ra-2F. MauthnerH. CohnA. DöringA. Lasson    
 
ALEXANDER BILIMOVIC
Wie können unmeßbare psychische Größen
in das Gleichungssystem des wirtschaftlichen
Gleichgewichts eingeführt werden?


"Das ist ja gerade die Aufgabe, die alle Wirtschaftssubjekte lösen, indem sie jene Menge der ihnen notwendigen Güter auswählen, die ihnen angesichts bestimmter Umstände (die Höhe des Budgets und die Güterpreise) eine maximale Befriedigung gewähren, d. h. die Gewinnung des maximalen Nutzens."

 
- "Der Umstand, weswegen die Gleichungen von LEON WALRAS nicht der Wirklichkeit entsprechen, besteht darin, daß die in ihnen enthaltenen Funktionen  φ psychische  Größen darstellen und zwar die Intensität des Bedürfnisses nach diesen Gütern oder den subjektiven Nutzen dieser Güter. Psychische Größen sind aber  unmeßbar.  Deshalb kann man mit ihnen nicht die gewöhnlichen algebraischen Operationen vornehmen, sie also auch nicht durch einander dividieren uns sie mit den Preisen multiplizieren." (147)

- "In seiner Anerkennung des Nutzens als meßbarer Größe geht WALRAS so weit, daß er den Nutzen sogar dann als kommensurabel [vergleichbar - wp] anerkennt, wenn es sich um  verschiedene Personen  handelt. So hält er es für möglich, den mittleren Nutzen (rareté) eines Gutes für viele Personen zu berechnen." (148)

- "In dieser Neigung, den Nutzen als meßbar und sogar kommensurabel für mehrere Personen anzuerkennen, der sich auch ein durch die Tiefe seiner Analyse so hervorragender Autor wie WALRAS nicht hat entziehen können, offenbarte sich die jugendliche Begeisterung der jungen mathematischen Schule, die gerade ihre ersten Schritte tat, für die Anwendung der mathematischen Analyse auf alle Erscheinungen." (148)

- "Das ist ja gerade die Aufgabe, die alle Wirtschaftssubjekte lösen, indem sie jene Menge der ihnen notwendigen Güter auswählen, die ihnen angesichts bestimmter Umstände (die Höhe des Budgets und die Güterpreise) eine maximale Befriedigung gewähren, d. h. die Gewinnung des maximalen Nutzens." (150)

- "Die Größen, mit denen die physikalischen Wissenschaften zu tun haben, sind, wenn nicht praktisch, so doch theoretisch unendlich teilbar und büßen ihr Wesen durch diese Teilung nicht ein. So sind Masse, Weg, Zeit usw. unbegrenzt teilbar. Im Gegensatz dazu sind die Wirtschaftsgüter, außer in einzelnen Fällen (z. B. Gold und Silber), bei einer Teilung nicht mehr die anfänglichen Wirtschaftsgüter (z. B. die Hälfte oder ein Zehntel eines Automobils, Klaviers usw.)" (154)

- "Um zu ermessen, wie sehr die Methode von VILFREDO PARETO den Erfahrungstatsachen widerspricht, genügt es, die konkrete Frage zu stellen: um wieviel muß die konsumierte Menge eines Automobils oder Klaviers vergrößert werden, um genau den um ein Kilogramm verminderten Konsum an Brot oder Fleisch zu kompensieren? ... Im wirklichen Leben gibt es gewöhnlich eine so genaue Kompensation überhaupt nicht und gewöhnlich auch keine gleichgültigen Güterkombinationen. Alle diese Begriffe sind im allgemeinen irreal. Unter mehreren  gleichgültigen  Güterkombinationen könnte man überhaupt keine Auswahl treffen, man stünde da wie "BURIDANs Esel", während die wirklichen Wirtschaftssubjekte gewöhnlich immer eine Wahl treffen. Und gerade Fälle, in denen die Wahl getroffen wurde, sind es, die die Erfahrung uns bietet. Im wirklichen Leben gibt es also in der Regel  vorteilhaftere  und  weniger  vorteilhafte Kombinationen von endlichen Gütermengen, die oft gänzlich unteilbar sind. Und die Wirtschaft wählt darunter im Bereich der Möglichkeiten  eine  und zwar die  vorteilhafteste  Kombination, die ihr unter den gegebenen Umständen die  maximale  Befriedigung ihrer Bedürfnisse bietet, d. h. den  maximalen  Nutzen." (157)

