p-4 Die subjektive Natur des WertesWerttheorie und EthikSollen und Wert    
 
HEINZ HARTMANN
Psychoanalyse und Wertproblem

"Aus der analytischen Empirie führt kein berechtigter Weg zu wertenden Stellungnahme. Allgemein: eine  Wertordnung  kann niemals aus einer  Seinsordnung  abgeleitet oder auf ihr aufgebaut werden. Aber die Erfahrung lehrt, daß dieser grundsätzlich so einfache Sachverhalt in allen Wissenschaften, deren Gegenstand das menschliche Handeln ist, immer wieder außer acht gelassen wird, sobald konkrete Fragestellungen in Rede stehen."

"Nach einem tiefen Wort von Schopenhauer ist Voraussetzung der Objektivität die Fähigkeit, auf den zu erkennenden Gegenstand den  Blick der Entfremdung  zu werfen; sofern Objektivität gegenüber seelischem Geschehen zu den Wirkungen der Analyse gehört, werden wir auch diese veränderte Einstellung zu erwarten haben. Und schließlich: wir sind gewohnt, ein Plus an  Realitätsangepaßtheit  als Wirkung der Analyse zu buchen; wenn wir uns zwingen, die Wertakzente auszuschalten, die den einzelnen Wörtern so deutlich anhaften, werden wir erkennen, daß es im Grunde von hier bis zum Begriff der  Entzauberung  nicht sehr weit ist."

"Wir können als Analytiker wohl sagen, daß bestimmte Folgen der Analyse den  faktisch  von einer großen Zahl von Menschen positiv (oder negativ) bewerteten Verhaltensweise zuzurechenen sind - wenn aber jemand urteilt, die Folgen der Analyse  seien  wesentlich wertvoll oder umgekehrt, so tut er das unter der Verantwortung seines - empirisch subjektiven - Wertsystems und weder auf die Analyse noch auf sonst eine Tatsachenwissenschaft kann dafür rekurriert werden. Anders ausgedrückt: es gibt in dieser Frage keine Stellungnahme  der Analyse,  vielmehr lediglich eine Stellungnahme  des Analytikers". 

"Wir werden statt von einem seelischen  Wesen  der historischen Entwicklung richtiger von einer psychologischen  Einstellung  zur Problematik der Geschichte reden müssen. Denn hinter solchen Aussagen über das  Wesen  geisteswissenschaftlicher Entwicklungen verbirgt sich meist ein:  ich will, daß es so sei,  und eine  Wertung  der zugrunde gelegten Elemente."

Wenn wir versuchen, uns über die mannigfaltigen Fragen Klarheit zu verschaffen, die sich aus der gegenseitigen Beziehung der Psychoanalyse zu den Wertproblemen ergeben, so rechtfertigt sich dieser Versuch zunächst durch das Bedürfnis nach einer  theoretischen  Besinnung auf die analytischen Grundpositionen. Es ist nicht  lediglich  ein subjektives Bedürfnis, das in dieser Denkrichtung zum Ausdruck kommt, vielmehr stehen darüber hinaus eminente  sachliche  Notwendigkeiten in Frage. Dazu kommt, daß die Psychoanalyse bisher gerade diesem wichtigen Gedankenkreis nur sehr selten ihr Interesse zugewendet hat. Die Analyse steht durch ihren Gegenstand mitten drin in Wertungsproblemen. Anders und mehr als bei irgendeiner anderen Wissenschaft führt jeder Schritt auf analytischem Gebiet in Wertprobleme hinein. Die menschlichen Triebäußerungen und Interessen sind ja ihr vornehmstes Arbeitsfeld, und daß ein Zusammenhang zwischen Trieb- und Willensvorgängen und individuellen Wertsetzungen besteht, dürfen wir vorweg voraussetzen - wie immer sich uns sonst das Verhältnis von Psychoanalyse und Werturteil gestalten mag; es kommt hinzu, daß die Psychoanalyse als  Therapie  ja auch in der praktische Handeln hineinreicht. Sie tut das aber auch in stets wachsendem Maße in ihrer Anwendung auf die  Pädagogik  und wird es vermutlich über kurz oder lang in politischen, psychotechnischen und anderen Anwendungen tun - daher hat es für uns auch eine, wie mir scheint, sehr hoch einzuschätzende  praktische  Bedeutung, uns klar zu werden, in welche Beziehungen denn die analytische Empirie zum Handeln treten kann. Schließlich können uns diese Überlegungen, wie Sie sehen werden, auch etwas über die  geisteswissenschaftlichen  Möglichkeiten der Analyse lehren. Ich kann die Fragen, um die es sich dabei handelt, hier und heute natürlich nur ganz skizzenhaft andeuten. Es wird wesentlich meine Aufgabe sein, die  Probleme  zu umreißen und sie Ihrer Stellungnahme zugänglich zu machen. Dabei sollen uns von den Wertproblemen vor allem jene interessieren, die sich aus der Beziehung zu  ethischen  Fragestellungen ergeben.

Psychoanalyse ist eine  empirische  Wissenschaft, und zwar ist sie, nach ihrer Methode klassifiziert, Naturwissenschaft vom Seelischen. Sie ist weiters als eine wesentlich  genetisch  verfahrende Disziplin zu kennzeichnen. In letzter Linie tendiert sie auf eine  allgemeine Theorie  des menschlichen Seelenlebens. Stellen Sie sich nun vor, die Analyse hätte zu ihren reichen bisherigen Ergebnissen noch viele andere hinzugefügt: sie könnte dann von jedem einzelnen seelischen Zustand oder Vorgang die Vorstufen angeben, aus denen er sich entwickelt hat, ja sie könnte auch - bis zu einem gewissen Grad wenigstens - menschliche Entwicklungswege prognostizieren. Nun, manche meinen, daß sich aus einer so vollkommenen Kenntnis der seelischen Gesetzlichkeiten doch auch ganz neue  Zielsetzungen  für die Pädagogik, für die Ethik geben müßten. Aber so liegen die Dinge nicht - und damit kommen wir zum ersten der uns heute interessierenden Probleme, zur Frage nämlich nach der Beziehung von analytischer  Empirie  und  Werturteil. 

