ra-2Lujo BrentanoT. K. OesterreichJonas CohnErnst Dürr    
 
JOHANNES REINKE
Werte und Ideale

"Für den vom Leid Betroffenen ist es gleich, ob er allein oder zusammen mit Tausenden leidet. Dies wird so oft verkannt; darum sucht man den Pessimismus mit Zahlen zu stützen. Auch bei der Bewertung der Größe eines Unglücks durch die Zahl macht sich der Mensch allzusehr zum Maßstab der Dinge. Im Krieg findet ein vereinzelt daliegender, durch Granaten grausig verstümmelter Menschenkörper kaum Beachtung; erst zu Hunderten und zu Tausenden müssen sie beisammen liegen, um das Interesse, ja das Mitgefühl der Menschen wachzurufen, erst von ihnen berichten die Zeitungen."

"Wir können z. B. Gott nicht zumuten, alle Geschöpfe nur zum Wohl und Nutzen des Menschen geschaffen zu haben; das wäre menschlicher Größenwahn. Vom Standpunkt des Hasen oder des Aals würden die  Menschen  als die grausamsten, niederträchtigsten und überflüssigsten Geschöpfe anzusehen sein, die zu finden sind."

"Die Anmaßung,  alles  verstehen zu wollen, ist der größte Fehler: er führt zur Stagnation, während die Weltanschauung erobernd fortschreiten soll. Ein wichtiger Maßstab für den Wert von Weltanschauungs-Gedanken ist darin zu finden, ob ihnen die Kraft der Anregung innewohnt oder nicht."

Die Welt liegt vor uns wie ein großer Garten, in dem man Obst pflücken kann; ein weites fremdes Gebiet, in das wir einziehen, gälte es auch nur, uns einen Platz an der Sonne zu sichern und zugleich den nötigen Schutz, um nicht in ihren Strahlen zu verschmachten. Was wir in diesem Garten zu erlangen hoffen und träumen, nennen wir Freude und Glück; was uns Unerwünschtes darin begegnet, Leid oder Unglück. Der Wille zum Glück ist so berechtigt, wie der Wille zum Leben. Doch noch keinem Sterblichen war es vergönnt, ungemischte Freude zu genießen; er würde sie auch so wenig ertragen können, wie das Auge es aushält, unverwandt in die Sonne zu blicken.

Das Obst, das wir pflücken werden, schmeckt also teils angenehm, teils bitter. Wir werden uns damit abfinden und uns schließlich an einer mittleren Empfindung genügen lassen müssen, die man Zufriedenheit nennt. Die Zufriedenheit ist auch eine Freude, wenngleich eine bescheidene, und doch strahlt sie einen milden und wärmenden Glanz auf uns aus. Die Zufriedenheit ist ein wertvoller Besitz, und in jeden Menschen ist soviel Kraft hineingelegt, daß er ihn erwerben kann. Auch ihr Erwerb ist eine Kunst. PETER ROSEGGER aber sagt: "Die menschliche Zufriedenheit oder Unzufriedenheit hängt zum großen Teil von der Weltanschauung ab."

Freude oder Glück, Leid oder Unglück sind Korrelate von gut und böse. Sie sind wichtige Werte für das Menschenleben. Darf auch die Ethik nicht aufgehen in Eudämonismus oder gar in Hedonismus, dem Streben nach Lust, so darf sie andererseits neimandem das Trachten nach Glück verbieten, falls es nur nicht auf Kosten des Glücks anderer Menschen erreichbar ist. Wir dürfen soviel Erdenglück zu gewinnen suchen, wie möglich, sofern wir dabei mit den Geboten der Sittlichkeit nicht in Widerspruch geraten, und sofern wir uns klar darüber sind, daß die höhere Stufe des Glücks nicht in physischem, sondern in moralischem Wohlsein besteht, in Anspannung und Tätigkeit und in Förderung des Glücks anderer neben dem unsrigen. Glück besteht in Arbeit; war unser Leben köstlich, so war es Mühe und Arbeit. Damit hängt eng zusammen, daß in kleinen, idyllischen Verhältnissen die Menschen meistens am glücklichsten leben. Das höchste Glück werden wir in der Gesinnung des eigenen Herzens finden, dieses Herzens, für das wir Ruhe ersehnen und das doch in stets neuer Erregung bebt. Ein solcher Wille zum Glück, der nicht gleichbedeutend ist mit einem oft unedlen Willen zur Macht, bildet eine der wichtigsten praktischen Triebkräfte im Menschen.

