p-4W. JerusalemA. Goedeckemeyervon der PfordtenW. JerusalemE. Eberhard    
 
WILHELM JERUSALEM
Die Urteilsfunktion
[1/2]

"Die Frage, was im Fall der Zustimmung oder Verweigerung im Urteil außer dem Zusammenstellen zweier Vorstellungen sonst noch vorgeht, ist eines der schwierigsten metaphysischen Probleme."

"Die Logiker haben das Wesen des Urteils in einer Verbindung von Begriffen gesucht. Die Form, in welche die Logik die wirklichen Urteile oft gar gewaltsam einzwängt, hat man für die dem Urteilsakt eigentümliche gehalten. Aus diesem Irrtum haben sich viele Streitfragen ergeben, die vielleicht bei einer genauen psychologischen Zergliederung ganz wegfallen werden. Es sei beispielshalber nur auf die eine Frage verwiesen, ob die Kopula auch immer die reale Existenz des Subjekts mitbedeutet oder nur die ideale Verbindung von Subjekt und Prädikat ausdrückt."

"Erst wenn die formende und objektivierende Funktion des Urteilsaktes erkannt ist, wenn man sich gegenwärtig hält, daß bei allen wirklich gefällten Urteilen der beurteilte Inhalt schon vor dem Urteilsakt in irgendeiner Form gegeben ist, dann wird auch die Bedeutung des sprachlichen Zeichens der Kopula richtig gewürdigt, und der Begriff der Existenz selbst klar werden."

"Das Wort ist psychologisch keine Vorstellung, sondern Urteilselement. Sein Bedeutungsgebiet umfaßt nicht die Vorstellungen, die es erweckt, sondern die Urteile, in die es als Element eingehen kann."


Erster Abschnitt
Die Bedeutung des Urteilsproblems

1. Gegenstand und Aufgabe
der Untersuchung

Alle unsere Erkenntnisse nehmen, wenn der psychische Akt zu einem zumindest vorläufigen Abschluß gelangt ist, die Form von Urteilen an. Aufgrund einer sinnlichen Wahrnehmung sagen wir: Es regnet, es blitzt, es donnert, der See ist heute bewegt, der Himmel ist klar, ist bewölkt und dgl. Aber auch die Resultat langwierigen wissenschaftlichen Studiums, die Ergebnisse jahrelangen Forschens und Denkens fassen wir in verhältnismäßig einfache Sätze zusammen. "Humes Kausalitätstheorie ist schwer zu widerlegen", "Kants Kritik der reinen Vernunft bildet einen Wendepunkt in der Geschichte der Philosophie", "Arbeit ist die Hauptquelle des Reichtums", "der Pessimismus ist als Weltanschauung unhaltbar", "die Zeit ist Bewußtseinsarbeit" sind Beispiele von Urteilen, die für denjenigen, der sie aufgrund selbständiger Denkarbeit fällt und nicht gedankenlos nachspricht, die Endglieder langer Gedankenreihen bedeuten. Das Urteil ist, wie wir sehen, die Form, in der die einfachsten wie die verwickeltsten Gedankeninhalte von uns ausgeprägt, formuliert, ausgesprochen und unseren Denkgenossen zugänglich gemacht werden. Schon dieser weitreichende Gebrauch, den wir in unserem psychischen Leben von der urteilenden Tätigkeit machen, fordert zum Nachdenken über diese Tätigkeit auf. Die Frage, was wir tun, wenn wir urteilen, ist aber nicht, wie JOHN STUART MILL einmal sagt (1), eine metaphysische, sondern zunächst zumindest eine psychologische Frage. Erst wenn es durch eine eingehende psychologische Analyse klar geworden ist, aus welchen sonst bekannten Elementen sich der Urteilsakt zusammensetzt, wenn die Beziehungen aufgedeckt sind, die zwischen dem Urteilen und den anderen psychischen Vorgängen obwalten, erst dann, sage ich, wird für die Untersuchung der logischen und erkenntnistheoretischen Bedeutung unserer Denkformen die nötige Grundlage gewonnen sein. Daß man in der Logik das Bedürfnis nach einer tieferen psychologischen Fundierung empfindet, das kann man schon äußerlich am breiten Raum erkennen, den in neueren Darstellungen der Logik, wie z. B. in denen SIGWARTs, SCHUPPEs, WUNDTs, BENNO ERDMANNs, die Untersuchungen über die psychologische Natur der Begriffe und Urteile einnehmen. Für die Erkenntnistheorie gedenke ich den Nachweis ihrer Abhängigkeit von der Psychologie am Schluß dieses Werkes zu führen.

Mir scheint demnach die Psychologie des Urteilsaktes die Grundlage und Vorbedingung für die gesamte theoretische Philosophie zu sein. Wenn die Natur der Denkform, in die wir unsere Erkenntnisse bringen müssen, ihrem Wesen und ihrer Entstehung nach richtig erkannt ist, dann wird sich vielleicht auch auf KANTs Frage: "Was ist unser Beibringen zum Zustandekommen der Erfahrung?" eine von allen transzendenten und apriorischen Elementen freie Antwort geben lassen. Eben deshalb aber glaube ich, daß die psychologische Untersuchung des Urteilsaktes zunächst als selbständige Aufgabe in Angriff genommen werden muß. Der Urteilsakt soll zunächst begriffen werden als Teil unseres ganzen Seelenlebens, der an der Entwicklung desselben teilnimmt, es sollen die Beziehungen desselben zu den übrigen Vorgängen aufgedeckt, und dabei ohne jede Rücksichtnahme auf bestimmte logische oder erkenntnistheoretische Lehren eine Beschreibung dessen geliefert werden, was in uns vorgeht, wenn wir urteilen. Die psychologische Theorie des Urteils, die wir aufzustellen gedenken, soll sich zunächst darin bewähren, daß die verschiedenen tatsächlich vorkommenden Urteilsformen ihrer psychologischen Natur nach klarer, deutlicher und, wie wir hoffen, richtiger erkannt werden. Die Frage nach dem Wahrheitswert der Urteile, sowie nach der Beziehung des Denkinhaltes zum objektiven extramentalen Sein - beides Gegenstand der Logik und Erkenntnistheorie - kommt für uns ebenfalls in Betracht, aber nur in einem strikt psychologischen Sinn. Wir werden zu untersuchen haben, was wir tun, wenn wir ein Urteil für wahr oder für falsch halten, wie wir dazu kommen, das zu tun, und welche Gefühls- und Willenselemente dabei mitwirken. Ebenso werden wir die Tatsache des Glaubens an die unabhängige Existenz der Außenwelt zu konstatieren und die Entstehung dieses Glaubens aufzuzeigen haben. Eine Entscheidung darüber, welche Urteile objektiv wahr sind, und darüber, ob die Außenwelt wirklich unabhängig von uns besteht, wird die psychologische Untersuchung nicht zu treffen haben. Allerdings hoffen wir von unserer psychologischen Urteilstheorie auch für Logik und Erkenntniskritik einigen Gewinn, allein dieser muß uns als reife Frucht in den Schoß fallen und darf keineswegs ein vorher bekanntes Ziel sein. Ein solches könnte ja nur allzuleicht die Richtung unserer Untersuchung einseitig beeinflussen und derselben die so nötige Unbefangenheit rauben.

Unsere Aufgabe ist somit - es sei dies nochmals hervorgehoben - die psychologische Untersuchung des Urteilsaktes. Logische und erkenntniskritische Fragen kommen als solche zunächst nicht in Betracht. Unerläßlich wird es dagegen sein, mehrfach auf grammatische, speziell syntaktische Fragen einzugehen, welche ja, wenn man von der historisch geordneten Materialsammlung absieht, in der Tat nur psychologische Fragen sind.


2. Psychische und physische Phänomene

Wer eine weitausblickende psychologische Untersuchung anzustellen und deren Resultate den Fachgenossen vorzulegen sich entschlossen hat, der muß, um nicht auf Schritt und Tritt Mißverständnissen zu begegnen und den Vorwurf der Unklarheit und Inkonsequenz auf sich zu laden, seine Stellung zu gewissen Grundfragen der Psychologie von vornherein präzisieren. Eine solche Grundfrage bildet gleich der Gegenstand der Psychologie, die psychischen Vorgänge und deren Verhältnis zu den physischen Vorgängen, deren Erforschung Aufgabe der Naturwissenschaft ist.

Man pflegt die psychischen Phänomene häufig dadurch zu charakterisieren und von den Vorgängen der Außenwelt abzugrenzen, daß man sagt, sie seien uns durch eine innere Wahrnehmung gegeben. Dadurch ist jedoch die Eigenart dieser Vorgänge in keiner Weise gekennzeichnet, weil ja das Epitheton [Zusatz - wp] "innere" nichts anderes bedeutet als psychisch, und nur wenn es das bedeutet, einen verständlichen Sinn hat. Das Bildliche des Ausdrucks, welcher etwa andeuten soll, daß wir bei der Reflexion auf unsere Seelenleben diese Vorgänge nicht außerhalb, sondern innerhalb unseres Körpers sich vollziehen zu sehen glauben, darf nicht darüber täuschen, daß der Begriff "innere Wahrnehmung" den Begriff des psychischen Phänomens schlechterdings voraussetzt. Daß wir die psychischen Vorgänge innerhalb unseres Körpers sich zu vollziehen sehen glauben, ist allerdings ein Kriterium derselben, aber keineswegs ein ausreichendes, da sich ja auch Verdauung, Aufsaugung, Blutzirkulation etc. innerhalb unseres Körpers vollziehen, welche doch gewiß niemand zu den psychischen Phänomenen zählen wird.

Eine genaue Charakteristik der psychischen Vorgänge gegenüber den physischen stößt freilich auf große Schwierigkeiten. Einerseits läuft jeder solche Versuch Gefahr, zur Charakteristik ein Merkmal zu verwenden, welches die Kenntnis psychischer Phänomene voraussetzt, oder gar selbst nichts anderes ist als ein psychisches Phänomen. Andererseits vergißt man nur zu leicht, daß uns auch die physischen Phänomene nur als Bewußtseinsinhalte gegeben sind und somit im Ganzen ihrer Erscheinung psychische Elemente mitenthalten. In diese beiden Fehler ist z. B. FRANZ von BRENTANO verfallen, der im Eingang seiner "Psychologie vom empirischen Standpunkt" eine solche Charakteristik versucht (2). Psychische Phänomene haben nach seiner Meinung das Eigentümliche, daß sie stets eine Beziehung auf ein "intentionales Objekt" enthalten. Dabei ist das Wort "Beziehung" in einer eigentümlichen, nur von BRENTANO und seinen Schülern angewendeten Bedeutung aufzufassen, indem darunter nur gerade, die Stellungnahme des Bewußtseins zu einem Bewußtseinsinhalt verstanden wird.

