tb-2 Die Kausalität des IchDie positivistische Philosophie    
 
ERNST LAAS
Idealismus und Positivismus

"Protagoras erklärte  den Menschen  für  das Maß aller Dinge  erklärte,  der seienden wie sie sind, der nicht seienden aber wie sie nicht sind.  Dies nun trug er der großen Masse, wie ein bloßes Rätsel vor, seinen Schülern aber pflegte er im Geheimen dazu folgende Aufklärung zu geben; diese Aufklärung wird später  verborgene Wahrheit,  ein  Mysterium  genannt: Es ist natürlich, daß die Wahrnehmungsinhalte (und sinnlichen Gefühle) so wechselnd und vielfarbig sind; sind sie doch - wie bei der Wärme am deutlichsten ist - die Produkte zweier aufeinanderstoßender Prozesse, zweier  Bewegungen,  einer  aktiven,  objektiven und einer  passiven,  subjektiven, von denen alle Attribute des heraklitischen Flusses gelten."

Einleitung

1. Die Klage über die Diskontinuität
der philosophischen Forschung

Die Klage ist vielstimmig und alt, daß es der philosophischen Forschung an derjenigen Kontinuität gebreche, von der allein Früchte zu erwarten seien: zu häufig nehme sie ganz neue Anläufe, die sich spurlos demnächst wieder verlören. Das Resultat ist dann auch dementsprechend. Es biete die Geschichte dieser Bestrebungen das unerquickliche und verwirrende Bild disparater oder einander widersprechender Lehrmeinungen; das ganze Studium sei von vornherein mit dem Fluch der Unergiebigkeit behaftet; wie vor hundert Jahren scheue sich füglich jeder, "der sich stark genug fühle, in anderen Wissenschaften zu glänzen, seinen Ruhm in dieser zu wagen." (1)

Wenn man von diesen Klagen und Beschuldigungen so viel abzieht, als auf Rechnung derjenigen Bequemlichkeit und Süffisanz fällt, welche in jedem Gebiet als die natürlichen Begleiter sich selbst beschönigender Unfähigkeit und Unwissenheit aufzutreten pflegen, so kann das, was wahr ist, den Interessierten und Tätigen nur zu einer umso energischeren Durchdringung und Sichtung des historisch Gegebenen veranlassen, sowohl um diejenigen Vorarbeiten zu entdecken, die weiter geführt zu werden verdienen, wie auch um in der Mannigfaltigkeit, welche dem gewöhnlichen Blick den Eindruck der Willkür und des Chaos macht, durch die Heraushebung der dynamischen Abhängigkeitsverhältnisse und durch eine Markierung der typischen Grundformen der Differenz, die etwa doch vorhandene Ordnung, Gliederung und Notwendigkeit zu erkennen.

Denn verdrießlich ist es allerdings und in seinen Folgen auch höchst lästig, daß es auf diesem sowieso schon überaus schwierigen Boden an der nötigen Zusammen- und Weiterarbeit gebricht, daß immer wieder an- und abgesetzt, daß so selten die vorhandenen Probleme aufgenommen und eine Erfolg versprechende Richtung ruhig fortgeführt wird. (2) Das hat zur Folge, daß es in der philosophischen Literatur immer noch keinen anerkannten Maßstab gibt, "um Gründlichkeit von seichtem Geschwätz zu unterscheiden" (3), und daß es fortwährend gewandten Federn gelingt, einem bloßen Abhub aus allerlei Vergangenheit das Ansehen neuer selbstentdeckter Wahrheiten zu verleihen. (4)

Dem Unbeholfenen und Unfruchtbaren wird freilich die Beschäftigung mit dem früher Gedachten leicht zum Fallstrick. Aber ansich ist es ja durch nichts geboten, daß man seine historischen Vorstudien nach Art jener "Gelehrten" betreibe, denen schließlich dem Kantischen Verdikt (5) gemäß "die Geschichte der Philosophie (der alten sowohl als neuen) selbst ihre Philosophie ist". Wenn man Philosoph genug ist, um sowohl dem Alten auf den Grund zu schauen, als auch um selbsttätig fortschreiten zu können, so wird man die Gefahr zu vermeiden wissen, daß man in "bloßer" Gelehrsamkeit hängen bleibe. Wie es andererseits für die Wissenschaft kein Schaden wäre, wenn einige vermeintlich zu spontanen Schöpfungen berufene Denker an vorbereitender Kenntnisnahme bloß gelehrter Art zunächst darüber klar zu werden versuchten, wie alt und abgestanden ihre Einfälle sind, um demgemäß ihre philosophisch gefärbten Neigungen in nutzbringenderer Weise durch philologisch-historische Zurechtlegungen für besser organisierte Naturen zu betätigen.

Aber die Philosophie als Wissenschaft kann unmöglich in solchen Arbeiten ihr abschließendes Genügen finden. (6) Es ist Zeit, daß von den vortrefflichen historischen Vorstudien, die wir besitzen, endlich auch philosophische Früchte fallen.

Sie werden aber nur demjenigen gedeihen, der ein mindestens ebenso großes Quantum von Zeit und Kraft, wie der historischen Orientierung zu widmen ist, der Aneignung und Durchdringung der philosophisch nutzbaren Ergebnisse der gegenwärtigen wissenschaftlichen Detailarbeit zur Verfügung stellen kann. Es ist im höchsten Grade peinlich, daß selbst die hervorragendsten philosophie-geschichtlichen Werke und Monographien gelegentlich eine Naivität, ja Roheit des wissenschaftlichen Gesamturteils bekunden, die zu jeder sachgemäßen  Kritik  dessen, was oft mit so viel philosophischer Akkuratesse und epischem Behagen dargestellt wird, sich als völlig unzureichend erweist und den Leser, welcher nicht anderweitig orientiert ist, ohne die notwendigsten  Direktiven  läßt.


