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ERNST SCHRADER
Zur Grundlegung der
Psychologie des Urteils


"Ehe man an die Untersuchung einer Gruppe von Erscheinungen herantreten kann, muß man sich wenigstens im allgemeinen über den Umfang des zu erforschenden Gebietes klar sein. Bis ins einzelnste lassen sich die Grenzen desselben erst nach der Betrachtung feststellen. Denn der Umfang jedes Begriffs ist auch von seinem Inhalt abhängig. Je nachdem man mehr oder weniger Merkmale diesem beilegt, oder die einzelnen Momente des Begriffs so oder anders bestimmt, wird die Zahl der unter denselben fallenden Erscheinungen größer oder geringer."


Einleitung

Wenige Probleme dürfte es in der Psychologie geben, deren Behandlung nach den verschiensten Seiten von solcher Bedeutung ist, wie die Untersuchung des Urteils. Das Urteil ist diejenige Denkform, in welche sich jeder Erkenntnisakt, jeder Glaube, ja auch jede Ansicht, Meinung oder welche Bezeichnung man sonst wählen mag, kleidet. Die Konstatierung einer einfachen Tatsache, wie wir sie im gewöhnlichen Leben an jedem Tag so häufig vollziehen, verhält sich in dieser Hinsicht nicht anders, als das Ergebnis des angestrengtesten wissenschaftlichen Forschens und Nachdenkens. Jene können wir einem anderen nur mitteilen, von ihm nur kontrollieren und bestätigen lassen, wenn wir sie zum Objekt eines Urteils machen. Dieses verharrt in verschwommener Dunkelheit und Allgemeinheit, wenn es nicht den einzigen, ihm möglichen prägnanten Ausdruck findet, den Ausdruck in Urteilen. Die übrigen Denkformen, welche uns Logik und Psychologie noch neben diesen kennen lehren, weisen auf dieselben gewissermaßen hin als auf den Mittelpunkt des ganzen menschlichen Gedankenlebens. Ausführlich handelt die Seelenlehre von den Vorstellungen und den einfachen Elementen, aus welchen sie sich zusammensetzen, den Sinnesempfindungen. Hochwichtig sind diese beiden Gruppen von Erscheinungen für unser ganzes psychisches Dasein. Auf ihnen baut sich sozusagen unser Gedankenleben auf. Und die Begriffe, die freilich die Logik bisher eingehender beschäftigt haben als die Psychologie, sind gleichzeitig Wegweiser, Hilfsmittel und Niederschlag der wissenschaftlichen Tätigkeit und auch des populären Denkens. Aber Vorstellungen und Empfindungen sowohl wie Begriffe sind für sich allein immer nur im Bewußtsein des Einzelnen vorhanden. Wenn sie Objekte einer gemeinschaftlichen Betrachtung werden sollen, müssen sie zu Urteilen weiter gebildet werden. Dann gibt es auch Denkformen, welche ihrerseits zusammengesetzter sind, als das Urteil. In diese geht dasselbe seinerseits ebenso als Bestandteil ein, wie es selbst die Vorstellungen und Begriffe als seine Bestandteile in sich aufnimmt. Es sind dies die Folgerungen, durch welche in Urteil aus einem anderen, schon früher gefällten abgeleitet wird, die Schlüsse, welche ein Urteil aus zwei schon vorher existierenden bilden, und schließlich die systematischen Denkformen, von denen jede eine große Zahl von Gedankenkreisen, eine große Zahl auch von Urteilen umfaßt. Aber die Ergebnisse, welche alle diese hochkomplizierten geistigen Vorgänge zutage fördern, kleiden sich wieder in in die Form des Urteils. So erscheint dieses als die eigentlich zentrale Erscheinung des menschlichen Gedankenlebens, in welcher alle anderen sich abschließen, sich vollenden, zum Ausdruck gelangen. Nur im Urteil ist Wahrheit und Irrtum möglich. (1)

Steht so das Urteil im Mittelpunkt unserer Gedankenarbeit, ist es der wichtigste Ausdruck, welchen die Tätigkeit des Verstandes sich geben kann, so tritt es ebenso auch in enge Beziehung zur emotionalen Seite unseres Wesens, zu unserem Gemüts- und Gefühlsleben. Wieviel Freundschaft unter den Menschen, wieviel Gemeinschaft des Lebens und Arbeitens entsteht durch Übereinstimmung, wieviel Feindschaft und Streit entsteht durch Auseinandergehen der Ansichten, das heißt, der gefällten Urteile! Und selbst wenn zwei oder mehrere sich bemühen, über die Verschiedenheit der Meinungen hinweg zu sehen, sich dadurch in ihrem gegenseitigen Verhältnis nicht stören zu lassen, so ist dies wiederum nur möglich durch eine Übereinstimmung höheren Grades, welche die Differenzen der Ansichten als etwas notwendiges und heilsames hinnimmt. - Alle Wertschätzung von Dingen oder Personen nimmt die Form des Urteils an. Und den höchsten Ausdruck, den der Mensch dem, was sein Gemüt bewegt, in seinen Gedanken zu geben vermag, pflegt die Sprache seinen "Glauben" zu nennen. Dabei bleibt zunächst noch ganz unbestimmt, worin dieser besteht. Wohl aber zeigt sich der enge Zusammenhang mit der uns jetzt beschäftigenden Denkform. Denn Glauben ist logisch und psychologisch betrachtet, nichts anderes als eine Art des Urteilens.

Nach dem Gesagten ist es kaum noch nötig, die Wichtigkeit des Urteils für das praktische Leben besonders hervorzuheben. Es ist in diesem gar nicht möglich, irgendetwas zu tun, ohne sich vorher eine irgendwie gestaltete Ansicht gebildet zu haben, und diese muß, wie gesagt, stets die Form des Urteils tragen. Sodann zwingt ja die praktische Tätigkeit den Menschen in einem viel höheren Grad aus sich herauszugehen, als die rein theoretische Beschäftigung. Der Denkende kann unter Umständen einsam bleiben, der Handelnde muß stets zu den Dingen oder Personen in Beziehung treten. Darum ist hier diejenige Denkform am Platz, welche vor allen anderen das Hilfsmittel der gemeinsamen Betrachtung ist, das Urteil. Ferner wird dieses Verhältnis zu Dingen oder Personen fast niemals ein gleichgültiges sein. Ferner wird dieses Verhältnis zu Dingen oder Personen fast niemals ein gleichgültiges sein. Es wird in höherem oder geringerem Grad freundliche oder feindliche Formen annehmen. Auch diese finden in unserem Denken ihren Ausdruck. Auch diesen liefern dieselben Erscheinungen. Schon die Sprache des täglichen Lebens sagt in diesem Fall: ich habe mir über diesen und jenen Menschen, über diesen und jenen Gegenstand, Vorgang usw. ein - Urteil gebildet.