Wir haben also in dieser "Beziehung" ein durch Abstraktion gewonnenes, gar nicht direkt erlebtes psychisches Phänomen vor uns, und dadurch sollen die psychischen Phänomene als solche charakterisiert werden. Ferner kann das "intentionale Objekt", worunter nicht etwa eine transzendente, metaphysische Ursache der psychischen Vorgänge, sondern nur der vorgestellte Bewußtseinsinhalt verstanden werden muß, erst durch die Mitwirkung psychischer Phänomene zustande kommen und würde sonst gar nicht existieren. Freilich betrachtet BRENTANO den Ton als physisches, und nur das Hören des Tones als psychisches Phänomen. Da aber der Ton erst dadurch ein Ton wird, daß die Luftschwingungen auf einen Gehörapparat treffen und ein empfindungsfähiges Bewußtsein erregen, so kann der Ton ohne psychische Phänomene nicht zustande kommen, sondern erhält solche als unentbehrliche Elemente seiner Existenz. Es werden also von BRENTANO die psychischen Vorgänge durch Merkmale charakterisiert, die teils selbst psychische Vorgänge sind und noch dazu erst durch eine keineswegs einwandfreie psychologische Analyse gewonnen werden, teils wiederum ein Produkt physischer und psychischer Vorgänge sind. Dazu kommt aber noch, daß BRENTANOs Charakteristik gar nich einmal für alle Klassen psychischer Vorgänge zutrifft. Die Gemütsbewegungen z. B. enthalten durchaus nicht immer eine deutliche Beziehung auf ein Objekt, wie dies schon UPHUES (3), der sonst den Ansichten BRENTANOs nahesteht, sehr treffend hervorgehoben hat.

Das Verfehlte dieser von BRENTANO mit großer Selbstzufriedenheit vorgetragenen Charakteristik hat mich zunächst auf den Gedanken gebracht, es sei vorerst der Versuch aufzugeben, das Psychische gegenüber dem Physischen abzugrenzen. Es schien mir einfacher und entsprechender, die psychischen Phänomene aufzufassen als Lebensvorgänge, die sich innerhalb des lebenden menschlichen Organismus abspielen. Dann wären dieselben nicht von dem, was außerhalb des lebenden Organismus vor sich geht, sondern nur von jenen anderen Vorgängen zu scheiden, die sich ebenfalls innerhalb des Organismus vollziehen. Es ergäben sich dann zwei Gruppen von Lebensvorgängen, die physiologische und die psychischen; das unterscheidende Merkmal beider glaubte ich dann in der Bewußtheit zu finden. Die physiologischen Vorgänge vollziehen sich ohne Bewußtsein, die psychischen erlangen ihr Dasein durch das und im Bewußtwerden. Ich habe diese Charakteristik in meinem Lehrbuch der Psychologie durchgeführt, und für didaktische Zwecke hat sich dieselbe auch als recht brauchbar erwiesen.

Dabei blieb jedoch das Problem der unbewußten psychischen Vorgänge entweder ganz ungelöst, oder es mußte im Sinne der französischen Schule entschieden werden, deren Hauptvertreter RIBOT nur den physiologischen Vorgang als das wirklich Geschehende ansieht, während ihm das Bewußtsein, als das Psychische, als etwas ganz Sekundäres, Hinzukommendes (surajouté) erscheint. Dies verbietet jedoch die Eigenartigkeit der psychischen Phänomene und ihre gegenwärtig von den hervorragendsten Naturforschern und Psychologen anerkannte Unvergleichbarkeit mit jedem sinnlich wahrnehmbaren materiellen Geschehen. Eben deshalb scheint mir aber auch die Beschränkung des Psychischen auf das Gebiet der Lebensvorgänge nicht der Verpflichtung zu entheben, dieses Psychische gegenüber dem Physischen deutlich abzugrenzen. Sind doch die physiologischen Vorgänge ihrem Wesen nach von andern materiellen Vorgängen nicht unterschieden, während andererseits die Eigenart der psychischen Vorgänge so deutlich hervortritt, daß es gelingen muß, ein Merkmal zu finden, wodurch sie sich von den physischen unterscheiden. Es geht nicht an, sich dabei mit dem Hinweis auf jedermanns Erfahrung zu begnügen. Eben deshalb, weil dieser Hinweis und die Erläuterung durch Beispiele genügen, um begreiflich zu machen, was man meint, wenn man von psychischen Vorgängen spricht, eben deshalb muß es ein deutliches, nicht aus dem Psychischen selbst gewonnenes Merkmal geben, und wir wollen nun den Versuch machen, ein solches zu finden.

Physisches und Psychisches sind beides, genau betrachtet, immer nur Vorgänge. Ein ruhendes Sein gibt es weder in der Natur noch im Geist. Panta rhei [alles fließt - wp] gilt buchstäblich noch heute und in einem noch tieferen Sinn vielleicht, als es HERAKLIT fassen konnte. Allein wenn wir das physische Geschehen unserem Urteil unterwerfen, wenn wir es wissenschaftlich zu begreifen suchen, ebenso wie wenn wir es naiv und unkritisch betrachten, immer zeigt sich uns dasselbe an ein Substrat gebunden. Schon das Kind sieht, wenn es in die Welt blickt, überall Dinge, die es als Träger von Eigenschaften und Zuständen aufzufassen nicht umhin kann.

Und wenn der Naturforscher und der Weltweise sich beide zusammen überzeugt haben, daß die Dinge ja gar nicht so sind, wie sie uns erscheinen, wenn nach Möglichkeit all unser Beibringen eliminiert worden ist, dann bleiben schließlich noch immer die Atome übrig als Träger und Hervorbringer des Ganzen. Und wenn man, um ganz konsequent zu sein, den Atomen Ausdehnung und Materialität abspricht, und sie lediglich für ausdehnungslose Kraftpunkte ansieht, dann bleiben sie trotz alledem noch Substanzen und Substrate, sie sind noch immer Dinglein, deren Tätigkeit das ganze Weltall sein Entstehen verdankt. In der Natur ist ein substratloses Geschehen vollkommen unfaßbar.

Betrachten wir dagegen unser Seelenleben. Je genauer wir es zergliedern, immer mehr müssen wir finden, daß wir hier ein reines substratloses Geschehen vor uns haben. Jedes Substrat, aus dessen Tätigkeit wir die Vorgänge unseres Seelenlebens aufzufassen versuchen, zerrinnt uns unter den Händen, und es bleibt hier wirklich nichts übrig, als ein bloßes Geschehen ohne Substrat.

Wollten wir die psychischen Vorgänge als Wirkungen eines Seelenwesens auffassen, so ergibt sich daraus zwar eine bequeme, unserer sonstigen Denkgewohnheit entsprechende Ausdrucksweise, allein wenn wir dieses Seelenwesen genauer ins Auge fassen, so bleibt an demselben keineswegs, wie an den Atomen, etwas Substantielles, sondern schlechterdings nichts als die Vorgänge selbst übrig. Die Seele kann höchstens als logisches Subjekt gelten, eine von den Vorgängen verschiedene, auch nach ihrer Wegnahme beharrende Substanz ergibt sich dabei in keiner Weise. Setzen wir das Ich als Subjekt unserer psychischen Prädikate, dann zerfließt dieses Ich bei strenger Zergliederung sofort in eine Gruppe von Vorgängen, die sich nur wegen ihrer Konstanz vom übrigen Inhalt des Bewußtseins abheben und nur dadurch eine gewisse Selbständigkeit erlangen (4). Je genauer wir das psychische Leben zergliedern, desto substratloser, möchte ich sagen, erscheint uns dasselbe, und in dieser Substratlosigkeit finde ich das wichtigste und zugleich das einzige deutliche Merkmal, wodurch sich das Psychische vom Physischen unterscheidet. In ganz ähnlicher Weise äußert sich WUNDT am Schluß seiner neu bearbeiteten "Vorlesungen über Menschen- und Tierseele" (Seite 494f).
    "Im vollen Gegensatz zur physikalischen Kausalerklärung, die in letzter Instanz immer auf die Annahme eines materiellen Substrates zurückführt, bleibt die psychologische stets im Umkreis unmittelbar gegebener geistiger Erlebnisse. Die Substanz wird hier zur metaphysischen Zugabe, mit der die Psychologie nichts anzufangen weiß. Dies hängt zugleich zusammen mit dem nie zu übersehenden Grundcharakter des geistigen Lebens, das keine Verbindung unveränderlicher Objekte und wechselnder Zustände, sondern in allen seinen Bestandteilen ein Ereignis, nicht ruhendes Sein, sondern Tätigkeit, nicht Stillstand, sondern Entwicklung ist."
Auch WUNDT findet also, daß die psychischen Vorgänge stets als Geschehen aufzufassen sind und findet dabei in jeder psychischen Substanz eine metaphysische Zugabe. Ich möchte mich hier, wo ich erkenntniskritische Fragen vermeide, lieber noch vorsichtiger ausdrücken. Was das physische oder das psychische Geschehen unabhängig davon sein mag, ob es von uns gedacht wird oder nicht, das will ich hier ganz unerörtert lassen. Was ich behaupte, ist nur, daß die denkende Bearbeitung des physischen Geschehens die Annahme eines Substrates unerläßlich, und daß die denkende Bearbeitung der psychischen Vorgänge eine solche Annahme unmöglich macht. Physische Phänomene können nicht ohne, psychische nicht mit Substrat gedacht werden. Inwiefern es erlaubt ist, den Faktor des Gedachtwerdens auf beiden Seiten der Ungleichung zu eliminieren, und ob man von der Verschiedenheit der gedachten Phänomene auf die Verschiedenheit der wirklichen Vorgänge schließen darf, das werden wir am Schluß unserer Darstellung untersuchen. Hier aber kommen beiderseits nur die Phänomene in Betracht, und daß zwischen diesen der genannte Unterschied besteht, dürfte wohl zugegeben werden.

