ra-2Die IdealeWerttheorie und Ethik    
 
FELIX KRUEGER
[mit NS-Vergangenheit]
Der Begriff des absolut Wertvollen
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"Kant hat uns gelehrt, daß alles Objektive in der Welt auf subjektive, psychische Funktionen und Gesetzmäßigkeiten zurückzuführen ist. Die Aufgabe, die aus dieser fundamentalen Einsicht der Psychologie erwächst, ist für das Gebiet des Wollen und der Werte noch nicht gelöst."

Einleitung

Die sozialen Gegensätze und wirtschaftlichen Kämpfe, von denen unser Zeitalter so heftig bewegt wird, haben auch das ethische Interesse allgemein gesteigert und neu belebt. Das Moralproblem kann nicht umgangen werden, wo es sich um weitgreifende und tief einschneidende Interessenfragen handelt, wo stark verbreitete und historisch fest gewordene Werturteile lebhaft umstritten, wo Neuerungen von großer kultureller Tragweite gefordert werden. Aber aus diesem Verflochtensein ethischer Interessen mit drängenden Bedürfnissen des praktischen Lebens, mit sogenannten brennenden Tagesfrage, erwächst den moralphilosophischen Bemühungen eine Gefahr, mit der auch die Wissenschaft vom wirtschaftlichen Leben zu kämpfen hat: die Gefahr nämlich, daß die Breite und Lebhaftigkeit der Diskussion die theoretische Gründlichkeit verringert und die Vertiefung der Probleme hindert, daß insbesondere die wirklich prinzipiellen Fragen allzuweit in den Hintergrund gedrängt werden.

Die ethische Theorie des Sozialutilitarismus hätte die weite Verbreitung und allgemeine Anerkennung, die sie heute besitzt, schwerlich finden können, wenn nicht gewisse volkswirtschaftliche Bedürfnisse und Tatsachen die Aufmerksamkeit der Ethiker auf sich gezogen hätten. Immer genauer und allgemeiner wurde in neuerer Zeit die Bekanntschaft mit dem materiellen Elend breiter Volksschichten. Das führte naturgemäß zu einer stärkeren Betonung der Pflicht jedes einzelnen, für das eudämonistische "Wohl" anderer zu sorgen. Und es konnte nicht ausbleiben, daß eine  relativ  so hochberechtigte sittliche Forderung absolut gesetzt wurde, daß sie sich zum obersten ethischen Postulat auswuchs. Die Sorge für das Glück aller oder möglichst vieler wurde für zahlreiche Moralisten zum Kennzeichen und Maßstab der moralischen Gesinnung.

Das Unzureichende dieses Moralprinzips tritt, wie mir scheint, schon durch eine genauere Betrachtung der wirtschaftlichen Tatsachen zutage. Man kann die Bestrebungen für eine Verkürzung der Arbeitszeit, für höhere Löhne, für persönliche Freiheit, für die geistige und sittliche Hebung der arbeitenden Klassen nicht unterschiedslos dem Begriff der sozialen Glücks- oder  Lust steigerung unterordnen, derart, daß es dabei überall nur auf quantitative Verhältnisse der Lust ankäme. Das Charakteristische, wodurch sich die Ware "Arbeit" von allen übrigen Waren unterscheidet, besteht in ihrer eigentümlich  persönlichen  Qualität; darin, daß sie von der Person ihres Verkäufers nicht zu trennen ist und daß daher der Arbeitsvertrag immer auch mehr oder weniger ein Herrschaftsvertrag ist. Hierin scheint mir der ethische Kern der sogenannten Arbeiterfrage zu liegen. Und schon die wirtschaftlichen Konsequenzen, die sich hieraus ergeben, sind geeignet, über den Sozialutilitarismus im strengen und eindeutigen, d. h. im eudämonistischen Sinne, weit hinauszuführen.

Aber die Hauptsache ist, daß das Prinzip  moraltheoretisch  in keiner Weise genügen kann. Zugegeben, daß die Forderung des Sozialutilitarismus als sittliche Pflicht allgemein empfunden werde: es ist noch nie bewiesen worden, daß diese Pflicht alle anderen Forderungen des sittlichen Bewußtseins restlos in sich einschließe. Die Frage ist, ob die soziale Luststeigerung in der Tat das oberste und absolute Ideal sei, dem alle übrigen menschlichen Werte sich sittlicherweise unterzuordnen hätten. Ist das sozialeudämonistische Prinzip der unbedingt gültige Maßstab des moralischen Wertes? Welches ist der  Grund  der absoluten Verpflichtung zum sozial-nützlichen Verhalten?

Auf solche Fragen pflegen die Vertreter der Theorie zu antworten, daß die moderne Ethik gar nicht daran denke, einen  absoluten  Verpflichtungsgrund oder ein  unbedingt  gültiges Prinzip der moralischen Beurteilung zu suchen. Man sieht aber nicht, daß sich mit diesem prinzipiellen Verzicht die Ethik als solche selbst aufgibt.

