ra-2 K. SchefflerF. AncillonJ. ReinkeH. GomperzF. A. Lange    
 
ABRAHAM SCHLESINGER
Der Begriff des Ideals

"Jedes Handeln setzt notwendig ein Ideal voraus. Bei jeder Tätigkeit des Ich gilt es, ein Objekt,  wie es ist,  in das Objekt,  wie es sein sollte  zu verwandeln."


Erster Abschnitt
Systematisch-psychologische Darstellung der
typisch zusammengefaßten Idealtheorien
(1)

§ 1.
Inhalt und Bestand des
Ideal genannten Bewußtseinsgebildes


I. Die allgemeine typische Bestimmung
des dem Idealbegriff zugrunde
liegenden psychischen Gebildes

Die erste Frage einer systematischen Psychologie des Idealbegriffes wird notwendig lauten müssen: Auf welchen psychologischen Tatbestand nehmen wir, ganz im allgemeinen, Bezug, wenn wir sagen, daß uns ein Gegenstand  ideal  ist? Was ist, ganz allgemein, das dem Begriff des Ideals zugrunde liegende psychische Gebilde?

Sehen wir von allen besonderen näheren Bestimmungsmerkmalen ab, so lassen sich sämtliche Ansichten der Idealtheoretiker auf einen gemeinsamen und allgemeinen Ausdruck bringen, welcher, vorbehaltlich der späteren Erklärung der einzelnen Begriffsmerkmale, etwa folgendermaßen lautet:  Das Ideal ist ein Gebilde, welches für den Erlebenden irgendeinen Gegenstand in reiner Form enthält als verbunden mit einer irgendwie beschaffenen Forderung. 

In den meisten Theorien, die wir behandelten, zeigt sich dieser Grundgedanke ziemlich unverhüllt. Aber auch in den übrigen läßt er sich ohne Mühe auffinden. So bei LOCKE, wenn es heißt: die Relationen bilden die  archetypes  der wirklichen Objekte, mit denen diese übereinstimmen  sollen.  Oder bei SCHILLER, der von der "lebenden Gestalt" sprach, welche  "oben in des Lichtes Fluren"  wandelt und dem Menschen ein "Ideal des Spieltriebs" aufgibt, das er "in allen seinen Spielen vor Augen haben  soll."  LOTZE betrachtete die Ideale als allgemein verbindliche  Vorbilder  der Gesinnung, deren  Verwirklichung immer als Pflicht erscheint,  selbst wenn die Ausführung infolge empirischer Hindernisse unterbleibt. BON läßt im Ideal  vollkommene  Zustände  erhofft  und  erwünscht  werden. Es handelt sich für ihn beim Ideal zugleich um eine besondere Form des  Sollens.  Ähnlich erblickt STEIN in den großen Menschheitsidealen "arterhaltende logische Gesamterfahrungen über das, was sein  soll",  während  "Jllusionen  dem einzelnen  gehoffte, ersehnte  Zustände als das für ihn speziell  Seinsollende  lustvoll vorspiegeln.


II. Typische nähere Bestimmungen der Einzelmerkmale
des allgemein bestimmten Idealbegriffs

1) Das Merkmal des "Gegenstandes" nach
seinen näheren typischen Bestimmungen


a) Bedeutungsbeschaffenheit
des idealen Gegenstandes

Welche gegenständliche Bedeutungen können Ideale haben? Von welchen Gegenständen sind Ideale möglich? Die Frage wird von den Theoretikern in verschiedener Weise beantwortet.

α) Die Menschen bilden sich (freilich unberechtigt) Ideal von allem, was es im Himmel und auf Erden nur immer geben mag. So hatte schon SPINOZA erklärt. Sie entwerfen sich, wie er ausführte, von den Gegenständen der Natur wie von den Werken ihrer eigenen Hände "Musterbilder", in denen sie dann dasjenige erblicken, was die wirklichen Dinge  eigentlich  sein  sollten,  worauf die wirklichen Dinge angelegt sind. Ähnlich äußert sich SCHELLING: Jedes Handeln setzt notwendig ein Ideal voraus. Bei jeder Tätigkeit des Ich gilt es, ein "Objekt, wie es ist, in das Objekt, wie es sein sollte" zu verwandeln.

Nach dieser typischen Anschauung sind also die Ideale, wie LIEBMANN sagte, an der Zahl unbegrenzt. Es gibt Ideale von allen möglichen Gegenständen, und zwar auch - wie wir im Geist der vorliegenden Theorie hinzufügen - von allen möglichen rein  subjektiven  Bewußtseinsgegenständen (innerlichen Erlebnissen). Denn so gut wie ich das Ideal haben kann, etwas Bestmmtes zu  tun,  kann ich offenbar auch das Ideal haben, etwas Bestimmtes zu  denken  oder zu  fühlen:  z. B. einen recht abstrakten Gedankenbau aufzuführen oder ein bestimmtes Lustgefühl zu erleben usw.

β) Der Ansicht, daß Ideale von allen möglichen denk- und vorstellbaren Gegenständen überhaupt vorkommen können, steht eine andere extreme Theorie gegenüber nach welcher der ideale Gegenstand nur von einer einzigen Art sein kann. HEGEL erblickt im Kunstschönen  das  Ideal. In gleich ausschließlicher Weise erklärt HERBART: "Der Name des Ideals scheint passend für ein Reelles, das ... nur gedacht ist, wie es sein müßte, um Ideen zu realisieren". Nach COHEN bedeutet das Ideal ganz ausschließlich die Wirklichkeit des Sittlichen, die Eigenart des sittlichen Seins.

γ) Zwischen den beiden extremen Theorien steht sozusagen eine gemäßtigte Mitte. Es gibt zwar Ideale von zahlreichen bzw. zahllosen Gegenständen, aber unter dieser Unzahl befinden sich doch einige, die ganz besonders und eigentlich den Namen von Idealen verdienen. Einen solchen Standpunkt nimmt KANT ein. Wie nach einer verbreiteten populären Ansicht genau genommen nur ein in jeder Hinsicht absolut Vollkommenes als Ideal angesprochen werden darf, so erklärt KANT, indem er gewissermaßen mit diesem Gedanken buchstäblich Ernst macht: Das, was  eigentlich  Ideal heißen darf, ist allein - Gott; ist, mit PLATO, "eine Idee des göttlichen Verstandes, ein einzelner Gegenstand in der reinen Anschauung desselben, das Vollkommenste einer jeden Art möglicher Wesen und der Urgrund aller Nachbilder in der Erscheinung". Freilich gibt es noch Ideale von den verschiedensten Gegenständen, wie "dergleichen Maler und Physiognomen in ihrem Kopf zu haben vorgeben". Aber aucht unter diesen "uneigentlichen" Idealen (der "Einbildungskraft") ist wiederum nur ein einziges relativ eigentliches vorhanden: das von einem Gegenstand, der den Zweck seiner Existenz in sich selbst hat, d. h. vom Menschen.


b) Erlebnisbeschaffenheit
des idealen Gegenstandes

Wie oder als was erleben wir den idealen Gegenstand? lautet die nächste Frage, die gestellt werden muß. Wird er als etwas Anschauliches oder als etwas Unanschauliches erlebt und läßt sich vielleicht noch Genaueres über die Art seiner Anschaulichkeit bzw. Unanschaulichkeit ermitteln?

Der Begriff der Anschaulichkeit und Unanschaulichkeit bedarf vor allem einer kurzen Erklärung. Psychologisch  anschaulich  nenne ich hier ähnlich wie F. E. OTTO SCHULTZE: Empfindungen, Vorstellungen, Gefühle und ebenso Willensakte. Als  unanschaulich  gelten mir dagegen Gedanken ("Bewußtheiten").

Wir kommen jetzt zu den typischen Beantwortungen unserer Frage.

α) Der ideale Gegenstand ist  anschaulicher  Natur; und er läßt sich näher bestimmen
    αα) als  Vorstellung.  Begreiflicherweise bekennen sich zu dieser Ansicht hauptsächlich die ästhetisch interessierten Theoretiker. Der  iG  (= ideale Gegenstand) ist für HEGEL allein das  Kunstschöne.  Das Schöne aber ist "das sinnliche Scheinen der Idee"; und der Künstler, d. h. nach HEGEL der Idealisierende, muß "die an und für sich seiende Wahrheit und Vernünftigkeit des Wirklichen", die er eben als  iG  überhaupt zum Ausdruck bringen will, in seiner Weise, nämlich  in konkreter Gestalt, wie es der Phantasie zukommt,  durchsonnen haben.