Von der Logik und ebenso von der Erkenntnistheorie ist nun diese Bedeutung des Urteils auch stets zum Ausdruck gebracht worden. Nicht im gleichen Maß ist dieses innerhalb der Psychologie geschehen. Erst seit wenigen Jahren ist dem Urteil eine etwas eingehendere Behandlung zuteil geworden. JERUSALEMs (2) eindringende Untersuchungen dürften den Anstoß dazu gegeben haben, daß sich auch die Vertreter der Seelenlehre mehr mit diesen Erscheinungen befaßt haben.

Aber freilich kommt das Urteil in dieser Hinsicht den Empfindungen und Vorstellungen noch längst nicht gleich. Im Vergleich zu den zahlreichen Arbeiten, welche sich mit diesen beschäftigen, finden sich nur äußerst wenig Untersuchungen über jenes. Vielleicht hängt das gerade mit der zentralen Stellung zusammen, welche dem Urteil in unserem Gedankenleben zukommt (3). Vielleicht liegt es im Wesen der psychologischen Untersuchung, bei den mehr peripheren Erscheinungen einzusetzen und von ihnen aus erst allmählich zum Mittelpunkt des betreffenden Kreises von Vorgängen vorzudringen. Sodann werden die Vorstellungen von einer weit verbreiteten Richtung in unserer Wissenschaft als die Objekte des Urteils, dieses wird als die sie verarbeitende Tätigkeit aufgefaßt. Wenn wir auch diese Ansicht nicht als die definitive Lösung des hier vorliegenden Problems betrachten können, so dürfte sie doch gewisse Eigenarten der tatsächlichen Verhältnisse richtig zum Ausdruck bringen. Auch hiermit mag es zusammenhängen, daß die Vorstellungen, die Objekte des Denkens, auch eher zu Objekten der psychologischen Untersuchung gemacht werden, als die Urteile, welche sich auf sie richten.

Ein weiterer Grund mag in der Ausbildung exakter, empirischer Methoden liegen, welche für das Gebiet der Empfindungen usw. schon jetzt gelungen ist, für das Urteil dagegen noch nicht. Dieser Umstand dürfte auch den Grund für eine durchgreifende Verschiedenheit in der Behandlung beider Probleme bilden. Während dort die Detailuntersuchung mehr und mehr die Oberhand gewinnt, zeigt hier die Betrachtung noch einen mehr allgemeinen Charakter. Die Vorstellungen (wenn nichts anderes ausdrücklich bemerkt ist, sollen darunter im folgenden die Empfindungen stets mitverstanden werden) werden immer mehr in einzelnen, exakt beobachteten Erscheinungen erforscht. Erst von diesen aus sucht man zu allgemeineren Gesichtspunkten aufzusteigen. In der Bearbeitung der Urteile dagegen faßt man gewöhnlich gleich von vornherein kleinere oder größere Gruppen ins Auge. Ja, meist werden die umfassendsten Klassen der betreffenden Gebilde zuerst berücksichtigt. Erst wenn man über diese bestimmte, natürlich sehr allgemeine Aussagen gemacht hat, geht man zu engeren Kreisen von Erscheinungen über. Den induktiven Grundsätzen, welche eine empirische Methodik fordern muß, entspricht ein solches Verfahren freilich nicht.

Die Ursache der geschilderten Verhältnisse dürfte einmal in der Jugend der auf die Erfahrung gegründeten Seelenlehre liegen. Bei der verhältnismäßig geringen Zahl der vorhandenen Forscher, dem Umfang und der Schwierigkeit der Probleme erscheint es natürlich, daß nur ein beschränkter Kreis von Aufgaben bisher nach den Grundsätzen der neueren empirischen Psychologie behandelt werden konnte. Kann doch unsere Wissenschaft in dieser Form erst auf wenige Jahrzehnte zurücksehen! Ein weiterer Grund dürfte im Einfluß der Logik liegen. Diese Wissenschaft hat beim Eingehen auf das Urteil selbstverständlich den Anforderungen ihrer eigentümlichen Aufgaben folgen müssen. Aber der Umstand, daß sie es dabei mit psychischen Erscheinungen zu tun hatte, mußte doch auch auf sie von Einfluß sein. Deshalb befinden sich in den ihr gewidmeten Werken auch manche für die Seelenlehre wichtige Bemerkungen. Insbesondere sind hier die scharfsinnigen Analyse SIGWARTs zu erwähnen, deren Einfluß sich auch deutlich in der psychologischen Literatur nachweisen läßt. Aber da die Logik keine erklärende oder beschreibende, sondern eine normative Wissenschaft ist, so kann sie auf die tatsächlichen Einzelheiten nicht in der Ausführlichkeit eingehen, wie dies die Psychologie und insbesondere die empirische Behandlungsweise derselben tun muß. Übt sie auf die letztere irgendeinen Einfluß aus, so wird infolge desselben die exakte induktive Forschungsart zurücktreten und die spekulative deduktive Anschauungsweise an Boden gewinnen. In der Untersuchung des Urteils hat sich ein solcher Einfluß früher entschieden geltend gemacht, und noch jetzt zeigt dieser Teil der Seelenlehre die Spuren desselben.

In derselben Richtung dürfte sich auch der Einfluß der dritten Wissenschaft geltend gemacht haben, welche sich noch für das Urteil interessiert, der Erkenntnistheorie. (4) Ihre Aufgabe besteht in der Darstellung der Verfahrensweisen auf den verschiedenen Gebieten des Gedankenlebens und in der Abmessung des Geltungsbereiches einer jeden. Dazu ist es unbedingt erforderlich, daß sie größere Gedankenkreise in ihrer Betrachtung zusammenfaßt. Weniger notwendig ist es dagegen, die einzelnen Tatsachen zu konstatieren, zu sammeln und zu deuten. Wo sich deshalb die Erkenntnistheorie mit dem Urteil, das ja der logische und psychologische Ausdruck jeder Erkenntnis ist, beschäftigt, wird auch sie dazu beitragen, daß in seiner Behandlung mehr die deduktive, umfassende, als die induktive, auf das Einzelne gerichtete Forschungsmethode Platz greift.

Als Tatsache können wir die dargelegten Verhältnisse aus der geschichtlichen Entwicklung unseres Problems heraus verstehen. Dagegen können wir dem nicht zustimmen, wenn einzelne Forscher daraus ein Prinzip machen. Es ist im Anschluß an LOTZEs Standpunkt gesagt worden, daß zwar der mechanische Verlauf der Vorstellungen einer empirischen Behandlung zugänglich ist, das Urteil und die noch komplizierteren Denkformen sich dagegen einer solchen entziehen.