- "Die Problematik der Frage nach dem Nutzen und seiner Rolle im theoretischen Schema der wirtschaftlichen Erscheinungen, oder allgemeiner gesprochen, die Problematik der Frage nach den psychischen Erlebnissen und Rolle in der Wirtschaftstheorie besteht nicht darin, angesichts der Unmeßbarkeit des Nutzens und anderer psychischer Größen ohne sie auszukommen. Der Ausschluß dieser Größen aus den theoretischen Schemata würde diese Schemata des lebendigen Wirtschaftsprozesses in Schemata toter Mengen verwandeln. Dem Wirtschaftsprozeß wäre seine alles verbindende Hauptsache geraubt, sein Antrieb, sein  spiritus movens.  Darum können wir uns auch jener hohen Wertschätzung der wirtschaftlichen Theorie  ohne Nutzen  nicht anschließen, die ihr die Nachfolger von PARETO zuteil werden lassen, indem sie diese Theorie mit der dynamischen Theorie in der Mechanik ohne Hinzuziehung des Begriffes der  Kraft  vergleichen. ... Dieser Vergleich der Wirtschaftstheorie  ohne Nutzen  mit der Dynamik  ohne Kraft  ignoriert den tiefgehenden Unterschied, der zwischen der  physikalischen  Dynamik und der Dynamik der  wirtschaftlichen  Erscheinungen, d. h. der Erscheinungen des  menschlichen Verhaltens  besteht. In der physikalischen Dynamik können wir bei der Beobachtung von Bewegungserscheinungen die Kraft wirklich nicht beobachten. Sie ist ein  abgeleiteter  Begriff, von uns aus den beobachteten Bewegungserscheinungen abgeleitet und von uns  konstruiert.  Daher bedeutet die Einführung des Begriffs der  Kraft  nur eine Vereinfachung der Darstellung,  erklärt  aber nichts, was nicht auch ohne diesen Begriff wußten. Ganz anders steht es mit den Wirtschaftserscheinungen. Hier ist der Begriff der Intensität des Bedürfnisses keineswegs irgendeine  entité métaphysique,  wie sich PARETO ausdrückt und keine  notion abstraite dérivée  [abgeleitetes abstraktes Konzept - wp], wie PIETRI-TONELLI sagt. Im Gegenteil, die Bedürfnisintensität ist eine vollkommen  reale, primäre,  in der Erfahrung unmittelbar gegebene psychische Erscheinung; eine Erscheinung, die uns durch unsere innere Erfahrung bekannt und verständlich ist. Nur über fremde Bedürfnisempfindungen urteilen wir unmittelbar nach dem äußerlichen Verhalten der Menschen; wir beurteilen sie aber nach Analogie unserer eigenen Empfindungen, die uns unmittelbar bekannt sind. Daher bedeutet die Einführung des Begriffs der Bedürfnisintensität und des Nutzens in unsere wissenschaftliche Schemata und die Erklärung wirtschaftlicher Erscheinungen mit seiner Hilfe nicht nur eine Vereinfachung der  Darstellung,  sondern eine zusätzliche  Verdeutlichung  dieser Erscheinungen. Wenn wir z. B. die Auswahl der Zusammensetzung des Konsums aus der Intensität der Bedürfnisse bzw. aus dem Nutzen der Güter ableiten, dann vereinfachen wir nicht nur unsere Darstellung, sondern vertiefen unser  Verstehen  dieser Erscheinung. Wir schreiten zu einem weiteren Glied in der Kette von Ursachen und Folgen vor. Für die Kraft in der Mechanik, einen abgeleiteten Begriff, können wir keine Eigenschaften aus ihr selbst ableiten. Im Gegensatz dazu stellen wir für die Bedürfnisse und Nutzen, die primäre Begriffe sind, eine ganze Reihe von Eigenschaften fest (z. B. das Streben der Wirtschaftssubjekte nach dem Maximum der Befriedigung ihrer Bedürfnisse, d. h. nach dem Maximum an Nutzen; die Abnahme der Bedürfnisintensität nach jeder folgenden Gütereinheit usw.). Diese unmittelbar durch innere Erfahrung festgestellten Eigenschaften der Bedürfnisse können wir zur Erklärung der durch sie hervorgerufenen wirtschaftlichen Erscheinungen verwenden. Daher würden durch den Ausschluß des Begriffs der Bedürfnisintensität, bzw. des Nutzens aus den wissenschaftlichen Schemata der wirtschaftlichen Erscheinungen diese Schemata  verarmen,  da unser Verstehen dieser Erscheinungen gemindert würde." (159 - 161)

