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PAUL RICHTER
David Humes Kausalitätstheorie

"Nach Humes Ansicht ergibt sich, daß auch die Erfahrung uns der wesentlichste Bestandteil der Kausalidee, nämlich die Idee der Kraft, nicht  unmittelbar  zu liefern vermag. Wohl lehrt sie uns das  Neben-  und  Nacheinander  zweier Objekte, aber das Gewirktwerden des einen  durch  das andere, das  Durcheinander,  bleibt uns für immer verborgen. Sie schafft uns nur jenen  inneren  (also rein psychologischen) Vorgang des gewohnheitsmäßigen Übergangs, der die Grundlage abgibt für die Idee der wirkenden Kraft. Was wir uns also als Kraft, Energie usw. vorzustellen vermögen, das existiert  lediglich  in unserem Geist; was aber  in den Objekten selbst  als kausale Verknüpfung existiert, das  wissen wir nicht." 

I.

Es ist schwer, bestimmte Nachweise darüber zu erbringen, welchen  Einfluß  frühere philosophische Lehrmeinungen auf die Anschauungen HUMEs,' die er in seinem Erstlingswerk "Treatise of Human Nature" niedergelegt hat, geübt haben. In seiner Selbstbiographie berichtet er hierüber nichts, und seine anderweitigen Äußerungen beschränken sich im wesentichen auf die ganz allgemeine Angabe, daß er "die meisten berühmten lateinischen, französischen und englischen Bücher" gelesen hatte, eher er an die Abfassung des genannten Werkes ging. So verschiedenartig und vielseitig aber seine philosophischen Studien auch gewesen sein mögen, so waren sie doch insofern unvollkommen, als er die alte Philosophie zum Teil gar nicht, zum Teil nur ungenügend kennen lernte. Der Name des ARISTOTELES wird im  Treatise  nicht ein einziges Mal genannt, nur indirekte Anspielungen sind nachweisbar, die aber nicht eben auf eine besondere Wertschätzung schließen lassen, wie die gelegentlichen Bemerkungen über die Ansichten der Peripatetiker [Anhänger des Aristotels - wp] beweisen. HUME ist mit der Philosophie des ARISTOTELES jedenfalls nicht  unmittelbar  bekannt geworden. Die schottische Philosophie stand noch im Anfang des 18. Jahrhunderts vollständig unter der Herrschaft der Scholastik. Die Logik des Aristoteles und die Werke seiner Kommentatoren bildeten die Grundlage des Unterrichts an den Universitäten; und bei dem regen Interesse an philosophischen Erörterungen, welches damals besonders auch in Edinburgh herrschte, erscheint es namentlich auch in Anbetracht der eigenen Zeugnisse HUMEs über die Art seiner Studien als selbstverständlich, daß er auf diesem Weg auch mit ARISTOTELES bekannt geworden ist. COMPAYRÉ (1) hat auf diese "Ignoranz des HUME in Bezug auf die Philosophie des Altertums" aufmerksam gemacht.

Ähnlich liegt das Verhältnis HUMEs zu DESCARTES. Zunächst ist bemerkenswert, worauf auch BURTON hinweist, daß HUME nirgends das eigentümliche Zusammentreffen erwähnt, daß er (- "den Kopf voll mit meinem  Treatise"  - ) fast drei Jahre lang in denselben Räumen des Jesuiten-Kollegs La Fléche in ernster philosophischer Arbeit lebte, wo einst DESCARTES erzogen wurde. Doch folgt daraus gewiß nicht, wie COMPAYRÉ annehmen möchte, daß sich HUME dieser Tatsache gar nicht bewußt geworden sei, und noch weniger läßt sich daraus schließen, HUME habe die Lehren des DESCARTES überhaupt nicht gekannt. Gegen die letztere Annahme spricht schon der Umstand, daß HUME wiederholt auf cartesianische Lehrmeinungen in polemischer Weise Bezug nimmt. Zweifelhaft bleibt es aber immerhin, ob er die Schriften des DESCARTES genauer gekannt hat, wie es in Bezug auf LEIBNIZ als sicher anzunehmen ist. Auch SPINOZA war ihm vielleicht nur nach BAYLEs "Dictionary" bekannt, obwohl er sich mit dessen Ansichten wiederholt ausführlich befaßt, und obwohl es bei dem eindringenden Interesse für die Philosophie seiner Zeit fast unwahrscheinlich erscheinen sollte, daß er sich mit den Darstellungen Dritter über die Ansichten dieses Philosophen begnügt hat. Auch auf die Lehren des  Okkasionalismus  [Lehre von den Gelegenheitsursachen - wp] weist er ausdrücklich hin, und MALEBRANCHE wird zweimal erwähnt.

Schon hieraus ergibt sich, daß die: "Kurz gesagt ist der Treatise von Anfang bis Ende die Arbeit eines Schotten, der sich einem kritischen Studium der Arbeiten von LOCKE und BERKELEY widmet" (2) nur zum Teil zutreffend ist. Allerdings ist HUME nach der Sitte seiner Zeit überaus sparsam im Zitieren anderer Autoren; er liebt es nicht, seine Vorstudien und seine Belesenheit zu offenbaren, sodaß es fast den Anschein gewinnt, als wolle er so viel als möglich die historischen Beziehungen, unter deren Einfluß er steht, verbergen. Dennoch aber ist dieser Einfluß nicht gering zu veranschlagen. Während des 17. und am Anfang des 18. Jahrhunderts wurde in England die rationalistische Philosophie vor allem von CLARKE, WOLLASTON und SHAFTESBURY vertreten, und daß auch HUME unter dem Einfluß dieser Philosophen gestanden hat, das bezeugen die mehrfachen ausdrücklichen Hinweise auf ihre Ansichten. Tiefgehender allerdings ist die Einwirkung des von BACON und HOBBES begründeten Empirismus gewesen, und besonders auffallend ist die weitgehende Verwandtschaft mit den Anschauungen des letzteren. Schon vor HUME war der Empirismus zu skeptischen Resultaten, wie sie dem Keim nach bereits in ihm lagen, fortgeschritten. COLLINS (1676 - 1729), ein Schüler HOBBES' und Gegner CLARKEs, hatte die moralische Freiheit bestritten; GLANVILLE (1626 - 1680), der erste englische Skeptiker, bestritt die Wahrnehmbarkeit der Kausalität, COLLIER kommt zu demselben Ergebnis wie BERKELEY, zur Lehre von der "Nichtexistenz oder Unmöglichkeit der Außenwelt". Alle diese Lehrmeinungen werden HUME sicherlich bekannt geworden sein und auf ihn Einfluß genommen haben. Doch waren dies immer nur  vereinzelte,  gewissermaßen isoliert stehende skeptische Argumente, welche auf diesem Weg an ihn herantreten konnten. Den umfassendsten Einfluß auf HUME haben jedenfalls LOCKE und BERKELY geübt, und vor allem ist es der letztere, an dessen Lehre HUME unmittelbar angeknüpft hat. Indem BERKELEY mit der Unentschiedenheit LOCKEs brach, war er in wesentlichen Stücken, wie vor allem hinsichtlich der Leugnung abstrakter Vorstellungen, hinsichtlich des Substanzbegriffs, des Begriffs der Kraft und der Passivität unseres Verstandes gegenüber der Verknüpfung der Ideen, bereits zu den radikalen Anschauungen gelangt, die nach ihm HUME mit verschärften kritischen Mitteln zum Ausdruck brachte. Schon aus diesen allgemeinen Andeutungen ergibt sich, daß die Entstehung der HUME'schen Philosophie, und im besonderen in der Fassung, in welcher sie im Treatise vorliegt, ebenfalls in weitgehendem Maße dem Gesetz der Kontinuität unterworfen ist. Das Gleichte gilt auch von seiner Lehre über das  Kausalverhältnis. 