    Jedoch auch dem  iG  ethischer Natur ist ein ausschließlicher Vorstellungscharakter zugesprochen werden, Besonders nachdrücklich hat es HARTMANN getan. Die Ideale sind nie abstrakter Art. Das künstlerische wie das sittliche Ideal erfordert "die absolute konkrete Fülle und Bestimmtheit", "da es die ganze Mannigfaltigkeit des konkreten Lebens von sich aus bestimen soll". Das ethische Ideal ist eine im voraus bewerkstelligte  Verdichtung  der ethischen Entscheidungen zu einem  anschaulichen Vorbild  des Handelns. Ähnlich äußert sich ACHILLE RICARDOU, wenn er erklärt, das Ideal sei immer zugleich das Bild, als Vorstellung vorhanden. Eigentlich könnte man in diesem Zusammenhang schon SPINOZA nennen; zumindest in gewisser Hinsicht. Wenn sich die Menschen ihre  exemplaria  von Naturobjekten oder Häusern usw. entwerfen, so handelt es sich dabei doch wohl nur um Vorstellungen.

    ββ) Nach einer anderen typischen Theorie bildet wesentlich ein  Gefühl  den  iG.  "Wesentlich" sage ich. Denn es kommt, genau genommen, nicht bloß ein Gefühl, sondern gleichzeitig ein Vorstellen in Betracht. Der  iG  ist ein vorgestellter Zustand oder dergleichen, der aber, lediglich weil und insofern er eine Lustquelle ist, vorgestellt wird. Das Lustgefühl macht demnach hier das  Wesen  des  iG  aus. So bedeutet nach BON das Ideal die "mit rosigem Licht" übergossene Zukunft, in der vollkommene Zustände erhofft und erwünscht werden. Und STEIN spricht davon, daß wir "Jllusionen" nur deshalb bilden und bilden müssen, weil die Vorspiegelung eines erhofften, ersehnten Zustandes oder Gegenstandes uns Lust gewährt. Die "großen Ideale des Menschengeschlechts" aber sind "in Fleisch und Blut des gesamten Menschengeschlechts übergegangene ehemalige Jllusionen".

    γγ) Schließlich ist, wenigstens vermutungsweise, die Ansicht vertreten worden, daß der  iG  eine gewisse  Willenstätigkeit  ist: nämlich die bloße Form der Zwecksetzung. SIMMEL hat eine derartige Vermutung geäußert. Auch WUNDT könnte man erwähnen, wenn man in seiner Theorie nicht so sehr betont, daß die  Idee als vielmehr, daß die (freilich als solche nicht einmal anschauliche!) Idee der sittlichen und überhaupt  geistigen Betätigung  des Menschen den  iG  des Menschheits- und des individuell-persönlichen (ethischen) Lebensideals bildet.
β) Nach der zweiten typischen Beantwortung unserer Frage ist der  iG unanschaulicher  und kann wiederum genauer bestimmt werden
    αα) als  Begriff.  Eine solche Ansicht läßt sich schon bei LOCKE finden. LOCKE hatte für Ideale, wie wir seine "archetypes" deuteten, jene geistigen Gebilde erklärt, die er Relationen nannte. Die Beziehungen, Verhältnisse der Dinge, wie Ursache, Wirkung, Identität usw. sin die  iGe.  Es handelt sich dabei also um Begriffe, um anschauungslose Denkgegenstände. Ein Etwas, das wir Wirkung nennen, läßt sich also solches nur  begreifen;  psychologisch anschaulich im oben erörterten Sinne ist es niemals und kann es seiner Natur nach nie werden. Ganz unzweideutig spricht HERBART von einem begrifflichen  iG.  Ihm gilt das Ideal für "ein Reelles, das . . . nur  gedacht  ist, wie es sein müßte, um Ideen zu realisieren". SIMMEL hatte darauf hingewiesen, daß die Begriffe als Begriffe  iGe  sind oder vielfach dafür genommen werden.

    ββ) Der  iG  stellt sich nach anderen Theoretikern als  Idee  dar, als ein eigenartiger Begriff der Vernunft, d. h. des nach selbsteigenen Gesetzen normierend denkenden überindividuellen Bewußtseins. Eine solche Idee ist KANTs Gottesideal: seine "Idee in individuo". Auch COHEN spricht von Gott als von einer Idee. Er ist "die  Idee,  der Begriff und die Wahrheit ethischer Erkenntnis". Ausdrücklich erklärt WUNDT den  iG  des sittlichen Ideals für eine Idee. Das sittliche Ideal ist die Vorstellung der idealischen menschlichen Bestimmung, die eine unendliche Aufgabe bildet. Insofern ist es eine über jede gegebene und sogar denkbare Grenze hinausstrebende Vorausnahme; und es darf demach gar nicht als Vorstellung (und nicht als bloßer Begriff) gelten, sondern als  Idee der Vernunft. 
γ) Schließlich findet sich noch eine dritte typische Beantwortung der hier erörterten Frage. Es wurde ausgesprochen, daß  iGe  der  nämlichen Art  in anschaulicher und auch in unanschaulicher Weise gegeben sein können. STEINTHAL nannte Ideal ein Individuum, das seine (sittliche) Idee  darstellt.  Aber eigentlich sind die (sittlichen) Ideen selbst gleichfalls Ideale, und somit kann das Nämliche, das beim "Ideal" in einer anschaulichen Verkörperung vorlag, bei der "Idee" in abstrakter, begrifflicher Form  iG  sein.


2) Das Merkmal der "reinen Form".

Das Element im idealen Gesamtgebilde, welche wir  iG  nannten, hat eine besondere Art des Seins. Wir heißen sie die  reine Form  des  iG.  Was bedeutet nun der Begriff der "reinen Form"?

Es ist ein Wesensmerkmal des Menschen, daß er sich, wie LIEBMANN es ausdrückte, in Gedanken von der ihm aufgenötigten Wirklichkeit loslöst und "sich eine Klasse von Vorstellungen über das" bildet, "was sein sollte, auch wenn es nicht ist". Wir besitzen die Fähigkeit, uns mit unserem Vorstellen und Denken, Fühlen und Wollen über das Gegebene der Wirklichkeit, über das Soseiende hinaus zu einem Andersseienden, zu einem Seinsollenden zu erheben. Und dieses herstellbare Anderssein eines beliebigen physischen und psychischen Gegenstandes, der so in gereinigter Gestalt neuerschaffen wird, heißt uns die  reine Form  des Gegenstandes. Beim idealen Erlebnis werden wir übrigens aus einem bestimmten Grund  später  anstatt von der reinen Form eines Gegenstandes genauer von der  idealen Reinheit  sprechen müssen.

Daß der  iG  als in reiner Form existierend  allgemein  angenommen wird, ist schon aus unserer entsprechend formulierten Idealdefinition ersichtlich, welche an die Spitze dieses Paragraphen gestellt wurde. Bei aufmerksamerer Betrachtung lassen sich jedoch innerhalb der Idealtheorien einige besondere Arten der reinen Form unterscheiden. Ausdrücklich angegeben finden wir die Unterscheidung freilich nicht. Allein sie ist deutlich genug zwischen den Zeilen herauszulesen.


a) Die reine Form als imaginative Reinheit

Was der Ausdruck "imaginative Reinheit", den wir seiner relativen Einfachheit wegen einführen wollen, zu bedeuten hat, kann gleich aus der Theorie SPINOZAs klar gemacht werden. Der  iG  existiert bei den gewöhnlichen, bei den Allerweltsidealen, insofern in reiner Form, als er den bezüglichen empirischen Gegenstand in einer das Subjekt befriedigenden Weise vorspiegelt. Er soll den empirischen Gegenstand befreit von allen das Subjekt störenden "Unvollkommenheiten" wiedergeben. Nicht die Erkenntnis aber ist dabei wirksam, sondern die  Imagination.  In der Reinheit der Imagination oder Fiktion existiert der  iG.  Etwas ausdrücklicher sprechen dann BON und STEIN von der Sache. Für jenen ist der  iG  die "mit rosigem Licht" übergossene Zukunft; und es erscheint ihm fraglich,"ob ein Ideal, das nicht in irgendeiner Weise ein utopisches ist, überhaupt noch den Namen eines Ideals verdient". Für STEIN besteht der  iG  in der Vorspiegelung eines, natürlich möglichst vollkommenen, ersehnten und erhofften Zustandes oder Gegenstandes. Auch RIBOT äußerte sich über die reine Form des  iG.  Bei der Konzeption des Ideals handelt es sich um eine "innerliche Vision des individuellen Geistes", wobei die wirklichen Existenzbedingungen ihren modifizierenden, trübenden Einfluß noch nicht ausüben. Für MARX LOBSIEN schließlich "schweben" die Ideale gleichfalls "über der Wirklichkeit". Das Ideal erscheint als "ein Stück Selbst . . . nur in eine reinere, freiere Luft" geworfen.


b) Die reine Form als transzendentale Reinheit

Die zweite Sonderart der reinen Form steht in einem gewissen Gegensatz zu der soeben betrachteten. Der  iG  existiert jetzt nicht in der Reinheit der  Imagination,  sondern in der Reinheit eines Gebildes des reinen  Erkennens.  Er gehört unserem überindividuellen,  transzendentalen  Bewußtsein an: unserem "reinen Ich", welches sich in seiner Betätigung über das "empirische Ich" erhebt und dessen individuelle Subjektivität zu überwinden sucht.