- "Alle bis jetzt gemachten Versuche der Bemessung des Nutzens haben sich, soweit wir das beurteilen können, als erfolglos erwiesen. Das Problem muß daher anders gestellt werden und zwar: ist ein theoretisches Schema der Wirtschaftserscheinungen aufzustellen, in welches als einer seiner Faktoren das subjektive Moment der Bedürfnisintensität oder des Nutzens der Güter unter Berücksichtigung der besonderen Natur dieses psychischen Faktors eingeführt werden muß. Die besondere Natur dieses Faktors besteht aber darin, daß er  unmeßbar  und  zahlenmäßig nicht auszudrücken ist,  sondern eine nur  vergleichbare  und dabei  nur für eine und dieselbe Person  vergleichbare Größe darstellt." (161)

- "Die Größe der durch die Wirtschaftsgüter gewährten Befriedigung ist keine meßbare oder zahlenmäßig auszudrückende Größe, sie ist nicht einmal ein willkürlich gewählter Zahlenindex. Sie ist eine nur  vergleichbare  Größe und dauch das nur in dem Sinne, daß das gegebene Wirtschaftssubjekt es  fühlt  und feststellen kann, ob die Befriedigung, die ihm durch einen bestimmten Güterkomplex gewährt wird, größer oder kleiner ist als die Befriedigung, die durch irgendeinen anderen Güterkomplex gewährt würde." (165)

- "Die realen Wirtschaften wählen immer irgendeinen bestimmten Güterkomplex. Das beweist, daß es in der Regel für jede Wirtschaft bei bestimmten Bedingungen zu einem bestimmten Zeitpunkt  nur einen  Güterkomplex gibt, der für sie am wünschenswertesten ist. Dem widerspricht auch nicht der Umstand, daß ein solcher Komplex oft sehr wandelbar ist und sich leicht von einem Zeitpunkt zum andern ändert. Es tut nichts zur Sache, daß die Auswahl der Güter oft automatisch erfolgt, aufgrund einer Gewohnheit oder aufgrund der in den betreffenden Kreisen herrschenden Gebräuchen. Das besagt nur, daß infolge der Abneigung, mit der Tradition zu brechen oder gegen die hergebrachte Sitte zu verstoßen, die Auswahl jedes anderen Güterkomplexes für die Wirtschaft weniger wünschenswert ist. Dem oben aufgestellten Grundsatz widerspricht auch nicht der oft zu beobachtende Fall, daß eine Person es einer anderen Person überläßt, die Auswahl der Güter für sie zu treffen. In diesem Fall hält diese Person offenbar gerade eine solche Auswahl von Gütern für am vorteilhaftesten für sich. Wenn wir schließlich das Gegenteil des oben Gesagten zulassen und anerkennen würden, daß eine oder mehrere Wirtschaften als  gleich vorteilhaft für mehrere Güterkomplexe  auswählen könnten, so erhielten wir bei ein und derselben Preiskombination mehrere Gesamtnachfragen nach den Gütern. Das würde aber sogar bei freier Konkurrenz zu mehreren Gleichgewichten von Angebot und Nachfrage führen mit mehreren verschiedenen Preisen. Wir kämen also in Widerspruch mit der Tatsache, daß sich bei freier Konkurrenz auf dem Markt immer ein bestimmter Preis ausbildet." (170 - 171)

- "Unmeßbare Größen können nicht voneinander subtrahiert werden." (178)

