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JAY HALEY
Die Kunst der Psychoanalyse

"Das Feld für Reize ist beim menschlichen Organismus offensichtlich größer als bei Tieren. Wir sind nicht nur allen von außen kommenden Reizen ausgeliefert, sondern auch einer großen Zahl ständig wirkender  interner  semantischer Reize, gegen die uns bislang sehr wenige psychologische Mittel schützten. In unseren Doktrinen, Metaphysik, Sprachen, Verhaltensweisen usw. finden wir solche strukturell mächtigen semantischen Einflüsse. Sie gehören nicht der objektiven äußeren Welt an.

Unsere Untersuchung hat gezeigt, daß bei praktisch allen geistigen Erkrankungen, Verwirrungen in den Abstraktionsebenen festzustellen sind. Bringen wir die Abstraktionsebenen durcheinander und schreiben nur Begriffen und Symbolen objektive Wirklichkeit zu, oder verwechseln wir Folgerungen und Schlüsse mit Beschreibungen usf., dann entsteht sehr viel semantisch bedingtes Leiden.

In einer solchen Welt der Selbsttäuschung, die sich von der Wirklichkeit unterscheidet, sind wir offensichtlich nicht auf  Wirklichkeiten  vorbereitet. In allen solchen Fällen der Verwechslung von Abstraktionsebenen stellt das  Bewußtsein des Abstrahierens  einen generellen psychophysiologischen Schutz dar.

Ein grundlegender Unterschied zwischen  Mensch  und  Tier  liegt in der Tatsache, daß ein Mensch sich der Abstraktion bewußt werden kann, das Tier aber nicht. Unsere menschliche Umwelt ist viel komplexer. Die Zahl der Reize ist ungeheuer angewachsen. Gegenüber dieser exzessiven Reizüberflutung brauchen wir Schutz. Wir finden ihn, indem wir uns des Abstrahierens bewußt werden. Im Gegensatz zu dem weiten  Unbewußten  im tierischen Dasein und in unserer eigenen Vergangenheit stellen wir uns auf die Wirklichkeit dadurch ein, daß wir das Feld des Bewußtseins erweitern und ihm einen richtig beurteilten Inhalt geben.

 Geistige  Therapie ist als Ziel und Methode immer semantisch. Sie versucht, das unbewußte Material herauszufinden und es bewußt zu machen, um dadurch richtiges Urteilen zu ermöglichen." - ALFRED KORZYBSKI, Science and Sanity

Sozialwissenschaftliche Untersuchungen haben viele Vorstellungen FREUDs über die Vorgänge im Unbewußten bestätigt. Doch gibt es überraschend wenig wissenschaftliche Forschungen darüber, was während einer psychoanalytischen Behandlung tatsächlich vor sich geht. Glücklicherweise hat ein Gelehrter des Potter-College in Yeovil, England, diesem Zustand abgeholfen.(1)

Dieser unbekannte Gelehrte verbrachte aufgrund eines Forschungsauftrages mehrere Jahre in Amerika. Dabei hat er die Kunst der Psychoanalyse sowohl als Patient als auch als ausübender Arzt von Grund auf kennengelernt. Seine Untersuchung wurde zu einem dreibändigen Werk mit dem Titel "Die Kunst der Psychoanalyse oder einige Aspekte einer Situationsstruktur, die aus einer Zweiergruppen-Interaktion besteht und höchste, grundlegende Prinzipien der Versteckten-Hiebe-Taktik enthält."

Wie die meisten für das Potter-College erarbeiteten Untersuchungen blieb die Arbeit unveröffentlicht. Sie war nur wenigen bevorzugten Mitgliedern der Klinikleitung zugänglich, doch lag dem Verfasser für kurze Zeit eine Abschrift vor. Er legt hier eine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse für diejenigen vor, die das dynamische Wachstum der Freudschen Theorie fördern und die Techniken einer schwierigen Kunst wirksamer machen möchten.