Sollte von naturwissenschaftlicher Seite der Einwand erhoben werden, daß wir ja im Gehirn ein Substrat für die psychischen Phänomene vor uns haben und gar nicht nötig haben, ein anderes zu suchen, so erwidere ich, daß das Gehirn nur als Substrat für physiologische Vorgänge betrachtet werden kann. Wenn nun auch physiologische Vorgänge ständige Begleiter psychischer Phänomene sein sollten, wenn auch exakte empirische Gesetze einmal sollten aufgestellt werden können, welche mit aller Genauigkeit die Sukzession physiologischer und psychischer Phänomene zu bestimmen gestatteten, niemals werden diese beiden Reihen als homogene Ereignisreihen erfaßt werden können. Die Eigenartigkeit der psychischen Phänomene gestattet nicht, ein nichtpsychisches Substrat als ihren Träger zu betrachten und diesen Gedanken konsequent zu Ende zu denken; ein psychisches Substrat aber, wie man es im Seelenatom oder in der Seelenmonade aufzustellen pflegt, zerrinnt bei näherer Betrachtung in ein Geschehen, während das physische Atom selbst dann als Substanz bestehen bleibt, wenn man ihm Materialität und Ausdehnung abspricht.

Darum bleibe ich dabei: das psychische Geschehen ist seinem Wesen nach substratlos und nur empirisch zusammen mit physischem, als an ein Substrat gebundenem Geschehen gegeben.

Hält man nun an diesem Unterschied zwischen psychischen und physischen Phänomenen fest, dann bietet auch die Annahme unbewußter psychischer Phänomene keine erheblichen Schwierigkeiten mehr. Das Merkmal der Substratlosigkeit kann ja bestehen bleiben, auch wenn das Merkmal der Bewußtheit wegfällt. Bedenkt man außerdem, daß wir keine anderen substratlosen Vorgänge kennen als psychische, dann können wir ganz widerspruchsfrei sagen: alle substratlosen Vorgänge sind psychisch, aber nicht alle sind bewußt.

Zu der Annahme unbewußter psychischer Vorgänge werden wir aber durch die alltäglich erlebte Tatsache des Wiederauftauchens früherer Vorstellungen und durch viele andere Gründe gedrängt. Namentlich dort, wo lange Entschwundenes wieder auftaucht, können wir kaum anders als annehmen, die Vorstellungen hätten in der Zwischenzeit als unbewußte psychische Phänomene bestanden. Wir wollen dies an einem Beispiel veranschaulichen.

GRILLPARZER erzählt in seiner Selbstbiographie, (5) die wegen der unbedingten Aufrichtigkeit und der großen Beobachtungsgabe des Dichters für den Psychologen sehr lehrreich ist, wie er im Jahr 1819 durch den Tod seiner Mutter und durch eine Reise nach Italien mitten in der Arbeit an seiner Trilogie "Das goldene Vlies" unterbrochen wurde. Nach der Rückkehr erhielt er vom Grafen STADION einen unbestimmten Urlaub zur Vollendung seines Gedichtes. Der ganze Plan hatte ihm früher bis ins Einzelne genau vorgeschwebt, allein sowie er sich jetzt an die Fortsetzung machen wollte, war alles vergessen. Nun hatte er vor seiner Abreise öfter mit seiner Mutter einige Symphonien BEETHOVENs vierhändig zu spielen gepflegt und während des Spiels viel an sein Stück gedacht. Die Töne und die Gestalten verschwammen ihm dabei in ein Ganzes. Da traf es sich nun, daß er zufällig die betreffenden Symphonien mit einer Dame vierhändig spielte, und wie er zu spielen begann, standen die Gestalten seines Stückes und die Szenen wieder vor ihm, so daß er sein Stück rasch beenden konnte. Wie läßt sich nun das Wiederauftauchen der ganzen Vorstellungsreihe anders erklären, als wenn man ein unbewußtes Fortleben derselben annimmt? Der physiologische Monist, wenn dieser Ausdruck gestattet ist, wird freilich sagen, die Gehirnvorgänge, durch welche jene Vorstellungsreihe verursacht wurde, sind eben durch die Töne wieder hervorgerufen worden und haben naturnotwendig die psychischen Begleiterscheinungen mit hervorgerufen. Was waren diese aber in der Zwischenzeit? In irgendeiner Form mußten sie doch da sein, denn an eine Neuerzeugung ist nach der Erzählung nicht zu denken. RIBOT würde antworten, es seien physiologische Dispositionen vorhanden gewesen, die durch die Töne wieder aktuell wurden. Bei der Eigenartigkeit und Unvergleichbarkeit der psychischen Phänomene mit den physiologischen kann aber die Fortdauer einer rein physiologische Disposition wohl das Wiederauftauchen physiologischer Vorgänge, aber niemals die Erneuerung psychischer Akte begreiflich machen. Wir haben zwei parallele Reihen vor uns. Bezeichnen wir das erste Auftreten jener Vorstellungen mit Aps und das der entsprechenden physiologischen Vorgänge mit Aph. Wählen wir nun für das erneute Auftauchen beider Arten von Vorgängen dieselben Buchstaben, so erhalten wir für die Anfangs- und Endglieder beider Reihen das Schema:
    Aph - Aph
    Aps - Aps.
Wird nun die in der Zwischenzeit vorhandende physiologische Disposition mit Dph bezeichnet, so nehmen die Reihen folgende Form an:
    Aph Dhp Aph
    Aps - Aps.
Dabei ist, wie man sieht, die obere Reihe vollständig, die untere hingegen zeigt eine unbegreifliche Lücke. Erst wenn man annimmt, daß auch ein psychisches Zwischenglied vorhanden ist, daß also dem Dph auch ein Dps entspricht, wird diese Lücke in befriedigender Weise ausgefüllt und wir erhalten:
    Aph Dph Aph
    Aps Dps Aps.
Das zweite Aps kann nur durch ein psychisches Zwischenglied erklärt werden, sonst müsse man RIBOT zugeben, daß Aph das alleinige Geschehen ist. Das gewählte Beispiel scheint mir deshalb lehrreich, weil hier lediglich die psychische Seite des Geschehens in Betracht kommt, und weil diese ganz deutlich vorliegt, während die physiologische erst erschlossen werden muß. Ob man nun die unbewußten Vorgänge psychische Dispositionen nennen, oder ob man sie dadurch kennzeichnen will, daß man sagt, sie seien unter der Schwelle des Bewußtseins, das ist lediglich ein Frage der Terminologie, die das Wesen der Sache nicht berührt. Da jedoch die Bildersprache in der Psychologie sehr viel Verwirrung angerichtet hat, so ziehe ich es vor, den Terminus "Unbewußte Vorgänge" oder "Unbewußtes" zu gebrauchen, wobei selbstverständlich nicht im Entferntesten an irgendwelche HARTMANNsche Metaphysik zu denken ist. Der Terminus bietet außer seiner Kürze noch den Vorteil, daß er sich ganz ungezwungen in ein erregtes und in ein nicht erregtes Unbewußtes einteilen läßt, welche Unterscheidung BENNO ERDMANN (6) mit Glück verwendet hat.

Das Unbewußte, dessen Existenz wir keineswegs imstande sind, durch direkte Erfahrung nachzuweisen, ist für uns ein Denkmittel, dessen wir zum Verständnis des Seelenlebens nicht entraten können. Von einem Denkmittel verlangt man, daß es widerspruchsfrei gedacht werden kann, und daß es brauchbar ist. Dadurch nun, daß wir das Wesentliche der psychischen Vorgänge nicht in der Bewußtheit, sondern in der Substratlosigkeit erblicken, können wir den Begriff eines unbewußten psychischen Vorgangs ohne jeden Widerspruch bilden und verwenden. Wir haben uns dieses Unbewußte ebenfalls substratlos, also als ein fortwährendes Geschehen zu denken, welches auf das bewußte Seelenleben ständig einwirkt. In der Tat stehen wir fortwährend unter der Einwirkung unbewußter Vorgänge und gerade diese bilden den Hauptbestandteil unserer geistigen Persönlichkeit. Das Leben der Sprache zeigt uns jeden Augenblick die Wirkung unbewußter Prozesse, und auch die hypnotischen Erscheinungen haben darauf geführt. Wir können schlechterdings nicht auskommen ohne das Unbewußte, und wir glauben uns auch das Recht erworben zu haben, in unserer Urteilstheorie von diesem Denkmittel Gebrauch zu machen.


3. Analytische, genetische und
biologische Psychologie

Die Hauptbeschäftigung des Psychologen ist die Analyse der durch Selbstwahrnehmung gegebenen Tatsachen. Man kann ruhig behaupten, daß jeder psychische Vorgang, den wir innerlich mit solcher Deutlichkeit erleben, daß wir imstande sind, denselben in der Erinnerung festzuhalten, sich als ein zusammengesetzter erweist. Da hat nun der Psychologe zunächst zu untersuchen, aus welchen elementaren, nicht weiter zerlegbaren Vorgängen der gegebene Zustand besteht. Dieses analytische Geschäft findet jedoch heute nicht mehr, wie noch vor wenigen Jahrzehnten, seine Schranke an der eigenen Selbstwahrnehmung. Das Experiment hat es uns möglich gemacht, diese Analyse über die Grenzen der Selbstwahrnehmung hinaus fortzusetzen, und dies ist meines Erachtens der Hauptgewinn, den die Psychologie der experimentellen Methode verdankt. Auf diese Weise ist es gelungen, die dem Bewußtsein als ganz einfache Vorgänge gegebenen Sinneswahrnehmungen als mehrfach zusammengesetzt zu erweisen, und wir werden im Verlauf unserer Untersuchungen auf diese Tatsache noch mehrfach zurückzukommen haben.

Eine Psychologie des Urteilsaktes würde also zunächst so viel bedeuten wie eine Analyse des Urteilsaktes und wir betrachten in der Tat die genaue Zergliederung der Vorgänge beim Urteilen als unsere nächste Aufgabe. Dies setzt allerdings voraus, daß der Urteilsakt als zusammengesetzter Vorgang der Analyse fähig ist. Hier stoßen wir nun auf eine ziemlich verbreitete Ansicht, welche dies leugnet. Es ist wieder BRENTANO und seine Schule, welche behaupten, das Urteilen sei eine Grundklasse der psychischen Phänomene, ein primäerer, nicht weiter zurückführbarer Vorgang. Nun werden wir zwar in der historisch-kritischen Übersicht die Ansichten BRENTANOs genau zu prüfen haben, allein es scheint doch schon auch hier nötig, den ersten Schritt unserer Untersuchung gegenüber dieser namentlich hier in Österreich immer mehr Boden gewinnenden Anschauung kurz zu verteidigen.