- "Unser Vorschlag, die traditionellen Gleichungen der I. Gruppe [ = die Gleichungen des Haushaltungsgleichgewichts. Die gewogenen, d. h. durch den Preis dividierten Grenzintensitäten der Bedürfnisse nach allen konsumierten Gütern sind für alle Wirtschaften gleich. Dabei sind die Bedürfnisintensitäten (bzw. der Nutzen der Güter) partielle Ableitungen der totalen Befriedigung (bzw. des Totalnutzens) dargestellt.] durch die Bedingungen des Befriedigungsmaximus zu ersetzen, könnte seitens der Verteidiger dieser Gleichungen den Einwand wachrufen, daß ein  Gleichungs system gelöst werden könne und damit die Werte aller Unbekannten ermittelt werden können, ein System aber, das teils aus Gleichungen und teils aus  Maximierungsbedingungen  bestehe, sei sehr schwer oder sogar überhaupt nicht zu lösen und folglich ließen sich auch konkrete Werte der Unbekannten nicht ermitteln. Dieser Einwand hätte aber nur dann einen Sinn, wenn das traditionelle Gleichungssystem des wirtschaftlichen Gleichgewichts wirklich praktisch lösbar wäre. Das ist aber in Wirklichkeit nicht der Fall. Und zwar, wie dies alle Vertreter der mathematischen Schule betonen, aus folgenden Gründen nicht: 1. weil die Funktionen unbekannt sind, die die Abhängigkeit des Nutzens oder seines Index von der Gütermenge bestimmen, die jeder Wirtschaft zur Verfügung steht, ebenso wie auch die anfänglichen Vorräte an Genußgütern, Faktoren und Geld in den einzelnen Wirtschaften unbekannt sind, und 2. weil die Anzahl der Gleichungen so groß ist, daß sogar, wenn alle notwendigen Daten gegeben wären, von einer praktischen Lösung eines solchen Gleichungssystems nicht die Rede sein kann. ... Sogar in unserem einfachsten Fall würde bei 40 Millionen Individuen, die ungefähr 10 Millionen Familien bildeten und z. B. 5000 Güterarten die Anzahl der Gleichungen 50 000 004 999 sein. Diese Anzahl könnte natürlich vermindert werden, wenn man nur jene Elemente berücksichtigte, mit denen die uns interessierenden Größen enger verbunden sind. Aber auch unter dieser Bedingung kann eine praktische Lösung des Gleichungssystems des wirtschaftlichen Gleichgewichts nicht in Frage kommen." (178 - 179) - "Das von uns vorgeschlagene System bietet ein Modell des Wirtschaftsprozesses, das der Wirklichkeit unvergleichlich besser entspricht. Jedenfalls befreit unser System dieses Modell von zwei der Wirklichkeit widersprechenden Prämissen (der Meßbarkeit psychischer Größen und der unendlichen Teilbarkeit der Wirtschaftsgüter). Dank dieses Umstands verschwinden die willkürlichen Gleichungen der I. Gruppe [siehe oben]. Ihre Stelle nehmen die die Wirklichkeit viel richtiger widerspiegelnden Bedingungen des Befriedigungsmaximums ein. In diesen Bedingungen gibt es keine zahlenmäßig ausgedrückten psychischen Größen, wie sie es auch im Leben nicht gibt. Sie sind nur auf einer vollkommen realen Voraussetzung aufgebaut, nämlich daß jedes Wirtschaftssubjekt immer  fühlt,  welcher Komplex der wirtschaftlichen Güter für es unter den gegebenen Umständen am wünschenswertesten ist, d. h. ihm die maximale unter diesen Umständen erreichbare Befriedigung seiner Bedürfnisse gewährleistet, bzw. ihm en Maximum an Nutzen bietet.