Die Werte der Lebensgüter können als Qualitäten oder quantitativ auf uns wirken. Die meisten Menschen halten die Menge des Geldes, in dessen Besitz sie gelangen, ansich für einen quantitativen Wert; und doch hat Geld nur Wert durch das, was sich dafür eintauschen läßt, elegante Kleidung, schönes Wohnen, Hummer und Kaviar, Kunstgenüsse aller Art, die Möglichkeit, wohlzutun. Machen wir das Moralische zum Maßstab des für uns Wertvollen, so treten die Quantitätsbeziehungen gegenüber der Qualität in den Hintergrund. Taler kann man zählen; für Glück oder Unglück verlieren die Methoden des Rechnens ihre Gültigkeit. Weil man hier weder zählen noch wägen kann, weil die Statistik hier versagt, halte ich den die Menge von Glück und Unglück abwägen wollenden Streit zwischen Optimismus und Pessimismus, sofern damit positive Weltanschauungen bezeichnet werden sollen, für einen müßigen. Arbeitsfreudigkeit, Pflichterfüllung, Nächstenliebe sind Güter von Wert; man kann wohl feststellen, ob siie da sind oder fehlen, man kann einen gewissen Grad derselben abschätzen, doch messen kann man sie nicht.

So können Wert und Quantität in Gegensatz zueinander treten. Fühlen wir in uns den Willen zum Glück, erkennen wir klar unser Recht auf Glück, so können wir auch erfolgreich eintreten in den Kampf ums Glück, der uns nicht nur in der Eroberung von Glücksgütern, sondern auch durch Standhaftigkeit im Unglück fördert. Damit können wir den Pessimismus als Gesinnung überwinden, ohne das Opfer eines flachen Optimismus zu werden. Lust und Liebe zum Leben und Hoffnung auf Glück soll uns erfüllen; sie auch unter Schwierigkeiten und widrigen Schicksalsschlägen festhalten, ist Kunst, ist bedingt durch unser Können. Diese Kunst ist nicht gar so schwer, falls wir daran festhalten, daß Glück verbreiten schon glücklich sein heißt, daß Güte zu den höchsten Gütern gehört, daß Liebe auch des Glückes Erfüllung ist. Noch ein Gutes: alles Glück, das wir einst besessen haben, bleibt für alle Zeit unser unveräußerliches Eigentum, falls wir nur wollen; während es gleichfalls unserem Willen vorbehalten ist, ein Unglück, durch das wir hindurchgehen mußten, im Meer der Vergessenheit verschwinden zu lassen. Die Menschen sollen es aber auch worthaben wollen, wenn sie glücklich waren, und das scheint vielen schwer zu werden; daher das immer wiederkehrende Bekenntnis zum Pessimismus.

Unserem Ich ist nicht nur das Fühlen, ihm ist auch das Schauen und das Wollen gegeben, und aus dem Erkennen heraus erhoffen wir das Glück. So bedingt die Weltanschauung des Menschen Glück, ein Glück, das oft genug in einem rechtzeitigen Entsagen besteht. Das hohe Gut der Lebensfreude sollte in Demut genossen werden; die Demut aber sollen wir ehren, hat uns RÜCKERT gelehrt. Das Mißvergnügen, die üble Laune sollen wir bekämpfen, um Freude an der Welt, auch an unserer Weltanschauung zu haben. Dann erst dürfen wir ausrufen: es ist eine Lust, zu leben!

