cr-4p-4cr-2 Hume-Locke-BerkeleyA. RiehlF. H. JacobiP. Linke    
 
MARGARETE MERLEKER
Humes Begriff der Realität

"Der  Glaube an die Existenz  als Akt des Geistes ist noch niemals vorher von irgendeinem Philosophen erklärt worden.  Hume  nennt ihn eins der größten Mysterien der Philosophie. Und nicht nur die Lösung, sondern sogar die Auffindung des Problems dieses Glaubens ist nach  Humes  Überzeugung sein Eigentum,  niemand  hat auch nur geahnt, daß eine Schwierigkeit darin lag, es zu erklären."


Einleitung

Gewöhnlich wird HUME als derjenige angesehen, der neben KANT durch seine Kritik der Existenzvorstellung zuerst gezeigt hat, daß Existenz keine Eigenschaft, kein Merkmal, d. h. keine Inhaltsbestimmung eines Dings ist und daß infolgedessen die Existenz eines Dings der logischen Erfassung nicht erreichbar ist. (1)

Die Frage der historischen Unabhängigkeit und Abhängigkeit ist bei HUME nicht leicht zu lösen. HUME war sehr belesen in antiker und moderner Literatur (2), aber er hat die Angewohnheit, fast nie einen Vorgänger anzugeben, vergißt auch wohl die Quelle und ist wie alle wahren Philosophen trotzdem überzeugt, daß er, wie LOCKE von sich sagt, "seine eigenen Gedanken spinnt". (3) Das Merkwürdigste ist, daß auch da, wo er wirklich Neues bietet, oft keine Äußerung vom eigenen Bewußtsein der Neuerung Kunde gibt: z. B. bei der Leugnung der Wahrnehmung eines Selbst, einer identischen Substanz (4). So verwischt sich ihm der Unterschied zwischen eigenem und fremdem Gut fast durchweg. Nur im allgemeinen ist HUME überzeugt, daß er ganz neue Wege geht (5). Er schöpfte so sehr aus dem vollen inneren Reichtumg, daß ihm im einzelnen das Prioritätsrecht gleichgültig war.

Wenn HUME nun aber entgegen dieser Gepflogenheit wieder und wieder für eine einzige Lehre ausdrücklich einen solchen Anspruch auf Priorität geltend macht, so muß das sicher unsere Aufmerksamkeit erregen. Wir werden schließen müssen, daß hier das Gefühl der Bedeutung der eigenen Produktion so stark war, daß HUMEs sonstige Gleichgültigkeit überwunden wird. Es muß sich um den Kern der HUMEschen Philosophie handeln.

Der Teil seiner Philosophie, von dem HUME wiederholt behauptet, daß er ganz sein Eigentum sei, ist die Lehre vom "Glauben an Existenz", die Begründung des Wissens von Existenz auf einem gewohnheitsmäßig beobachteten Zusammenhang, auf eine "Assoziation". Schon in der Einleitung zum  Treatise  steht der Hinweis auf "eine fast ganz neue Begründung der Wissenschaft" durch eine "Erklärung der Prinzipien der menschlichen Natur" (Tr. 309). Diese Prinzipien sind die der Assoziation, deren Aufstellung nach HUMEs Überzeugung ganz von ihm herrührte. Er schreibt (E. 18): "Ich finde nicht, daß irgendein Philosoph versucht hat, die Prinzipien der Assoziation aufzuzählen und zu klassifizieren." Die neue Bedeutung, die er der Assoziation verleiht, verdunkelt ihm das Verdienst jeder Vorarbeit. Für ihn wurde die Assoziation zum einheitlichen Erklärungsprinzip dafür, wie der menschliche Geist zur Erfassung von Realität gelangen kann. Er vergleicht seine Entdeckung mit der Auffindung der Gravitation (6). Die Astronomen mußten sich begnügen, die regellosen Bewegungen der Körper zu beschreiben, nun war das Gesetz der Bewegungen entdeckt (E. 11). So gibt es auch ein allgemeines Gesetz des Geistes, eine "Anziehung in der geistigen Welt" (Tr. 321). Schließlich wird es möglich, "den Glauben an die Existenz" zu erklären. "Dieser Akt des Geistes ist noch niemals vorher von irgendeinem Philosophen erklärt worden." (Tr. 397, Anm.) HUME nennt ihn "eins der größten Mysterien der Philosophie (Tr. 397). Und nicht nur die Lösung, sondern sogar die Auffindung des Problems des Glaubens ist nach HUMEs Überzeugung sein Eigentum,  niemand  hat auch nur geahnt, daß eine Schwierigkeit darin lag, es zu erklären" (Tr. 397).

Alle diese Äußerungen des Bewußtseins der Neuerung beziehen sich jedoch nur auf den zweiten Teil der landläufigen Behauptung über das HUMEsche Verdienst um die Klärung des Existenzbegriffs, nämlich daß die Existenz eines Dings einem logischen Beweis nicht erreichbar, kein "Wissen", sondern ein "Glaube" ist. Das nimmt HUME ausdrücklich als sein Eigentum in Anspruch. Dagegen das ihm zugeschriebene Verdienst, durch eine kritische Analyse das Wesen der Existenzvorstellung entdeckt zu haben, besteht für sein eigenes Gefühl nicht. Nun könnte HUMEs Veranlagung ihm ja die Neuschöpfung des kritischen Gedankens nicht der Erwähnung wert gewesen sein. Aber es wäre doch seltsam: Das Eigentumsrecht sollte ausdrücklich für die Konsequenz in Anspruch genommen werden, für die viel wichtigere Grundlage, mit der die Konsequenz steht und fällt, sollte es ebenfalls vorhanden und doch mit oder ohne Absicht nicht gemacht worden sein? Die Lehre vom Glauben an Existenz ist der Kern der HUMEschen Philosophie, nicht nur nach den hier angestellten Erwägungen, sondern auch aus längst bekannten sachlichen Gründen; die kritische Begründung dieser Lehre sollte ihm so wenig am Herzen liegen, daß er ein etwa vorhandenes Autorrecht nicht erwähnen sollte?

Wir müssen also schließen, dieses Autorecht war nicht vorhanden. Die historische Untersuchung, die unseres Wissens noch nicht unternommen wurde, wird zeigen, daß diese Schlußfolgerung richtig ist. In den Annahmen über das Wesen der Existenzvorstellung ist HUME der Erbe der Philosophie vor ihm. Aber erst ihm gelingt die Erfassung der Konsequenz des kritischen Gedankens in voller Schärfe. Zum ersten Mal wird nun jeder "ontologische Beweis" unmöglich, für das Dasein des höchsten Wesens sowohl wie für das der endlichen geistigen und körperlichen Substanzen.

Der Sinn, in welchem die historische Untersuchung geführt werden soll, ergibt sich aus folgenden Überlegungen. Man muß sich stets klar darüber sein, daß der Schluß von einer sachlichen Übereinstimmung zweier Schriftsteller auf eine historische Berührung derselben einen Schluß von der Wirkung auf die Ursache darstellt, alos auf nicht mehr als Wahrscheinlichkeit Anspruch hat (7). Ferner wollen wir nicht in den Fehler derjenigen verfallen, die durch eine Aufgrabung historischer Zuflüsse jedem Autor die originelle Geistesquelle streitig machen wollen. Gleichgültig, wie der Gedanke gefunden wurde, die Größe zeigt sich oft weit mehr in seiner Behandlung und Verwertung als in seiner Auffindung. Eine Lösung mag vorher schon gefunden worden sein und doch als vergessener Stoff ungenutzt liegen bleiben. Eine Wahrheit verliert nicht an Wert, wenn sie zweimal entdeckt wird. (8)

Schon allein durch HUMEs doppelte Stellung zum Problem und seine verschiedene Behandlungsart desselben ergibt sich für die vorliegende Arbeit eine natürliche Gliederung. Aber auc ohne das würde die HUMEsche Beweisführung, daß Existenz keine Inhaltsbestimmung irgendwelcher Art ist, eine andere Stellung zum Problem bedeuten wie die neue Fassung der Realität als "Glauben". Ganz abgesehen davon, daß das eine nur eine negative, das andere eine positive Lösung der Frage darstellt, sind hier zwei Seiten des Problems behandelt. Es sind zwei grundverschiedene Aufgaben, erstens zu fragen: Was bedeutet Existenz überhaupt? Welchen Wert haben die Beweise für Existenz überhaupt? Welcher Natur sind sie? oder zweitens nach Beweisen und Kriterien der Existenz zu suchen. Diese Scheidung ist in manchen Arbeiten über HUME nicht genügend oder gar nicht durchgeführt (9).

Die vorliegende Arbeit macht es sich gerade zur Aufgabe, hier eine Scheidung vorzunehmen. Erst dadurch wird es möglich sein zu zeigen, wie die Aufnahme der altererbten Kriterien der Wirklichkeit (10), die Vertiefung und Umbildung der alten Gedanken die erkenntniskritischen Erwägungen HUMEs zur Folge haben, und wie andererseits die Kritk selbst dann wieder zur Aufsuchung neuer Kriterien und Bestimmungen treibt. Die Arbeit soll darum im ersten Teil von den HUME überkommenen Kriterien der Wirklichkeit handeln, im zweiten von der Ausbildung des kritischen Gedankens und den neuen Kriterien.

