigt, und in der Tat ist kaum denkbar, wie hier ein Lösungsversuch zum Ziel führen könnte.

Also Worte werden allgemein, indem sie Zeichen für partikuläre Ideen werden; daraus darf jedoch nicht gefolgert werden, daß, so oft wir einen allgemeinen Namen hören, in uns notwendig eine solche Idee erregt werden muß, da vielmehr "im Lesen und Sprechen Gemeinnamen größtenteils so gebraucht werden wie Buchstaben in der Algebra, wo, obschon durch jeden Buchstaben eine bestimmte Quantität bezeichnet wird, es doch zum Zweck des richtigen Fortgangs der Rechnung nicht erforderlich ist, daß bei einem jeden Schritt jeder Buchstabe die bestimmte Quantität, zu deren Vertretung er bestimmt war, ins Bewußtsein treten läßt". (12) Aber noch mehr: es gib allgemeine Worte, denen gar keine Einzelvorstellungen zugrunde liegen; ein aktiver Geist, z. B. "kann weder eine Idee, noch einer Idee ähnlich sein", denn eine Idee ist absolut inaktiv. "Daraus scheint zu folgen, daß Worte, die ein aktives Prinzip bezeichnen, wie  Seele  oder  Geist,  streng genommen nicht für Ideen stehen, aber trotzdem sind sie nicht bedeutungslos, denn ich verstehe, was der Ausdruck  Ich  bedeutet, obwohl dies weder eine Idee, noch einer Idee ähnlich ist, sondern das, was denkt, will, Ideen empfängt und mit denselben operiert." (13) Ebenso können wir den Worten  Zahl  oder  Kraft  keine bestimmte Idee zugrunde legen, dennoch stellen wir bezüglich beider höchst evidente und nützliche Behauptungen auf. (14)

Diese Ausführungen könnten leicht zu der Meinung Anlaß geben, als sei es Berkeley hier darum zu tun, LOCKEs Behauptung, Worte seien Zeichen für Ideen, in dem Sinne zu berichtigen, daß Worte vielmehr Zeichen für vorgestellte Gegenstände sind. Daß dies jedoch, zumindest in seiner Allgemeinheit, der Ansicht des Irländers nicht entspricht, erhellt sich schon daraus, daß wenigstens bezüglich der Außenwelt der Satz LOCKEs, so universelle gefaßt, niemandem besser zusagen konnte als eben BERKELEY, für den ja alle sogenannten Außendinge nichts als Ideen sind. Übrigens muß jedem schon bei den wenigen, im Laufe unserer Darstellung zitierten Stellen aufgefallen sein, wie BERKELEY ohne Unterschied bald von Ideen, bald von Gegenständen spricht; im  Treatise  § 1 und 2 werden "Ideen" und "Objekte der menschlichen Erkenntnis" ausdrücklich gleichgesetzt, - von einer Entgegenstellung derselben kann daher auch, wo es sich um die Bedeutung der Namen handelt, nicht die Rede sein. Es scheint sich vielmehr aus den angeführten Beispielen zu ergeben, daß für BERKELEY hier zwei sehr verschiedene Gesichtspunkte maßgebend waren: Worte wie  Seele, Geist  stehen nicht für Ideen, weil wir nach BERKELEYs Metaphysik vom tätigen Träger der Ideen überhaupt keine Idee haben können. (15) Auch bezüglich der  Kraft  wäre es zumindest naheliegend genug, die Inaktivität der Ideen geltend zu machen; aber BERKELEY tut es nicht, und bezüglich der  Zahl  kann er es nicht tun, dasselbe gilt von den in demselben Sinn aufgeführten Worten wie  Zufall  und  Schicksal,  (16) was mag also BERKELEY hier vorgeschwebt haben? Da er selbst den Punkt nicht weiter aufgeklärt hat, kann man eben nichts als eine Vermutung aufstellen, und es liegt wohl am nächsten, an solche Worte zu denken, von denen man in gewöhnlicher Ausdrucksweise zu sagen pflegt, daß sie nicht einzelne  Dinge,  sondern Attribute oder Relationen bezeichnen. Sind alle Allgemeinbegriffe ihrem Wesen nach nur konkret, so muß es mindestens sehr zweifelhaft sein, ob Gegenständen, denen  für sich  gar keine Existenz zukommt, überhaupt eine  präzise  Idee entsprechen kann. Es genügt z. B. nicht, beim Wort  Zahl  an  Zwei  oder  Drei  zu denken; denn auch davon kann man keine konkrete Idee bilden, sondern nur von gezählten  Dingen,  - gleichwohl wenden wir in solchen Fällen Worte an, sie sind weit entfernt, bedeutungslos zu sein, aber  es sind Worte ohne Ideen. 

All das ist für die Abstraktionsfrage insofern von Belang, als BERKELEY in der Verkennung dieser Tatsachen den Anlaß zur irrtümlichen Annahme von abstrakten Begriffen zu finden glaubt. Setzen wir voraus, "jeder Name, der etwas bezeichnet, steht für eine Idee, . . . und es ist zugleich gewiß, daß Namen, die doch nicht für ganz bedeutungslos gelten, nicht immer denkbare Einzelvorstellungen ausdrücken, so läßt sich mit Strenge folgern, daß sie für einen abstrakten Begriff stehen." (17) So ist durch die hier dargestellte Theorie nicht nur ein in sich widerspruchsvolle Lehre zurückgewiesen, nicht nur eine neue Erklärung anstelle der unhaltbaren gesetzt, sondern zugleich auch der Ursprung des alten, für alle Philosophie so verhängnisvollen Fehlers nachgewiesen.

Werfen wir nunmehr einen  kritischen  Blick auf die hier in möglichster Gedrängtheit wiedergegebenen Ausführungen des Bischofts von Cloyne, so muß in erster Linie bezüglich seines Verhältnisses zu LOCKE hervorgehoben werden, daß der Charakteristik gegenüber, die dieser von der Abstraktion gab, dasselbe Dilemma anzuwenden war, das jeder mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmenden Definition entgegengehalten werden muß, nämlich: entweder die Definition ist richtig, dann kann in der Tat das beschriebene Ding nicht existieren, oder aber, die Definition ist falsch, und dann kann allerdings das fragliche Ding noch ganz wohl existieren, natürlich aber teilweise mit anderen Merkmalen als den ihm in dieser Definition erteilten. BERKELEY hat nun den fundamentalen Fehler begangen, von diesem Dilemmaa nur das eine Glied zu berücksichtigen. Es wird heute Wenige geben, die sich seiner  Polemik  gegen LOCKEs Darstellung der Abstraktion nicht anschließen möchten; aber wenn man auch zugeben muß, daß in den meisten Fällen das  Abtrennen  metaphysischer oder logischer Begriffsteile bei weitem nicht so selbstverständlich vor sich geht, als LOCKE anzunehmen scheint, wenn man ferner den von LOCKE postulierten Widerspruch zurückweisen muß, wäre damit implizit schon die Möglichkeit aller Abstraktion aufgehoben? Kann es nicht darum noch immer abstrakte Begriffe geben, wenn sie nur auf einem anderen Weg entstanden, und von denen LOCKEs noch insofern verschieden sind, als sie nicht die Konzeption eines Widerspruchs voraussetzen?

Daß dem scharfsinnigen Denker gerade diese Seite der Frage entging, muß umso mehr bedauert werden, als einige in seiner Darstellung als Inkonsequenzen erscheindende Zugeständnisse, gehörig ausgebildet, zu einer viel befriedenderen Erklärung der Abstraktionsphänomene hätten führen müssen, als BERKELEY auf dem von ihm eingeschlagenen Weg gelingen konnte.

Die eine dieser Konzessionen finden wir am klarsten in folgender Weise formuliert: "Ich bestreite nicht, daß" der menschliche Geist " in gewissem Sinne abstrahieren kann, insofern nämlich, als Dinge, die in Wirklichkeit  für sich  zu existieren vermögen oder so perzipiert werden können, auch abgesondert vorgestellt, oder eines vom andern abstrahiert werden können, z. B. der Kopf eines Menschen von seinem Leib, Farbe von Bewegung, Gestalt von Gewicht." (18) Demzufolge erleidet die allgemeine Behauptung, es gebe keine Abstrakta, schon sehr beträchtliche Ausnahmen. Zwar meint BERKELEY, man pflege das Wort  Abstraktion  gewöhnlich nicht in diesem Sinne zu gebrauchen, aber schon das kann nicht durchaus zugegeben werden. Wollte man z. B. die Körper nur in Bezug auf Gestalt und Farbe betrachten, dagegen von allen anderen Eigenschaften derselben, z. B. Gewicht, Solidität usw. absehen, so würde wohl niemand, der den Raum nicht etwa für eine  Anschauung  a priori hält, beanstanden, einen solchen Körperbegriff zwar minder abstrakt als den geometrischen, aber abstrakter als den physikalischen Begriff des Körpers zu nennen, - und doch unterscheidet sich unser Begriff vom letztgenannten nur dadurch, daß von diesem alle nicht direkt durch den Gesichtssinn wahrgenommenen, also gewiß auch für sich perzipierbaren Merkmale weggelassen wurden.