In dieser Zusammenfassung werden ungewöhnliche Begriffe in die psychoanalytische Terminologie übersetzt, jedoch müssen einige allgemeine Definitionen vorausgeschickt werden. Eine vollständige Definition des technischen Begriffs "Versteckte-Hiebe-Taktik" (one-up-manship) würde bekanntlich eine ziemlich umfangreiche Enzyklopädie füllen. Hier soll sie kurz als die Kunst definiert werden, eine Person "eins-runter" zu setzen. Der Begriff des "eins-runter" ist technisch als jener psychologische Zustand zu definieren, in dem ein Individuum anzutreffen ist, das - im Verhältnis zu anderen - nicht "eins-drüber" ist. "Eins-drüber" sein wird technisch als jener psychologische Zustand eines Individuums definiert, das nicht "eins-runter" ist.

Auf die Gefahr hin, an wissenschaftlicher Genauigkeit einzubüßen, sollen diese Begriffe in der Umgangssprache ausgedrückt besagen, daß in jeder beliebigen menschlichen Beziehung (und tatsächlich auch zwischen anderen Säugetieren) eine Person ständig darauf aus ist, den Eindruck zu erwecken, sie sei gegenüber einer anderen Person, mit der sie eine Beziehung hat, in einer "überlegenen Lage".

Diese "überlegene Lage" ist nicht notwendigerweise als Überlegenheit in sozialem Status oder wirtschaftlicher Lage anzusehen. Viele Diener sind Meister darin, ihre Arbeitgeber "eins-runter" zu setzen. Auch ist dazu keine intellektuelle Überlegenheit erforderlich, wie jeder Intellektuelle weiß, der von einem muskulösen Müllabfuhrmann in einem indianischen Ringkampf "eins-runter" gesetzt wurde.

"Überlegene Lage" ist ein relativer Begriff, der im Laufe der Beziehung beständig aufs neue definiert wird. Die Manöver, die darauf zielen, eine überlegene Position zu erreichen, können grob oder unendlich subtil sein. Zum Beispiel ist man meist in keiner überlegenen Position, wenn man eine andere Person um etwas bitten muß. Dennoch kann man auf eine solche Weise bitten, daß man dabei zum Ausdruck bringt: "Dies steht mir allerdings zu." Da die Anzahl der Mittel, sich selbst in eine überlegene Position zu manövrieren, unendlich ist, wollen wir nun daran gehen, die psychoanalytischen Techniken zusammenzufassen, wie sie in dem dreibändigen Werk beschrieben sind.

Nach der Potterstudie ist Psychoanalyse ein dynamischer psychologischer Prozess, an dem zwei Leute beteiligt sind, ein Patient und ein Psychoanalytiker, wobei der Patient darauf besteht, daß der Analytiker "eins drüber" sei, und doch verzweifelt versucht, denselben "eins-runter" zu setzen, während der Analytiker darauf besteht, daß der Patient "eins-runter" bleibe, damit er lernen möge, "eins drüber" zu werden. Das Ziel in der Beziehung ist die freundliche, konfliktlose Trennung von Analytiker und Patient.

Bei sorgfältiger Vorbereitung ist die psychoanalytisch überlegene Ausgangslage des Analytikers fast unangreifbar. Zunächst muß der Patient zu dem Analytiker freiwillig und mit der Bitte um Hilfe kommen. Hierdurch gibt er seine unterlegene Position zu Beginn der Beziehung zu. Außerdem betont der Patient seine "eins-drunter" Position, indem er dem Analytiker etwas dafür bezahlt. Gelegentlich haben Analytiker diese Struktursituation leichtfertig durchbrochen, indem sie Patienten unentgeltlich behandelten. Dann wurde die Sache schwierig, denn der Patient wurde nicht regelmäßig (am Zahltag) daran erinnert, daß er ein Opfer leisten müsse, um den Analytiker zu erhalten und dadurch die überlegene Position des Analytikers anzuerkennen, bevor ein Wort gesagt wurde.