Bei einer solchen Scheidung und Einteilung sind insofern Schwierigkeiten zu überwinden, da bei HUME, der trotz seiner umwälzenden und neubegründenden Gedanken erst am Anfang der Kritik steht, so eine prinzipielle Scheidung nicht immer durchgeführt ist. Auch die übrigen Einteilungen der Arbeit, wie die Unterscheidung der verschiedenen Kriterien der Realität, versuchen zu trennen, was HUME eng verflochten auftritt, für dessen Scheidung ihm das Organ fehlt.


1. Teil
Überkommene Lehren über Realität

1. Die Abhängigkeit des Seins vom Bewußtsein

Das Kapitel des  Treatise  über die Ideen der Existenz und der äußeren Existenz (Tr.369f) trägt in seiner Kürze durchaus den vorbereitenden Charakter, den es tragen soll. Denn sowohl am Anfang wie am Schluß wird es als solche vorbereitende Erörterung gekennzeichnet. "Wenn wir alle diese besonderen Ideen verstehen, werden wir besser auf die Prüfung der Erkenntnis und Wahrscheinlichkeit vorbereitet sein", heißt es zu Beginn, und am Schluß findet sich ein Hinweis auf eine größere Ausführlichkeit in der 2. Sektion des 4. Teils, die den Titel führt "Of Scepticism with Regard to the Senses", und die die Beweise enthält, die gegen die Erkenntnis einer unabhängig existierenden Außenwelt geltend zu machen sind. Es ist also gar keine Frage, auf welche Erkenntnis und Wahrscheinlichkeit der Abschnitt vorbereiten soll: auf das leichtere Verständnis dieser Beweise. Zu einer solchen Vorbereitung soll der erste und zugleich der Funamentalsatz über die äußere Existenz dienen: "Wie man bemerken kann, wird von den Philosophen allgemein zugestanden, und es ist außerdem wohl durch sich selbst einleuchtend, daß nichts dem Geist real gegenwärtig ist als seine Perzeptionen oder Impressionen und Ideen" (Tr. 371) (11). Das Bewußtsein umfaßt also alles Reale, das wir kennen. Das Perzipieren oder Bewußtwerden ist die Gattung für alle nur möglichen Erlebnisse: "Hassen, lieben, denken, tasten, sehen, all das ist nichts anderes als perzipieren." (12) "Wir können niemals irgendeine andere Art von Existenz begreifen als jene Perzeptionen" (Tr. 371). Aber umgekehrt ist auch das Sein gleich dem Perzipieren: "Es gibt keine Impression oder Idee irgendwelcher Art, von der wir Bewußtsein oder Erinnerung haben, die nicht als existierend bewußt wird", so lautet dementsprechend die HUMEsche Definition des Begriffs der Existenz (Tr.370). Wir haben uns also (mit dem oben erwähnten Vorbehalt) an die Perzeptionen zu halten, wenn wir über Realität etwas erfahren wollen. Aus ihnen wird unsere Idee vom Dasein abgeleitet, und sie wird die Quelle, aus der sie stammt, nicht verleugnen können. Den Begriff von absoluten, auch unabhängig vom Geist, der sie perzipiert, bestehenden Existenzen werden wir nie aus dem perzipierten Sein gewinnen können.

HUMEs Beweise dafür, daß uns die Perzeptionen keine Kenntnis von unabhängiger Existenz liefern, die er in der erwähnten 2. Sektion des 4. Teils gibt, bewegen sich in zwei Richtungen: einmal wird gezeigt, daß die Perzeptionen in ihrer  Qualität  vom Bewußtsein des wahrnehmenden Subjekts abhängig sind, ferner daß sie in ihrer Dauer, also  quantitativ,  vom Bewußtsein abhängen.

Der Kernpunkt aller Argumente für das subjektive Schwanken der Perzeptionen ist ihre Inkongruenz mit den unabhängigen Objekten außerhalb des Bewußtseins. Sie laufen darauf hinaus zu zeigen, daß die Perzeptionen "innere Existenzen" sind, die "aus Ursachen entstehen, die ihnen keineswegs ähnlich sind" (Tr. 512). HUME dehnt diese Inkongruenz auch auf die "primären" Qualitäten aus. An zwei Stellen des  Treatise  (Tr. 498 und 512) findet sich ein buntes Gemisch von Beispielen für solche Inkongruenz, jedesmal durch die Bemerkung vervollständigt, es gäbe außerdem noch sehr zahlreiche und häufige Beispiele (Tr. 512), ja unzählige Erfahrungen derart (Tr. 498). Es sind dieselben Beispiele, wie sie seit Jahrhunderten von allen Skeptikern der Sinneswahrnehmung angeführt worden sind. Gleich allen seinen Vorgängern setzt der wie sie an eine parallelistische Denkweise gewöhnte HUME ohne Besinnen "die Abhängigkeit von den Organen, Nerven und Lebensgeistern" (Tr. 498) für Abhängigkeit vom Geist ein. Im Prinzip will HUME freilich die Physiologie und die Psychologie trennen: "Die Prüfung unserer Sensationen kommt mehr den Anatomen und Naturphilosophen als den Geistesphilosophen zu" (Tr. 317). Rein psychologische Beispiele finden sich indessen im Treatise kaum. Daß HUME solche kennt, zeigt der "Enquiry": "Ein Mensch von milden Gewohnheiten kann keine Idee von hartnäckiger Rache und Grausamkeit bilden; und ein selbstsüchtiges Herz kann nicht leicht die Höhen der Freundschaft und Großmut begreifen" (E. 15). Aber dieses Beispiel konnte HUME in diesem Zusammenhang nicht brauchen. Es handelt von "inneren Perzeptionen", und solche sieht niemand als Kopien vom Geist unabhängiger Existenzen an. Es kommt HUME nicht nur darauf an, das subjektive Schwanken der Perzeptionen zu zeigen, sondern ihre Nichtübereinstimmung mit "äußeren Objekten". Das ist besonders deutlich an HUMEs Beispiel von der Solidität zu sehen. Obwohl eine sogenannte primäre Qualität, hat die Solidität doch kein "Archetyp oder Modell in äußeren Objekten". Der Mensch, der einen Stein drückt, hat eine Sensation des Drucks; diese psychische Zutat fehlt in der Außenwelt (Tr. 516).

Auch die Geometrie kann die primären Qualitäten nicht sicher und richtig, d. h. mit den Objekten in Übereinstimmung darstellen. Die geometrischen Bestimmungen sind genauso subjektiv wie alle anderen Bestimmungen von Sensationen. Die Maßstäbe, mit denen der Geometer die Körper mißt und berechnet, können nicht objektiv sein, weil sie auch nur sinnlich wahrnehmbar und subjektiv festgesetzt sind, geradeso subjektiv wie der in der Mustik gebildete Maßstab einer vollkommenen Terz und Oktave (Tr. 354). Ebenso verhält es sich mit geraden und krummen Linien, ebenen und gekrümmten Flächen. Auch dies sind nur wahrnehmbare Maßstäbe und darum niemals sichere Bestimmungen. Der Standard einer geraden Linie ist aus den Sinnen und der Imagination abgeleitet (Tr. 356), ja an einer Stelle heißt der Standard eines gleichen Maßstabes sogar offensichtlich imaginär (Tr. 353).

Diese Beweise gegen die Sicherheit der geometrischen Bestimmung der Wahrnehmungen haben ihren prinzipiellen Ort und prinzipielle Ausführung im "Treatise" (Tr. 354f). Dagegen treten die anderen Beweise in einer Art auf, die deutlich zeigt, wie wenig HUME im Grunde Gewicht auf sie legt. Er müßte ja auch eigentlich diesen ganzen Wust von Argumenten, die von allen Skeptikern der Sinneswahrnehmung vor ihm, von SEXTUS EMPIRICUS bis MALEBRANCHE und BERKELEY, bis zur Ermüdung wiederholt wurden, von seinem Standpunkt aus verdammen, da sie unausgesprochen die mögliche Vergleichung mit einem vom Bewußtsein unabhängig existierenden Objekt einschließen, dem sie entsprechen oder ähneln sollen. So soll z. B. die relative, durch Entfernung beeinflußte Größe mit der sogenannten wirklichen Größe verglichen werden. HUME interessiert sich aber für diesen Punkt so wenig, daß er im Treatise gar nicht dazu kommt zu bemerken, daß die Argumente für seinen Zweck nicht dienen können, ja er führt ganz naiv die Inkongruenz mit äußeren Objekten immer wieder als Beweis dafür an, daß wir die  natural powers,  die unsere Impressionen bedingen, nicht erkennen können. Der "Enquiry" sieht hier klarer. Dort schreibt HUME: "Ich will mich nicht mit den abgedroschenen Beweisen aufhalten, die von den Skeptikern aller Zeiten gegen die Evidenz der Sinne gebracht worden sind". "Diese skeptischen Beweise sind in der Tat nur genügen, um zu zeigen, daß wir uns nicht allein auf die Sinne verlassen sollen, sondern daß wir ihre Evidenz durch die Ratio und durch Überlegungen berichtigen sollen, die wir ableiten aus der Natur des Mediums, der Entfernung des Objekts und des Disposition des Organs, um sie innerhalb ihrer eigenen Sphäre zu geeigneten Kriterien der Wahrheit und Falschheit zu machen. Es gibt andere, tiefere Argumente gegen die Sinne, welche keine so leichte Lösung gestatten" (E. 125)

Diese "tieferen Argumente", welche auch im Treatise viel ausführlicher und prinzipieller erörtert werden als die vorigen, richten sich gegen die Annahme, daß wir einen Begriff von Objekten haben, die unabhängig von der Perzeption dauern. Wenn wir aber keinen Begriff von dauernder Existenz haben, so existieren äußere Objekte für uns gar nicht, den der Begriff der dauernden Existenz fällt für HUME mit dem der absoluten, vom Bewußtsein unabhängigen Existenz zusammen (Tr. 479). Die "tieferen Argumente" sollen uns also die "unterbrochene Existenz" der Perzeptionen zeigen, sie sollen beweisen, daß die Perzeptionen ebensowenig von einem qualitativ sicheren Sein, wie von einem beständigen Sein Kunde geben können.