2. Der fundamentale Gegensatz aller Philosophie;
der "Platonismus" und sein Widerspiel.

Der Versuch in dem, oberflächlich betrachtet, so verworrenen Bild der überlieferten philosophischen Theorien die dominierenden Unterschiede herauszustellen und dadurch Artikulation und Übersicht zu schaffen, ist oft gemacht worden. (7); wenn auch nicht immer mit hinreichender Beachtung dessen, was grundlegend, und dessen, was abgeleitet ist. (8)

Man erkennt bald (9) und schon die gewöhnlichen terminologischen Marken, mit denen man die verschiedenen Richtungen auf dem Gebiet der Logik, Erkenntnistheorie, Metaphysik und Ethik voneinander zu sondern pflegt, deuten an, daß es fast durchweg nur  zwei  große Typen sind, die in der vorgeblich so chaotischen und unübersichtlichen Entwicklungsgeschichte der wissenschaftlichen Auffassung von Welt und Leben, von Natur und Geist fortwährend wiederkehren (10); und daß nur die reiche Fülle von Nuancen und Schattierungen, von Verschlingungen und Verwicklungen sowie die vielfachen Inkonsequenzen der Autoren es ermöglicht haben, daß mit zwei Fäden und zwei Grundfarben ein Gewebe hergestellt wurde, das zunächst den Eindruck des schillerndsten Changeants [Stoffe, die bei Lichteinfall die Farbe ändern - wp] machen muß. Und doch zerlegt sich bei näherer Betrachtung das scheinbar unauflösbare Gefitzel wirklich in einige leicht übersehbare Hauptlinien.

Und schließlich vereinfacht sich der historische Tatbestand noch dadurch bedeutend, daß die  Wurzeln  all dessen, was man mit dem Namen  Idealismus  zusammenfaßt und was in der Logik als Realismus, in der Erkenntnistheorie als Apriorismus, Nativismus oder Rtoinalismus, in der Ontologie als Spiritualismus und Teleologie zu bezeichnen ist, auf ein und dieselbe Ursprungsstätte zurücklaufen; auf den Mann nämlich, der zwar den Terminus  Idee  nicht zuerst wissenschaftlich verwertet hat (11), der ihm aber seine welthistorische Pointe gab, auf PLATON. Bedenkt man dazu, daß derselbe PLATON fast alles (12), was später dem sogenannten Idealismus sich entgegengestellt hat, daß er den theoretischen und praktischen Materialismus, den Sensualismus und Relativismus auch schon vor sich hatte und ausdrücklich befehdete, so kann man geradezu die großen Gegensätze, welche übrigens nicht bloß die Philosophie sondern folgeweise und in Abhängigkeit von ihr auch die Welt- und Lebensansicht der allgemeinen Bildung durchdringen (13), in die Terminie  Platonismus  und  Antiplatonismus  zusammenziehen (14), die wenn auch zunächst nicht verständlicher, so doch eindeutiger sind als die vielfarbigen und abgeschliffenen Ausdrücke Idealismus und Realismus (15).


3. Die historische Herrschaft des Platonismus

PLATON erscheint aber noch aus einem anderen Grund einer auszeichnenden Berücksichtigung wert.

Es gibt in der Geschichte des menschlichen Geistes Heroen, deren Spur "in Aeonen" nicht untergeht. Es ist kein Zweifel, daß von den Griechen neben HOMER (16) an erster Stelle PLATON zu diesen unvergänglichen und unvertilgbaren Kulturpotenzen gehört (17).

Nachdem die alexandrinische Philosophie des dritten Jahrhunderts v. Chr. die vorher angebahnte Erkenntnis bestimmt und fest ausgesprochen hatte, daß, wenn man das Wesentliche und Grundlegende vom Unwesentlicheren und Gleichgültigeren zu sondern wisse (trotz mannigfacher Kompromissansätze, Entgegnungen (18), ja selbst einiger Zuneigungen zum  sensus communis  und zum Empirismus) ARISTOTELES dennoch nicht sowohl als Antagonist, wie als der erste große Anhänger und buch- und schulmäßige Vertreter des Platonismus zu betrachten sei (19) - was sogar im letzten Jahrhundert Vielen verhüllt geblieben ist - (20) entstand jene synkretische [zusammengesetzte - wp] Form von "Idealismus", die bei aller Übertreibung der mythisch-mystischen Züge des Originals auf Kosten der Klarheit, Nüchternheit und Gesundheit und zugunsten orientalischer Askese, Ekstatik und Thaumaturgie [Wunderkunde - wp] doch immerhin den platonischen Grundcharakter so anhänglich bewahrte, daß sie sich als  neuplatonische  Philosophie bezeichnen durfte. Das ist jene Form, welche seitdem überall, wo man entweder die Hilfsmittel oder die Neigung nicht hatte, sich genauer philologisch zu orientieren, ohne weiteres immer als rein und ganz platonisch gegolten hat. Noch KANT (21 weiß den ursprünglichen PLATON von seinen alexandrinischen Epigonen kaum zu trennen.

Was die christliche Gnosis sogar eines ORIGENES und AUGUSTIN uns darbietet, ist, soweit es sich überhaupt um wissenschaftlich freie Positionen handelt, im Wesentlichen Platonismus (22. Der Durch die Vermittlung des BOETHIUS erzeugte  Realismus  (23 ist ebenso eine platonisierende Logik wie der Pantheismus eines GIORDANO BRUNO im Wesentlichen neuplatonische Metaphysik. Die platonischen Züge der Erkenntnistheorie eines DESCARTES, MALEBRANCHE und LEIBNIZ liegen offen zutage. Selbst KANTs originäre Denkkraft und Abneigung gegen jede Form historisierender Anempfindung und Rekonstruktion, hat sich, wie direkte Verweise und unbewußte Kongruenzen und Analogien zeigen, der nachwirkenden Gewalt des platonischen Geistes nicht zu entziehen vermocht. (24

Wie danach die Lektüre PLATONs auf SCHLEIERMACHER (25, SCHELLING (26 und SCHOPENHAUER (27, auf HERBART (28 und HEGEL (29 gewirkt hat, das ist allgemein bekannt (30. Eine umfangreiche, intensive und minutiöse PLATON-Philologie ist infolge dieser philosophischen Neigungen emporgewachsen (31; PLATON hat seine "Frage" so gut wie HOMER (32; in den verschiedensten Tonarten wird seine Lehre dargestellt, von der einer nüchternen und reservierten Paraphrase bis zu jener "ungewöhnlichen Regsamkeit von Phantasie und Enthusiasmus" (33 empor, durch welche etwa STEINHART sich auszeichnet.