Auch wir stehen nicht auf dem Boden des absoluten Empirismus. Wir geben zu, daß es große und hochbedeutende philosophische Arbeitsgebiete gibt, die sich nicht aufgrund der Erfahrung allein behandeln lassen. Aber in der Psychologie können wir solche nicht anerkennen. Speziell gehört das Urteil zu ihnen unserer Ansicht nach nicht. Eine ausführliche Begründung unseres Standpunktes halten wir an dieser Stelle nicht für angebracht. Widerlegt können die entgegenstehenden Behauptungen einer spekulativen Psychologie nur durch den glücklichen Fortgang der auf die Erfahrung gegründeten Untersuchung werden. Sollte diese zunächst mißlingen, so werden sich ihre Anhänger dadurch schwerlich von immer neuen Versuchen abschrecken lassen. Aber eine prinzipielle Polemik würde alsdann der logischen Unterlagen entbehren, während sie im entgegengesetzten Fall überflüssig sein würde. Denn das ist gerade das Große an der empirischen Forschung, daß sich ihren Ergebnissen auf die Dauer auch der Gegner nicht entziehen kann.

Absehen wollen wir von allen Resultaten, welche die bisherige Untersuchung des Urteils gezeitigt hat. Zum großen Teil sind sie, wie gesagt, nicht auf dem Weg gewonnen worden, welchen eine empirische Behandlung psychologischer Fragen allein gelten lassen kann. In diesem Fall ist eine Nachprüfung unseres Erachtens unbedingt geboten. Denn ehe sie nicht durch die Erfahrung und die auf sie sich stützende Methode betätigt sind, kommt ihnen nicht die eigentümliche Sicherheit zu, die wir erstreben. Aber auch da, wo die Erforschung des Urteils den Anforderungen einer exakten Untersuchung Genüge zu leisten sich bemüht hat, dürfte eine nochmalige Inangriffnahme derselben Aufgabe am Platz sein. Wenn dieselben Resultate auf zwei verschiedenen Wegen gewonnen werden, so ist das umso besser, ihre Sicherheit ist dann umso größer. Werden wir dagegen zu abweichenden Ansichten geführt, dann wird es gleichfalls heilsam sein, daß die so entstandenen Kontroversen nicht verschleiert bleiben. Schwierigkeiten werden sich daraus allerdings ergeben, daß wir unsere Aufgabe so gleichsam ganz von Neuem in Angriff nehmen. Indessen dürften diese sich weniger in der Forschung selbst, als in der Darstellung der gewonnenen Resultate zeigen. Denn zur Verständigung mit anderen muß man sich der vorliegenden Begriffe bedienen. Diese sind aber im wesentlichen ein Niederschlag früherer wissenschaftlicher Arbeiten. Wenn man die Resultate dieser dahingestellt sein läßt, so geht einem leicht auch der Vorteil verloren, welchen für die Verständigung mit anderen die schon früher festgelegten Begriffe darbieten. Diesem Übelstand muß natürlich so gut es geht, abgeholfen werden. Zunächst wird man sich der überkommenen Ausdrücke bedienen, ohne sich jedoch deren Bedeutung ganz zu eigen zu machen. Vielmehr wird man durch eine möglichst klare Darlegung der Abweichung in der eigenen Fassung der Begriffe und durch möglichst konkretes Eingehen auf das tatsächliche Material die eigenen Ansichten zu verdeutlichen suchen müssen.

Nicht verhehlen werden wir es uns dürfen, daß eine empirische Erforschung des Urteils, wenn sie überhaupt gelingen soll, eine schwierige und komplizierte Sache ist, und daß man dabei mitunter sehr weit wird ausholen müssen. Die Vorgänge selbst, welche untersucht werden sollen, sind sehr zusammengesetzter Natur. Es wird nicht immer ganz leicht sein, genügend exakte Beobachtungen auf diesem Gebiet anzustellen und durch geeignete Schlüsse zu ergänzen. Daneben ist für jede empirische Betrachtung noch ein zweites erforderlich. Nach der Sammlung und Konstatierung des tatsächlichen Materials muß die Erklärung und Deutung desselben gepflegt werden. Auch die Ausbildung der hierzu notwendigen Begriffe wird beim zusammengesetzten Charakter der zu untersuchenden Erscheinungen nicht einfach sein. Insbesondere wird die Sache erschwert durch die enge Berührung, in welcher unser Arbeitsgebiet mit Logik und Erkenntnistheorie steht. Wird dadurch auch die Bedeutung des Urteils selbst klargestellt, so ergeben sich daraus für seine Erforschung doch manche Spezialprobleme, welche andere Teil der Seelenlehre nicht kennen.

Ehe man an die Untersuchung einer Gruppe von Erscheinungen herantreten kann, muß man sich wenigstens im allgemeinen über den Umfang des zu erforschenden Gebietes klar sein. Bis ins einzelnste lassen sich die Grenzen desselben erst nach der Betrachtung feststellen. Denn der Umfang jedes Begriffs ist auch von seinem Inhalt abhängig. Je nachdem man mehr oder weniger Merkmale diesem beilegt, oder die einzelnen Momente des Begriffs so oder anders bestimmt, wird die Zahl der unter denselben fallenden Erscheinungen größer oder geringer. Indessen sind dies feinere Unterschiede, die beim Beginn der Arbeit noch nicht in Betracht zu kommen brauchen. Hierfür genügt eine Verständigung im allgemeinen, genügt es, wenn die größeren Gruppen festgestellt werden, die untersucht werden sollen. Zu diesem Zweck wird es auf unserem Gebiet ausreichen, wenn wir uns bei der Logik Auskunft suchen. Denn diese Disziplin und nicht die Seelenlehre hat den Begriff des Urteils bisher im wissenschaftlichen Sprachgebrauch fixiert. Und für den Anfang - freilich auch nur für diesen - wird es auch der psychologischen Untersuchung genügen, sich dieser Fixierung zu bedienen. Allerdings lassen wir dabei zunächst alle Bestimmungen fort, welche nur den Zwecken des anderen Faches dienen, wie z. B. die, daß das Urteil das Bewußtsein der objektiven Gültigkeit einer subjektiven Verbindung von Vorstellungen ist (ÜBERWEG) oder, daß sein Wesen in der Prädikation besteht (BENNO ERDMANN) usw. Auch über die streng genommen in das Gebiet der Psychologie gehörenden aber in Lehrbüchern der Logik entwickelten Theorien gehen wir hinweg, wie z. B. über die durch WUNDT hervorgerufene Frage, ob das Wesen des Urteils in der Verbindung zweier getrennter Vorstellungen besteht oder in der Trennung einer zusammengesetzten. Denn wir wollen, wie schon erwähnt, alle derartigen Gedanken zurückstellen, bis unsere eigene Untersuchung uns entweder zur Annahme oder zur Ablehung derselben geführt hat. Wir entnehmen deshalb zunächst aus der Logik nur die wohl allgemein zugestandene Bestimmung, daß der sprachliche Ausdruck des Urteils der vollständige oder verkürzte Aussagesatz ist. Hiermit ist jedoch schon eine Schwierigkeit aufgedeckt. Denn der sprachliche Ausdruck ist nicht das Urteil selbst, und doch wird diese Bezeichnung häufig auf ihn angewendet. Ja, wenn man an die Art und Weise denkt, wie die Logik z. B. die verschiedenen Arten der Urteile unterscheidet, so wird man beides, Urteil und Aussagesatz, häufig kaum noch getrennt finden. Auf diese Weise erhält der Ausdruck "Urteil" eine doppelte Bedeutung. Er bezeichnet einmal "ein abgeschlossenes Resultat der Denktätigkeit, das als solches im Gedächtnis wiederholbar, in neue Kombinationen einzugehen fähig, durch Mitteilung an andere übertragbar, in der Schrift für alle Zeit fixierbar ist." (5) Aber das ist nicht der eigentliche, strengste Sinn des Wortes. Nach diesem ist das Urteil vielmehr ein lebendiger Vorgang, ein Akt des denkenden Individuums, der sich in einem bestimmten Moment innerlich vollzieht. Ein Fortbestehen desselben ist nur dadurch möglich, daß er "immer und immer wieder mit dem Bewußtsein seiner Identität wiederholt wird".