Die  Erörterungen über das Kausalproblem  nehmen bei HUME eine so hervorragende Stellung ein, daß nach ihnen nicht selten ganz allein die historische Bedeutung des Philosophen abgeschätzt wird. Der Entwicklungsgang des Kausalproblems von ARISTOTELES bis Berkeley und die daraus sich ergebende Problemlage, in welche HUME eintrat, lehren, daß HUME das Problem nicht etwa erst gefunden, gewissermaßen entdeckt hat, sondern daß auch seine Leistungen sich als ein Glied, allerdings als ein hochbedeutsames, in der Entwicklungsgeschichte der Kausaltheorie darstellen. Das Verdienst HUMEs wird es trotzdem aber immer bleiben, die Betrachtung des Kausalzusammenhangs bewußt und mit Bestimmtheit dadurch auf  eine neue Basis  gestellt zu haben, daß er durch den Nachweis der empirisch-synthetischen Verbindung zwischen Ursache und Wirkung dem Problem ein neues Ansehen gab. Aus der Art der Behandlung, welche HUME dem Kausalproblem zuteil werden ließ, erscheint es aber erklärlich, daß der damaligen Zeit seiner Erörterungen in erster Linie als eine bloße Kritik der bisherigen Anschauungen erschienen. Man fühlte sich davon abgestoßen und verhielt sich ablehned dagegen; das Neue der HUME'schen Theorie über den Kausalzusammenhang kam infolgedessen zunächst gar nicht zu Bewußtsein. Zur vollen Bedeutung für die Fortführung des Kausalproblems gelangten seine Leistungen erst infolge der Arbeiten von TETENS und KANT.

Auch hinsichtlich des Kausalproblems sind bestimmte Hinweise HUMEs auf die Lehren anderer Philosophen, unter deren Einfluß sich seine eigenen Anschauungen gebildet haben, nur in geringer Zahl vorhanden. Doch läßt sich immerhin schon aus den wenigen Angaben erkennen, welcher art diese Einwirkungen gewesen sein müssen. Er polemisiert, teils mit, teils ohne ausdrückliche Namhaftmachung der betreffenden Philosophen, gegen die Kausalitätstheorien der Cartesianer, gegen HOBBES, gegen CLARKE, LOCKE, MALEBRANCHE; besonders charakteristisch sind seine Bemerkungen über die Erklärungsversuche des  Okkasionalismus.  Daß HUME in der Lehre des Okkasionalismus, welcher die Kausalität aus der Welt heraus in die vermittelnde Einwirkung der Gottheit verlegte, den Bruch mit der traditionellen Hypothese eines analytischen Kausalzusammenhangs und damit den Keimpunkt für den Aufbau der Kausaltheorie auf ganz veränderter Grundlage erkannt hat, das geht mit Deutlichkeit aus den ausführlichen Bemerkungen im  Inquiry  hervor. Mit Schärfe weist er darauf hin, wie der Okkasionalismus durch den Versuch, den erfahrungsmäßig gegebenen Kausalzusammenhang der Dinge untereinander durch das okkasionelle Eingreifen der Gottheit zu erklären, das Problem nicht gelöst, sondern lediglich den Kernpunkt der Frage verschoben hat. Ein analytischer Zusammenhang von Ursache und Wirkung und eine deduktive Ableitung der letzteren erschien HUME ganz ausgeschlossen. Zu einem ähnlichen Ergebnis wurde HUME durch die kartesianische Lehre von der Körperwelt als der ausgedehnten, ihrem Wesen nach inaktiven Substanz und der Verlegung der Kausalität in die absolute Gottheit geführt, wie die ausführlichen Bemerkungen im "Treatise" Seite 159f beweisen.

Hatte HUME somit aus der Behandlung, welche das Kausalproblem in den  rationalistischen Systemen  erfahren hatte, zunächst nur  negative  Argumente entnommen, welche die traditionelle Hypothese eines analytisch-deduktiven Kausalzusammenhangs erschüttern mußten, so hat er in der Schule des Empirismus, unter dessen Einfluß sein gesamtes Philosophieren in erster Linie steht, gewissermaßen die Methode und die kritischen Hilfsmittel kennengelernt, um die Lösung des Problems auf eine neue Basis zu stellen und in  positiver  Weise vorzubereiten. In diesem Sinne ist HUME abhängig sowohl von HOBBES wie auch von LOCKE und BERKELEY, wenngleich keiner von ihnen, wie besonders nachzuweisen wäre, im Grunde über die scholastische Tradition des analytischen Zusammenhangs zwischen Ursache und Wirkung hinausgekommen ist. Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß HUMEs philosophische Anschauungen in manchen Punkten lebhaft an HOBBES erinnern; besonders gilt das auch hinsichtlich der Lehre von der Kausalität. Schon die ausschlaggebende Stellung, welche HOBBES dem Kausalverhältnis für die gesamte Erkenntnis einräumt, weist ebenso wie die der Erfahrung zugewiesene Bedeutung für die Erforschung der Ursächlichkeit auf die Anschauungen HUMEs hin. Und daß HUME mit HOBBES' Lehre von der Kausalität bekannt gewesen ist, darüber lassen die bereits angeführten ausdrücklichen Hinweise im "Treatise" keinen Zweifel übrig. Noch enger sind naturgemäß die Beziehungen, welche HUME hinsichtlich der Lehre über die Kausalität mit BERKELEY verknüpfen. Nicht bloß hatte dessen Kritik des Substanzbegriffs ihm gewissermaßen das Muster für seine Kritik der Kausalidee und der Idee der notwendigen Verknüpfung geliefert, sondern es hatte BERKELEYs Leugnung eines Kausalzusammenhangs zwischen den körperlichen Objekten seiner Theorie über das Verhältnis von Ursache und Wirkung auch unmittelbar vorgearbeitet.


II.

Das Hauptziel der Untersuchungen HUMEs ist auf die  Tragweite unseres Erkennens  gerichtet. Dabei treten Demonstration und empirische Erkenntnis in einen vollen Gegensatz. Auf die letztere kommt es HUME in erster Linie an, wobei er die eigentlichen Wahrnehmungsurteile von den Erfahrungsurteilen scheidet. Der Inhalt der ersteren entstammt der unmittelbaren Sinneswahrnehmung oder dem Gedächtnis; sie sind unmittelbar gewiß und bieten HUME keinen Anlaß zu einer tiefgreifenden Untersuchung. Seine vornehmste Aufmerksamkeit richtet sich vielmehr auf die Erfahrungsurteile; sie beruhen auf  Schlüssen,  welche über die Sinne und das Gedächtnis hinausführen, und ihre Gewißheit bedarf daher einer besonderen Begründung. Die Frage nach der  Evidenz dieser über die unmittelbare Erfahrung hinausführenden Schlüsse  stellt demgemäß auch HUME an die Spitze seiner Untersuchung.

