ra-2Schubert-SoldernN. BucharinT. GrigoroviciK. Marx    
 
ISAAK RUBIN
Studien zur
Marxschen Werttheorie


"Nehmen wir zwei Waren, z. B. Weizen und Eisen. Welches auch immer ihr Austauschverhältnis ist: es ist stets darstellbar in einer Gleichung, worin ein gegebenes Quantum Weizen irgendeinem Quantum Eisen gleichgesetzt wird, z. B.  1 Quarter Weizen = 1 Zentner Eisen.  Was besagt diese Gleichung? Daß ein Gemeinsames von derselben Größe in zwei verschiedenen Dingen existiert, in 1 Quarter Weizen und ebenfalls in 1 Zentner Eisen. Beide sind also gleich einem Dritten, das an und für sich weder das eine noch das andere ist. Jedes der beiden, soweit es Tauschwert ist, muß also auf dieses Dritte reduzierbar sein."

"Der Tauschakt ist ein Akt der Gleichsetzung. In dieser  Gleichsetzung der ausgetauschten Waren  spiegelt sich die gesellschaftliche Grundstruktur der Warenproduktion:  die Gleichheit der Warenproduzenten.  Wir meinen hiermit nicht ihre Gleichheit im Sinne des Besitzes gleicher materieller Produktionsmittel, sondern ihre Gleichheit als autonome, voneinander unabhängige Warenproduzenten. Innerhalb dieses Rahmens ist die Grundform von Produktionsverhältnissen zwischen privaten Wirtschaftseinheiten die Form des Tausches, d. h. die Gleichsetzung von ausgetauschten Werten. Die Gleichheit der Waren im Tausch ist der materielle Ausdruck des grundlegenden Produktionsverhältnisses der gegenwärtigen Gesellschaft: des Verhältnisses zwschen Warenproduzenten als gleichen, autonomen und unabhängigen Wirtschaftssubjekten."


Der Wert als Regulator der Produktion

Nach der Veröffentlichung des ersten Bandes des  Kapital  teilte KUGELMANN MARX die Meinung vieler Leser mit, er habe den Wertbegriff nicht begründet. Im oben zitierten Brief vom 11. Juli antwortet MARX recht verärgert auf diesen Einwand: "Daß jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind. Ebenso weiß es, daß die verschiedenen Bedürfnismassen entsprechenden Massen von Produkten verschiedene und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erfordern. Daß diese  Notwendigkeit der Verteilung  der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen durchaus nicht durch die  bestimmte Form  der gesellschaftlichen aufgehoben, sondern nur  ihre Erscheinungsweise  ändern kann, ist selbst-evident. Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiedenen Zuständen ändern kann, ist nur die  Form,  worin jene Gesetze sich durchsetzen. Und die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als  Privataustausch  der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der  Tauschwert  dieser Produkte." (1)

An dieser Stelle erwähnte MARX eine der entscheidenden Grundlagen seiner Werttheorie. In der Warenproduktion trägt oder reguliert niemand bewußt die Entsprechung zwischen der Verteilung gesellschaftlicher Arbeit auf die verschiedenen Industriezweige und dem gegeben Stand der Produktivkräfte. Da die einzelnen Warenproduzenten in der Produktionsleitung autonom sind, ist die exakte Wiederholung und Reproduktion eines schon eingespielten gesellschaftlichen Produktionsprozesses völig ausgeschlossen. Unmöglich ist weiterhin die proportionale Ausdehnung des Prozesses. Da die Handlungen der einzelnen Warenproduzenten weder konstant noch untereinander verknüpft sind, lassen sich tägliche Abweichungen in Richtung einer übermäßigen Ausdehnung oder Einengung nicht vermeiden. Bei einer Tendenz zur ununterbrochenen Fortentwicklung einer jeden Abweichung wäre eine Fortsetzung der Produktion undenkbar; die auf Arbeitsteilung basierende Gesamtwirtschaft bräche zusammen. In Wirklichkeit ruft jedoch eine jede Abweichung der Produktion - sei es nach oben oder nach unten - Kräfte hervor, die ihr in der eingeschlagenen Richtung ein Ende setzen und Bewegungen in umgekehrter Richtung veranlassen. Eine übermäßige Expansion der Produktion führt zu einer Preissenkung auf dem Markt. Daraufhin wird die Produktion auf ein sogar unter dem erforderlichen Stand liegendes Niveau eingeschränkt. Die fortgesetzte Produktionseinschränkung beendet den Preisfall. Das Wirtschaftsleben ist einem ständig bewegten Ozean vergleichbar. Zu keinem Augenblick ist es möglich, den Gleichgewichtszustand in der Verteilung der Arbeit auf die verschiedenen Produktionszweige zu beobachten. Ohne eine solche theoretische Annahme eines Gleichgewichtszustands sind jedoch Art und Richtung der unausgesetzten Bewegung nicht zu erklären.

Der Gleichgewichtszustand zwischen zwei Produktionszweigen entspricht dem Austausch der Produkte auf der Grundlage ihrer Werte.  Anders formuliert: dieser Gleichgewichtszustand entspricht der Durchschnittshöhe der Preise. Diese Durchschnittshöhe ist eine theoretische Annahme. Die Durchschnittspreise entsprechen nicht der tatsächlichen Bewegung konkreter Marktpreise, sondern erklären sie. Diese abstrakt-theoretische Formel für die Preisbewegung ist in Wirklichkeit das "Wertgesetz". Von hieraus wird einsichtig, daß jeder Einwand gegen die Werttheorie, der sich darauf stützt, daß die konkreten Marktpreise nicht mit den theoretischen "Werten" zusammenfallen, ein einziges Mißverständnis darstellt. Eine volle Übereinstimmung zwischen Marktpreis und Wert würdei die Beseitigung des einzigen Regulators bedeuten, der die verschiedenen Produktionszweige der Gesantwirtschaft daran hindert, sich in entgegengesetzte Richtungen zu bewegen. Dies würde zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft führen. "Die Möglichkeit einer quantitativen Inkonkruenz zwischen Preis und Wertgröße, oder der Abweichung des Preises von der Wertgröße, liegt also in der Preisform selbst. Es ist dies kein Mangel dieser Form, sondern macht sie umgekehrt zur adäquaten Form einer Produktionsweise, worin sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann" (Das Kapital I, MEW 23, Seite 117).