Machen wir uns zunächst klar: wenn wir als Therapeuten oder Pädagogen bewußt handeln, sind wir von  Wertungen  geleitet. Wir erstreben ein Gut oder die Verwirklichung eines Wertes, und wo unser Handeln Mittel zum Zweck ist, wird eben dieser Zweck von uns als wertvoll (im weitesten Sinn) beurteilt. In solcher Weise aber müssen wir als Therapeuten wie als Pädagogen unaufhörlich Stellung nehmen. Nun hat man gesagt: wenn uns die Analyse lehrt, die Heilung eines Menschen sei von einer bestimmten Voraussetzung abhängig, so ergibt sich daraus mit  Notwendigkeit  die Forderung, diese Voraussetzung zu schaffen. Oder: die Analyse hat uns die ungeheure Macht des Sexualtriebs und im besonderen seine Bedeutung für die seelische Gesundheit kennen gelehrt; also, hört man oft, dürfe die Sexualmoral die konventionelle Eindämmung des Trieblebens nicht länger dulden. Nach diesem Schema sind nun alle Ableitungsversuche von ethischen Stellungnahmen aus analytischen Ergebnissen gebaut. Sie verstehen aber, daß eine solche "Ableitung" im Grunde ganz unzulässig ist. Denn das Werturteil, das hier angeblich aus der analytischen Empirie hergeleitet wird, ist ja tatsächlich als geltend schon  vorausgesetzt.  Also z. B. in unserem ersten Fall, daß Gesundheit etwas unbedingt Erstrebenswertes ist, dem andere Werte untergeordnet werden müssen. Ich glaube, der Sachverhalt geht schon aus diesem Beispiel ganz klar hervor: Werturteile oder Postulate für das praktische Verhalten können aus Tatsachenfeststellungen  niemals  abgeleitet werden. Wo es den Anschein haben mag, daß einer solche Ableitung stattfindet, liegt tatsächlich die, wie man meint, zu "beweisende" Wertung, Forderung usw. immer schon als Voraussetzung zugrunde. Natürlich sind die Dinge nicht immer so einfach wie in unserem Beispiel aus der Therapie. Geben wir ein anderes: wir wissen, daß dem infantilen Schau- und Wißtrieb eine genetische Beziehung zum  wissenschaftlichen  Denken einerseits, zur  Zwangsneurose  andererseits zukommt. Nehmen wir einmal an, wir hätten als Pädagogen die Möglichkeit, ein Kind in der Richtung auf Triebbefriedigung, auf Verdrängung oder auf Sublimierung zu beeinflussen. Was tun wir, wenn wir uns für eine dieser Möglichkeiten entscheiden? Was tun wir, wenn wir uns für eine dieser Möglichkeiten entscheiden? Wir entscheiden uns tatsächlich im Sinne einer bestimmten  Rangordnung  der Werte, z. B. im Sinne einer höheren Wertung der Gesundheit, oder der wissenschaftlichen Leistung gegenüber anderen möglichen, z. B. im engeren Sinne pädagogischen Zielsetzungen (oder umgekehrt) - aber eine solche  Höherwertung,  die übrigens empirisch immer  subjektiv  sein muß, kann sich durch keinerlei analytische Erfahrung welcher Art immer legitimieren. Genau so liegt die Sache bei der Frage der infantilen Onanie. Setzen wir einmal ihre Wirkungen als restlos bekannt voraus; aber die Frage, ob wir sie verbieten oder gestatten  sollen,  läßt sich aus der analytischen Empirie niemals entscheiden. Tatsächlich wurden ja auch von Analytikern beide Standpunkte vertreten und es wäre ganz aussichtslos, sie analytisch "beweisen" zu wollen. Ebensowenig darf sich natürlich die  Forderung  nach Polygamie oder nach Monogamie, nach dieser oder jener politischen oder religiösen Einstellung auf analytische Ergebnisse berufen. Ob man beim Kind die Spaltung in  Gewissen  und  Ich  fördern oder hindern soll, ist nur aufgrund einer wertenden Stellungnahme zu entscheiden, nicht aber aus der analytischen Erfahrung zu beantworten; ebenso die Frage, ob ein ethischer Erziehungserfolg, der nur durch eine neurotische Entwicklung erkauft werden kann, damit zu teuer bezahlt ist oder nicht. Wo entgegengesetzte Forderungen vertreten werden und die Analyse zur Entscheidung zu Hilfe gerufen wird, kann es sich, wenn eine solche Diskussion einen Sinn haben soll, immer nur darum handeln, daß bestimmte Werturteile von beiden Seiten vorausgesetzt werden - also etwa, im Falle Polygamie oder Monogamie, Gesundheitswerte oder bestimmte soziale Zustände, die positiv oder negativ bewertet werden - und daß nur die  technischen  Wege kontrovers sind, die zu diesen Zuständen hinführen. In Bezug auf solche technische Mittel kann die Analyse natürlich grundsätzlich eine Entscheidung bringen. Zweitens kann eine solche Diskussion, was ich hier nur nebenbei anmerken will, - vor allem MAX WEBER hat darauf hingewiesen, - den Vorteil bringen, daß die Gegner sich ihrer letzten Wertstandpunkte klarer bewußt werden. In Bezug auf die Feststellung solcher "technischen Mittel" haben wir der Analyse für Therapie, Pädagogik und andere Gebiete mitmenschlicher Einflußnahmen sehr bedeutende Fortschritt zu danken.

Die Meinung, es könne die Psychoanalyse uns letzte Zielrichtungen des praktischen Handelns in Ethik, Pädagogik usw. geben, hat sich also als irrig herausgestellt. Aus der analytischen Empirie führt kein berechtigter Weg zu wertenden Stellungnahme. Allgemein: eine  Wertordnung  kann niemals aus einer  Seinsordnung  abgeleitet oder auf ihr aufgebaut werden. Für jeden, der sich diese Grenze einmal klar durchdacht hat, sage ich damit im Grund etwas Selbstverständliches. Aber die Erfahrung lehrt, daß dieser grundsätzlich so einfache Sachverhalt in allen Wissenschaften, deren Gegenstand das menschliche Handeln ist, immer wieder außer acht gelassen wird, sobald konkrete Fragestellungen in Rede stehen. Der liebende und der hassende, der fürchtende und der hoffende, der kranke und der gesunde Mensch - kurz der lebendige Mensch, der Gegenstand der analytischen Forschung ist, ist ja gleichzeitig der vornehmste Gegenstand des Wertens. Gerade darum ist es bei der analytischen Arbeit praktisch so schwer, Tatsachen und Wertungen reinlich zu sondern. Daß diese Sonderung aber nicht nur ein Gebot intellektueller Redlichkeit erfüllt, daß vielmehr ihre Vernachlässigung auch eine Fehlerquelle für unsere tatsächlichen Befunde bedeutet, wird Ihnen ohne weiteres einleuchten. Als Analytiker verstehen wir ja am besten, wie sehr offene oder versteckte Wertungen unser Urteil über die Realität verfälschen können. Damit will ich es rechtfertigen, wenn ich bei diesem Punkt etwas nachdrücklicher verweilt habe. Nur anmerken möchte ich hier, daß die  Geltung  der Werturteile auf keine Weise empirisch "bewiesen" werden kann, - wir müssen sie als empirisch  subjektiv  ansehen, - und damit sind als empirisch  subjektiv  auch alle Forderungen gekennzeichnet, die letztlich in Werturteilen ihre Legitimation haben; ich erinnere Sie wieder an unsere Beispiele aus Pädagogik und Therapie.

Eine Bedeutung für das Werturteil kann der Psychoanalyse natürlich dort zukommen, wie es sich um die Klarstellung  faktischer  seelischer Zusammenhänge handelt: Irrtümer über die zu wertenden seelischen Vorgänge können korrigiert werden. Die Frage kann kontrovers sein, aus welcher seelischen Situtionen heraus, aus welchen Motiven eine bestimmte Handlung tatsächlich ausgeführt wird, und mit dem Seinsurteil über den seelischen  Tatbestand  kann auch seine Bewertung variieren. Wir sehen auch oft, daß ethische Systeme ihre Stütze - logisch mit Unrecht - in einem "Seinsgebiet" suchen, das dann gewöhnlich zum "Beweismittel" gewisser ethischer Forderungen zurechtgebogen wird. So sucht SENECA, dem die Sinnlichkeit verwerflich scheint, ein natürliches Leben aber erstrebenswert, den Beweis zu erbringen, daß die Sinnlichkeit im Grunde als Unnatur anzusehen sei. Wo sich also ein Wertsystem auf Urteile über seelische Gegenstände stützt und die Tatsachen  ad majorem gloriam dei  [zur größeren Ehre Gottes - wp] oder irgendeines anderen höchsten Gutes verfälscht werden, da kann die Psychoanalyse richtigstellen - aber eben wieder nicht die Wertungen, sondern die im Dienste bestimmter Wertsetzungen verfälschten Sachverhalte. Sie kann zeigen, daß in die Auffassung von seelischen Vorgängen versteckte Wertungen eingegangen sind (überall, in den vorwissenschaftlichen Eigenschaftsbezeichnungen wie auch in der wissenschaftlichen Charakterologie findet man solche versteckte Wertungen), und daß solche Werturteile, die sich hinter der Empirie verstecken, für die psychologische Erkenntnis gefährlich werden können. Solche versteckte Wertungen kann die Analyse weiter mit den  systematischen  Wertsetzungen des Individuum konfrontieren und damit dem Menschen zu einer besseren Kenntnis seiner ´ faktischen  Wertungenn verhelfen. Auf demselben Weg kann der Nachweis gelingen, daß die konkreten Wertschätzungen der Philosophen mit ihren formulierten Systemen nicht im Einklang stehen. Wendet man diese Methode gegen die eigene Person, so lern man, seine eigenen letzten Wertstandpunkt reiner zu erkennen und vielleicht auch die eigene wissenschaftliche Arbeit von der unerlaubten Einmengung normativer Gesichtspunkte freizuhalten. In Fällen wie den eben besprochenen kan die analytische Empirie den konkreten Werturteilen (und auch ihrer Systematik) Dienste erweisen, niemals aber so, daß diese aus jener abgeleitet wären.