Schätzen wir moralische Freude und geistige Genüsse mit Recht höher ein als sinnliche, so sollen wir auch die irdischen Genüsse nicht mißachten. Wer nicht liebt Weib, Wein und Gesang - dieses LUTHER-Wort bleibt unsterblich, und PLATO mit seiner Freude am Wein erlebte achtzig Sommer. Nur bleibt Maßhalten in allen diesen Dingen die goldene Regel, bei deren Mißachtung sich das Glück nicht festhalten läßt. So wahr wie eindringlich predigen dies folgende Verse THEODOR FONTANEs:
    Nicht Glückes bar sind deine Lenze,
    Du forderst nur des Glücks zuviel;
    Gib deinem Wunsche Maß und Grenze,
    Und dir entgegen kommt das Ziel.
    Das Glück, kein Reiter wird's erjagen,
    Es ist nicht dort und ist nicht hier;
    Lern überwinden, lern entsagen,
    Und ungeahnt erblüht es dir.
Damit gelangen wir zu den beiden großen Gegensätzen der Weltfreude und der Weltentsagung, wovon die letztere ihr Extrem in der Askese und im Anachoretentum [Einsiedlertum - wp] findet, die in der Verneinung der Weltlust das Glück suchten und in der Gegenwart am mächtigsten vertreten werden durch den Buddhismus. Solche passive Weltanschauung stellt das Tun zurück und bevorzugt das Leiden; sie sucht nicht nur die Lust mit der Unlust zu versöhnen, sondern die Askese berauscht sich geradezu im Schmerz. Sie schwelgt in den Dissonanzen des Lebens und verhält sich gegenüber seinen Freuden und Leiden, als ob wir in der Natur vor den schönen Tieren unser Auge verschließen und nur die häßlichen anschauen wollten. Ein krankhafter Zug geht durch eine solche Lebens- und Weltanschauung, etwas Unkünstlerisches, das wir überwinden sollen und auch überwinden können, sobald wir bedenken, daß die Welt voll des Schönen ist und wir durch Mut und Tatkraft dem Leid die Stirn bieten können. Wir können uns zwar nicht vornehmen, glücklich zu sein, wohl aber den Vorsatz fassen, andere zu beglücken, und damit ebnet sich uns der Weg zum eigenen Glück.

Nicht nur das Leiden, von dem wir selbst betroffen sind, und das wir fühlen, sondern auch das Leiden, dem wir zuschauen, spielt eine wichtige Rolle in unserer Weltanschauung. Nicht klagen sollen wir darüber, sondern helfen, am wenigstens un aber durch Pessimismus zur Verzweiflung am Glück und zum Verzicht auf Hoffnung treiben lassen. Für den vom Leid Betroffenen ist es gleich, ob er allein oder zusammen mit Tausenden leidet. Dies wird so oft verkannt; darum sucht man den Pessimismus mit Zahlen zu stützen. Auch bei der Bewertung der Größe eines Unglücks durch die Zahl macht sich der Mensch allzusehr zum Maßstab der Dinge. Im Krieg findet ein vereinzelt daliegender, durch Granaten grausig verstümmelter Menschenkörper kaum Beachtung; erst zu Hunderten und zu Tausenden müssen sie beisammen liegen, um das Interesse, ja das Mitgefühl der Menschen wachzurufen, erst von ihnen berichten die Zeitungen.

Können wir angesichts des Übels in der Welt noch an einen Gott glauben, der die Liebe ist? - haben Tausende und aber Tausende gefragt. In einer solchen Frage übertragen wir aus unserem Erfahrungskreis heraus ein Urteil auf ein über diesen Gesichtskreis unendlich erhabenes Wesen. Unglücksfälle, wie das Erdbeben von Messina dürfen nicht bloß mit dem Maßstab menschlicher Gutherzigkeit gemessen werden; er reicht der Natur gegenüber nicht aus.

Die Natur kann nicht sündigen, ansich ist sie kein Übel; dies entsteht erst durch die Beziehung auf den unter einem Naturereignis leidenden Menschen. Ja, hätte ein Mensch absichtlich die Katastrophe von Messina veranlaßt, er wäre der fürchterlichste, strafwürdigste Verbrecher. Da liegt der Unterschied! Kosmos und Sittlichkeit werden nicht aufgehoben durch Katastrophen oder durch Unsittlichkeit. Darum höre man auf, die Natur anzuklagen, wenn wir durch sie geschädigt werden; es wäre Gedankenlosigkeit zu fordern, daß das Naturgeschehen nichts  für uns  Unangenehmes mit sich bringen dürfe. Das Unglück einer Katastrophe ist kein uns zugefügtes oder ein zugelassenes Unrecht; da jedes lebende Wesen von ihr betroffen werden kann, so ist in diesem Sinne gleiches Recht für alle ein Naturprinzip. Die Natur ist nun einmal so beschaffen, daß sie Menschen und Tiere beschädigen oder vernichten kann. Das müssen wir hinnehmen. Eine auch mit Bezug auf uns vollkommen gütige Natur wäre eine anthropomorphe Utopie. Wie der Tiger moralisch nicht dafür verantwortlich gemacht werden kann, wenn er einen Menschen zerfleischt, so ist auch der Mensch oft nicht verantwortlich für das Übel, das er seinen Mitmenschen oder den Tieren zufügt. Ich erinnere an den Soldaten im Krieg, an den unbewußt zertretenen Wurm. man schweige bei Katastrophen aber auch von einer Zuchtrute für Sünden oder von väterlicher Heimsuchung. Man fordere von Gott keinen Eingriff in den Naturlauf. Es ist ein kindlich anthropomorphes Verlangen, Gott solle die von ihm gegebenen Naturgesetze durchbrechen, sobald es einem oder vielen von uns nutzt. Ist doch im Bereich menschlicher Erfahrung kein Fall exakt erwiesen, in dem der Naturlauf von seiner Gesetzmäßigkeit abgewichen wäre. Weder die Natur noch Gott passen in die Schablone, die sich viele von ihnen gemacht haben; insofern hat das Sprichwort recht: Wie der Mensch, so sein Gott.