Man braucht darum noch gar nicht so weit zu gehen, wie WILLIAM HAMILTON, der in seinen Vorlesungen über Metaphysik (19) im Anschluß an LAROMIGUIÉRE sogar von einer  Abstraktion der Sinne  spricht und zur Erläuterung folgende Darstellung des Letzteren reproduziert: "Da wir mit fünf verschiedenen Organen ausgestattet sind, deren jedes dazu dient, eine bestimmte Klasse von Perzeptionen und Vorstellungen uns zu Gemüt zu führen, teilen wir natürlich alle sensiblen Objekte in fünf Qualitätsklassen ein. Der menschliche Körper ist demnach sozusagen selbst eine Art Abstraktionsmaschine. Die Sinne können nichts als abstrahieren. Könnte das Auge nicht Farben abstrahieren, so müßte es diese verschmolzen mit Gerüchen und Geschmäcken sehen, und Gerüche und Geschmäcke müßten notwendig Objekte des Gesichts sein." Hier ist nun wirklich das Wort  Abstraktion  ganz unglücklich angewendet. Denn jedenfalls muß unter Abstraktion, mag es nun eine solche geben oder nicht, ein psychischer Akt verstanden werden, durch den eine oder mehrere Vorstellungen aus einem größeren  Vorstellungs komplex ausgeschieden oder doch hervorgehoben werden; ehe also ein solcher vorhanden ist, kann von keiner Abstraktion die Rede sein. Wird daher auch, was gewiß nicht selbstverständlich ist, eingeräumt, daß die  Ursachen  mehrerer Vorstellungen  einer  Substanz anhaften, so sind dann zwar Komplexe realer Qualitäten gegeben, nicht aber Vorstellungskomplexe, von denen allein erst abstrahiert werden könnte. Daß hingegen ein solcher Einwand bei den von BERKELEY berührten Fällen nicht angebracht werden kann, leuchtet auf den ersten Blick ein; denn sind Vorstellungen auch abgesondert, von einander perzipiert worden, so können sie doch durch Assoziation eng genug aneinander geknüpft sein, um zur Loslösung eines besonderen psychischen Aktes zu bedürfen.

Von einer Beschränkung des Wortes  Abstraktion  wird also besser Abstand genommen werden; darum ist indessen BERKELEYs Unterscheidung ansich durchaus nicht wertlos. Unabhängig perzipierbare Vorstellungselemente (vor allem kommen hier solche in Betracht, welche gleich denen im obigen Beispiel dem Gebiet verschiedener Sinne angehören) haften in der Tat weit weniger fest aneinander, als solche, die stets nur zusammen wahrgenommen werden können; darum gelingt dort in der Regel die Abstraktion in weit vollkommenerem Maße als hier. Ich kann mir ganz gut ein Stück Steinsalz vorstellen und dabei von dessen Geschmack völlig absehen, während es mir unmöglich wäre, ein solches Mineral ohne jede Farbe zu denken.

Auf ganz ein anderes Gebiet gehörti und völlig unzutreffend ist jedoch BERKELEYs Beispiel vom Kopf und Leib des Menschen; denn, wenn er damit auch die Fähigkeit,  physische  Teile voneinander zu sondern, durch die Bedingung selbständiger Existenz oder eben solcher Wahrnehmbarkeit einzuschränken sucht, gibt er unausweichlich unhaltbaren Konsequenzen Raum, die sofort zutage treten, sobald man versucht, diesen Grundsatz beim wichtigsten unserer Sinne, dem Gesicht, zur Anwendung zu bringen. Perzipieren wir einen Gegenstand durch direktes Sehen, was auf  einen  Blick geschehen kann, wenn er klein oder fern, mittels Augenbewegung dagegen, wenn er groß oder nah ist, so müssen wir gleichzeitig seine Umgebung mitperzipieren; diese mag wechseln, aber immer wird irgendeine sich der Wahrnehmung aufdrängen. Es scheint also, daß wir bei der Vorstellung eines direkt gesehenen Gegenstandes von einer Umgebung (was bei BERKELEY so viel besagt als von einer konkreten Umgebung) unmöglich abstrahieren können, wenn BERKELEYs Einschränkung begründet ist. Nicht ganz dasselbe gilt nun allerdings von einem indirekt gesehenen Objekt. Zwar ist durch Augenbrauchen, Nase und Wangen das binokulare [beidäugig - wp] Gesichtsfeld nach oben und unten, das monokulare auch nach innen in sichtbarer Weise begrenzt, so daß jedes Objekt, möchte es in den angegebenen Richtungen auch noch so weit vom Fixationspunkt abstehen, immer noch, wenn überhaupt sichtbar, die bezeichneten Teile des Antlitzes zur Umgebung hätte. Aber nach außen ist jedes Gesichtsfeld offen, natürlich nicht ins Unendliche, aber doch so, daß ein Begrenzendes hier nicht wahrgenommen wird. Auf diesen Umstand könnte man sich nun zur Verteidigung BERKELEYs berufen, da es doch mindestens möglich ist, die Achse eines Auges so zu stellen, daß der fragliche Gegenstand gerade an die Grenze des Sehfeldes zu liegen käme, und so wenigstens teilweise ohne Umgebung perzipiert würde. Wer das behauptete, übersähe jedoch, einmal daß eine solche Stellung  zufällig  nur äußerst selten eintreten könnte, einer Absicht aber, sie herbeizuführen, sich wohl keiner, dem es nicht etwa um das Experiment zu tun war, zu erinnern weiß, - ferner, daß die Bilder an diesem äußersten Ende des Gesichtsfeldes so schwach und undeutlich sind, daß sie kaum mehr vermögen als die Reproduktion von vorher durch direkteres Sehen erhaltenen Perzeptionen zu erleichtern, ein  Gegensatz  so indirekt erhaltener Bilder gegen direkter erhaltene daher die Reproduktion gewiß nicht zugunsten der ersteren beeinflussen würde. Übrigens scheint auch die Erfahrung eines Jeden ganz unzweideutig zu zeigen, daß, wenn wir uns eines gesehenen Gegenstandes erinnern, wir denselben als möglichst direkt (selbst mit Zuhilfenahme der Augenbewegung) gesehen zu repräsentieren pflegen, - kurz, alles weist darauf hin, daß auch das indirekte Sehen in unserem Fall von keinem Nutzen sein könnte. Es ergibt sich daraus von selbst, daß, wenn BERKELEY Recht hat, wir völlig außerstande sind, die Idee einer Gegenstandes von der einer ganz bestimmten Umgebung zu abstrahieren. Dies widerspricht aber aller Erfahrung; und auch BERKELEY hätte gewiß beanstandet, explizit aufrechtzuerhalten, was, wie wir sehen, implizit mit seiner Behauptung stehen und fallen muß.

Wir hätten uns bei diesem scheinbar so minutiösen Fall kaum so lange aufgehalten, wenn BERKELEYs Beispiel nicht eines von denen wäre, welche die richtige Lösung der Hauptfrage ganz besonders nahe legen. Mag einer auch über seine Fähigkeit, von metaphysischen oder logischen Teilen abzusehen, zweifelhaft sein, so wird ein ähnliches Bedenken bei  physischen  kaum aufkommen. Keiner zweifelt daran, daß er von den verschiedenen Eindrücken, die sich etwa dem Auge oder Ohr auf einmal darbieten, in sehr verschiedener Weise Notiz nimmt. Fragt man aber einen, der sich nie mit philosophischen Spekulationen beschäftigt hat, wie ihm dies oder jenes entgehen konnte, was er unzweifelhaft vor Augen gehabt haben muß, so antwortet er etwa einfach, er habe eben auf etwas ganz anderes acht gegeben. Dabei ahnt er natürlich nicht, daß seine Antwort den Gesichtspunkt enthält, unter dem vielleicht eine vieldiskutierte philosophische Streitfrage ziemlich einfach zu entscheiden wäre.

Es ist übrigens leicht zu zeigen, daß auch BERKELEY selbst den Schlüssel zur Beseitigung aller Schwierigkeit in Händen hält, ja zuweilen unwillkürlich benützt, - und es ist auffallend genug, daß er dennoch von dessen eigentlicher Bedeutung keine Ahnung zu haben scheint. "Die Übereinstimmungen und Verschiedenheiten zu unterscheiden", sagt er einmal, (20) "die zwischen unseren Ideen bestehen, zu sehen, welche Ideen in einer zusammengesetzten Idee enthalten sind und welche nicht, dazu ist nicht mehr erforderlich, als eine  aufmerksame  Wahrnehmung dessen, was in meinem eigenen denkenden Geist vor sich geht." Diese Stelle müßte, alleinstehend, sehr befremden; es ist nicht abzusehen, wie man Elemente eines Ideenkomplexes unterscheiden kann, wenn man diese Elemente, die doch Abstrakta sein müßten, sich nicht vorzustellen vermag. Aber die Stelle wird vollkommen verständlich, wenn man eine andere zu Rate zieht, welche das zweite und wichtigste der oben berührten Zugeständnisse des irischen Philosophen enthält; sie lautet: "Es muß hier zugegeben werden, daß es möglich ist, eine Figur  bloß  als Dreieck  zu betrachten,  ohne daß man auf die besonderen Eigenschaften der Winkel oder Verhältnisse der Seiten achtet. Insofern kann man abstrahieren, aber das beweist keineswegs, daß man eine abstrakte, allgemeine, mit einem inneren Widerspruch behaftete Idee eines Dreiecks bilden kann. In gleicher Weise können wir PETER, insofern er ein Mensch ist, oder insofern er ein lebendes Wesen ist, betrachten, ohne die vorerwähnte abstrakte Idee eines Menschen oder eines lebenden Wesens zu bilden,  indem  nicht alles Perzipierte in Betracht gezogen wird." (21) In der Tat, damit könnte sich der eifrigste Vertreter eines Konzeptualismus zufrieden geben. (22)