Mir scheint allerdings das Grundproblem aller Moralphilosophie in der Frage zu bestehen: Welches ist das  unbedingt  gültige Prinzip der moralischen Beurteilung, d. h. der Werturteile über menschliches Wollen? - oder, was dasselbe sagt: Was hat für den Menschen  absoluten  Wert. Sobald man diese Frage als unlösbar ausscheidet, hört die Moralphilosophie auf, eine selbständige Wissenschaft zu sein; es kann sich dann nur noch um eine Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte "moralischer" Vorurteile handeln. Vom sozialutilitaristsischen Standpunkt aus kann allenfalls eine ökonomische und sozialpsychologische Statistik versucht werden über das, was in einem bestimmten Zeitabschnitt für bestimmte Gesellschaftsgruppen nützlich oder schädlich ist. Aber die Bezeichnung solcher Versuche als ethischer wäre rein willkürlich. Auch die, an sich natürlich höchst interessanten, Untersuchungen zur  vergleichenden  Rechts- und Sittengeschichte können niemals die Bemühung um die wirkliche ethische Grundfrage ersetzen. Die sogenannte Entwicklungsethik setzt regelmäßig ein bestimmtes Resultat schon voraus; gewisse Anschauungen über das  moralisch  Wertvolle, über das, was eine historische Veränderung zur  sittlichen  Entwicklung macht, werden ungeprüft und meistens unausgesprochen zum Maßstab der Beurteilung genommen.

Prinzipiell erklärt man sich neuerdings fast allgemein für einen ausnahmslosen ethischen Relativismus. Es bleibt dabei, wie gesagt, nur das Eine unverständlich, daß man trotzdem noch von Moral und moralischen Werten redet. In eindeutiger und widerspruchsloser Weise könnte das erst dann geschehen, wenn man ein unbedingt gültiges Prinzip der moralischen Beurteilung gefunden hätte und voraussetzen dürfte. Dessen  Anwendung  würde unvermeidliche Relativitäten ergeben (hinsichtlich der einzelnen wechselnden Inhalte der moralischen Betätigung und Beurteilung), die die Moralwissenschaft nicht zu scheuen hätte, weil sie einer einheitlichen wissenschaftlichen Behandlung fähig wären. (1)

Die Vertreter des Sozialutilitarismus pflegen, im Gegensatz zu jeder metaphysischen Begründung der Ethik, ihren rein empiristischen Standpunkt stark zu betonen; sie suchen insbesondere auf  psychologischem  Weg den ethischen Problemen beizukommen. Hierin liegt sicherlich eine historische Bedeutung dieser Phase in der Entwicklung der Moralphilosophie. Aber die Utilitaristen gehen nicht weit genug in der psychologischen Analyse. Im Allgemeinen gipfelt ihre Moralpsychologie in den beiden Sätzen:
    1) Jeder strebt notwendig und unbedingt nach Steigerung und Erhaltung seines eigenen Glücks.

    2) Wir sind außerdem psychisch so veranlagt, daß wir, der eine mehr, der andere weniger, Lust haben an der Lust anderer und ihre Lustminderung unlustvoll empfinden.
Über die Entstehung und das psychologische Wesen dieses Mitgefühls, dieser "sympathischen Instinkte" und über ihr Verhältnis zum individuellen Glückseligkeitstrieb" sind die Vertreter des sozialutilitaristischen Moralprinzips ziemlich geteilter Ansicht. Viele sind geneigt, schon hier, als bei etwas psychologisch Letztem, prinzipiell stehen zu bleiben und beschränken sich im übrigen auf historische Untersuchungen und auf praktische Vorschläge einer ökonomischen Lebensklugheit.

Sollten nicht die sogenannten "spekulativen" Ethiker, die man heute so geringschätzig behandelt, sollten nicht z. B. die Philosophen des deutschen Idealismus zuweilen schon weiter geblickt haben? Gewiß, sie überschritten allenthalben die Grenzen möglicher Erfahrung und liebten es, mit dichterischer Phantasie die Lücken ihrer Systeme ausfüllen. Aber schließlich war es doch auch diesen spekulativen Geistern nur um den Menschen, um die Erkenntnis des Menschlichen zu tun und noch das, was sie im Unerkennbaren zu schauen glaubten, war in der Regel nur ein ins Metaphysische hinein projiziertes (und freilich vorzeitig abgerundetes) Bild psychologischer Ansichten und lebensfähiger Ideale, die ihr vielumfassender Geist zunächst aus der gegebenen Wirklichkeit abgezogen hatte. Vor allem: sie hatten den Mut der letzten Fragen, der  prinzipiellen  Problemstellung, den man, wie ich glaube, nicht zu verlieren braucht, wenn man gewillt ist, sich in rein wissenschaftlicher Weise auf das Erfahrbare zu beschränken.

Auch KANT war sicherlich in seiner Ethik nicht frei von metaphysischen Annahmen. Aber trotzdem behaupte ich, daß er die Moralphilosophie weiter geführt hat, als irgendeiner seiner Vorgänger und daß  nach  ihm die ethische  Prinzipienlehre  keinen wesentlichen Fortschritt gemacht hat. Seit dem Niedergang des philosophischen Geistes in Deutschland um die Mitte unseres Jahrhunderts hat man vielfach die Berührung mit der sogenannten idealistischen Philosophie nahezu verloren. Die neuere Erkenntnistheorie hat vor etwa drei Jahrzehnten begonnen, sich wieder auf KANT zu besinnen und sicherlich nicht zu ihrem Schaden. Die Moralphilosophie wird diesem Beispiel folgen müssen.