Als  Grundlage dieser Gewißheit  bezeichnet HUME die  Kausalrelation,  und da sie die einzige Relation ist, welche diese wesentliche Bereicherung des Umfangs unserer Erkenntnis zu leisten vermag, so ergibt sich daraus ihre hohe Bedeutung für unsere gesamte Erkenntnistätigkeit. Sie muß daher auch einer allseitigen gründlichen Prüfung unterzogen werden.

Von Wichtigkeit für die weitere Verfolgung der Untersuchung HUMEs ist zunächst die von ihm selbst angedeutete, wenn auch nicht streng festgehaltene Scheidung zwischen  Kausalrelation  (relation of causation) und  Kausalidee  (idea of causation). Die erstere umfaßt mit der eigentlichen  Kausalidee  auch das  kausale Schließen,  und zwar bildet die Kausalidee die  Grundlage  der Kausal- oder Erfahrungsschlüsse. Zur Lösung der Frage nach der Evidenz der Erfahrungsschlüsse ist mithin zunächst eine Untersuchung über  Ursprung und Wesen der Kausalidee  erforderlich.

Damit löst HUME selbst die aufgeworfene Frage in  zwei gesonderte Probleme  auf, nämlich die Frage nach dem  Ursprung und dem Wesen der Kausalidee  und die Frage nach der  Gewißheit der Schlüsse aufgrund der Kausalidee  oder der Erfahrungsschlüsse. Die erste ist offenbar ihrem Wesen nach  metaphysischer Art  und betrifft das eigentliche  Kausalproblem,  während die zweite  logischer Art  ist und das  Induktionsproblem  betrifft. In der Untersuchung selbst hat HUME allerdings diese an die Spitze gestellte Scheidung nicht streng festzuhalten vermocht; es ergibt sich vielmehr, daß ihm das prinzipiell verschiedene Wesen beider Probleme gar nicht zum klaren Bewußtsein gekommen ist; im "Inquiry" erscheint diese Zweiteilung überhaupt nur leise angedeutet.

Im Folgenden ist der Versuch unternommen worden, die  metaphysischen  Ergebnisse der HUMEschen Untersuchung von den  logischen,  soweit dies nach Lage der Sache überhaupt durchführbar ist, gesondert darzustellen, um alsdann in eine Würdigung der Leistungen HUMEs hinsichtlich der  Induktionstheorie  eintreten zu können.


A. Die Idee der Kausalität

1. Gemäß seinem Fundamentalsatz, wonach jede Idee die Kopie einer Impression ist und die Gültigkeit einer Idee nur durch den Nachweis der entsprechenden Impression dargetan werden kann, fragt HUME zunächst nach dem  Ursprung der Kausalidee,  also nach ihrer Impression. Zunächst ist klar, daß die der Idee der Kausalität zugrunde liegende Impression nicht in besonderen  Qualitäten  der Objekte gesucht werden kann; denn obwohl alle Objekte ohne Unterschied als Ursache oder als Wirkung betrachtet werden können, so gibt es doch keine Qualität, welche alle Wesen ausnahmslos besitzen. Daraus folgt, daß diese Idee nur aus den gegenseitigen  Beziehungen  der Objekte abgeleitet werden kann. Nun zeigt sich, daß bei allen im Kausalverhältnis stehenden Objekten jederzeit in beiden Beziehungen der  Kontiguität  [Angrenzung - wp] und  Sukzession  [Aufeinanderfolge - wp] vorliegen, d. h. sie treffen zeitlich und räumlich zusammen, und das eine folgt auf das andere. Mit diesen beiden Beziehungen ist aber die Kausalität nicht erschöpft; denn es kann ja ein Objekt dem andern vorangehen, ohne doch als dessen Ursache bezeichnet werden zu können. Zur Annahme eines Kausalverhältnisses kommen wir vielmehr erst aufgrund der Erkenntnis einer  notwendigen Verknüpfung  zweier Objekte, einer Beziehung, welhe demnach für die Kausalidee von entscheidender Bedeutung ist. Daraus ergibt sich die weitere Frage,  wie wir zur Erkenntnis dieser notwendigen Verknüpfung  zweier Objekte gelangen, die umso schwerwiegender wird, als die Erfahrung hierüber nichts zu liefern und nicht über die äußeren Momente der Kontiguität und der Sukzession hinaus zu gehen scheint. Die Objekte erscheinen wohl  äußerlich verbunden,  nicht aber  innerlich  verknüpft ("conjoined, but never connected", Inquiry Seite 61.

2. Die weitere Aufgabe besteht somit darin, den  Ursprung der Idee einer notwendigen Verknüpfung  festzustellen. Betrachtet man einen  einzelnen  Fall, in welchem zwei Objekte im Verhältnis der Kausalität stehen, so können offenbar trotz aller Aufmerksamkeit keine anderen Beziehungen als diejenigen der Kontiguität und Sukzession entdeckt werden. Zieht man hingegen  mehrere Fälle gleicher Art  in Betracht, so scheint für den ersten Anblick die  bloße Wiederholung  allerdings auch keine neue Wahrnehmung hervorbringen zu können, da es sich ja immer nur um  dieselben  Objekte handelt. Eine genauere Prüfung zeigt jedoch, daß dadurch dennoch  eine neue Impression  entsteht; denn infolge der Wiederholung wird der Geist durch die  Gewöhnung bestimmt,  bei der die Erscheinung des einen Objekts auch das andere, damit verbundene hinzuzudenken. Diese  gewohnheitsmäßige Bestimmung des Geistes  ist die  Impression,  aufgrund deren die Idee der Notwendigkeit entsteht.

3. HUME ist sich bewußt, daß er damit in die Erörterung einer der wichtigsten philosophischen Fragen eingetreten ist, nämlich in die Prüfung der Frage nach der Kraft und Wirksamkeit der Ursachen, also derjenigen "Qualität, welche aus der Ursache die Wirkung folgen läßt". Bei der Wichtigkeit dieser Frage ist es erforderlich, in eine gründliche Untersuchung derselben einzutreten. Da die Ausdrücke Kraft, Macht, Wirksamkeit, Energie, Notwendigkeit nahezu gleichbedeutend sind, so würde es nach HUMEs Ansicht absurd sein, den einen Ausdruck durch die übrigen  definieren  zu wollen, wie es allerdings meist geschehen ist. Auch auf dem Weg der bloßen Verstandestätigkeit läßt sich keine klare Einsicht erreichen, wie HUME an den Lehren LOCKEs, MALEBRANCHEs und der Kartesianer nachweist. Um zur Erkenntnis der Idee der Kraft zu kommen, muß die ihr entsprechende Impression aufgesucht werden.