Um die Tragweite dieser Worte zu ermessen, um zugleich zu erkennen, wie der Irländer, und wäre es auch zum Schaden seiner Konsequenz, der Wahrheit zuweilen näher kommen konnte, als viele seiner Nachfolger, muß man auf den Zusammenhang Rücksicht nehmen, in dem er sich zu diesem Ausspruch gedrängt fühlt. Gemäß den oben reproduzierten Erörterungen über die Allgemeinheit von Ideen und Worten läßt sich zwar vielleicht denken, wie wir dazu gelangen können, allgemeine Sätze  aufzustellen,  wie sind wir aber imstande, sie  zu beweisen?  Die von BERKELEY betonte Repräsentation kann hier augenscheinlich keinen Dienst leisten; denn repräsentierte auch die Vorstellung  a  die ähnlichen  b, c, d  usw., so sind die letzteren doch nur ähnlich, nicht gleich  a,  und nicht alles, was von  a  bewiesen werden könnte, muß darum für die übrigen Geltung haben, -  inwiefern  aber  a  die anderen Vorstellungen vertritt, ist durch die einfache  Tatsache  der Repräsentation völlig unbestimmt gelassen. BERKELEY verkennt keineswegs das Vorhandensein einer Schwierigkeit, er selbst wirft die Beweisfrage auf, und fährt dann (a. a. O.) fort: "Ich antworte darauf, daß, obschon die Idee, die ich im Auge habe, während ich den Beweis führe, z. B. die eines gleichschenkligen, rechtwinkligen Dreiecks ist, dessen Seiten von einer bestimmten Länge sind, ich nichtsdestoweniger gewiß sein kann, derselbe Beweis findet Anwendung auf alle anderen geradlinigen Dreiecke, von welcher Form und Größe dieselben auch immer sein mögen, und zwar darum, weil weder der rechte Winkel, noch die Gleichheit zweier Seiten, noch auch die bestimmte Länge der Seiten  irgendwo bei der Beweisführung in Betracht gezogen worden sind."  Übrigens liegt auch in diesen Worten nur, was schon die erst zitierte Stelle enthält, nämlich: daß es in unserer Macht liegt, die  Aufmerksamkeit  bei der Betrachtung eines Individuums in einem solchen Maß auf  einige  Merkmale desselben zu konzentrieren, daß wir infolgedessen von den übrigen Attributen absehen können. Wenn sich das aber so verhält, dann ist auch ein großer Teil von BERKELEYs Polemik völlig gegenstandslos. Denn gehört die Aufmerksamkeit auch zu jenen Tatsachen des geistigen Lebens, für deren Erklärung die Psychologie noch am allerwenigsten getan hat, so kennen wir sie doch, Dank der inneren Erfahrung, gut genug, daß die Frage nach der Abstraktion wenigstens als gelöst zu betrachten ist, sobald sich diese, wie dem Verfasser kaum zweifelhaft sein kann, auf die Phänomene der Aufmerksamkeit und der Ideenassoziation zurückführen läßt.

Die letzten Erörterungen haben uns von BERKELEYs negativen Aufstellungen über Abstraktion zu dessen positiven über Verallgemeinerung, von der Frage nach dem Inhalt zur Frage nach dem Umfang der Begriffe, sowie dem Verhältnis von Inhalt und Umfang zueinander geführt, einem Thema, über das auch in der neueren Logik und Psychologie vielfach noch ziemliche Unklarheit herrscht. Es empfiehlt sich daher wohl, ehe wir in der Prüfung BERKELEYs fortfahren, erst selbst ein wenig nach Klarheit suchen. Haben wir diese einmal gewonnen, dann wird auch die Beurteilng sowohl BERKELEYs als auch seiner Nachfolger viel rascher und sicherer vonstatten gehen, ja wir werden uns, soweit wir auf neuere Leistungen zu sprechen kommen, leicht jeder Kritik enthalten können, da der Vergleich sich dem Leser von selbst aufdrängen wird.

BERKELEY selbst hat uns, wie wir sahen, den Gesichtspunkt gegeben, unter dem sowohl die Berechtigung seiner Haupteinwendungen gegen Locke, als auch das Vorhandensein abstrakter Ideen anerkant werden kann.  Wie  die Aufmerksamkeit sich bei der Bildung abstrakter Begriffe aus konkreten tätig erweist, das erkennt jeder leicht, der auf sein eigenes Geistesleben achtet, und eine weiter unten wiederzugebende Darlegung JOHN STUART MILLs wird noch ein Übriges tun, den Vorgang klar zu stellen. Ebenso ist es selbstverständlich, daß das, was die Logiker den Inhalt eines Begriffs nennen, bei abstrakten Begriffen nur mit dem durch die Aufmerksamkeit hervorgehobenen  Teil  des betreffenden konkreten Vorstellungskomplexes zusammenfällt, während in den Umfang dieses Begriffs alle Individuen gerechnet werden müssen, welche sämtliche den Inhalt desselben ausmachende Attribute an sich tragen. Sobald wir nun aber daran gehen wollen, das Verhalten von  Abstrakt  und  Konkret  zu  Universell  und  Partikulär  auseinanderzusetzen, tritt uns sofort ein Hindernis entgegen, das schon mancher philosophischen Untersuchung verhängnisvoll geworden ist, Unsicherheit und Verwirrung in der Terminologie.

Von vielen wurden und werden nämlich die in Rede stehenden Ausdrücke ganz unterschiedslos füreinander gebraucht, so daß JOHN STUART MILL sich infolgedessen berechtigt glaubte, die gewissermaßen bestimmungslos gewordenen Worte  abstrakt  und  konkret  im Anschluß an die scholastische Diktion zur Bezeichnung eines Unterschiedes in der Klasse der allgemeinen Namen zu verwenden (23). Auch in Deutschland haben manche (z. B. ÜBERWEG, SIGWART) diese Ausdrucksweise akzeptiert; dennoch widerspricht sie noch immer dem gewöhnlichen Sprachgebrauch genug, daß eine Erwägung, ob denn garnichts zugunsten des Letzteren anzubringen wäre, gewiß nicht verspätet genannt werden kann. Eines mindestens scheint außer Zweifel: wer behauptet, daß die Prädikate  allgemein  und  abstrakt,  oder  besonders  und  konkret  sich allemal von denselben Begriffen aussagen lassen, meint in der Regel damit eine sehr wichtige psychologische Tatsache anerkannt, keineswegs aber bloß eine leere Tautologie gesagt zu haben; als gleichbedeutend gelten also diese Worte auch dem gewöhnlichen Sprachgebrauch keineswegs. Jedermann erkennt im Gegenteil bei geringer Überlegung, daß die Worte  allgemein  und  partikulär  auf den Umfang, die Worte  abstrakt  und  konkret  auf den Inhalt der Vorstellungen gehen. Allgemein ist ein Begriff, dem mehrere Gegenstände entsprechen oder doch entsprechen können, partikulär oder individuell hingegen der, welcher ohne Widerspruch oder wenigstens ohne unendlich große Unwahrscheinlichkeit eine Beziehung auf mehr als  ein  Objekt nicht zuläßt (24). Auf der anderen Seite liegt es am nächsten, jeden Begriff abstrakt zu nennen, der als das Resultat einer Abstraktion erscheint, während jeder, an dem noch nichts derartiges vorgegangen ist, als konkret zu bezeichnen sein wird. (25)

Eine Definition von der Art wie die beiden letzten könnte leicht eine  idem per idem  [durch sich selbst - wp] genannt werden, denn im Grunde besagen beide doch nicht mehr als: "abstrakt heißt, was abstrahiert ist", - allein jedenfalls ist dies das Naheliegendste und schon dieser Umstand ist bei Divergenzen im Sprachgebrauch ein Vorteil. Übrigens kann aber auch nicht gut daran gezweifelt werden, daß diese Definition für JOHN STUART MILL nicht minder maßgebend gewesen ist. Er spricht sich zwar (a. a. O.) dagegen aus, "den Ausdruck  abstrakter Name  auf alle Namen anzuwenden, welche das Ergebnis der Abstraktion . . . sind", - was konnte ihn aber bestimmen, auch nur die Namen der Attribute  abstrakt  zu nennen, wenn nicht eben der Umstand, daß diese als  Ergebnis der Abstraktion  gelten?

Kann dies aber von  Weiße, Menschentum, Alter  ausgesagt werden, so gewiß auch von  weiß, Mensch, alt;  die letzteren Namen (bzw. Begriffe) von der Klasse auszuschließen, der die ersteren angehören, obwohl die spezifische Differenz der Klasse allen in gleicher Weise eigentümlich ist, kann daher nur als ein logischer Fehler betrachtet werden. Damit ist natürlich durchaus nicht in Abrede gestellt, daß ein Unterschied besteht zwischen den Namen der Attribute und denen der Gegenstände, und um diesem Unterschied auch im Ausdruck gerecht zu werden, ohne neue Namen erfinden zu müssen, möchte es vielleicht angemessen sein, die erstgenannte Gruppe als  Abstrakta im engeren Sinn  den Abstraktis in der weiteren Bedeutung des Wortes entgegenzustellen.