Freilich: nicht in einer kritiklosen Rückkehr zu KANT kann heutzutage die Ethik ihre Aufgabe erblicken. Als Moralphilosoph hängt KANT viel inniger mit seiner Zeit und ihren Schwächen zusammen, denn als Kritiker der Erkenntnis. Und durch seine eigene Erkenntnistheorie wird seine Ethik teilweise zu korrigieren sein. Die Konsequenzen der kantischen Erkenntnislehre sind für die Moraltheorie noch keineswegs vollständig gezogen worden. Man fördert weder das rechte Verständnis für KANTs Werk, noch die Moralphilosophie selbst, wenn man, wie das einige vorzügliche Kenner der kantischen Philosophie zu tun pflegen, KANTs unanalysierte und teilweise so vieldeutige Begriffe bloß dialektisch paraphrasiert und immer wieder hin- und herschiebt. Von KANTs Ehtik gilt, wie ich glaube, ganz besonders, was von seiner Philosophie überhaupt einer ihrer besten und verehrungsvollsten Interpreten gelegentlich gesagt hat: KANT verstehen, heißt - über ihn hinausgehen. Die Schöpfer geschlossener philosophischer System sind selbst nicht anders gerecht zu würdigen, als daß man (den Rat HERBARTs an SCHELLING befolgend) sich entschließt, "aus den Durchgängen ihrer System hervorzutreten und neues Land zu gewinnen." (2) Das ist umso unerläßlicher für jeden, dem die philosophische Kritik und die Beschäftigung mit historisch vorliegenden Theorien überhaupt, nicht Selbstzweck, sondern nur ein Mittel ist, zu neuen Erkenntnissen, zu  positiven  philosophischen Einsichten zu gelangen.

KANT hat uns gelehrt, daß alles Objektive in der Welt auf subjektive, psychische Funktionen und Gesetzmäßigkeiten zurückzuführen ist. Die Aufgabe, die aus dieser fundamentalen Einsicht der Psychologie erwächst, ist für das Gebiet des Wollen und der Werte noch nicht gelöst. Die Ethik kann auf ein objektiv gültiges oberstes Werturteil nicht verzichten, will sie über den Skeptizismus und den unumschränkten Relativismus hinauskommen. Soll aber zugleich jede metaphysische Voraussetzung ausgeschlossen bleiben, so darf nicht irgendein außerpsychischer Zustand oder ruhender "Endzweck" als absolut wertvoll angesprochen werden. Das unbedingt gültige Werturteil - wenn es ein solches gibt - wird sich vielmehr auf eine funktionelle Gesetzmäßigkeit unseres psychischen Lebens gründen müssen.

Im Folgenden soll zunächst, zum Zweck der methodischen Orientierung, KANTs methodologischer Standpunkt, insbesondere seine Abneigung gegen eine  psychologische  Begründung der Ethik kritisch betrachtet werden. (Kapitel I und II). Hieran schließt sich - unabhängig von KANT - eine werttheoretische Untersuchung (Kapitel III und IV), die den Versuch enthält, die Grundfrage der Moral dadurch wissenschaftlich zu beantworten, daß der Begriff des  absolut Wertvollen  zugrunde gelegt und durch psychologische Analyse inhaltlich bestimmt wird. Anhangsweise soll schließlich das gewonnene Resultat noch dadurch beleuchtet werden, daß eine neuere Theorie des absolut Wertvollen, nämlich diejenige SCHUPPEs, ihm gegenübergestellt wird.

Eine ausführliche Kritik der kantischen Ethik bleibt einer späteren Veröffentlichung vorbehalten.



1. Kapitel

Kants Ablehnung einer
psychologischen Begründung der Ethik

Wer zur Lösung des Moralproblems einen Beitrag zu liefern unternimmt, muß vor allem zu der prinzipiellen Frage Stellung nehmen: mit welchen Mitteln die Moral wissenschaftlich zu bearbeiten sei, welche Methode insbesondere die ethische  Prinzipienlehre  zu befolgen habe. Diese methodologische Vorfrage ist seit KANT ein Hauptstreitpunkt der wissenschaftlichen Ethik. Bis heute gehen die Ansichten darüber weit auseinander. Unter den philosopischen Moralisten unseres Jahrhunderts lassen sich in dieser Beziehung im Wesentlichen zwei entgegengesetzte Anschauung unterscheidn, die man kurz als die kantische und die psychologische bezeichnen kann.

KANT hat, wie man weiß, seine eigene Methode als eine ganz neue und eigenartige von allen vor ihm in der Moralphilosophie befolgten unterschieden; er hat namentlich die empirische  Psychologie  als unfähig zur Begründung der Ethik mit Entschiedenheit abgewiesen. Die Anhänger seiner Lehre pflegen gerade hierauf seit jeher viel Gewicht zu legen. (3) Psychologie sei zwar für die  angewandte  Ethik nützlich, ja unentbehrlich, aber die  reine  Ethik, die prinzipielle Moraltheorie bedürfe einer anderen, als der psychologischen Methode. Empirische Psychologie könne nicht das Geringste zur wissenschaftlichen  Begründung  der Moral beitragn, denn in der Moralphilosopihe handle es sich um die  Gültigkeit  und zwar um die absolute Gültigkeit gewisser Urteile, nicht um deren "psychologischen Mechanismus". Die Psychologie könne immer nur das  Sein  als ein gesetzmäßiges begreifen; Moralphilosophie und Erkenntnistheorie (zuweilen wird hier auch noch die Ästhetik genannt) hätten die Aufgabe ein  Sollen  zu begründen.

Der Gegensatz kann in dieser Form nur dadurch aufrechterhalten werden, daß man den Begriff der Psychologie oder den des Empirismus künstlich verengt. (4) Es wird an diesem Punkt viel um bloße Worte gestritten. Man kann ja nichts dagegen einwenden, wenn jemand den prinzipiellen und, wie mir scheint, wichtigsten Teil der Psychologie des Erkennens mit einem anderen Namen, etwa dem der Transzendentalphilosophie belegt. (5) Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß die wissenschaftlichen Resultate dieser Transzendentalphilosophie lediglich durch psychologische Analyse von Bewußtseinstatbeständen gewonnen werden können. Die synthetischen Funktionen des Geistes, auf denen alle Gültigkeit von Urteilen beruth, sind auf keinem anderen Weg aufzufinden, als die sogenannten psychischen Elemente und deren Relationen.