Zunächst ist klar, daß sich aus der kausalen Verbindung  äußerer Objekte  unmöglich die Idee der Kraft gewinnen läßt; denn kein Teil der Materie offenbart jemals durch seine sinnlichen Qualitäten eine Kraft oder Energie, welche das Original jener Idee sein könnte. Näher liegt die Annahme, daß wir die Idee der Kraft aus  einer inneren Impression  gewinnen. Es kann behauptet werden, daß wir uns jederzeit einer inneren Kraft bewußt sind; denn wir fühlen ja, daß wir mittels eines einfachen  Willensaktes unsere körperlichen Organe  zu bewegen oder  unsere geistige Tätigkeit  zu lenken vermögen. Nun ist es allerdings eine Tatsache, daß der Wille einen bewegenden Einfluß auf den Körper ausübt; dies lehrt die Erfahrung.  Durch welche Mittel  aber der Wille wirkt,  durch welche Kraft  er den Körper bewegt, das entzieht sich ganz und gar unserer Wahrnehmung. Zum gleichen Ergebnis führt eine Prüfung des Einflusses, den der  Wille  auf den  Verlauf unserer geistigen Tätigkeit  zu üben vermag. Wohl lehrt uns die Erfahrung, daß wir z. B. durch einen Willensakt bestimmte Vorstellungen ins Bewußtsein rufen können, aber die  Kraft,  durch welche der Wille diesen Einfluß auf die Vorstellungen ausübt, ist uns völlig unbekannt und unfaßbar. Wir empfinden wohl die  Wirkung,  welche das Willensgebot hervorbringt, aber das  produzierende Medium  entzieht sich unserer Erkenntnis.

So scheint es mithin, als ob in keinem Naturprozeß, weder in den körperlichen Vorgängen, noch in den Wirkungen des Geistes auf den Körper, noch in den Einflüssen des Willens auf die geistige Tätigkeit, eine Verknüpfung durch einen Moment der Kraft oder Energie wahrnehmbar sei. Lose und selbständig stehen die einzelnen Vorgänge nebeneinander; die  Erfahrung  zeigt uns wohl die  häufige Verbindung  (conjunction) gewisser Objekte, ihre  Verknüpfung  (connexion) jedoch bleibt uns verborgen. Demnach liegt die Annahme nahe, daß wir mit den Ausdrücken  Kraft, Energie  usw. nur leere Worte ohne Inhalt gebrauchen.

Doch es gibt noch eine Quelle, welche in Betracht zu ziehen bleibt. Bisher ist gezeigt worden, daß die Idee der Kraft weder durch die scharfsinnigste Betrachtung  eines Objekts,  noch aufgrund der Beobachtung eines  einzelnen Falles einer Verbindung  zweier Objekte gewonnen werden kann. Haben wir dagegen  in mehreren Fällen gleiche Objekte in konstanter Verbindung  beobachtet, so gewinnen wir durch diese Wiederholung der Beobachtung die Idee der Kraft. Wie geht das vor sich? Infolge der wiederholten Beobachtung derselben Verbindung zweier Objekte gleicher Art wird nämlich unser  Geist  durch  Gewöhnung bestimmt,  bei der Wahrnehmung des einen Objekts seinen gewöhnlichen Begleiter  unwillkürlich  vorzustellen, und dieses  Gefühl,  diese  Bestimmung (determination), dieser gewohnheitsmäßige Übergang  bildet die  Impression,  aus welcher die  Idee der Kraft  oder  Energie  erwächst. Was wir uns als Kraft, Energie, Wirksamkeit, Notwendigkeit denken, hat demnach sein Urbild nicht in den wahrgenommenen Objekten oder Vorgängen, sondern lediglich in einem aus der Mehrheit der Beobachtungen erwachsenden  Gefühl,  in einer aus rein geistigen Vorgängen entstehenden  gewohnheitsmäßigen Bestimmung  unseres Geistes. Nicht in einer  Qualität der verknüpften Objekte  liegt also das Urbild unserer Idee der Kraft und Wirksamkeit, sondern in einem  Zustand unseres Geistes,  mit HUME's eigenen Worten: "Notwendigkeit ist etwas, das im Vertand existiert, nicht in den Objekten. Entweder haben wir überhaupt keine Idee von Notwendigkeit, oder Notwendigkeit ist nichts als Determinierung des Gedankens von der Ursache zur Wirkung und umgekehrt, entsprechend ihrer erfahrenen Einheit." (3)

So zeigt sich, daß die Idee der Kraft aufganz demselben Wege mittels jener  inneren, geistigen Impression  ("impression of reflexion") entsteht, wie die Idee der notwendigen Verknüpfung, und daß beide demnach völlig  identisch  sind.

Nach Maßgabe dieser Ergebnisse lassen sich nach HUMEs Meinung  zwei Definitionen der Ursächlichkeit  geben, je nachdem man sie als  philosophische  (sachliche) oder als  natürliche  (psychologische) Relation betrachtet.
    1. Ursache ist ein Objekt, dem ein anderes folgt, und wobei allen Objekten, die dem ersteren ähnlich sind, solche Objekte folgen, die dem zweiten ähnlich snid, oder mit anderen Worten: wobei das zweite Objekt nicht existiert hätte, wenn das erste nicht existierte.

    2. Ursache ist ein Objekt, dem ein anderes folgt, und dessen Erscheinung die Gedanken stets auf das andere richtet.
Die erste Definition enthält nur diejenigen Bestimmungen, welche tatsächlich  an den Objekten selbst  gegeben sind und wahrgenommen werden können, während die zweite auch die hinzutretende  Operation des Geistes  enthält. Fassen wir nun zusammen, was sich aufgrund der vorstehenden Erörterungen über den Ursprung der Idee der Kausalität ergibt, so behauptet HUME folgendes:

1. Durch  reine Vernunfttätigkeit a priori  ist die Kenntnis von Ursache und Wirkung nicht zu erlangen. Keinem Menschen, auch dem scharfsinnigsten nicht, wird es möglich sein, trotz sorgfältigster Untersuchung aller sinnlichen Qualitäten eines ihm völlig neuen Objekts dessen Ursachen und Wirkungen durch bloße Vernunfttätigkeit anzugeben, da die Wirkung von der Ursache völlig verschieden ist und mithin in ihr a priori nicht entdeckt werden kann. Alle Annahmen in dieser Hinsicht würden völlig willkürlich sein, und selbst nachdem uns die beiden in kausaler Beziehung stehenden Objekte als solche bekannt geworden sind, ist es unserer Vernunft unmöglich, die innere Verknüpfung beider zu entdecken. Das Höchste, was nach HUME's Meinung die Vernunft zu leisten vermag, ist nur dies, "die Prinzipien, auf welchen die Naturphänomene beruhen, auf eine größere Einfachheit zurückzuführen und die vielen besonderen Wirkungen durch Schlüsse aus der Analogie, Erfahrung und Beobachtung auf einige allgemeine Ursachen zurückzuführen. Die Ursachen aber dieser allgemeinen Ursachen werden wir vergeblich zu entdecken suchen." (Inquiry, Seite 27). Die ganze theoretische Naturerkenntnis reduziert HUME mithin auf die Aufsuchung von Gesetzen des Geschehens und deren möglichste Verallgemeinerung. Er bestreitet, daß wir einen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung bloß durch unsere Vernunft erkennen können, und daß wir demnach auf deduktivem Weg das eine aus dem anderen abzuleiten vermögen. Wenn wir demnach die Wirkung aus der Ursache oder umgekehrt zu bestimmen unternehmen, so kann es sich nicht sowohl um die deduktive Konstruktion der einen aus der anderen handeln, als vielmehr lediglich um eine Ableitung einer speziellen Regelmäßigkeit aus einem allgemeinen Gesetz.