HUME bekämpft die Verwechslung von drei Begriffen mit dem Begriff der dauernden Existenz, erstens des Begriffs der lebhaften, zwingenden, unwillkürlichen Perzeption, zweitens der kausal verknüpften Perzeption, drittens der räumlichen Perzeption. Die Methode, die er dabei befolgt, ist die aller seiner "skeptischen" Vorgänger. HUME bemüht sich gleich ihnen zu zeigen, daß alle diese drei Kriterien auch für anerkannt innere, also unterbrochene, flüchtige Perzeptionen gelten. Damit sind sie als Kriterien der dauernden, absoluten Existenz unbrauchbar gemacht.

Mit der Eigenschaft der Unwillkürlichkeit wird der Unterschied der Impressionen der Sensation von den Phantasiegebilden berührt. HUME sagt: "Die Zusammensetzung derselben gehört allein dem Geist und dem Willen an" (E. 14), die Phantasiegebilde sind willkürliche Perzeptionen. Aber diese Ideen der Imagination entbehren der Lebendigkeit und Kraft, sie sind unwirklich. Darum weil sich hier Unwirklichkeit und Willkürlichkeit verbunden zeigen, dürfen aber noch nicht Wirklichkeit und Unwillkürlichkeit verknüpft gedacht werden. Den Sensationen darf nicht etwa wegen ihrer Unwillkürlichkeit ohne weiteres eine absolute Existenz zugeschrieben werden. Wenn sich zeigt, daß die Unwillkürlichkeit auch an rein ideal existierenden Perzeptionen anerkannt wird, so folgt, daß diese Eigenschaft nicht mit dauernder, vom Bewußtsein unabhängiger Existenz gleichzusetzen ist. Das erste Beispiel für solche rein idealen Perzeptionen sind die Leidenschaften, das zweite der körperliche Schmerz. Die Leidenschaften "wirken mit größerer Heftigkeit und sind ebenso unwillkürlich wie die Impressionen der Gestalt und Ausdehnung, der Farbe und des Tones, welche wir für dauernde Existenzen halten." "Die Hitze des Feuers soll, wen sie mäßig ist, im Feuer existieren, aber der Schmerz, den sie beim Näherkommen verursacht, soll keine anderes Sein haben als in der Perzeption." Das sind "vulgar opionions", die mit diesen einfachen Überlegungen für HUME abgetan sind (Tr. 484)

Eine eingehendere Widerlegung findet die kausale Begründung der dauernden Existenz. Der für den Augenblick wichtigste Punkt dieser Argumentation ist wieder der Vergleich mit anerkannt nur im Geist existierenden Perzeptionen, diesmal nur mit den Leidenschaften. Die Erfahrung zeigt bei unseren Passionen dieselbe kausale Verknüpfung wie bei den Sensationen, und doch ist es "bei keiner Gelegenheit nötig vorauszusetzen, daß sie existiert und gewirkt haben, wenn sie nicht perzipiert wurden" (Tr. 485).

Am häufigsten wird wohl der Begriff der unabhängigen dauernden Existenz mit dem der äußeren, d. h. räumlichen Existenz verwechselt, darum handelt HUME wohl auch zuerst und mit der ihm oft eigenen unvergleichlichen Anschaulichkeit von dieser Verwechslung. Wie DESCARTES in der 1. und 2. Meditation schildert er sich selbst am Schreibtisch sitzend. Da seitzt er am Pult im College und blickt auf seine Hand, die schreibt, auf das Papier, den Tisch, läßt den Blick über die Wände des Zimmers, aus dem Fenster über Felder und Häuser schweifen. Alle diese Gegenstände sind außerhalb des "Ich". Was ist aber das Ich? Der common sense rechnet den eigenen Körper mit zum Ich. Aber auch der eigene Körper wird uns nur durch Impressionen bekannt. Ein Sein außerhalb des eigenen Körpers kann also keine unabhängige Existenz bedeuten. Vielem, was wir als "unabhängig" ansehen, haftet außerdem keine äußere, d. h. räumliche Bestimmung an, z. B. den Tönen, dem Geschmack und dem Geruch. Sogar der Gesichtssinn gibt unmittelbar keine räumliche Bestimmung (13), den Gegenständen der Sinne haftet sie also gar nicht unmittelbar an. Unabhängiges Sein bedeutet gar nicht räumliches Sein. Sondern wir glauben, "ein Objekt hat genügende Realität, wenn sein Sein ununterbrochen ist, und wenn es unabhängig ist von den unaufhörlichen Umwälzungen, deren wir uns in uns selbst bewußt sind" (Tr. 481-82).

Die Welt der Perzeptionen, d. h. das einzige Sein, das uns bekannt ist, zeigt sich uns also als etwas sehr Unzuverlässiges und Schwankendes. Zu der wenig sicheren qualitativen Beschaffenheit kommt noch ein dauerndes Schwinden und Vergehen der einzelen Perzeptionen hinzu. HUME muß für dieses Durcheinanderwogen der Bewußtseinselemente ein starkes Gefühl gehabt haben, denn er weiß es, fast möchte man sagen, mit dichterischer Kraft, zu schildern. Die Perzeptionen. sagt er, "folgen einander mit unbegreiflicher Schnelligkeit und sind beständig in Fluß und Bewegung. Unsere Augen können sich nicht in ihren Höhlen drehen, ohne daß sich unsere Perzeptionen verändern. Unsere Gedankenk sind noch veränderlicher als unser Sehen, und alle unsere Sinne und Fähigkeiten tragen zu diesem Wechsel bei, und es gibt keine einzige Kraft der Seele, welche unveränderlich dieselbe bleibt, vielleicht auch nur für einen Augenblick. Der Geist ist eine Art Theater, wo die verschiedenen Perzeptionen nacheinander auftreten, vorübergehen, zurückkehren, davongleiten und sich zu einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Stellungen und Lagen vermischen" (Tr. 534). (14)

HUME kann sich gar nicht genug tun, den flüchtigen Charakter der Perzeptionen zu betonen. Am häufigsten werden sie "unterbrochen", "unterbrochene Existenzen" genannt (Tr. 488, 489, 497), auch wohl unterbrochene Erscheinungen (Tr. 494) und Bilder (Tr. 493. Für "interrupted" kommt gelegentlich auch der Ausdruck "broken" vor, das zwar dasselbe bedeutet, aber noch bildhafter ist, etwa an einen Lichtstahl mahnt, der so leicht auf seinen Weg unvorhergesehen und unterbrochen oder abgelenkt wird. Denn nicht nur die Tatsache, sondern auch die Unberechenbarkeit der Unterbrechung wird gern von HUME bezeichnet, er steigert sich dazu, daß er die Perzeptionen "irregular appearances" nennt (Tr. 487). Außerdem heißen die Perzeptionen "vergängliche" Existenzen (Tr. 499), die Zeit ihrer Erscheinung im Geiste ist kruz und unbestimmbar. Ja, bei näherer Betrachtung erweist sich sogar die Bezeichnung "interrupted existences" als etwas schief. Man könnte denken, daß nach der Unterbrechung dieselbe Perzeption wiederkehrt. Aber das ist unmöglich. Wenn sich die Perzeptionen untereinander auch noch so ähnlich sind, sie wiederholen sie nie, sie sind alle verschieden (Tr. 502). Es ist also ein Abbrechen eher als ein Unterbrechen  (to break  ist treffender als  to interrupt),  das ihrem flüchtigen Dasein unberechenbar schnell ein Ende macht.

Diese ewig sich verändernde Mannigfaltigkeit kann nichts Reales für uns bedeuten. Im Gegenteil, nur dann schreiben wir einem Objekt genügende Realität zu, "wenn es von den unaufhörlichen Umwälzungen in uns unabhängig ist". Obgleich also das Bewußtsein die einzige Realität ist, die wir kennen, haben wir doch irgendwo anders her, so scheint es, den Begriff eines sicheren, dauernden Seins, das von den Schwankungen des Bewußtseins unabhängig ist. HUME ist die BERKELEY'sche Gleichung  esse = percipi  [Sein = Wahrnehmung - wp] noch nicht so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er nicht unwillkürlich der Perzeption doch wieder das perzipierte Ding gegenüberstellte. Er verachtete die abgedroschenen Beweise für das qualitative Schwanken der Sensationen, weil sie ein solches Objekt voraussetzten, und verfüllt nun doch bei seinen "tieferen Argumenten" wieder auf dieselbe Hypothese. Es finden sich also bei HUME neben dem neuen BERKELEY'schen Realitätsbegriff deutliche Reste des alten Begriffs von Dingen, die unabhängig vom Subjekt mit sich selbst identisch dauern.