Zu ihm tritt der Aussagesatz hinzu. Psychologisch ist dieser entweder, wenn er gesprochen ist, eine Gehörsvorstellung bzw. ein Komplex von solchen, oder, wenn er geschrieben ist, eine Gesichtsvorstellung oder wieder ein Komplex von solchen. Seiner logischen Bedeutung nach ist er der sprachliche Ausdruck, das sinnliche Zeichen des Urteils, das "äußerlich für andere gegenwärtig und erkennbar, beurkundet, daß ein bestimmter Denkakt im lebendigen Denken vollzogen worden ist".

Für die Logik genügt es, bei allen wichtigen Problemen, welche die Untersuchung des Urteils mit sich bringt, sich des Unterschiedes beider Bedeutungen bewußt zu bleiben. Zwar ist auch für sie der Aussagesatz das Nebensächliche, der Urteilsakt die Hauptsache. Aber es reicht für sie aus, bei der Behandlung des letzteren sich an seinen sprachlichen Ausdruck zu halten. Denn sie richtet ihre Vorschriften nur an das völlig entwickelte Denken, und dieses hat allerdings stets irgendeinen Ausdruck bereits in der Sprache gefunden. Anders liegt die Sache in der Psychologie. Sie darf nicht bloß ein allgemeines Bewußtseins haben vom Unterschied zwischen dem Aussagesatz als dem sprachlichen Ausdruck des Urteilsaktes und dem letzteren selbst. Für sie stellt dieser Unterschied ebenso wie jeder mit Sicherheit konstatierte Tatbestand schon eben dadurch, daß er dies ist, eine Aufgabe dar, aus der sich möglicherweise eine ganze Reihe von Problemen entwickeln kann. Wir glauben, daß schon jetzt, beim Beginn der Untersuchung, die Notwendigkeit erkennbar ist, auf dreifachem Weg an die auftauchende Frage heranzutreten.

1. In relativer Festigkeit oder, wie SIGWART sagt, "als ein fertiges Ganzes, als ein abgeschlossenes Resultat der Denktätigkeit" liegt uns nur das Urteil als Gebilde, der geschriebene oder gesprochene Aussagesatz vor. Es fragt sich nun: lassen sich von diesem aus Schlüsse auf den Urteilsakt machen? - Ganz ungangbar ist dieser Weg sicherlich nicht. Die Logik hat diejenigen psychologischen Erkenntnisse, welche sie uns überhaupt geliefert hat, wohl fast ausschließlich auf diese Weise gewonnen. Ferner wäre es ja denkbar, daß außer den gesprochenen oder geschriebenen Aussagesätzen sich kein sicheres empirisches Material unserer Untersuchung zugrundelegen läßt. In diesem Fall würde eine nur an die Erfahrung sich wendende Wissenschaft die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit überhaupt erreicht haben, wenn sie dasjenige konstatiert hätte, was man vom Aussagesatz aus über den Urteilsakt erschließen kann. Nun hoffen wir freilich, daß die Grenzen unserer Arbeit nicht so eng gesteckt sind. Trotzdem werden wir mit in erster Linie auf die soeben skizzierte Methode angewiesen sein. Freilich unterlassen wir nicht, eine Forderung kritischer Vorsicht zu erheben: das jetzt dargestellte Verfahren ist ein indirektes und bedarf deshalb der Ergänzung durch andere Untersuchungsweisen.

2. Es fragt sich, ob nicht der dem Aussprechen bzw. Niederschreiben des Satzes parallel oder vorausgehende Urteilsakt sich direkt untersuchen läßt. Gerade vom empirischen Standpunkt aus erscheint dieser Weg am verlockendsten, da er am schnellsten zur Lösung der aufgeworfenen Probleme führen würde. In der Tat glauben wir, daß bei der Ausbildung der meisten bisherigen Ansichten über das Urteil dieses Verfahren den betreffenden Forschern vorgeschwebt hat. Nun wollen wir auch nicht bestreiten, daß auf diese Weise relativ wichtige Gesichtspunkte gewonnen sind. Insbesondere dürften wir hierdurch zu der Orientierung über die höheren Prozesse des geistigen und insbesondere des Gedankenlebens gelangt sein, soweit wir eine solche jetzt schon haben. Indessen mehr als solche allgemeinen Gesichtspunkte scheinen uns auf diesem Weg nicht gewonnen werden zu können.