KANT hat ziemlich Verschiedenartiges unter dem Namen "Transzendentalphilosophie" zusammengefaßt; nämlich eine Theorie der räumlichen Relationen, eine Analyse des Zeitbewußtseins und seine Lehre von den subjektiven Bedingungen der Gültigkit von Erfahrungsurteilen im engeren Sinn. Die Methode seiner transzendentalen Analytik muß geradezu als ein Muster psychologischer Analyse angesehen werden. Aber der einfache Satz, daß rot und blau verschieden ist, oder der, daß die Tonqualitäten (im Sinne der Ton höhe)  eine eindimensionale Mannigfaltigkeit bilden, daß in dieser Reihe das  c  dem  e  näher liegt als dem  h  und viele ähnliche, die in KANTs Transzendentalphilosophie keine Stelle finden, sind genausogut "synthetische Urteile a priori", wie die der transzendentalen Analytik. Sie sind  synthetisch,  weil sie nicht durch die Definition von Begriffen gewonnen werden können - es handelt sich darin um undefinierbare und nur unmittelbar zu erlebende Bewußtseinstatsachen -; und sie gelten unbedingt für alle Erfahrung. Trotzdem wird niemand bestreiten, daß diese Urteile lediglich durch Erfahrung gewonnen werden können. (6) Alles Apriorische ist für KANT gleichbedeutend mit einem nicht weiter Analysierbaren. Und mit Recht bemerkt dazu ein Vertreter der modernen Psychologie: "Auch diese Negation der Analysierbarkeit ist eine psychologische Behauptung; und sie ist so wenig verständlich, daß sie von den meisten Vertretern der Psychologie und Physiologie in Hinsicht des Raumes für irrig gehalten wird." (7)

Von den Positionen der kantischen  Ethik  kann nicht im gleichen Umfang, wie von denen der transzendentalen Analytik behauptet werden, daß KANT tatsächlich auf psychologischem Weg dazu gelangt sei. Aber es läßt sich der Nachweis führen, daß alle Mängel dieses Moralsystems auf Unzulänglichkeiten der psychologischen Analyse beruhen (8) und daß sein wissenschaftlich wertvoller Kern in psychologischen Einsichten besteht.

KANTs Abneigung gegen eine empirisch-psychologische Begründung der Moral erklärt sich vor allem aus seiner oft ausgesprochenen Ansicht, Erfahrung könne nicht zu notwendigen und allgemeingültigen Urteilen führen. (9) Diese Anschauung beruth nun lediglich auf einer zu engen Fassung des Begriffs "Erfahrung". Unter Erfahrungsurteilen versteht KANT nämlich in einem solchen Zusammenhang lediglich die Urteile, die aufgrund einer bisher beobachteten Regelmäßigkeit im Zusammen der Erscheinungen die gleiche Regelmäßikeit auch für die Zukunft behaupten, die Urteile also, die aufgrund eines begrifflich fixierten  Zusammenhangs  von unmittelbaren Wahrnehmungen die Erwartung aussagen, daß unter bestimmten Bedingungen bestimmte Wahrnehmungen wieder gegeben werden sein. Da diese Erwartung enttäuscht werden kann, da  diese  "empirische" Begriffsbildung immer wieder durch neue (unerwartete) Erlebnisse möglicherweise korrigiert wird, so sind die in Frage stehenden Urteile (zu denen alle rein naturwissenschaftlichen Theoreme gehören) (10) in der Tat von bloß relativer Gültigkeit.

Unbedingte Gültigkeit haben neben den analytischen Urteilen, die in der bloßen Zergliederung oder Definition eines Begriffs bestehen, nur die synthetischen Urteile a priori, d. h. diejenigen Urteile, die sich auf die subjektiven Bedingungen aller Urteile überhaupt beziehen. (11) Aber auch diese synthetischen Urteile von absoluter Gültigkeit entstammen lediglich der Erfahrung. Sie gelten absolut, d. h. für  alle  Erfahrung, weil durch die subjektive Gesetzmäßigkeit, die sie aussagen, Erfahrung (einer bestimmten Art) allein möglich ist. Aber sie selbst sind erst möglich dadurch, daß jene Erfahrungen wirklich gegeben waren. Der Blinde kann niemals zu den synthetischen Urteilen a priori, die dem Sehenden über Farben möglich sind, gelangen. So haben die "reinen Verstandesbegriffe" der transzendentalen Analytik notwendige und allgemeine Gültigkeit für alle Erfahrung, weil ihre tatsächliche Gültigkeit eine bestimmte Art von Erfahrung erst möglich macht, Erfahrung nämlich im Sinne von objektiver Erkenntnis, "welche ein Ganzes verglichener und verknüpfter Vorstellungen ist." (12) Aber wer das Denken nicht aus eigener Erfahrung kennt, für den gibt es auch keine Denkgesetze und Denkformen. Nur die psychologische Erfahrung kann uns über psychische Gesetzmäßigkeiten Aufschluß geben. So wenig eine leere Zeit gedacht werden kann und so wenig es räumliche Relationen gibt ohne "Fundamente" (MEINONG), d. h. ohne  Empfinungsinhalte,  die in räumlicher Beziehung stehen, so wenig gibt es Denkformen ohne Gedachtes. Die "Formen" der Anschauung und des Denkens können nur an der geformten "Materie" abgelesen, nur von empirisch gegebenen Fällen ihrer Anwendung abstrahiert werden.