Bei bestimmten Typen ethischer Systeme, die man als  "Zielethik"  zusammenfassen kann, fällt von dem bewerteten Ziel ein Abglanz auf die vorbereitenden Stufen, auf die hinleitenden Weg, die "ansich" relativ wertindifferent sein können. Mit der besseren Einsicht in Struktur und Dynamik dieser Wege - und diese Kenntnis kann uns, sofern es sich um Seelisches handelt, die Analyse vermitteln - kann auch eine Verschiebung der Wertakzente erfolgen. Aber hier stehen eben nur "abgeleitete" Werte in Frage (man hat auch von "technischen" Werten gesprochen); die Setzung der  Endwerte,  jener Werte also, welche diesen Systemen ihre eigentliche Prägung geben, kann auch hier auf keinerlei Empirie aufgebaut werden. Übrigens kann jene Möglichkeit im Rahmen aller anderen Typen von Wertsystemen, welche den Zweckcharakter der Werte leugnen, natürlich keine Rolle spielen.

Sofern endlich das Nebeneinander gegensätzlicher Weltanschauungen nicht nur ideelle Kämpfe bedeutet, sondern auch Machtkämpfe, versuchen ihre Vertreter durch "Lustprämien" oder durch "Verheißungen" Anhänger an sich zu ziehen. Jetzt wird die Überlegenheit der Weltanschauung nicht mehr aus der Geltung der zugrundegelegten Werte gerechtfertigt, sondern durch die vermeintlichen Folgen, die sich aus ihrer Annahme für ihre Bekenner ergeben; also etwa: Seelenfrieden, Glück, Lebensgenuß usw. Auch auf diesem Boden, der ja weit in politisches Gebiet hineinreicht, können analytische Erfahrungen, soweit die Verheißungen seelische Zusammenhänge betreffen, grundsätzlich in die Waagschale fallen. Aber diese letzte Anwendung hat uns weitab geführt von unserem eigentlichen Problem.

Einige Schwierigkeiten und Unsicherheiten der Wertung, von welchen zumindest die ersten beiden gerade die erweiterte psychologische Erfahrung der Analyse besonders deutlich hervortreten läßt, will ich kurz streifen. Zunächst möchte ich vom  "genetischen Irrtum"  sprechen. Man hat gemeint, der Wert z. B. einer kulturellen Leistung werde vermindert, wenn man nachweisen könne, daß sie sich  genetisch  aus Triebquellen - nehmen wir an: sadistischen - herleitet, die im allgemeinen als wertniedrig beurteilt werden. Umgekehrt hat man gesagt: weil aus der Quelle des Sadismus wertvolle kulturelle Leistungen gespeist werden, müssen wir unser Werturteil über diesen Partialtrieb revidieren. Beides ist  unrichtig.  Der Wert der genetischen Komponenten entscheidet  nicht  über den Wert einer Handlung, einer Leistung, eines Vorsatzes usw. Auch uns liegt dieser Irrtum gelegentlich nahe: wie sagen oft (im übertragenen Sinne) von jemandem, er sei in narzistischer, ein sadistischer, ein zwangsneurotischer Mensch; und wenn wir näher zuhören, können wir oft ganz deutlich aus solchen Äußerungen ein Werturteil heraushören, das im Grunde einer genetischen  Vorstufe  gilt, die für uns als erklärende Analytiker von besonderer Bedeutung ist - aber dieses Werturteil wird nun eben fälschlich auf das Entwicklungs ergebnis  übertragen. Dasselbe gilt von dem Urteil: diese Handlung sei "bloßer" Masochismus oder "nichts anderes als" Homosexualität usw. Es ist grundsätzlich  unmöglich,  das Werturteil über menschliches Verhalten aus den Werturteilen über die genetischen Determinanten dieses Verhaltens herzuleiten.

Damit hängt nun eine andere Schwierigkeit zusammen; wir können sie als die  "topische"  bezeichnen. Wir wissen durch die Analyse, daß im Unbewußten seelische Vorgänge ablaufen, die sehr weitgehend in Analogie zu den bewußten gedacht werden dürfen und auch den bewußten analog bezeichnet werden. Aber aus der Deutung der unbewußten Vorgänge nach Analogie der bewußten darf  nicht  das Recht zu einer analogen  Wertung  abgeleitet werden. Wenn wir das Unbewußte in unsere Wertungen einbeziehen, so kann das nur unter der Voraussetzung geschehen, daß wir nicht auf dem Standpunkt einer Ethik des bewußten "guten Willens" stehen, sondern Wert und Unwert der  Gesamtpersönlichkeit  beurteilen, und dann bestimmt sich eben der Wert aus dem Teilhabenn an der bewerteten "Eigenschaft". Damit ist schon gesagt, daß hier die strukturelle Stellung entscheidet, und daß also die psychologische Analogisierung bewußter und unbewußter Vorgänge nicht zu einer Analogsetzung ihrer Bewertung führen darf. Sie verstehen, wie unberechtigt es wäre, Heuchelei und Verdrängung gleich zu werten. Ganz deutlich tritt uns dieser  "topische Irrtum"  bei NIETZSCHE entgegen, der immer von der "Verlogenheit" der "guten" Menschenspricht, wenn in Wirklichkeit die Verdrängung niedrig bewerteter Regungen in Frage steht.

Der Wert einer Handlung kann also weder aus dem Wert ihrer genetischen Determinanten abgeleitet werden, noch auch kann die Bewertung eines seelischen Vorgangs von der Topik absehen, d. h. es können unbewußte Regungen nicht so bewertet werden, als ob sie bewußte wären und umgekehrt. Ob ein Mensch mit einem bestimmten Mischungsverhältnis sadistischer, masochistischer, narzißtischer, oraler, analer Tendenzen, mit einem bestimmten Verhältnis des Über-Ich zum Ich ein  wertvoller  Mensch ist oder nicht - das läßt sich nicht durch  Analogiewertungen  konstruieren; unsere Aufgabe kann nur sein, zu untersuchen, welche analytische Struktur denn der  faktisch  - unter Zugrundelegung irgendeines Wertsystems - positiv oder negativ bewertete Mensch zeigt. Hier eröffnet sich der Analyse ein wichtiges Arbeitsfeld - nur die Analyse wird imstande sein, ihm gerecht zu werden.