Ist die Terminologie in dieser Weise geregelt, so kann keiner der in Rede stehenden Ausdrücke überflüssig heißen; denn jedem derselben entspricht ein ganz bestimmter, eigentümlicher Begriff, und wenn sich zwei dieser Begriffe auf denselben Gegenstand beziehen sollten, so wären sie darum nicht weniger verschieden als etwa die Begriffe:  bei 0° Celsius gefrierend  und:  aus Sauerstoff und Wasserstoff bestehend,  die bekanntlich beide von demselben Ding, dem Wasser, ausgesagt werden können. Besteht nun aber wirklich eine solche Koinzidenz? Daß ein Begriff zugleich allgemein und individuell sein könnte, wie DROBISCH meint, (26) oder zugleich abstrakt und konkret, wie JAMES MILL (27) und ALEXANDER BAIN (28) aufstellen, ist durch die obigen Definitionen von selbst ausgeschlossen, - dagegen dürfte die oft gehörte Behauptung des umgekehrten Quantitätsverhältnisses von Umfang und Inhalt eines Begriffs (29) umso bereitwilligere Zustimmung finden. Das fragliche Gesetz läßt sich etwa so aussprechen: je größer der Umfang eines Begriffs, desto kleiner der Inhalt; je größer der Inhalt, desto kleiner der Umfang. Anders ausgedrückt: je allgemeiner, desto abstrakter; je weniger abstrakt, desto weniger allgemein. Ist der Inhalt  = 1  (einfacher Begriff), so ist dem Umfang unendlich groß. Ist der Inhalt unendlich groß (das wir gewöhnlich als Eigentümlichkeit konkreter Vorstellungen angegeben), so ist der Umfang  = 1,  d. h. jede konkrete Vorstellung ist individuell, jede individuelle konkret, woraus sich von selbst ergibt, daß auch alle Abstrakta allgemein, alle Universalbegriffe abstrakt sind. Umfang und Inhalt bestimmen sich also gegenseitig.

Daß zunächst in der Tat alle konkreten Vorstellungen zugleich auch individuell sind, muß jedem klar sein, der bedenkt, daß jede konkrete Vorstellung eines psychischen oder physischen Objekts ganz bestimmte Daten der Zeit, respektive des Raums und der Zeit enthält und in keinem der beiden Fälle eine Mehrheit von Vorstellungsgegenständen angenommen werden kann, wenn auch der Grun, der diese Annahme verbietet, dort und hier nicht völlig gleichartig ist. Im ersten Fall schließt die entgegengesetzte Behauptung einen Widerspruch in sich; denn wenn irgendetwas, so wird durch das Wort  Identität  das Verhältnis eines psychischen Phänomens zu einem psychischen Phänomen bezeichnet, das mit jenem in allen Stücken, die Zeit eingerechnet, übereinstimmt. Nich so im zweiten Fall; der noch schwebene Streit der Psychologen, ob man an ein und demselben Ort zugleich verschiedene Farben sehen kann, (30) beweist zumindest, daß eine solche Annahme nicht absurd ist. Das Gesetz der Undurchdringlichkeit der Körper ist nicht analytisch; und ist es nicht widersprechend, daß verschiedene Gegenstände gleichzeitig  einen  Raum einnehmen könnten, so ist nicht abzusehen, warum diese Gegenstände ihre verschiedene Individualität einbüßen sollten, wenn sie zufällig sonst in jeder Hinsicht übereinstimmten. Von praktischer Bedeutung ist diese Distinktion natürlich nicht; denn hat das Gesetz der Undurchdringlichkeit nicht mathematische, so hat es doch jedenfalls  physische  Sicherheit, - aber dies konnte uns nicht davon abbringen, bereits in der obigen Definition des Individuellen diesen Unterschied namhaft zu machen.

Also die Daten der Zeit, bzw. des Raums und der Zeit, weisen unzweideutig auf  ein  Individuum; will man dagegen von Raum und Zeit absehen, so kann das nur durch Abstraktion geschehen, und die fragliche Vorstellung hört damit auf, eine konkrete zu sein. Das ist aber nicht etwa so zu verstehen, als ob die konkrete Vorstellung  alle  dem vorgestellten Gegenstand eigentümlichen Merkmale enthalten müßte; deren mag es unendlich viele geben, viele mögen den Sinnen erst spät, viele gar nicht zugänglich werden - die Zahl der Elemente des konkreten Begriffs bleibt dagegen eine beschränkte, nicht einmal alle dem Vorstelleden  bekannten  Attribute des Objekts müssen in dre Vorstellung enthalten sein, ja sie können es oft gar nicht, namentlich wenn diese Attribute Relationen zu anderen Objekten voraussetzen. Das Konkretum umfaßt eben nichts als den Komplx von Merkmalen, die sich vermöge der Natur des Gegenstandes den Sinnen  auf einmal  aufdrängen, also vor allem die, welche unter Vermittlung des eben am meisten in Anspruch genommenen Sinnes, in der Regel des Gesichts, zu Bewußtsein gelangen, - Daten anderer Sinne wohl nur, wenn sie sich in so auffallender Weise geltend machen, daß sie mit den ersteren sofort eine starke Assoziation eingehen, die sich im Falle einer späteren Reproduktion als gar nicht oder sehr schwer lösbar erweist. So mag z. B. das Gesichtsbild eines Wasserfalles sich für den nahestehenden Beschauer mit der gleichzeitig wahrgenommenen Gehörsempfindung des Rauschens vielleicht zum Ganzen  einer  konkreten Vorstellung vereinigen; vielleicht verhalten sich auch verschiedene Subjekte demselben Gegenstand gegenüber verschieden. Übrigens sei, um Mißverständnisse zu verhüten, hier ausdrücklich hervorgehoben, daß, sobald der Beobachter in unserem Beispiel den Gegenstand der Vorstellung als  diesen Wasserfall  bezeichnet, er damit nicht nur das Vorhandensein einer konkreten, sondern auch das einer abstrakten Vorstellung verrät; denn jene Worte sagen bereits eine Subsumtion des eben wahrgenommenen Phänomens unter eine  Klasse  aus, was ohne allgemeine (und daher abstrakte) Idee nicht geschehen kann.

Eines Falles ganz eigentümlicher Art, der aber auch in diesem Zusammenhang zumindest erwähnt zu werden verdient, gedenkt ALEXANDER BAIN. "Beim Sehen", meint er (31), "können wir mehr mit den muskularen Elementen beschäftigt sein als mit den optischen und umgekehrt; aber wir können die beiden nicht ganz voneinender trennen." Hier wären also Daten ganz verschiedener Sinne (Gesichtsempfindung und Muskelgefühl) immer und überall zu einem Konkretum verschmolzen; fraglich bleibt nur, ob BAIN mit der Behauptung der Untrennbarkeit Recht hat, und das muß bei dem Umstand, daß nichts der Aufmerksamkeit leichter entgeht als Muskelempfindungen, zumindest sehr zweifelhaft bleiben.

Also alle konkreten Begriffe sind partikulär; sind aber auch alle partikulären Begriffe konkret? Schon HAMILTON hat versucht, das Vorhandensein partikulärer Abstrakta zu konstatieren. "Die Vorstellung von der Gestalt des Pultes vor mir," sagt er (32), "ist eine abstrakte Idee . . . aber sie ist zugleich individuell, denn sie repräsentiert die Gestalt dieses besonderen Pultes und nicht die irgendeines anderen Körpers." Aber so unangreifbar dies auch sein mag, wenn man mit HAMILTON eine Substanz, deren Vorstellung angeboren ist, den sensiblen Qualitäten zugrunde legt, so bedenklich muß es andererseits erscheinen, eine so vielbestrittene  metaphysische  Theorie ohne Erörterung derselben als Basis einer psychologischen Untersuchung zu verwenden. Stellt man sich einen Augenblick auf den Standpunkt von HAMILTONs Gegnern, betrachtet man die äußeren Gegenstände, um mit JOHN STUART MILL zu sprechen, (33) bloß als  Gruppen von Sensationen,  so erkennt man sofort, wie unglücklich es war, gerade die  Gestalt  als Beispiel herauszugreifen. Die Gestalt bestimmt die  Ausdehung  des Pultes, abr auch dessen  Farbe  tritt in ganz bestimmter Gestalt auf, und diese letztere Gestalt koinzidiert ohne Frage vollkommen mit der ersteren; haben wir es aber darum nur mit  einer  Gestalt zu tun? Dies muß umso mehr bezweifelt werden, als Ausdehnung und mit ihr Gestalt des Pultes auch noch durch den Tastsinn perzipiert werden können, während die Farbe und die auf diese bezügliche Gestalt doch dem Gebiet des Gesichtssinnes angehört. Um was handelt es sich demnach, all dies als richtig angenommen, wenn von Gestalt des Pultes die Rede ist? Offenbar um eine Mehrheit, und damit hat der abstrakte Begriff aufgehört, ein individueller zu sein.