KANT ist sich hierüber keineswegs völlig klar gewesen.  Nachdem  er einmal die "reinen Formen" aus dem psychologisch Gegebenen herausanalysiert hatte, dachte er sie zuweilen als selbständig und ohne allen Inhalt im Bewußtsein existierend. So z. B. gleich im Eingang der transzendentalen Ästhetik:
    "Wenn ich von der Vorstellung eines Körpers das, was der Verstand davon denkt, als Substanz, Kraft, Teilbarkeit usw., desgleichen, was davon zur Empfindung gehört, als Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe usw., absondere, so bleibt mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas übrig, nämlich Ausdehnung und Gestalt. Diese gehören zur reinen Anschauung, die a priori,  auch ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung  als eine bloße Form der Sinnlichkeit  im Gemüt  stattfindet." (13)
Diese Ansicht entwickelt KANT gelegentlich auch inbezug auf die übrigen "reinen Formen", besonders häufig in der Ethik, wo es sich um die "Form des reinen Willens" handelt. Diese psychologisch unberechtigte Verselbständigung der bloßen Formen, die doch niemals anders als an und mit den geformten Inhalten gegeben sind, macht z. B. in der transzendentalen Analytik allein das dunkle Kapitel vom "Schematismus der reinen Verstandesbegriffe" für KANT notwendig. Wäre er sich bewußt geblieben, daß er die Denkformen (in der transzendentalen Deduktion) lediglich von den gegebenen psychischen Tatbeständen psychologisch abstrahiert hatte, so hätte er gar nicht mehr zu fragen brauchen, ob und wie diese Formen auf Erfahrung anwendbar seien. Die analoge Frage, die in seiner Ethik immer wiederkehrt, wäre auch hier überflüssig gewesen, wenn er bei der Abteilung der moralischen Formgesetze den allein gangbaren Weg der psychologischen Analyse von vornherein eingeschlagen und konsequent innegehalten hätte.

In der Ethik hatte KANTs Ablehnung der empirisch-psychologischen Methode noch besondere Gründe. Der tiefe Ernst, mit dem er den ethischen Problemen gegenüberstand, legte es ihm von Anfang an nahe, das Sittliche aus  aller  empirischen Bedingtheit herauszuheben und jenseits derselben den realen Ursprung der Moralität zu suchen, wie auch die  Sanktion  des Sittengesetzes aus dem im transzendenten Sinne des Wortes "Unbedingten" herzuleiten. Hierfür war besonders  eine  Voraussetzung entscheidend: daß nämlich die moralische  Verantwortlichkeit  nur unter der Annahme der transzendentalen Freiheit aufrecht erhalten werden könne; und diese Annahme bedeutete eine Überschreitung aller Erfahrungsgrenzen. Es ist jedoch vor und nach KANT schon oft in überzeugender Weise dargetan worden, wie wenig durch die Berufung auf eine transempirische Kausalität der menschlichen Handlungen für die Frage der moralischen Zurechnung gewonnen wird, wie dadurch im Gegenteil diese Frage erst recht kompliziert, ja geradezu unlösbar wird. (14) Das Problem der Verantwortlichkeit, das in KANTs moraltheoretische Untersuchungen überall hineinspielt, gehört meines Erachtens überhaupt nicht in die ethische Prinzipienlehre. Die Grundfrage der Moral kann unabhängig davon behandelt und beantwortet werden. (15)

Der Rekurs auf die intelligible Welt zur theoretischen Begründung der Moral, dieser Schritt ins Unerfahrbare erklärt sich außerdem durch eine gewisse Unklarheit, die schon die  Fragestellung  der kantischen Ethik beherrscht.

KANT unterscheidet nirgends scharf genug zwischen  Moralität  oder sittlichem  Handeln  auf der einen und moralischer  Beurteilung  auf der anderen Seite; so schwankt bei ihm der Begriff des Sittengesetzes und der der  Willensbestimmung durch  das Sittengesetz zwischen zwei sehr verschiedenen Bedeutungen. Zuweilen ist ihm das Sittengesetz ein Prinzip der moralischen  Beurteilng  und "Bestimmung" des Willens durch das Sittengesetz heißt dann nichts anderes als: unbedingt gültige, d. h. moralische  Beurteilung.  (16) Sehr häufig aber versteht KANT unter dem obersten Prinzip der Sittlichkeit vielmehr ein Prinzip des Handelns, eine objektiv gültige Maxime des Tuns und daraus fließt die  Forderung  einer Willensbestimmung durch das Sittengesetz in dem Sinne, daß "reine Vernunft für sich allein praktisch werde" (17), daß die bloße vorgestellte Form der Gesetzmäßigkeit jede einzelne Handlung aus sich erzeugen solle. (18)

Diese Verschiebung des Problems genügt bereits, um die empirisch-psychologische Methode aus der reinen Ethik überzeugend auszuschließen. Denn tatsächlich ist ein Wollen, das nicht aus irgendeiner Lusterwartung oder Wertung entspränge, ein Wollen, dessen einziges Motiv die Vorstellung eines Gesetzes wäre, in keiner Erfahrung gegeben; im Gegenteil - und dessen war KANT sich wohl bewußt - : alle psychologische Erfahrung widerstreitet der Möglichkeit eines in diesem Sinne "reinen" Willens.