Die dritte und letzte Schwierigkeit, die wir besprechen wollen, wollen wir als die  "therapeutische"  bezeichnen. Sie betrifft nicht nur die Analyse, sondern  jede  Therapie, die eingreifende seelische Veränderungen zu setzen vermag, und besteht darin, daß der Therapeut immer geneigt ist, die Gesundheitswerte als objektiv den anderen Wertgebieten übergeordnet zu beurteilen. Diese Überordnung ist ihm meist so selbstverständlich, daß ihm das Problem, das hier zugrunde liegt, nicht selten gar nicht zu Bewußtsein kommt. Aber selbstverständlich ist diese Wertung  nicht;  wir müssen sie nicht nur als subjektiv bezeichnen (wieder im empirischen Sinn), sondern darüber hinaus istes sehr wahrscheinlich, daß es Menschen, für welche die Gesundheitswerte  tatsächlich  die höchsten bedeuten, gar nicht gibt - obgleich diese Möglichkeit theoretisch natürlich nicht bestritten werden kann. Was hier vorliegt, ist eine Verwechslung der berufsethischen mit den allgemeinethischen Normen. Für denjenigen, der das Heilen zu seinem Beruf macht, gilt der "therapeuthisch Imperativ"; er wird von sich verlangen, daß er, soweit es in seiner Macht steht, in der Regel auch dann für die Gesundheitswerte Partei ergreife, wenn dadurch andere Werte gefährdet werden können, die er selbst außerhalb der therapeutischen Situation als übergeordnet einschätzen würde. Trotzdem werden wir sagen müssen: es ist durchaus nicht so, daß der Therapeut für seine Berufsimperative allgemeine höhere Geltung beanspruchen könnte oder gar diese höhere Geltung als selbstverständlich voraussetzen dürfte. Wir werden verlangen können, daß der Therapeut die Besonderheiten seiner "Berufsethik" von seinen "allgemein"-ethischen Stellungnahmen zu scheiden versteht.

Nun möchten wir gerne wissen, welches denn die  faktischen Wirkungen  der Analyse auf die Weltanschauungen unserer Zeit oder der Zukunft sein mögen? Die Frage geht also jetzt  nicht  nach der  logischen  Beziehung zwischen Empirie und Wertsystem - wir fragen vielmehr, welches der tatsächliche, empirisch feststellbare Einfluß der Analyse ist oder sein kann. Es versteht sich von selbst, daß diese beiden Problemkreise sich  nicht  decken: so haben wir gehört, daß keinerlei logische Berechtigung besteht, eine Wertung auf einer Tatsachenfeststellung aufzubauen (auf die Ausnahme der "abgeleiteten" Werte will ich an dieser Stelle nicht wieder eingehen); trotzdem unterliegt es keinem Zweifel, daß es Menschen gibt, für die z. B. die Zurückführung einer geistigen Haltung etwa auf infantile Sexualerlebnisse eine  Entwertung  dieser Haltung bedeutet - es steht für uns fest, daß dies logisch mit Unrecht geschieht, aber daß tatsächlich solche Wirkungen vorkommen, halte ich für unleugbar. Ich will dieses Beispiel für eine mögliche Einflußnahme der Psychoanalyse auf das weltanschauliche Gebiet deshalb wählen, weil diese Wirkung die heute am meisten umstrittene ist. Natürlich erschöpft sich damit die tatsächliche Bedeutung der Analyse für die Weltanschauung unserer Zeit durchaus nicht; sie verändert, wie Sie alle wissen, in der Regel die Stellung zum Triebleben, sie ist oder kann sein eine Schule intellektueller Redlichkeit, eine Schule der Konsequenz, sie kann zu einer Vereinheitlichung des Ich führen, zu einer schärferen Scheidung von Phantasie und Realität usw. Von allen diesen Punkten her findet eine formende Wirkung auf die Grundelemente der weltanschaulichen Stellungnahme statt.

Bleiben wir also zunächst einmal bei dieser Möglichkeit einer entwertenden Wirkung. Nur im Vorübergehen will ich daran erinnern, daß eine solche Wirkung jeder  erklärenden  Stellungnahme zum Erleben zukommen kann: so wird die physikalische und auch die physiologische Theorie der Farbenempfindung von Gemütern einer bestimmt zu umschreibenden Beschaffenheit als unberechtigter Eingriff in ihr Erleben beurteilt und als  Entwertung  ihrer Empfindungen erlebt. Wir ahnen, daß die "Reduktion der Qualitäten" des Erlebens (unter Qualitäten verstehen wird hier: blau, süß, aber auch angenehm, unheimlich usw.), ihre Zurückführung auf naturgesetzliche Vorgänge immer zu dieser Wirkung führen kann. Wir verstehen auch, daß ihr diese Bedeutung gerade auf seelischem Gebiet - bei entsprechend disponierten Menschen - in besonderem Maße zukommt, insbesondere aber dann, wenn die erklärende Betrachtung des Erlebens uns, wie bei der Psychoanalyse, zu Vorgängen führt, welche recht allgemeine als wertniedrig klassifiziert werden. Aber damit ist sicherlich nur eine  Teilursache  jener Wirkung der erklärenden analytischen Methode bezeichnet.

Für den Gesamtbereich dieser Wirkung hat MAX WEBER den Ausdruck "Entzauberung der Welt" gefunden. NIETZSCHE selbst, auf den man die Anfänge dieser gemeinten "Entzauberung" zurückzuführen pflegt, meint übrigens: "Wer die Natur des Menschen,  die Entstehung seines Höchsten begriffen hat, schaudert vor dem Menschen und flieht alles Handeln."  Ich erinnere Sie kurz daran, daß KLAGES, PRINZHORN, SEIDEL jenen Gedanken in den letzten Jahren in den Vordergrund eines leidenschaftlichen Für und Wider gerückt haben; SEIDEL spricht auch, wie Sie wissen, vom "Bewußtsein als Verhängnis".

Ich will nun versuchen, dieses Problem möglichst frei von jeder wertenden Stellungnahmevor Ihnen auszubreiten. daß der seelische Ablauf durch Bewußtwerden von früher Unbewußtem abgeändert werden kann, wir gerade uns als Analytiker nicht wundernehmen. Wir sehen darin heute nicht mehr  den  therapeutischen Faktor, doch aber ein sehr wesentliches Moment in der analytischen Behandlung. Die Annahme aber, daß als notwendige Folge einer durchgemachten Analyse beim Gesunden, um den es sich uns ja hier handelt, eine wesentliche Beeinträchtung der Erlebnis fähigkeit  und Erlebnis intensität  eintreten sollte, scheint sich mir durch die Erfahrung  nicht  bestätigt - und hier handelt es sich ja um ein Problem, das aus der Erfahrung und nicht deduktiv gelöst werden mß; beim Neurotiker wissen wir sogar, daß gerade das  Umgekehrte  die Regel ist. Selbstverständlich ist es auch  nicht  so, wie Gegner der Analyse offenbar meinen, daß der Analysierte sich bei jeder Handlung und bei jedem Gedanken aller Determinanten dieser Handlung oder dieses Gedanken bis hinunter ins zweite Lebensjahr bewußt wäre! Ich glaube aber, daß die  Stellung  zum eigenen Erleben bei gewissen Menschen in der Tat nicht unwesentlich verändert werden kann und auch die Erlebnis färbung,  welche diesem oder jenem Teilgebiet des Lebens zukommt. Nach einem tiefen Wort von SCHOPENHAUER ist Voraussetzung der Objektivität die Fähigkeit, auf den zu erkennenden Gegenstand den "Blick der Entfremdung" zu werfen; sofern Objektivität gegenüber seelischem Geschehen zu den Wirkungen der Analyse gehört, werden wir auch diese veränderte Einstellung zu erwarten haben. Und schließlich: wir sind gewohnt, ein Plus an "Realitätsangepaßtheit" als Wirkung der Analyse zu buchen; wenn wir uns zwingen, die Wertakzente auszuschalten, die den einzelnen Wörtern so deutlich anhaften, werden wir erkennen, daß es im Grunde von hier bis zum Begriff der "Entzauberung" nicht sehr weit ist. Der Gegensatz besteht hier doch wesentlich in den Wertungen, denen die Tatsachen unterworfen werden. Aber von diesen Wertungen wollen wir ja absehen lernen!