Und es sind nicht bloß die bewußten und unbewußten Platoniker, Anhänger und Erklärer, welche die Macht dieses seltenen Geistes bekunden: auch die unerbittlichsten Gegner können dem großen Idealisten ihre Anerkennung, ja Bewunderung nicht versagen; sie beugen sich wenigstens respektvoll vor seiner Genialität. (34



Erstes Buch

Die Prinzipien des Idealismus und Positivismus.
Historische Grundlegung.


1. Das Thema und die Disposition des platonischen Theaetet

Was ist  Erkenntnis, Wissenschaft?  Diese Frage beschäftigt den platonischen Dialog, der nach dem Hauptmitunterredner des SOKRATES, dem talentvolen, jugendfrischen Schüler des kyrenäischen Mathematikers THEODOROS, eines Freundes des verstorbenen Sophisten PROTAGORAS, den Namen  Theaetet  führt. In der deutlich erkennbaren Absicht, auf die  Ideenlehre  als die einzig mögliche Lösung des Problems vorzubereiten und hinzudrängen, diskutiert der Autor verschiedene Ansichten der Zeit. Zunächst antwortet THEAETET dem mäeutisch [geburtshelferisch - wp] vorgehenden SOKRATES: das der Wissende doch das  "wahrnehme",  was er wisse, so scheine Wissenschaft nichts anderes zu sein als  Wahrnehmung Trotz mehrerer teils notwendiger, teils bloß episodischer Ausbiegungen bleibt dieser Satz des THEAETET: "Wissenschaft = Wahrnehmung" im Mittelpunkt des Interesses, bis er für völlig widerlegt gehalten werden kann.

Dann folgt die Besprechung der Ansichten, daß Wissenschaft  Meinung  (Urteil, Ansicht, Glaube), daß sie  wahre Meinung),  daß sie  begründete wahre Meinung  sei; drei verschiedene Weisen, die Art der Begründung (35 empiristisch näher zu bestimmen, werden diskutiert; alle diese Auffassungen erweisen sich als unzureichend. Der Leser des Dialogs darf ahnen, daß die zureichende Begründung nur im Rekurs auf ewige  Ideen  und ihre ewigen Relationen zueinander und zum  Guten  besteht.

Wir lassen die späteren Partien des Dialogs zunächst außer Acht und gehen vorerst auf die Gedanken ein, mit denen der Philosoph in der ersten Hälfte die  sensualistische  These THEAETETs  verflochten hat. 


2. Die sensualistische, die relativistische
und die heraklitischer Seite
des Themas der ersten Hälfte des Dialogs.

"Wissenschaft  is t Wahrnehmung", hat THEAETET definiert. SOKRATES: "Keine üble Definition ist das! Hat doch PROTAGORAS,  wenn  auch auf etwas andere Weise, dasselbe gesagt!" Zum Beleg zitiert SOKRATES den berühmten, auch von THEAETET oft gelesenen Anfang der "Wahrheit" betitelten Schrift des Sophisten, den Satz, welcher "den Menschen" für "das Maß aller Dinge" erklärte, "der seienden wie sie sind, der nicht seienden aber wie sie nicht sind"; welcher Satz, indem er das Wissen des Menschen auf das ihm Wahrnehmbare zu beschränken, von allem Ausflug ins Übersinnliche aber abzuziehen scheint, allerdings mit der sensualistischen These THEAETETs eine gewisse Verwandtschaft hat. Wir sehen nicht, ob SOKRATES mit seinem "auf andere Weise dasselbe" nichts weiter sagen wollte.

Trotz der behaupteten Identität oder Verwandtschaft des Inhalts wird im weiteren Verlauf der anthropologische Satz ebenso wiederholt als eigentümlich  protagoreisch  markiert, wie die sensualistische Formel immer nach THEAETET genannt wird.

In ein "Maß" als "Richter" (entscheidender Beurteiler), "Mensch" - wie es scheint mit stärkerer Anwendung des "Unterlegens" als des Auslegens - im Sinn von "jeder beliebige einzelne Mensch" gedeutet wird, treten mit Rücksicht auf Tatsachen wie die, daß dieselbe Witterung dem einen kalt, dem andern warm vorkommt, daß überhaupt die Wahrnehmungsinhalte für verschiedene Individuen und Momente nicht gleich sind, sehr bald Behauptungen heraus, wie: Wahrnehmung ist  subjektive  Vorstellung; das Wahrnehmungsobjekt ist  Erscheinung;  wahr  ist,  was jedem jedesmal  erscheint.  Namentlich der letzte Satz wird neben dem "Maß ist der Mensch" so zum wiederholten Mal ausdrücklich als protagoreischen Ursprungs bezeichnet, daß kein Zweifel sein kann, dergleichen müsse im Buch des PROTAGORAS selbst irgendwo zu lesen gewesen sein. Wir wollen unsererseits diesen Ausläufer der Lehre des PROTAGORAS als die  relativistische (subjektivistische  oder  phänomenalistische)  These von der  anthropologischen:  "Maß ist der Mensch" und der  sensualistischen  des THEAETET: "Wissenschaft ist Wahrnehmung" als ein besonderes trennen. Übrigens ist in Bezug auf den protagoreischen Relativismus oder Subjektivismus, wie ihn uns PLATON darbietet, zu bemerken, daß er mit der individualistischen Auffassung der Wahrnehmungsempfindungen und der Lust- und Unlustgefühle einsetzt, um demnächst auf alle Ansichten der Menschen, der Einzelnen wie ganzer Staaten, namentlich auf die von letzteren sanktionierten moralischen Wertschätzungen ausgedehnt zu werden. Es ist nich sofort ersichtlich, mit welchem Recht diese Erweiterung geschieht. Wieviel davon echt protagoreisch (36 ist und wieviel insbesondere eine notwendige Konsequenz des Prinzips, das muß uns unten beschäftigen.