Es ist wirklich fast ein Wunder, daß jemals ein Patient aus seiner schwachen Anfangsposition beim Analytiker zum "eins-drüber" aufrückte. Doch werden Analytiker im Privatgespräch zugeben und sich tatsächlich dabei die Haare raufen, daß Patienten äußerst geschickt sein und dermaßen verschiedenartige Kunstgriffe anwenden können, daß ein Analytiker schlau sein muß, will er seine überlegene Position bewahren.

Wir haben hier nicht Raum genug, um die Geschichte der Psychoanalyse darzustellen; es sollte aber hier festgehalten werden, daß es in ihrer Entwicklung frühzeitig offenbar wurde, daß der Analytiker eine Unterstützung durch die Szenerie brauchte, wenn er bei Patienten "eins-drüber" bleiben sollte, die gescheiter waren als er.

Eine frühe Hilfe war für den Analytiker die Anwendung einer Couch, auf der der Patient liegen mußte. (Dies wird oft der  Freudsche Kunstgriff  genannt, wie die meisten Kunstgriffe in der Psychoanalyse von FREUD stammen.) Dadurch, daß er den Patienten auf eine Couch legt, verschafft der Analytiker dem Patienten das Gefühl, daß er seine Füße in der Luft hat, und das Bewußtsein, daß der Analytiker mit beiden Füßen auf dem Boden steht. Der Patient wird nicht nur dadurch aus der Fassung gebracht, daß er liegen muß, während er redet, sondern er befindet sich tatsächlich unter dem Analytiker, wodurch seiner "eins-drunter"-Position topographisch Nachdruck verliehen wird.

Außerdem setzt sich der Analytiker selbst hinter die Couch, von wo aus er den Patienten beobachtet, während dieser ihn aber nicht sehen kann. Dies verschafft dem Patienten die gleiche Art der Beunruhigung, die man hat, wenn man mit verbundenen Augen mit einem Gegner boxt. Nicht in der Lage zu beobachten, was für Reaktionen seine Kunstgriffe hervorrufen, ist er unsicher, wann er "eins-drüber" und wann er "eins-drunter" ist.

Einige Patienten suchen dieses Problem zu lösen, indem sie so etwas wie: "Ich schlief letzte Nacht mit meiner Schwester" sagen und sich dann rasch umdrehen, um zu sehen, wie der Analytiker reagiert. Dieser "Schock-Kunstgriff" verfehlt gewöhnlich seine Wirkung. Der Analytiker mag zusammenzucken, er hat aber genügend Zeit, sich zu fassen, bevor es dem Patienten gelingt, sich vollständig herumzudrehen und ihn ins Auge zu fassen.

Die meisten Analytiker haben Methoden entwickelt, um mit einem Patienten umzugehen, der sich bewegt. Sobald der Patient sich umdreht, starren sie in die Luft oder kritzeln geistesabwesend mit dem Bleistift oder hantieren am Gürtel oder schauen auf die tropischen Fischen im Aquarium. Ist es doch wesentlich, daß der Patient, der die seltene Gelegenheit hat, den Analytiker zu beobachten, nur eine unbewegte Miene zu sehen bekommt.

Die Position hinter der Couch dient einem weiteren Zweck. Unvermeidlicherweise gewinnt das, was der Analytiker sagt, überhöhte Bedeutung, weil dem Patienten jedes Mittel fehlt, seine Wirkung auf den Analytiker festzustellen. Der Patient hängt an jedem Wort des Analytikers und definitionsgemäß ist derjenige "eins-drunter", der vom Wort eines anderen abhängt.

Vielleicht ist es die mächtigste Waffe in der Waffenkammer des Analytikers, zu schweigen. Dies gehört zu der Kategorie der "Hilflosigkeits-" oder "Kampfverweigerungs-" Kunstgriffe. Es ist unmöglich, in einem Streit mit einem hilflosen Gegner zu gewinnen, weil man vom Siege nichts hat. Jeder Schlag, den wir tun, bleibt unerwidert. Wir können uns nur schuldig fühlen, den Schlag geführt zu haben, während wir gleichzeitig den unbequemen Verdacht empfinden, daß die Hilflosigkeit berechnet ist. Daraus entsteht unterdrückte Wut und Verzweiflung - zwei Emotionen, die die "eins-drunter"-Position charakterisieren.