Extensiv  bedeutender als die Wirkung der durchgeführten Analysen ist natürlich die Wirkung, welche wir dem Eindringen analytischer Erkenntnisse in das Bildungswissen unserer Tage zuschreiben müssen. Ob wir auch hier von einem "ernüchternden" Einfluß sprechen können, der die Realitätszuwendung, die "Entzauberung", oder wie immer Sie das nennen wollen, fördert, ist nicht sicher, aber es ist nicht unwahrscheinlich. Doch handelt es sich hier nur um unsystemisierte Eindrücke, und ich glaube, es wäre vorschnell, hier endgültig urteilen zu wollen.  Wenn  es aber richtig ist, daß der Analyse eine derartige Bedeutung zukommt, so müssen wir sagen, daß wir es hier offenbar nicht nur mit einem Einfluß der Analyse auf die Gegenwartskultur zu tun haben, daß vielmehr die  Möglichkeit  analytischen Denkens und die  Verbreitung  analytischen Wissens ihrerseits als  Ausdruck  bestimmter kultureller Wandlungen anzusehen sind.

Wir haben versucht, uns eine Wirkung der Analyse unter möglichster Ausschaltung von Werturteilen zu vergegenwärtigen. Wir fragen jetzt, welches dei Stellung des  Analytikers  zu diesem Problem sein kann, zur Frage also nach dem Werte  schaffenden  (von einer anderen Seite gesehen: Werte  zerstörenden Einfluß der Psychoanalyse. Man hat gesagt, für uns als Analytiker könne die Annahme einer entwertenden Wirkung der Analyse gar nicht in Frage kommen. Nun, das mag taktisch zweckmäßig oder unzweckmäßig sein,  wissenschaftlich  ist es falsch. Hier stehen wir wieder vor einer konkreten Anwendung unseres Problems: Psychoanalyse und Werturteil. Wer sich als Analytiker auf Empirie beschränkt, wer auf der anderen Seite das Verhältnis von Tatsachenfeststellung und Werturteil richtig erfaßt hat,  kann  zu jener Frage  wissenschaftlich  gar nicht positiv oder negativ Stellung nehmen. Wenn wir die Veränderungen, die durch die Analyse gesetzt werden, als wünschenswert, als wertvoll bezeichnen, tun wir das eben  nicht  in unserer Eigenschaft als Vertreter der analytischen Wissenschaft. Wir werden weiter erwarten müssen, daß die gemeinten postanalytischen Veränderungen von verschiedenen Wertstandpunkten aus  verschieden  zu beurteilen sind und werden sagen müssen, daß wir, sofern wir als analytische Empiriker verfahren, nicht befugt sein können, über die objektive Geltung oder Nichtgeltung der zugrunde gelegten Wertordnungen zu entscheiden. Es ist auch gesagt worden, eine Werte zerstörende - oder auf der anderen Seite, Werte schaffende - Wirkung der Analyse sei wohl möglich, aber nur dort, wo es sich um uneigentliche, um unechte oder Scheinwerte handelt. Wir verstehen, daß auch diese Aussage unter dem Schein einer empirischen Feststellung tatsächlich Gegenstände beurteilt, für die ein empirischer Beweis  grundsätzlich  unmöglich ist. Wir können also als Analytiker wohl sagen, daß bestimmte Folgen der Analyse den  faktisch  von einer großen Zahl von Menschen positiv (oder negativ) bewerteten Verhaltensweise zuzurechenen sind - wenn aber jemand urteilt, die Folgen der Analyse "seien" wesentlich wertvoll oder umgekehrt, so tut er das unter der Verantwortung seines - empirisch subjektiven - Wertsystems und weder auf die Analyse noch auf sonst eine Tatsachenwissenschaft kann dafür rekurriert werden. Anders ausgedrückt: es gibt in dieser Frage keine Stellungnahme "der Analyse", vielmehr lediglich eine Stellungnahme "des Analytikers".

Wir dürfen sagen: die analytische Methode rechtfertigt sich aus ihrem Erkenntniswert; die analytische Lehre aus ihrem Wahrheitsgehalt; die analytische Therapie aus ihrer Tauglickeit, neurotischen Menschen Gesundheit zu bringen. Das ist uns  wissenschaftlicher  und  ärztlicher  Standpunkt. Nun liegt es mir natürlich völlig fern, dem Analytiker das Recht auf Werturteile zu bestreiten oder das Recht auf eine kulturphilosophische Stellungnahme. Aber ich hoffe, es wird Ihnen klar geworden sein, daß in diesem Fall der Analytiker nicht mehr als  Analytiker  urteilt. Wir werden im Interesse einer rein empirischen Haltung der Analyse fordern dürfen, - und deswegen habe ich diesen Punkt etwas ausführlicher berührt, - daß jeder, der sich diesem Problemkreis nähert, ob Analytiker oder Gegner der Analyse, die Grenze zwischen seinen Befunden und seiner wertenden Stellungnahme zu diesen Befunden klar bezeichne. Diese Forderung ist theoretisch unschwer einzusehen, praktisch aber ist es ungemein schwierig, ihr gerecht zu werden.

Die Entwertungsbefürchtungen eines großen Teils der übrigen Menschheit haben die Vertreter der Analyse, hat vor allem FREUD als Widerstand gegen die Aufnahme der analytischen Lehren zu fühlen bekommen. Überlegen wir, auf welches Wertsystem sich der Analytiker demgegenüber tatsächlich beruft, so bleiben wir im Rahmen des Empirischen. Die Versuche einer ethischen Rechtfertigung sind mannigfaltig. FREUD findet die Rechtfertigung in einer besonderen Ethik des wissenschaftlichen Menschen, die es nicht erlaubt, ein Stück Erkenntnis preiszugeben, wenn auch noch so viele kulturelle Interessen sich seiner Annahme zu widersetzen scheinen. NIETZSCHE spricht in diesem Zusammenhang von einer Forderung des "intellektuellen Gewissens". Bleiben wir uns bewußt, daß dieser Überordnung der Erkenntniswerte über die anderen Wertgebiete  nicht  von allen Menschen Geltung zuerkannt wird. Für den Gelehrten aber ist sie seine Form der  "Berufsethik".  Ein Mensch, der wesensmäßig Gelehrter ist, verwirklicht die Gebote dieser Ethik auch dort, wo sie ihn zu schweren Konflikten mit anderen Forderungen führt, wo ihm eine Wahrheit als "gefährlich", als "böse" erscheint. Wir dürfen übrigens auf der anderen Seite feststellen, daß ihm die Befolgung seiner Gebote allen Widerständen zum Trotz eine intensive Befriedigung gewähren kann; wieder bei NIETZSCHE finden wir den Satz: "Den ganzen Umkreis der modernen Seele umlaufen, in jedem ihrer Winkel gesessen zu haben - mein Ehrgeiz, meine Tortur und mein Glück." Bedenken Sie, daß dieser Ausspruch von NIETZSCHE stammt, für den die  lebensfeindliche  Rolle des Intellekts feststand (und das heißt für ihn, der wesentlich nur vitale Werte anerkannte: die Werte gefährdende Kraft des Intellekts). Es ist sehr wohl möglich, daß sich der Gelehrte des Besonderen seiner Situation bewußt bleibt und er muß keinesfalls für die im Sinne seiner Berufsethik gelegene praktische Höherordnung der Erkenntniswerte  allgemeine Geltung  in Anspruch nehmen. So meint auch KLAGES: "Ob mir gleich die Neigung, ja die Leidenschaft zum Forschen und Erkennen innewohne, notwendig ist es  nicht,  daß ich darum diese Leidenschaft für das wertvollste Gut des Lebens halte." Sie sehen also, daß der Erkennende zum Problem der möglichen Tragweite seiner Erkenntnisse eine  besondere  Stellung einnimmt, die als berufsethische Norm sein Handeln diktiert; die  allgemeine  Rangordnung der Werte aber, die derselbe Forscher als Kulturphilosoph vertritt, kann eine  andere  sein.