Eine bestimmte Höhe der durch das Wertgesetz regulierten Marktpreise setzt eine bestimmte Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit auf die einzelnen Produktionszweige voraus und modifiziert diese Verteilung in einer bestimmten Richtung. An einer Stelle spricht MARX vom "Barometerwechsel der Marktpreise" (Kapital I, Seite 377). Dies bedarf der Ergänzung. Die Fluktuationen der Marktpreise stellen in der Tat ein Barometer dar, einen Indikator des Prozesses der Verteilung gesellschaftlicher Arbeit, der auf der Grundfläche der Gesamtwirtschaft abläuft. Es handelt sich jedoch um ein sehr ungewöhnliches Barometer: um ein Barometer, das das Wetter nicht nur anzeigt, sondern korrigiert Wenn eine Wetterlage an die Stelle der anderen tritt, so bedarf es dazu keiner Barometerangabe.  Aber eine Phase der Verteilung gesellschaftlicher Arbeit tritt an die Stelle einer anderen nur aufgrund und unter dem Druck der Fluktuation der Marktpreise.  Wenn die Bewegung der Marktpreise zwei Phasen der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsverteilung miteinander verknüpft, so ist es richtig, eine enge innere Beziehung zwischen der Arbeit der Wirtschaftssubjekte und dem Wert zu unterstellen. Die Erklärung für diese Beziehungen werden wir im gesellschaftlichen Produktionsprozeß - in der menschlichen Arbeit also - aufsuchen und nicht in Phänomenen, die jenseits der Produktionssphäre liegen oder nicht durch dauerhafte funktionale Beziehungen mit ihr zusammenhängen. So werden wir die Erklärung z. B. nicht von den subjektiven Bewertungen von Individuen erhoffen oder von den mathematischen Wechselbeziehungen der Preise und Gütermengen, wenn diese Bezüge als gegeben vorausgesetzt und vom Produktionsprozeß isoliert betrachtet werden. Die mit dem Wert zusammenhängenden Phänomene sind nur in ihrem engen Bezug zur Arbeit der Gesamtgesellschaft zu begreifen. Die Erklärung für den Wert muß in der gesellschaftlichen  Arbeit  gesucht werden. Dies ist unsere primäre und allgemeine Folgerung.

Die Funktion des Werts als Regulator der Verteilung gesellschaftlicher Arbeit wurde von MARX nicht nur in seinem Brief an KUGELMANN, sondern auch in verschiedenen Abschnitten des  Kapital  dargelegt. Die reifste Formulierung dieser Gedanken findet sich wohl im 4. Unterabschnitt des 12. Kapitels ("Teilung der Arbeit und Manufaktur") im ersten Band des  Kapital: 
    "Statt daß in der Manufaktur das eherne Gesetz der Verhältniszahl oder Proportionalität bestimmte Arbeitermassen unter bestimmte Funktionen subsumiert, treiben Zufall und Willkür ihr buntes Spiel in der Verteilung der Warenproduzenten und ihrer Produktionsmittel unter die verschiedenen gesellschaftlichen Arbeitszweige. Zwar suchen sich die verschiedenen Produktionssphären beständig ins Gleichgewicht zu setzen, indem einerseits jeder Warenproduzenten einen Gebrauchswert produzieren, also ein besonderes gesellschaftliches Bedürfnis befriedigen muß, der Umfang dieser Bedürfniss aber quantitativ verschieden ist und ein inneres Band die verschiedenen Bedürfnismassen zu einem naturwüchsigen System verkettet; indem andererseits das Wertgesetz der Waren bestimmt, wieviel die Gesellschaft von ihrer ganzen disponiblen Arbeitszeit auf die Produktion jeder besonderen Warenart verausgaben kann. Aber diese beständige Tendenz der verschiedenen Produktionssphären, sich ins Gleichgewicht zu setzen, betätigt sich nur als Reaktion gegen die beständige Aufhebung dieses Gleichgewichts. Die bei der Teilung der Arbeit im Innern der Werkstatt a priori und planmäßig befolgte Regel wirkt bei der Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft nur a posteriori als innere, stumme, im Barometerwechsel der Marktpreise wahrnehmbare, die regellose Willkür der Warenproduzenten überwältigende Naturnotwendigkeit" (Kapital I, Seite 376f).
Denselben Gedanken formuliert MARX im dritten Band:
    "Die Verteilung dieser gesellschaftlichen Arbeit und die wechselseitige Ergänzung, der Stoffwechsel ihrer Produkte, die Unterordnung unter und Einschiebung in das gesellschaftliche Triebwerk ist dem zufälligen, sich wechselseitig aufhebenden Treiben der einzelnen kapitalistischen Produzenten überlassen . . . Nur als inneres Gesetz, den einzelnen Agenten gegenüber als blindes Naturgesetz, wirkt hier das Gesetz des Werts und setzt das gesellschaftliche Gleichgewicht der Produktion inmitten ihrer zufälligen Fluktuationen durch." (Kapital III, Seite 887)
Ohne eine proportionale Verteilung der Arbeit auf die verschiedenen Wirtschaftszweige ist also die Warenproduktion nicht möglich. Diese proportionale Verteilung der Arbeit läßt sich jedoch nur realisieren, wen die tiefen inneren Widersprüche an der Basis der Warengesellschaft selbst überwunden werden. Auf der einen Seite schließt sich die Warengesellschaft durch die Arbeitsteilung zur Einheit der Gesamtwirtschaft zusammen. Deren einzelne Teile hängen eng miteinander zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Auf der anderen Seite ist die Gesellschaft aufgrund des Privateigentums und der autonomen wirtschaftlichen Tätigkeit individueller Warenproduzenten in eine Reihe einzelner, unabhängiger Wirtschaftseinheiten zersplittert. Diese in sich zersplitterte Warengesellschaft "wird Gesellschaft durch den Tauschprozeß, der der einzige gesellschaftliche Prozeß ist, den diese Gesellschaft ökonomisch kennt". (2) Der Warenproduzent ist formal autonom. Er handelt nach Maßgabe seines eigenen, einseitigen Urteils, das durch sein Eigeninteresse - wie er es versteht - geleitet wird. Durch den Tauschprozeß bezieht er sich jedoch auf seinen Geschäftspartner (Käufer oder Verkäufer) und durch ihn indirekt auf den gesamten Markt, d. h. auf die Gesamtheit der Käufer und Verkäufer, und zwar unter Konkurrenzbedingungen, die die Marktpreise tendenziell auf dasselbe Niveau reduzieren. Die Produktionsbeziehungen zwischen einzelnen Warenproduzenten derselben Branche werden durch den Tausch erzeugt, durch den Wert des Arbeitsprodukts. Derartige Beziehungen stellen sich auch zwischen den verschiedenen Produktionszweigen, den verschiedenen Orten eines Landes und den verschiedenen Ländern her. Diese Beziehungen implizieren nicht nur, daß Warenproduzenten untereinander austauschen, sondern auch, daß sich zwischen ihnen gesellschaftliche Verhältnisse bilden. Da sie im Tausch durch Arbeitsprodukte miteinander verbunden sind, beziehen sie sich auch in ihren Produktionsprozessen, in ihrer Arbeit aufeinander; denn der direkte Produktionsprozeß muß die erwarteten Marktbedingungen in Rechnung stellen. Vermittelt durch den Tausch und den Warenwert wirkt die Arbeit einiger Warenproduzenten auf die der anderen ein und veranlaßt bestimmte Modifikationen. Diese wirken umgekehrt auf die Arbeit selbst ein. Die einzelnen Teile der Gesamtwirtschaft passen sich gegenseitig an. Doch ist diese Anpassung nur möglich, wenn ein Teil auf den anderen über die Bewegung der Preise auf dem Markt Einfluß nimmt, über eine Bewegung, die durch das "Wertgesetz" bestimmt ist. Mit anderen Worten: einzig durch den "Wert" der Waren führt die Arbeit einzelner, unabhängiger Produzenten zur Produktionsgemeinschaft, die man als Gesamtwirtschaft bezeichnet, zur wechselseitigen Verbindung und Beeinflussung der Arbeit der einzelnen Gesellschaftsmitglieder. Der Wert ist der Transmissionsriemen, der die Veränderung im Arbeitsprozeß von einem Teil der Gesellschaft zum anderen weiterleitet und aus dieser Gesellschaft ein funktionierendes Ganzes macht.