Auch diese Art der reinen Form kennt schon SPINOZA. Der wahre, berechtigte  iG  ist für ihn der Mensch, und zwar nicht als ein jeweils so und so beschaffenes besonderes Individuum, nicht seiner modalen Natur nach, sondern als der seinem substantiellen Wesen nachvon der  sub specie aeternitatis  [im Licht der Unendlichkeit - wp] betrachtenden Vernunft adäquat erkannte Mensch. Ebenso existiert KANTs Gottesideal in transzendenter Reinheit. Es gehört, wie die anderen Ideen, der  Vernunft  an und ist "ein einzelnes, durch die  Idee  allein bestimmbares Ding". COHEN sieht im Ideal das reine Erzeugnis des  reinen Willens,  d. h. der reinen wollenden  Vernunft.  Als Vernunftidee wird ferner von WUNDT das Ideal der menschlichen Bestimmung bezeichnet. LIPPS betrachtet die Normen als Ideale. Normen sind ihm aber Wesensgesetze "der reinen Vernunft", die für das empirische Ich gelten. Ebenso tragen die physischen Naturgesetze Normencharakter. Schließlich sei von Vertretern dieser Anschauung nur noch auf STANGE hingewiesen, bei dem von  Musterbildern der Vernunft  die Rede ist, in denen sich "die Wirklichkeit und das Wesen unseres inneren Lebens"offenbart. Sie besitzen Objektivität im Sinne von Transsubjektivität.


c) Die reine Form als eine gewisse Vereinigung
von imaginativer und transzendentaler Reinheit

Es finden sich auch Theorien, bei welchen man gewissermaßen vom Versuch einer Vereinigung der beiden bisher behandelten Arten der reinen Form des  iG  sprechen kann. Ich denke besonders an die drei württembergischen Philosophen. Für SCHILLER ist das  Schöne  der  iG kat exochen  [ansich - wp]; für HEGEL das  Kunstschöne,  zu dessen Bildung vor allem Phantasie erforderlich ist; und bei SCHELLING kann eigentlich bloß der  Künstler  das Ideal völlig realisieren.

Nach dieser typischen Anschauung existiert also der  iG  vorerst in der Reinheit der Fiktion, der Imagination. Aber so erscheint es nur auf den ersten Blick. Hinter der imaginativen Reinheit des  iG  liegt dieser zugleich in transzendentaler Reinheit. Der Künstler, d. h. der Idealisierende, muß bei HEGEL "die  an und für sich seiende Wahrheit und Vernünftigkeit  des Wirklichen", die eben den  iG  ausmacht, in ihrer ganzen Tiefe erfaßt und durchsonnen haben, und zwar als Künstler in konkreter Weise, wie es der Phantasie zukommt. Für SCHELLING ist die Natur dem  Künstler  ebenso wie dem Philosophen "nur die unter beständigen Einschränkungen erscheinende idealische Welt"; und gerade in der Kunst wird die Scheidewand zwischen idealer und wirklicher Welt aufgehoben. Der Künstler vermag am besten die aufgehobene "Identität des Ich", d. h. dessen wahre Beschaffenheit wiederherzustellen. SCHILLER schließlich erblickt im Ideal-Schönen das Ideal-Menschliche. Das Ideal-Menschliche aber besteht im wahrhaft Menschlichen, in der Menschheit, welche als "lebende Gestalt" die Vereinigung unserer sinnlichen und geistigen Anlage darstellt. Neben den erwähnten Theoretikern kann noch auf RICARDOU hingewiesen werden. Im Ideal antizipieren wir das  wahren Wesen  der Dinge. Doch stets in einem bestimmten  Bild,  das auch durch die  Phantasie  mitbedingt ist.

Die typische Anschauung, die in allen diesen Theorien zum Ausdruck kommt, läßt sich zum Schluß etwa dahingehend formulieren, daß man sagt: der in imaginativ reiner Form  existierende iG  besitzt transzendente Reinheits- Gültigkeit. 


3) Das Merkmal der idealen "Forderung"

Daß der  iG  für den Ideal-Erlebenden mit einer irgendwie beschaffenen Forderung verbunden ist, konnte als allgemeine Ansicht sämtlicher Idealtheoretiker ermittelt weren. Es handelt sich jetzt um die typischen näheren Bestimmungen jenes Idealmerkmals.

Man wird sofort dreierlei Fragen aufwerfen:
    a)  Von wem  wird gefordert, auf wen bezieht sich die Forderung?

    b)  Was  wird gefordert, welchen Inhalt hat die Forderung?

    c)  Wie  wird gefordert, von welcher psychologischen Beschaffenheit ist die erlebte Forderung?

Wir wollen die drei Fragen im einzelnen aus den Idealtheorien heraus zu beantworten suchen.


a) Die Forderungsbeziehung

Die  iF  (= ideale Forderung) besteht selbstverständlich immer für den, der sie erlebt. Aber doch nur so, wie jede Bewußtseinstatsache für den besteht, der sie eben hat. Ich erlebe es, daß ein  iG,  den ich als solchen habe, eine  iF  mit sich führt. Allein damit ist noch keineswegs gesagt, daß die Forderung, die  in meinem Bewußtsein  existiert, zugleich eine Forderung ist, welche  an mich selbst  ergeht. Ich kann recht wohl eine  iF  in mir' als  für einen anderen  oder  für etwas anderes geltend  erleben. Wir müssen somit mehrere Forderungsbeziehungen unterscheiden.

α) Die  iF  bezieht sich auf  den Erlebenden selbst.  Wenn SPINOZA das wahre Menschenideal aufzeigt, so gilt hier die mit dem  iG  verbundene Forderung für jeden Erlebenden. Es ist ja sein eigenes, des Menschen ewiges, substantielles Wesen, das von ihm erkannt wird, und dessen Realisierung die unendliche Menschheitsaufgabe bildet. Auf einen gewissermaßen poetischen Ausdruck hat LIPPS diese Forderungsbeziehung gebracht, als er von einem  Ich  unserer Sehnsucht" sprach. Der  iG  ist unser eigenes Sehnsuchtsziel; er wendet sich mit seiner Forderung an den Erlebenden selbst.

Wir wollen eine derartige  iF,  die an die  eigene  Person des Erlebenden ergeht,  eigenideale  Forderung (eigen- iF!)  nennen.

β) Die  iF  kann weiterhin für ein  fremdes Subjekt  gelten. Wir wollen dann von einer  fremdidealen  Forderung (fremd- iF!)  sprechen. Wiederum erhellt sich schon aus der Lehre SPINOZAs die Art einer solchen Forderungsbeziehung. Die Menschen entwerfen sich Musterbilder von allen möglichen Gegenständen und beurteilen diese nachher als vollkommen, unvollkommen, schön, häßlich usw. je nach ihrer größeren oder geringeren Übereinstimmung mit den bezüglichen Idealen. Der Erlebende erlebt somit in seinem Bewußtsein die Forderung, daß die betreffenden empirischen Gegenstände in Gemäßheit der  iGe  existieren sollten, die er jeweils von ihnen hat. Die  iF  gilt hier für ein fremdes Subjekt, wobei natürlich mit diesem "Subjekt" sowohl eine Person als auch eine Sache (Ding, Zustand usw.) gemeint sein kann, nachdem unserer Definition gemäß schlechterdings alles  iG  zu werden vermag.