Ein besonderes beredtes Beispiel für den Eintritt von Unglücksfällen wurde kurz nach dem Erdbeben von Messina bekannt. Am Sonntag , den 10. Januar 1909 stürzte kurz nach Beginn des Gottesdienstes das Gewölbe der Kirche zu Nax in Wallis ein und begrub gegen hundert Personen unter seinen Trümmern; dreißig Männer, Frauen und Kinder wurden als Leichen darunter hervorgezogen, ungefähr fünfzig mehr oder weniger schwer verletzt. Die seit längerer Zeit baufällige Kirche war in anscheinend ungeschickter Weise repariert worden, und schon seit einiger Zeit hatte man Risse im Kalkbewurf bemerkt, so daß im nächsten Frühjahr eine erneute Ausbesserung vorgenommen werden sollte. Darf da vom Zorn Gottes oder von väterlicher Züchtigung gesprochen werden? Die Kirche  mußte  zusammenstürzen, weil sie schadhaft geworden war, und es war ein Unglück für die Betroffenen, daß der Einsturz stattfand, als sie gerade darin waren. Eine rechtzeitige gründliche Untersuchung des Bauwerks hätte wahrscheinlich dem Unglück vorgebeugt, und so gilt auch hier der Satz: Hilf dir selbst, so wird Gott dir helfen. Den Finger Gottes oder den Ratschluß Gottes sollte man bei der Erörterung solcher Tatsachen aus dem Spiel lassen. Es war ein objektiv naturgesetzlich bedingtes Ereignis; nur unser menschliches Empfinden macht es zum Übel. So war auch in Messine eine unschuldige Natur am Werk. Von einer Strafe der dort betroffenen Menschen kann so wenig die Rede sein, wie in Bezug auf die Toten und Verwundeten, die ein Schlachtfeld bedecken. Eine Völkerschlacht ist aber darum ein grauenhafteres Ereignis als ein Erdbeben, weil hier die Frage nach menschlichem Verschulden sich gar nicht umgehen läßt, da der Krieg ein von Menschen gewolltes Übel ist.

Unter den Übeln dieser Welt lassen sich dreierlei unterscheiden.

Erstens solche, die Naturereignissen der leblosen Welt entspringen. Ihnen gegenüber ist es geboten, die Augen offen zu halten und die Kräfte des Geistes wie des Körpers anzustrengen, um sich gegen ihre Schädigungen zu schützen.

Zweitens solche, die wir uns selbst, oder die Menschen einander gegenseitig bereitet haben, wie Krieg, Not, Armut, Krankheit, die selbst verschuldet sein oder auf einen Mangel an Nächstenliebe zurückgeführt werden können.

Drittens solche, die uns von Tieren zugefügt werden. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß wir Gott nicht zumuten können, alle Geschöpfe nur zum Wohl und Nutzen des Menschen geschaffen zu haben; das wäre menschlicher Größenwahn. Vom Standpunkt des Hasen oder des Aals würden die  Menschen  als die grausamsten, niederträchtigsten und überflüssigsten Geschöpfe anzusehen sein, die zu finden sind. Für die wissenschaftliche Betrachtung der Natur darf nicht als zweckmäßig gelten, was dem Menschen nützt, sondern nur das, was der Erhaltung des Einzelwesens oder der Art förderlich ist.