2. Inwiefern sich die Idee der Kausalität auf die  Erfahrung  gründet, was also die Erfahrung für die Entstehung derselben zu leisten vermag, ist im Vorstehenden im einzelnen im Sinne HUMEs dargelegt worden, so daß über "Natur und Wirksamkeit der Erfahrung" in dieser Beziehung nur weniges hinzuzufügen bleibt. Auch die Erfahrung gibt uns  "keinen Einblick in die innere Struktur und die wirkenden Prinzipien  der Objekte"; sie offenbart uns  nichts  über die Kraft oder Energie, durch welche die Ursache wirkt und die Wirkung produziert, mithin nichts über das  Band,  die Verknüpfung zwischen den als Ursache und Wirkung bezeichneten Gegenständen, also nichts über die  "reale  Verknüpfung" der im Kausalverhältnis stehenden Objekte, und zwar weder der körperlichen Gegenstände, noch unserer inneren, geistigen Vorgänge.

Zweierlei ist es, was die Erfahrung zur Gewinnung der Kausalidee zu liefern vermag:
    1) Sie lehrt, daß in einer gewissen Anzahl von Fällen zwei Objekte in  konstanter Verbindung)  (constant conjunction) stehen, sofern zwischen ihnen eine (räumliche) Kontiguität und (zeitliche) Sukzession stattfindet, oder daß ähnliche Objekte stets mit ähnlichen verbunden sind (Inquiry, Seite 63). Dies ist der Inhalt der ersten Definition der Ursache.

    2) Sie bewirkt durch die  wiederholte Wahrnehmung einzelner Fälle,  in denen zwei Objekte in gleicher Verbindung stehen, daß der  Geist  durch  Gewöhnung  bestimmt wird, von der Wahrnehmung oder Vorstellung des einen zur Vorstellung des anderen überzugehen, so daß dadurch die idee der bewirkenden Kraft, der Energie, der notwendigen Verknüpfung erzeugt wird. Dies ist der Inhalt der zweiten, umfassenderen Definition.
So sind es nach HUMEs Darlegungen  zwei Hauptmomente,  welche die Idee des kausalen Zusammenhangs in sich schließt.
    1) Die  konstante Verbindung,  gegründet auf wiederholte Wahrnehmung gleicher Kontiguität in Raum und Zeit und gleicher Sukzession, und

    2) die  notwendige Verknüpfung  (necessary connection).
Die erstere ist ein  äußeres  Verhältnis, welches tatsächlich und an den Dingen selbst gegeben ist; die zweite ist ein inneres Verhältnis, und zwar in dem Sinne, daß es aufgrund wiederholter Wahrnehmung des ersteren unwillkürlich gewonnen und durch eine innere, geistige Operation hinzugefügt wird, nicht aber in dem Sinne, als ob es in den Objekten selbst zu erkennen oder aus dem Inhalt der Wahrnehmung zu gewinnen sei.

Damit hat HUME, wie hier ausdrücklich bemerkt werden soll, nicht behauptet und nicht behaupten wollen, daß eine innere, reale Verknüpfung der im Kausalverhältnis stehenden Objekte nicht besteht oder nicht bestehen kann.

So ergibt sich nach HUMEs Ansicht, daß auch die Erfahrung uns der wesentlichste Bestandteil der Kausalidee, nämlich die Idee der Kraft, nicht  unmittelbar  zu liefern vermag. Wohl lehrt sie uns das  Neben-  und  Nacheinander  zweier Objekte, aber das Gewirktwerden des einen  durch  das andere, das  Durcheinander,  bleibt uns für immer verborgen. Sie schafft uns nur jenen  inneren  (also rein psychologischen) Vorgang des gewohnheitsmäßigen Übergangs, der die Grundlage abgibt für die Idee der wirkenden Kraft. Was wir uns also als Kraft, Energie usw. vorzustellen vermögen, das existiert  lediglich  in unserem Geist; was aber  in den Objekten selbst  als kausale Verknüpfung existiert, das  wissen wir nicht. 

In Kürze lassen sich die Ergebnisse der Erörterung über das Wesen der Kausalidee etwa wie folgt zusammenfassen:
    1) Durch  reine Vernunfttätigkeit,  durch  Denken a priori  vemögen wir die Idee der Kausalität nicht zu gewinnen; sie hat ihre Grundlage vielmehr in der  Erfahrung 

    2) Sie umfaß als  äußeres Moment  die auf das Verhältnis der Kontiguität und Sukzession gegründete  konstante Verbindung  und als  inneres Moment  die  notwendige Verknüpfung  zweier Objekte.

    3) Nur das erstere wird  unmittelbar  aus der Erfahrung gewonnen und hat  reale Bedeutung,  während das zweite nur infolge einer wiederholten Wahrnehmung des ersteren  gewohnheitsmäßig  angenommen und  hinzugedacht  wird; es ist aus dem Inhalt der Wahrnehmung nicht zu ersehen, ja eine innere Notwendigkeit und produzierende Kraft als  reale  Beziehung zwischen zwei Objekten ist für uns überhaupt nicht wahrnehmbar und vorstellbar.

B. Die Erfahrungsschlüsse

1. Ausgehend vom vielfältigen tatsächlichen Gebrauch der Erfahrungsschlüsse und deren Bedeutung für die Erweiterung unseres Wissens über Tatsachen, richtet HUME zunächst das Augenmerk auf das  Verfahren beim Schließen aus der Erfahrung. 

Die Natur hat uns ihre geheimsten Vorgänge nicht offenbart; sie gestattet uns nur die Kenntnis weniger oberflächlicher Eigenschaften der Objekte, während sie uns diejenigen Kräfte und Prinzipien verbirgt, auf denen ihre Wirksamkeit beruth. Trotzdem aber nehmen wir an, daß gleiche sinnliche Qualitäten jederzeit mit gleichen Kräften verbunden sind, und daß den letzteren solche Wirkungen entsprechen werden, die den erfahrenen gleich sind. Da uns eine innere Verknüpfung der sinnlichen Qualitäten mit den geheimen Kräften nicht bekannt ist, so kann auch jene Annahme einer konstanten und regelmäßigen Verbindung nicht auf eine  Erkenntnis des inneren Wesens  (nature) der Objekte gegründet werden. Die  Erfahrung  vermag uns wohl "direkte und gewisse Information" über solche Objekte zu geben, welche  unter ihre Wirksamkeit fallen;  wie sie sich aber auf künftige Zeiten und auf solche Objekte richten kann, von denen wir nur wissen, daß sie den bekannten der äußeren Erscheinung nach ähnlich sind, das ist die Frage, die zu beantworten ist. "Das Brot, welches ich bisher gegessen habe, ernährte mich; d. h. ein Körper mit den bestimmten sinnlichen Qualitäten war zu einer bestimmten Zeit mit diesen geheimen Kräften ausgerüstet: folgt dann aber daraus, daß mich ein anderes Brot zu anderer Zeit ebenfalls ernähren muß, und daß gleiche sinnliche Qualitäten jederzeit von gleichen geheimen Kräften begleitet sein werden?" Es liegen bei diesem Verfahren offenbar die beiden Urteile vor:
    1. Ich habe gefunden, daß solche bestimmte Objekte stets von solchen bestimmten Wirkungen begleitet gewesen sind.