Wenn man sich dabei anschaulicher vor Augen führen wollte, wie jedes Subjekt den Güterkomplex auswählt, der ihm dieses Befriedigungsmaximum gewährt, so kann man aufgrund eigener innerer Erfahrung und Beobachtung des Verhaltens anderer Personen folgendes sagen: Jeder Mensch, der eine Wahl zu treffen hat, hat offenbar in jedem gegebenen Zeitpunkt eine gewisse  Bedürfnisskala,  in der die Bedürfnisse nach verschiedenen Gütern und Gütergruppen in einer bestimmten Reihenfolge geordnet sind je nach dem Grad ihrer Intensität. Diese Skala ist höchst beweglich und wandelbar; in einigen Momenten treten gewisse Teile dieser Skala deutlicher hervor, in anderen Momenten andere Teile; die verschiedenen Teile sind auf sehr komplizierte Weise miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Die Befriedigung irgenwelcher Bedürfnisse verändert oft die ganze Skala, führt neue Bedürfnisse ein und ändert die Intensität anderer Bedürfnisse. Man beobachtet das was HANS MAYER [Über den Erkenntniswert der funktionellen Preistheorien in Wirtschaftstheorien der Gegenwart II, Wien 1932, Seite 173] durch seine Bemerkung ausdrückt, daß
    "der jeweilige Befriedigungsverlauf in den einzelnen Bedürfnisarten nicht unabhängig ist vom jeweiligen Stand der Befriedigung in anderen Bedürfnisarten, eine Tatsache, die von neueren Schriftstellern mit dem Namen der psychischen Komplementarität der Bedürfnisbefriedigungen oder der Nutzen bezeichnet wird, und daß ... Bedürfnisse bestimmter Art (Qualität) erst ausgelöst, aus der Latenz in die Aktualität erhoben werden, wenn Bedürnisse anderer Art bereits teilweise oder vollständig befriedigt sind."
Aber bei aller Beweglichkeit und Kompliziertheit der Bedürfnisskalen existiert in jedem gegebenen Moment bei jedem Menschen eine bestimmte Skala, in der verschiedene Bedürfnisse in einer gewissen Reihenfolge geordnet sind. Nicht bei allen Menschen ist diese Skala gleich klar und deutlich ausgeprägt, daher treffen die einen ihre Wahl schnell und leicht und irren sich selten, d. h. sind selten mit der getroffenen Wahl unzufrieden; andere wiederum können nur mit vieler Mühe eine Wahl treffen und sind oft mit ihrer Wahl unzufrieden. Aber auch diese Personen treffen eine Wahl und wählen das, was ihnen im Moment der Wahl am wünschenswertesten erscheint. Dabei ist die Bedürfnisskala im allgemeinen so vollständig und empfindlich, daß sie die Möglichkeit bietet, bei jeder Änderung der Güterpreise eine Wahl zu treffen.

Diese  Bedürfnisskala jeder Wirtschaft  ist jenes als  Datum  vorausgesetzte  subjektive Moment,  das die Nationalökonomen der mathematischen Schule irrtümlicherweise in Gestalt von Ableitungen des Totalnutzens oder seines Index ausdrücken.

In dieser Bedürfnisskala gibt es aber keine Zahlen, durch die die Intensitäten der verschiedenen Bedürfnisse zum Ausdruck kämen und überhaupt keine meßbaren Größen dieser Intensitäten. In ihr gibt es nur eine  Rangordnung,  eine Abstufung der Intensitäten der Bedürfnisse nach den einzelnen Gütern und Gütergruppen. Von der Intensität der einzelnen Bedürfnisse kann man daher bloß als von einer nur  vergleichbaren  Größe sprechen und auch das nicht im gewöhnlichen mathematischen Sinn. Das ist eine  Größe  in einem anderen Sinn dieses Begriffs, der verschieden ist vom Begriff einer gewöhnlichen meßbaren Zahlengröße.

Infolge dieses Charakters unserer Bedürfnisskalen verläuft die Wahl unter Wirtschaftsgütern, deren Erwerb mit ungleichen Aufwendungen verbunden ist, d. h. Gütern, deren Preise verschieden sind, nicht so, wie es die Nationalökonomen darstellen, die die Bedürfnisintensität und den Nutzen als meßbare Größen ansehen. Wir treffen diese Wahl nicht aufgrund einer  Division  des Nutzens der Güter durch ihren Preis, denn die unmeßbare Größe des Nutzens kann nicht dividiert werden. Und niemand unter uns führt bei einer Auswahl von Gütern mit verschiedenen Preisen solche  Divisionen  aus. In solchen Fällen  vergleichen  wir nur aufgrund unserer Bedürfnisskala die Intensität unseres Bedürfnisses nach einer bestimmten Menge des teureren Gutes mit der Intensität des Bedürfnisses nach jener Menge eines billigeren Gutes oder einiger billigerer Güter, deren Kauf  mit demselben Aufwand  verbunden ist, d. h.  mit demselben Opfer  für uns; denn in einem und demselben Moment stellt der gleiche Aufwand das gleiche subjektive Opfer dar. Nach diesem Vergleich wählen wir das, wonach die Intensität des Bedürfnisses größer ist. Der Vergleich der Intensität des Bedürfnisses nach verschiedenen Mengen verschiedener Güter, die  dieselben Ausgaben  verursachen, ist die Methode, die wir bei der Auswahl von Gütern in solchen komplizierten Fällen anwenden. Und unsere Bedürfnisskala ist gewöhnlich dermaßen entwickelt, daß wir in ihr die nötigen Anleitungen finden, um diese Vergleiche zu ziehen.