Mit dem Satz des THEAETET und den beiden Sätzen des PROTAGORAS hat PLATON noch einen dritten Gedanken - soll ich sagen verknüpft oder verschlungen; denn die Verbindung ist fast unauflösbar. Der Tatbestand ist folgender: Nachdem PROTAGORAS' subjektivistische Ansicht von der Wahrnehmung kurz bestimmt ist, fährt SOKRATES fort: Dies nun trug er uns, der großen Masse, wie ein bloßes Rätsel vor; seinen Schülern aber pflegte er im Geheimen dazu folgende Aufklärung zu geben; diese Aufklärung wird später "verborgene Wahrheit", ein "Mysterium" genannt, das SOKRATES dem THEAETET enthüllen will. Was er beibringt, läßt sich als eine ätiologische [ursachenlogische - wp] Erklärung der vorher in ihrer bloßen Tatsächlichkeit hingestellten Variabilität der Wahrnehmungen vom Standpunkt der  heraklitischen Metaphysik  bezeichnen: Es ist natürlich, daß die Wahrnehmungsinhalte (und sinnlichen Gefühle) so wechselnd und vielfarbig sind; sind sie doch - wie bei der Wärme am deutlichsten ist - die Produkte zweier aufeinanderstoßender Prozesse, zweier "Bewegungen", einer "aktiven", objektiven und einer "passiven", subjektiven, von denen alle Attribute des heraklitischen "Flusses" gelten. Die Kritik geht nun in gleicher Weise, wie gegen die theaetetischen und protagoreischen Dikta, gegen die Sätze vor, daß alles in fortwährendem Werden und Fließen sei; daß es daher nichts Festes, einheitlich Bestimmtes, Substanzielles gebe; sie werden wie jene immer wieder in Erinnerung gebracht.

Die Flußlehre wird zwar von PLATON als metaphysische Voraussetzung des protagoreischen Relativismus eingeführt, und sie ist nach ihm oft als ein Bestandteil des protagoreischen Systems vorgetragen worden. Aber man darf bezweifeln, ob sie dem PROTAGORAS  faktisch  angehört; und noch mehr, ob sein Relativismus sie  prinzipiell  nötig hat. PLATON biegt mit seiner Kritik allmählich selbst in eine Darstellung ein, nach welcher für jenes "schwebende und bewegliche Sein" nicht sowohl PROTAGORAS, wie die eigentlichen Urheber der Lehre in Anspruch genommen werden: jene "Fließenden selbst", jene wunderlichen  ionischen Herakliteer,  deren orakelnde Geistreichigkeit und autochthonische [eingeborene - wp] Kraftgenialität er demnächst ergötzlich schildert. Ja er gibt schließlich dem heraklitischen Gedanken eine so ausgebreitete äußere Vertretung, daß der allerdings mitgenannte PROTAGORAS unter diesem  "Heer"  alle individuelle Bedeutung verliert. Soll es doch am Ende die Überzeugung  aller  Philosophen  und Dichter  bis auf HOMER, ja bis in noch primitivere Zeiten hinab gewesen sein, daß sich alles in ewigem Werden und Wechsel befinde. Nur PARMENIDES habe eine andere Ansicht vertreten, insofern nach ihm alles Werden und alle Veränderung nur Sinnenschein, das wahrhaft Seiende aber, das  Eine  allumfassende Universum als solches unbewegt, ewig, in sich selbst ruhend und sich selbst gleich sei. Zwischen diesen Gegensätzen sucht dann der Autor selbst auf eine ähnliche Weise eine rettende Durchfahrt, wie KANT zwischen der Klippe der WOLFFschen und dem Strudel der HUMEschen Philosophie. Doch diese Bemühung fällt in einen späteren Dialog, den  Sophistes,  und muß hier zunächst beiseite gestellt werden; auch PLATON sieht vorläufig davon ab. Was nun aber den protagoreischen Anteil an der heraklitischen Flußlehre angeht, so wird angesichts der Ausdehnung, die PLATON dem Anhang derselben gegeben hat, die Frage fast gegenstandslos. Es wird kein Bedenken haben, den PROTAGORAS ebensogut zum Herakliteer zu machen, wie den - HOMER; bei PLATON wird auf HOMER sogar noch größeres Gewicht gelegt als auf PROTAGORAS. Wenn letzterer aber die heraklitische Doktrin in keinem genaueren Sinn vertrat als HOMER, so wird er für diese Seite der von PLATON befehdeten Ansicht kaum besonders zur Verantwortung gezogen werden können. Es wird begründet sein, wenn wir die Herakliteer strikterer Observanz allein hierfür einstehen lassen.

Rekapitulieren wir, so finden wir als Objekt der platonischen Polemik drei verschiedene Lehren von verschiedenem Ursprung:  Erstens:  die These des  Sensualismus,  von THEAETET in die Formel gefaßt: "Wissenschaft ist Wahrnehmung". Verwandt damit scheint der Satz gewesen zu sein, mit dem die protagoreische "Wahrheit" anhob, insofern er - wie sich vermuten läßt - das Wissen des Menschen auf das für ihn Wahrnehmbare hat einschränken wollen.  Zweitens:  der Grundsatz des  Relativismus  (oder  Subjektivismus) , von PROTAGORAS vertreten: Alles Sein und Wissen ist relativ, wechselnd mit den Subjekten und ihren Dispositionen. Es blieb noch unaufgeklärt, inwieweit die von PLATON als protagoreisch berichtete Ausdehnung dieser Relativität und Variabilität über die Sphäre der Wahrnehmung und des Gefühls fort auf alle, insbesondere die moralischen "Meinungen" wirklich dem PROTAGORAS aufgebürdet werden darf. Und drittens die Ansicht der allbeweglichen "Ionier", der Homeriden und Herakliteer, daß  nichts ist, steht und bleibt,  sondern daß  alles wird und fließt. 