    2. Ich sehe voraus, daß andere, äußerlich gleiche Objekte von gleichen Wirkungen begleitet sein werden.
Beide Behauptungen sind inhaltlich wesentlich von einander verschieden. Offenbar wird hier vom Geist eine Folgerung (consequence) gezogen, ein Schritt unternommen, eine Ableitung (inference) vollzogen, kurz ein Gedankenprozeß vorgenommen, der der Erklärung bedarf. Unmittelbar gewiß ist die Verknüpfung beider Sätze jedenfalls nicht, und wenn der zweite aus dem ersteren abgeleitet sein soll, so muß ein vermittelndes Glied nachweisbar sein, welches die Ableitung ermöglicht. Welches ist dieses Medium?

2. So wenig am tatsächlichen und häufigen Gebrauch dieses Schlußverfahrens zu zweifeln ist, so wenig wird es einem Verständigen einfallen, seine Berechtigung im Ernst in Frage zu stellen. In der vorliegenden Untersuchung handelt es sich vielmehr nur darum, die  "philosophische  Grundlage" ausfindig zu machen, auf welcher die  Evidenz  des Schlußsatzes beruth.

Die Gewohnheit dieser Schlüsse kann zunächst nicht gewonnen werden durch  "demonstrative reasoning",  auf dem  Weg der Deduktion,  durch  abstraktes Denken a priori.  So oft ich auch erfahren habe, daß alle Steine abwärts fallen, so hindert mein Denken doch nichts daran, das Gegenteil anzunehmen, ohne daß es mit sich selbst in Widerspruch gerät. Was ich mir vorstellen kann, ist für das bloße Denken und abgesehen von den tatsächlichen Verhältnissen nicht widerspruchsvoll; denknotwendig ist weder das eine noch das andere. Wahrheit oder Falschheit des Schlußsatzes kann mithin apriorisch und durch abstraktes Denken nicht erwiesen werden.

Aber auch auf dem Weg des  "moral or probable reasoning",  durch  erfahrungsmäßiges Schließen,  mithin durch die  Erfahrung  selbst ist die Gewißheit des Schlußsatzes nicht zu begründen. Alle Schlüsse dieser Art, so meint HUME, gründen sich auf die Beziehung von Ursache und Wirkung, von der wir eine Kenntnis lediglich durch Erfahrung gewinnen, und da alle Schlüsse dieser Art von der Voraussetzung ausgehen, daß die Zukunft der Vergangenheit gleichen werde, so würden wir uns im Zirkel bewegen, da diese Voraussetzung eben das enthält, was hier in Frage steht.

3. In Wirklichkeit gründen sich alle der Erfahrung entlehnten Argumente auf die  Ähnlichkeit von ähnlich erscheinenden Ursachen erwarten wir immer ähnliche Wirkungen, das ist die Summe aller Erfahrungsschlüsse. Doch welches "Prinzip der menschlichen Natur" gibt die Berechtigung zu solchen Folgerungen aus der Wahrnehmung der Ähnlichkeit gewisser Objekte? Wäre bloß der Verstand wirksam, so wäre jener Schluß schon aufgrund  einer  Wahrnehmung möglich, während wir doch erst aufgrund einer  langen Reihe gleichförmiger Erfahrungen  eine feste Verbindung und Gewißheit in Bezug auf einen bestimmten Vorgang erlangen. Ebenfalls verfehlt würde die Annahme sein, daß aufgrund wiederholter Wahrnehmung gleichförmiger Fälle eine Erkenntnis der  inneren  Verknüpfung zwischen den sinnlichen Qualitäten und den geheimen Kräften der Objekte gewonnen und mithin behauptet werden kann, daß überall, wo dieselben sinnlichen Qualitäten vorhanden sind, auch die gleichen Kräfte mit den gleichen Wirkungen vorhanden sein müssen. Die Erfahrung zeigt uns nur, daß eine gewisse Anzahl bestimmter Objekte zu bestimmter Zeit mit bestimmten wirkenden Kräften ausgestattet waren; die Kräfte selbst jedoch und ihre Wirksamkeit vermögen wir nicht zu erkennen. Treten uns neue Objekte mit gleichen sinnlichen Qualitäten entgegen, so  erwarten  wir gleiche Kräfte mit gleichen Wirkungen, so daß mithin ganz dieselbe Gedankenfolge entsteht, wie vorhin:
    1) Ich habe gefunden, daß in allen früheren Fällen solche bestimmte sinnliche Qualitäten mit solchen geheimen Kräften verbunden waren.

    2) Ähnliche sinnliche Qualitäten werden gegebenfalls stets mit ähnlichen Kräften verbunden sein.
Damit ist offenbar die Lösung des Problems nicht einen Schritt weiter geführt, da ganz dieselben Fragen nach der Berechtigung des gedanklichen Fortschritts vom Erfahrungs- zum Schlußsatz zu beantworten bleiben. Die Gewißheit des Schlußsatzes ist weder  intuitiv,  noch  demonstrativ;  behauptet man, sie sei  erfahrungsgemäß,  so trifft dies eben den Kernpunkt der ganzen Erörterung. Alle Folgerungen aus der Erfahrung setzen als Grundlage voraus, daß die  Zukunft der Vergangenheit gleichen  wird, oder daß der  Lauf der Natur gleichförmig  ist, die Gewißheit eines Satzes also, dessen Richtigkeit erst erwiesen werden müßte, mithin nicht vorausgesetzt werden darf. Die Erfahrung bietet aber keine Bürgschaft dafür, daß der Naturlauf immer derselbe bleiben wird.

Übersichtlich würde sich das Verfahren so darstellen:
    1.  Erfahrungssatz:  Die Erfahrung hat gelehrt, daß  S1, S2, S3 ...  mit der Kraft  G  ausgestattet waren.

    2.  Schlußsatz:  Folglich wird jedes andere gegebene  S  diese Kraft  G  besitzen.
Wäre der Satz: Der Lauf der Natur bleibt immer der gleiche, oder ähnliche Kräfte werden immer mit ähnlichen sinnlichen Qualitäten verbunden sein, als gewiß zu erweisen, dann würde das gesamte Verfahren als berechtigt erwiesen sein, und die Frage nach der Evidenz des Schlußsatzes wäre erledigt. Doch das ist nicht möglich, weder auf dem Wege des Beweises, nocht  mittels  der Erfahrung.