BRENTANO (7) erblickt im Urteilen eine ganz eigenartige, nur durch den Hinweis auf die innere Wahrnehmung verständlich zu machende Beziehung des Bewußtseins zum vorgestellten Gegenstand, wobei er diese Beziehung "anerkennen" und "verwerfen" nennt. Der Vorgang ist ein elementarer und ebenso vom Vorstellen wie von den Erscheinungen des Gemütslebens, die BRENTANO "Phänomene von Liebe und Haß" nennt, scharf zu unterscheiden. Nun gibt BRENTANO zwar zu, daß jedes Urteilen ein Vorstellen voraussetzt, und so wäre auch von seinem Standpunkt aus der Urteilsakt zusammengesetzt aus einem Vorstellen und dem Vorgang, den BRENTANO "anerkennen oder verwerfen" nennt. Allein dieser letztere Vorgang, welcher ja eben das Wesen des Urteilsaktes ausmachen soll, ist selbst nicht weiter rückführbar, also wohl auch nicht zerlegbar, sondern bildet eine jener elementaren Tätigkeien, aus denen unsere Seelenzustände zusammengesetzt sind. Dieses "Anerkennen" ist genau dasselbe, was JOHN STUART MILL (8) und andere Engländer "belief" nennen und MILL hat lange vor BRENTANO darin das wahre Wesen des Urteilsaktes zu finden geglaubt. Wir gedenken weiter unten den Nachweis zu führen, daß dieses "Glauben" weder etwas einfaches, noch auch mit dem Urteilsakt identisches ist. Hier aber gilt es zu zeigen, daß das Urteil auch noch andere Bestandteile enthält und darum einer Analyse fähig und bedürftig ist.

Zunächst sei darauf hingewiesen, daß jenes "Anerkennen", jener Akt von Gültigkeitserklärung und Objektivierung, der ja tatsächlich in jedem Urteil vorhanden ist, in einem engen Zusammenhang steht mit unserem Fühlen und Sollen, wie dies unter anderen WINDELBAND (9) richtig hervorgehoben hat. Demgemäß wäre auch so das Urteilen ein Vorgang, der aus Vorstellngs-, Gefühls- und Willenselementen besteht. Gegen den primären und unzerlegbaren Charakter des Urteilsaktes scheint mir aber noch deutlicher die innige Verbindung zu sprechen, welche zwischen dem Urteilsakt und seinem sprachlichen Ausdruck besteht.

Vergleichen wir, um diese Verbindung ins rechte Licht zu setzen, die Beziehungen anderer psychischer Vorgänge zur Sprache. Wenn ich mich an einem wahrgenommenen Gegenstand erinnere, z. B. an eine schöne Blume, eine auffallende Bergform, an eine Waldlandschaft, an eine mir bekannte Person, so ist, wie jeder gewiß zugeben wird, der Name des Gegenstandes oder der Person etwas ganz sekundäres. Es kann vorkommen, daß Form und Farbe der Blume, die Gestalt des Berges, die Züge der Person deutlich vor meinem inneren Auge stehen, ohne daß ich mich gar auf die betreffenden Namen zu besinnen vermag. Für das Erinnerungsbild eines Gegenstandes der Außenwelt, also für jede Objektvorstellung, ist der Name etwas durchaus Unwesentliches, das ebenso gut dazutreten wie fehlen kann. Deshalb ist auch die Verbindung zwischen Objektvorstellungen und ihren sprachlichen Bezeichnungen eine verhältnismäßig lose und wird bei Erkrankungen an motorischer Aphasie zuerst unterbrochen, indem dabei erfahrungsgemäß die Namen für Personen und andere sinnlich wahrnehmbaren Objekte zuerst vergessen werden. Ebenso werden wir, wenn wir Gefühlszustände oder Willensakte in uns wahrnehmen oder früher erlebte reproduzieren, neben den Zuständen selbst auch noch an die damit verbundenen Ausdrucksbewegungen, an das Lachen, das Weinen, die langsamere oder schnellere Körperbewegung denken; allein irgendein Wort, irgendein sprachlicher Ausdruck kommt dabei nur selten, und dann als ganz unwesentlicher Faktor, zum Bewußtsein.

Ganz anders hingegen stellt sich die Sache beim Urteil. Wir wollen zunächst die später zu erörternde Frage, ob und wieviel die Sprache zur Entstehung des Urteilsaktes beigetragen hat, ganz außeracht lassen und nur die gegenwärtig im entwickelten Bewußtsein bestehende Verbindung zwischen Urteil und Satz ins Auge fassen. Wir sehen eine weiße Rose und sagen auf diese Blume hindeutend: "Diese Rose ist weiß." Was bleibt nun, wenn wir vom sprachlichen Ausdruck absehen, vom Bewußtseinsinhalt übrig? Nichts anderes, als die Wahrnehmung eines Dings von bestimmter Gestalt und Farbe, welches wir eben eine weiße Rose nennen. In der Wahrnehmung ist die Gestalt von der Farbe nicht getrennt; das Ganze ist ein einziger unzerlegter Gegenstand. Es kann nun geschehen, daß der Anblick der Rosenform in uns die Vorstellung von Blumen weckt, die eine ähnliche Gestalt, aber verschiedene Farben haben. Solche Assoziationen werden uns wohl erst dazu veranlassen, die Wahrnehmung der weißen Rose zum Gegenstand eines Urteils zu machen. Allein diese Assoziationen sind nicht selbst schon Urteile. Niemand wird behaupten, daß ein Zustand, in welchem mehrere Rosenvorstellungen im Bewußtsein auf- und niederwogen, ein Urteil ist. Erst wenn die Farbe als wechselnder Zustand der immer gleich bleibenden Rosenform aufgefaßt, und dadurch das Assoziationsspiel beendet und abgeschlossen wird, erst dann kommt das Urteil zustande. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn die zerfließende Allgemeinvorstellung einer Blume von bestimmter Form durch die sprachliche Bezeichnung "Rose" kristallisiert und zu einer Einheit zusammengefaßt ist. Nur dann ist es möglich, ein Substrat für die Eigenschaft "weiß" zu gewinnen und die Rose als Trägerin der Weiße zu fassen. Vor dem sprachlichen Ausdruck besteht in unserem Bewußtsein nur die ungeteilte weiße Rose und höchstens noch die assoziierten Vorstellungen anderer Rosen von anderer Farbe. Die Gliederung des Vorstellungsinhaltes, die sich im Urteil vollzieht, erfolgt erst durch den sprachlichen Ausdruck, und es bleibt vom Urteil nach Abzug dieses Ausdrucks nichts übrig als ein verwirrendes Gewoge von Vorstellungen, in welches erst durch das sprachlich vollzogene Urteil Ordnung gebracht wird. Selbstverständlich kommt es dabei nicht in Betracht, ob der Satz auch wirklich hörbar ausgesprochen wird oder nicht. Sprachlich bleibt das Urteilen auch dann, wenn man keinen Laut hört. Die Artikulationsbewegung muß sich nur im BROCAschen Zentrum vollziehen, und es tut nichts zur Sache, ob der Impuls sich bis zum Kehlkopf und den Stimmbändern fortpflanzt, oder ob er auf dem Weg durch irgendwelche Umstände gehemmt wird.

BRENTANO und seine Schule glauben bei der psychologischen Betrachtung des Urteils vom sprachlichen Ausdruck ganz abgesehen und die Sprache auch beim Urteil als etwas ganz Sekundäres Accessorisches [Beiläufiges - wp] betrachten zu dürfen, und denken gar nicht daran, daß die Sprache auch an der im Urteil sich vollziehenden Formung und Gliederung des Vorstellungsinhaltes aktiv beteiligt sein könnte. Dies gibt ihren Beschreibungen etwas Unbestimmtes, Unklares, schwer Verständliches und zwingt sie oft, statt jeder Erklärung auf die innere Wahrnehmung eines jeden zu verweisen. Ich glaube aber hier so viel nachgewiesen zu haben, daß, wenn man den sprachlichen Ausdruck eines Urteilsaktes ganz wegdenkt, nichts mehr übrig bleibt, was man noch Urteil nennen könnte. Zu den Vorstellungselementen treten somit im Urteil außer den oben erwähnten Gefühls- und Willenselementen auch noch Artikulationen der Sprachwerkzeuge oder zumindest Artikulationsimpulse hinzu, und erst aus der Synthese dieser Elemente entsteht das, was wir dem allgemeinen Sprachgebrauch gemäß ein Urteil nennen. Dieses ist somit ein zusammengesetzter Akt und die Notwendigkeit, ihn psychologisch zu analysieren, dürfte gegenüber der Ansicht BRENTANOs erwiesen sein.

Eine Psychologie des Urteilsaktes, sagten wir oben, heißt zunächst soviel wie "Analyse des Urteilsaktes", und übereinstimmend damit bezeichneten wir die Analyse als die nächste und wichtigste Aufgabe des Psychologen. Damit sollte jedoch keineswegs gesagt sein, daß sie die einzige ist, und namentlich nicht, daß die Zergliederung eines Phänomens den Abschluß der Untersuchung über dasselbe bilden darf, besonders wenn dieses Phänomen von so grundlegender und weittragender Bedeutung ist, wie der Urteilsakt. Schon die Natur dieser Analyse und das eigenartige Gebiet der Psychologie verbieten das. Wir wollen versuchen, dies durch einen Vergleich der psychologischen Analyse mit der chemischen deutlich zu machen. Der Chemiker betrachtet den ihm zur Analyse vorgelegten Körper als ein ruhendes Ganzes, in welchem vermutlich mehrere Grundstoffe vereinigt sind. Der Chemiker mag immerhin anderweitig wissen, daß es eine absolute Ruhe in der Natur nicht gibt, sondern daß die als ruhend erscheinenden Körper Aggregate von Atomen sind, die in fortwährender Bewegung gedacht werden müssen. Für seine gegenwärtige Aufgabe kommt jedoch diese allgemein geltende Tatsache nicht in Betracht. Er ist gefragt, welche Grundstoffe in einem vorliegenden Körper vereinigt sind, und wenn er diese Grundstoffe alle gefunden und ihr Quantitätsverhältnis bestimmt hat, dann ist seine Aufgabe gelöst. Er wird gewiß nicht leugnen wollen, daß das Zusammensein der Atome ein Zusammenwirken ist, allein ihm war es nur darum zu tun, das Zusammensein zu konstatieren. Die Frage, ob der vorliegende Körper, der nach den Resultaten der Analyse aus diesen oder jenen Grundstoffen besteht, auch ursprünglich aus dem Zusammenwirken dieser Grundstoffe entstanden ist, liegt durchaus nicht im Bereich seines analytischen Geschäfts.