Wir haben zwar hier die Autorität JOHN STUART MILLs für uns in Anspruch genommen; dennoch würde dieser unseren Einspruch gegen seinen Gegner HAMILTON schwerlich unterstützen. Koinzidiert wirklich z. B. die gesehene und getastete Gestalt vollständig, so würde er wohl kein Bedenken tragen, beide nicht nur für gleich, sondern für  identisch  zu nehmen. Denn er geht in dieser Richtung noch viel weiter. Indem er sich für berechtigt hält,  völlig gleiche  Attribute für identisch zu setzen, kreirt auch er eine ganze Klasse abstrakter Individualien, abstrakt in  seinem,  folglich jedenfalls auch in unserem Sinne. "Wenn nur ein Attribut", meint er (34), "das weder Grad- noch Artunterschiede zuläßt, durch den Namen bezeicnet wird, wie Sichtbarkeit, Greifbarkeit, Gleichheit, Viereckigkeit, Milchweiße, - dann kann der Name kaum als ein allgemeiner betrachtet werden; denn obgleich er ein Attribut vieler verschiedener Objekte bezeichnet, so wird das Attribut selbst doch immer als eines, nicht als eine Vielheit gedacht". Ohne Frage hat MILL hier den Sprachgebrauch in ganz außerordentlichem Umfang für sich. Täglich sagt man und hört man sagen, diese und jene Dinge hätten  dieselbe  Größe,  dieselbe  Farbe usw., - aber fast ebenso oft kommt der Ausdruck  gleich  Farbe,  gleich  Größe etc. für dieselben Fälle vor, so daß es doch höchst bedenklich erscheinen muß, sich  bloß  auf die erste Redeweise zu stützen, da die zweite doch hinlänglich beweist, wie wenig der gemeine Gebrauch die Worte  Identität  und  Gleichheit  auseinanderzuhalten weiß. Es bleibt also nichts übrig, als sich den  Sinn  beider Namen selbst möglichst deutlich zu machen. In der Tat, wollte man nichts identisch nennen, was "sich für unsere Sinne nicht durch dieselben Einzelempfindungen kundgibt", so müßte, wie MILL mit Recht gegenüber HERBERT SPENCER geltend macht (35), "auch das Menschentum ein und desselben Menschen in diesem Augenblick und eine halbe Stunde später als verschieden betrachtet werden". Nicht einmal absolute  Gleichheit  der Empfindungen ist erforderlich; wir betrachten einen Gegenstand meist auch dann noch als identisch, wenn wir ihn zu verschiedener Zeit an verschiedenen Orten wahrnehmen, und so wenig geht die Gleichheit stets mit der Identität zusammen, daß, wenn wir die betreffenden zwei Perzeptionen einander noch ähnlicher machen, indem wir unter Belassung der verschiedenen Ortsbestimmungen die  Zeit  für beide gleichsetzen, gerade dadurch die Identität aufgehoben wird. Bezüglich der Identität bei  Gegenständen  scheint indessen kaum eine Unklarheit möglich, - wie steht es aber bei den  Attributen?  Gesetzt, wir hätten zwei kongruente Dreiecke,  A  und  B;  ist nun die Dreieckigkeit von  A  identisch mit der Dreieckigkeit von  B?  d. h.  ist  die Dreieckigkeit von  A  die Dreieckigkeit von  B?  Niemand wird bestreiten, daß  A  fortbestehen kann, auch wenn  B  vernichtet ist, - ebensowenig wird angefochten werden, daß das Attribut an seinem Gegenstand haftet, mit ihm besteht, aber auch mit ihm vergeht. Gibt es nun  B  nicht mehr, so existiert auch die Dreieckigkeit von  B  nicht mehr, dagegen existiert  A  und die Dreieckigkeit von  A  ungestört fort. Nun ist aber die Dreieckigkeit von  A  nach MILL auch die Dreieckigkeit von  B,  somit existiert dieselbe Dreieckigkeit und existiert doch wieder nicht, was wohl niemand für möglich zu halten geneigt sein wird. - Was diese dem Anschein nach ziemlich müßigen Erörterungen dartun sollen, ist nur, daß wenn man bei gleichen Attributen verschiedener Dinge von Identität spricht, damit unmöglich Identität im strengen Sinn gemeint sein kann, und daß es ebenso ungenau ist, die allgemeine Vorstellung das  Eine im Mannigfaltigen  zu nennen, wie es MILL tut. Will man einmal ein Attribut als Individuum betrachten, so muß man dann auch so viele  attributive  Individuen anerkennen, wie es reale gibt; MILLs  Abstraktum  muß daher genauso weit universell bleiben, wie das zugehörige  Konkretum  allgemein ist; - dies war auch der Grund, weshalb wir weiter oben diese  Abstrakta  zu den  allgemeinen Namen  rechneten.

Jedenfalls ist in dieser Frage HAMILTON der Wahrheit näher gekommen, denn er hat sich im Grunde nur in der Wahl des Beispieles vergriffen. Hätte er statt der Gestalt etwa die  Farbe  seines Pultes vorgeführt, so wäre seine Behauptung wohl von jedem Standpunkt aus unanfechtbar. Sollten aber Beispiele individueller Abstrakta nur unter den Vorstellungen von Attributen anzutreffen sein? Wenn ich an einen Freund denke, so habe ich sicher von ihm eine partikuläre Vorstellung; aber ich weiß nicht, wo er sich eben jetzt befindet, jener Vorstellung fehlt also das Datum des Ortes, sie kann somit nicht mehr konkret sein.

Ich komme an einen Ort, wo, wie ich weiß, mein Freund gewesen ist; allein ich weiß nicht  wann,  denke ich ihn daher an dieser Stelle, so muß ich die  Zeit  unbestimmt lassen. Aber auch ohne einen solchen besonderen Anlaß denke ich an den Freund als in seinem Wesen den Wechsel von Raum und Zeit überdauernd, d. h. ich  abstrahiere  in der Regel bei der Vorstellung dieses Menschen von Raum und Zeit. Dasselbe gilt auch von leblosen Gegenständen, sofern Raum oder Zeit nicht etwa ein wesentliches Merkmal derselben ausmacht. - Betrachten wir ein anderes Beispiel: In einem Sack befinden sich unreife Äpfel; jemand nimmt einen Apfel heraus, geht hierauf zum Eigentümer und bittet ihn um diesen Apfel. Der Eigentümer aber, der in eine Arbeit vertieft ist, antwortet, ohne aufzusehen: "Du wirst ihn nicht genießen können, er ist noch unreif." Der Redende denkt hier gewiß nur an  einen  Apfel (der Andere hat ja nur  einen  genommen), er abstrahiert vom Raum (er weiß ja gar nicht, wo der Apfel ist), ebenso von einem bestimmten Augenblick (der Apfel wird in einer Stunde noch ebensogut unreif sein, als er es vor einer Stunde war); aber noch mehr: er hat auch keine bestimmte Vorstellung von Farbe, Gestalt, Größe des Apfels, denn wenn er auch jedes Stück seiner Äpfel von andern zu erkennen vermöchte, so kann er doch keinen ausschließlich im Auge haben, denn er weiß nicht, welcher herausgenommen worden ist. - In gleicher Weise spreche ich von einem Schreiner, der meinen Schreibtisch hergestellt hat; ich denke nur  ein  Individuum, aber ich habe ihn nie gesehen, kann also unmöglich eine konkrete Vorstellung von ihm haben. Betrachtet man schließlich Vorstellungen wie: Der Weiseste von allen Menschen, der glänzendste von allen Sternen, so wird man auch nicht die Spur von etwas Konkretem antreffen, sie sind aber nichtsdestoweniger individuell; denn wären z. B.  zwei  Menschen weiser als alle anderen, so könnte man sie zwar  die  Weisesten von allen, streng genommen aber keinen von ihnen  den  Weisesten von allen nennen.

Augenscheinlich sind also die abstrakten Individualbegriffe keineswegs etwas so Seltenes, als noch selbst nach HAMILTONs Weise, die Sache darzustellen, zu vermuten war. Aber vielleicht gelingt es uns nun auch, die mannigfachen, aus der Erfahrung zusammengelesenen Fälle unter einige einheitliche Gesichtspunkte zu bringen. Offenbar kommt es vor allem darauf an, zu ermitteln, was erforderlich ist, um einer Vorstellung den Charakter des Individualbegriffs zu geben. Auf dreierlei Weise schint dies möglich zu sein: entweder
    1. der Begriff ist konkret, oder

    2. sein Gegenstand wir in Relation gedacht zu einer konkreten Vorstellung oder deren Gegenstand und zwar in einer solchen Relation, die eine Mehrheit der Glieder auf Seiten des erstgenannten Gegenstandes ausschließt, oder schließlich

    3. die Relation bezieht sich auf  alle  Individuen der Klasse, welcher der fragliche Gegenstand angehört, mit einer einzigen Ausnahme eben dieses Gegenstandes selbst.
Die erste Art umfaßt alle konkreten Individualien und wurde bereits oben unter dem Titel der Konkreta, mit denen sie ja ganz und gar zusammenfällt, abgehandelt. Dies ist die Form, in der uns jedes empirische Datum  zuerst  ins Bewußtsein kommt, und insofern sind die Konkreta die Grundlage aller Erkenntnis. Aber Erkenntnis geht zunächst nicht auf unsere Vorstellungen, sondern auf deren Gegenstände, sie sucht das diesen Eigentümliche von dem durch den betreffenden Vorstellungsakt hinzugebrachten Zufälligen möglichst loszulösen, - damit wird aber fast immer gerade das entfallen, was die Vorstellung zur konkreten macht, und schon daraus erhellt sich, daß die allermeisten Begriffe von Individuen Abstrakta sein müssen.

Diese abstrakten Individualbegriffe nun sind unter den zweiten und dritten der obigen Fälle zu subsumieren. Charakteristisch ist für den einen wie für den andern eine  Relation während aber in der zweiten Gruppe wenigstens das Korrelat noch konkret ist, fällt in der dritten Gruppe auch das weg, so daß hier der Individualbegriff  nur  aus abstrakten Begriffen besteht.