Damit stehen wir vor folgendem Dilemma: in einer warenproduzierenden Gesellschaft, in der die Arbeit der Individuen nicht reguliert und nicht einer direkten wechselseitigen Angleichung unterworfen wird, ist der Zusammenhang zwischen der Produktionstätigkeit individueller Warenproduzenten entweder durch den Tauschprozeß zu realisieren oder überhaupt nicht. Am Bestehen von Wechselbeziehungen ist jedoch nicht zu zweifeln. Das bedeutet, daß die Erklärung dafür in der Bewegung der Warenwerte zu suchen ist. Hinter dieser Bewegung der Werte müssen wir die Wechselbeziehungen zwischen der Arbeit von Individuen aufdecken. Damit bestätigen wir den Zusammenhang zwischen den mit dem Wert verbundenen Phänomenen und der menschlichen Arbeit. Wir erhärten den allgemeinen Zusammenhang zwischen "Wert" und "Arbeit". Hiermit ist unser Ausgangspunkt nicht der Wert sondern die Arbeit. Es wäre verfehlt zu unterstellen, MARX habe bei den mit dem Wert zusammenhängenden Phänomenen in ihrem gegenständlichen Ausdruck angesetzt und sei bei ihrer Analyse zu dem Schluß gelant, daß die gemeinsame Eigenschaft der ausgetauschten und bewerteten Gegenstände nur in der Arbeit liegen könne. Der MARXsche Gedankengang verläuft genau umgekehrt. In der Warenproduktion kann die Arbeit individueller Warenproduzenten - die unmittelbar die Form der  Privatarbeit  hat - nur durch den  "Wert" der Arbeitsprodukte  den Charakter  gesellschaftlicher  Arbeit annehmen, d. h. dem Prozeß  gegenseitiger Verbindung und Koordination  unterworfen werden. Die Arbeit kann sich als gesellschaftliches Phänomen nur im "Wert" ausdrücken. Das Spezifische der MARXschen Werttheorie liegt darin, daß sie nicht auf den Eigenschaften des Werts basiert, d. h. auf den  Vorgängen der Gleichsetzung und Bewertung von Dingen,  sondern auf den Eigenschaften der Arbeit in der Warenproduktion, d. h. auf der Analyse der  Arbeitsstruktur  und der  Produktionsverhältnisse.  MARX selbst wies auf dieses Spezifikum seiner Theorie hin, wenn er sagte:
    "Die politische Ökonomie hat nun zwar, wenn auch unvollkommen, Wert und Wertgröße analyisiert und den in diesen Formen versteckten Inhalt entdeckt. Sie hat niemals auch nur die Frage gestellt, warum dieser Inhalt jene Form annimmt,  warum sich als die Arbeit im Wert  und das Maß der Arbeit durch ihre Zeitdauer in der Wertgröße  des Arbeitsprodukts darstellt?"  (Kapital I, Seite 94f).
Indem er von der menschlichen Arbeit ausging, zeigte MARX, daß in einer warenproduzierenden Gesellschaft diese Arbeit zwangsläufig zur Wertfom der Arbeitsprodukte führt.

Kritiker der MARXschen Werttheorie wenden sich insbesondere gegen die "privilegierte" Position, die der Arbeit innerhalb dieser Theorie zuwächst. Sie zitieren eine lange Liste von Faktoren und Bedingungen, die mit der Veränderung der Warenpreise auf dem Markt variieren. Sie stellen die Grundlage in Frage, von der aus die Arbeit aus dieser Liste herausgehoben und in eine eigene Kategorie verwiesen wird. Darauf müssen wir entgegnen, daß die Werttheorie sich nicht mit der Arbeit als einem technischen Produktionsfaktor beschäftigt, sondern mit der Arbeitstätigkeit der Menschen als der Grundlage des gesellschaftlichen Lebens und mit den gesellschaftlichen Formen, in denen diese Arbeit ausgeführt wird. Ohne die Analyse der Produktions- und Arbeitsverhältnisse der Gesellschaft gibt es keine politische Ökonomie. Diese Analyse beweist, daß sich innerhalb der Warenproduktion die Produktions- und Arbeitsbeziehungen zwischen Warenproduzenten nur in gegenständlicher Form ausdrücken können, in der Wertform der Arbeitsprodukte. Man mag einwenden, daß unsere Darstellung der Kausalbeziehung zwischen Wert und Arbeit (einer Kausalbeziehung, die sich mit Notwendigkeit aus der Struktur der Warenproduktion selbst ergibt) zu allgemein sei und von den Kritikern der MARXschen Werttheorie, die im Augenblick höchst allgemein bleibt, sich später konkretisieren wird. Doch werden durch diese allgemeine Formulierung des Wertproblems eine ganze Gruppe von Theorien von vornherein ausgeschlossen und eine lange Reihe von Ansätzen zum Scheitern verurteilt. Konkret bedeutet das, daß Theorien, die die Determinanten des Werts und seiner Veränderungen in Erscheinungen suchen, die nicht unmittelbar mit der menschlichen Arbeit, mit dem Produktionsprozeß zusammenhängen, von vornherein ausfallen (so z. B. die österreichische Schule, die unter Absehung vom Produktionsprozeß und den gesellschaftlichen Formen, in denen er abläuft, bei den subjektiven Bewertungen einzelner Individuen ansetzt). Wie scharfsinnig auch immer eine Erklärung durch eine solche Teorie sein mag, wie erfolgreich auch immer sie bestimmte Phänomene der Preisänderung aufdeckte: sie krankt an dem Grundirrtum, der all ihre Spezialerfolge im vorhinein garantiert: sie erkärt weder den Produktionsmechanismus der gegenwärtigen Gesellschaft noch die Bedingungen seiner normalen Funktionsweise und Entwicklung. Indem sie den Wert, den Transmissionsriemen, aus dem Produktionsmechanismus der Warenprodukton herausreißt, nimmt sich diese Theorie jede Möglickeit, die Struktur und das Triebwerk dieses Mechanismus zu begreifen. Die Beziehung zwischen Wert und Arbeit müssen wir nicht nur bestimmen, um die mit dem "Wert" zusammenhängenden Erscheinungen zu verstehen, sondern um das Phänomen "Arbeit" in der gegenwärtigen Gesellschaft zu erfassen, d. h. die Möglichkeit der Einheit des Produktionsprozesses in einer Gesellschaft, die aus individuellen Warenproduzenten besteht.