Der Kampf gegen das Übel ist für den Menschen ein Daseinsrecht und eine Daseinspflicht; er ist der wichtigste Teil des Kampfes um die Existenz, der dem Menschen seit seinem ersten Auftreten im Diluvium [Eiszeit - wp] auferlegt worden ist. Seit jenen ältesten Zeiten hat dieser Kampf mit dem Übel auf das Menschengeschlecht erzieherisch eingewirkt, weil er seine Fähigkeiten weckte und steigerte und ihm Probleme für seine sittliche und kulturelle Entwicklung stellte. Ohne diesen Kampf hätte der heutige Kulturmensch sich aus dem Urmenschen niemals zu dem entwickeln können, was er ist. Indem er dadurch gezwungen wurde, nach Hilfsmitteln und Verbesserungen seiner Lage zu suchen, den ihn umgebenden Gefahren auszuweichen oder vorzubeugen, wurde er zum Techniker, der von Erfindung zu Erfindung fortschritt; die Erfindung des Messers, der Nadel, des Wagens sind technisch nicht niedriger zu bewerten als die der Buchdruckerkunst, des Mikroskops oder des Telefons. Daneben wurden aber durch das Übel im Menschen gute und sittliche Kräfte ausgelöst, die sich in gegenseitiger Hilfeleistung und in Liebeswerken aller Art äußern. Von diesem Gesichtspunkt aus, unter der Perspektive der Gesamtgeschichte des Menschengeschlechts kann das Übel sogar als eine nützliche, ja notwendige Einrichtung angesehen werden, ohne die unsere heutige Kultur kaum vorstellbar ist. Wäre der Menschheit seit ihrem Ursprung das Leben von der Natur so leicht gemacht worden wie in der Fabel vom Schlaraffenland, sie hätte in Trägheit und Nichtsnutzigkeit verkommen müssen. In diesem, aber auch nur in diesem Sinne, dürfte sich allenfalls ein Zusammenhang zwischen dem Übel und einer göttlichen Weltregierung konstruieren lassen. Denn was der oberflächlichen Betrachtung eine Unvollkommenheit der Weltordnung dünkt, bildet in Wirklichkeit die Grundlage der ganzen menschlichen Arbeit und somit des größten Segens, dessen die Menschheit teilhaftig werden konnte. Wenn heute menschliches Leiden aller Art unser Mitgefühl erregt und uns zu werktätiger Hilfe anspornt, wenn der Stifter unserer Religion die Förderung des Wohls der Mitmenschen für unsere höchste sittliche Pflicht erklärt, so wäre dieser ganze Teil unserer Sittlichkeit überflüssig, ja undenkbar, ohne das Übel in der Welt.

Auch das Prinzip der Freiheit wäre mit einem Fehlen des Übels in der Weltordnung unvereinbar. Können Menschen einander nichts Böses zufügen, so können sie einander auch nichts Gutes tun. Die Freiheit zu handeln, folglich auch die Freiheit, Übles zu tun, gehört zu den unveräußerlichen Menschenrechten; nur eingeschränkt wird sie durch  die Pflicht, das Böse nicht zu tun,  und zu der in der Natur gegebenen Menge des Übels nicht noch Übel durch Menschenhand hinzuzufügen. Wenn der einzelne vom Übel betroffene Mensch darunter leidet, so ist das vom menschlichen Gesichtspunkt aus eine Unvollkommenheit des Naturlaufs; diesen Gesichtspunkt aber auf die Gottheit übertragen zu wollen, wäre vermessen und ungereimt. Der Mensch soll nicht nur das Übel rings um sich herum, sondern auch das Übel in seinem Inneren zu überwinden suchen, dies ist das Gebot, das durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch ertönt.

Wenn wir vom Menschen absehen, so gibt es keine moralische Wertung der Natur. Der Kosmos und die "moralische Weltordnung" in unserem Inneren sind etwas ganz Verschiedenes; dennoch gewinnen sie Berührungspunkte, sobald ein Unglück wie das von Messina die Nächstenliebe in uns weckt.