Ganz anders verhält sich die Sache beim Psychologen. Seine Analysen sind zunächst nur qualitative und nicht quantitative. Niemand wird von ihm erwarten, er solle angeben, wieviel Prozent Vorstellung, wieviel Gefühl, wieviel Wille in einem Vorgang zu finden ist. Höchstens wird er imstande sein, das vorherrschende und stärkste Element zu bezeichnen. Die Hauptsache aber ist, daß der Psychologe niemals Gegenstände, sondern immer nur Vorgänge zu zergliedern hat. Für ihn gibt es kein Sein, sondern nur ein Geschehen, also auch kein Zusammensein, sondern nur ein Zusammenwirken. Auch die Elemente, aus denen ein Vorgang zusammengesetzt erscheint, sind wiederum Vorgänge, und erst das Zusammenwirken derselben läßt jenen komplexen Vorgang entstehen. Das Resultat jeder psychologischen Analyse belehrt uns also nicht darüber, aus welchen Elementen ein Vorgang besteht, sondern zugleich damit auch, aus welchen er entsteht, und so führt die analytishe Methode hier direkt über in die genetische [winban].

Bei dieser Betrachtungsweise wird man nun der Frage nach dem Früher oder Später der elementaren Vorgänge nicht aus dem Weg gehen können. Wenn Vorstellen, Fühlen und Wollen die Grundelemente des Seelenlebens sind, so wird man doch noch fragen müssen: "Welches entsteht zuerst?" Mit Hilfe der inneren Wahrnehmung, des Experiments und in noch wirksamerer Weise durch Beobachtung der Kindesseele und Benützung der Berichte über das Seelenleben wenig entwickelter Völker, wird man es wagen müssen, Hypothesen aufzustellen über den Anfang des bewußten Seelenlebens im Menschen. Wenn es sich nun zeigen sollte, daß HORWICZ Recht hatte mit seiner Behauptung, daß allem Seelenleben "Lust und Unlust in Verbindung mit der unmittelbar daraus folgenden Reaktionsbewegung zugrunde liegtr", (10) und wenn es sich wahrscheinlich machen läßt, daß erst durch eine Differenzierung dieses Gefühls Empfindungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen entstehen, dann ließen sich vielleicht auch die komplizierteren Vorgänge des Denkens als Glieder einer Entwicklungsreihe begreifen. Vielleicht aber wird größere Klarheit in diesen Entwicklungsgang gebracht, wenn sich wahrscheinlich machen läßt, daß für die Art der Differenzierung jenes ursprünglichen Lebensgefühls die Reaktionen unseres psycho-physischen Organismus, die Bewegungen, maßgebend sind, mit denen der Organismus die Einwirkungen der Außenwelt beantwortet, die Bewegungen, meine ich, und die damit verbundenen Muskelempfindungen. Daß die Bewegungen unseres Körpers zur Entstehung und Ausbildung der Raumanschauung das Meiste beitragen, ist mehr als wahrscheinlich, daß speziell die Kontraktionen der Augenmuskeln und die entsprechenden Muskelempfindungen für die Auffassung von Gestalt, Größe und Entfernung der Objekte fast allein maßgebend sind, ist so gut wie gewiß. Die Art, wie wir auf die äußeren Eindrücke reagieren, ist, wie sich immer deutlicher zu zeigen scheint, von wesentlichem, maßgeblichem Einfluß auf die Art, wie wir diese Eindrücke auffassen. "Wir fassen die Welt auf, wie wir sie gestalten", sagt LAZARUS, und vielleicht ließe sich noch allgemeiner und richtiger sagen: Wir fassen die Welt auf, wie wir auf sie reagieren. So würde sich also schon psychologisch ergeben, daß unser Beibringen zum Zustandekommen der Erfahrung ein großes ist, und daß dieses Beibringen hauptsächlich aus zweckmäßigen Reaktionen auf äußere Eindrücke zusammengesetzt ist. Vielleicht zeigt sich dann ein Spezialfall dieses allgemeinen Gesetzes darin, daß auch die Sprache, die ursprünglich zweifellos nichts ist als eine Äußerung des Gefühls, und wie sich an einzelnen Experimenten der Natur zeigen läßt (11), noch lange auf den Ausdruck gefühlswarmer Urteile beschränkt bleibt, durch die Verbindung mit anderen bereits vorhandenen Elementen zur Formung des Weltbildes, zur Gliederung unserer Vorstellungsinhalte einen nicht unwesentlichen Beitrag liefert. Unsere Untersuchung wird darzulegen bemüht sein, daß im Urteil eine solche Verbindung verschiedener Reaktionsweisen vorliegt und daß erst durch die Aufzeigung dieser Elemente das Wesen des Urteilsaktes erkannt werden kann. Durch eine solche analytische und genetische Betrachtung werden wir somit die Antwort suchen auf die Frage, was wir tun, wenn wir urteilen, und man wird uns gewiß zugeben, daß einerseits eine befriedigende Antwort noch nicht gegeben ist, sowie andererseits, daß eine Lösung dieses Problems einen wesentlichen Fortschritt in unserer Kenntnis des Seelenlebens bedeuten würde.

Wie die analytische Methode zur genetischen, so führt die genetische zu einer anderen Betrachtungsweise, die meines Erachtens noch immer nicht voll und ganz in ihre Rechte eingesetzt ist, nämlich zur biologischen. Wenn eine Erwägung über den ursprünglichen, primitiven Bewußtseinszustand es wahrscheinlich machte, daß der Anfang des Seelenlebens im Gefühl von Lust und Unlust und den damit verbundenen Angriffs- und Abwehrbewegungen zu suchen ist, so macht schon ein oberflächlicher Blick auf die Wirkung jener Bewegungen es zweifellos, daß dieselben in auffallender Weise dem Zweck angepaßt sind, das Leben zu schützen. Ebenso zweifellos aber ist der innige Zusammenhang zwischen Aggression und Lustgefühl einerseits, wie zwischen Unlustgefühl und Abwehrbewegung andererseits. Schon mit dieser elementaren und ganz unzweifelhaften Tatsache ist aber der biologische Charakter der psychischen Phänomene erwiesen, und damit für den Seelenforscher die Pflicht gegeben, auch bei den komplexen Phänomenen das biologische Moment zu beachten. Ich habe in meinem Lehrbuch der empirischen Psychologie versucht, dies, allerdings in einem engen Rahmen, durchzuführen und glaube dadurch in manche Partien der Gefühls- und Willenspsychologie einiges Licht gebracht zu haben. Allein auch für das Urteilsproblem darf der biologische Gesichtspunkt nicht vernachlässigt werden. Wenn nämlich jene Reaktionen, die so viel zum Zustandekommen des Weltbildes beitragen, auch noch dem Zweck der Lebenserhaltung angepaßt erscheinen, dann dürfte auch die Urteilsform, in der wir jedes Geschehen auffassen, ebenfalls zu diesem Zweck angepaßt sein, und es wäre somit wahrscheinlich, daß eine biologische Betrachtung auch hier manches Neue entdeckt.

Die Psychologie des Urteilsaktes hätte somit die Aufgabe, die elementaren Vorgänge, die das Wesen des Urteilsaktes ausmachen, aus dem Komplex auszusondern und einzeln zu verzeichnen (Analyse); sie hätte weiter zu zeigen, in welcher Phase des Seelenlebens das Urteil entsteht, und welche Rolle die einzelnen Faktoren dabei spielen (genetische Methode); schließlich hätte sie zu untersuchen, welche Bedeutung der Urteilsform zukommt für die Erhaltung des Individuums und der Gattung (biologische Betrachtung).


4. Logische und grammatische Bedeutung
des Urteilsproblems

Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist zwar vorwiegend die Psychologie des Urteilsaktes, allein es wird im Verlauf dieser Untersuchung doch oft unvermeidlich sein, logische und grammatische Fragen zu berühren, und so dürften dann auch einige allgemeine Bemerkungen über meine Auffassung der Aufgabe dieser Disziplinen und speziell über die Bedeutung des Urteilsproblems für die Logik und Grammatik am Platz sein.