2. Die Sicherheit und Gewißheit
des Seins im Bewußtseins

Die Welt der Perzeptionen, die das einzige für uns Existierende ist, hatte sich von dem bisher behandelten Standpunkt aus als eine durchaus chimärische dargestellt. Man sollte meinen, daß die Idee der Wirklichkeit, die der Geist daraus ableitet, auch eine chimärisch sein müßte. Jeden Augenblick müßten wir zweifelhaft sein: ist das, was ich erlebe, wirklich oder nicht?

Wie ein offenbarer Widerspruch dagegen nimmt sich der eindrucksvolle kurze Satz des "Enquiry" aus: "consciousness never deceives" [Das Bewußtsein betrügt nicht. - wp] HUME empfindet hier keinen Widerspruch. Der Skeptizismus ist ihm ja kein haltbarer Standpunkt, sondern nur ein Durchgangspunkt oder Werkzeug bei der Polemik (15). Das subjektive Schwanken der Perzeptionen, ihre Flüchtigkeit und ihr Durcheinanderwogen mögen wohl manchmal den Psychologen HUME zur Verzweiflung gebracht haben (16), andererseits hat gerade HUME ein ausgesprochenes Gefühl für die zwingende Wirklichkeit gehabt, mit der die Perzeptionen sich uns aufdrängen.

Das Zwingende ihres Seins drückt sich darin aus, daß die Idee der Existenz mit den Perzeptionen untrennbar verknüpft scheint. Ja, sie ist sogar keine neue Idee, die sich bei der Erfassung ihrer Wirklichkeit ihnen zugesellt, "die Idee der Existenz ist mit den Perzeptionen einerlei" (Tr. 370). Sie sind selbst die Wirklichkeit. Ihr  percipi  ist ein  esse,  wobei der Ton fast noch mehr auf dem  esse  als auf dem  percipi  liegt.

Zur Unwiderstehlichkeit, mit der die Perzeptionen "unsere stärkste Anerkennung fordern" (Tr. 499), gehört als zweites Merkmal, das eng mit dem ersten verknüpft ist, die unbezweifelbare Sicherheit ihres Seins. Die Idee der Existenz, die aus dem Bewußtsein der Perzeptionen abgeleitet (derived) wird, ist durchaus keine chimärische, sondern wir gewinnen daraus: "the most perfect idea und assurance of Being" [die perfekteste Idee und Versicherung des Seins - wp] (Tr. 370). Wir brauchen nur unser Bewußtsein zu fragen, um zu wissen, ob z. B. eine Idee der Kraft für uns existiert oder nicht, und das Bewußtsein täuscht nie! (E. 54/55) Das trifft alles, was im Geist vorgeht, wie HUME sich ausdrückt "alle Aktionen und Sensationen des Geistes" (Tr. 480). Da uns alle diese "durch das Bewußtsein bekannt sind, müssen sie notwendig in jeder Einzelheit scheinen, was sie sind, und sein, was sie scheinen" (Tr. 480). Das Bewußtsein verkündet uns nicht nur, daß die Perzeptionen sind, sondern auch, wie sie sind. Besonders darüber können wir uns niemals täuschen, daß wir es allein mit Bestandteilen des Bewußtseins zu tun haben. "Was für andere Unterschiede auch zwischen ihnen bemerkt werden mögen, sie erscheinen alle miteinander in ihren wahren Farben als Impressionen oder Perzeptionen" (Tr. 480).

Das Kriterium dieser Art der Erfassung der Wirklichkeit heißt einfach das Bewußtsein,  consciousness,  wozu das Verbum  conceive  (z. B. Tr. 370) oder  to be conscious of  gehört (17). So existiert die Idee der Ausdehnung und ihrer Teile, "as we are conscious it does" (Tr. 345). Genauer kann man das Merkmal dieser Wirklichkeit als Bewußtsein der Präsenz angeben: "Nothing is ever really present with the mind but its perceptions, or impressions and ideas" [Außer den Wahrnehmungen, Eindrücken und Ideen ist nichts jemals dem Verstand gegenwärtig. - wp] (Tr. 371, Tr. 406), ferner als Bewußtsein der Intimität (z. B. Tr. 480): es ist unmöglich, daß wir uns täuschen sollten, "where we are most intimately conscious" [wo wir auf das Innigste bewußt sind - wp], schließlich noch als Unmittelbarkeit, dem "being immediately conscious" (vgl. Tr. 406) wird z. B. im  Enquiry  entgegengesetzt: "our most diligent enqiry", wobei letztere aber erfolglos bleibt, wenn das unmittelbare Bewußtsein fehlt, das allein Kunde von der Realität bringt (18).

HUME tritt mit dieser Betonung der zwingenden, intimen und unmittelbaren Präsenz des Bewußtsein das selbstverständliche Erbe all seiner direkten Vorgänger an, besonders des englischen psychologisch gerichteten Empirismus. HUME hat hier nichts Neues hinzuzufügen. Der Empirismus hatte zunächst der Sinneswahrnehmung eine unantastbare nahe Wirklichkeit zuerkannt. LOCKE faßte dann den Begriff derselben weiter, indem er der "äußeren Erfahrung" die "innere" hinzufügte. Nun umfaßte das Bewußtsein alles Wirkliche. Der Begriff  consciousness, mind, understanding  war aber auch ein Abbild der  cogitatio  des DESCARTES, welche noch als negativer Begriff der eigentlichen unabhängigen Wirklichkeit gegenübersteht, die aus der  cogitatio  erst abzuleiten wäre. Daß auch bei HUME noch die Begriffe des "nur gedacht Wirklichen" und des "in der Tat Wirklichen" gelegentlich gegenübergestellt werden, sahen wir im vorigen Abschnitt. LOCKE weiß als erster die eigentümliche Wirklichkeit des Bewußtseins positiv zu bezeichnen. Seine Ideen haben schon die zwingende Präsenz der HUME'schen Perzeptionen: Jede Idee "suggeriert" dem Verstand die Existenz (Essay, Buch 2, Kap. 7, § 7). Auch bei BERKELEY ist es unmöglich, die Vorstellung der Existenz von den Perzeptionen zu trennen ("Principles" § 5). DESCARTES' Philosophie bereitete diese Gedanken vor. Die  cogitatio  ist, wie schon gesagt, das einzige unmittelbar Sichere, aus dem alle Gewißheit über Realität erst abzuleiten ist. So findet sich bei DESCARTES auch schon das Kriterium der Intimität: die Leidenschaften sind der Seele so nahe und intim, daß sie sie nur so empfinden kann, wie sie wirklich sind, d. h. nie die Originale mit Phantasie- oder Gedächtnisbildern verwechseln wird (Passions de l'âme, § 26), und das Hauptkriterium der  cogitationes  des DESCARTES ist genau wie das der HUME'schen Perzeptionen die Unmittelbarkeit (Principia 1, § 9) (19).

Ist die Quelle, die uns über das Dasein, seine Nähe und Gegenwärtigkeit unterrichtet, das Bewußtsein, so brauchen wir zur Fixierung des Wirklichen ein neues Organ, das sich selbst wiederholende Bewußtsein, das Gedächtnis.

HUME hat diese beiden Funktionen, das unmittelbare Bewußtsein und das Gedächtnis, nicht genau voneinander unterschieden. In der Definition der Existenz heißt es : "Es gibt keine Impression oder Idee, von der wir Bewußtsein oder Gedächtnis haben, die nicht als existierend begriffen würde" (Tr. 370). Ist hier Bewußtsein und Gedächtnis gleichgeordnet, so erscheint in nächsten Absatz bei Wiederholung dieser Bestimmung das Gedächtnis in den Vordergrund gerückt: "Wir erinnern ((20) uns niemals irgendeiner Idee oder Impression, ohne ihr Existenz zuzuschreiben" (Tr. 370). Es mag hier wohl vorschweben, daß bei der Feststellung, ob diese oder jene Perzeption im Bewußtsein war, sie jedesmal schon vorüber ist. Ihr bloßes Bewußtwerden genügt nicht, es muß auch ein Gedächtnisbild von ihr im Bewußtsein sein, das geprüft werden kann. Die Selbstbeobachtung ist immer etwas Nachträgliches, sie erfordert "Reflexion". Daß HUME diesen Charakter der Selbstbeobachtung im Sinne hat, zeigt sich zwei Zeilen später, wo er den Ausdruck wählt: "auf etwas als existierend reflektieren". Hierin ist auch eingeschlossen, daß der Akt der Selbstbeobachtung nicht nur ein "Zurückschauen", sondern auch ein "Nachinnenschauen", eine Umbiegung der Aufmerksamkeit erfordert. Denn bei HUME bedeutet der Ausdruck "reflection" nicht nur nach LOCKEscher Terminologie  Selbstwahrnehmung  (so z. B. Tr. 316 und 317), sondern meistens Überlegung und Nachdenken (z. B. E. 9, wo es mit  enquiry  zusammengestellt wird; gelegentlich wird sogar das unmittelbare Bewußtsein der Reflexion entgegengesetzt: "what is really distinct to the immediate perception maybe distinguished by reflection." [Was für die unmittelbare Wahrnehmung als klar und deutlich hervorgehoben werden soll, wird durch Reflexion bestimmt. - wp] (E. 10)

HUME berührt hier Schwierigkeiten, ohne sie zu lösen, ja ohne sie überhaupt zu erkennen. Einesteils scheint es, als obihm das unmittelbare Bewußtsein ein genügendes Kriterium der Wirklichkeit einer Perzeption sei, andernteils scheint er das Bewußtsein ganz durch das Gedächtnis ersetzen zu wollen, als ob jede Feststellung über Existenz ein Erinnern erfordert.