Das Gesagte kann durch folgende einfachste Beispiele illustriert werden. Wenn wir z. B. das Bedürfnis nach den Gütern  A  und  B  empfinden und wenn der Preis dieser Güter der gleiche ist, z. B. je 10 Geldeinheiten, dann genügt schon folgende einfachste Bedürfnisskala, um eine Wahl treffen zu können.

A1 > B1 > A2 > B2 > A3 > B3 > A4 > B4 > A5 > B5 > ...

Wenn wir dabei über 80 Geldeinheiten verfügen, so werden wir 4A + 4B wählen, nach denen unser Bedürfnis am intensivsten ist. Darum wird uns die Wahl gerade dieses Güterkomplexes das Maximum an Befriedigung, bzw. an Nutzen gewährleisten.

Wenn aber die Preise der Güter  A  und  B  verschieden sind, für  A  z. B. 10 Geldeinheiten und für  B  - 20 Geldeinheiten, dann genügt die oben wiedergegebene einfachste Bedürfnisskala nicht, um eine Wahl treffen zu können. Die Bedürfnisskala muß die Reihenfolge angeben, in der diejenigen Mengen der Güter  A  und  B  eingeordnet sind, deren Kauf  den gleichen Aufwand  erfordert. Bei den angenommenen Preisen von  A  und  B  muß sie folglich zeigen, in welcher Reihenfolge die Intensität unserer Bedürfnisse nach  zwei  Einheiten des Gutes  A  und nach  einer  Einheit des Gutes  B  geordnet ist. Denn, um zwei Einheiten von  A  zu erwerben, muß man  ebenso  20 Geldeinheiten aufwenden, wie zum Kauf von einer Einheit des Gutes  B.  Um eine Wahl treffen zu können, brauchen wir also z. B. folgende kompliziertere Bedürfnisskala:

(A1 + A2) > B1 > (A3 + A4) > B2 > (A5 + A6) > ...

Bei demselben Budget von 80 Geldeinheiten werden wir in diesem Fall 4A + 2B wählen, da gerade diese Auswahl uns das Befriedigungsmaximum gewährt.

Natürlich ist das nur eine höchst vereinfachte Jllustration. In Wirklichkeit sind unsere Bedürfnisskalen unvergleichlich komplizierter und gestatten uns unter einer sehr großen Anzahl verschiedener Güter mit ganz verschiedenen Preisen eine Auszwahl zu treffen. Die landläufigen Ausdrücke  für dieses Geld hätte ich soundso vielmal zu Mittag essen  oder  ins Theater gehen können, mit der Summe, die ich für das und das zahlen muß, könnte ich soundso viele Monate leben  usw. - sind Reflexe des beschriebenen Vergleichs der  Bedürfnisgruppen,  deren Befriedigung mit  dem gleichen Opfer  verbunden ist.

So kann man sich in ganz vereinfachter Gestalt jenen  inneren  Mechanismus vorstellen, mit dessen Hilfe jede Wirtschaft in jedem Fall unter bestimmten  äußeren  Bedingungen (Budget, Güterpreise) jenen Güterkomplex auswählt, der ihr das Befriedigungsmaximum gewährt. Aus dem Gesagten geht klar hervor, daß, wenn wir bei derselben Bedürfnisskala und denselben äußeren Umständen irgendeine Veränderung in jenem Güterkomplex vornehmen, der uns das Befriedigungsmaximum bietet, jeder neue Güterkomplex uns eine geringere Befriedigung gewähren muß. ...

Das beschriebene Gefühl für die Abstufung der Bedürfnisintensitäten und die sich daraus ergebende Fähigkeit des Menschen, dasjenige zu wählen, was ihm ein Befriedigungsmaximum gewährt, ist alles, was in der Psyche eines Wirtschaftssubjektes vorgeht, wenn es eine subjektive Einschätzung der Wirtschaftsgüter, eine Wahl unter ihnen und einen Tausch vornimmt. Gerade das und, und ausschließlich das, enthalten unsere Maximumsbedingungen.