3. Platons Versuche,
die drei Gedanken zu einer Einheit zu verschlingen;
Sonderung nötig.

Mit verschiedenen Mitteln versucht der Autor die gegnerische Dreiheit als innerlich zusammengehörig zu erweisen und zu einer Einheit zu verknüpfen, die sich zwar in drei Reihen gliedern, die aber einander bedingen und voraussetzen; die Triarier, bis zu denen der Kampf letztlich durchdringt, sind so alt wie HOMER und älter. Oder romantischer geredet: er stellt seinen Gegner als einen Zerberus dar, dem er alle drei Köpfe, die demselben sinnlich-animalischen Nacken entspringen, auf einmal abschlagen muß, damit an die Stelle der erdgeborenen Viehs der Mensch trete mit der auf das Ideale, Ewige und Übersinnliche hinausschauenden  Vernunft. 

Wie er gleich am Anfang von THEAETETs Antwort zu PROTAGORAS' Buch überspringt, wo in etwas anderer Weise "dasselbe" gesagt sei, wie er demnächst die heraklitische Ontologie als eine esoterische Auflösung des von PROTAGORAS aufgegebenen "Rätsels" (37 faßt: das stellten wir schon oben heraus. Die so einmal eingeführte Verbindung wird dann im weiteren Verlauf der Erörterung in einer Weise festgehalten, daß man deutlich sieht, wie sehr wenigstens der Kritiker selbst von der inneren Zusammengehörigkeit der drei feindlichen Lehren überzeugt war.

Zum Beispiel SOKRATES hat erstens heraklitisierend die Wahrnehmung aus fließenden Prozessen erklärt, zweitens mit PROTAGORAS die Unfehlbarkeit der jedesmal gegenwärtigen Wahrnehmung hervorgehoben. Darauf lobt er den THEAETET, weil er "also" ganz vortrefflich die Wissenschaft als Wahrnehmung definiert habe:  "Und auf dasselbe sind zusammengelaufen: 
    1) die homerisch-heraklitische Lehre, daß alles fließt;

    2) die protagoreische, daß aller Dinge Maß der Mensch ist und

    3) die theaetetische, daß,  wenn dies sich so verhält,  sich Wissenschaft als  Wahrnehmung  ergibt".
Und später wir dementsprechend bemerkt, daß die Kritik drei Behauptungen zu prüfen hat:
    1) daß sich alles bewegt;

    2) daß, was jedem erscheint, auch (für ihn) sei und  auf dieser Grundlage 

    3) ob sich Wissenschaft und Wahrnehmung decken oder nicht.
Am häufigsten wird die Verbindung zwischen Relativismus und Heraklitismus urgiert [thematisiert - wp]. Die fließenden Prozesse, welche zur genetischen Erklärung der Wahrnehmung eingeführt wurden, machen nicht bloß die Instabilität, sondern auch die Relativität der Produkte begreiflich; ebenso, daß das Wahrnehmungsobjekt eigentlich nicht  "ist",  sondern gleichsam durch eine  creatio continua  fortwährend  neu  und unter Umständen  anders  wird, als daß es immer nur in Bezug auf ein wahrnehmbares Subjekt wird. Die Relativisten und Herakliteer werden daher gelegentlich geradezu wie  eine Partei  behandelt; es wird z. B. die Lehre von der bloßen Konventionalität der ethischen Begriffe summarisch denjenigen zugeschrieben, welche das "schwebende Sein" und die Wahrheit aller subjektiven Meinung lehren.

Aber auch der Sensualismus wird mit dem Heraklitismus eng verbunden gehalten. Nachdem die Lehre des PROTAGORAS durchgesprochen ist, glaubt SOKRATES doch noch nicht die von Anfang an ins Auge gefaßte Schlußfolgerung ziehen zu können, daß Wissenschaft als  nicht  Wahrnehmung sei (im Gegenteil: für die jedesmal gegebenen Wahrnehmungen hat er dem PROTAGORAS und THEAETET ein bedeutsames Zugeständnis machen müssen; zunächst, erklärt er, müsse er noch einmal beim  schwebenden  Sein" anklopfen, ob es gesund oder morsch klinge. Erst aufgrund  dieser  Lehre stellt es sich dann definitiv heraus, daß man weder dem PROTAGORAS zugeben könne, daß jeder Mensch der Dinge Maß sei, noch dem THEAETET, daß Wissenschaft Wahrnehmung sei. (38

Ein so anziehendes und lehrreiches Beispiel diese Methode auch darbietet von jener kombinatorischen und "synopotischen" Befähigung, die im äußerlich Verschiedenartigen das durchgehend Gleiche und wesentlich Zusammengehörige erkennt, welche der Autor selbst gelegentlich als charakteristisches Merkmal des "dialektischen" des philosophischen Kopfes bezeichnet hat: so hat dieselbe auch - wenigstens in unserem Fall - große Übelstände im Gefolge. Ganz abgesehen davon, daß es nun sehr schwierig ist, in diesem platonischen Gewebe deutlich zu erkennen, wie weit die authentische Lehre desjenigen Mannes reicht, dem offenbar das Hauptinteresse zufallen soll, nämlich dem PROTAGORAS, so hat die Synopsis diesmal doch allzusehr einer Kritik vorgearbeitet, welche an das Verfahren derer erinnert, die jede gegnerische Ansicht sofort mit vorgeblich verwandten Lehrmeinungen anderer zusammenbinden, gegen die sich mit größerer Bequemlichkeit und Erfolgsaussicht kämpfen läßt; wenn sie nun auch nach Gutdünken bald nach dieser, bald nach jener Seite schlagen, so können sie doch immer hoffen, den Schein zu erwecken, als ob alle diese vielen und wuchtigen Schläge auf den eigentlichen Gegner fielen. Neben den Stellen, wo PLATON den Standpunkt des jungen THEAETET, des Sophisten PROTAGORAS und der "Ionier" sachgemäß und sauber voneinander sondert, finden sich andere, wo die Gegenpartei nach innen und außen so generell und unbestimmt bezeichnet wird, daß man nicht sicher und fest sagen kann, wen und was man vor sich hat. Das Schlimmste ist, daß der Relativismus und Heraklitismus so ineinander gesponnen, ja mehr! oft so ineinander übergespielt werden, daß die schillernde Ausdrucksweise, wie ein Spiegelbild des vorausgesetzten unbestimmbaren Seins, keine bestimmte Deutung, ja nicht einmal eine sichere Akzentuierung der Worte gestattet. Die Stelle, welche sich als esoterische Mitteilung des PROTAGORAS an seine Schüler einführt, wird gleich in dieser Manier gegeben: je nachdem man im ersten Satz das griechische Wort für  "ist"  faßt und akzentuiert, drückt er entweder die heraklitisierenden Behauptung aus, daß es kein  einheitlich bestimmtes  Sein gibt, oder die Generalisierung der vorher am Wetter gemachten relativistischen Bemerkung des PROTAGORAS, daß das wahrgenommene Sein nichts  ansich Seiendes, nichts Absolutes  sei, sondern immer nur in Beziehung auf ein perzipierendes Subjekt; was generalisiert lautet: Es gibt überhaupt kein  absolutes  Sein. Der Passus endet klar mit der These, daß nichts  sei,  sondern alles  werde;  dazwischen aber liegt der Satz, daß nichts ein Unum, Quid oder Quale sei, daß alles erst im Verkehr  miteinander  wird; wo füglich die Frage entsteht, ob der Gedanke noch relativistisch oder schon heraklitisch sei, oder ob er beide Farben tragen soll. Und diese wechselnde Charakter der Darstellung wiederholt sich. Er wird besonders da recht merklich, wo die heraklitisierende Theorie der Wahrnehmung näher entwickelt wird: wir vorher die Relativitätslehre in die Flußlehre, so geht nun unversehens die Flußlehre in Nuancen der Relativitätslehr über, um demnächst wieder zum Fließen des Seins zurückzufließen.