Darum dürfen uns auch Unglücksfälle in unseren religiösen Gefühlen nicht beirren. Messina kann so wenig zum Atheismus führen wie die blutgetränkte Walstatt einer Völkerschlacht. Die Bitte: Erlöse uns von dem Übel! könnte auch in die Worte gekleidet sein: gibt uns die Kraft, das Übel zu überwinden. Das Übel ist etwas in der Welt Gegebenes, etwas für den Menschen Gegebenes, so gut wie der Sauerstoff und der Stickstoff ein Gegebenes sind. Als JESUS von Nazareth sein Gebet lehrte, wußte er genau, daß das Übel in der Welt nicht aufhören wird, daß nicht nur das Gute, sondern auch das Übel für uns leichtverletzliche Plasmaorganismen ein selbstverständliches Zubehör des Lebens ist. Wenn er sprach: "Gott läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte," so läßt sich dieses Wort dahin ergänzen: auch den feindlichen Katastrophen der Natur gegenüber sind alle Geschöpfe in der gleichen Lage.

Das Menschengeschlecht als Ganzes  hat das Übel zu bekämpfen, mögen noch so viele einzelne in diesem Kampf vorzeitig fallen. Das Schicksal des einzelnen darf nicht zum Maßstab für Glück und Fortschritt der Menschheit gemacht werden. Unter diesen Gesichtspunkt ist auch das Übel in der Welt zu stellen.

Unglück und Übel sind negative Werte für den Menschen. Doch Unglück wie Glück gehören zum Bestand der Welt, wie sie nun einmal ist, und sollen mit Standhaftigkeit und mit Gelassenheit ertragen werden. Weit furchtbarer als die Naturkatastropen wütet der Mensch, wenn er dem Mitmenschen Übles zuzufügen strebt. Unter allen Verbrechen pflegt der Mord am schwersten bewertet zu werden; unter allen Mordtaten scheinen mir die Justizmorde die bedauerlichsten zu sein. Durch ihre grauenvollen Nebenumstände sind der an CHRISTUS, sind die an den christlichen Märtyrern, die an den Hexen begangenen Justizmorde die entsetzlichsten. Man bedenke nur, daß in den drei fürchterlichen Jahrhunderten, dem 15., 16. und 17., allein in Deutschland eine Million unschuldiger Frauen, bzw. Männer in der unsagbar grausamsten Weise prozessiert, körperlich gefoltert und durch unendliche Seelenqualen hindurch gezwungen worden sind, Verbrechen einzugestehen, die sie nicht begangen hatten, nicht begehen  konnten,  um nur den Tod auf dem Scheiterhaufen als Erlösung zu gewinnen. Man male sich aus, was eine solche Unglückliche an Körper- und Seelenqual durchgemacht hat, ehe sie sich zum Geständnis ihres zum Tod führenden "Verbrechens" entschloß, und das alles im Namen göttlicher wie irdischer Gerechtigkeit: dann wird man kaum daran zweifeln, daß dies den Höhepunkt der Leiden bezeichnet, die Menschen durch Menschen zugefügt worden sind. Zugleich aber lehrt die Geschichte, daß es besser geworden ist, und daß steigendes Wissen und wachsende Aufklärung auch zu einer steigenden Veredlung der Weltanschauung geführt haben.

Es ist zu begreifen, daß die Volksphantasie zur Entlastung der Menschheit von solchen und anderen Verbrechen die Versuchung zum Bösen und die Verwirrung des sittlichen Bewußtseins im "Satanas" personifiziert hat. Er repräsentiert die objektive Macht des Bösen, der der einzelne Mensch so oft hilflos gegenübersteht, und es ist insofern schwer, Erfahrungen, wie das systematische Wüten von Mensch gegen Mensch, mit der Idee einer göttlichen Weltregierung in Einklang zu bringen. Auch hier müssen wir uns bescheiden und darauf verzichten, das moralische Welträtsel lösen zu wollen, wie wir den physischen Welträtseln gegenüber so oft zur Entsagung genötigt sind.

Man hat auch den Tod nicht selten unter die Übel gerechnet; gewiß mit Unrecht. Für den Gestorbenen bedeutet der Tod den Abschluß der Lebensbahn; für die Hinterbliebenen kann er wohl zur Quelle von Leid und Unglück werden. Der Tod ansich bringt im Alter und bei schwerer, unheilbarer Krankheit Erlösung; trifft er den Menschen in strahlender Jugendkraft an, so entbehrt er oft nicht der verklärenden Schönheit. Er gehört zum Wesen dieser Welt; generell dürfen wir weder über ihn klagen, noch ihn preisen. Wie das Leben einmal beschaffen ist - und dazu gehört seine Erhaltung in der Kette der Generationen - muß uns der Tod eher als ein erwünschtes Korrelat des Lebens, denn als Unglück erscheinen. Der Wert des Lebens erleidet durch den Tod keinen Abbruch.