3. Aus der bisherigen Untersuchung ergeben sich folgende Momente:
    a) Den  Ausgang  bildet die Tatsache, daß wir das Gebiet der Erfahrung vielfach überschreiten, indem wir  Schlüsse  bilden von bekannten auf unbekannte, von gegenwärtigen oder vergangenen auf abwesende oder zukünftig existierende Gegenstände oder Vorgänge.

    b) Jeder Schluß aus der Erfahrung erfordert  zwei  Hauptbestandteile; das erste enthält die prädikative Zusammenfassung der gleichartigen Einzelfälle der bisherigen Erfahrung (Erfahrungssatz); das zweite enthält eine Aussage über gleichartige Fälle, die in der unmittelbaren Beobachtng und Erfahrung nicht gegeben sind (Schlußsatz).

    c) Das vom Inhalt eines Erfahrungssatzes zum weiterführenden Inhalt des Schlußsatzes führende  Schlußverfahren  bedarf zu seiner Begründung eines vermittelnden Gliedes.

    d) Diese  Begründung  und damit die  Gewißheit  des Schlußsatzes kann aus bloßer  Vernunft tätigkeit, durch  Denken a priori  nicht gewonnen werden, da wir den Zusammenhang der Objekte und Ereignisse nicht als denknotwendig zu durchschauen vermögen.

    e) Auch die  Erfahrung  als solche vermag diese Gewißheit nicht zu verleihen, da ihre Wirksamkeit über das in Vergangenheit und Gegenwart unmittelbar wahrgenommene nicht hinausreicht.

    f) die Berufung auf den allgemeinen  Satz von der Gleichförmigkeit des Naturlaufs  vermag darum nicht zum Ziel führen, weil er ebenfalls aus der Erfahrung gewonnen ist und demnach derselben Begründung bedarf, wie jeder einzelne Erfahrungsschluß.
So kommt HUME zu dem  negativen  Resultat, daß die Erfahrungsschlüsse  logisch  nicht zu begründen sind, und daß es mithin unmöglich ist, eine  rationale Begründung der Erfahrungsprinzipien  überhaupt zu geben.

4. Um zu einem positiven Ergebnis zu gelangen, versucht HUME ein  anderes Prinzip  ausfindig zu machen, um jenem Gedankenfortschritt vom Erfahrenen zum Unerfahrenen die Begründung zu geben. Zu diesem zweck unterzieht er das tatsächliche Verfahren beim Schließen aus der Erfahrung einer weiteren Prüfung.

Zunächst ist klar, daß Erfahrungsschlüsse Erfahrungen voraussetzen. Doch genügt es nicht, wenn wir in  einem  Fall zwei Objekte in zeitlicher und räumlicher Verbindung angetroffen haben, sondern es muß durch eine oft  wiederholte Wahrnehmung  der gleichen Kontiguität und Sukzession gleichartiger Gegenstände oder Vorgänge die zwischen ihnen bestehende Relation einer  konstanten Verknüpfung  erkannt worden sein. Auf dieser  Grundlage  wird das eigentliche  Schluß verfahren erst möglich. Haben wir nämlich gleiche Objekte oder Vorgänge stets in derselben Verbindung wahrgenommen, so werden wir beim  Wahrnehmen eines Objekts,  welches der einen Art der bereits wahrgenommenen Objekte der äußeren Erscheinung nach gleich ist, unmittelbar auf die Existenz des anderen, damit konstant verbundenen Objektes schließen, obwohl es nicht unmittelbar wahrnehmbar ist. So lassen sich bei diesem Verfahren drei Momente als wesentliche Bestandteile unterscheiden:
    a) Die gegenwärtige,  unmittelbare Wahrnehmung  eines der beiden verbunden Objekte (original impression),

    b) der  Übergang zur Idee des verbundenen Objektes  (transition to the idea of the connected cause or effect).

    c)  die Idee des erschlossenen Objekts  (the nature and qualities of that idea).
5. Das  wichtigste Moment  bildet offenbar der  Übergang des Geistes  von der gegenwärtigen Impression des gegebenen zur Idee des erschlossenen Objekts; dieser Vorgang bedarf in erster Linie der Erklärung. Daß dabei ein Verstandesprozeß nicht wirksam sein kann, ist bereits nachgewiesen. So bleibt nur noch der Weg übrig, diesen Vorgang durch die Tätigkeit der  Einbildungskraft  (imagination), durch einen  Prozeß der Ideenassoziation  zu erklären. Drei Prinzipien beherrschen die Verknüpfung der Ideen:  Ähnlichkeit, Berührung  und  Kausalität.  Ihre Wirksamkeit zeigt sich durchgehend in dem nicht durch unsere Absicht gelenkten Gedankenlauf, und zwar derart, daß die Idee oder Impression eines Objekts die Idee eines anderen Objekts hervorruft, sofern sie entweder ähnlich sind, sich berühren oder kausal verbunden sind. Doch liegt das  wirksame  Prinzip nicht in den betreffenden Objekten und ihren Beziehungen, sondern lediglich  in unserem Geist,  und zwar im  Einfluß der Ideen aufeinander.  Von ganz besonderer Bedeutung für die Erkenntnistätigkeit wird das letzte Assoziationsprinzip. Während nämlich die Ähnlichkeit und Kontiguität für sich allein nicht zwingend sind, da der Geist sich verschiedenen Ideen zuwenden kann und beide nicht über die tatsächliche Erfahrung hinausführen können, so zwingt die Kausalbeziehung den Geist, ohne Wahl zu einer ganz  bestimmten  Idee überzugehen, und setzt die Imagination in den Stand, auch solche Ideen antizipierend zu bilden, welchen keine bestimmte Impression zugrunde liegt. Infolge der in allen Fällen beobachteten regelmäßigen Sukzession und Kontiguität zweier Objekte und der daraus entstehenden Perzeption einer konstanten Verbindung beider wird nämlich der Geist durch die  Gewöhnung  genötigt, von der Idee oder Impression des einen zur Idee des korrespondierenden Objekts unmittelbar überzugehen, auch ohne dasselbe tatsächlich wahrgenommen zu haben.  Nicht der Verstand,  nicht eine besondere Reflexion bewirkt diesen Übergang von der Wahrnehmung oder Vorstellung des einen zur Vorstellung des anderen damit verknüpften Objekts, sondern lediglich die Gewöhnung (custom).
6. Eine besondere Betrachtung erfordert auch die  erschlossene Idee  nach Wesen und Beschaffenheit. Die erschlossene Idee (idea of judgement) unterscheidet sich charakteristisch von den durch die Einbildungskraft freigebildeten Ideen (ideas of imagination, fictions). Sie entspricht nämlich ihrer Beschaffenheit nach viel mehr den Impressionen, da sich mit ihr die Annahme der  wirklichen Existenz,  das Moment des  Glaubens  (belief), des  Fürwahrhaltens  verknüpft. Gerade in diesem "Glauben" liegt das Moment, welches diese Idee für die Erfahrungsschlüsse, die ja auf Tatsachen gerichtet sind, so bedeutungsvoll macht. Die Einbildungskraft ist in der Bildung von Ideen (fictions) völlig unbeschränkt; doch das  eine  Moment vermag sie nicht ohne weiteres hinzuzufügen: die Annahme einer wirklichen Existenz, das Für-Real-Halten, den  "belief".  Der Unterschied zwischen der bloßen Idee eines Objekts und der mit dem Glauben an die Existenz verbundenen Idee liegt aber nicht in einer besonderen  Qualität  als einem bestimmten Bestandteil derselben, sondern lediglich in der  Art und Weise ihrer Konzeption,  und da in dieser Hinsicht ein und dieselbe Idee nur verändert werden kann durch eine Veränderung des Grades ihrer Stärke und Lebhaftigkeit, so folgt, daß der  "belief can only bestow on our ideas an additional force and vivacity"  [Glaube nur unseren Ideen zusätzliche Kraft und Lebendigkeit verleihen kann. - wp]. (Treatise, Seite 96)