Die Aufgabe der Logik erblicke ich mit WUNDT in der Erforschung der allgemeinen Bedingungen objektiver Gewißheit und Wahrscheinlichkeit. Diese Fassung ist, richtig verstanden, sachlich vollkommen identisch mit der überlieferten Definition der Logik als der Lehre von den Formen des richtigen Denkens. Ein richtiges Denken kann doch nur jenes sein, welches objektive, d. h. von subjektiven Meinungen, Vermutungen und namentlich Wünschen unabhängige Gewißheit in sich trägt. Die Formen dieses Denkens sind wiederum, bei Licht besehen, nichts anderes als allgemeine, d. h. für jeden Inhalt geltende Bedingungen dieser Gewißheit und Wahrscheinlichkeit. Da nun jede Erkenntnis in der Form von Urteilen gedacht und gesprochen wird, so kann es als Aufgabe der Logik bezeichnet werden, die allgemeinen Bedingungen zu erforschen, unter denen Urteile objektive Gewißheit und Wahrscheinlichkeit erlangen. Zu diesem Zweck muß nun die Logik die nach psychologischen Gesetzen vollzogenen Gedankenverbindungen umgestalten, um sie auf eine Form zu bringen, in welcher die allgemeinen Bedingungen der Gewißheit leicht und deutlich erkennbar sind. Zu diesem Zweck hat nun die Logik die durch die Sprache geschaffene Möglichkeit, größere Gedankenkomplexe in einem Denkakt zu vereinen und das hervorzubringen, was wir gewöhnlmich Begriffe nennen, ausgiebig benützt und in der Zurückführung der Urteile auf Begriffsverhältnisse das geeignetste Mittel gefunden, jene allgemeinen Bedingungen festzustellen. Freilich hat sie zuweilen dabei vergessen, daß Begriffe immer ein Resultat einer vielfachen Urteilsbildung, ein Niederschlag zahlreicher Urteile sind, die gefällt werden mußten, bevor unser Denken fähig war, viele gleichartige Objekte und Beziehungen mit Hilfe des Zeichens, welches die Sprache darbot, in einem Denkakt zu vereinen und als ein Kraftzentrum aufzufassen, von dem mannigfache Wirkungen ausgehen. Man ist sogar so weit gegangen, diese erst durch viele vorhergegangene Urteile geschaffenen Begriffe als ruhende Einheiten zu fassen, denen man eine selbständige Existenz und bleibende Eigenschaften zuschrieb. Die Hypostasierung [einem Wort wird "reale" Existenz zugeschrieben - wp] der Begriffe, mittels welcher PLATON dieselben zu transzendenten, metaphysischen Ideen erhob, hat durch die ganze Geschichte der Philosophie bis auf HEGEL fortgewirkt, und man kann auch heute noch nicht sagen, daß sich unser Denken ganz davon befreit hat. Methodisch ist ja diese Verselbständigung der Begriffe für das wissenschaftliche Denken von großem Vorteil gewesen, und ich glaube auch nicht, daß die Logik auf dieses Hilfsmittel je wird verzichten können. Allein die Auffassung der Urteilsfunktion ist durch diese Betrachtungsweise arg irregeleitet worden. Die Logik fand ganz richtig heraus, daß es ihr am leichtesten und am sichersten gelingt, die objektive Gewißheit eines Urteils zu prüfen, wenn sie gleich dem Anatomen das Leben aus dem lebendigen Urteilsakt entfernt, die begrifflichen Bestandteile aussondert und deren gegenseitiges Verhältnis ins Auge faßt. Das Verfahren des Logikers findet in der analytischen Geometrie eine noch viel charakteristischere und instruktivere Analogie als in dem des Anatomen. Es war unmöglich, die anschauliche, von der Natur gebotenen Kurve der exakten Berechnung zu unterwerfen, solange man nicht auf den Gedanken kam, der bekanntlich in DESCARTES seinen Vater hat, das gegebene Kontinuum in diskrete Punkte aufzulösen, deren Beziehungen zueinander durch ein feststehendes Koordinatensystem genau ermittel und arithmetisch dargestellt werden konnten. Für die Anschauung ist die Kurve ein Kontinuum, für das mathematische Denken ein Punktsystem. Zur vollständigen Deckung können beide nie gebracht werden, allein kein bestimmter Teil kann sich der Bestimmung entziehen. Für alle praktischen Bedürfnisse können wir die Kurve unserer Berechnung unterwerfen, allein für den theoretischen Verstand bleibt etwas wie ein schädlicher Rest übrig, der sich, wenn man dabei verweilt, in einem Gefühl der Unbefriedigung geltend macht, welches wir darüber empfinden, daß wir der angeschauten Kurve denkend nicht ganz beikommen können. Darin liegt auch die Schwierigkeit, jenen bekannten Trugschluß ZENOs von Achilles und der Schildkröte logisch zu widerlegen. Der Eleate hat hier mit staunenswerter Tiefe den Punkt gefunden, in welchem Anschauen und Denken, Kontinuum und Punktsystem, Geometrie und Arithmetik sich nicht zu einigen vermögen. Vielleicht bringt auch über diesen Punkt meine Urteilstheorie einige Klarheit; jetzt aber kehre ich wieder zu meiner Analogie zurück. Auch der Logiker muß die lebendige Urteilskurve in ein System von Begriffspunkten auflösen, um dann mit Rücksicht auf das Koordinatensystem der allgemeinen Denkgesetze deren Beziehungen genau zu bestimmen. So wie nun der Mathematiker in der Freude über die glänzenden Resultate seiner Berechnungen leicht zu dem Glauben verleitet werden könnte, das Wesen der Kurve liegt darin, daß sie aus diskreten Punkten besteht, so haben tatsächlich die Logiker das Wesen des Urteils in einer Verbindung von Begriffen gesucht. Die Form, in welche die Logik die wirklichen Urteile oft gar gewaltsam einzwängt, hat man für die dem Urteilsakt eigentümliche gehalten. Aus diesem Irrtum haben sich viele Streitfragen ergeben, die vielleicht bei einer genauen psychologischen Zergliederung ganz wegfallen werden. Es sei beispielshalber nur auf die eine Frage verwiesen, ob die Kopula auch immer die reale Existenz des Subjekts mitbedeutet oder nur die ideale Verbindung von Subjekt und Prädikat ausdrückt. Es herrscht heute noch keineswegs Einstimmigkeit unter den Forschern über diesen Punkt, und es kann auch keine herrschen, solange das Urteil seinem Wesen nach als eine Verbindung von Begriffen gefaßt wird. Erst wenn die formende und objektivierende Funktion des Urteilsaktes erkannt ist, wenn man sich gegenwärtig hält, daß bei allen wirklich gefällten Urteilen der beurteilte Inhalt schon vor dem Urteilsakt in irgendeiner Form gegeben ist, dann wird auch, wie wir weiter unten zu zeigen zu gedenken, die Bedeutung des sprachlichen Zeichens der Kopula richtig gewürdigt, und der Begriff der Existenz selbst klar werden.

Diese und ähnliche Fragen haben jedoch bereits hervorragende Logik dazu geführt, den psychologischen Charakter des Urteilsaktes zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung zu machen, und wir verdanken die bedeutendsten Arbeiten auf diesem Gebiet gerade dem logischen Interesse. Auch darin haben viele Logiker die Bedeutung des Urteilsproblems anerkannt, daß sie die Untersuchungen über das Urteil an die Spitze stellten, weil erst aufgrund eines genauen Verständnisses der Urteilsfunktion Wesen und Bedeutung des Begriffes erkannt werden kann. Allerdings ist diese Einsicht noch lange nicht allgemein genug, und es gehört zu den Zielen dieser Untersuchung, dieselbe tiefer zu begründen und ihr Anhänger zu gewinnen. Die Logik des Urteils wird also auf psychologischer Grundlage aufgebaut werden müssen. Allein, es dürfte sich zeigen, daß dazu die meisten Bausteine der traditionellen Logik vortrefflich verwendet werden können. Die gegenwärtige Untersuchung wird sich, um die Elemente und die Entstehung des Urteils sicher zu ermitteln, zunächst an die einfachsten und ursprünglichsten Urteilsakte, also an solche halten müssen, deren Gegenstand in der sinnlichen Wahrnehmung gegeben ist. Wenn dann erkannt ist, welche Gestalt und Gliederung das Urteil dem gegebenen Wahrnehmungsinhalt gibt, dann wird die Psychologie des Urteils als genetische Disziplin die weitere Entwicklung des Urteils darzustellen, die Entstehung der Begriffe aufzuzeigen und schließlich die Begriffsurteile, als höchste Entwicklungsform, der Logik gleichsam zur weiteren Behandlung zu übergeben haben. Es wird sich dann zeigen, daß auch die Umgestaltungen, welche die Logik mit den Urteilen zwecks Prüfung ihrer objektiven Gewißheit vornimmt, den gefundenen Typus des Urteilens beibehalten müssen, wenn sie überhaupt denkmöglich sein sollen. Dieser Typus muß in den primitivsten wie in den kompliziertesten Formen derselbe sein, oder es ist nicht wahr, daß das Urteil unsere allgemeine Denkform ist. Auf den Nachweis dieses Typus in den verschiedenen Formen werden wir eine besondere Sorgfalt verwenden und dadurch hoffentlich auch der Logik einen Dienst erweisen.

Die grammatische Seite des Urteilsproblems ist zwar ebensowenig wie die logische hier Gegenstand der Untersuchung, allein bei der großen Bedeutung, welche nach meiner Überzeugung der sprachliche Ausdruck für die Ausbildung der Urteilsfunktion hat, werden grammatische Fragen noch öfter erörtert werden müssen als logische. Die Entstehung von Nomen und Verbum, die Bedeutung der Kopula, die Negation, die Impersonalien, das Verhältnis von Wort und Begriff werden uns oft und eingehend beschäftigen. Deshalb erscheinen auch hier einige orientierende Bemerkungen geboten.

Als Aufgabe der Grammatik, insofern sie theoretische Wissenschaft und nicht Norm gebende Lehre ist, betrachte ich die Erforschung der Gesetze des Sprachbaus. Dieser von WILHELM von HUMBOLDT in die Wissenschaft eingeführte Terminus bezeichnet seinem Wesen nach die Art und Weise, wie sich Sprachelemente zu Sprachganzen verbinden. Betrachtet man das Wort als ein einheitliches Ganzes, so hat die Grammatik die Gesetze zu erforschen, nach denen sich in einer einzelnen Sprache oder einer Sprachenfamilie Laute und Silben zu Wörtern verbinden, und es ergibt sich daraus der Teil der Grammatik, den wir Laut- und Formenlehre nennen. Diese werden uns selbstverständlich hier weniger beschäftigen. Die Selbständigkeit der Wörter ist aber in ähnlicher Weise beschränkt, wie die der Begriffe, obgleich sich beide keineswegs in allen Beziehungen gleichen und entsprechen. Das Wort hat insofern eine, ich möchte sagen, sinnliche, physiologische Selbständigkeit, als die Artikulationen, die zum Aussprechen desselben nötig sind, einen relativ abgeschlossenen Akt bilden. Gegen die psychologische Selbständigkeit, die man dem Bedeutungsgebiet eines Wortes zuzuschreiben pflegt, ja, die man sogar oft als selbstverständlich betrachtet, muß jedoch schon hier energisch Einsprache erhoben werden. Zu einem wirklichen Leben gelangt das Wort erst in demjenigen Gebilde, in welchem auch die Sprache selbst erst wirklich und lebendig wird, nämlich im Satz. Es ist vorwiegend LAZARUS und STEINTHALs Verdienst, darauf hingewiesen zu haben, daß schon das erste Hervortreten der Sprache die Reaktion auf die Anschauung eines ganzes Vorganges ist, und daß auch die Sprachwurzeln nicht Wörter, sondern Sätze sind. Das Wort hat in der Sprache nur als Element des Satzes eine wirkliche Existenz und nur der Zweig der Grammatik, der sich mit dem Satzbau beschäftigt, kann die Gesetze des wirklichen Sprachlebens enthüllen.