Wäre es nun sicher, daß PROTAGORAS selbst seinen Relativismus durch eine heraklitische Metaphysik unterbaut hätte, oder wäre letztere wirklich die prinzipiell notwendige Voraussetzung jenes, oder zöge der Idealist aus dieser Verbindung keinen polemischen Vorteil: so würden wir jene Übergänge und Clair-obscur [kontrastreich - wp] nur wie sonstige anmutig geistreiche Spiele der Darstellung betrachten (39 ; aber es finden von all dem genau das Gegenteil statt. So sehen wir uns bei allem stilistisch-ästhetischen Ergötzen sowohl um des PROTAGORAS wie um der Sache willen genötigt, den protagoreischen Subjektivismus von der heraklitischen Umschlingung erst einmal wieder zu lösen und für sich zu betrachten. (40

Obwohl der Subjektivismus angesichts der Variabilität der Wahrnehmungen viel eher als eine notwendige Folge des Sensualismus angesehen werden kann, wie der Heraklitismus als eine notwendige Vorbedingung des ersteren, so ist es doch geraten, vorerst auch diese Verbindung wieder aufzutrennen und zuzusehen, wie der Sensualismus ohne jede weitere Zutat, wie er ganz rein auf sich selbst gestellt, sich ausnimmt und was PLATON (und sein Anhang) in dieser Isolierung gegen ihn zu erinnern hat.