Es gibt hier auch ein  taktisches  Problem, das vom wissenschaftlichen scharf gesondert werden muß. Jetzt handelt es sich also um Zweckmäßigkeitsfragen analytischer Politik: ist es etwa von diesem Standpunkt aus geboten, im Sinne einer bestimmten Weltanschauung Stellung zu nehmen? Ich denke: nein. Sie wissen, daß FREUD selbst gegen das "Fabrizieren" von analytischen Weltanschauungen aufgetreten ist. Es scheint mir, daß das Aufbauen einer psychologischen Disziplin auf einer Weltanschauung, wie wir es z. B. in der Individualpsychologie vor uns haben, auf die Dauer weder der Wissenschaft noch der Weltanschauung zum Vorteil gereichen kann - wenn auch zugegeben sein mag, daß die extensive Wirkung einer Wissenschaft auf diesem Weg vorübergehend eine Förderung erfahren kann.

Kehren wir zurück. Wir haben gezeigt, daß eine Wertordnung nicht auf einer Seinsordnung aufgebaut werden darf. Zum Verständnis der wertverwirklichenden Akte - der als "gut" bewerteten Handlung, des als "böse" verurteilten Vorsatzes usw. - können wir jedoch von den Ergebnissen der Psychoanalyse eine entscheidende Aufklärung erwarten. Wir wollen uns zunächst einem Grenzgebiet zuwenden, jenem Problemkreis, der durch den Begriff  "Psychologie der Weltanschauungen"  gekennzeichnet wird, und wollen gleichzeitig ein freilich nur skizzenhaftes Bild zu gewinnen trachten, welches dann überhaupt die geisteswissenschaftlichen Möglichkeiten der Psychoanalyse sein können. Weltanschauungen sind letzte Stellungnahmen gegenüber der Natur, dem Menschen, gegenüber der normativen Sphäre. In der wissenschaftlichen Erfassung dieses Gebietes zeichnen sich nun deutlich zwei Wege ab: der eine, psychologische, geht vom Menschen, von seinem Charakter und von seinem Erleben aus und versucht eine Zuordnung bestimmter Gruppen weltanschaulicher Systeme zu bestimmten charakterologischen, oder allgemeiner: psychologischen Typen zu geben. Man spricht hier - nicht ganz korrekt - auch von einer "Redukton" geistiger Erscheinungen auf "Lebensbegriffe". Beim anderen Weg liegt der Schwerpunkt nicht auf dem Menschen, der Schöpfer oder überhaupt Träger der Weltanschauung ist, sondern auf dem geistigen Gehalt des Systems. Hier werden also, um ein Beispiel zu geben, die menschlichen Eigenschaften SCHOPENHAUERs, seine Erlebnisse und seine Art, sich mit diesen Erlebnissen auseinanderzusetzen, unwichtig, wichtig dagegen der ideelle Gehalt seines Systems und die Struktur und systematische Gliederung der Systeminhalte. Dieser Gegensatz spiegelt sich auch in den methodischen Streitfragen der Geisteswissenschaften wider. So ist für die einen Gegenstand der Kunstgeschichte der Mensch, sei es ein Einzelner, sei es ein Volk, in seiner künstlerischen Tätigkeit; für die anderen aber das künstlerische Problem und seine historischen Gestaltungen. Aber den beiden wissenschaftlichen Betrachtungsweisen entsprechen auch gesonderte Erkenntnismethoden: man wird vorwiegen  erklärend  (oder "naturwissenschaftlich") verfahren müssen, wenn die Beziehung eines philosophischen Systems zu Anlage und Erlebnissen seines Schöpfers in Rede steht; die logische Gliederung der Inhalte des Systems erfassen wir aber  rational verstehen.  Über die Methode des "psychologischen Verstehens" und die Grenzen des Erkenntniswertes will ich an dieser Stelle nicht sprechen.

Es ist verständlich, daß auch die Bedeutung von Milieuwirkungen im Rahmen dieser beiden Typen geisteswissenschaftlicher Betrachtung eine verschiedene Beurteilung erfahren muß. Sie wissen, daß die Psychoanalyse nach Gegenstandsbereich und Methode zur energischsten Vertretung einer  psychologischen Weltanschauungslehre  berufen ist. In den geisteswissenschaftlichen Arbeiten der Analytiker wird dem  Erlebnis  eine dominierende Stelle eingeräumt. Im schärfsten methodischen Gegensatz hierzu sehen wir etwa die Werke GUNDOLFs, für den die historische Gestalt jenseits von Erlebnis und Milieuwirkung faßbar und darstellbar wird: "Deutung von Werk und Leben ist keine Auskunftei: wir greifen nicht  hinter  die Phänomene, mit der kleinlichen Suche nach einem zufälligen Woher, wenn uns das Was und Wie geheimnisvoll offenbar vorliegt."

Ich meine, wir sollten uns bewußt machen, daß diese methodischenn Gegensätze in der Beurteilung und Darstellung geisteswissenschaftlicher Probleme weitgehend in  weltanschaulichen  Gegensätzen gegründet sind; darin können wir ROTHACKER ("Logik und Systematik der Geisteswissenschaften") durchaus beipflichten. Es liegen Gegensätz der  Interessenrichtung  vor, die letztlich in  Wertungen  begründet sind. Wir dürfen dann sagen: die Geschichte der Philosophie  ist  wesentlich Geschichte seelischer Individualitäten oder - auf der anderen Seite -  ist  wesentlich Problemgeschichte, sondern richtiger: meine (empirisch beurteilt subjektive) wertende Stellungnahme zwingt mich, mein Interesse vorwiegend - in unserem Fall - der Erlebniswirkung zuzuwenden und damit den Gegenstand meiner historischen Untersuchungen so und nicht anders zu umgrenzen. Wir werden also statt von einem seelischen "Wesen" der historischen Entwicklung richtiger von einer psychologischen  Einstellung  zur Problematik der Geschichte reden müssen. Denn hinter solchen Aussagen über das  Wesen  geisteswissenschaftlicher Entwicklungen verbirgt sich meist ein: ich will, daß es so sei, und eine  Wertung  der zugrunde gelegten Elemente.