Die isolierte Betrachtung der Wörter und ihrer Bestandteile und Formen ist methodisch von großer Wichtigkeit und darf durchaus nicht als ein untergeordneter, minderwertiger Zweig der Grammatik betrachtet werden. Die Laut- und Formenlehre möchte ich als die Anatomie, die Syntax als die Physiologie der Sprache bezeichnen. Die genaue Kenntnis des anatomischen Baues unseres Körpers ist gewiß unerläßlich für das Verständnis des organischen Lebens, allein darüber kann kein Zweifel bestehen, daß die Feststellungen des Anatomen erst durch den Physiologen ihren eigentlichen Sinn erhalten. Die Untersuchung über die Struktur und den Bau der Knochen, Muskeln, Gewebe, Nerven, Sehnen etc. ist doch gewiß nur ein Mittel, um deren Verrichtung und Bedeutung für den ganzen lebenden Organismus kennenzulernen. Freilich hat die Anatomie insofern eine gewisse Selbständigkeit und Unabhängigkeit, als durch ihre Untersuchungen das deutlich hervortritt, was der organisierten belebten Materie gemeinsam ist mit der unbelebten. Die Mechanik und Chemie des Knochensystems, des Blutkreislaufs zeigt vielfach dieselben Erscheinungen, die an der unbelebten Materie beobachtet wurden, und so lehrt uns die anatomische Betrachtung des menschlichen Körpers dessen Zusammenhang und Übereinstimmung mit der übrigen Natur genauer kennen. Ebenso hat die isolierte Betrachtung der Wörter und ihrer Laute uns gelehrt, daß die allgemeinen Gesetze des Schalls auch hier ihre Anwendung finden, und dadurch große Exaktheit in die Sprachwissenschaft gebracht. Für die Kenntnis des Organismus aber, des Körpers sowohl als auch der Sprache, bleiben Anatomie und Lautlehre nur Mittel, nur grundlegende Hilfswissenschaften, die für die Physiologie einerseits und für die Syntax andererseits das Material zurechtlegen. Die wissenschaftliche Arbeitsteilung, die ja bei dem immer wachsenden Umfang der einzelnen Forschungsgebiete immer nötiger wird, und die gewiß für den wissenschaftlichen Fortschritt im Großen und Ganzen von den segensreichsten Folgen ist, erschwert doch mitunter das Verständnis der gegenseitigen Beziehungen verschiedener Wissensgebiete. Der Forscher, der sich sein ganzes Leben lang einem Gebiet gewidmet hat, wird schwer davon zu überzeugen sein, daß die Resultate seiner Forschungen keinen selbständigen Wert haben, und wird nicht gern zugeben, daß er bloßer Hilfsarbeiter für eine andere Wissenschaft ist. Vielleicht ist die Philosophie, die ja längst aufgehört hat, Königin der Wissenschaften zu sein und über die Einzelwissenschaften sich erhaben zu dünken, in unseren Tagen dazu berufen, den Blick stets auf das Ganze gerichtet zu halten, und indem sie jeden wissenschaftlichen Forscher mit ihrem Geist erfüllt, ihn dazu anzuregen, sich die Stellung seines Arbeitsgebietes zum Gesamtproblem des Wissens, mehr als dies bisher der Fall war, gegenwärtig zu halten.

Das Wort, sagten wir eben, gewinnt erst im Satz wirkliches Leben und Sein. Der Glaube an die psychologische Selbständigkeit der Wörter als Träger bestimmter Vorstellungen wird jedoch durch mannigfache Umstände erzeugt und befestigt. Außer der so erfolgreichen Forschung auf dem Gebiet der Laut- und Formenlehre, wie siie die vergleichende Sprachwissenschaft angeregt hat, ist es vor allem die Art unseres Sprachunterrichts und die so vielfach betriebene Erlernung fremder Sprachen, was dem Wort eine selbständige Existenz im wissenschaftlichen Denken verschafft hat. Die Aneignung von Vokabeln, der häufige Gebrauch des Lexikons, wo jedes Wort ein eigenes Zentrum bildet, um welches sich oft sehr reiche Gedankenreihen gruppieren, das Deklinieren und Konjugieren, und alle derartigen im Sprachunterricht kaum zu entbehrenden Methoden, konzentrieren die Aufmerksamkeit auf die einzelnen Wörter und lassen die Sätze als Konglomerate vom Wörtern erscheinen. Umso energischer muß die Psychologie gegen diese Selbständigkeit Einsprache erheben und immer wieder betonen, daß die Sprache nur in Sätzen aktuell wird, und daß man ihr Leben und ihre Gesetze nur an dem erforschen und erkennen kann, was von einem bestimmten Individuum als Ausdruck seines psychischen Geschehens in Sätzen verkörpert wird.

Im Zusammenhang mit dieser neutralen Stellung des Satzes, die für die Lösung des Urteilsproblems sich als sehr wichtig erweisen wird, scheint es mir nötig, noch eine ziemlich verbreitete Denk- und Ausdrucksweise über die Beziehungen zwischen Sprechen und Denken zu berichtigen. Das Urteil, sagt man, findet seinen sprachelichen Ausdruck im Satz, der Begriff im Wort. Dies wird gewöhnlich dahin aufgefaßt, daß Urteil und Begriff auch ganz unabhängig von der Sprache als psychische Phänomene existieren, und daß der sprachliche Ausdruck nur dazu dient, diese Phänomene anderen mitzuteilen. In diesem Sinn muß ich die so verbreitete Ausdrucksweise als entschieden unrichtig bezeichnen. Wir haben, um zunächst vom Urteil zu sprechen, bereits oben gezeigt, daß das psychische Geschehen, welches sich beim Fällen eines Urteils vollzieht, nach Abzug alles Sprachlichen durchaus nicht mehr ein Urteil genannt werden darf. Das Urteil ist eben eine Synthese aus Vorstellungselementen und Artikulationsempfindungen, wozu noch Gefühls- und Willenselemente kommen. Der Satz ist, wenn man die Worte darin bloß als Artikulationsbewegungen und als Laute auffaßt und von der Bedeutung absieht, nichts als ein flatus vocis [Lufthauch - wp], eine Bewegung der Sprachorgane, nichts anderes. Sowie man aber die Bedeutung der Wörter mit in Betracht zieht, dann ist der Satz kein sprachlicher Ausdruck des Urteils mehr, sondern das Urteil selbst. Ohne die Sprache kann das Urteil nicht entstehen, und nur in und zugleich mit dieser lebt und existiert es. Wie bereits oben bemerkt wurde, bleibt es dabei ganz gleichgültig, ob die Artikulationsbewegungen sich zu hörbaren Lauten verstärken, oder ob sie durch andere Impulse früher gehemmt werden. Jedes Urteil ist ein Satz, ein ausgesprochener oder ein unausgesprochener. Sprachlich bleibt das Urteil, auch wenn man keinen Laut hört. Das sogenannte wortlose Denken ist darum nicht minder ein sprachliches. Sprachvorstellungen sind ein integrierender Bestandteil jedes Urteilsaktes.

Wir müssen hier selbst auf einen Einwand hinweisen, den unsere eigenen späteren Untersuchungen nahe legen werden. Wir gedenken nämlich zu zeigen, daß die Urteilsfunktion auch schon vor der Sprachschöpfung wirksam wird, und daß sie, allerdings als unbewußter Vorgang, schon in der sinnlichen Wahrnehmung eines Objektes zur Geltung kommt. In gewissem Sinne ist also auch nach unserer Ansicht schon die Sinneswahrnehmung eines Objekts ein Urteil, und an diesem primitiven Urteilsaktes haftet entschieden nichts Sprachliches. Durch diesen Einwand wird jedoch unsere eben ausgesprochene Behauptung von der sprachlichen Natur des Urteils in keiner Weise entkräftet. Wir sprechen nämlich hier vom Urteil in einem gewöhnlichen, hergebrachten Sinn, wo man darunter eine denkende Bearbeitung oder Deutung versteht. In diesem Sinne steht es aber der einfachen Wahrnehmung als etwas Verschiedenes gegenüber. Bei der Wahrnehmung fühlen wir uns affiziert, passiv; beim Urteilen selbsttätig, aktiv. Erst dadurch aber, daß wir den bewußten, vollständig entwickelten Urteilsakt analysieren, wird es uns möglich, auch die unbewußten Wirkungen der Urteilsfunktion zu erkennen. Zum bewußten, voll entfalteten Urteilsakt gehört aber, wie wir gezeigt haben, das sprachliche Element als integrierender Bestandteil, und dieser Akt kann ohne Sprache niemals zu seiner vollen Entfaltung gelangen.

Jedes vollständige Urteil, werden wir also sagen dürfen, ist ein Satz. Ist aber auch jeder Satz ein Urteil? Schon ARISTOTELES hat diese Frage verneint, und die neue Syntax verneint sie noch entschiedener. Man stellt den Frage-, Wunsch- und Befehlssätzen geradezu die Urteilssätze gegenüber. Wir werden jedoch bei genauerer Untersuchung des psychischen Vorgangs, der sich beim Aussprechen einer Frage, eines Wunsches oder Befehls vollzieht, vielleicht zu dem Resultat kommen, daß selbst Gefühls- und Willensakte, sobald sie sprachlich ausgedrückt werden und die Form von Sätzen annehmen, damit auch in gewissem Sinne zu Urteilen werden.

Noch viel weniger als das Urteil darf der Begriff eine von seinem Zeichen unabhängige Existenz beanspruchen. Der Begriff entsteht erst infolge sprachlich gedachter Urteile, seine Existenz ist durchaus abhängig von der eines konventionellen Zeichens. Das Wort ist nicht der Ausdruck, sondern ein Bestandteil des Begriffs, welcher eben durch die Synthese von Wort- und Sinnesempfindung entsteht, und nur durch das Wort seine Einheit und Konsistenz erhält.