Die Gleichheit der Warenproduzenten
und die Gleichheit der Waren

Die kapitalistische Warengesellschaft kann ebensowenig wie jede andere auf Arbeitsteilung basierende Gesellschaft ohne eine  proportionale Verteilung der Arbeit  auf die einzelnen Produktionszweige bestehen. Diese Verteilung der Arbeit läßt sich nur durch die  Verbindung und wechselseitige Beeinflussung  der individuelle Arbeiten erreichen. Fehlt eine gesellschaftliche Lenkung der Warenproduktion, so kann dieser Zusammenhang der produktiven Tätigkeiten nur durch den Tauschprozeß auf dem Markt, durch den  Warenwert,  realisiert werden. Die Analyse des Tauschprozesses, seiner gesellschaftlichen Formen und seines Zusammenhangs mit der Produktion der Warengesellschaft ist im wesentlichen der Gegenstand der MARXschen Wertlehre. (3)

Im ersten Kapitel des  Kapital  setzte MARX die soziologischen Prämissen der Werttheorie (die wir oben darlegten) schweigend voraus und begann unmittelbar mit der Analyse des Tauschakts, in dem sich die  Gleichheit der ausgetauschten Waren  ausdrückt. Für die Mehrheit der MARX-Kritiker blieben diese soziologischen Prämissen ein Buch mit sieben Siegeln. Sie begreifen nicht, daß die MARXsche Werttheorie aus der Analyse der sozio-ökonomischen Verhältnisse folgt, die die Warenproduktion auszeichnen. Für sie beruth diese Theorie auf nichts anderem als einem "rein logischen Beweis, einer dialektischen Deduktion aus dem Wesen des Tausches heraus." (4)

Wir wissen, daß MARX in Wirklichkeit nicht den Tauschakt als solchen, isoliert von einer bestimmten ökonomischen Struktur der Gesellschaft, analysierte. Er untersuchte die Produktionsverhältnisse einer bestimmten Gesellschaft, nämlich der kapitalistischen Warengesellschaft, und die Rolle des Tausches innerhalb dieser Gesellschaft. Wenn überhaupt jemand eine Werttheorie formulierte, die auf dem Tauschakt als solchem basiert, abstrahiert von jedem bestimmten sozio-ökonomischen Kontext, so ist es BÖHM-BAWERK und nicht MARX.

Obwohl sich BÖHM-BAWERK irrt, wenn er unterstellt, MARX habe die Gleichheit der ausgetauschten Güter aus einer rein logischen Analyse des Tauschaktes abgeleitet, so ist seine Auffassung doch zutreffend, daß MARX in seiner Analyse des Tauschaktes in der Warenproduktion einen besonderen Nachdruck auf die Gleichheit legte.
    "Nehmen wir . . . zwei Waren, z. B. Weizen und Eisen. Welches auch immer ihr Austauschverhältnis ist: es ist stets darstellbar in einer Gleichung, worin ein gegebenes Quantum Weizen irgendeinem Quantum Eisen gleichgesetzt wird, z. B.  1 Quarter Weizen = 1 Zentner Eisen.  Was besagt diese Gleichung? Daß ein Gemeinsames von derselben Größe in zwei verschiedenen Dingen existiert, in 1 Quarter Weizen und ebenfalls in 1 Zentner Eisen. Beide sind also gleich einem Dritten, das an und für sich weder das eine noch das andere ist. Jedes der beiden, soweit es Tauschwert ist, muß also auf dieses Dritte reduzierbar sein." (Kapital I, Seite 51).
Diesen Abschnitt betrachten die Kritier von MARX als das Zentrum und die einzige Grundlage seiner Werttheorie, und gegen ihn richtet sich der Hauptteil ihrer Attacken.
    "Ich möchte einschaltungsweise bemerken", sagt BÖHM-BAWERK, "daß mir schon die erste Voraussetzung, wonach im Austausch zweier Dinge sich eine  Gleichheit  derselben manifestieren soll, sehr unmodern - woran allerdings am Ende nicht viel liegen würde -, aber auch sehr unrealistisch oder, um es gut deutsch zu sagen, unrichtig gedacht zu sein scheint. Wo Gleichheit und ein genaues Gleichgewicht herrscht, pflegt ja keine Veränderung der bisherigen Ruhelage einzutreten. Wenn daher im Falle des Tausches die Sache damit endet, daß die Waren ihren Besitzer wechseln, so ist das viel eher ein Zeichen dafür, daß irgendeine Ungleichheit oder ein Übergewicht im Spiel war, durch dessen Ausschlag die Veränderung erzwungen wurde." (5)
Der Hinweis erübrigt sich, daß die Einwände BÖHM-BAWERKs ihr Ziel verfehlen. MARX hat niemals die These verfochten, daß sich der Tausch unter Bedingungen eines "genauen Gleichgewichts" vollzieht; wiederholt betont er, daß die qualitative "Ungleichheit" der Waren sich zwangsläufig aus der Arbeitsteilung ergibt und zugleich eine notwendige Veranlassung für den Tausch darstellt. BÖHM-BAWERK bezog sich auf den Austausch von Waren als Gebrauchswerten und auf die subjektiven Bewertungen der Nützlichkeit von Waren, auf das also, was den Tausch bei den Individuen, die an ihm teilhaben, initiiert. Dabei betonte er mit vollem Recht die Tatsache der "Ungleichheit". MARX interessierte sich jedoch für den Tauschakt als objektiven gesellschaftlichen Tatbestand, dessen Wesensmerkmale er durch seine Insistenz auf der Gleichheit zum Vorschein brachte. Gleichwohl hatte er keinen wie immer gearteten phantastischen Zustand eines "genauen Gleichgewichts" im Auge. (6)