γ) Es bleibt noch eine dritte Art der Forderungsbeziehung übrig: die  iF  kann sich  zugleich auf den Erlebenden selbst  beziehen  und auf ein fremdes Subjekt.  Wenn PAULSEN erklärte, Völkerideale seien Bilder von dem, was die betreffenden Völker sein wollen, so heißt das: die  iF,  welche mit jenen  iGn  verbunden ist, gilt nicht nur für jedes einzelne erlebende Individuum aus dem betreffenden Volk, sondern gleichzeitig mit für alle anderen Individuen.  Gemeinsam  an alle Volksglieder gerichtet ist für den einzelnen Erlebenden in solchen Fällen die  iF.  In demselben Sinn äußert sich auch WENTSCHER, wo er von den "Gesamtheitsidealen" redet. Die Träger sind die einzelnen Individuen; aber sie sind es in ihrer Gesamtheit.

Wir wollen noch hinzufügen, daß besonders Freunschafts-, Ehe- und Liebesideale eine derartige  gemeinschaftsideale  Forderung (gemeinschafts- iF!)  mit sich führen oder führen können. Nicht an den Erlebenden allein ergeht die  iF,  sondern gemeinschaftlich an die am betreffenden Verhältnis Beteiligten. Es handelt sich also nicht einfach darum, daß die  iF  dem Erlebenden  und dann noch fernerhin  einem oder mehreren anderen gilt; sondern es handelt sich um eine  besondere  Forderungsbeziehung selbständiger Natur, welche den beiden vorhin betrachteten  koordiniert  werden muß.


b) der Forderungsinhalt

Mit dem  iG  ist eine Forderung verbunden. Worin besteht der Inhalt der Forderung?

Es lassen sich vorläufig zweierlei mögliche Forderungsinhalte unterscheiden. Mit dem  iG  kann nämlich eine  Realisierungs-  und eine  Beurteilungstendenz  verbunden sein. Die  iF  kann darin bestehen, daß eine dem jeweiligen  iG  gemäße Wirklichkeit sei oder werde. Dem  iG  ist in einem solchen Fall eine  Realisierungstendenz (RT!)  beigesellt. Die  iF  kann aber auch dahingehend lauten, daß unseren  bloßen Beurteilungen  empirisch gegebener Gegenstände ein bezüglicher  iG  als Maßstab dienen soll. Dann sprechen wir von einer  Beurteilungstendenz (BT!).  Beide Fälle sind systematisch notwendig zu trennen. Ich kann einen Gegenstand möglicherweise nach einem Muster beurteilen, ihn demgemäß schön, häßlich, vollkommen, unvollkommen usw. finden, ohne dabei im entferntesten zu  wollen,  daß der beurteilte Gegenstand dem zu seiner Beurteilung als Maßstab verwendeten Muster ähnlich sein  soll;  d. h. ohne dabei etwas von einer  RT  zu erleben.

Innerhalb dieser Hauptunterscheidung muß sofort noch eine weitere vorgenommen werden. Es ist eine  positive  und eine negative  RT  bzw.  BT.  möglich. Der  iG  kann nicht bloß die Forderung mit sich führen, welche seine Realisierung oder die ihm gleichsinnig gerichtete Beurteilung eines Wirklichen zum Inhalt hat; sondern er kann ebenso mit der - als solcher natürlich stets positiven - Forderung verbunden sein, ihn gerade  nicht  zu realisieren, das Wirkliche gerade in dem ihm  entgegengesetzten  Sinn zu beurteilen.

Diese zwei Hauptunterscheidungen waren im voraus erforderlich, um die folgenden Besonderheiten nicht allzusehr als ein großes Wirrsal erscheinen zu lassen. Wir wollen sie jetzt aus den Idealtheorien heraus zu entwickeln versuchen, wobei wir noch bemerken, daß die drei Arten der Forderungs beziehung  wesentlich mit berücksichtigt werden müssen.


A. Die Realisierungstendenz

α)  Die eigen-i positive und negetavie RT.  Der  iG  fordert vom Erlebenden selbst seine Realisierung oder seine Nichtrealisierung. Je nach der Art des  i  ist aber zweierlei zu unterscheiden.
    αα)  Die eigen-i positive oder negative Persönlichkeits-RT.  Eine solche Forderung liegt dort vor, wo der  iG  eine Persönlichkeit oder eine Persönlichkeitseigenschaft darstellt.

    Wenn z. B. SPINOZAs wahres Menschenideal seine Realisierung verlangt, so haben wir die Forderung: Der Erlebende soll in einem positiven Sinn seine ideale Persönlichkeit, das "Ich unserer Sehnsucht" (LIPPS), unaufhörlich zu realisieren versuchen. Oder wenn WENTSCHER davon spricht, daß "mansche Persönlichkeiten oder doch  bestimmte  an ihnen beobachtete  Charakterzüge"  einen idealen Reiz für uns haben, so verlangt der  iG  dabei die Realisierung einzelner Persönlichkeits eigenschaften. 

    Die  RT  kann aber auch sozusagen mit einem negativen Vorzeichen versehen sein. WUNDT sprach von "negativen Idealen", als er darauf hinwies, daß in manchen Göttergestalten  schlechte  Eigenschaften verkörpert sind, wie List, Neid, usw. Die  iGe  haben hier die Bedeutung "von Vorbildern in allen schlimmen Eigenschaften". Ähnlich äußerte sich LIEBMANN. Er nennt die negativen Ideale Karikaturen, die vom "feindlichen, antipathischen" Objekt entworfen werden.

    Die  RT,  welche mit solchen negativen Idealen verbunden sein kann, wird im allgemeinen naturgemäß einen negativen Charakter tragen: Der Erlebende soll nicht dem  iG  gemäß sein oder werden!

    ββ)  Die eigen-i positive oder negative Sach-RT.  MEUMANN hatte darauf hingewiesen, daß Ideale nicht bloß "persönliche Vorbilder" zu bedeuten brauchen, sondern daß von derartigen Idealen "die objektiven,  unpersönlichen  Werte, deren Verwirklichung" als Ziel vorschwebt, unterschieden werden müssen. Wir wollen in diesem Sinne von einer "Sach-RT" reden, wobei wir unter  Sache  jeden Gegenstand verstehen, welcher  nicht Persönlichkeit bzw. Persönlichkeitseigenschaft  ist. Eine solche  eigen-i Sach-RT,  und zwar von positiver Art, liegt in dem von GODDARD erwähnten Fall vor, wo "materieller Besitz" den  iG  der Kinder bildete. Der sachliche  iG  fordert, daß der Erlebende ihn, d. h. die  Sache,  realisieren soll.  Negativ  ist die Sach-RT z. B. bei der von MARX LOBSIEN berichteten Furcht der Mädchen vor dem Naßwerden. Der  iG,  das Naßwerden bzw. dessen Vorstellung, ist mit der Forderung verbunden, die Erlebende soll die Sache  nicht  realisieren, soll sie meiden.
β)  Die fremd-i positive und negative RT.  Die mit dem  iG  verbundene Forderung bezieht sich auf ein fremdes Subjekt. Wir müssen dabei jedoch drei Möglichkeiten berücksichtigen. Die Forderung kann sie auf eine fremde Person beziehen, welche einen  persönlichkeitsidealen  Gegenstand, oder auf eine fremde Person, welche einen  sachidealen  Gegenstand realisieren soll, oder die Forderung kann sich schließlich  direkt  auf eine Sache beziehen. Die Forderung besagt dann lediglich: der sachideale Gegenstand soll realisiert sein! Es handelt sich demnach im letzteren Fall nicht darum, daß der  iG  durch eine fremde Person' realisiert werden soll; sondern der Idealisierende erlebt die  iF,  daß der  iG  selbst  unvermittelt  realisiert sein soll. Wir unterscheiden also:
    αα)  Die fremd-i positive oder negative Persönlichkeits-RT.  SCHILLER führte die  Juno Ludovisi  als Beispiel dafür an, wie die Griechen die  lebende  Gestalt" darstellen.  Für den Mann  aber kann die  Juno Ludovisi  nur mit einer  fremd-i  Persönlichkeits-RT verbunden sein;vorausgesetzt natürlich, daß die Göttin  im Sinne  SCHILLERs als  iG  erlebt wird. Wenn ein Mann die  Juno  in diesem Sinne als  iG  erlebt, so hat die  iF  für ihn ausschließlich den Inhalt: Die (empirischen)  Frauen  sollten solche Persönlichkeiten sein,  ihnen  ist  ihr  "Ideal des Spieltriebes" hier konkret vor Augen gestellt.