Taten und Tatsachen sind die offenkundigen Werte in der Welt des Menschen, denen die Gesinnung als verborgener Wert gegenübersteht; aus den Taten eines Menschen, noch schwieriger aus seinen Worten, können wir immer nur  Schlüsse  ziehen auf seine Gesinnung. Die Einteilung der Tatsachen in physische und moralische Werte ist nicht immer glatt durchführbar, hat öfters flüssige Grenzen. So ist die ganze Natur für uns nicht nur von physischer, sondern auch von moralischer Bedeutung; diese fühlen wir, weil wir selbst moralische Wesen sind. Auch die Weltanschauung macht einen positiven Wert im Besitztum des Menschen aus; wir können ihn erweisen, wenn wir das Leid mit Hilfe unserer Weltanschauung, die zum Gleichgewicht der Seele  (aequitudo animi)  führte, überwinden.

Unser Leben ist Arbeit. Darum ist auch ohne die hingebende Geistesarbeit eine Weltanschauung, die etwas wert ist, nicht zu erlangen, sowenig wie ein Kunstwerk ohne eine solche Arbeit geschaffen werden kann. Für unwissende oder mangelhaft unterrichtete Menschen ist bezeichnend, daß sie durchaus eine gerundete, geschlossene Weltanschauung verlangen, ein fertiges Dogmengebäude, ein System, das Antworten auf alle Fragen des Verstandes und des Gemüts bereit hält; es ist dies das Streben zum Positivismus, das sich nicht an den sichergestellten, wenn auch lückenhaften Ergebnissen der Wissenschaft genügen läßt, sondern alle Lücken durch ungenügend begründete Dogmen auszufüllen sucht, wie z. B. in HAECKELs "Monismus". Der Wert einer solchen Weltanschauung sinkt mit der Zahl der darin aufgenommenen Dogmen und steigt mit der rückhaltlosen Anerkennung der Lücken unseres Wissens. Darum haben auch nur die Teile einer Weltanschauung objektiven Wert, welche dauerhaft sind; die  lediglich  modernen Züge darin, deren Gültigkeit nach kürzerer oder längerer Frist erlischt, sind von vorübergehender und darum nur von geringer Bedeutung. In der Weltanschauung der Schriften des Alten und des Neuen Testaments sind für uns alle Züge hinfällig geworden - und ein gleiches gilt von der Weltanschauung der Antike -, welche durch die damals fehlende naturwissenschaftliche Bildung bedingt sind. Solchen Wandlungen gegenüber müssen wir aber auch heute in Demut anerkennen, daß wir uns selbst nach wie vor zum Maß aller Dinge machen, und daß andere als anthropomorphe Vorstellungen unmöglich sind.

In der Beurteilung der Dinge  als Werte  wirkt das Gefühl mit dem Verstand zusammen. Nur wenn wir die Welt weder optimistisch noch pessimistisch ansehen, sondern sie zu  verstehen  suchen, finden wir das richtige Gleichgewicht, das zur Zufriedenheit führt. Diese ist einer der höchsten erreichbaren Werte; sie ist aber nur erreichbar durch eine wahrhaft unbefangene Anschauung. Eine solche Weltanschauung hat vitales Interesse für den Menschen, sie bleibt nicht unfruchtbar, sondern zeugt Gutes. Sie gehört neben der Religion zu den persönlichen Heiligtümern, die die Menschenbrust ihr eigen nennen darf.