Wir beginnen damit; und lassen erst allmählich diejenigen Bestimmungen zuwachsen, die es PLATON daran anzuknüpfen beliebt hat. Dabei muß von Phase zu Phase vorsichtig geprüft werden, wie weit die Verfügungen und Verdikte des platonischen "Idealismus" der Natur und Notwendigkeit des allgemeinen, bzw. des schon so oder so näher bestimmten Prinzips entsprechen, oder in wieweit sie auf Willkür oder Gewaltsamkeit, sei es der Deutung, sei es der Kritik, beruhen.
LITERATUR: Ernst Laas - Idealismus und Positivismus, Berlin 1879
    Anmerkungen
    1) KANT, Prolegomena, Werke III (ROSENKRANZ), Seite 4
    2) Vgl. LEIBNIZ, Opera philosophica, Ausgabe ERDMANN, Seite 704a; F. A. TRENDELENBURG, Logische Untersuchungen, Vorwort zur 3. Auflage; KUNO FISCHER, Geschichte der neuern Philosophie III, 2. Auflage 1869, Vorrede Seite XVI.
    3) KANT, a. a. O.
    4) Vgl. LESSING, Vossische Zeitung vom 29. Juni 1751 (Werke III, Ausgabe LACHMANN-MALTZ, Seite 173). - Es ist für denjenigen, welcher der philosophischen Forschung seine Kräfte widmet, im höchsten Grad niederschlagend, fortwährend erleben zu müssen, wie jeder, dem es einfällt, bei Gelegenheit auch etwas zu philosophieren, sich für berechtigt hält, nicht bloß die vorhandenen Leistungen in einer Weise unberücksichtigt zu lassen, die man in keiner Spezialwissenschaft verzeihen würde, sondern auch philosophischen Autoren ersten Rangs Lehren zu vindizieren, die man nur sekundären oder tertiären Quellen verdanken kann. So unliebsam es ist, so muß es doch einmal gesagt werden, daß in Deutschland kaum jemand in beiden Beziehungen so schwer verschuldet ist, wie der in seiner Fachwissenschaft so sorgfältige und gründliche HELMHOLTZ. Es könnte geradezu lächerlich wirken, wenn es nicht so ärgerlich wäre, was er in der Rektoratsrede vom 3. August 1878 (als Broschüre erschienen unter dem Titel "Die Tatsachen der Wahrnehmung", Berlin 1879) von Neuem als  Kantische Philosophie  darbietet; von der Nichtberücksichtigung der englischen Assoziationspsychologen, welche die psychologische Seite des behandelten Themas doch etwas gründlicher erörtert haben als er selbst, ganz zu schweigen! Wenn dergleichen an so hervorragender Stelle geschehen kann: darf man sich wundern, wenn man der Philosophie noch immer alles bieten zu können glaubt?
    5) KANT, a. a. O. Seite 3
    6) Denn die "volle Wahrheit liegt nicht hinter uns, sondern vor uns; und wer sie sucht, der schaue vorwärts, nicht rückwärts!" Was HERBART so im Jahre 1812 aussprach (Werke I, Seite 287), gilt noch heute (vgl. Werke II, Seite 380, Werke V, Seite 197); andererseits ist es aber auch richtig, daß "das  Unwissenschaftlichste von Allem  die Idee sein würde, daß mit einem Mal das Reich des philosophischen Geistes erst noch kommen soll" (DÜHRING, Kritische Geschichte der Philosophie, 1. Auflage, Seite 546) Vgl. Seite 2, Anm. 1.
    7) Vgl. zum Beispiel F. A. TRENDELENBURG, Über den letzten Unterschied der philosophischen Systeme, Historische Beiträge zur Philosophie II, Seite 1f
    8) Die  objektive  Betrachtung würde zweifellos von der  Erkenntnistheorie  auszugehen haben; das  subjektiv  bestimmende Motiv ist dagegen häufiger und eher ein  ethisches  gewesen.
    9) Vgl. LEIBNIZ, Nouveau Esssais; Opera a. a. O. Seite 194a, 204a, 205a; KANT, Kritik der reinen Vernunft, Werke II, Seite 657
    10) Vgl. DROBISCH, Über die Wandlungen der Begriffe  Idealismus  und  Realismus  usw., Zeitschrift für exakte Philosophie, Bd. V, Seite 122f; SCHOPENHAUER, Skizze einer Geschichte der Lehre vom  Idealen  und  Realen,  Werke Bd. V, Seite 3f.
    11) Darin gingen ihm bekanntlich  die  Pythagoreer und, merkwürdigerweise sein Antipode DEMOKRIT voran.
    12) Nur der mittelalterliche  Nominalismus  und der moderne  "Darwinismus"  sind etwas relativ Neues; aber beide haben ihrerseits in demselben PLATON ihren Gegensatz (Vgl. OTTO LIEBMANN, Zur Analysis der Wirklichkeit, 1876, Seite 297f: Platonismus und Darwinismus). Und biogenetische Gedanken darwinistischer Art gehen bis auf EMPEDOKLES, ja ANAXIMANDER zurück. Zu den vier Stufen, welche nach EMPEDOKLES (vgl. Plut. Plac. philos. V, Seite 19) die Geschichte der Organismen zu durchlaufen hat, um aus niederen Formen die höheren zu entwickeln, findet man in neueren Schriften nur noch eine fünfte hinzugefügt, indem die zeugungskräftig gewordenen Wesen des Empedokles die "Tenenz, abzuändern" erhalten. (Vgl. "Das Unbewußt vom Standpunkt der Deszendenztheorie, 1872, Seite 22f)
    13) Vgl. besonders GOETHE, Materialien zur Geschichte der Farbenlehre, zweite Abteilung, Überliefertes, Seite 291 und SCHILLER, "Über naive und sentimentalische Dichtung, 1847, Seite 254. Bei letzterem heißt es: "Dieses führt mich auf einen sehr merkwürdigen  psychologischen Antagonismus  unter den Menschen ..., der weil er  radikal  und  in der inneren Gemütsform gegründet  ist, eine schlimmere Trennung unter den Menschen anrichtet, als der zufällige Streit der Interessen je hervorbringen könnte" usw. (vgl. dazu K. TOMASCHEK, Schiller in seinem Verhältnis zur Wissenschaft, 1862, Seite 352f).
    14) Vgl. KANT, Kritik der reinen Vernunft, Seite 657f
    15) Die Ausdrücke Platonismus und Antiplatonismus haben allerdings auch einen Mangel, nämlich den, daß sie den Schein erwecken, als sei der Platonismus das der Zeit nach Frühere, das Usprüngliche, und der entgegengesetzte Standpunkt erst ein Ergebnis der Kritik und Opposition. An der Ursprungsstelle ist das Umgekehrte wahr.
    16) Vgl. u. a. die Skizze, welche ich in meinem Buch "Der deutsche Aufsatz in den oberen Gymnasialklassen", 2. Auflage, 1877, Seite 349f zusammengestellt habe.
    17) Vgl. HERBART, Einleitung in die Philosophie, Werke I, Seite 238. - EDUARD ZELLER, Vorträge und Abhandlungen, 2. Auflage 1875, Seite 80f. - H. von STEIN, Sieben Bücher zur Geschichte des Platonismus. Untersuchungen über sein Verhältnis zur späteren Theologie und Philosophie. 3 Bände, 1862 - 1875.
    18) Wir werden einige der für unseren Zweck wichtigeren Abweichungen zur entgegengesetzten Seite hin weiter unten selbst hervorheben.