    Für die  fremd-i negative  Persönlichkeits-RT findet sich in den Idealtheorien nicht ausdrücklich ein Beispiel angegeben. Doch sind solche aus der Dichtung in größerer Zahl allgemein bekannt. So können LEARs ältere Töchter als Ideale von Töchtern, wie sie  nicht  sein sollen, erlebt werden. Oder  Franz Moor  kann in seiner Eigenschaft des Sohnes und des Bruders als  iG  für einen Erlebenden die  fremd-i  negative Persönlichkeits-RT mit sich führen.

    ββ)  Die fremd-i positive oder negative Sach-RT.  Es erübrigt sich nach den bisherigen Ausführungen, diese Tendenz noch einmal eingehener zu behandeln. Die Forderung besteht einfach darin, daß für einen Idealerlebenden in objektiver, unpersönlicher Wert (MEUMANN) von einer fremden Person verwirklicht, bzw. nicht verwirklicht werden soll. Die  Handlung der fremden Person  ist der  iG;  die  iF  verlangt sie als Wirklichkeit.

    γγ)  Die positive oder negative freie RT.  Die  iF  hat hier, im Gegensatz zur  fremd-i Sach-RT,  wo die  realisierende Person  mit zum  iG  gehört, den Inhalt, daß das fremde Subjekt  unvermittelt  wirklich sein soll. Wenn wir z. B. daran festhalten, daß trotz KANT das Ideal eines schönen Gartens, eines schönen Hauses usw. möglich ist, dann kann in einem derartigen Fall leicht für einen Erlebenden die freie  RT  gegeben sein. Ich erlebe ein bestimmtes architektonisches Werk als  iG  und damit verbunden die  iF:  mein  iG  sollte Wirklichkeit sein; in einem solchen Stil, von solcher Art möchte ich die Häuser oder zumindest gewisse Häuser vor mir sehen. An einen Baumeister denke ich dabei nicht im entferntesten; er existiert nicht in meinem Ideal. Die mit dem  iG  verbundene  iF  bezieht sich hier, wie schon mehrfach betont wurde, unvermittelt auf den betreffenden Gegenstand und verlangt seine Wirklichkeit unvermittelt, obwohl eigentlich eine  fremd-i Sach-RT  erforderlich wäre. Jedoch muß darauf geachtet werden, daß tatsächlich eine  RT  erlebt wird. Es könnte ja sein, daß überhapt nicht die  Wirklichkeit  eines  iG  gefordert ist, sondern das vorliegt, was wir  BT  nennen. Von einem derartigen Fall ist vorerst selbstverständlich nicht die Rede.
γ) Von der  eigen-  und  fremd-i RT  unterscheiden wir schließlich die  gemeinschafts-i positive und negative RT.  Die  iF  hat zum Inhalt, daß der  iG  vom Erlebenden und zugleich von anderen verwirklicht werden soll. Eine gemeinschafts-i RT liegt z. B. in den schon erwähnten "Gesamtheitsidealen" WENTSCHERs vor. Genauer dürfte sich aber wiederum zweierlei unterscheiden lassen:
    αα)  Die gemeinschafts-i positive oder negative Verhältnis-RT.  Die Forderung besteht darin, daß ein ideales Gemeinschaftsverhältnis von den Beteiligten realisiert werden soll. Das kann z. B. bei Freundschafts-, Eheidealen usw. erlebt werden.

    ββ)  Die gemeinschafts-i positive oder negative Sach-RT.  Der  iG,  als eine von einer Gemeinschaft zu verwirklichende Sache, verlangt seine Realisierung durch die im  iG  miterlebten Personen. Mit einem solchen Forderungsinhalt haben wir es z. B. zu tun, wenn ein Dirigent die künstlerisch vollendete Wiedergabe eines Musikwerks durch das seiner Leitung unterstellte Orchester als  iG  erlebt.


B. Die Beurteilungstendenz

Die  BT  besteht darin, daß mit dem  iG  die Forderung erlebt wird, es soll nach dem  iG  ein bezüglicher empirischer Gegenstand  nur  beurteilt werden.

Die Hauptunterscheidung zwischen einer positiven und  negativen Tendenz gilt vermutlich auch für die Beurteilungs tendenz. Allein die  besonderen Einzelunterscheidungen  wie bei der  RT  wieder vorzunehmen, dürfte kaum empfehlenswert sein. Wenn ein solches Unternehmen sachlich berechtigt wäre, so müßte es ziemlich überflüssig erscheinen, nochmals alles Gesagte zu wiederholen mit der einzigen Änderung, daß für die Buchstaben  RT  die Buchstaben  BT  eingesetzt würden. Nun aknn aber eine solche Unterscheidung im einzelnen hier kaum als berechtigt gelten. Zumindest ist es mir sehr zweifelhaft, ob z. B. jemand ein Ideal seiner eigenen Persönlichkeit haben kann bloß mit dem Forderungsinhalt, sich, sein empirisches Ich, nach dem  iG  zu  beurteilen,  und zwar  nur  zu beurteilen. In den Idealtheorien finde ich lediglich eine einzige Ansicht, die sich im Sinne einer  reinen BT  deuten läßt: es ist die von LIPPS über die physischen  Normen. 

LIPPS hatte als Beispiel "die reine Tatsache des Fallens" gewählt, oder auch "die Tatsache des reinen Fallens". Sie kommt "in der Welt der Wirklichkeit nirgends" vor. Aber sie würde vorkommen, wenn der Körper ganz "sich selbst und seiner Natur als Körper überlassen wäre". Beim  wirklichen  Fallen konkurrieren sozusagen eben noch andere Naturgesetze, so daß die wirklichen Tatsachen als "Resultanten von solchen  reinen  Tatsachen" zu begreifen sind. Diese Naturgesetze nennt LIPPs Normen und Ideale und drückt damit zugleich aus, daß z. B. jeder Körper der Norm gemäß fallen "sollte". Das Fallgesetz ist ein Wesensgesetz für den reinen Körper und gilt somit auch  für  den Körper.

Diese Ausführungen scheinen mir, wie gesagt, als Hinweis auf die reine  BT  gedeutet werden zu dürfen. Das wirkliche Naturgeschehen betrachten wir als nach Normen sich vollziehend. Die Normen legen wir unserer Beurteilung der empirischen Tatsachen zugrunde. Wir beurteilen, betrachten die empirischen Tatsachen also  sub specie  jener Normen. Dabei fehlt aber im allgemeinen durchaus das Erleben einer Forderung im Sinne einer  RT.  Mit dem Erleben jener Normen als solcher erleben wir nicht die  iF:  der  iG  soll realisiert werden, das Wirkliche soll oder sollte wie die "Norm" selbst sein. Die  iF  besteht vielmehr nur darin, den  iG  gewissermaßen als Maßstab bei der Wirklichkeitsbeurteilung zu verwenden. Ich betrachte den fallenden Körper. "Rein sich selbst und seiner natur als Körper überlassen",  würde  er so fallen, wie das Fallgesetz es angibt. In Wirklichkeit tut er es nicht, weil er lediglich als "Punkt der Durchkreuzung" mehrerer "reiner" Naturgesetze oder Normen zu nehmen ist. Von diesen anderen Normen sehe ich jetzt, bei meiner Betrachtung des  fallenden  Körpers, ab; ich betrachte ihn jetzt bloß als solchen, d. h. nach der Norm oder dem  iG,  den das "reine" Fallgesetz darstellt: Mit dem  iG  ist eine bestimmte  BT  verbunden.

Es soll übrigens gleich hier darauf hingewiesen werden, daß ein Gebilde, zu dessen Inhalt die  BT  gehört, etwas ganz anderes sein dürfte, als ein Gebilde, das eine RT in sich enthält. Allerdings wird es oft sehr schwierig sein, die Existenz einer reinen  BT  allein nachzuweisen ohne jede gleichzeitige Verbindung mit einer, wenn auch schwachen  RT.  Besonders das, was wir später als "resignierte Forderung" kennen lernen werden, könnte vielleicht häufig mit einer derartigen  BT  verbunden sein. (2)


c) Die Forderungsbeschaffenheit

Wir kennen die möglichen Forderungsbeziehungen und Forderungsinhalte. Es erhebt sich nunmehr die Frage nach der psychologischen Beschaffenheit der  iF.  Wir wird sie von uns erlebt?