Zu einer prinzipiell einwandfreien Erklärung scheinen uns die hier verwendeten Beobachtungen nicht auszureichen. Auf diesen hoch entwickelten Gebieten ist es gar zu schwer, zu trennen, was ausschließlich Datum der Wahrnehmung ist, und was schon zu den erklärenden Begriffen gehört. Sodann sind diese Vorgänge mit ihrem sprachlichen Ausdruck, von welchem hier ja abgesehen werden soll, so eng infolge der ganzen vorhergehenden Entwicklung verwachsen, daß es schwer sein dürfte, sie ganz von ihm loszulösen. Diese und ähnliche Erwägungen machen es auch verständlich, weshalb die Ansichten der verschiedenen Forscher sich gerade in unserem Problem so schroff gegenüberstehen. Wie wäre dies möglich, wenn die innere Erfahrung hier eine unzweideutige Erklärung an die Hand gäbe? Wie wäre es möglich, daß der eine Forscher eine besondere vom mechanischen Vorstellungsverlauf unabhängige psychische Aktivität in sich finden kann und der andere nicht? Wie wäre es zu erklären, daß der eine das Urteil aufgrund seiner Selbstbeobachtung als einen Akt des Verbindens, der andere als einen Akt des Trennens, wieder ein anderer als eine Formung oder Gliederung auffaßt usw.? Wir werden deshalb diesem Verfahren, das auf den ersten Blick die größte Sicherheit zu versprechen scheint, ja gerade am wenigsten trauen zu dürfen. Die Sache schien ja im Anfang so einfach zu sein. Daß hier Urteile vorliegen, darüber herrscht kein Zweifel. Das erkennen wir an ihrem sprachlichen Ausdruck, dem Aussagesatz. Nun so fassen wir diese Phänomene in ihrem ganzen Umfang ins Auge, abstrahieren dann von ihrem sprachlichen Ausdruck, - was dann übrig bleibt, liefert eben die Erkenntnis des Urteils. Nur ist jene Abstraktion in Wirklichkeit nicht auszuführen. Denn sie zerstört eben die Zusammenhänge, die man erforschen wollte. Immerhin mag diese Methode der direkten Beobachtung des eigentlichen ausgebildeten Urteilsaktes gelegentlich angewendet werden. Nur glaube man nicht, daß ihre Ergebnisse so einfach angenommen werden dürfen, ohne auf anderem Weg von neuem geprüft zu werden. Was man durch sie gewinnen kann, das sind weniger wirkliche Erkenntnisse, als Fingerzeige für die Richtung, in welcher diese zu suchen sind. Denn was man findet, sind, psychologisch betrachtet, mehr oder weniger vage Verschiedenheiten in den den Urteilsakt begleitenden Gemeinempfindungen. Dies ist in gleicher Weise der Fall, wenn der Unterschied des Urteils von den Reproduktionsvorgängen festgestellt werden soll, oder der Unterschied zwischen Bejahung und Verneinung usw. Noch weniger dürfte diese Methode der direkten Beobachtung leisten für die Erforschung der feineren Nuancen in den Denkvorgängen. Diese sind vielmehr weiter entwickelt worden eben im sprachlichen Ausdruck. Dessen Betrachtung gehört aber nicht hierher, sondern ist schon oben untern Nr. 1 behandelt.

3. läßt sich die Frage aufwerfen: kommt nicht der Urteilsakt ohne Gebilde, d. h. ohne sprachlichen Ausdruck vor? oder was dasselbe ist: Gibt es auch nicht-sprachliche Urteile? Diese Frage würde von einem empirischen Standpunkt aus bestimmter so gestellt werden: lassen sich nicht-sprachliche Urteile beobachten? Denn eine Erscheinung, welche existiert, ohne wahrgenommen werden zu können, bringt uns in der Lösung unserer Probleme nicht weiter. Die im vorigen Absatz gegebene wesentlich negative Antwort braucht noch kein Präjudiz für den jetzt behandelten Punkt zu enthalten. Denn dort war der Fall ins Auge gefaßt, daß neben dem Urteilsakt noch der sprachliche Ausdruck vorliegt. Die Unmöglichkeit, den Akt zu beobachten, welche dort behauptet wurde, kann ja vielleicht gerade in diesem Zusammensein begründet liegen. Sie würde alsdann aufhören, wenn das Gebilde, wie wir jetzt annehmen, fortfällt.

SIGWART erklärt, daß der sprachliche Ausdruck bei der Subjektvorstellung fehlen kann, daß er dagegen für die Prädikatsvorstellung unentbehrlich ist. Ehe er zu dieser hinzutritt, kann von einem bewußten Urteilen nicht gesprochen werden. Allerdings ist auch die Bildung der Wortvorstellungen ein psychischer Prozeß, den wir uns nur nach einer Analogie zu bewußten, urteilsartigen Denkakten vorzustellen vermögen. Aber er fällt vor unser bewußtes, absichtliches Denken. Dieses findet nur seine Resultat, eben die für die Prädikatsvorstellungen bereit liegenden sprachlichen Ausdrücke vor.

Damit ist der Standpunkt der Logik gekennzeichnet. Für sie gibt es keine Urteile ohne jeden sprachlichen Ausdruck. Für sie begeinnen diese Erscheinungen erst da, wo mindestens die eine Vorstellung, das logische Prädikat bereits mit einem Wortbild assoziiert ist. Die Psychologie kann dagegen selbstverständlich nichts einwenden, weil sie der Nachbarwissenschaft in deren eigenartige Arbeit nicht hineinzureden hat. Nur wird sie für sich die Frage offen halten müssen, ob nicht das ganze Gebeit der Logik nur ein Teil des gesamten menschlichen Gedankenlebens sein soll. Die psychologische Untersuchung der Denkerscheinungen darf sich überhaupt keine Schranken auferlegen lassen. Sie muß sich auf jede Tatsache erstrecken, mag dieselbe nun eine große oder geringe Bedeutung besitzen. Zu den Aufgaben der Logik gehört eine solche Universalität nicht unbedingt. Sie braucht nicht alle Denkerscheinungen zu betrachten, sondern nur diejenigen, auf welche die Anwendung ihrer Normen möglich ist. Danach wird sich auch die Fassung ihrer Begriffe richten, also auch die Fassung ihres Begriffs des Urteils. Dieser wird in ihr unter keiner Bedingung weiter, wohl aber vielleicht enger sein können, als in der Seelenlehre. Dieses Verhältnis kann vielleicht gerade in der Frage der nicht-sprachlichen Urteile zutage treten. Vielleicht liegt hier die Grenze, wo sich logische und psychologische Fassungen des Urteilsbegriffs trennen. Vielleicht ist die sprachliche Fixierung notwendig für diejenige Entwicklungsstufe des Denkens, auf welcher zuerst die Normen der Logik berücksichtigt werden können. Dann wäre diese im Recht, für ihr Arbeitsgebiet die nicht-sprachlichen Urteile abzulehnen, ohne daß deshalb die Psychologie gehindert wäre, derartige Erscheinungen anzunehmen. Das schadet nichts. Wir werden am weitesten kommen, wenn jede Wissenschaft nur nach den in ihr liegenden Prinzipen ihr Arbeitsgebiet absteckt. - Übrigens hat uns die Logik durch das Zugeständnis der Wesensgleichheit des vollständigen und des verkürzten Aussagesatzes in dankenswerter Weise vorgearbeitet. Dadurch wird die Unterscheidung des Urteilsaktes von seinem sprachlichen Ausdruck wesentlich erleichtert. (6)

Bei der Erforschung der Urteile, die eine sprachliche Fixierung noch nicht gefunden haben, wird freilich die Analogie zu denjenigen, die in der Sprache bereits ausgedrückt sind, eine große Rolle spielen. Nur daß diese, wie SIGWART meint, das einzige Mittel dieser Untersuchungen ist, müssen wir bestreiten. SIGWART faßt ausschließlich die früher bewußten, jetzt unbewußt gewordenen Prozesse ins Auge (7). Daß es solche gibt, räumen wir ein, ebenso auch, daß sie nur auf dem Weg der Analogie erkennbar sind. Aber daneben haben wir auch andere Phänomene zu erforschen. Für unsere speziellen Zwecke ist es erforderlich, daß diese mit den - in der Sprache bereits fixierten - Urteilen irgendeine Ähnlichkeit besitzen, über die dann die weitere Untersuchung Auskunft zu geben hat.