Die Kritiker der MARXschen Werttheorie erblicken deren Schwerpunkt gewöhnlich in der Bestimmung der quantitativen Gleichheit der zu Warenproduktion notwendigen und im Tauschakt einander gleichgesetzten Arbeitsaufwendungen. Aber MARX verwies immer wieder auf die andere, die gleichsam  qualitative  Seite seiner Werttheorie, die der oben erwähnten quantitativen Seite gegenübersteht. Er interessierte sich nicht für die qualitativen Eigenschaften der Waren als Gebrauchswerte, sondern für die qualitativen Bestimmungen des Tauschaktes als einer sozio-ökonomischen Erscheinung. Allein auf der Grundlage dieser qualitativen und ihrem Wesen nach soziologischen Bestimmungen läßt sich der quantitative Aspekt des Tauschakts begreifen. Nahezu alle Kritiker der MARXschen Werttheorie kranken an der totalen Unkenntnis dieser Seite der MARXschen Theorie. Ihre Ansichten sind ebenso einseitig wie die entgegengesetzte Auffassung, die behauptet, daß das Phänomen des Werts, wie MARX es behandelte, keinerlei Verbindung zu den Tauschrelationen, d. h. zur quantitativen Seite des Werts aufweist. (7)

Sehen wir von der Frage der quantitativen Gleichheit der ausgetauschten Waren ab, so richtet sich unser Augenmerk darauf, daß die Kontakte zwischen einzelnen, privaten Wirtschaftseinheiten in einer warenproduzierenden Gesellschaft sich in der Form von Kauf und Verkauf vollziehen, in der Form von Gleichsetzung von Werten, die von einzelnen Wirtschaftseinheiten im Tauschakt veräußert und erworben werden. Der Tauschakt ist ein Akt der Gleichsetzung. In dieser  Gleichsetzung der ausgetauschten Waren  spiegelt sich die gesellschaftliche Grundstruktur der Warenproduktion:  die Gleichheit der Warenproduzenten.  Wir meinen hiermit nicht ihre Gleichheit im Sinne des Besitzes gleicher materieller Produktionsmittel, sondern ihre Gleichheit als autonome, voneinander unabhängige Warenproduzenten. Keiner unter ihnen vermag auf einen anderen direkt und einseitig, ohne eine formale Vereinbarung, einzuwirken. Anders ausgedrückt: ein Produzent kann - als unabhängiges Wirtschaftssubjekt - auf einen anderen auf dem Weg vertraglicher Abmachungen Einfluß nehmen. Das Fehlen außerökonomischen Zwangs, die Organisation der individuellen Arbeit nicht nach den Grundsätzen des öffentlichen, sondern auf der Grundlage des Privatrechts und des sogenannten freien Vertrags sind die charakteristischen Züge der Wirtschaftsstruktur der gegenwärtigen Gesellschaft. Innerhalb dieses Rahmens ist die Grundform von Produktionsverhältnissen zwischen privaten Wirtschaftseinheiten die Form des Tausches, d. h. die Gleichsetzung von ausgetauschten Werten. Die Gleichheit der Waren im Tausch ist der materielle Ausdruck des grundlegenden Produktionsverhältnisses der gegenwärtigen Gesellschaft: des Verhältnisses zwschen Warenproduzenten als gleichen, autonomen und unabhängigen Wirtschaftssubjekten.

Der folgende Abschnitt aus dem  Kapital  ist nach unserer Meinung für ein Verständnis der dargestellten MARXschen Gedankengänge richtungsweisend:
    "Daß aber in der Form der Warenwerte alle Arbeiten als gleiche menschliche Arbeit und daher als gleichgeltend ausgedrückt sind, konnte ARISTOTELES nicht aus der Wertform selbst herauslesen, weil die griechische Gesellschaft auf der Sklavenarbeit beruhte, daher die Ungleichheit der Menschen und ihre Arbeitskräfte zur Naturbasis hatte. Das Geheimnis des Wertausdrucks, die Gleichheit und gleiche Gültigkeit aller Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind, kann nur entziffert werden, sobald der Begriff der menschlichen Gleichheit bereits die Festigkeit eines Volksvorurteils besitzt. Das ist aber erst möglich in einer Gesellschaft, worin die Warenform die allgemeine Form des Arbeitsprodukts, als auch das Verhältnis der Menschen zueinander als Warenbesitzer das herrschende gesellschaftliche Verhältnis ist." (Kapital I, Seite 74). (8)
Die Gleichheit der autonomen und unabhängigen Warenproduzenten ist die Basis für die Gleichheit der ausgetauschten Güter. Das ist das Grundmerkmal der warenproduzierenden Gesellschaft, ihrer "Zellenstruktur", um es so auszudrücken. Die Werttheorie untersucht den Prozeß der Herausbildung der als Gesamtwirtschaft bezeichneten Produktionseinheit aus isolierten, man könnte sagen: unabhängigen Zellen. Nicht ohne Grund schrieb MARX im Vorwort zur ersten Auflage des ersten Bandes des  Kapital,  daß "für die bürgerliche Gesellschaft . . . die Warenform des Arbeitsproduktes oder die Wertform der Waren die ökonomische Zellenform" ist. Diese Zellenstruktur der Warengesellschaft stellt als solche die Gesamtheit gleicher, formal voneinander unabhängiger, privater Wirtschaftseinheiten dar.

In dem vielzitierten Abschnitt über ARISTOTELES weist MARX nachdrücklich darauf hin, daß in der Sklavengesellschaft der Wertbegriff nicht "aus der Wertform selbst" ableitbar gewesen ist, d. h. aus dem materiellen Ausdruck der Gleichheit ausgetauschter Waren. Das Geheimnis des Werts läßt sich nur aus den Besonderheiten der Warenproduktion erschließen. Es ist kaum verwunderlich, daß diejenigen Kritiker, die am soziologischen Charakter der MARXschen Werttheorie vorbeigingen, zu einer sinnlosen Interpretation des zitierten Abschnitts gelangten. DIETZEL zufolge ließ MARX sich vom ethischen Axiom der Gleichheit leiten. Dieses "ethische Fundament (ist) einmal bloßgelegt: in der Stelle nämlich, wo MARX den Mangel der aristotelischen Werttheorie daraus erklärt, daß die griechische Gesellschaft . . . die  Ungleichheit  der Menschen und ihrer Arbeitskräfte zur Naturbasis hatte." (9) DIETZEL begreift nicht, daß MARX es nicht mit einem ethischen Postulat von Gleichheit zu tun hat, sondern mit der Gleichheit von Warenproduzenten als einer gesellschaftlichen Grundtatsache der Warenproduktion. Wir wiederholen: nicht mit einer Gleichheit im Sinne einer gleichen Verteilung materieller Güter, sondern im Sinne von Unabhängigkeit und Autonomie unter Wirtschaftssubjekten als Produktionsleitern.