Gleichtgültig aber, durch welche Fähigkeit ihre Realität erfaßt wird, die Impressionen sind die eigentliche, ursprüngliche Wirklichkeit. Aber auch solche Ideen des Gedächtnisses, sind "real". Denn das Gedächtnis vermag die Impressionen in seinen Ideen wie in einem Spiegel aufzubewahren (E. 13, Tr. 317 und 318). Zwischen den Ideen des Gedächtnisses und den Impressionen findet sich erstens eine vollkommene Ähnlichkeit (Tr. 313, 340, 493 und öfter), die Ideen sind die exakten Repräsentanten der Impressionen (Tr. 313, 314 und öfter). Zweitens haben wir eine vollkommene Entsprechung zwischen ihnen, soviele einfache Impressionen, soviele einfache Ideen gibt es (Tr. 313 und 317). Für das Gegenpaar "Impression - Idee" führt HUME die bekannten Beispiele vom Blind- und Taubgeborenen, vom Geschmack der Ananas und dgl. an (Tr. 315, E. 15), für das Verhältnis "Idee - Impression" dient als Beleg die Gottesidee (E. 15).

Diese geforderte Abspiegelung ergibt aber eine eigentümliche Schwierigkeit, die HUME auch sofort zum Bewußtsein kommt (Tr. 318). Er verspricht eine spätere Erörterung in der 5. Sektion des 3. Teils. Diese enthält geradezu eine Ablehnung dieses, man könnte sagen, primitiven Empirismus. Die Anwendung des Kriteriums der Abspiegelung ist illusorisch, "denn es ist unmöglich, unsere vergangenen Impressionen zurückzurufen, um sie mit unseren gegenwärtigen Ideen zu vergleichen" (Tr. 386). Mit der Anerkennung dieser Tatsache ist der Empirist in einer eigentümlichen Lage. HUME hilft sich, so gut er kann. Die Abspiegelung muß freilich weiter als Voraussetzung bestehen bleiben, aber sie kann nicht mehr als Kriterium der Realität dienen. Die "realen" Ideen borgen wohl auch den Inhalt von den Impressionen, aber nicht dieser abgespiegelte Inhalt, sondern die Art ihres Auftretens im Bewußtsein ist es, die sie zu "realen" Ideen macht. Ganz derselbe Inhalt kann nämlich als nichtwirklich und als wirklich empfunden werden. Sobald eine Tatsache, die vorher unwirklich erschien, durch irgendeinen Umstand die Verindung mit der Erinnerung gewinnt (siehe das Beispiel Tr. 386), färbt sie sich anders. HUME beschreibt diese Färbung als Lebendigkeit und Kraft der Ideen. So ist das Kriterium der Wirklichkeit einer Idee nicht die treue Wiedergabe der einzelnen Impressionen, sondern die Bewahrung der Lebendigkeit und Kraft derselben (Tr. 385, 386 und 397).

Nun könnte man hier einwenden, daß HUME dadurch der Schwierigkeit nicht entgeht. Denn wieder müßte eine Vergleichung der Impressionen und der Ideen in Bezug auf ihre Lebhaftigkeit als möglich gedacht werden. HUME ist aber gar nicht darauf gekommen, daß die Färbung der Idee eine Wiederholung der Färbung der Impression bedeutet. Sie war für ihn etwas, was sich scheinbar direkt erhält, was nicht erst durch eine reproduktive Tätigkeit wieder ins Bewußtsein gerufen werden muß. Die Impressionen, so müssen wir schließen, hinterlassen im Bewußtsein eine unmittelbar wirkliche Spur, auf die schon ihr Name hinweist. HUME wehrt sich dagegen, daß sie "Eindrücke" bedeuten, die von außen der Seele "eingedrückt" werden (Tr. 313 Anmerk.). Daß sie sich selbst der Seele eindrücken, dagegen würde er nichts einzuwenden haben. Die Impressionen hinterlassen im Bewußtsein eine "Überzeugung", die ihm nicht wieder verloren geht, die nicht wie der Inhalt selbst verschwindet und wieder auftaucht. Daß diese Interpretation richtig ist, zeigt folgende Äußerung: "Wenn wir selbst voraussetzen, daß die Impressionen gänzlich aus dem Gedächtnis ausgelöscht sind, ist es doch noch möglich, daß die Überzeugung, die sie hervorbrachten, bleibt" (Tr. 385).

Neben der zwingenden Lebendigkeit und Sicherheit, die aus der Intimität des Bewußtseins selbst fließt, wird HUME nicht müde, die Lebendigkeit, Kraft und Gewißheit der Wirklichkeit der Erinnerung in den verschiedensten Ausdrücken zu malen. In gewisser Hinsicht steht die Realität der Impressionen und der Erinnerungen also auf einer Stufe, so daß HUME gelegentlich zusammenfassend von "impressions of the memory or senses" reden kann (Tr. 385, 389, 390). Eine Idee des Gedächtnisses unterscheidet sich nur wenig von einer Impression, sie ist ein Mittelding zwischen einer solchen und einer Idee (Tr. 317).

Abgesehen davon aber, daß die Impressionen und die realen Ideen beide Überzeugungskraft haben, sind sie "im allgemeinen so sehr verschieden, daß niemand bedenklich sein kann, sie als verschiedene Gattungen anzusehen und jeder einen besonderen Namen zu geben, um die Verschiedenheit zu bezeichnen" (Tr. 312). Das ist ganz natürlich, denn die einen sind die Urbilder, die andern nur die schwachen Abbilder oder Wirkungen der ersten (Tr. 311, 314). Die Impressionen treten mit der größten Kraft und Heftigkeit auf (Tr. 311), die Farben der Ideen sind schwach und stumpf (E. 13). Die Impressionen zeigen lauter deutliche Bestimmungen, so ihren geistigen oder sinnlichen Ursprung, eine, wie wir heute sagen würden, bestimmte Gefühlsbetonung, ferner deutliche Zeit- und Kausalbeziehungen (Tr. 517), außerdem einen bestimtten Grad der Quantität und Qualität (Tr. 327) währnd manche Ideen so dunkel sind, daß man ihre "Natur und Zusammensetzung" nicht genau angeben kann (Tr. 340). Es ist eine außerordentlich glückliche Entdeckung, daß die Ideen alle von diesen "so klaren und evidenten" Urbildern abstammen (Tr. 340). Man braucht sie nur mit ihnen zu vergleichen, um alle philosophischen Streitigkeiten über Ideen, z. B. des Raumes, der Zeit, der Substanz (Tr. 340f, 377 und 517) ohne weiteres entscheiden zu können. Ja, es wird sich oft herausstellen, daß die vermeintlichen Realitäten nur philosophische Ausdrücke, aber keine realen Ideen sind.

Das berührt den Unterschied zwischen realen und nicht realen Ideen. Zwar gibt es keine Idee ohne Impression, aber die Idee kann ein falsches Spiegelbild der Impression sein, die Imagination kann die Impression verfälschen, erstens indem sie die Qualität der Impressionen ändert, z. B. statt der Impressionen der Dunkelheit und Bewegung die Impression des  vaccum  supponiert (Tr. 363), zweitens indem sie wahrheitsgetreu abgebildete Impressionen willkürlich zusammensetzt, goldene Berge u. a. ersinnt (E. 14).

So zeigen sich vom empirischen Standpunkt aus Abstufungen der Realität im Bewußtsein. Die stärkste Realität weisen die Impressionen auf, die Ideen des Gedächtnisses stehen ihnen an Realität nach, und die Ideen der Imagination sind nicht real. Das Kriterium "conscious" scheint also kein allein gültiges der Realität zu sein, da innerhalb der  consciousness  größere und geringere Realitäten, ja Irrealitäten vorkommen können. Das widerspricht aber der Definition der Existenz, nach der "es keine Impression oder Idee irgendwelcher Art gibt, die nicht als existierend bewußt würde" (Tr. 370). Jedoch nur scheinbar, es ist zugleich HUMEs Schwäche und Größe, daß er diesem Grundsatz trotz gelegentlicher widersprechender Zugeständnisse bei allen seinen Bestimmungen über Existenz doch immer treu zu bleiben sucht. So erwähnt er die prägnanteren Unterschiede zwischen Impressionen und Ideen nur im Vorbeigehen und läßt sie im Prinzip allein dem Grad nach verschieden sein. Er behauptet also prinzipiell entgegen seinen eigenen Bestimmungen, man könnte durch eine bloße Steigerung aller Merkmale von der Idee zur Impression gelangen, und das bedeutet für HUME keinen eigentlichen Unterschied in der Realität der Perzeptionen selbst, sondern nur in der Auffassung durch den Geist. Im Geiste fällt oder steigt das "Fühlen" der Perzeptionen, das den Grad ihrer Realität ausmacht (Tr. 396, E. 13, Tr. 560 und 386). Ebenso wie es im Prinzip keinen Unterschied in der Realität der Wahrnehmung und Erinnerung gibt, so gibt es im Prinzip keinen zwischen der Wirklichkeit des Bewußtseins und der der Erfahrung. Die Ideen der Imagination bilden nicht etwa eine besondere Welt neben der erfahrenen Welt. Die gefälschten Ideen der Imagination sind überhaupt keine Bewußtseinsbestandteile: wir bilden uns nur fälschlich ein, solche Ideen bilden zu können (Tr. 363). In Bezug auf die willkürlichen Zusammensetzungen akzeptierte HUME die LOCKE'sche Lehre von den einfachen und komplexen Ideen. Die Zusammensetungen sind nicht im eigentlichen Sinne unwirklich, weil die einzelnen Elemente aus der Erfahrung stammen.