Von diesen beiden Klassen ist die erste, als die bei weitem umfangreichste, vor allem wichtig. Hierher gehörige Beispiele sind die oben gegebenen vom Freund, vom Apfel, vom Schreiner. Zur völligen Klarstellung mögen hier noch einige Bemerkungen Platz finden: Daß das Korrelat hier immer individuell ist, also eine Verwechslung verhindert, dafür bürgt schon seine Natur als Konkretum. Nicht dasselbe kann von jeder Relation gelten. Sage ich:  "dieser  Mensch" (den ich eben sehe oder gestern gesehen habe), so ist die Persönlichkeit vollkommen bestimmt; es liegt eine konkrete Sinneswahrnehmung vor und ein Objekt, das als deren Ursache gedacht wird, -  diese  Sinneswahrnehmung konnte offenbar nur durch  ein  Objekt bewirkt werden, wobei darüber, ob dieses Objekt etwa ein Kollektiv ist oder nicht, natürlich noch gar nicht präjudiziert ist. Das Konkretum kann auch in mittelbarer Relation zum Gegenstand der Individualvorstellung stehen; so, wenn ich sage: Der Vater dieses Menschen. Auch hier ist die Individualität des Begriffs unzweifelhaft; hätte ich dagegen gesagt:  Sohn  dieses Menschen,  Nachbar  dieses Menschen, so wären das zunächst Allgemeinbegriffe, die zu ihrer Individualisierung noch einer näheren Bestimmung bedürften. - Es ist übrigens ziemlich selbstverständlich, daß es für den Charakter der in Rede stehenden Begriffe ganz einerlei bleibt, ob das Vorgestellte ein Ding oder ein bloßes Attribut ist. Ein Beispiel der letzteren Art ist, von dem oben geltend gemachten Bedenken abgesehen, das von HAMILTON erwähnte partikuläre Abstraktum; in der Tat, ob ich  dieses  Pult vorstelle, oder das Merkmal  x dieses  Pultes, in jedem Fall kann sich die Vorstellung nur auf  einen  Gegenstand beziehen.

Die zweite Art abstrakter Individualbegriffe ist durch die Beispiele vom weisesten Menschen und schönsten Stern wohl genügend beleuchtet worden. Während in der vorigen Klasse dem Vorhandensein  mehrerer  Gegenstände meist nur eine unendlich große Unwahrscheinlichkeit entgegenstand, ist dies hier durch den Satz des Widerspruchs ausgeschlossen. In der Sprache entspricht diesen Vorstellungen, wie es scheint, eine eigene Ausdrucksform, der  Superlativus singularis  des Adjektivs.

Hat sich demnach aus unserer Untersuchung ergeben, daß nicht nur nicht alle, sondern nur die wenigsten Individualbegriffe konkret genannt werden können, so folgt nun von selbst, daß zwar alle Allgemeinbegriffe abstrakt, nicht aber alle Abstrakta allgemein sind. Wie steht es nun aber mit dem scheinbar so plausiblen Gesetz vom umgekehrten Verhältnis, in dem sich Umfang und Inhalt der Begriffe verändern sollen?

Wird auch der Umfang eines einfachen Begriffs als unendlich groß zugegeben, so ist doch noch gar nicht abzusehen, warum nicht auch ein komplexer Begriff unendlich viele Objekte unter sich begreifen könnte, auch wenn es deren weniger sein sollen als die, welche der einfache Begriff umfaßte. Aber bezüglich des Inhalts der Individualbegriffe läßt sich schon das Zugeständnis der Unendlichkeit in keiner Weise machen. Ein Begriff mit unendlich vielen Merkmalen wäre eine Forderung, die die Grenzen unserer Fassungskraft wohl weit übersteigt; übrigens haben wir schon bei den konkreten Individualvorstellungen nur eine beschränkte Zahl von Merkmalen antreffen können, - daß von den abstrakten Individualien dasselbe nur noch in erhöhtem Grad gilt, braucht kaum hervorgehoben zu werden. Wir denken zwar das Individuum als mit unendlich vielen (wenn auch uns unbekannten) Attributen ausgestattet, aber die Vorstellung von etwas Unendlichem hat doch sicher nicht selbst unendlich viele vorgestellte Bestandteile. Zum Überfluß dürfte sich, wenn man nun einmal diese  Attribute  ins Auge faßt, schwer ein Grund angeben lassen, warum mehrere Individuen nicht auch in einer  unendlichen  Zahl von Attributen übereinstimmen könnten (das Zusammentreffen von Raum- und Zeitbestimmung natürlich ausgenommen). Hat ein Individuum wirklich unendlich viele Merkmale, und läßt man davon die (endlich vielen) seine Individualität voraussetzenden weg, so ist der Rest immer noch unendlich groß und kann ohne Widerspruch als allgemein gelten.

Wir haben ferner gefunden, daß Individualbegriffe, die doch alle einen gleichen Umfang haben, sehr verschieden großen Inhalt aufweisen können. Auch liegt es auf der Hand, daß es Fälle gibt, wo ein Zuwachs oder eine Abnahme bezüglich des Inhalts eines Begriffs den Umfang ganz unverändert läßt, nämlich, wenn man einem Gattungs- oder Artbegriff ein Proprium [Eigentümliches - wp] auf den bloßen Gattungs-, bzw. Artbegriff reduziert. Kurz, es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß das fragliche Gesetz, wenigstens in seiner Allgemeinheit, völlig unhaltbar ist. DROBISCH hat daher den Versuch gemacht, dasselbe zumindest auf einem beschränkten Gebiet zu konstatieren (36) und bezüglich einiger einfacher Fälle das Verhältnis von Umfang und Inhalt sogar in mathematische Formeln zu bringen. (37) Aber zu den schon von ÜBERWEG (38) geltend gemachten praktischen Bedenken gegen diese Formeln kommt noch ein theoretisches. DROBISCH hat sich die Lösung seiner Aufgabe wesentlich erleichtert, ja einzig möglich gemacht durch seine Definition vom Umfang. Dieser ist nach ihm "die geordnete Gesamtheit aller einander  beigeordneten Arten"  des Objektbegriffs (39), es sind damit natürlich die niedrigsten Arten gemeint. Durch diese Definition ist aber der Sinn des Wortes  Umfang  ganz verschoben; gewöhnlich meint man damit doch die Gesamtheit der unter den fraglichen Begriff fallenden  Individuen,  während nach DROBISCH bei den niedrigsten Arten ein Umfang gar nicht mehr in Frage kommen oder höchstens als Einheit betrachtet werden kann. Unter der Voraussetzung des gewöhnlichen und wohl einzig statthaften Begriffs jedoch sind die in Rede stehenden Formeln unanwendbar; denn eben weil sie die niedrigsten Arten sämtlich  = 1  setzen, werden deren Umfänge als durchaus gleich behandelt, was der Wirklichkeit wohl kaum in irgendeinem Fall entsprechen wird.

Abgesehen vom mathematischen Teil wird man aber DROBISCHs Modifikationen nur beipflichten können. Nach ihm erhält das Gesetz diese Form:
    "In jeder Reihe einander untergeordneter Begriffe kommt demjenigen von je zwei miteinander verglichenen Begriffen, welcher einen größeren Inhalt als der andere hat, ein kleinerer Umfang, und umgekehrt demjenigen, welcher einen größeren Umfang als der andere hat, ein kleinerer Inhalt zu."
Es muß hier im Auge behalten werden, daß nur von  einer  Reihe  subordinierter  Begriffe die Rede und die Größe von Zuwachs oder Abnahme ganz unbestimmt gelassen ist.  Über  diese Grenzen hinaus kann dem Gesetz nicht einmal eine annäherende Richtigkeit eingeräumt werden. -

Was sich aus unseren Betrachtungen ergeben hat, ist in Kürze dies: Für die Frage, ob ein Begriff universell oder partikulär ist, ist die  Anzahl  der dem Inhalt desselben ausmachenden Attribut ganz unwesentlich, nicht ebenso die  Qualität  dieser Attribute; denn je nachdem mit Rücksicht auf diese Qualität das Vorhandensein von mehreren, dem fraglichen Begriff entsprechenden Individuen als mathematisch oder physisch unmöglich betrachtet werden muß oder nicht, muß auch der Begriff als individuell oder allgemein gelten. Für die Frage dagegen, ob ein  universeller  Begriff  mehr oder weniger  universell ist,  kann  die Inhaltsgröße unter Umständen von Belang sein, und die Inhaltsqualität ist es immer, aber aus dieser oder jener oder beiden  allein  wäre darüber gar nichts zu entnehmen; denn beim Umfang handelt es sich um ein  Verhältnis  und mit dem Inhalt ist nur  ein  Glied desselben gegeben, das zweite kann nur durch die Erfahrung beigebracht werden.

Der Umfang ist, und das verdient wohl festgehalten zu werden, nicht etwas, das, gleich dem Inhalt, selbstverständlich oder gar notwendig im Begriff vorgestellt würde. Man wird sich zwar häufig, wenn man einen Begriff denkt, auch vergegenwärtigen, ob der Umfang desselben groß oder klein ist; aber das ist durchaus nicht wesentlich, und wenn eine nachträgliche Erfahrung ergibt, daß der Umfang weit größer ist, als man vorher glaubte, kann dies am Begriff selbst nicht das Geringste ändern. Deshalb wird der Umfang des Universalbegriffs gewöhnlich als etwas für unsere Erkenntnis Unbestimmtes gedacht, da Vieles in denselben gehören mag, das wir uns niemals vorgestellt haben. Der  wirkliche  Umfang ist eben von unserer Erkenntnis gerade so unabhängig wie irgendeine Tatsache der äußeren Welt; daß daher zwischen allgemeiner und individueller Vorstellung erst eine  Assoziation  kontrahiert werden müßte, damit die letztere unter die erstere subsumiert werden könnte, ist durch das Gesagte, von selbst ausgeschlossen, wenn auch niemand bestreiten wird, daß eine solche Assoziation, schon infolge der Ähnlichkeit zwischen dem universellen Begriff und den untergeordneten Partikularideen, nichts eben Seltenes ist. Wo sie auftritt, wird sie sich natürlich auch durch Reproduktion des einen Gliedes beim Erscheinen des anderen äußeren; aber es ist klar, daß der gewaltig fehlgehen würde, der in dieser Reproduktion das  Wesen  des Umfangs zu erblicken glaubte.