Bei einer solchen Einführung psychischer Größen in das mathematische Schema des wirtschaftlichen Gleichgewichts müssen alle jene Einwände verstummen, die völlig zu Recht gegen die traditionelle Methode erhoben werden, nach der diese Größen bis jetzt in das Gleichgewichtsschema eingeführt zu werden pflegten. Zugleich eröffnet die Untersuchung der Bedingungen des Befriedigungsmaximums einen der Natur psychischer Größen entsprechenden Weg zur Erforschung der Eigenschaften dieser Größen und ihrer Rolle im wirtschaftlichen Prozeß. Unter anderem bietet sie ein richtiges Kriterium zur Beurteilung verschiedener Methoden, die zu diesem Zweck die Daten der Budgetstatistik benützen. Durch die Untersuchung, wie sich der wirkliche Konsum verschiedener Bevölkerungsgruppen und verschiedener Typen von Wirtschaften zusammensetzt, kann man jene typischen Güterkomplexe feststellen, die jenen Wirtschaften das Befriedigungsmaximum bieten. Durch Untersuchungen wiederum, inwiefern sich diese Güterkomplexe ändern, wenn Änderungen im Budget der Wirtschaften oder in den Preisen der Wirtschaftsgüter eintreten, würde man zu einer Reihe von Schlußfolgerungen über die Rangordnung der Bedürfnisse nach verschiedenen Gütern gelangen; und zwar zu Schlußfolgerungen, die der Wirklichkeit entsprechen, im Gegensatz zu jenen künstlich konstruierten, die sich auf die nicht vorhandene Meßbarkeit der Bedürfnisintensitäten und Nutzen stützen. Dadurch wären wir in die Lage versetzt, verschiedene Tatsachen richtig zu deuten, die von der Budgetstatistik festgestellt worden sind (z. B. das sog. ENGELsche Gesetz, die Tatsache der verschiedenen  Elastizität des Konsum verschiedener Güter, die Tatsachen der  Komplementarität  der Bedürfnisse - Bedürfnisakkorde - und die entgegengesetzten Tatsachen der  Substitution  von Bedürfnissen, bzw. Gütern).

Als meßbare Größen figurieren in unserem System der Bedingungen und Gleichungen nur jene Größen, die im wirklichen wirtschaftlichen Leben auch tatsächlich gemessen werden, d. h. die Mengen der Güter, von denen jedes mit seinem üblichen Maß gemessen wird und die Güterpreise, ausgedrückt in Geldeinheiten. Dabei werden alle diese Größen nur in dem Maß als teilbar anerkannt, in dem jedes Gut auch in Wirklichkeit teilbar ist. So wird das Geld als ein Gut angenommen, dessen Teilbarkeit sehr groß ist. Das spiegelt sich in den Gleichungen wider, deren alle Glieder Wertsummen darstellen, ebenso auch in jenen anderen Gleichungen, in denen Geldbeträge und in Geld ausgedrückte Preise figurieren. Hinsichtlich der anderen Güter wird zugestanden, daß sie nicht so weitgehend teilbar, einige sehr wenig teilbar, andere sogar ganz unteilbar sind.

Natürlich nähern unsere Maximumsbedingungen das theoretische Schema nur in zwei Hinsichten der Wirklichkeit an, d. h. im Sinne des Verzichts auf  zwei  oben erwähnte irreale Prämissen. Andere Mängel dieses Schemas, die es der wirtschaftlichen Tatsächlichkeit inadäquat machen, werden durch diese Bedingungen nicht beseitigt. Daraus folgt aber nur die Notwendigkeit der weiteren Änderung und Vervollständigung des theoretischen Schemas, um es der Wirklichkeit auch in den übrigen wesentlichen Punkten anzunähern." (180 - 184)
LITERATUR Alexander Bilimovic - Wie können unmeßbare psychische Größen in das Gleichungssystem des wirtschaftlichen Gleichgewichts eingeführt werden?, Zeitschrift für Nationalökonomie, Bd. 5, Wien 1934, Seite 145 - 184