So wird es begreiflich, daß KANT in der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten", nachdem er bereits seinen kategorischen Imperativ proklamiert hat, immer noch die zweifelnd Frage erhebt, ob es überhaupt eine eigentliche Moral gebe, ob Pflicht nicht ein völlig leerer Begriff sei und ob sein Moralprinzip auf die Erfahrung  Anwendung  finde. Von allen "subjektven Ursachen", von allen empirischen Bestimmungsgründen des Willens, von jeder "psychologischen Natureinrichtung" glaubte er für die Begründung der Ethik absehen zu müssen. Daher das ehrliche Bekenntnis (19): "Hier sehen wir nun die Philosophie in der Tat auf einen mißlichen Standpunkt gestellt, der fest sein soll, unerachtet er weder im Himmel noch auf der Erde an etwas gehängt, oder woran gestützt wird"; daher die geradezu skeptische Wendung am Schluß dieses tiefgründigen Werkes: "Und so begreifen wir zwar nicht die praktisch unbedingte Notwendigkeit des moralischen Imperativs, wir begreifen aber doch seine  Unbegreiflichkeit." 

Bei der Berufung auf die intelligible Welt, die in seinem System prinzipiell die psychologische Analyse ersetzen soll, hat KANT eben selber sich nicht völlig beruhigen können. Er fühlte zuweilen deutlich, daß damit dem wissenschaftlichen Erklärungsbedürfnis nicht gedient sei. Das ganze Kapitel "Von den Triebfedern der reinen praktischen Vernunft" in seinem ethischen Hauptwerk (20) klingt wie ein unfreiwilliges Zugeständnis an die empirische Psychologie. Er bekennt auch hier: "Wie ein Gesetz für sich und unmittelbar Bestimmungsgrund des Willens sein könne (welches doch das  Wesentliche  aller Moralität ist), das ist ein für die meschliche Vernunft unauflösliches Problem." Deshalb führt er, ziemlich unvermittelt, den Begriff der "Achtung fürs moralische Gesetz" ein. (21) Dieses "moralische Gefühl" wird zwischen das moralische Gesetz und die sittlichen Handlungen nachträglich eingeschoben. Aber KANT will keineswegs zugeben, daß er damit tatsächlich eine  psychologische  Hilfshypothese macht.

Das (nicht näher analysiere) Gefühl der Achtung vor dem Sittengesetz, diese "einzige und zugleich unbezweifelte moralische Triebfeder", soll durch reine Vernunft "unmittelbar praktisch gewirkt" und von allen  

Diese Schwankungen und Unklarheiten beruhen zum größten Teil auf der angedeuteten Ungenauigkeit in der Fragestellung. Die mangelhafte Unterscheidung zwischen moralischer Theorie und Praxis tritt besonders deutlich hervor in der bei KANT öfter wiederkehrenden Bemerkung, empirische Zutaten "zum Prinzip der Sittlichkeit" seien "nicht allein dazu ganz untauglich, sondern  der Lauterkeit der Sitten selbst  höchst nachteilig." (22) Eine Ethik, die die "reinen" Prinzipien nicht scharf von allen empirischen unterscheide, verdiene, "den Namen einer Philosophie nicht", "viel weniger einer Moralphilosophie, weil sie eben durch diese Vermengung sogar der  Reinigkeit der Sitten selbst  Abbruch tut und ihrem  eigenen Zweck  zuwider verfährt." (23)

Oft scheint es geradezu, als ob KANT einen fundamentalen Gegensatz zwischen Moraltheorie und jeder anderen Art wissenschaftlicher Theorienbildung statuieren wollte. Die "praktischen Begriffe a priori" sollen sich von allen anderen dadurch wesentlich unterscheiden, daß sie "die Wirklichkeit dessen, worauf sie sich beziehen (die Willensgesinnung),  selbst hervorbringen,  welches gar nicht die Sache theoretischer Begriffe ist. (24) Hier liegt eine offenbare Verwechslung vor zwischen Moral theorie  und praktischer Sittlichkeit oder Moralität. Dem entspricht der schwankende Sinn, den KANT mit dem Ausdruck "praktischer Vernunftgebrauch" (im Gegensatz zum spekulativen) verbindet. Zuweilen bezeichnet er damit die theoretische Bemühung um ein Prinzip der moralischen Beurteilung (im Gegensatz zur Untersuchung anderer Urteile auf ihre Prinzipien hin), - manchmal auch die moralische Beurteilung selbst. Häufig aber ist "praktischer Vernunftgebrauch" für ihn vielmehr ein Ausdruck für das mit dem Moralprinzip übereinstimmende oder durch die Vorstellung des Sittengesetzes verursachte  Handeln.  (25)

Bestände in der Tat die Aufgabe der Moralphilosophie darin,  unbedingt gültige  Prinzipien des  Handelns  ausfindig zu machen, so wäre sicherlich die empirische Psychologie unvermögend zur Lösung des Moralproblems. Aber  dieses  Problem ist  überhaupt  unlösbar. Denn die Gesamtheit der empirischen Bedingungen einer Handlung ist uns niemals gegeben; über sie läßt sich a priori nicht das Geringste ausmachen. Auf dieser richtigen Erkenntnis beruhen die meisten Einwände, die der ethische Skeptizismus seit Jahrhunderten gegen die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Moralphilosophie erhoben hat. Was KREIBIG, in seiner jüngst erschienen Geschichte und Kritik dieser Geistesrichtung, Stichhaltiges gegen die ethische Skepsis vorzubringen weiß, das läuft alles auf eine Kritik dieser Verschiebung des Moralproblems hinaus. (26)