Kehren wir nach dieser längeren, aber hoffentlich nicht ganz ergebnislosen Abschweifung nun wieder zur Prüfung BERKELEYs zurück. Wie wir sahen, hat er von der Aufmerksamkeit als Erklärungsprinzip für das Phänomen der Verallgemeinerung eigentlich  keinen  Gebrauch gemacht. Durch die Opposition gegen LOCKE bis zur Leugnung aller Abstraktion getrieben, hat er sich selbst die Möglichkeit entzogen, die Frage nach der Universalität befriedigen zu lösen. Damit ist manche richtige Bemerkung im Einzelnen natürlich noch sehr wohl vereinbar. Er hat, wie wir nun wissen, ganz Recht, zu behaupten, die Allgemeinheit bestehe nicht in einem  absoluten, positiven Wesen  von etwas allein; auch wenn er davon spricht, daß allgemeine Begriffe die individuellen vertreten, kann das in zutreffender Weise aufgefaßt werden. Aber alles, was er in diesem Zusammenhang sat, ist lückenhaft und unbestimmt. Liest man, daß die Ideen ihre Allgemeinheit dem verdanken, was sie  bezeichnen,  so weiß man schon nicht, ob man es hier nicht etwa mit einem Ansatz zu einer Assoziationstheorie zu tun hat; vollends zurückweisen muß man aber die Ansicht, als könnten Begriffe,  die ihrer eigenen Natur nach partikulär sind,  anders als eben durch ein  Aufgeben  dieser Natur allgemein werden.

Nicht ebenso rasch können wir an BERKELEYs Aufstellungen über die Bedeutung der Worte vorübergehen. Hat sich uns auch bereits ergeben, daß seine Polemik gegen LOCKE in dieser Hinsicht nicht als Eintreten für die Beziehung der Worte auf  Dinge  aufgefaßt werden kann, so ist damit doch keineswegs ausgeschlossen, daß BERKELEYs Behauptungen dem wirklichen Sachverhalt weit näher stehen als die LOCKEs. Wenn nämlich dieser Gebrauch der Worte für Dinge als einen verkehrten bezeichnet, (40) so hat dagegen JOHN STUART MILL mit Recht darauf hingewiesen (41), wie wir weit davon entfernt sind, mit dem Satz:  die Sonne ist die Ursache des Tageslichts  etwas über unsere Vorstellungen aussagen zu wollen. BERKELEY steht nun gewissermaßen in der Mitte zwischen diesen Gegensätzen, indem für ihn der Unterschied zwischen Idee und Objekt nicht existiert; der  Fortschritt  gegen LOCKE wird aber in der Behauptung deutlich, daß das allgemeine Wort nicht eine allgemeine Idee, sondern Individualvorstellungen bezeichnet. In der Tat, wenn man sagt:  jeder Körper ist schwer,  so meint man dabei niemals, der Allgemeinbegriff  Körper  sei schwer oder dergleichen, man spricht im Gegenteil von allen Einzelindividuen, die allerdings nach BERKELEY nur Einzel ideen  sind.

Bezieht man also den in Rede stehenden Satz BERKELEYs nur auf die  Bedeutung  des allgemeinen Wortes, so ist derselbe, von der metaphysischen Seite natürlich abgesehen, durchaus unangreifbar. In der unbeschränkten Fassung jedoch, in der wir ihn antreffen, muß er, wie schon oben bemerkt wurde, Bedenken erregen. In gewissem Sinne ist ja das allgemeine Wort  doch  Zeichen einer allgemeinen Idee. Schon HOBBES definiert den Namen als "ein Wort, ... das, Anderen gegenüber ausgesprochen, diesen als Zeichen eines Gedankens dient, den der Sprechende früher in seinem Geist hatte ..." und JOHN STUART MILL muß diese von ihm (a. a. O.) wiedergegebene Bestimmung als fehlerfrei anerkennen. Spricht also einer einen  allgemeinen  Namen aus, so wird der Hörer daraus in der Regel den Schluß ziehen dürfen, dem Sprecher schwebe eine Idee von mehreren Einzelobjekten, d. h. eben eine allgemeine Idee vor, welche für ihn Veranlassung war, das Wort zu sagen. Es wäre damit ebenso einseitig zu behaupten, Worte bezeichnen  nur  Gegenstände, als: sie bezeichnen  nur  Vorstellungen; es ist vielmehr beides der Fall, aber, wie wohl zu beachten ist, jedes in einem anderen Sinn. Übrigens trifft natürlich keines von beiden ausnahmslos zu. Wenn jemand ein Wort nicht versteht, so kann er es doch nachsprechen; in diesem Fall bezeichnet es eben gar nichts. Minder selbstverständlich ist eine Reihe von anderen Ausnahmen, auf die BERKELEY nicht ganz mit Unrecht hinweist, wo es sich nämlich um Worte handelt, die uns durchaus nicht unverständlich erscheinen.

Es ist eine Tatsache, daß wir oft Worte gebrauchen, und richtig gebrauchen, ohne uns im Augenblick ihrer Verwendung ihren Sinn klar zu vergegenwärtigen; darauf hat schon vor BERKELEY, LEIBNIZ und LOCKE aufmerksam gemacht, auch nach ihm war diese Tatsache Gegenstand einer wiederholten Erörterung diesseits wie jenseits des Kanals, (42) und heute sind sonst so gegensätzliche Schulen wie die empirische und intuitive in England über diesen Punkt völlig einig; - aber BERKELEY geht weiter als sie alle, indem er behauptet, wir brauchen Worte zu  richtigem  und  fruchtbarem  Urteilen auch dort, wo wir mit den Worten nie Ideen verbunden haben noch verbinden können. (43) Das hieße aber dann, daß nur zu oft mit Recht auf philosophische Spekulationen angewandte Dichterwort: "Wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein" zum erkenntnistheoretischen Grundsatz zu erheben. Von einer Widerlegung dieser Ansicht BERKELEYs oder einer Kritik der von ihm beigebrachten Beispiele wird also wohl abgesehen werden können.

Eine  Frage muß aber noch beantwortet werden, ehe wir uns von der Lehre BERKELEYs zu der seines Nachfolgers wenden, die Frage, ob BERKELEY zu den nominalistischen oder zu den konzeptualistischen Denkern zu zählen ist. Es geschah zum Teil mit Rücksicht auf diese Frage, daß wir des Irländers Aufstellungen über allgemeine Namen in den Bereich unserer Darstellung und Kritik zogen, - nun haben wir das Material vor uns, die Entscheidung wird also rasch erfolgen können.

Man hat sich so sehr gewöhnt, BERKELEY als einen der hervorragendsten Begründer des modernen  Nominalismus  zu betrachten, daß man gar nichts Auffallendes darin findet, wenn z. B. HAMILTON ihn kurzweg den "zweiten großen Nominalisten" nennt, (44) oder KUNO FISCHER den Satz ausspricht: "Unter den neueren Philosophen ist die nominalistische Denkweise einheimisch, aber sie ist von  keinem  so sehr in den Vordergrund aller philosophischen Betrachtung gerückt, so grundsätzlich geltend gemacht worden wie von BERKELEY." (45). In der Tat, daß alle nominalistischen Theorien dieses wie des vorigen Jahrhunderts an BERKELEY anknüpfen, ist sicher; aber das allein könnte doch wohl nicht ausreichen, um ihn selbst als Nominalisten zu erweisen. Blickt man dagegen auf seine  Lehre,  so stellen sich dem Nachweis sofort Hindernisse entgegen. Freilich, wer mit HAMILTON jene Ansicht nominalistisch nennt, die behauptet, "daß jeder Begriff, für sich betrachtet, partikulär ist, aber allgemein wird durch die Intention des Gemüts, ihn jeden ihm ähnlichen Begriff repräsentieren zu lassen", (46) der muß mit ihm auch den irischen Philosophen in die Klasse der Nominalisten einreihen, und alles ist in diesem Fall klar und gerechtfertigt, nur nicht der Name  Nominalist  selbst, da die  Worte  bei einer solchen Theorie gar keine wesentliche Rolle spielen. Daher dürfte es sich mehr empfehlen, mit JOHN STUART MILL unter Nominalisten jene zu verstehen, die "behaupten, es gebe nichts Universelles als Namen"; (47) und nun muß sogleich jedem einleuchten, daß BERKELEY  nicht  in diese Klasse gehört, denn er kennt zwar allgemeine Namen, aber er kennt auch, wie wir fanden, allgemeine  Ideen.  Allerdings, insofern es bei ihm Erkenntnisse gibt durch  Worte,  denen  gar keine  Ideen zugrunde liegen, insofern ist er Nominalist bis zu einem Extrem, zu dem sich glücklicherweise keiner seiner Nachfolger vorgewagt hat; im Übrigen aber erweisen sich bei ihm die Namen zum Zustandekommen der Allgemeinbegriffe noch gar nicht als wesentlich, - wir sind somit genötigt, ihm eine  Mittelstellung  zwischen den Vertretern des Nominalismus und des Konzeptualismus zuzuerkennen.