Wir werden vielleicht das, was hier gemeint ist, am besten durch eine Vergleichung mit verwandten Verhältnisse verdeutlichen können. Die einfachen Sinnesempfindungen sind uns jetzt nirgends als selbständige Bewußtseinserscheinungen mehr gegeben. Sie kommen nur noch als Bestandteile der Wahrnehmungsvorstellungen vor. Die Logik nimmt deshalb von ihnen kaum Notiz. Für sie kommen sie höchsten als besondere Arten der "Merkmale" in Betracht. Als solche sind sie Bestandteile der Vorstellungen und eventuell der Begriffe. Und doch spielt ihre Untersuchung in der Psychologie, besonders in der neueren Zeit eine so große Rolle. Denn eine genetische Betrachtung des seelischen Lebens nimmt an, daß sie früher einmal als selbständige Gebilde aufgetreten sind. Man muß dann weiter folgern, daß sie sich im Laufe der Zeit zu den Wahrnehmungsvorstellungen, als deren Bestandteile sie uns jetzt erscheinen, zusammengeschlossen haben, und daß dieser Zusammenschluß auf dieser Stufe der psychischen Entwicklung einen wesentlichen Teil des bewußten Lebens ausgemacht hat. Jetzt ist das anders. Jetzt ist wohl die Wahrnehmungsvorstellung selbst ein bewußtes Phänomen, nicht aber ihre Bildung aus einzelnen Empfindungen. Diese ist demnach unbewußt geworden, und wenn wir sie uns überhaupt vorstellen wollen, so können wir dies nur tun, nach einer Analogie von jetzt vorkommenden bewußten Prozessen. Ähnliches kann nun sehr wohl auch in der Entwicklung des Urteils stattgefunden haben. Auch hier können früher bewußte Prozesse jetzt unbewußt geworden sein. Eine genetische Betrachtung wird nich umhin können, auf diesen Umstand Rücksicht zu nehmen. Und da eine empirische Untersuchung unvollständig ist, wenn sie nicht auch die Entwicklung ihres Gegenstandes verfolgt, auch durch frühere, jetzt nicht mehr vorhandene Stadien hindurch verfolgt, so werden wir den Winken, die die angezogene Bemerkung SIGWARTs enthält, im Verlauf unserer Betrachtung in einem ausgedehnten Maß nachkommen müssen.

Aber augenblicklich ist das, was wir brauchen, doch etwas anderes. Wir suchen zunächst einen festen Ausgangspunkt, von dem aus sich die Forschung anstellen läßt. Dieser aber läßt sich durch Analogie allein nicht gewinnen, schon deshalb nicht, weil sie selbst ja immer etwas als bekannt voraussetzt, von dem sie ausgeht. In unserem Fall würden jene urteilsähnlichen nichtsprachlichen Denkakte vom sprachlich fixierten Urteil aus erschlossen werden müssen. Dabei würde dieses als bekannt vorausgesetzt werden. Das dürfen wir aber nicht tun, weil es ja eben das Problem bildet, das wir zu erklären, seinem Wesen nach kennenzulernen, versuchen wollen. Diese Schwierigkeit wird sich kaum anders als durch eingehende Einzeluntersuchungen überwinden lassen. Wir werden nicht-sprachliche Denkgebilde, die uns den Urteilen ähnlich zu sein scheinen, erst ganz für sich, ohne Rücksicht auf diese letzteren, betrachten müssen. Erst nachträglich lassen sich die Beziehungspunkte zu diesen feststellen. Erst an dritter Stelle ergeben sich - im günstigen Fall - weiter Folgerungen.

Ob man die gesuchten Phänomene nicht-sprachliche Urteile oder - mit Sigwart - urteilsähnliche Denkakte nennen will, ist eine Frage der Terminologie (8). Sie ist als solche auch wichtig, kann aber nicht jetzt am Anfang der Untersuchung, sondern erst im Fortgang und am Ende derselben beantwortet werden. Es wird dabei darauf ankommen, ob die Ähnlichkeit mit den in der Sprache fixierten Urteilen so groß ist, daß sie mit diesen unter denselben Namen zusammengefaßt werden müssen.


I. Kapitel
Beiträge zur
psychologischen Methodenlehre


I. Innere Wahrnehmung und innere Beobachtung

Das wichtigste Mittel der empirischen Psychologie, um Tatsachen aufzusuchen und zu konstatieren, ist die innere Wahrnehmung und Beobachtung. Freilich ist sie nicht der einzige Weg hierzu. Wir können auch fremdes Seelenleben studieren, allerdings nicht direkt durch ein Hineinsehen in dasselbe, wohl aber indirekt aus seinen Äußerungen. Eine Fülle von Material liefern uns ferner die Niederschläge, die geistige Tätigkeit erzeugt hat. Sprache und Sitte, Kunst und Religion, die Erzeugnisse wissenschaftlichen Forschens und die so verschiedenartigen Gestaltungen des praktischen Lebens geben in gleicher Weise Zeugnis von einem regen geistigen Schaffen, d. h. von einer unermeßlich großen Zahl psychischer Vorgänge, ohne welche sie niemals in das Dasein getreten wären. Aber auch hier ist die Erkenntnis, welche uns möglich ist, eine indirekte. Die Psychologie sucht eben die Vorgänge zu erforschen, welche jene Gebilde hervorbringen. Aber als tatsächhliches Material liegen ihr nur diese letzteren vor, nicht die seelischen Prozesse, durch die sie erzeugt wurden. Diese können daher nur indirekt erkannt werden. Zu jedem indirekten Erkennen aber müssen direkte Kenntnisse schon von anderswoher gewonnen sein. Diese werden an das indirekt zu erforschende Material herangebracht, und so wird dieses der Erklärung und dem Verständnis nähergeführt. So kann auch die Seelenlehre ohne direkt gewonnene Erkenntnisse dasjenige nicht erklären, was ihrer indirekten Erforschung zugewiesen ist. Direkt erkennen aber läßt sich nur das eigene Seelenleben. Von ihm aus müssen die Äußerungen fremden seelischen Geschehens verstanden werden, ebenso wie die Prozesse, als deren Erzeugnisse die oben erwähnten Produkte geistigen Schaffens sich darstellen. Jene aber, nämlich die Vorgänge im eigenen Innern, lassen sich empirisch nur feststellen durch innere Beobachtung und innere Wahrnehmung. So hängt die Möglichkeit einer wissenschaftlichen, auf Tatsachen gegründeten Seelenlehre an der Frage, ob, bzw. in welchem Grad eine innere Beobachtung oder Wahrnehmung möglich ist. Zu verwundern ist es daher nicht, daß heute, wo man so energisch eine empirische Seelenlehre aufzurichten bestrebt ist, auch die Frage der inneren Beobachtung und Wahrnehmung mit im Vordergrund des Interesses steht. Die folgenden Absätze wollen einen kleinen Ausschnitt aus der so ausgedehnten Behandlung unseres Themas in der psychologischen Literatur geben. Doch hoffen wir, damit die für den augenblicklichen Stand der Frage am meisten charakteristischsten Züge zur Darstellung gebracht zu haben.