Wenn DIETZEL aus der Tatsache der Gesellschaft von gleichen Warenproduzenten ein ethisches Postulat macht, so erblickt CROCE im Grundsatz der Gleichheit einen theoretisch konzipierten Gesellschaftstypus, den MARX auf der Grundlage theoretischer Überlegungen und zum Zweck der Kontrastierung und des Vergleichs mit der auf Ungleichheit beruhenden kapitalistischen Gesellschaft ersonnen hat. Das Ziel dieses Vergleichs sei die Erklärung der spezifischen Merkmale der kapitalistischen Gesellschaft. Die Gleichheit der Warenproduzenten ist hier nicht ein ethisches Ideal, sondern ein theoretisch konzipierter Maßstab, an dem wir die kapitalistische Gesellschaft messen. CROCE beruft sich auf den Abschnitt, in dem MARX sagt, daß sich das Wesen des Werts nur in einer Gesellschaft entziffern läßt, in der der Glaube an die Gleichheit der Menschen mit der Macht eines Volksvorurteils ausgestattet ist. (10) Er glaubt, daß MARX, um den Wert in einer kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen, als Typus, als theoretischen Maßstab einen anderen (konkreten) Wert heranzog, nämlich denjenigen, den die Güter besäßen, die in einer Gesellschaft, die von den Mängeln der kapitalistischen befreit und in der die Arbeitskraft keine Ware wäre, durch Arbeit reproduziert werden könnten. Hieraus leitete CROCE den folgenden Schluß über die logische Beschaffenheit der MARXschen Werttheorie ab:
    "Der MARXsche Arbeitswert stellt nicht nur eine logische Generalisierung dar, sondern auch eine als typisch konzipierte und postulierte Tatsache, d. h. mehr als nur eine logische Kategorie." (11)
DIETZEL verkehrt die Gesellschaft von gleichen Warenproduzenten in ein ethisches Postulat, während CROCE sie zu einem konkret "ausgedachten" Bild macht, das der kapitalistischen Gesellschaft gegenübersteht und ihre Besonderheiten klarer zum Vorschein bringt. In Wirklichkeit jedoch ist diese Gesellschaft von gleichen Warenproduzenten nichts anderes, als eine Herausarbeitung sowie eine Generalisierung der Grundmerkmale der Warenproduktion im allgemeinen und der kapitalistischen Wirtschaft im besonderen. Die Werttheorie und ihre Prämisse einer Gesellschaft gleicher Warenproduzenten vermitteln uns die Analyse einer Seite der kapitalistischen Wirtschaft, nämlich des  grundlegenden Produktionsverhältnisses, das autonome Warenproduzenten zusammenschließt.  Grundlegend ist dieses Verhältnis insofern, als es die Gesamtwirtschaft (den Gegenstand der politischen Ökonomie) als unbestreitbares, wenn auch flexibles, Ganzes hervorbringt. MARX brachte den logischen Charakter seiner Werttheorie mit folgendem Satz klar zum Ausdruck:
    "Wir kennen bisher kein ökonomisches Verhältnis der Menschen außer dem von Warenbesitzern, ein Verhältnis, worin sie fremdes Arbeitsprodukt nur aneignen, indem sie eigenes entfremden." (Kapital I, Seite 123)
Die Werttheorie vermittelt uns nicht eine Beschreibung von Phänomenen in irgendeiner imaginären Gesellschaft, die das Gegenteil der kapitalistischen darstellt; sie liefert uns eine Generalisierung eines Aspekts der kapitalistischen Gesellschaft.

In der kapitalistischen Gesellschaft sind schließlich die Produktionsverhältnisse zwischen Angehörigen verschiedener sozialer Gruppierungen nicht auf ihre Beziehungen als unabhängige Warenproduzenten beschränkt. Gleichwohl vollziehen sich die Verhältnisse zwischen den Mitgliedern verschiedener sozialer Gruppierungen in der kapitalistischen Gesellschaft in der Form und auf der Grundlage ihrer wechselseitigen Beziehungen als gleiche und autonome Warenproduzenten. Kapitalist und Arbeiter sind durch Produktionsverhältnisse aufeinander bezogen. Das Kapital ist der materielle Ausdruck dieses Verhältnisses. Aber sie beziehen sich aufeinander und schließen Verträge miteinander als formal gleiche Warenproduzenten. Die Kategorie des Werts dient als Ausdruck dieses Produktionsverhältnisses oder genauer: dieses Aspekts des Produktionsverhältnisses, das sie miteinander verbindet. Auch industrielle Kapitalisten und Grundeigentümer, Industrielle und Finanzkapitalisten gehen ihre Abmachungen als gleiche, autonome Warenbesitzer ein. Diesem Aspekt der Produktionsverhältnisse zwischen verschiedenen sozialen Gruppen verleiht die Werttheorie Ausdruck. Damit ist eine der Besonderheiten der politischen Ökonomie als Wissenschaft bezeichnet. Die Grundbegriff der politischen Ökonomie bauen auf der Kategorie des Werts auf, und auf den ersten Blick erscheinen sie sogar als logische Emanation [Ausfluß - wp] des Wertbegriffs. Die erste Berührung mit dem theoretischen System von MARX mag dazu verleiten, es in Übereinstimmung mit der Auffassung von BÖHM-BAWERK als eine logisch-deduktive Ableitung abstrakter Kategorien und deren immanente, rein logische Entfaltung nach HEGELscher Methode zu interpretieren. Mittels rein logischer Kunstgriffe wird hiernach der Wert in Geld verwandelt, das Geld in Kapital, das Kapital in vermehrtes Kapital (d. h. in Kapital plus Mehrwert), der Mehrwert in Unternehmerprofit, Zins, Rente, usw. BÖHM-BAWERK, der die gesamte Werttheorie von MARX isoliert betrachtet, bemerkt, daß die weiter ausgeführten Teile des MARXschen Systems ein wohlgeordnetes Ganzes darstellen, das sich aus einem verfehlten Ansatz konsistent ableitet.
    "In diesem Mittellauf des MARXschen Systems fließt der Strom seiner logischen Entwicklungen und Verknüpfungen mit einer wirklich imponierenden Geschlossenheit und inneren Konsequenz . . . Diese mittleren Partien des Systems werden, so falsch der Ausgangspunkt desselben sein mag, durch ihre außerordentliche innere Folgerichtigkeit den Ruhm ihres Verfassers als einer Denkkraft ersten Ranges für immer feststellen." (12)
Diese Sätze bedeuten, da sie von BÖHM-BAWERK stammen, einem Denker, der für die logische Entfaltung von Begriffen sehr empfänglich ist, großes Lob. In Wirklichkeit jedoch liegt die Stärke der MARXschen Theorie weniger in ihrer inneren logischen Geschlossenheit als vielmehr darin, daß sie durch und durch mit einem reichen und komplexen sozio-ökonomischen Gehalt gesättigt ist, der der Realität entnommen und durch die Kraft des abstrakten Denkens erhellt wird. Im MARXschen Werk verwandelt sich ein einzelner Begriff in einen anderen nicht durch den Zwang immanent logischer Ableitungen, sondern durch das Eintreten einer ganzen Reihe sozio-ökonomischer Begleitumstände. Eine gewaltige geschichtliche Revolution (die MARX im  Kapital  über die ursprüngliche kapitalistische Akkumulation beschrieb) war zur Verwandlung des Geldes in Kapital erforderlich.