Um BERKELEYs Abstraktionslehre richtig zu verstehen und zu würdigen, muß man wohl stets vor Augen behalten, daß sie doch vor allem ein Stadium des Übergangs, der Entwicklung repräsentiert, das, mochte es vielleicht auch bestimmt sein, zu namhaften Erfolgen  zu führen,  doch  in sich  den Charakter des Unfertigen nicht verleugnen konnte. In LOCKE finden wir noch den  alten  Nominalismus, der sich seines Gegensatzes gegen den Realismus noch wohl bewußt ist, vereinbar und vereinigt mit dem Konzeptualismus; BERKELEY vermittelt den Übergang vom alten Nominalismus zum  neuen,  dem der  Gegensatz  gegen den Konzeptualismus wesentlich ist, - aber er steht selbst noch mit einem Fuß auf dem Boden, den er durch seinen Angriff auf die abstrakten Ideen zu erschüttern sucht, ja er bringt selbst Gedanken zur Geltung, die, gehörig entwickelt, vielleicht geeignet sein könnten, gerade dem Konzeptualismus eine unerschütterliche Grundlage zu geben. Man kann demnach noch in einem anderen Sinne die eben ausgesprochene Behauptung wiederholen, daß BERKELEY in der Mitte zwischen den sich bekämpfenden Ansichten steht, in dem Sinne nämlich, daß er gewissermaßen Ansätze zu beiden Theorien in sich schließt.

Aber nach dem Keim läßt sich eben keine Frucht beurteilen, und so war es dann nötig, daß seine Lehre erst eine geeignete Fortbildung erfährt, wenn sich ergeben sollte, ob er den rechten Weg gewiesen hat oder nicht. Ein solcher Fortbildern hat sich gefunden, und zwar in der Person des Schotten DAVID HUME, dessen Aufstellungen wir uns nunmehr zuwenden.
LITERATUR - Alexius Meinong, Hume-Studien I [Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Klasse der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Bd.87, Wien 1877]
    Anmerkungen
    1) LOCKE, Human understandig, Buch IV, Kap. 7, § 9
    2) BERKELEY, A treatise concerning the principles of human knowledge, introduction, § 10. -  Alciphron  or the minute philosopher, Dialog VII, § 6.
    3) BERKELEY, Treatise introduction § 13, noch ausführlicher  Alciphron,  a. a. O.
    4) BERKELEY, Treatise, introduction § 14
    5) BERKELEY, Treatise, introduction § 15
    6) BERKELEY, Treatise, introduction § 12
    7)  Alciphron,  a. a. O.
    8) BERKELEY, Treatise, Buch III, Kap. 3, § 6
    9) BERKELEY, Treatise, introduction § 11 und § 18;  Alciphron,  a. a. O.
    10) BERKELEY, Treatise, introduction § 12
    11) Dies ist der Grund, weshalb ich mich der in diesem Sinn von KUNO FISCHER ("Francis Bacon und seine Nachfolger", 2. Auflage, Leipzig 1875, Seite 705) gegebenen Lösung nicht anschließen kann. Er faßt BERKELEYs Ansicht so: "Die Worte sind Zeichen (nicht abstrakter, sondern) allgemeiner Vorstellungen, welche selbst Zeichen sind für eine Reihe gleichartiger Vorstellungen". Dies entspricht im Ganzen HUMEs Interpretation, deren Unstatthaftigkeit weiter unten dargestellt werden soll. Hier nur so viel: Ich habe keine Stelle finden können, welche K. FISCHERs Auffassung stützt, während alles oben aus BERKELEY zitierte ihr entgegenzustehen scheint. Übrigens wäre es doch höchst auffallend, daß BERKELEY die LOCKEsche Definition von allgemeinen Worten, die er zum Zweck der Polemik (Treatise, introduction, § 11) anführt, nicht zugleich in  seinem  Sinne adoptiert, wenn sie,  seinen  Begrif von allgemeinen Ideen vorausgesetzt, seinen Intentionen so vollkommen entspräche, als nach K. FISCHER der Fall sein müßte.
    12) BERKELEY, A treatise concerning the principles of human knowledge, introduction, § 19, auch  Alciphron  or the minute philosopher, Dialog VII, § 6.
    13) BERKELEY, Alciphron or the minute philosopher, Dialog VII, § 8
    14) BERKELEY, Treatise, introduction § 8 - 10
    15) Vgl. BERKELEY, Treatise § 135, worauf BERKELEY an der in Rede stehenden Stelle selbst hinweist.
    16)  Alciphron  or the minute philosopher, Dialog VII, § 6
    17) BERKELEY, Treatise, introduction § 19
    18)  Alciphron  or the minute philosopher, Dialog VII, § 8
    19) WILLIAM HAMILTON, Lectures on metaphysics and logic, Edinburgh and London 1870, Bd. II, Seite 284f
    20) BERKELEY, Treatise, introduction § 22
    21) BERKELEY, Treatise, introduction § 16
    22) Vgl. ÜBERWEGs Übersetzung des  Treatise,  Berlin 1869, Bd. 12 der KIRCHMANNschen "Philosophischen Bibliothek", Seite 109, Anmerkung 5.
    23) Vgl. JOHN STUART MILL, System of logic, Bd. 1, Kap. II, § 4.
    24) In den meisten Definitionen bleibt die  physische  Unmöglichkeit unberücksichtigt, aber mit Unrecht, wie wir sehen werden. - Ungenügend wäre es, den Individualbegriff als einen zu bestimmen, unter dem nur  ein  Objekt vorgestellt wird; denn das gilt auch von jedem Allgemeinbegriff, sofern er sich nicht etwa auf ein Kollektiv bezieht. Sagt man.  "ein  Mensch", so stellt man sich gewiß nicht mehrere vor; aber jeder Mensch kann dieser  eine  sein, der Begriff ist also ohne Frage universell.
    25) DROBISCH, "Neue Darstellung der Logik", 3. Auflage, Leipzig 1863, § 19, Seite 21f, bezieht  abstrakt  und  konkret,  sowie  allgemein  und  besonders  auf Gattung und Art, gebraucht diese Namen also relativ. Dagegen ist jedoch einzuwenden, daß hierzu Bezeichnungen wie:  allgemeiner  und  weniger allgemein, abstrakter  und  weniger abstrakt  gewiß deutlicher wären, andererseits fehlen jedoch infolge jener Ausdrucksweise auch für die von uns  individuell  und  konkret  genannten Begriffe die Termini.
    26) DROBISCH, a. a. O. Seite 23
    27) JAMES MILL, Analysis of the phenomena of the human mind, London 1869, Bd. 1, Kap. VIII, Seite 269f
    28) ALEXANDER BAIN, Logik, Bd. 1, Deduction, London 1870, Seite 7, § 10
    29) Vgl. z. B. HAMILTON, a. a. O. Lektion 34, Schluß, Seite 298f
    30) Vgl. HELMHOLTZ, Handbuch der physiologischen Optik, Leipzig 1867, § 20, Seite 273f.
    31) BAIN, Mental and morale sciences, London 1875, Seite 177
    32) HAMILTON, Lectures, a. a. O. Seite 287f
    33) JOHN STUART MILL, An examination of Sir William Hamiltons philosophy, Kap. XI, in der dem Verfasser allein zugänglich gewesenen französischen Übersetzung von CAZELLES, Paris 1869, Seite 216.
    34) JOHN STUART MILL, System der Logik, Buch I, Kap. 2, § 4.
    35) MILL, Logik, Buch II, Kap. II, § 4, Anmerkung
    36) MORITZ DROBISCH, "Neue Darstellung der Logik", § 26, 3. Auflage, Leipzig 1863, Seite 29f
    37) DROBISCH, a. a. O., Seite 206f, Logisch-mathematischer Anhang I.
    38) MILL, System der Logik, zweite Auflage, Bonn 1865, § 54, Seite 104
    39) DROBISCH, a. a. O., § 25, Seite 28
    40) LOCKE, Essay concerning human understanding, 3. Buch, Kap. II, § 5.
    41) MILL, Logik, Buch 1, Kap. II, § 1
    42) Vgl. HAMILTONG, Lectures, Bd. III, Seite 171f, wo aber gerade BERKELEY unberücksichtigt bleibt; das sonderbare Mißverständnis Seite 183, als wären die von LEIBNIZ gebrauchten Ausdrücke  synthetisches  und  intuitives  Denken entsprechen dem deutschen  Begriff  und  Anschauung hat schon MILL berichtigt (Examination etc. Kap. 17, in der französischen Übersetzung, Seite 385, Anm.)
    43) Aus der Einleitung zum  Treatise  ist hierüber noch kaum etwas zu entnehmen, umso mehr aus dem Min. phil., so daß die Vermutung nahe liegt, BERKELEY habe sich durch sein hier hervortretendes Streben, die Trinität und andere Mysterien der christlichen Religion zu rechtfertigen (Dial. VII, § 11), mehr als billig beeinflussen lassen.
    44) HAMILTON, Lectures, Bd. II, Seite 305
    45) KUNO FISCHER, Francis Bacon, Seite 703
    46) HAMILTON, Bd. II, Seite 297
    47) MILL, Examination of Sir William Hamilton, Kap. XVII, Seite 359