Um für die Beantwortung der Frage einen Anhaltspunkt zu gewinnen, müssen wir zunächst an die Seinsweise des  iG  zurückdenken. Es wurden zwei solcher Existenzformen ermittelt: wir sprachen von einer imaginativen und von einer transzendentalen Reinheit. Im Anschluß hieran lassen sich zweierlei Erlebnisarten der  iF  unterscheiden, welche wir schon im voraus benennen wollen: die  optativische  [wünschenswerte - wp]  und die imperativische  [befehlende - wp]  Forderung. 

Man kann aber noch weiter gehen. Beim Forderungs inhalt  mußte eine  RT  von einer  BT  getrennt gehalten werden. Der Umstand legt uns jetzt einen Gedanken nahe. Offenbar ist mit jener Unterscheidung zugleich der Hinweis auf einen psychologischen Beschaffenheitsunterschied gegeben. Bei der  RT  will, wünscht, erstrebt der Erlebende die Realisierung des  iG;  bei der  BT begnügt  er sich mit dessen Anerkennung als eines bloßen Musters und Maßstabs. Er  verzichtet  auf seine praktische Verwirklichung. Freilich kann eine derartige Verzichtleistung auch mit der  RT  verbunden sein. Ich kann einen  iG  realisieren wollen, aber den Willen zugleich gelähmt sehen durch die Erkenntnis: es geht über meine Kraft! Vorerst handelt es sich jedoch für uns nur darum,  überhaupt  aufgrund jener Hauptunterscheidung beim Forderungsinhalt zu einem  psychologischen Beschaffenheitsunterschied  zu gelangen. Wir wollen demnach ganz allgemein eine  aktivische und eine resignierte Forderung  einander gegenüberstellen.

Schließlich wurde von uns eine positive und eine negative Forderung unterscheiden. Bisher hatten wir scheinbar auf diese Besonderung nicht viel Gewicht gelegt. Jetzt soll das Unzulängliche zum Ereignis werden: Der forderungsinhaltliche Unterschied zwischen positiv und negativ veranlaßt die psychologische Beschaffenheitsunterscheidung der  iF  in eine  positive und negative Wertung. 


α) Die optativische und imperativische Forderung

Um den Unterschied zwischen der optativischen und imperativischen Forderung klarzulegen, wollen wir uns zunächst an ein Beispiel halten und dann erst zu den Idealtheorien selbst kommen. Beim unserem Beispiel setzen wir für unseren Zweck voraus, daß es sich tatsächlich um ein  ideales  Erleben handelt.

Unter dieser Voraussetzung betrachten wir MACBETH, wie sich in ihm zwei Ideale um der Vorherrschaft streiten. Bei dem einen existiert der  iG  in imaginativ reiner Form: es ist der Gedanke, selbst König zu werden, sich durch die Ermordung DUNCANs den Weg zum Thron frei zu machen. Bei dem anderen Ideal findet sich der  iG  in transzendentaler Reinheit: MACBETH will dem König treu bleiben, seine Güte durch Dankbarkeit erwidern; er will seine sittliche Reinheit weiter bewahren. Das erstere Ideal gewinnt schließlich den Vorrang; die Forderung, welche vom imaginativ reinen  iG  ausgeht, ist der Intensität, der Motivationskraft nach stärker, als die vom transzendental reinen  iG  ausgehende Forderung; wenngleich die letztere, wie wir bald sehen werden, in anderer Hinsicht das Übergewicht behauptet.

MACBETH weiß von Anbeginn, daß sein Königsideal, also sein imaginativ reiner  iG  mit der ihm eignenden Forderung, von ganz indivdiduell-subjektiver Art ist.
    "Ich habe nichts, zu spornen meinen Vorsatz,
    Als Ehrgeiz ..." (Macbeth I, 7)
Der  iG  ist MACBETHs besonderes, durch seine besondere Individualität bedingtes Produkt und die  RT  ein durchaus persönliches, ihm eigentümliches Streben.

Ganz anders steht es bei MACBETHs ethischem Ideal. Der transzendental rein  iG  fordert schlechthin seine Realisierung. MACBETH weiß und fühlt sich dabei recht eigentlich als "unter dem Gesetz". Man soll Treue bewahren und dankbar sein; man soll keine Schuld auf sich laden. Die Forderung ergeht wie von einer höheren Instanz her. Man, d. h. jedes Individuum steht  unter  ihr, zwar mit dem wieder von anderer Seite determinierten Vermögen, ihr  nicht  zu gehorchen, allein nicht auch mit dem Vermögen, die Berechtigung und Gültigkeit der Forderung überhaupt zu leugnen. Als berechtigt und gültig muß die Forderung anerkannt werden und  wird  sie anerkannt;  unter allen Umständen!  Am Ende seines Lebens gesteht MACBETH: "mein Herz ist zu bewschert schon . . ." (V, 7). Das  Schuld bewußtsein, gegen die Forderung des transzendental reinen  iG  gehandelt zu haben, bleibt unvertilgbar. Es braucht nicht gerade  Reue  erlebt zu werden; aber jedenfalls wird erlebt, daß sich eine Forderung als solche schlechthin behauptet.

Wir haben nunmehr gezeigt, worauf es bei unserer Unterscheidung ankommt. Beim imaginativ reinen  iG  bzw. bei der hier vorliegenden Forderung hat man den Eindruck: "Ich will Es." Im anderen Fall: "Es will Mich." Das Charakteristische der  optativischen  Forderung ist das Bewußtsein oder der Eindruck, daß sie von einem individuell-selbstgemachten  iG  ausgeht und deshalb selbst nur  eine Forderung des individuellen Ich  darstellt. Das Charakteristische der  imperativischen  Forderung dagegen besteht darin, daß der Erlebend das Bewußtsein oder den Eindruck hat, als gehe sie von einem überindividuell oder transzendental gegebenen  iG  aus und sei demnach selbst  eine Forderung des überindividuellen (transzendentalen) Ich. 

Sehen wir uns jetzt die Idealtheorien an, so finden wir Ansichten geäußert, die wohl in unserem Sinne gedeutet werden dürfen.

Für die  optativische  Forderung lassen sich z. B. Äußerungen BONs anführen. "Mit rosigem Licht übergießt das Ideal die Zukunft", in welcher vollkommene Zustände  erwünscht  werden. Und hier liegt zugleich eine Form des  Sollens  vor. Denn unter den Begriff dessen, was sein soll, fällt eigentlich "ein  jeder einzelne Wunsch  eines  jeden einzelnen  Individuums". LOBSIEN erblickt im Ideal eine "Station auf dem Weg zum Paradies". Das Ideal stellt also immer etwas persönlich Erwünschtes, ganz subjektiv Begehrtes dar. "Ich will" und "Ich möchte": mit derartig charakterisierten Gefühlen und Wollungen stehen wir unseren Idealen gegenüber.

Im Sinne einer  imperativischen  Forderung läßt sich z. B. deuten, was WUNDT beim sittlichen Ideal ausführt. WUNDT, dem wir eben die Bezeichnung entlehnten, spricht von  "imperativen  Motiven", welche ihm als  Vernunft motive gelten. Beim sittlichen Ideal des Individuums handelt es sich stets um das entsprechend individuell modifizierte  Menschheits ideal. Das sittliche Ideal ist nicht ein beliebiges Eigenprodukt des einzelnen, sondern trägt  allgemeinen  Menschheitscharakter. Seine Forderung ist darum ein Imperativ. Ähnlich denkt RICARDOU über die  iF.  Zwar erscheint das Ideal bei jedem einzelnen immer nur in individueller Modifikation und tritt niemals als brutaler Zwang auf. Aber es ist doch stets das  eine  wahre Wesen des Menschen überhaupt, welches sich da in imperativischer Form absolut aufdrängt. Nach LIEBMANN trägt das Ideal, vorzüglich das ethische, den Charakter einer  inneren Nötigung,  einer  Abstolutheit,  die keineswegs dadurch beeinträchtigt wird, daß wir das Bewußtsein haben, es vielleicht nie zu erreichen. Schließlich muß noch besonders auf LIPPS hingewiesen werden. Die reine Vernunft  normiert:  sie stellt die Normen unseres Urteilens, ästhetischen Wertens und (ethischen) Wollens auf. Die  reine Vernunft  tritt "uns, den  empirischen  Ichen",  gesetzgebend  gegenüber!