    19) Viele seiner Aufstellungen sind ja auch wirklich weiter nichts als Wiederholungen, Ausführungen und Stilisierungen platonischer Originalgedanken; das 4. Buch seiner Metaphysik ist z. B. eine bloße Übertragung des ersten Teils des platonischen  Theatet  in esoterischem Vortrag. Vgl. PEIPERS, die Erkenntnistheorie Platos usw., Seite 716. - DROBISCH, a. a. O., Seite 124f.
    20) Vgl. zum Beispiel GOETHE a. a. O. - CONDILLAC, Extrait raisonné du traité des sensations, Oeuvres, Paris 1821, Seite 4f. - KANT, Kritik der reinen Vernunft, Seite 657. - SCHOPENHAUER, Parerga, Werke V, Seite 51f. - Selbst im Jahr 1876 bemerkte noch ein Platoniker (A. KROHN, Der platonische Staat, Seite 278) gegenüber einem Versuch, "den Aristoteles aus dem Plato herauszukonstruieren" - was ich für völlig ausführbar halte -: "Nach unserer Ansicht ist das von vornherein unmöglich, weil eine  empirische  Spekulation nicht aus einer  transzendenten  abgeleitet werden kann. - Beide Denker stehen wie zwei Welten, jeder in eigentümlicher Größe nebeneinander." - Vgl. dem gegenüber z. B. TRENDELENBURG, Kleine Schriften II, 1871 (Raphaels Schule von Athen), Seite 256: "Aber wenn auf solche Weise PLATO und ARISTOTELES gegeneinander stehen, so ist es doch kein Streit auf Leben und Tod. Beide bewegen sich zu einer Gemeinschaft hin. Namentlich hat ARISTOTELES, PLATOs Schüler, mitten in diesem Gegensatz  das Wesentlichste des platonischen Geistes  in sich aufgenommen."
    21) Vgl. KANT, Werke I, Seite 334; Werke XI, Seite 27, Werke I, Seite 386 Anm.
    22) Vgl. RUDOLF EUCKEN, Geschichte der philosophischen Terminologie, 1879, Seite 46, 58f.
    23) Vgl. COUSIN, Ouvrages inédits d'Abélard, 1836, Introduction, Seite LVIf.
    24) Von den direkten Verweisen KANTs sind die interessantesten: "... nobilissimum antiquitatis de  phaenomenorum  et  noumenorum  indole ..." (Werke I, Seite 312); ".. PLATO bedient sich des Ausdrucks  Idee  so, ... was nicht allein niemals von den Sinnen entlehnt wird" ... (Werke II, Seite 253f; ferner 445; I:314; X:353; XI:27) KANTs "Kategorien" hießen anfangs  ideae purae  (Werke I, Seite 312; § 6). Vgl. ferner I:479, 623f; II:657. - Der Kantianer H. COHEN bemerkt (Platons Ideenlehre und die Mathematik, Seite 10): "Über die Jahrhunderte hinweg hat KANT  in der Grundfrage wie im Hauptergebnis  seinen Zusammenhang mit PLATON  als seinem Geistesahnen,  gefühlt und angezeigt." Seine  Kenntnis  PLATONs war, wie es scheint, durch LEIBNIZens  Nouveaux Essais  angeregt und durch BRUCKER geleitet. Vgl. Werke II, Seite 255. Auch wenn man den Motiven der Abkehr KANTs vom landläufigen erkenntnistheoretischen  Idealismus,  den er "schwärmerisch" nennt, nachgeht, sieht man sich auf platonische Elemente geführt.
    25) Vgl. WILHELM DILTHEY, Leben Schleiermachers I, 1870, Seite 33, 84, 86f, 320. - H. von STEIN, a. a. O. I, Seite 84 Anm.; III: 341-345. - SCHLEIERMACHER, Philosophische und vermischte Schriften II, Seite 416f.
    26) Vgl. KUNO FISCHER, Geschichte der neueren Philosophie VI, Seite 44, 165f, 652, 844.
    27) Vgl. SCHOPENHAUER, Werke I, Seite CXLVf; Bd. II, Seite 197f ... Die Platonische Idee: das Objekt der Kunst.
    28) HERBART, Werke I, Seite 11; Bd. XII, Seite 61f; Einleitung in die Philosophie § 143f.
    29) ROSENKRANZ, Hegels Leben, Berlin 1844, Seite 91, 100, 104f, 115, 124. - I. H. FICHTE in seiner Zeitschrift "Philosophie und philosophische Kritik", Bd. XII, Seite 307f und die Stellen bei H. von STEIN, a. a. O. III, Seite 318f, 394f Anm.
    30) H. von STEIN, a. a. O. Seite 415, Anm.: "Nur andeutungsweise mag hier erinnert werden, wie auch  in der unmittelbaren Gegenwart  die verschiedenartigsten Richtungen, .... wie z. B. der  Sozialismus  und  Kommunismus  ... ihre bemerkenswerten, oft sogar überraschenden Beziehungen zum Platonismus besitzen."
    31) Vgl. BRATUSCHEK, August Boeckh als Platoniker, Philosophische Monatshefte I, Seite 257f; derselbe, "Adolf Trendelenburg", ebenda Bd. VIII, Seite 322f. - W. S. TEUFFEL, Übersicht der platonischen Literatur, Tübingen 1874.
    32) Vgl. die Literaturangaben bei H. von STEIN I, Seite 34 Anm.; III:409f und TEUFFEL, Seite 3f.
    33) Nach dem Ausdruck A. KROHNs (a. a. O. Seite 54), der seinerseits übrigens vielfach selbst in diese Tonart verfällt.
    34) Vgl. zum Beispiel die Äußerungen FRANCIS BACONs (Novum Organon I, Seite 105). - JOHN STUART MILLs "Selbstbiographie, übersetzt von C. KOLB, 1874, Seite 14f und H. MAUDSLEY, "Physiologie und Pathologie der Seele, Seite 17 und 33.
    35) Erstens durch sprachliche Mittel, zweitens durch Auflösung in die Elemente, drittens durch Distinktion.
    36) In Bezug auf die relativistische Auffassung der Moral, als einer bloß konventionellen, vom jedesmaligen Gutdünken des Staates (und der Gesellschaft) abhängigen Norm, bemerkt der Berichterstatter selbst, daß sie kein ausschließliches Eigentum des PROTAGORAS sei, sondern von vielen vertreten werde.
    37) nämlich der von ihm hervorgehobenen Tatsache, daß die Wahrnehmungen und die aus ihnen gebildeten Ansichten der Menschen disharmonieren.
    38) Man frägt unwillkürlich: Kann Wissenschaft also vielleicht Wahrnehmung sein abseits dieser "Methode".
    39) Zumal da eine  Verwandtschaft  der beiden Gedanken, daß nichts  absolut  und daß nichts  konstant  sei, nicht geleugnet werden kann. Wenn wir in unserer Terminologie sagten: Es gibt keine  "Substanzen",  so würden wir offenbar auch  in einem beides  behaupten. Denn der Terminus "Substanz" ist zwar von einigen so gefaßt worden, daß er nur das Konstante im Wechsel, das wahrhaft Existente, das einheitlich, einfach Seiende, das "Reale" bezeichnet und daß wirkliche oder ideale Relationen zwischen solchen Substanzen denkbar bleiben, aber gerade die Klügeleien und Sophismen, zu denen Ansichten dieser Art (z. B. bei LEIBNIZ und HERBART) geführt haben, müssen zum echten Substanzbegriff SPINOZAs zurückleiten. - Aber wenn auch der Heraklitismus die Relativitätslehre in seiner notwendigen Konsequenz hat, so bedarf doch möglicherweise letztere jenes nicht als notwendiger Voraussetzung.
    40) Übrigens brechen auch bei PLATON gelegentlich Wendungen durch, welche es als mehr oder weniger irrelevant erscheinen lassen, ob das  relative  Objekt zugleich als ein fortwährend fließendes und "werdendes" betrachtet werde.