Die weltanschauliche Bedingtheit wissenschaftlicher Standpunkte, von der wir gesprochen haben, kommt dort zum Ausdruck, wo es sich um eine spezifisch  geisteswissenschaftliche  Problematik handelt. Für die Analyse also dort, wo sie, ihr ursprüngliches Forschungsgebiet überschreitend, in den Dienst geisteswissenschaftlicher Denkziele tritt. Auf ihrem eigentlichen Arbeitsfeld aber, wo sie nicht angewandte, sondern "reine" Wissenschaft ist, müssen wir nicht nur ihre Methode, sondern auch ihre Ziele als  naturwissenschaftlich  im strengen Sinn bezeichnen. Die Probleme und Lösungsversuche der Naturwissenschaften aber dürfen als sehr weitgehend unabhängig von weltanschaulichen Gesichtspunkten angesehen werden. Was nun die geisteswissenschaftliche Anwendung betrifft: das Erwachen oder das Abklingen des Interesses an der geisteswissenschaftlichen Anwendung der Psychologie überhaupt hat seine besonderen  kulturellen  Voraussetzungen. Psychologie bedeutet etwas ganz anderes im Zeitalter des Rationalismus als im Zeitalter des Entwicklungsgedankens usw. Es wäre eine ungemein reizvolle Aufgabe, diesen Gedankengang für die Analyse zu verfolgen und ihre geisteswissenschaftlichen Möglichkeiten innerhalb der verschiedenen Weltanschauungssysteme zu untersuchen. An dieser Stelle muß ich mir leider versagen, näher darauf einzugehen. Ich möchte nur noch, als Einschränkung unserer eben gemachten Annahme, hinzufügen, daß offenbar nicht nur die geisteswissenschaftlichen Lösungsversuche von explizit oder implizit zugrunde liegenden Wertsystemen her beindt zu sein scheinen, sondern daß  umgekehrt  wohl auch die tatsächlich erwiesene Fruchtbarkeit einer Methode das weltanschauliche Gesicht der Geisteswissenschaften zu verändern vermag (auch dazu vgl. ROTHACKER).

Wir stellen weiter fest, daß den weltanschaulichen Stellungnahmen des Einzelnen in Wissenschaft, Ethik, Religion, Politik usw. etwas Gemeinsames anhaftet, das wir als den "geistigen Stil" dieser Person bezeichnen können. Man kann empirisch feststellen, daß Vertreter bestimmter erkenntnistheoretischer Richtungen auch in Bezug auf ihre ethischen Anschauungen häufig übereinstimmen, daß ihre politischen Einstellungen gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen. Auch hinsichtlich dieser Frage möchte ich Sie auf die ausgezeichnete Studie von ROTHACKER hinweisen. Es ist sicherlich kein Zufall, wenn sich FREUD, der die analytische Wissenschaft begründet hat, zu einem rationalistischen Atheismus bekennt; leider kann ich auf diese für uns so wichtige Beziehung, welche die verschiedensten Seiten der Weltanschauung einer Person zusammenhält. ROTHACKER hat geradezu von einem  "Systemzwang"  gesprochen. Dagegen kann es leicht irreführend sein, wenn man, wie er es tut, hier von "Konsequenzen" spricht: daß eine  logische  Notwendigkeit Wertsystem und Empirie, Erkenntnistheorie und Ethik  nicht  verbindet, haben wir ja gesehen. Reden wir also, ohne etwas zu präjudizieren, von einer "Einheitlichkeit" des geistigen Stils und fragen wir, worauf diese zurückgeführt werden kann. Ich denke, hier sollte man scharf auseinanderhalten: die Tatsache der systematischen Beziehung der  Inhalte  zueinander, die als solche natürlich psychologische nicht auflösbar ist, und die andere Frage: warum die  Zuwendung  zu einem bestimmten, z. B. erkenntnistheoretischen System bei ein und derselben Person empirisch gerade mit dieser ethischen Einstellung verknüpft zu sein pflegt.  Diese  Frage scheint mir - trotz der gegenteiligen Meinung bedeutender Denker - psychologisch zugänglich zu sein. Da daneben die inhaltlichen Beziehungen für die Systembildung Bedeutung haben, ist nicht zu leugnen.

Sie wissen, daß großartige Versuche einer psychologischen Deutung von Weltanschauungen schon in der voranalytischen Epoche gemacht wurden und ich will Sie nur kurz an die genialen Einsichten NIETZSCHEs und an die bedeutsamen systematischen Versuche DILTHEYs, SPRANGERs und JASPERS' erinnern. Aber all diesen fehlte die Grundlage einer empirisch belegbaren psychologischen Typenlehre; diese Möglichkeit hat erst die Psychoanalyse geschaffen. Dem an der analytischen Neurosenlehre geschärften Blick fällt schon heute in der genetischen Beziehung von Erlebnis und Weltanschauung manche Einsicht in den Schoß, die der voranalytischen Psychologie unzugänglich sein mußte. Die verschiedenen weltanschaulichen Äußerungen (als Lebensäußerungen gefaßt) sind nur für die Analyse infolge der spezifisch biologischen Natur des analytischen Bezugssystems bis vor wenigen Jahren umso leichter faßbar gewesen, je triebnäher ihr Gegenstand ist. Heute ist das anders geworden; die Ichpsychologie FREUDs stellt uns auch hier vor ganz neue Aufgaben und eröffnet ganz neue Wege, die noch kaum beschritten sind. gegen die voranalytischen Versuche einer Psychologie der Weltanschauungen muß vor allem der Einwand erhoben werden, daß sie sich die Beziehung von Seelenleben und Weltanschauung viel zu einfach und (topisch gesprochen) zu "oberflächlich" vorgestellt haben (NIETZSCHE freilich ist auch hier eine Ausnahme). Die Psychoanalyse befindet sich in einer günstigeren Situation, weil sie uns den komplizierten  Schichtenaufbau  der Persönlichkeit und ihre inneren  Widersprüche  kennen gelehrt hat.

Steht die Psychoanalyse vor der Aufgabe der Darstellung einer konkreten historischen Person, so zeigen sich uns zwei mögliche Wege, die wieder zwei  Interessen richtungen entsprechen. Ich bitte Sie, sich einen Augenblick den interessanten Vortrag von Frau Dr. HELENE DEUTSCH über GEORGE SAND zu vergegenwärtigen. Hier wurde das Besondere betrachtet mit der Tendenz auf das Allgemeine - ich glaube daß dies auch die  bewußte  methodische Absiicht der Autorin gewesen ist. GEORGE SAND ist ein infolge des umfangreichen Materials, das von ihrer eigenen Hand über sie vorliegt und infolge der scharfen Umrisse ihrer Persönlichkeit ein besonders aufschlußreiches Beispiel, an welchem  allgemeine  Gesetzlichkeiten des weiblichen Seelenlebens aufgezeigt werden können. Dieser Forschungsrichtung steht begrifflich scharf, in Wirklichkeit mit allen Übergängen, eine andere gegenüber, für welche gerade  nicht  das Allgemeine von Interesse ist, sondern die historische  Besonderheit.  Also etwa: hier wäre nicht dasjenige wesentlich, was GEORGE SAND an seelischen Gesetzlichkeiten mit anderen Frauen gemein hat, vielmehr das Unterscheidende, besser vielleicht: das  Einmalige.  Die Komplexheit  dieser  Aufgabe scheint nicht nur, sondern  ist  tatsächlich unendlich; nur Annäherungen sind möglich. Wir stehen hier vor dem Problem der Erfassung des  Individuellen,  und Sie wissen, daß auch dieses Problem in Abhängigkeit vom  Wertproblem  zu lösen versucht wurde. Aber ich will diesen Gedankengang hier abbrechen. Es genügt uns zu wissen, daß die Psychoanalyse schon durch ihre Methode wesentlich auf den  ersten  Weg gewiesen wird.