An dieser Stelle interessieren wir uns jedoch nicht für diese Seite des Problems. Ein Begriff erwächst aus dem anderen nur bei Eintritt bestimmter sozio-ökonomischer Bedingungen. Tatsächlich trägt in der MARXschen Theorie jeder spätere Begriff das Zeichen des früheren. Sämtliche Grundbegriffe des ökonomischen Systems erscheinen als logische Varianten des Wertbegriffs. Das Geld ist ein Wert, der als allgemeines Äquivalent dient. Das Kapital ein Wert, der Mehrwert schafft. Der Lohn ist der Wert der Arbeitskraft. Profit, Zins, Rente sind Teile des Mehrwerts. Auf den ersten Blick scheint dieses logische Hervorgehen der ökonomischen Grundbegriffe aus dem Wertbegriff unverständlich. Erklärbar wird es jedoch dadurch, daß die  Produktionsverhältnisse der kapitalistischen Gesellschaft,  die sich in den erwähnten Begriffen (Kapital, Lohn, Profit, Zins, Rente usw.) ausdrücken, in der  Form von Verhältnissen zwischen unabhängigen Warenproduzenten  auftreten, von Verhältnissen, denen der Wertbegriff Ausdruck verleiht. Das Kapital ist eine Variante des Werts, weil das Produktionsverhältnis zwischen dem Kapitalisten und den Arbeitern die Form eines Verhältnisses zwischen gleichen Warenproduzenten, d. h. autonomen Wirtschaftssubjekten, annimmt. Das ökonomische Begriffssystem erwächst aus dem System der Produktionsverhältnisse. In der logischen Struktur der politischen Ökonomie als Wissenschaft drückt sich die Sozialstruktur der kapitalistischen Gesellschaft aus. (13)

Die Arbeitswertlehre gibt eine allgemeine Formulierung des herrschenden Produktionsverhältnisses der Warengesellschaft, das ein Produktionsverhältnis zwischen gleichen Warenproduzenten ist. Das erklärt die Lebensfähigkeit dieser Theorie, die im stürmischen Verlauf der sich wechselseitig ersetzenden ökonomischen Ideen und durch alle Attacken hindurch, denen sie - stets in neuem Gewand und neuer Formulierung - ausgesetzt war, im Vordergrund der ökonomischen Wissenschaft stand. Auf diese Eigenschaft der Arbeitswerttheorie wies MARX in seinem Brief an KUGELMANN vom 11. Juli 1868 hin:
    "Allerdings beweist . . .  die Geschichte der Theorie,  daß die Auffassung des Wertverhältnisses  stets dieselbe  war, klarer oder unklarer, mit Jllusionen verbrämter oder wissenschaftlich bestimmter." (14)
Auch HILFERDING erwähnte die Lebensfähigkeit dieser Theorie:
    "Die ökonomische Theorie nun - in dem Umfang, in dem sie MARX in den  Theorien  betrachtet - ist die Erklärung der kapitalistischen Gesellschaft, deren Grundtatsache selbst die Warenproduktion ist. Diese bei aller kolossalen und stürmischen Entwicklung gleichbleibende Grundorganisation des Wirtschaftslebens erklärt us, daß auch die ökonomische Theorie diese Entwicklung darin widerspiegelt, daß sie die schon früh entdeckten Grundgesetze beibehält und diese nur immer weiter ausgestaltet, ohne sie je ganz aufzugeben. Der realen Entwicklung des Kapitalismus entspricht so die logische Entwicklung der Theorie. Von der ersten Formulierung des Wertgesetzes bei PETTY und FRANKLIN bis zu den subtilsten Ausführungen des zweiten und dritten Bandes des  Kapital  ergibt sich so eine logisch ablaufende Entwicklung." (15)
Diese Kontinuität in der historischen Entwicklung der Werttheorie erklärt ihren zentralen logischen Stellenwert in der ökonomischen Wissenschaft. Dieser logische Stellenwert läßt sich nur anhand der besonderen Rolle verstehen, die das grundlegende Verhältnis zwischen einzelnen Warenproduzenten als gleichen und autonomen Wirtschaftssubjekten im System der Produktionsverhältnisse einer kapitalistischen Gesellschaft spielt.

Damit wird deutlich, wie abwegig die Versuche sind, die Arbeitswerttheorie zur Erklärung der kapitalistischen Gesellschaft für gänzlich unanwendbar zu halten und sie entweder auf eine imaginäre, oder auf eine einfache warenproduzierende Gesellschaft, die der kapitalistischen vorangeht, einzuengen. CROCE fragt, "warum MARX in der Analyse der wirtschaftlichen Erscheinungen des zweiten oder des dritten Bereichs (d. h. der Phänomene von Profit und Rente - I. R.) überhaupt Begriffe verwandte, die ihren Ort allein im ersten" (d. h. im Bereich des Arbeitswerts - I. R.) haben.
    "Wenn die Entsprechung von Arbeit und Wert allein in der vereinfachten Gesellschaft des ersten Bereichs hergestellt ist, warum sollte man dann auf der Übertragung der Erscheinungen des zweiten in Begriffe des ersten insistieren?" (16)
Ähnlich lautende Kritiken beruhen auf einem einseitigen Verständnis der Arbeitswertlehre als einer Erklärung ausschließlich quantitativer Tauschverhältnisse in einer einfachen Warenproduktion, auf einer totalen Vernachlässigung des qualitativen Aspekts der Werttheorie. Wenn sich auch das Gesetz der quantitativen Tauschverhältnisse im kapitalistischen Tausch modifiziert, so bleibt doch die qualitative Seite des Tausches in beiden Wirtschaften dieselbe. Einzig die Analyse der qualitativen Seite ermöglicht es, die quantitativen Proportionen anzugehen und zu begreifen.
    "Die Enteignung des einen Teils der Gesellschaft und der Monopolbesitz der Produktionsmittel des anderen Teiles modifiziert naturgemäß den Austausch, da nur in ihm diese Ungleichheit der Gesellschaftsmitglieder in Erscheinung treten kann. Da aber der Tauschakt eine Gleichheitsbeziehung ist, erscheint die Ungleichheit jetzt als Gleichheit nicht mehr des Wertes, sondern des Produktionspreises." (17)
HILFERDING hätte seinen Gedanken erweitern und in die Begriffe der Produktionsverhältnisse übersetzen sollen.

