ra-4F. Nietzsche
 
Die Wahrheit der Worte
Werner |G| Petschko

Das Wort "Schulden" ist für die Geldwirtschaft eines Tages zu  uncool  geworden. Es war zu sehr mit negativen Eigenschaften belastet. Schulden drücken und erinnern ständig daran, daß man etwas zurückzahlen muß. Da wurde das Wort "Kredit" in Umlauf gebracht. Kredit wurde in erster Linie damit assoziiert Geld zu bekommen. Das Zurückzahlen verschwand eher in den Hinterkopf, war aber immer noch nicht das Gelbe vom Ei, weil eben auch noch mit unguten Gefühlen befrachtet. Jetzt ist der große Renner "Finanzierung". Das hört sich schon fast an, als ob einem jemand anderer alle seine Sorgen abnehmen könnte.

Mit den anderen Worten verhält es sich im Grunde ebenso. Sie werden meist oberflächlich gebraucht und kaum jemand macht sich noch Gedanken, wie so ein Wort überhaupt zustande gekommen ist. Worte werden einfach benutzt wie Alltagsgegenstände, Tisch, Stuhl und man muß schon ein Schreiner sein, um alle Fachbegriffe für die Einzelteile zu kennen. Die eigentliche Geschichte der Worte, der Sprache, wurde vergessen, daß damit immer auch ein praktischer Zweck in Verbindung stand. Heutzutage beschreiben Worte die  Realität.  Aber was ist der praktische Zweck der Realität? Den gibt es nicht, weil Realität die Wahrheit ist und Wahrheit ein Zweck ansich zu sein hat, der keinen höheren Zweck mehr über sich hat. Eine solche Wahrheit aber ist theologischer Natur, im Grunde göttlich, nicht von dieser Welt, eine Autorität, gegen die der Mensch nicht ankommt. Wer sich als Repräsentant dieser Wahrheit ausgibt, übt Macht über diejenigen aus, die nicht über Wahrheit verfügen. Das ist der Zweck von Wahrheit, aber das muß geheim bleiben, weil diese Wahrheit sonst zur Lüge würde und ihren Zweck verfehlte.


LITERATUR - Werner |G| Petschko, Vermischte Aufzeichnungen [unveröffentlichtes Manuskript]