In Bezug auf einzelne Handlungen kann es synthetische Urteile a priori (im Sinne KANTs) nicht geben. Wird die Frage der Moral dennoch so gestellt, so ist der Schritt ins Metaphysische unvermeidlich, so muß, in mehr oder weniger bestimmter Weise, eine absolute Intelligenz, eine untrügliche Instanz, wie KANT sie in der intelligiblen Welt vermutete, irgendwo angenommen werden. Und damit sind natürlich die Grenzen der Erfahrung überschritten. Ganz anders verhält es sich mit der Frage nach einem unbedingt gültigen Prinzip der moralischen  Beurteilung  von Persönlichkeiten (ihrer Gesinnung nach). Diese Frage ist das wirkliche Grundproblem der Moralphilosophie; und sie läßt sich meines Erachtens durch eine empirisch-psychologische Analyse eindeutig beantworten, in ganz analoger Weise, wie das Problem der transzendentalen Analytik. Erst nachdem das oberste Prinzip der moralischen Beurteilung, d. h. das absolut gültige Werturteil wissenschaftlich festgestellt ist, können über den moralischen Wert einzelner Urteile von bedingter Gültigkeit - durch Anwendung des Prinzips - gefällt werden.

Durch die vorstehenden Ausführungen dürfte der Nachweis erbracht sein, daß KANTs Ablehnung der empirischen Psychologie zur wissenschaftlichen Begründung der Moral im Wesentlichen auf zwei Unklarheiten beruth, einmal in Bezug auf den erkenntnistheoretischen Begriff der Erfahrung, ferner hinsichtlich der moralphilosophischen Fragestellung. Daß tatsächlich eine rein empirisch-psychologische Theorie der Moral möglich sei, dieser Nachweis wird nicht anders zu führen sein, als durch den Entwurf einer solchen psychologischen Moraltheorie, wie er im Folgenden versucht werden soll. (27)