β) Die aktivische und resignierte Forderung

Der Unterschied zwischender  Realisierungstendenz  (RT) und der  Beurteilungstendenz  (BT) legte die Annahme nahe, daß wohl auch ein entsprechender psychologischer Beschaffenheitsunterschied der  iF  bestehen werde. Wir wollen indessen bei einer genaueren Betrachtung keinen näheren Anschluß mehr an jenen "Erkenntnisgrund" suchen, sondern uns ausschließlich den Tatsachen selbst bzw. den Theorien darüber zuwenden.

Auf eine Unterscheidung, wie sie uns hier vorschwebt, war einigermaßen SCHWARZ zu sprechen gekommen. Wenn wir einmal von einem Ideal ergriffen werden, so entsteht ein Ungenügen an der Wirklichkeit, vom Ideal aus gesehen, fehlt: wir suchen das Ideal zu  realisieren.  Nun sind aber nicht alle Ideale realisierbar. Infolgedessen müssen wir uns öfters, der Not gehorchend, damit zufrieden geben, den vollen idealen Zustand realisiert  vorzustellen,  ihn in unserer  Phantasie  auszuleben.

Deutlich wird jedoch der Unterschied erst von LOBSIEN dargetan, welcher sich dabei der Termini  aktives  und  Resignations ideal bedient. Nach LOBSIEN lassen sich zwei Gruppen von Idealen auseinanderhalten, wenn man auf deren besonderen psychologischen Charakter achtet:  Ich-will-  und  Ich-möchte-Ideale  oder  aktive  und  Resignations ideale. Jene zeichnen sich durch ein kraftvolles oder naives Ignorieren des Tatsächlichen aus, diese sind gewissermaßen von elegischer Natur. Man  möchte  etwas gerne, es wäre so schön, wenn man etwas haben oder tun könnte - falls es möglich wäre!

Es gibt also Ideale, wo die  iF  stark aktivischen Charakter trägt, wo sie auf eine kraftvolle Betätigung hindrängt und -treibt. Und es gibt andere Ideale, wo man zwar gleichfalls die  iF  erlebt: "so sollte es sein"! der  iG  sollte Wirklichkeit werden!" wo jedoch andererseits das Bewußtsein vorhanden ist oder hinzutritt:es geht ja nicht, es ist ja unmöglich! Der Wunsch bleibt; aber als resignierter, müder, "elegischer" Wunsch. Etwas von dem klingt an, was SCHILLER mit der elegischen "Empfindungsweise" im engeren Sinne gemeint hatte: eine gewisse Trauer über die Unerreichtheit, Unrealisierbarkeit des Ideals, das als solches mit seiner  iF  trotz allem bestehen bleibt. -

Wir haben es bisher vermieden, eine  RT  aktivischer und resignierter Art von einer aktivischen und resignierten  BT  zu unterscheiden. Mit voller Absicht! Es zeigt sich nämlich, daß die resignierte  iF  die Grenzen zwischen der  RT  und der  BT  etwas unsicher macht. LIEBMANN hatte darauf hingewiesen, daß das Ideal zur  Beurteilung  der Wirklichkeit benutzt zu werden fordere, selbst dann, wenn das deutliche Bewußtsein von deren kausaler Notwendigkeit besteht. Damit ist ein Zwischenfall angedeutet. Eigentlich besteht eine  RT:  man möchte die Wirklichkeit dem  iG  gemäß haben, man möchte ihn realisiert wissen; allein man begnügt sich doch damit, den  iG  der  Beurteilung  als Muster zugrunde zu legen. Dieses Begnügen kann nun so schwach sein, daß einfach eine resignierte Forderung vorliegt. Es kann aber auch - und darauf kommt es hier besonders an - so stark sein, daß man,  fast ohne eine RT zu bemerken,  die Wirklichkeit bloß mehr nach dem  iG  bemißt, fast nur  konstatiert:  das Wirklich-Gegebene ist vunvollkommen, es entspricht nicht dem, was es allenfalls sein  könnte.  Ein derartiges Erleben kommt offenbar der  reinen BT  sehr nahe, wie wir sie z. B. oben den LIPPS'schen physischen Normen kennen lernten. Man wird aber hier wiederum zu der Ansicht gedrängt, daß die  reine BT  sozusagen ganz abseits steht, in das idealische Gebilde einen ganz fremdartigen Zug hineinbringt.


γ) Die positive und negative Wertung.

Die  iF  kann einen positiven oder einen negativen Inhalt haben. Positiv ist er, wenn gefordert wird, der  iG  soll realisiert oder positiv als Norm der Beurteilung verwendet werden. Negativ ist die  iF,  wenn sie verlangt, es soll der  iG  als ein Muster (der Realisierung oder Beurteilung) gelten, wie das Wirkliche  nicht  sein soll.

Es fragt sich nunmehr, wie sich das psychologisch näher bestimmen läßt, was mit dem Satz ausgedrückt werden kann: positiv oder negativ als Muster der Realisierung oder Beurteilung gelten. Was geht in mir vor, wenn ich einen  iG  zu realisieren bzw. als Maßstab meiner Beurteilung anzwenden verlange? Oder auch umgekehrt, wenn ich ihn in einem negativen Sinn als Muster erlebe? Oder auch umgekehrt, wenn ich ihn dabei eine bestimmte  Beziehung  zwischen mir und dem  iG.  Und zwar eine Beziehung von der Art, daß ich ihn als wirklich begehren oder wenigstens als Beurteilungsnorm gebrauchen muß. Es bedeutet mir also etwas Besonderes, er läßt mich nicht gleichgültig, er ist mir irgendwie  wertvoll.  Damit ist das Stichwort gegeben. Der  iG  wendet sich an mich mit einer positiven oder negativen Forderung heißt subjektiv gesehen: ich nehme ihm gegenüber inder Weise Stellung, daß ich innerlich ja oder nein zu ihm sage, ihn billige oder verwerfe; daß ich ihn als positives oder negatives Muster haben will und brauchen möchte. Das heißt aber: ich verhalte mich ihm gegenüber  wertend,  er gilt mir als ein besonderer Wert oder Unwert (= negativer Wert) (3). "Die  iF  ist positiv oder negativ" bedeutet demnach soviel wie: der  iG  des betreffenden idealen Gebildes wird vom Erlebenden für wertig oder unwertig gehalten.

Wenn man den HERBART'schen "Ideen" bereits Idealcharakter zusprechen darf, dann hat schon HERBART darauf hingewiesen, daß der Begriff der Wertung beim Idealvon Bedeutung sei. Die sittlichen Ideen sind Musterbegriffe, "nach denen der sittliche Geschmack über Wert und Unwert des Wollens . . . urteil". Besonders nachdrücklich betont dann LOTZE das Wertmoment beim Ideal. Als Ideal wird empfunden, was man verehrt. Es entstammt dem wertempfindenden Gefühl. LIEBMANN definiert geradezu: "Der Gedanke dessen . . . was nach . . . Normalgesetzen als wertvoll erkannt und daher vom Gewissen gefordert wird, heißt das Ideal". LOBSIEN endlich nahm aufgrund der besonderen "Färbung der Wertgefühle", welche für das Ideal wesentlich sind, jene Einteilung in aktive und Resignationsideale vor, die wir bereits näher kennen.

Aber mit all dem ist die Sache noch nicht erledigt. Im oben erörterten Sinn erwies sich der Begriff der Wertung von so weitem Umfang, daß er doch noch etwas genauer betrachtet werden muß. Ich glaube, man kann  zumindest  vier Erlebnisarten unterscheiden, die der Wertungsbegriff zum Inhalt hat.

    αα)  Die Sympathie und Antipathie.  Darunter soll ganz im allgemeinen der Eindruck des Sich-Hingezogen-Fühlens zu einem Gegenstand verstanden werden, das Gemütserlebnis des "Gernehabens"; und entsprechend das Gegenteil: das Sich-Abgestoßen-Fühlen, die Gemütserscheinung etwa des "Nichtleidenkönnens". Was ich dergestalt  Sympathie  nenne, das findet sich unter den Idealtheoretikern bei WENTSCHER ausgesprochen, nur mit ein bißchen anderen Worten. WENTSCHER erklärte: "der  gleichsam ästhetische Reiz,  den manche Persönlichkeiten . . . auf uns üben", lasse diese uns oft "als ideale Vorbilder erscheinen". Der "gleichsam  ästhetische  Reiz" aber wird näher bestimmt als "ein  ursprüngliches und unmittelbares, intuitives Wohlgefallen  an den in Frage kommenden Charakterzügen."