7.  Wie entsteht  nun aber diese besondere  "manner of conception",  welche das Charakteristische des  belief  ausmachen soll? Die Erklärung findet HUME in der eigentümlichen Wirksamkeit der  gegenwärtigen Impression,  also einer unmittelbaren Sinneswahrnehmung oder deren Reproduktion durch das Gedächtnis. Für die Ideenassaziation gilt nämlich die allgemeine Regel, "daß eine gegenwärtige Impression den Geist nicht bloß zu einer verknüpften Idee überleitet, sondern derselben gleichzeitig einen Teil ihrer Stärke und Lebhaftigkeit verleiht". (Treatise, Seite 98). Diese Maxime gilt für alle drei Assoziationsgesetze, hat aber besondere Wichtigkeit für die Kausalbeziehung, die dadurch erst ihre volle Bedeutung für die Erfahrungsschlüsse erlangt. Nach Maßgabe der Darlegungen HUMEs stellt sich der Vorgang etwa in folgender Weise dar: Die Idee  A  wird aufgrund einer kausalen Assoziationsbeziehung die korrespondierende Idee  B  erregen; tritt nun aber anstelle der bloßen Idee  A  der wirkliche Gegenstand, so daß die Impression  a  erzeugt wird, so wird deren größere Stärke und Lebhaftigkeit sich auch auf die verknüpfte Idee  B  übertragen, und zwar derart, daß sie ebenfalls mit der Stärke einer Impression (b) erscheint und mithin die Annahme der wirklichen Existenz, der Tatsächlichkeit, des Fürwahrhaltens, als des  "belief"  erweckt wird.

So nur erklärt es sich nach HUMEs Ansicht, daß wir auf Grund der Relation der Kausalität über die Evidenz unserer Sinne und unseres Gedächtnisses hinausgehen können, und es wird von diesen Erwägungen aus die Behauptung verständlich: All probable reasoning is nothing but a species of sensation" [Alle mögliche Begründung ist nichts weiter als eine Art von Empfindung. - wp] (4)

8. Nachdem HUME im negativen Teil seiner Erörterungen gezeigt hatte, daß der als begründendes Glied zwischen Erfahrungs- und Schlußsatz angenommene Satz von der Gleichförmigkeit des Naturlaufs weder auf  logischem,  noch auf einem  erfahrungsmäßigen  Weg erwiesen werden kann, hat er im  positiven  Teil die Gewißheit desselben  aufgrund der natürlichen Gesetze des unwillkürlichen Vorstellungsverlaufs  darzutun versucht. Was mithin die  Logik  und  rationale Begründung  überhaupt nicht zu leisten vermochten, das mußte ihm die  Psychologie  leisten. Was unserer Vernunft an der Erkenntnis des inneren Wesens der Dinge selbst für immer verschlossen bleiben muß, das wird damit in vollem Umfang ersetzt durch  rein geistige Prozesse unseres erkennenden Subjekts. 

9. Als Gesamtergebnis der Untersuchung HUMEs über die Frage: "Wie sind Schlüsse aus der Erfahrung möglich?" ergibt sich folgendes:
    a) Die  Voraussetzung  jedes Erfahrungsschlusses ist die Beobachtung der konstanten Verbindung bestimmter gleichartiger Gegenstände oder Vorgänge, also die Wahrnehmung einer Anzahl bestimmter gleichartiger Einzelfälle (Erfahrungssatz).

    b) Der  Schlußsatz  enthält ein auf den Einzelbeobachtungen des Erfahrungssatzes beruhendes, über dieselben aber hinausführendes Urteil; er sagt mithin mehr aus, als in der Erfahrung gegeben oder daraus auf deduktivem Weg denknotwendig ableitbar ist.

    c) das  Schließen aus der Erfahrung  muß sich mithin außer auf die im Erfahrungssatz zusammengefaßten Einzelurteile auf ein von denselben unabhängiges Glied stützen.

    d) Das  vermittelnde Glied  ist die Annahme, daß in der Zukunft die Verbindung der Erscheinungen immer denselben Gesetzen folgen wird, wie in der Gegenwart und Vergangenheit.

    e) Da aber die  Gewißheit dieser Annahme  weder durch die  Vernunft,  noch durch die  Erfahrung  erwiesen werden kann, so ergibt sich

    d) die Konsequenz, daß dieselbe nicht aus den wahrgenommenen Objekten abgeleitet werden kann, sondern lediglich  im erkennenden Subjekt  begründet sein muß.

    f) Die  Vorbedingungen  für diese Wirksamkeit unseres erkennenden Subjekts liegen in der  Gesetzmäßigkeit unseres unwillkürlichen Vorstellungsverlaufs,  in der  wiederholten Beobachtung einer regelmäßigen Verbindung  und in der  unmittelbaren Wahrnehmung  des einen der beiden verbundenen Objekte.

    g) Die  Ableitung  des Schlußsatzes vollzieht sich in der Weise, daß aufgrund der wiederholten Wahrnehmung der regelmäßigen Verbindung zweier gleichartiger Objekte und nach Maßgabe der Gesetze des subjektiven Vorstellungsverlaufs, sowie unter dem bestimmenden Einfluß der unmittelbaren Wahrnehmung des einen Gegenstandes oder Vorganges nicht allein eine  gewohnheitsmäßiger Übergang  zur Vorstellung des damit verbundenen, aber nicht wahrnehmbaren Gegenstandes erfolgt, sondern daß sich mit der letzteren gleichzeitig der  "Glaube" an die wirkliche Existenz  verknüpft.
LITERATUR: Paul Richter - David Humes Kausalitätstheorie [und ihre Bedeutung für die Begründung der Theorie der Induktion] Halle a. d. Saale 1893
    Anmerkungen
    1) GABRIEL COMPAYRÉ, La philosophie de David Hume, Paris 1873, Seite 5 und 70f
    2) HUME, Treatise of human Nature, Seite 240, 241, 244f.
    3) HUME, Treatise, Bd. 1, Teil 3, Kapitel 14, Seite 166
    4) Treatise III, Kap. 8, Seite 103