Dem Patienten stellt sich folgendes Problem: wie kann ich bei einem Mann "eins-drüber" werden, der nicht reagieren will und es ablehnt, in fairer und offener Begegnung mit mir um die überlegene Position zu kämpfen? Freilich finden manche Patienten Lösungen, aber es dauert Monate, gewöhnlich Jahre einer intensiven Analyse, bevor der Patient ein Mittel entdeckt, den Analytiker zu einer Reaktion zu zwingen.

Gewöhnlich beginnt der Patient ziemlich ungehobelt, indem er etwa sagt: "Manchmal kommen Sie mir wie ein Idiot vor." Er wartet darauf, daß der Analytiker sich verteidigt und dadurch "eins-drunter" kommt. Statt dessen antwortet der Analytiker mit dem Schweige-Kunstgriff. Der Patient geht weiter und sagt: "Ich sagte, Sie sind ein Idiot, verdammt noch einmal, und Sie sind einer!" Wiederum nur Schweigen. Was kann der Patient schließlich anderes tun, als sich zu entschuldigen? Dadurch begibt er sich freiwillig in die "eins-drunter"-Position.

Nicht selten entdeckt ein Patient, wie wirkungsvoll der Schweigsamkeits-Kunstgriff ist, und er versucht, ihn selbst anzuwenden. Dies endet in einer Katastrophe, sobald es ihm klar wird, daß er 20 Dollar dafür bezahlt, eine Stunde schweigend auf der Couch zu liegen. Die psychoanalytische Bühne ist berechneterweise dazu eingerichtet, zu verhindern, daß Patienten die Tricks der Analytiker verwenden, um auf die gleiche Ebene zu kommen; obgleich es der Patient als einen wichtigen Teil der Behandlung lernt, sie wirkungsvoll bei anderen Leuten anzuwenden.

Freuds ursprünglicher brillianter Plan ist nur geringfügig verbessert worden. Ebenso wie der Grundplan eines Hammers von Schreinern nicht verbessert werden konnte, so sind die Ausnutzungd es freiwilligen Patienten, der stundenweisen Bezahlung, der Position hinter der Couch und des Schweige-Kunstgriffs von den Praktikern der Psychoanalyse nicht verbessert worden.

Die vielen Arten der Patientenbehandlung, die die Analytiker gelernt haben, können hier nicht aufgezählt werden. Unvermeidlich beginnt ein Patient am Anfang einer Analyse, Kunstgriffe anzuwenden, die ihn in früheren Beziehungen "eins-rauf" gesetzt haben. Die nennt man ein "neurotisches Verhaltensmuster". Der Analytiker lernt, diese Manöver des Patienten zunichte zu machen. Ein einfaches Mittel ist beispielsweise, auf das, was der Patient sagt, unangemessen zu antworten. Dies versetzt den Patienten in Zweifel über alles, was er in der Beziehung zu anderen Leuten gelernt hat.

Vielleicht sagt der Patient: "Jeder sollte aufrichtig sein", in der Hoffnung, den Analytiker dahin zu bringen, zuzustimmen und dadurch dem Patienten zu folgen. Derjenige, der eines anderen Führung folgt, ist "eins-drunter". Der Analytiker mag mit Schweigen antworten, was in dieser Lage ein ziemlich schwacher Kunstgriff ist, oder er mag sagen: "Oh?". Dem "Oh?" wird gerade der richtige Tonfall verliehen, um zum Ausdruck zu bringen: "Wie konnten Sie nur auf eine solche Idee kommen?" Dies bringt den Patienten nicht nur dazu, an seiner Aussage, sondern auch daran zu zweifeln, was der Analytiker mit "Oh?" meint.