Vorher muß jedoch noch auf einen letzten Grund für KANTs Mißtrauen gegen eine psychologische Behandlung der ethischen Prinzipienfragen hingewiesen werden: KANT verwarf prinzipiell und mit Entschiedenheit jeden Versuch einer  eudämonistischen  Begründung der Moral. Andererseits aber  identifizierte  er eudämonistische und psychologische Ethik.' Gerade deshalb meinte er, mit dem ethischen Eudämonismus auch die psychologische Methode abweisen zu müssen.
LITERATUR - Felix Krueger, Der Begriff des absolut Wertvollen als Grundbegriff der Moralphilosophie, Leipzig 1898
    Anmerkungen
    1) Am  absoluten  Wert gemessen, muß natürlich jeder Wert, der damit nicht völlig identisch ist, zu einem relativen werden.
    2) HERBART, Bemerkungen über die Ursachen, welche das Einverständnis über die ersten Gründe der prakt. Philosophie erschweren, Werke XII (Ausgabe HARTENSTEIN),, Seite 18
    3) Unter den Neueren z. B. '*KARL VORLÄNDER, Der Formalismus der kantischen Ethik in seiner Notwendigkeit und Fruchbarkeit, Marburg 1893, Seite 18f. - Vgl. HERMANN COHEN, Kants Begründung der Ethik, Berlin 1877, Seite 135f. Dort sind auch die wichtigsten Belegstellen aus KANT angeführt. - Zahlreiche weitere Belege für KANTs Stellung zur Psychologie, aus den verschiedensten seiner Schriften, finden sich in dem mit philologischer Genauigkeit geschriebenen Buch HEGLERs. Die Psychologie in Kants Ethik, Freiburg i. B. 1891.
    4) Einige Bemerkungen hierzu enthält meine kleine methodologische Streitschrift: "Ist Philosophie ohne Psychologie möglich?", München 1896
    5) KANT hat hierfür auch den Namen "Metaphysik".
    6) Vgl. hierzu die Ausführungen von HANS CORNELIUS, Psychologie als Erfahrungswissenschaft, Leipzig 1897, Seite 342 und 40, Anm. 128
    7) CARL STUMPF, Psychologie und Erkenntnistheorie, Abhandlung der bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1891, Seite 29
    8) Von KANTs Ethik scheint mir die Bemerkung STUMPFs (a. a. O. Seite 29) ganz besonders zu gelten: "Die Vernachlässigung der Psychologie ist nicht, wie man sie vielfach hinstellt, eine nebenhergehende und irrelevante Eigenheit, sondern sie ist ein Grundschaden des kantischen Philosophierens."
    9) In der Vorrede zur "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten; Originalausgabe, Riga 1785, wird es besonders klar, daß KANT gerade aus diesem Grund eine "reine Moralphilosophie" forderte, "die von allem, was nur empirisch sein mag, ... völlig gesäubert wäre."
    10) Die  naturwissenschaftliche  Methode ist nur ein Spezialfall der  empirischen  Methode überhaupt. Die unberechtigte Gleichsetzung dieser beiden Begriffe, auf die ich schon weiter oben zitierten Schrift ["Ist Philosophie ohne Psychologie möglich?"] hinzuweisen Gelegenheit hatte, richtet viel Verwirrung an; auf diese Unklarheit geht z. B. auch die Polemik LUDWIG WOLTMANNs, Kritische und genetische Begründung der Ethik, Freiburg i. B. 1896, gegen diese "psychologisierenden Moralphilosophen" zurück.
    11) Vgl. das vierte Kapitel des oben zitierten Werkes von HANS CORNELIUS, a. a. O., mit dem Gesagten, insbesondere Seite 348 - 350 und die Anmerkung Nr. 130 auf Seite 440; ferner Seite 87 - 991
    12) KANT, Kritik der reinen Vernunft, 1781, Edition KEHRBACH, Seite 114
    13) KANT, Kritik der reinen Vernunft, 1781, Edition KEHRBACH, Seite 49
    14) In neuerer Zeit z. B. von HERBART, Bemerkungen über die Ursachen, welche das Einverständnis über die ersten Gründe der prakt. Philosophie erschweren, Werke XII (Ausgabe HARTENSTEIN), Seite 26f - Besonders klar sind in dieser Beziehung die Ausführungen von GIZYCKIS in seiner "Moralphilosophie", Leipzig 1888, Seite 250 - 277. Man lese übrigens bei KANT selbst KANT, Kritik der reinen Vernunft, 1781, Edition KEHRBACH, Seite 440, Anm: "Unsere Zurechnungen können nur auf den  empirischen  Charakter bezogen werden."
    15) Diese Anschauung haben schon die  Stoiker,  meines Wissens zum erstenmal, vertreten und begründet. Siehe die Belegstellen bei WILHELM WINDELBAND, Geschichte der Philosophie, Freiburg i. B. 1892, Seite 152
    16) Zum Beispiel Grundlegung zur Metaphysik der Sitten; Originalausgabe, Riga 1785, Seite 20: "zum Richtmaß ihrer Beurteilung."
    17) KANT, Kritik der praktischen Vernunft, 1788, Ausgabe KEHRBACH, Seite 37
    18) Grundlegung, Seite 15: "Es kann also nichts anders als die  Vorstellung des Gesetzes  an sich selbst, ... sofern sie ...  der Bestimmungsgrund des Willens ist,  das so vorzügliche Gute, welches wir sittlich nennen, ausmachen." - Oder Kritik der praktischen Vernunft, Seite 36f: "Der Wille wird als unabhängig von empirischen Bedingungen, mithin als reiner Wille,  durch die bloße Form des Gesetzes als bestimmt  gedacht." - Ähnlich Grundlegung, Seite 50, Anm. und viele andere Stellen. Die Anmerkung zu Seite 38 der Grundlegung ist zweideutig.
    19) KANT, Grundlegung einer Metaphysik der Sitten, Seite 60
    20) KANT, Kritik der praktischen Vernunft, 1788, Ausgabe KEHRBACH, Seite 87f
    21) Ähnlich schon in der Grundlegung, Seite 14
    22) KANT, Grundlegung, Seite 61f; auch die Vorrede.
    23) Diese Unklarheit geht bei einigen von KANT stark beeinflußten Ethikern so weit, daß sie zuweilen zum schlechtesten aller Argumente greifen und (wie das in der Moralphilosophie leider vielfach vorkommt) dem Gegner seine abweichende Überzeugung ins Gewissen schieben. So betonte WOLTMANN, Kritische und genetische Begründung der Ethik, Freiburg i. B. 1896, Seite 17, mit Berufung auf den großen Moralprediger FICHTE, das Sittengesetz sei "nicht so sehr ein  Wissen als in erster Linie ein  Gewissen".  Wer das formale Prinzip nicht anerkenne, dem müsse man eben "die subjektive Befähigung zum moralphilosophischen Verständnis absprechen." Ein theoretischer Moralskeptiker könne nicht überzeugt werden, sondern bedürfe vielmehr einer "Kultur". - Ähnlich äußert sich zuweilen VORLÄNDER. Gelegentlich Der Formalismus der kantischen Ethik in seiner Notwendigkeit und Fruchbarkeit, Marburg 1893, Seite 33, Anm. macht er - und das ist höchst charakteristisch - dem ARISTOTELES Vorwürfe, wer er der Urheber des häßlichen Gegensatzes von "Theorie und Praxis" sei. - Mag man es noch so häßlich finden, wenn sich jemand in seinem praktischen Verhalten hinter diesen Gegensatz verstecken will. In der Moral wissenschaft  muß der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, zwischen wissenschaftlicher Erklärung und dem zu Erklärenden aufs strengste festgehalten werden.
    24) KANT, Kritik der praktischen Vernunft, 1788, Ausgabe KEHRBACH,, Seite 80
    25) Eine Anmerkung in der Grundlegung (Seite 80) unterscheidet zwischen "Teleologie" (im Sinne einer teleologischen Naturbetrachtung) und "Moral" (im Sinne von Moralphilosophie) folgendermaßen: "Dort ist das Reich der Zwecke eine theoretisch Idee zur Erklärung dessen, was da ist. Hier ist es eine praktische Idee,  um das, was nicht da ist ... zustande zu bringen."  - Auch COHEN, Kants Begründung der Ethik, Berlin 1877, Seite 148f, statuiert einen prinzipiellen Gegensatz zwischen moralphilosophischer Einsicht und jeder anderen Art wissenschaftlicher Erkenntnis. Es wird freilich durch seine Ausführungen nicht völlig klar, wie er diesen Gegensatz, wie er sich das Verhältnis zwischen moraltheoretischer und empirisch-wissenschaftlicher Einsicht näher vorstellt; denn den obersten Sätzen der Moralphilosophie soll doch ein höherer Grad von Gültigkeit zukommen, als den sogenannten  Postulaten,  die KANT selbst als "Glaubenssachen" bezeichnet.
    26) *JOSEF CLEMENS KREIBIG, Geschichte und Kritik des ethischen Skeptizismus, Wien 1896. Leider tritt das bei KREIBIG, infolge seiner eigenen unzureichenden psychologischen Analyse des Tatbestandes, nicht deutlich genug hervor. Wie denn überhaupt das historisch höchst interessante Werk durch seine sachlichen philosophischen Ausführungen keinen konsequenten Moralskeptiker überzeugen dürfte. Das wird vom Standpunkt des Sozialutilitarismus aus niemals gelingen.
    27) Kap. III und IV.