Der Hauptgrundsatz, daß alles, was ins Bewußtsein gelangt, als "existierend" bewußt wird, vereinigt sich bei HUME mit dem Grundsatz des Empirismus, daß alles, was ins Bewußtsein gelangt, aus der Erfahrung stammt. Es gibt im Prinzip keinen Unterschied zwischen empirischer und "bewußter" Wirklichkeit. Man sieht hieraus, daß der HUMEsche Begriff  consciousness  nicht in zu modern psychologischem Sinn aufgefaßt werden darf.  Consciousness  bedeutet zwar auch wie bei uns die Gesamtheit der psychologischen Erlebnisse, das ist jedoch nur seine Nebenbedeutung, hauptsächlich heißt  consciousness  das Wissen aus der Erfahrung, welcher Sinn umso mehr die Nebenbedeutung in sich aufnimmt, als HUME nirgends prinzipiell einen Unterschied macht zwischen individueller, psychologischer Erfahrung und Erfahrung als empirischer Wissenschaft ((21). Wenn HUME sagt, die Idee der Ausdehnung existiert, wie sie uns bewußt ist (Tr. 345), so heißt das, sie existiert, wie sie in der Erfahrung vorkommt. Die beiden Kriterien "bewußt" und "von einer Impression abgeleitet" fallen für HUMEs Denken zusammen.

Auch in Bezug auf dieses zweite Kriterium der Existenz ist HUME der Erbe seiner unmittelbaren Vorgänger. Der Empirismus war für BERKELEY schon eine Selbstverständlichkeit geworden, während LOCKE sich noch mühte, die Lehre von den eingeborenen Ideen zu bekämpfen und Beweise dafür anzuführen, daß alle Ideen aus der Erfahrung stammen. HUME steht nicht so selbstverständlich auf empiristischem Boden wie BERKELEY, das sieht man schon daran, daß er die LOCKE'schen Beweise wiederholt (Tr. 315), auch noch im "Enquiry", wo er sie sogar durch Beispiele von "inneren" Impressionen vervollständigt. Ferner macht er sich Gedanken darüber, ob wirklich zu allen Ideen, z. B. allen Farbenabtönungen, besondere Impressionen nötig seien (Tr. 315, E. 16) ((22). HUME geht dan aber einen entscheidenden Schritt über LOCKE hinaus, indem er das Kriterium der genauen Entsprechung der Wahrnehmung und Erinnerung im Prinzip fallen läßt und die Sicherheit des Wirklichen nicht mehr von der problematischen Abspiegelung, sondern von der Überzeugungskraft der Impressionen abhängig macht. Der Empirismus, selbst in dieser primitiven Form, ist für HUME nicht mehr Beweisgrund für Realität, sondern selbst Problem geworden. ((23) Auch die Andeutungen darüber, daß die LOCKEsche Reflexion nicht mit der Sensation gleichsteht, sondern eine Art Erinnern bedeutet, gehen über diesen hinaus. Bei LOCKE sind zwar auch die Ideen der Sensation die früheren, aber er hat keine prinzipielle Bezeichnung dafür, während HUME ausdrücklich die Impressionen der Reflexion "secondary impressions" nennt (Tr. II 75). Die Funktion des Gedächtnisses wird von HUME überhaupt klarer bestimmt als von seinen Vorgängern. LOCKE und BERKELEY verwischen den Unterschied zwischen Wahrnehmung und Erinnerung durch die allgemeine Bezeichnung  Idee.  Ferner stehen bei BERKELEY  memory  und  imagination  als Funktionen des Ideellen den  senses  und  memory  als Organe zur Erfassung des Realen der imagination gegenüberstellt. Dagegen ist die Identifizierung der beiden Kriterien der Existenz, des "unmittelbaren" und des "empirischen" Bewußtseins, nur eine Aufnahme von Gedanken, die bei LOCKE und BERKELEY ebenfalls vorhanden sind.

Neben der psychologisch und empirisch erfaßten Realität des Bewußtseins steht als dritte Art die logische Erfassung der  consciousness.  Klarheit und Evidenz (Tr. 348), Deutlichkeit (Tr. 348/9), Möglichkeit oder mögliche Evidenz (Tr. 348/9, 350), Konsistenz (E. 28), Begreifbarkeit (E. 28), Verständlichkeit (Tr. 533), Widerspruchslosigkeit (Tr. 349), gelegentlich auch Natürlichkeit (E. 28) sind die fast synonymen Bezeichnungen für die Realität des Bewußtseins, sofern sie der logischen Prüfung standhält.

Vor allem kommt diese Art der Wirklichkeit, die Begreiflichkeit, Klarheit und Deutlichkeit, den Impressionen zu. Sie werden klar und evident genannt (Tr. 340), und ihre Klarheit und Evidenz besteht darin, daß alle ihre Bestimmungen sich deutlich manifestieren und unterscheiden (Tr. 517). Aber auch die Ideen können im logischen Sinne "real" heißen, wenn sie die Impressionen widerspiegeln; sie sind dann klar und verständlich (Tr. 533), und die komplexen Ideen heißen real, wenn der Zusammenhang ihrer Bestandteile den oben genannten Kriterien genügt. In der Zusammenfügung der Elemente ist die Imagination vollkommen frei (Tr. 318 und 319), nur darf sie nicht zusammenfügen, was einen "absoluten Widerspruch einschließt" (E. 14). Da die Idee des goldenen Berges dem Satz des Widerspruchs gemäß gebildet ist, so ist sie von diesem Standpunkt aus real zu nennen, sie hat "mögliche Existenz". Bilden wir die Idee des Raumes nach HUMEs Ansicht dem Satz des Widerspruchs gemäß, d. h. vereinigen wir sie mit dem Mermal nur endlicher Teilbarkeit, so heißt sie eine reale Idee (Tr. 344).

Wie verhält sich nun die vom psychologischen Standpunkt konstatierte Realität der Perzeptionen zu dieser durch das logische Bewußtsein erkannten und geprüften Realität? Der Sache nach fällt die Widerspruchslosigkeit mit der  consciousness  zusammen. "Es ist umsonst", sagt HUME, "nach einem Widerspruch in irgendetwas zu suchen, das dem Geist bewußt wird (conceived by the mind). Würde es einen Widerspruch einschließen, so ist es unmöglich, daß es jemals bewußt werden (be conceived) könnte" (Tr. 349). Das in diesem Satz gebrauchte Verbum  conceive  drückt schon durch den Doppelsinn, den es in HUMEs Sprache hat, das Zusammenfallen des logischen und des psychologischen Standpunktes aus.  Conceive  heißt ebensowohl verstehen, begreifen im logischen Sinn, wie es das Tätigkeitswort zum Substantivum  consciousness  ist (Tr. 370), also bloßes Bewußtwerden bedeutet ((24). Widerspruchsvolle Vorstellungen bröckeln gleich denen, deren Bestandteile nicht Erfahrungselementen bestehen, bei der Reflexion auseinander, sie sind inkonsistent. So heißt es über die Ideen der unteilbaren Punkte: "Es gibt keinen Mittelweg, entweder man muß die Möglichkeit der unteilbaren Punkte zugeben oder ihre Ideen (d. h. ihre  consciousness)  leugnen" (Tr. 349).  Truth and reality  wird der Annahme solcher Punkte zugesprochen (Tr. 339) ((25). HUME formuliert zwar den Grundsatz der Überlieferung gemäß: "Was immer der  klar  erfaßt (conceives), schließt die Möglichkeit der Existenz ein" (Tr. 339), aber er denkt nicht daran, in der Tat einen Unterschied zwischen "klaren" und "unklaren" Vorstellungen zu machen. Es heißt zwei Zeilen darauf nicht: Wir können keine "klare" Idee eines Berges ohne Tal bilden, sondern: wir können "keine" solche Idee bilden. Die beiden Begriffe "Bewußtsein" und "Begreiflichkeit" fallen bei HUME so nah zusammen, daß er die "reale" Idee der Ausdehnung unmittelbar hintereinander "conceivable by the minde" und "conscious" nennen kann (Tr. 345).