Zweifel ist allerdings der erste Schritt zum "eins-drunter" sein. In seinem Zweifel neigt der Patient dazu, sich an den Analytiker anzuklammern, um den Zweifel zu beheben; klammern wir uns doch an die, die uns überlegen sind. Analytische Manöver mit dem Zweck, in einem Patienten Zweifel zu erwecken, werden in der Analyse frühzeitig angewandt. Zum Beispiel kann der Analytiker sagen: "Ich frage mich, ob Sie das  wirklich  fühlen." Der Gebrauch von  wirklich  ist in analytischer Praxis üblich. Damit wir der Vermutung Ausdruck gegeben, daß der Patient Beweggründe hat, die ihm nicht bewußt sind. Jeder fühlt sich erschüttert und daher "eins-drunter", wenn dieser Verdacht über seine Geistesverfassung geäußert wird.

Das Zweifeln steht mit dem "Unbewußten-Kunstgriff", einer frühen Entwicklung in der Psychoanalyse, in Verbindung. Dieser Kunstgriff wird oft als das Kernstück der Analyse angesehen, weil es das wirkungsvollste Mittel ist, den Patienten unsicher zu machen. Zu Beginn der Analyse weist der erfahrene Analytiker den Patienten darauf hin, daß bei ihm (dem Patienten) unbewußte Prozesse wirksam sind und daß er sich selbst täuscht, wenn er glaubt, er wisse wirklich, was er aussagt. Übernimmt der Patient diese Vorstellung, kann er sich nur auf den Analytiker verlassen, um zu erfahren (oder wie man sagt: "ihm entdecken zu helfen"), was er wirklich meint. Dadurch gräbt er sich selbst in die "eins-drunter"-Position nur noch tiefer ein und macht es dem Analytiker leicht, fast jeden Kunstgriff nach seiner Wahl anzubringen.

Zum Beispiel mag der Patient heiter beschreiben, was für eine schöne Zeit er mit seiner Freundin verbracht habe, wobei er hofft, etwas Eifersucht (eine "eins-drunter"-Position) in dem Analytiker zu erwecken. Die angemessene Antwort für den Analytiker ist dann: "Ich frage mich, was dieses Mädchen ihnen  wirklich  bedeutet." Dies erweckt einen Zweifel in dem Patienten, ob er mit einem Mädchen namens Susi oder mit einem unbewußten Symbol Verkehr hatte. Unvermeidlicherweise wendet er sich an den Analytiker, damit der ihm helfe herauszubringen, was das Mädchen wirklich für ihn bedeute.

Im Laufe der Analyse, besonders wenn der Patient eigensinnig wird (den "Widerstands-Kunstgriff" anwendet), geht der Analytiker zu freien Assoziationen und Träumen über. Nun muß eine Person denken, sie wisse, worüber sie spricht, um sich in einer überlegenen Position zu fühlen. Niemand kann sich in eine "eins-drüber"-Position manövrieren, während er frei assoziiert oder seine Träume erzählt. Unvermeidlich werden die absurdesten Aussagen geäußert. Gleichzeitig deutet der Analytiker an, daß in dieser Absurdität sinnvolle Vorstellungen enthalten sind. Dies bringt nicht nur den Patienten zu der Ansicht, daß er lächerliche Dinge sagt, sondern daß er Dinge sagt, die zwar dem Analytiker bedeutungsvoll erscheinen, nicht aber ihm. Eine derartige Erfahrung würde jeden erschüttern. Sie treibt den Patienten unvermeidlich in eine "eins-drunter"-Position. Wenn freilich der Patient sich weigert, frei zu assoziieren oder seine Träume zu erzählen, dann erinnert der Analytiker ihn daran, daß er sich mit seiner Halsstarrigkeit selbst schadet.