Mit sehr bedeutsamen Gesichtspunkten kann die Analyse schon heute in das schwierige Gebiet einer  Psychologie der Ethik  hineinleuchten. Wir haben festgestellt, daß ihr zur Frage nach der Geltung oder Nichtgeltung der Normen kein Weg offensteht - aber die  seelischen Vorgänge  die sich an Werten orientieren oder die selbst Werte realisieren, werden von ihr mit Recht in ihr Forschungsgebiet einbezogen. So ergibt sich als Aufgabe eine Psychologie der Wertsetzung und eine Psychologie der Wertverwirklichung. Wertung ist einerseits seelisches Geschehen, das die Analyse nach seinen Bedingungen, seinen Wirkungen usw. untersuchen kann; andererseits aber weist sie über sich hinaus auf den Wert - und dieser Seite des Problems können wir mit den Mitteln der Psychologie nicht näherkommen. Anders ausgedrückt: wir wollen und können mit Hilfe der Psychoanalyse nicht feststellen, was gut und böse  ist,  sondern lediglich untersuchen, was für gut und böse tatsächlich  gehalten  wird, und  warum  es dafür gehaltenw ird. Weiter aber auch, welche seelischen Vorgänge das  tatsächlich  bewertete (nicht: zu wertende!) Verhalten, welche das negativ bewertete fördern oder hemmen. Mit diesem letzen Gesichtspunkt dürfte eine der wesentlichsten Aufgaben einer künftigen psychoanalytischen Psychologie der Ethik bezeichnet sein. Bleiben wir zunächst bei der Frage, warum - woran nicht zu zweifeln ist - dem Sollen und den Wertsetzungen ein so  beherrschender  Einfluß auf das menschliche Handeln zukommt und weiter: was es denn ist, das dem Einzelnen als gesollt gilt? "Alle Handlungen", sagt NIETZSCHE, "gehen auf Wertschätzungen zurück, alle Wertschätzungen sind entweder  eigene  oder  angenommene,  letztere bei weitem die meisten." Für die Psychoanalyse, deren wissenschaftlicher Ausgangspunkt unvergleichlich lebensnäher ist als der jeder anderen psychologischen Methode,  mußte  dieses Problem frühzeitig in den Vordergrund rücken. Tatsächlich finden wir die Psychologie der Wertungen, wenn auch nicht unter diesem Namen, im  Mittelpunkt  der analytischen Theorie. Sie wissen, daß sich für FREUD der Zugang zu diesem Problemkreis im Begriff des  psychischen Konflikts  eröffnet hat, dessen grundlegende Bedeutung für Neurose und Psychose er erkannte. Ich brauche Sie auch nicht daran zu erinnern, was der Begriff der  Verdrängung,  was der Begriff des  Über-Ich  - einen entscheidenden Fortschritt für die Psychologie der Ethik bedeuten. Da es heute meine Aufgabe ist, Ihnen über die  Problematik  der Wertfragen in ihrem Zusammenhang mit der Psychoanalyse Rechenschaft zu geben, muß ich es mir versagen, auf das reiche empirische Material, das die Analyse in diesem Umkreis bereits gefördert hat, näher einzugehen. Eine Untersuchung, die von den tatsächlich im Rahmen der verschiedenen Wertsysteme bewerteten Verhaltensweisen ausgeht und eine vergleichend-systematische Analyse der seelischen Voraussetzungen dieser Verhaltensweisen gibt, steht leider noch aus.

Noch einen sehr wesentlichen Gedankenkreis will ich kurz berühren. Die Vielfältigkeit ethischer Systeme läßt sich auf einige Grundtypen reduzieren. Hören Sie den Satz KANTs: "Eine Handlung der Pflicht hat ihren moralischen Wert nicht in der Absicht, welche dadurch erreicht werden soll, sondern in der Maxime, nach der sie beschlossen wird", so haben Sie damit die Kennzeichnung einer typisch  imperativischen  Ethik. Wir können ihr eine  Ziel-  oder  Zweckethik  gegenüberstellen, für welche sich der sittliche Wert einer Handlung aus ihrer Beziehung zu einem  Endzweck  ergibt, ferner eine Ethik der  Persönlichkeitswerte  oder der  Seinswerte.  Man kann versuchen, - und hat es zum Teil getan, - die verschiedenen Systeme mit bestimmten Klassen- und sonstigen sozialen Schichtungen in Beziehung zu setzen. Noch weiter gesteckt, aber auch noch verlockender wäre das Ziel ihrer psychoanalytischen Ableitung. Ganz unmittelbar tritt uns in den ethischen Systemen auf der einen Seite Selbstbejahung, Überfülle und Kraft entgegen, auf der anderen aber seelische Armut und Schwäche und der Versuch, sich gegen die überwältigende und unerträgliche Vielfältigkeit des Lebens mit Hilfe der ethischen Normen zu schützen. Wir fühlen hier besondere Schicksale des Ödipuskonfliktes, narzißtische, sadistische und zwangsneurotische Züge heraus, ohne daß aber bisher der Versuch gemacht wäre, diesen Gegenstandsbereich systematisch zu erfassen.

Damit will ich schließen. Wir sind zu einem im Grunde nicht einfachen, aber, wie ich hoffe, doch aufklärenden Ergebnis gelangt. Ich will kurz zusammenfassen: eine Ableitung ethischer (oder anderer) Normen aus der analytischen Empirie ist wissenschaftlich unmöglich; nur für den Sonderfall einer Zielethik wäre sie in gewissem Umfang berechtigt, aber auch hier eben  nicht  in Bezug auf die eigentlichen oder  Endwerte.  Die  tatsächlichen  Wirkungen der Analyse auf die Weltanschauung sind  nicht  mit den logischen Möglichkeiten zu verwechseln und nicht auf sie beschränkt; ihr  Ausmaß  ist heute und wird wohl für alle Zeit zum Teil von kulturgeschichtlichen Tendenzen abhängen. Wenn der Analytiker (oder sein Gegner) die Wirkungen der Analyse als "gut" oder "böse" bejaht oder verwirft, tut er das  nicht  als Analytiker, sondern als Kulturphilosoph, als Politiker usw. Eine Festlegung des Analytikers  als Analytiker  oder gar der Analyse auf eine bestimmte Weltanschauung ist abzulehnen. Schließlich: zu einer Psychologie der Weltanschauungen, zur Psychologie der Wertsetzung und der Wertverwirklichung hat die Psychoanalyse  grundlegende  Erkenntnisse beizutragen.

Ich glaube, Ihnen gezeigt zu haben, daß den Fragen, die uns heute beschäftigen, auch für das eigentliche Arbeitsgebiet des Psychoanalytikers - und zwar einerseits für die therapeutische und psychologische Anwendung der Analyse, andererseits für ihre Beiträge zu den Geisteswissenschaften - eine entscheidende Bedeutung zukommt. In einem bestimmten Entwicklungsstadium jeder Einzelwissenschaft wird die Befassung mit solchen Grenzproblemen zum Erfordernis. Sie beansprucht ihren Platz in der Entwicklung unserer Wissenschaft neben der klinischen und anderen Problemstellungen. Die Synthese verschiedener Wege im Ganzen der Wissenschaft - nicht notwendig in der Arbeitsrichtung einer Person - ergibt die fruchtbarsten Möglichkeiten.

Wenn ich Sie nun bitte, zu diesen Problemen Stellung zu nehmen, möchte ich Sie gleichzeitig bitten,  eine  Frage  nicht  in die Diskussion zu ziehen: die nämlich, ob wir berechtigt sind, von einer  objektiven Geltung  der Werte zu sprechen, an welchen sich die von uns untersuchten seelischen Vorgänge orientieren. Diese Frage kann  empirisch  nicht entschieden werden; auf empirischem Weg ist die objektive Geltung der Werte weder zu beweisen noch zu widerlegen. Und ich denke, daß wir die Probleme, welche heute zur Diskussion stehen, am besten fördern werden, wenn wir dieses schwierige Thema ganz beiseite lassen.
LITERATUR - Heinz Hartmann, Psychoanalyse und Wertproblem, Imago, Bd. XIV, Wien 1928 [Vortrag gehalten in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 21. März 1928]