HUME hat hier zweifellos einen logischen Fehler begangen. Zwei Begriffe sind darum noch nicht identisch, weil dieselben Gegenstände unter sie fallen. Weil, wie er überzeugt war, die Gesamtheit der Perzeptionen sowohl unter den Begriff "bewußt" wie unter den Begriff "begreiflich" fällt, identifizierte er fälschlich die beiden Begriffe selbst. Eine solche Nachlässigkeit ist durch die große Allgemeinheit seines Begriffs  consciousness  zu entschuldigen, oder besser des "conceiving" im weiteren Sinne, welches, wie schon gesagt, als Untertan das "Bewußte" und das "Begreifliche" umfaßt. Außerdem spricht sich in dieser Gleichsetzung die natürliche und sichere Überzeugung aus, daß ein  bewußter  Widerspruch,  bewußte  Verworrenheit irgendeines Vorstellungsinhalts unmöglich stattfinden kann, ohne sofort zu verschwinden. Der kritische Philosoph, der im Aufspüren der verborgensten Widersprüche so geschickt ist, behauptet, daß auch psychologisch genommen keine Vorstellung vorkommen kann, die den logischen Gesetzen nicht gemäß ist. Man könnte diese Gedanken einen Ansatz zu einer Psychologie der Logik nennen, wenn sie nicht für HUME im Grunde ein so geringes Interesse hätten und nur in der Polemik (gegen die unendliche Teilbarkeit) auftauchten. Indessen ist die Frage: können sich bewußt widersprechende Vorstellungen im Bewußtsein halten? berechtigt. HUME hat sie mit allem Nachdruck verneint.

Wenn wir uns auch diese Identifizierung der logischen "Realität" mit der "bewußten" gefallen lassen, so ist eine Vermengung der logischen Möglichkeit mit der empirischen Realität, besonders bei HUME, ganz unerträglich. Seine Ausdrucksweise ist in der Tat manchmal äußerst mißverständlich. Wenn es vom goldenen Berg heißt, seine Idee, weil widerspruchslos, berechtigt uns zu dem Schluß, daß so ein Berg wirklich existieren könnte (Tr. 339), so klingt das kaum noch so, als ob die bloße "Existenz im Bewußtsein" gemeint sei, denn zu deren Feststellung bedürfen wir keines Schlusses, sie ist "unmittelbar". HUME wendet dann auch seinen Grundsatz von der "möglichen Existenz" gleich daruf auf seine Raumidee, also auf einen Bestandteil der Erfahrung an. Es heißt von den kleinsten unteilbaren Raumelementen: "was immer unmöglich und widersprechend erscheint bei der Vergleichung dieser Ideen, muß auch  wirklich  unmöglich und widersprechend sein" (Tr. 336), oder noch deutlicher: was man mit ihrer Hilfe entdeckt, "muß eine reale Qualität der Ausdehnung sein" (Tr. 337). Das klingt fast so, als wollte HUME von der widerspruchslosen Vorstellung auf die empirische Realität schließen, während doch die logische Richtigkeit der Vorstellung, das weiß HUME selbst, nur als Gegenbeweis gegen die Behauptung dienen kann, daß die Existenz eines Dings unmöglich ist. An anderer Stelle gibt er dem Grundsatz von der "möglichen Existenz" diese richtigere Auslegung (Tr. 348/49). HUMEs mißverständliche Ausdrücksweise setzt umso mehr in Erstaunen, als er sonst ausdrücklich der Logik die richtigen Befugnisse zugewiesen hat. Der Zusammenhang der sich gleichbleibenden Qualitäten der komplexen Ideen erfolgt zwar unter Kontrolle des Satzes des Widerspruchs, aber die positive Begründung des Zusammenhangs verlangt einen Kausalschluß (Tr. 379), und dieser ist gerade durch HUMEs Kritik ganz der Logik entrückt.

An Zweideutigkeiten und leisen Widersprüchen leidet diese logisch-empirische Wirklichkeitsbeurteilung immerhin, wenn wir auch HUME Freiheit im Ausdruck zuerkennen wollen. Denn einesteils stellt gerade er den logischen Zusammenhang dem empirischen gegenüber (besonders prägnant z. B. E. 28). Andernteils kennt er keinen Unterschied zwischen dem logisch-begrifflichen Zusammenhang der abstrakten Vorstellung "Berg" und dem Merkmal "Tal" und der Zusammensetzung der Ausdehung aus realen unteilbaren Elementen (Tr. 339). Diese, wenn auch nur gelegentliche, Gleichsetzung stößt uns ab, weil für unsere Auffassung die logische und die empirische Beurteilung von einem ganz verschiedenen Standpunkt ausgeht. Wir würden uns auch nicht dazu entschließen können, die logischen Bezeichnungen "klar und evident" auf Wahrnehmungen und Erinnerungen an solche anzuwenden, und darum einer Idee die Attribute "klar und verständlich" zu geben, weil sie aus der Erfahrung stammt (wie HUME will, siehe Tr. 523).

Um HUME zu verstehen, müssen wir uns wieder vergegenwärtigen, daß er vom Bewußtseinsbegriff eines DESCARTES und LOCKE ausgeht. Ganz gleich, ob etwas psychologisch, empirisch, logisch erfaßt wird, immer wirde es als im Geiste seiend erfaßt und gehört darum zur  cogitatio.  Wahrnehmungen und Begriffe sind gleichermaßen Kogitationen. Wir sind gewohnt, das Verschiedenartige der beiden Positionen zu betonen, die glücklichen Entdecker des Begriffs des Psychischen mußten naturgemäß mehr Gewicht auf die Gemeinsamkeit alles Geistigen legen. Sie haben auch schon das "Konzipieren" in demselben vagen Sinn gebraucht, den HUME ihm gibt.

Für HUMEs Bewußtsein fallen alle drei Kriterien der Existenz, das psychologische, empirische, und logische, in dem einen "conceivable" oder "conscious" zusammen. Unwillkürlich sucht er alle drei einander anzugleichen,  conscious  kann nur das logisch Klare sein, dies wieder ist zugleich das Empirische und alles, was conscious ist, ist zugleich empirischer Herkunft. Alle Bestandteile der  consciousness  sind gleich real: "Es gibt keine Impression oder Idee irgendwelcher Art, von der wir Bewußtsein oder Erinnerung haben, die nicht als existierend bewußt würde", immer wieder muß man auf diesen Grundsatz zurückkommen, der die ganze Existenzlehre HUMEs begründet.