Eine Interpretation des Widerstandes gehört zu der allgemeinen Klasse der "Es-dem-Patienten-heimzahlen"- Kunstgriff. Alle Versuche, inbesondere erfolgreiche, den Analytiker "eins-drunter" zu setzen, lassen sich als Widerstand gegen die Behandlung interpretieren. Dem Patienten wird die Überzeugung beigebracht, es sei  sein  Fehler, daß die Therapie schlecht vorankommt. Der geschickte Analytiker wird vorausschauend den Patienten sorgfältig vorbereiten und ihm beim ersten Interview informieren, daß der Pfad zum Glück schwierig sei, daß er gelegentlich gegen seine Heilung Widerstand leisten werde und es sogar dem Analytiker übel nehmen werde, daß er ihm hilft.

Auf diesem Hintergrund kann sogar eine Weigerung, das Honorar zu zahlen oder eine Drohung, die Analyse zu beenden, in eine Entschuldigung, die der Analytiker mit unpersönlicher Haltung entgegennimmt (der Kunstgriff des "es nicht persönlich zu nehmen"), umgewandelt oder als Widerstand interpretiert werden. Gelegentlich mag der Analytiker dem Patienten gestatten, die "eins-drunter"- Position wieder zu beziehen, indem er freundlich darauf hinweist, daß sein Widerstand ein Zeichen des Fortschrittes und des in ihm stattfindenden Wandels sei.

Die Hauptschwierigkeit bei den meisten Patienten ist ihr Bestehen darauf, sich mit dem Analytiker unmittelbar anzulegen, sobald sie anfangen, etwas Vertrauen zu gewinnen. Wenn der Patient beginnt, den Analytiker kritisch zu betrachten und mit einer offenen Auseinandersetzung droht, werden mehrere "Ablenkungs"- Kunstgriffe ins Spiel gebracht. Der häufigste ist der Kunstgriff "sich auf die Vergangenheit zu konzentrieren". Sollte der Patient den besonderen Weg zur Sprache bringen, auf dem der Analytiker sich weigert, ihm zu antworten, dann wird der Analytiker nachforschen: "Ich frage mich, ob Sie dieses Gefühl früher schon hatten. Vielleicht waren Ihre Eltern nicht sehr mitteilsam." Bald sind sie damit beschäftigt, die Kindheit des Patienten zu besprechen, ohne daß der Patient je entdeckt, daß das Thema geändert wurde. Ein solcher Kunstgriff ist besonders wirkungsvoll, sobald der Patient anfängt, selbst anzuwenden, was er in der Analyse gelernt hat, und Bemerkungen über den Analytiker macht.

In seiner Ausbildung lernt der junge Analytiker die wenigen ziemlich einfachen Regeln, die er befolgen muß. Die erste ist, daß es wesentlich ist, den Patienten sich als der Unterlegene fühlen zu lassen, während er angeregt wird, mit hoffnungsvollem Mut darum zu kämpfen, daß er "eins-rauf" kommen kann (dies wird "Übertragung" genannt). Zweitens darf der Analytiker sich niemals "eins-drunter" fühlen (dies wird "Gegenübertragung" genannt). Die Ausbildungsanalyse ist dazu bestimmt, dem jungen Analytiker lernen zu helfen, was es heißt, eine "eins-drunter"-Position zu erleben. Indem er wie ein Patient behandelt wird, lernt er, wie man sich fühlt, wenn man einen geschickten Kunstgriff ersinnt, ihn gewandt durchführt und sich trotzdem völlig "eins-drunter" befindet.
LITERATUR - Jay Haley, Die Kunst der Psychoanalyse, in "Wort und Wirklichkeit", Beiträge zur Allgemeinen Semantik, Hrsg. Günther Schwarz, Darmstadt 1968
    Anmerkungen
  1. Der Hinweis auf das "Potter-College in Yeovil, England" bezieht sich auf die Herkunft der Ausdrucksweise dieses Beitrags. Mr. Potter, ein englischer Humorist, schrieb eine Reihe Bücher über "One-upmanship" (The Theory and Practice of Gamesmanship or the Art of Winning Games without Actually Cheating) by STEPHEN POTTER und er erfand ein legendäres Korrespondenz-College in Yeovil, England, an dem angeblich "one-upmanship" gelehrt wurde. Der Verfasser übernahm die Terminologie und wandte sie auf die Psychoanalyse an.