Die Werttheorie, die die Gleichheit der ausgetauschten Waren zu ihrem Ausgangspunkt macht, ist zu Erklärung der kapitalistischen Gesellschaft mitsamt ihrer Ungleichheit unentbehrlich, da die Produktionsverhältnisse zwischen Kapitalisten und Arbeitern die Form von Verhältnissen zwischen formal gleichen, unabhängigen Warenproduzenten annehmen. Alle Versuche, die Werttheorie von der kapitalistischen Wirtschaft loszulösen, sind falsch, gleichgültig, ob sie den Geltungsbereich der Werttheorie auf eine imagninäre Gesellschaft (CROCE) oder auf eine einfache warenproduzierende Gesellschaft begrenzen, oder ob sie gar den Arbeitswert in eine rein logische Kategorie transformieren (TUGAN-BARANOWSKY) oder schließlich interökonomische Kategorien scharf abtrennen, d. h. den Wert von gesellschaftlichen Kategorien, wie dem Kapital, scheiden (STRUVE).
LITERATUR - Isaak Rubin, Studien zur Marxschen Werttheorie, Moskau 1924
    Anmerkungen
    1) MARX an LUDWIG KUGELMANN, am 11. Juli 1868, MEW, Bd. 32, Seite 552f
    2) RUDOLF HILFERDING, Das Finanzkapital, Seite 27
    3) Nach SIMMEL setzt die wirtschaftswissenschaftliche Forschung nicht bei austauschbaren Dingen an, sondern bei der sozio-ökonomischen Funktion des Tausches: "Der Tausch ist ein soziologisches Gebilde  sui generis  [aus sich selbst heraus - wp], eine originäre Form und Funktion des interindividuellen Lebens, die sich keineswegs aus jener qualitativen und quantitativen Beschaffenheit der Dinge, die man als Brauchbarkeit und Seltenheit bezeichnet, als logische Konsequenz ergibt" (GEORG SIMMEL, Philosophie des Geldes, Leipzig 1907, Seite 597)
    4) EUGEN BÖHM-BAWERK, Zum Abschluß des Marxschen Systems, in "Festgaben für Karl Knies", Berlin 1896, Seite 151.
    5) BÖHM-BAWERK, Abschluß etc.
    6) "Der Verkaufsakt selbst und der dabei zustande gekommene Preis wirkt . . . auf das Verhalten aller später Kauflustigen und aller, die später Waren anbieten wollen, und zwar wirkt er  nicht als Ungleichung, sondern als Gleichung, als Äquivalenz."  (ZWIEDINECK, Über den Subjektivismus in der Preislehre, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, 1914, 38. Jahrgang, Seite 22f).
    7) Vgl. zum Beispiel F. PETRY, Der soziale Gehalt der Marxschen Werttheorie, Jena 1916, Seite 27f
    8) Es versteht sich von selbst, daß wir an dieser Stelle nicht daran interessiert sind zu entscheiden, ob MARX ARISTOTELES adäquat interpretierte oder nicht, bzw. ob seine Interpretation den Typus eines "wissenschaftlichen Subjektivismus" darstellt, wie V. ZELEZNOV - unserer Meinung nach ohne zureichende Begründung - behauptete (vgl. ZELEZNOV, Die ökonomische Weltanschauung der alten Griechen, Moskau 1919, Seite 244).
    9) HEINRICH DIETZEL, Theoretische Sozialökonomik, Leipzig 1895, Seite 273.
    10) BENEDETTO CROCE, Materialismo storico ed economia marxista, Bari 1946.
    11) CROCE. a. a. O. Seite 56
    12) BÖHM-BAWERK, Abschluß usw., Seite 173
    13) FRANZ OPPENHEIMER erblickt den methodologischen Sündenfall und den Grundfehler von MARX darin, daß er auf der "Voraussetzung der sozialen Gleichheit der Teilnehmer des Tauschaktes" aufbaute, die die Grundlage der Wertlehre und den Ausgangspunkt der Analyse der kapitalistischen Gesellschaft mit ihren Klassendifferenzen darstellt. Zustimmend zitiert er die folgende Äußerung von TUGAN-BARANOWSKI: "Setzen wir aber die Teilnehmer des Tauschaktes als sozial gleicht, so abstrahieren wir von der inneren Struktur der Gesellschaft, worin sich der Tauschakt vollzieht" (FRANZ OPPENHEIMER, Wert und Kapitalprofit, Jena 1916, Seite 176). OPPENHEIMER wirft MARX vor, er habe in seiner Werttheorie die Klassendifferenzen der kapitalistischen Gesellschaft übersehen. - - - LIEFMANN macht der ökonomischen Theorie von MARX den umgekehrten Vorwurf: daß sie nämlich "das Vorhandensein bestimmter Klassen von vornherein annimmt" (ROBERT LIEFMANN, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, Stuttgart/Berlin 1920, Seite 34). LIEFMANN hat im wesentlichen recht: die ökonomische Theorie von MARX setzt in der Tat die Klassendifferenzen der kapitalistischen Gesellschaft von vornherein voraus. Da aber die Klassenverhältnisse in der kapitalistischen Gesellschaft die Form von Verhältnissen zwischen unabhängigen Warenproduzenten annehmen, bildet den Ausgangspunkt der Analyse der Wert, der die soziale Gleichheit der Teilnehmer des Tauschaktes voraussetzt. Die MARXsche Werttheorie überwindet die Einseitigkeit von OPPENHEIMER und LIEFMANN. Eine detaillierte Kritik der Ansichten von OPPENHEIMER und LIEFMANN findet sich in meinem Buch  Westliche Ökonomen der Gegenwart,  1927.
    14) MARX an KUGELMANN, a. a. O. Seite 553
    15) HILFERDING, Aus der Vorgeschichte der Marxschen Ökonomie, in "Die neue Zeit", 1911, Bd. 2, Seite 623.
    16) CROCE, a. a. O., Seite 134
    17) HILFERDING, Das Finanzkapital, Seite 29f