Trotz aller ausgleichender Bemühungen hat aber dennoch das Gebiet der  senses  einen Vorrang vor den übrigen Perzeptionen. Die Impressionen sind das am intimsten Bewußte, das Originale, das Klarste unter allem anderen Realen. Ähnliche Angleichungen aller Bestandteile des Bewußtseins finden sich bei allen Vorgängern HUMEs, wie ja schon z. B. LOCKEs und BERKELEYs allgemeiner Begriff "Idee" dokumentiert. HUME übertrifft alles seine Vorgänger in der Allgemeinheit der Bedeutung der  consciousness,  der Doppelsinnigkeit und, wenn man so will, Nonchalance im Ausdruck. Wenn HUME sagt: "the idea of extension is real", so ist sogar im Zusammenhang der Erörterung oft schwer zu ersehen, meint er jetzt das Vorhandensein der Idee im Bewußtsein, ihre Herkunft aus der Erfahrung, ihre Widerspruchslosigkeit?
LITERATUR: Margarete Merleker, Humes Begriff der Realität in "Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte", Bd. 52, Hg. Benno Erdmann,Halle/Saale 1920
    Anmerkungen
    1) HUME kennt wie LOCKE zwei Arten der logischen Erfassung, d. h. des eigentlichen Wissens, die Intuition und die Demonstration (Enquiry Seite 33). Ich zitiere nach den Ausgaben von GREEN und GROSE: "An Enquiry concerning Human Understanding2 in Essays, Moral, Political und Literary, Vol. 2, London 1907; "A Treatise of Human Nature", Vol. 1 und 2, London 1874. Die Zitate aus  Enquiry  sind durch die Abkürzung E., die aus dem  Treatise  durch Tr. bezeichnet. Bei den wenigen Zitaten aus dem zweiten Teil des Treatise ist eine II hinzugefügt.
    2) In dem "Letter to a physician" aus dem Jahr 1734, abgedruckt bei BURTON, "Life and Correspondence of David Hume", Edinburgh 1846, Bd. 1, Seite 35 und bei ANTON THOMSEN, "David Hume, sein Leben und seine Philosophie, Berlin 1912, Seite 24, schreibt HUME von sich selbst, daß er die meisten berühmten Bücher in Latein, Französisch und Englisch gelesen habe. Ebenso berichtet er schon früher in einem Brief an MICHAEL RAMSAY aus dem Jahr 1727 über fortwährende Lektüre. BURTON a. a. O., Seite 13 und 14.
    3) Siehe BENNO ERDMANN im "Archiv für Geschichte der Philosophie", 1889, Bd. 2, Seite 112.
    4) Ja noch mehr, HUME beginnt die Erörterung darüber mit den Worten: "Einige Philosophen glauben, daß wir uns jeden Augenblick dessen, was wir unser Selbst nennen, ganz intim bewußt sein" (Tr. 533), als ob es in der Philosophie vor ihm schon ein Für und Wider über diesen Punkt gegeben hätte!
    5) In einem Brief HUMEs vom 13. Februar 1739 an seinen Freund HOME heißt es bei BURTON, Bd. 1, Seite 105, seine Philosophie sei "remote from all vulgar sentiments" [frei von vulgären Gefühlen - wp].
    6) Gleich HUME haben ZANOTTI und HARTLEY die Assoziation mit der Gravitation verglichen. ZANOTTI in seiner Schrift "Della forza attrativa della Idea, Neapel 1747 (siehe über ihn bei MARCUS, "Die Assoziationstheorien im 18. Jahrhundert in den "Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte", von BENNO ERDMANN, Halle 1902, HARTLEY in den "Obversations on man", London 1834, besonders Seite 13. Von den Neueren hat HERBART den so nahe liegenden Vergleich gezogen: "Die Gesetzmäßigkeit im menschlichen Geist gleicht vollkommen der am Sternenhimmel." (Lehrbuch der Psychologie, § 135, Ausgabe KEHRBACH, Bd. 4, Seite 373)
    7) Daß trotz in die Augen fallender Analogien keine historische Abhängigkeit stattzufinden braucht, hat ERDMANN gezeigt in dem Aufsatz "Kant und Hume um 1762", Archiv für Geschichte der Philosophie, Bd. 1, 1888. Besonders interessant vom Gesichtspunkt dieser Arbeit ist die Gegenüberstellung paralleler Äußerungen HUMEs und KANTs über den Begriff des Seins Seite 227f. Wenn die Unmöglichkeit einer historischen Abhängigkeit nicht feststände, läge ein Schluß auf eine solche unweigerlich nahe.
    8) RIEHL bemerkt treffend über die vermutliche Unabhängigkeit der LOCKE'schen Raumtheorie von NEWTONs Prinzipien: "Die Sicherheit wissenschaftlicher Ergebnisse wird erhöht, wenn diese unabhängig und auf ganz verschiedenen Wegen erzielt sind". (ALOIS RIEHL, Der philosophische Kritizismus, Bd. 1, Geschichte und System, 2. Auflage, Leipzig 1908, Seite 57
    9) So nicht bei NATHANSON, Der Existenzbegriff Humes, Erlangen 1904
    10) Die HUME'schen Ausdrücke  existence  sowohl aus auch  reality  können beide mit  Wirklichkeit  übersetzt werden. Eine prinzipielle Scheidund zwischen den Wörtern  real  und  existent, reality  und  existence  oder auch  being  macht HUME nirgends. Sehr oft finden wir sie synonym nebeneinander gebraucht, z. B. sind die Raumelemente unbegreiflich, "when not filled with something real and existent" (Tr. 346). Im Appendix fragt HUME, obe der "Glaube" eine neue Idee ist, "such aus reality  or existence"  (Tr. 555). Ebenso "assurance of being", gleichbedeutend mit "of existence" (Tr. 370). Eine Idee in ihrem Sein im Bewußtsein heißt genauso gut  real  wie  existent,  z. B. "the idea of extension which is real ... a real existence" (Tr. 344) "Every perception we believe to be existent" (Tr. 370). Vielleicht kann man sagen, daß  existent, existence, being  einen allgemeineren Sinn haben als  real  und  reality,  z. B. "nothing existent externally or internally ... There is no quality which belongs universally to all beings" (Tr. 377)  Real existence  und  reality of existence  (z. B. Tr. 401) wird dagegen häufiger den kausal erschlossenen Objekten des  belief  zugeschrieben. Aber sehr oft wird dieser Gebrauch durchbrochen, besonders als Verbum behält HUME das bequemere  exist  bei, z. B. die Imagination kann die Dinge in so getreuen Farben malen, "just as they might have existed" (Tr. 398). Der  Enquiry  verfährt ebenso willkürlich. Er setzt  nature  und  reality  zusammen (E. 14), aber öfter  matter of fact  und  existence  (z. B. E. 23, 130, 134). Ein einziges Mal findet sich gleichbedeutend mit  existence  der scholastische Ausdruck  Entity  (Tr. 370). - - - Hieran sei gleich noch eine allgemein terminologische Bemerkung geknüpft. So viel wie möglich sollen HUMEs einfache Benennungen beibehalten werden. Er nennt bekanntlich die intellektuellen und emotionalen Bestandteile des Bewußtseins  Perzeptionen  (auch die passions, emotions, desires zählen und die perceptions). Die Untergruppen der Perzeptionen sind die Impressionen, d. h. die Bestandteil der Sinnes- und Selbstwahrnehmung, und die Ideen, d. h. die Vorstellungen der Repräsenz (siehe hauptsächlich Tr. 311). Von dieser Terminologie weicht HUME höchst selten ab.
    11) Daß das vom Bewußtsein umfaßte Reale nur in den Impressionen und Ideen besteht, wie nach dieser Äußerung anzunehmen ist, ist nach sonstigen HUMEschen Lehren nicht richtig. Neben den Impressionen und Ideen gelangen auch eine Reihe ebenso realer geistiger Tätigkeiten oder Fähigkeiten zur Perzeption. Der Begriff  Perzeption  hat also eine engere und eine weitere Bedeutung bei HUME.
    12) Daß schon früh einer der HUMEschen angenäherten Denkweie eine ähnliche Zusammenfassung der Bewußtseinsinhalte nahe lag, zeigt PLATON,  Theaetet  156b: " das Wahrnehmbare und die Wahrnehmung, die immer zugleich hervortritt und erzeugt wird mit dem Wahrnehmbaren. Die Wahrnehmungen nun führen uns Namen wie diese: Gesicht, Gehör, Geruch, Erwärmung und Erkältung, auch Lust und Unlust werden sie genannt, Begierde und Abscheu, und andere gibt es noch, unbenannte unzählbare, sehr viele auch noch benannte." - Durch die Einordnung der Lust und Unlust, Begierde und Furcht in die Wahrnehmung gewinnt sie eine ähnlich weite Bedeutung wie die HUME'sche Perzeption, nur daß HUME an dieser Stelle noch summarischer auch das Denken mit zur Wahrnehmung zählt.
    13) Wie von höchst einsichtsvollen Philosophen anerkannt wird, fügt HUME hinzu, mit Anspielung auf BERKELEYs "Theory of vision".
    14) HUME mag, als er dies schrieb, unter dem Eindruck eigener starker Umwälzungen gestanden haben. Er erzählt in dem schon erwähnten Brief an einen Arzt, daß er in seinen philosophischen Spekulationen "unendlich glücklich" gewesen sei, wie aber dann mit einem Schlag ein Jahr später, durch Krankheit veranlaßt, "aller Eifer in einem Moment erloschen zu sein schien." Dem jugendlichen HUME war wohl ein außerordentlich lebhaftes Erfassen, dann ein plötzliches Fallenlassen des erst mit Leidenschaft Ergriffenen eigen, das ihn selbst quälte.
    15) Vgl. RIEHL a. a. O., Seite 101f den Abschnitt: Positivismus, nicht Skeptizismus; ferner Seite 189/90 und Seite 122.
    16) Über die Schwierigkeit des psychologischen Experimentierens siehe die Introduction des  Treatise,  Seite 309.
    17) Hierin liegt allerdings schon eine leise Abweichung vom rein psychologischen Standpunkt, indem Unterschiede im Sein des Bewußtseins festgestellt werden, wovon später zu handeln sein wird.
    18) Für die sehr klare Umgrenzung des Begriffs "Bewußtsein" siehe hauptsächlich: Principia, Teil 1, § 9.
    19) Vgl. hierzu GRAU, "Die Entwicklung des Bewußtseinsbegriffs im 17. und 18. Jahrhundert", in "Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte, hg. von BENNO ERDMANN, Halle 1916.
    20) Möglich, daß hier nur das schwerfällige  to be conscious of  vermieden werden soll. Das  remember  ist überdies nicht so prägnant wie das deutsche  erinnern,  es kann oft einen sehr abgeschwächten Sinn haben, etwa synonym mit  imagine. 
    21) Ähnlich wird auch in neuerer Zeit Bewußtsein mit Erfahrung im allgemeinen gleichgesetzt bei EDUARD von HARTMANN; siehe "Das Grundproblem der Erkenntnis", 2. Auflage, Leipzig 1914, Seite 19.
    22) HUME behauptet, wenn in einer Farbenskala eine Nuance weggelassen würde, daß diese auch ohne vorherige Erfahrung durch bloße Phantasie ersetzt werden könnte. Viele beschuldigen HUME deswegen einer groben Inkonsequenz. HUME ist indessen mit seinem spitzfindigen Beispiel nicht ganz original. Es findet indessen mit seinem spitzfindigen Beispiel nicht ganz original. Es findet sich zusammen mit dem "Blindgeborenen" freilich in vergröberter Form in DESCARTES' "Regulae ad directionem ingenii", Regel 14, § 1. Ob und wie von hier aus HUME eine Anregung zu seinem Beispiel gekommen ist, läßt sich kaum feststellen. Jedenfalls wäre die Inkonsequenz verzeihlicher, wenn das Beispiel nicht von ihm selbst herrührte. Es ist begreiflich, daß ein so jugendlicher Autor sich bemüht, vollständig zu sein, indem er auch die Gegeninstanz anführt, aber auch daß er sie nicht allzu wichtig nimmt. Daß das Beispiel zehn Jahre später im "Enquiry" wörtlich wiedererscheint, wäre dann freilich eine der redaktionellen Merkwürdigkeiten, die sich schwer aufklären lassen.
    23) HUME hat in jeder Hinsicht "den Empirismus zuende gedacht", siehe RIEHL, a. a. O. Seite 122/123.
    24)  Conceive  fällt z. B. gelegentlich sogar mit  imagine  zusammen, so Tr. 339; es hat im Englischen oft den Sinn von ausdenken, ersinnen, z. B.  to conceive a plan. 
    25) Dieselbe Zusammenstellung von  truth  und  reality  siehe noch einmal Tr. 419.