1. Comte

In Fluß gebracht ist die Frage der inneren Beobachtung erst durch AUGUSTE COMTE. Wie so häufig war es auch hier eine einschneidende radikale Kritik, die den dogmatischen Schlummer, d. h. in diesem Fall das naive Vertrauen zur eigenen Selbstbeobachtung, gestört hat. COMTE verweigert (Cours de philosophie positive, vierte Auflage, ed. E. LITTRÉ, Bd. 1, Seite 30) der jetzigen Psychologie jeden Platz unter den positiven Wissenschaften. Sie sei der letzte Ausläufer der von ihm sogenannten theologischen Denkweise, der frühesten Form der Weltbetrachtung überhaupt. Wenn sie den Geist ansich untersuchen will, so heißt das "Abstrahieren sowohl von Ursachen als auch von Wirkungen". Nach COMTEs Anschauungsweise bedeutet das die Aufhebung aller Daten, auf welche sich die Forschung stützen könnte, und damit die Aufhebung der letzteren selbst. Der menschliche Geist kann alle Erscheinungen direkt beobachten, nur nicht seine eigenen. Es ist also schwer anzugeben, wer das Subjekt dieser Selbstbeobachtung sein soll. Bei den sogenannten moralischen Phänomenen ist sie vielleicht noch möglich. Denn hier sind die Organe, welche den Sitz der Vorgänge bilden, verschieden von denjenigen, denen die Beobachtung obliegt. Doch ist es auch hier besser, die Leidenschaften an anderen Menschen zu studieren. Offenbar unmöglich aber ist die Beobachtung der intellektuellen Phänomene während ihres Ablaufs. Denn das denkende Individuum kann sich nicht eilen in ein beobachtendes und ein beobachtetes. Auch das Organ für die Beobachtung und für den beobachteten Prozeß ist in diesem Fall identisch. Ironisch spricht er dann die Folgerung aus, die sich aus der schon im Prinzip verfehlten inneren Wahrnehmung ergibt. Einerseits soll man sich - diese Forderung läßt COMTE die Anhänger der angegriffenen Methode erheben - von jeder Empfindung möglichst abschließen, sich auch jeder Denkarbeit enthalten und dann soll man zusehen, was im Geist vor sich geht, während sich doch nichts mehr in ihm ereignet. Er steigert die Ironie noch, indem er die Erwartung ausspricht, daß unsere Nachkommen derartige seltsame Ansprüche auf der Bühne dargestellt sehen werden. Die Resultate einer solchen Forschungsart entsprächen demselben Prinzip. Seit 2000 Jahren sei die Psychologie so bearbeitet worden, und noch ist kein einziger verständlicher und festgegründeter Satz gewonnen.


2. Mill

Von den Einwürfen, die gegen COMTEs Darlegungen erhoben wurden, sind diejenigen JOHN STUART MILLs, der seinem Standpunkt in mancher Hinsicht so nahe steht, hier zuerst erwähnt. (9) Er bezeichnet COMTEs Ansichten als eine ernste Verwirrung. Er fragt, wie man denn die Äußerungen des Seelenlebens anderer soll zu deuten wissen, ohne zuvor durch die Erkenntnis des eigenen Selbst gelernt zu haben, was ihr Sinn ist. Er beruft sich auf CONDILLAC und WILLIAM HAMILTON zur Erhärtung der "Tatsache, daß der Geist sich mehr als eines Eindrucks, ja einer beträchtlichen Anzahl von Eindrücken zugleich bewußt sein und, mehr als das, denselben zugleich seine Aufmerksamkeit widmen kann". Freilich wird dieselbe durch diese Teilung geschwächt und darin liegt allerdings eine Schwierigkeit der inneren Beobachtung. "Allein eine Schwierigkeit ist keine Unmöglichkeit." Diesen letzteren Satz MILLs werden wir im folgenden gewissermaßen als das Motto unserer eigenen Anschauungen hinsichtlich des Problems der inneren Wahrnehmung betrachten können. Seine Tragweite ist hier nach unserer Auffassung eine weit größere, als selbst MILL angenommen zu haben scheint. Ferner bezeichnet MILL die Beobachtung mittels des Gedächtnisses als eine zulässige Quelle für die Erkenntnis der eigenen inneren Erlebnisse. Auf diesem Weg sei in der Tat bisher schon das Beste, was wir an psychologischen Einsichten besitzen, gewonnen worden. Auch diese Ansicht ist in der neueren psychologischen Literatur recht einflußreich geworden.


3. Brentano

Der zweite, der COMTEs Ausführungen seinerseits einer Kritik unterworfen hat, ist FRANZ BRENTANO (Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 1, 1874, Seite 35f). Er hat die Gedanken COMTEs für die Seelenlehre eigentlich erst recht fruchtbar gemacht, indem er sie ihres radikalen Charakters entkleidete, die Mahnung zur Vorsicht dagegen, die sie im Verhältnis zum naiven Selbstvertrauen der früheren Zeit gegeben hatten, auch in seinen Darlegungen beibehielt. Seine Auffassung stützt sich auf den Unterschied zwischen der mit Absicht ausgeführten Beobachtung und der ohne eine solche vor sich gehenden Wahrnehmung (10). Die letztere sei die eigentliche Erfahrungsgrundlage der Psychologie, währendjene überhaupt unmöglich ist. Ja, es sei ein allgemeingültiges psychologisches Gesetz, daß wir niemals einem Gegenstand der inneren Wahrnehmung unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden vermögen. In dieser Hinsicht also habe COMTE richtig geseen. Sein Fehler sei nur der gewesen, daß er zugleich mit der absichtlich ausgeführten inneren Beobachtung auch die unabsichtlich vor sich gehende innere Wahrnehmung verworfen habe. Nur eine Art von Beobachtung seiner selbst ist nach BRENTANO gleichfalls möglich, nämlich die Beobachtung im Gedächtnis. Wir finden hier den Gedanken wieder, den schon MILL gegen COMTE geltend gemacht hat.