Das Persönliche in der Weltanschauung bringt es mit sich, daß das Schauen der einzelnen Menschen ein verschiedenes ist. Darum sollen die Majoritäten Achtung von den Minoritäten haben, sie nicht schlechthin verurteilen oder verachten. Dies schließt nicht aus, daß kranke Weltanschauungen neben gesunden herlaufen; und während die Weltanschauung der Not und des Elends zwar einseitig und fehlerhaft ist, aber begreiflich und duldbar, müssen wir der Weltanschauung des Verbrechers mit Entschiedenheit entgegentreten. Jeden Fehler in der Weltanschauung sollen wir zu verbessern suchen, wie in Künstler sein Werk verbessert. Nur  ein  Beispiel: Ordnung und Harmonie beruhen auf einer Wechselwirkung der Teile, aber Wechselwirkung kann ansich noch nicht Ordnung und Harmonie hervorbringen: dies behaupten zu wollen, wäre ein Fehler. So wenig Wechselwirkung schon Harmonie ist, ist Zusammenhang schon Einheit. - Die Anmaßung,  alles  verstehen zu wollen, ist der größte Fehler: er führt zur Stagnation, während die Weltanschauung erobernd fortschreiten soll. Ein wichtiger Maßstab für den Wert von Weltanschauungs-Gedanken ist darin zu finden, ob ihnen die Kraft der Anregung innewohnt oder nicht; und GOETHE forderte "ein reines durchdringendes Anschauen", um uns vor "grillenhaften Meinungen" zu bewahren. -

Die Ideale  sind Leitsterne auch für die Weltanschauung. Wohl schwebt über allen Idealen das Verhängnis, daß sie selbst unerreichbar sind, daß wir uns ihnen nur entgegen bewegen können; sie sind die fernen Grenzen unseres Strebens. Ein solches Ideal ist auch die  widerspruchsfreie  Weltanschauung, die in Wirklichkeit noch nie erreicht wurde, weil innerer Widerspruch etwas allzu Menschliches ist, dessen Abstreifung nie ganz gelingt. Bei allem Werben um Fortschritt in Erkenntnis und Anschauung bleibt uns eine weise Beschränkung in Weltanschauungs-Gedanken nicht erspart. Wir müssen verzichten lernen. Aber der Verzicht ist wertvoll, denn er bewahrt uns vor wertlosen Jllusionen. Eins der höchsten Ideale der Weltanschauung bleibt der versöhnende Ausgleich zwischen Wissenschaft und Religion; ihm müssen wir nachstreben mit allen Kräften. Denn die Erkenntnis allein genügt nicht als Inhalt unseres Lebens; es muß etwas Heiliges dazukommen, vor dem wir uns ihn Verehrung, in Ehrfurcht beugen. Nur der Besitz der letzteren führt zum inneren Gleichgewicht. Nur dieses Gleichgewicht vermag unseren Geist und unser Herz zu erheben, zu klären, zu beruhigen. In diesem Gleichgewicht ist immer wieder die Entsagung ein Faktor, und HEBBEL hat recht, wenn er spricht: "Jeder Versuch, das Welträtsel zu lösen, ist ein Gedankentrauerspiel."

Den Schluß dieser Betrachtungen mögen folgende Verse FRIEDRICHs des Großen bilden (in der Übersetzung von LIENHARD):
    Wie schwach dein Geist, ermiß es mit Verzagen,
    Anstatt des Himmels Weisheit anzuklagen,
    Du stolzer Mensch, aufrührerisch' Atom!
    Vielleicht zog der Allmächt'ge diese Schranken,
    Um einzudämmen deiner Neugier Strom,
    Um klein zu machen durch die Dunkelheit
    Den Übermut der menschlichen Gedanken,
    Die einen Strahl doch nur des Lichts tranken,
    Wie ihn die Wahrheit gibt von Zeit zu Zeit.

    Eins fehlt noch immer dir zur Seligkeit:
    Daß deinem schwachen Blick er nicht vertraute
    Den  ganzen  Plan, nach dem die Welt er baute!
    Gott hätte, nur daß du ihm Lob gezollt,
    Enthüllen sein Geheimnis dir gesollt?!

    Woher das Ziel kommt? Ach, seine Quelle
    Verbirgt sich mir, je mehr ich Fragen stelle!
    Was folgt hieraus? Doch nur, daß mein Verstand
    In seinem kleinen Kreis ist festgebannt.
    Die Meinung, daß der tote Stoff dem Leben
    Des Weltenalls den ersten Trieb gegeben,
    Scheint mir ein Widerspruch und hirnverbrannt;
    Unsinn und ein Problem, das nie wird klar sein.
    Zwei Klippen sind's, davor gestellt ich bin!
    Es gilt die Wahl! Absurdes kann nicht wahr sein:
    Zum  Unerklärlichen  wend' ich mich hin
    Und lass' euch gern dafür den Widersinn.
LITERATUR Johannes Reinke, Die Kunst der Weltanschauung, Heilbronn 1911