    ββ)  Die Achtung und Verachtung.  Ein Mensch, der streng und konsequent nach bestimmten Grundsätzen, wie sie auch immer beschaffen sein mögen, lebt und wirkt, kann in hohem Grad von mir  geachtet  werden, selbst in dem Fall, daß mir seine Persönlichkeit widerwärtig, seine Grundsätze unberechtigt erscheinen. Ebenso bekannt ist die entgegengesetzte Tatsache, daß man eine Person lieben kann, trotzdem man sie verachtet.

    Achtung und Verachtung erstreckt sich nur auf  Persönlichkeiten  oder auf spezifische  Persönlichkeitseigenschaften  (intellektuelle und wohl besonder ethische Eigenschaften!) Wenn STEINTHAL davon sprach, daß dem Sohn zuerst der Vater oder der Häuptling ein Ideal ist, so könnte hierbei oft die Achtung eine Hauptrolle spielen.

    γγ)  Die Schätzung und Geringschätzung.  Mit diesen Termini mag diejenige, selbstverständlich nicht mit Sympathie-Antipathie identische, besondere Wertungsweise bezeichnet werden, welche im Gegensatz zur Achtung-Verachtung ausschließlich auf  Sachen  Anwendung findet, d. h. wie wir den Begriff "Sache" oben verstanden haben, auf alles, was nicht Persönlichkeit oder Persönlichkeitseigenschaft ist. Den Unterschied zwischen Schätzung und Achtung halte ich jedoch keineswegs dabei für einen bloß äußerlichen, durch die Verschiedenheit des  Beziehungsgegenstandes  bedingten, sondern für einen durchaus innerlichen: für einen  psychologischen Beschaffenheitsunterschied.  Man kann sich das an seinem Beispiel klar machen. SCHILLERs Charakter ist mir ein Gegenstand hoher  Achtung;  sein "Lied von der Glocke"  schätze  ich in hohem Grad als Kunstwerk.

    MEUMANN hatte von den  persönlichen  Vorbildern objektive,  unpersönliche  Werte unterschieden, deren Verwirklichung ebenfalls als Ideal erstrebt werden kann. Diese Werte, die freilich auch sympathisch oder in irgendeiner anderen Wertungsweise, ausgenommen Achtung - Verachtung, erlebt werden können, dürften häufig als Gegenstände der  Schätzung  anzusehen sein.

    δδ)  Synthetische Wertungsarten.  Die hier gemeinten besonders (4) komplexen psychischen Vorgänge müssen systematisch den verhältnismäßig einfachen  koordiniert  werden, wenn man eine bestimmte psychologische Tatsache berücksichtigt. Im Zusammenhang mit seiner Idealtheorie hatte sie z. B. RIBOT erwähnt: Kein komplexer psychischer Prozeß ist einfach die Summe seiner Elemente, sondern aus den Bestandteilen geht immer  ein Neues  hervor. Nur zwei solcher "synthetischen Wertungsarten" sollen von uns berührt werden: die Verehrung und die Bewunderung. Die  Verehrung,  deren Begriff bei der Idealbestimmung LOTZEs so wesentlich ist, scheint mir, wenn sie in einem engeren Sinn genommen wird (5),  hauptsächlich  eine Synthesis von  Sympathie und Achtung  zu sein und ausschließlich Persönlichkeiten zum Gegenstand zu haben.  Bewunderung  dagegen scheint mir mehr eine Synthesis zu sein von jeder beliebigen relativ einfachen Wertungsweise und einem gewissen Eindruck des  Staunens  über die Seinsart des bewerteten Gegenstandes.
Es braucht hoffentlich nicht erst ausdrücklich gesagt zu werden, daß mit unseren Besonderungen keineswegs etwa der Versuch gemacht sein soll, eine der schwierigsten Aufgaben der höheren Psychologie aus der "bloßen Vernunft" heraus kurzerhand zu lösen. Lediglich um den Hinweis darauf handelte es sich für uns, daß einerseits bei der Sympathie, Achtung, Schätzung, Verehrung usw.  voneinander zu unterscheidende  psychische Vorgänge vorliegen, andererseits aber doch alle unter den gemeinsamen Begriff der  Wertung  fallen, wie wir ihn oben angenommen hatten. Unterscheidungen solcher Art dürfen bei einer exakten Untersuchung des Idealerlebnisses natürlich nicht außer acht bleiben.

Wenn nunmehr die Behauptung gerechtfertigt erscheint, daß die  iF  auch als eine besondere Wertungsweise des  iG  durch das erlebende Subjekt angesehen werden kann, so so damit durchaus nicht gesagt sein, daß jede besondere Wertungsweise eines Gegenstandes durch ein erlebendes Subjekt auch immer für dieses eine  iF  bedeutet. Eine  iF  setzt ein Idealerlebnis voraus, sie ist ein Bestandteil eines zugleich noch durch andere Wesensmerkmale mitbestimmten Idealerlebnisses. Es kann mir, um ein schon früher gewähltes Beispiel zu wiederholen, HAMLET außerordentlich sympathisch sein; ich  werte  ihn also sehr hoch. Allein er braucht mir deswegen nicht zugleich als  ideal  zu gelten. Er existiert etwa nicht für mich in reiner Form oder ich erleben nicht die  RT.  Ich betrachte vielleicht HAMLET als einen Menschen, den ich wegen seiner Persönlichkeitseigenschaften hoch  achte,  der mir seinem ganzen Wesen nach  sympathisch  ist. Insofern fordert er freilich eben diese meine Wertungen der Achtung und Sympathie. Allein er fordert  nicht,  daß ich ihn auch irgendwie als  ideal  erleben soll.  Jede iF  ist eine Wertung; aber nicht jede Wertung ist eine iF!

LITERATUR - Abraham Schlesinger, Der Begriff des Ideals [Systematisch-psychologische Darstellung und Würdigung er bisherigen Idealtheorien] Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. 15, Leipzig 1909
    Anmerkungen
    1) "Der Begriff des Ideals. Eine historisch-psycologische Analyse" (Würzburger Dissertation 1908, alle Belege daselbst). Ich habe dort eine "chronologische Dartellung und psychologische Würdigung der bisherigen Idealtheorien" zu geben versucht. In der "Einleitung" (Seite 18f) wird der systematische Zusammenhang der einzelnen Teile der Gesamtuntersuchung erörtert. Es genügt daher jetzt die kurze Reminiszenz, daß von den geplanten drei Teilen "jeder den vorhergehenden zu seiner Grundlage und Vorbedingung hat."
    2) Wenn LIPPs sagt: "Ich erlebe es, daß ich den Körper, wenn ich ihn rein sich und seiner Tendenz des Fallens überlassen denke, nach diesem Gesetz fallend denken  soll",  das Fallgesetz ist  meinem Denken vorgeschrieben:  So handelt es sich um etwas, das unter den Gesichtspunkt der "transzendentalen Reinheit" fällt, wie wir es oben erörterten.
    3) Nach von EHRENFELS, (System der Werttheorie I, Seite 65) ist Wert "eine Beziehung zwischen einem Objekt und einem Subjekt, welche ausdrückt, daß das Subjekt das Objekt entweder tatsächlich  begehrt  oder doch  begehren würde,  falls es von dessen Existenz nicht überzeugt wäre". KREIBIG (Psychologische Grundlegung eines Systems der Werttheorie, Seite 12) versteht unter "Wert im allgemeinen": "Die Bedeutung, welche ein Empfinguns- oder Denkinhalt vermöge des mit ihm . . . verbundenen . . . Gefühls für ein Subjekt hat." Vgl. dazu die Kritik von ERNST DÜRR im "Archiv für die gesamte Psychologie", Bd. 6, Seite 271f. Übrigens scheint mir die Ansicht, welche hier von DÜRR vertreten wird, auch nicht einwandfrei zu sein.
    4) Auch Sympathie, Achtung usw. sind wohl nichts weniger als einfache Vorgänge.
    5) Man könnte an eine Verehrung in einem weiteren Sinn denken im Hinblick darauf, daß auch Kultusgegenstände, Reliquien usw. "verehrt" werden.