4. Friedrich Albert Lange

Die von BRENTANO gezogene mittlere Linie ist im allgemeinen auch von den übrigen Forschern, die diese Frage behandelt haben, eingehalten worden. Von den deutschen Philosophen dürfte am entschiedensten gegen die innere Beobachtung Stellung genommen haben FRIEDRICH ALBERT LANGE, der Verfasser der "Geschichte des Materialismus" (11). Er findet, daß die Natur aller und jeder Beobachtung dieselbe ist, daß also zwischen innerer und äußerer Beobachtung kein prinzipieller Unterschied konstatiert werden kann. Nur darin liegt ein solcher, ob eine Beobachtung von anderen gleichzeitig oder später ebenfalls gemacht werden kann, oder ob sie sich einer solchen Aufsicht und Bestätigung entzieht. Auch die äußere Beobachtung würde nicht den exakten Charakter gewonnen haben, den wir in den Naturwissenschaften bewundern, wenn nicht jedes einzelne ihrer Daten einer genauen Nachprüfung hätte unterzogen werden können. Der Kernpunkt aller der zu diesem Zweck getroffenen Vorsichtsmaßregeln soll darin liegen, daß der Einfluß der Subjektivität des Forschers eliminiert wird. Insbesondere wird hierdurch verhindert, daß vorgefaßte Ansichten und Neigungen das Beobachtungsmaterial irgendwie verändern. Diese Gesichtspunkt sollen nun aber unanwendbar auf die Beobachtung der eigenen Gedanken, Gefühle und Triebe sein. Deshalb kann dann dieselbe auch niemals den exakten Wert der äußeren Beobachtung erreichen. Freilich folgt dann ein merkwürdiger Satz: "Es sei denn, daß man die eigenen Gedanken etwa ganz unbefangen durch Schrift oder andere Mittel fixiert hat und nun nachträglich den Vorstellungsverlauf prüft, wie den eines Fremden." Leider hat LANGE den hier angeschlagenen Gedanken nicht weiter verfolgt. Mit seiner sonstigen vollständigen Verwerfung der Selbstbeobachtung dürfte er nicht vereinbar sein. Vielmehr scheint sich uns hier ein Weg zu zeigen, aus den Schwierigkeiten derselben herauszukommen. Wir werden weiter unten bei der Darlegung unserer eigenen Ansichten an diesen Punkt anknüpfen. - Die sonstigen Ausführungen LANGEs können hier übergangen werden, da sie nur entfernt mit unserem Thema zusammenhängen. Er bespricht das Verhältnis einer Reihe von Psychologen zu den von ihm ausgesprochenen Gedanken fordert dann anstelle der bisherigen Weise der Selbstbeobachtung auch in der Seelenlehre ein naturwissenschaftliches Verfahren, dessen Grenzen er freilich nicht angeben zu können zugesteht. Daß es jedoch im Prinzip möglich ist, ergibt sich schon aus dem Bestehen einer Tierpsychologie usw.
LITERATUR - Ernst Schrader, Zur Grundlegung der Psychologie des Urteils, Leipzig 1903
    Anmerkungen
    1) Vgl. hierzu u. a.: THEODOR LIPPS, Grundzüge der Logik, Hamburg und Leipzig 1893, Seite 16
    2) WILHELM JERUSALEM, Die Urteilsfunktion. Eine psychologische und erkenntnistheoretische Untersuchung, Wien und Leipzig 1895. Derselbe Glaube und Urteil, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 18, Seite 162. Derselbe Über psychologische und logische Urteilstheorien. Dieselbe Zeitschrift, Bd. 21, Seite 158f. - Vor allem JERUSALEM war das Urteil in eingehenerer Weise vom psychologischen Standpunkt eigentlich nur behandelt von FRANZ BRENTANO in seiner "Psychologie vom empirischen Standpunkt", Bd. 1, Leipzig 1874, Seite 266f. An ihn schließt sich in dieser Frage CARL STUMPF im ersten Band seiner "Tonpsychologie" an (Leipzig 1883, Seite 1f). Eine Zusammenstellung der wichtigsten damals vorliegenden psychologischen Äußerungen über das Urteil habe ich am Anfang meiner Inauguraldissertation: Beiträge zur Psychologie des Urteils, Versuch einer analytischen Behandlung desselben, Halle 1890, gegeben. In der vorliegenden Untersuchung werden wir an den betreffenden Stellen Gelegenheit haben, auf die Literatur einzugehen. Die wichtigsten Beiträge zu unserer Frage liefern übrigens nicht diese - häufig recht knappen - Bemerkungen, sondern die eingehenden Diskussionen über zwei Begriffe, die - unter sich völlig verschieden - eng an unser Gebiet angrenzen. Wir meinen die "Apperzeption" in der Fassung WUNDTs und das "Belief" in der englischen und amerikanischen Psychologie. Vgl. WUNDT. Physiologische Psychologie, Bd. II, Seite 73f, 121f, 266f, 375f, 456f. Die betreffenden Abschnitte sind im Vergleich zu den früheren Auflagen wesentlich umgearbeitet. OSWALD KÜLPE, Grundriß der Psychologie auf experimenteller Grundlage dargestellt, Seite 438f. Vgl. ferner G. F. STOUT, Analytic Psychology, speziell die Ausführungen über Noetic Synthesis, ferner JAMES MILL, The principles of psychology, London 1890, Bd. 1, Seite 598, Bd. 2, Seite 284f.
    3) WUNDT, SYSTEM der Philosophie, Seite 38f, 98, 137f.
    4) HEINRICH MAIER, Logik und Erkenntnistheorie, in Festschrift für Christoph Sigwart, Tübingen/Freiburg/Leipzig 1900, Seite 229f.
    5) SIGWART, LOGIK I, Seite 25.
    6) Vgl. STEINTHAL, Grammatik - Logik und Psychologie, Seite 169.
    7) WUNDT, System der Philosophie, Seite 335
    8) vgl. LIPPS, Grundtatsachen des Seelenlebens, Bonn 1883, Seite 390f.
    9) JOHN STUART MILL, Auguste Comte und der Positivismus, 1865. Wiederabdruck aus der Westminster-Review, übersetzt von ELISEE GOMPERZ, Leipzig 1874, Seite 44f.
    10) Eine ähnliche Unterscheidung hat schon KANT gemacht in der Anthropologie vom Jahr 1798, Seite 11f.
    11) F. A. LANGE, Geschichte des Materialismus, vierte Auflage, besorgt von HERMANN COHEN, Seite 689f.