Schwieriger scheint es, das Verhältnis zwischen Wort und Vorstellung zu bestimmen. Auch hier wird es meist als selbstverständlich hingestellt, daß den Wörter psychologisch Vorstellungen entsprechen, oder daß mit den Wörtern Vorstellungen verbunden sind. Da ist nun zunächst darauf zu antworten, daß diese Verbindung weder eine allgemeine noch immer eine feste ist. Wir haben bereits oben bemerkt, daß namentlich für sinnliche Vorstellungen das Wort etwas ganz Sekundäres und oft nur lose mit denselben Verbundenes ist. Es ist also gewiß nicht mit jeder Vorstellung ein Wort, aber auch keineswegs mit jedem Wort eine Vorstellung verbunden. Welche Vorstellung entsteht, wenn die Wörter "Und", "Aber", "Denn", "Mit", "Von", "Zu" ausgesprochen werden? Was tatsächlich derartigen Beziehungswörtern in unserem Bewußtsein entspricht, das ist eine schwierige Frage der Sprachpsychologie, deren Beantwortung jedoch kaum noch in Angriff genommen ist. Jedenfalls ist es keine Vorstellung, was beim Hören dieser Wörter in uns entsteht. Aber auch viel stofflichere, anscheinden vorstellungsreiche Wörter erwecken durchaus nicht immer Vorstellungen und namentlich nicht immer die gleichen. Was stellen wir vor, wenn wir Wörter wie "gehen, sitzen, liegen, kämpfen, wachsen" aussprechen hören? Manchmal gar nichts, manchmal vielleicht einen gehenden, sitzenden liegenden Menschen oder irgend ein Tier in solchen Zuständen. Beim Wort "kämpfen" wird die Vorstellung je nach den individuellen Erfahrungskreisen eine verschiedene sein. Der Eine wird an eine Schlacht, der zweite an einen Ringkampf, ein dritter vielleicht an zwei Hähne denken, die er miteinander kämpfen gesehen hat. Das Wort "wachsen" macht es uns recht schwer, eine Vorstellung damit zu verbinden. Da wir das Wachsen niemals direkt beobachten, sondern immer nur das Gewachsene sehen, so werden sich beim Hören dieses Wortes die verschiedensten Vorsellungen drängen. Man sieht eben aus diesem Beispiel, wie wenig Sinn es hat zu sagen: im Urteil "der Knabe wächst" ist die Vorstellung des Knaben mit der des Wachsens verbunden. Die Vorstellung des Wachsens existiert gar nicht und kann also auch nicht mit der Vorstellung des Knaben verbunden werden. Die hier angeführten Beispiele zeigen, daß die Funktion dieser Worte durchaus nicht darin besteht, Vorstellungen zu erwecken. Vielmehr charakterisieren sie sich als Urteilselemente, die erst im Satz ihre Aufgabe erfüllen. Wenn wir jedoch statt der Verba Substantiva wählen, und zwar solche, die sinnlich wahrnehmbare Dinge bezeichnen, dann vollzieht sich die entsprechende Vorstellungsbildung anscheinend leicht und ungezwungen. Man braucht Wörter wie "Tisch, Stuhl, Garten, Wald, Rose, Spiegel, Himmel" nur zu hören, und sofort stellen sich die entsprechenden Vorstellungen ein. Betrachtet man jedoch das sich vollziehende psychische Geschehen etwas genauer, so zeigt sich auch hier, daß man Mehr und Anderes vorstellt, als die Wörter zu gestatten scheinen. Höre ich das Wort "Tisch", dann steht vor meinem inneren Auge ein bestimmter Tisch von bestimmter Form und Farbe, der sich in einer bestimmten Umgebung befindet, oder es drängen sich Vorstellungen mehrerer solcher individueller Tische in meinem Bewußtsein. Dazu berechtigt aber das Wort "Tisch" nicht. Dieses Wort enthält gewissermaßen die Forderung, nur das vorzustellen, was notwendig zu einem Ding gehört, damit man es Tisch nennen kann, schließt aber jede Individualisierung aus. Wollte ich den Vorgang, der in meinem Bewußtsein durch das Wort "Tisch" erweckt wird, genau beschreiben, dann könnte dies nur in der Form von Sätzen geschehen, deren Subjekt Tisch wäre. Die Prädikate dieser Sätze liegen potentiell schon im Wort "Tisch", werden aber erst aktuell, wenn ich meine ganze Wahrnehmung durch ein vollständiges Urteil forme und gestalte. Die Forderung zu einer solchen Gestaltung und Gliederung ist aber schon im Wort "Tisch" enthalten, und so ist auch das Wort "Tisch", psychologisch betrachtet, keine Vorstellung, sondern eine Urteilselement. Während aber bei den früher angeführten verbalen Beispielen der durch das Wort erweckte Vorstellungsinhalt unbestimmt und rasch wechselnd erscheint, bleibt derselbe bei Substantiven, die sinnlich wahrnehmbare Objekte bezeichnen, verhältnismäßig konstanter, indem hier das Subjekt einen Ruhe- und Ausgangspunkt für unser Vorstellen bildet. Genau betrachtet erweisen sich jedoch auch diese Wörter als Urteilselemente, die erst im Satz ihre wahre Mission erfüllen. Die Wörter sind wie behauene, für eine bestimmte Mauerstelle hergerichtete Steine, denen man es, auch wenn sie aus dem ganzen Gefüge losgelöst sind, sofort ansieht, daß sie in ein größeres Ganzes gehören und erst da ihre Bestimmung erfüllen. Solche Steine kann man ja auch mineralogisch und geometrisch bestimmen, als ob sie selbständige Existenzen hätten, ihre wahre Bedeutung erkennt man jedoch erst, wenn man das Gefüge kennenlernt, in welchem sie ihren Platz einzunehmen bestimmt sind. Die wahre Bestimmung jedes Wortes ist es, eine Stelle in einem Urteil einzunehmen, und wenn man sie genau untersucht, so entdeckt man, wie bei den Steinen, die behauenen Flächen, und vermag dann anzugeben, welche Stelle im Urteilsgefüge das Wort einzunehmen bestimmt ist.

Das Wort ist somit psychologisch keine Vorstellung, sondern Urteilselement. Sein Bedeutungsgebiet umfaßt nicht die Vorstellungen, die es erweckt, sondern die Urteile, in die es als Element eingehen kann. Diese Einsicht dürfte sich sobald sie allgemein wird, auch für den Sprachunterricht und bei der Anlegung von Wörterbüchern als fruchtbringend erweisen. Wir sehen also, daß die Untersuchung des Urteilsaktes sich auch für grammatische Fragen als bedeutungsvoll erweist.


5. Die philosophische Bedeutung
des Problems.

Wenn es Aufgabe der Philosophie ist, die Resultate der Einzelforschung auf dem Gebiet der Natur- und Geisteswissenschaften zu einer Verstand und Gemüt befriedigenden, einheitlichen Weltanschauung zu vereinigen, dann dürfte sich kaum ein allgemeineres Grundproblem finden als die Untersuchung der Form, in welche alle Wissenschaften ihre Resultate bringen müssen, damit sie klar gedacht und von anderen verstanden werden können. Zum psychologischen und grammatischen gesellt sich somit auch ein philosophisches Interesse, und das gibt unseren Untersuchungen einen weiten Ausblick. Seit den ältesten Zeiten haben sich nun die Denker gelegentlich mit dieser Denkform beschäftigt, un in neuerer Zeit sind umfassende und tiefdringende Untersuchungen über das Wesen des Urteils angestellt worden. Meist waren es jedoch, wie schon gesagt, logische Gesichtspunkte, die dabei maßgebend waren. Daß aber von der vollständigen und glücklichen Lösung der Frage, was wir tun, wenn wir urteilen und was in dieser Funktion unser eigenes Beibringen, was fremden Ursprungs ist, unsere gesamte theoretische Weltanschauung abhängt, das ist, soviel ich weiß, noch nicht gesagt worden.

Am nächsten kommt meiner Auffassung des Problems GUSTAV GERBER, der in seinem, wie es scheint, wenig gelesenen Buch "Die Sprache und das Erkennen" (Berlin 1884) das mit Hilfe der Sprache entstandene Urteil als die Form auffaßt, in welcher sich der Mensch die Vorgänge des Universums aneignet. Ich gestehe gern, daß ich diesem Buch die erste Anregung zu dieser Untersuchung verdanke.

Der Versuch, durch die Erforschung der Urteilsform die erkenntniskritische Frage zu lösen, hat vor der durch KANT vorgenommenen Aufstellung prä-empirischer Kategorien den Vorzug voraus, daß er auf einem völlig realen, meist durch psychologische Selbstwahrnehmung kontrollierbaren Boden steht, während die kantischen Kategorien immer Gedanken bleiben, die psychologisch nicht recht vollziehbar sind. Die Allgemeinheit der Urteilsfunktion verschafft wiederum den Vorteil, daß alles, was als wesentlich für diese Funktion erwiesen wird, für jeden beurteilten Inhalt gelten muß, d. h. daß die wesentlichen Merkmale der Urteilsfunktion da sein müssen, mag es sich um einen Wahrnehmungsinhalt oder um Gedanken handeln, die erst durch lange, begriffliche Abstraktion entstehen können. Wir haben hier somit ein durchaus reales, von jedem täglich erlebtes und doch ganz allgemeines Prinzip der erkennenden Tätigkeit vor uns. Wenn es uns also gelingen sollte, den Nachweis zu erbringen, daß die Urteilsfunktion die Form ist, die sich notwendig nach psychologischen Gesetzen in jedem menschlichen Individuum entwickelt, und daß diese Form an alles dem Bewußtsein Gegebene, an jeden uns zugeführten Stoff herangebracht werden muß, damit dieser Stoff zum wirklichen Bewußtseinsinhalt, zu unserem verfügbaren geistigen Eigentum wird, dann werden wir auch der Lösung der letzten metaphysischen Fragen näher gerückt sein. Die Begriffe Gott und Seele dürften neues Licht erhalten, und auch die Frage, ob ein extramentales, von uns unabhängiges Geschehen bewiesen werden kann, wird leichter beantwortet werden können. Doch ich breche ab. "Quid dignum feret, hic tali promissor hiatu?" [Was kann der Mann uns sagen, das, den Mund dazu so weit zu öffnen, würdig wäre? (Horaz) - wp] werden wohl hier viele Leser fragen, und ich will lieber statt weiterer Verheißungen an die Untersuchung selbst gehen. Vorher wird es jedoch, einem guten alten Brauch gemäß, nötig sein, die Ansichten früherer Denker über das Urteil in einem raschen Überblick zu durchmustern.
LITERATUR - Wilhelm Jerusalem, Die Urteilsfunktion, Wien und Leipzig 1895
    Anmerkungen
    1) JOHN STUART MILL, System der induktiven und deduktiven Logik, Bd. I, Seite 97: "Die Frage, was im Fall der Zustimmung oder Verweigerung derselben außer dem Zusammenstellen zweier Vorstellungen sonst noch vorgeht, ist eines der schwierigsten metaphysischen Probleme."
    2) FRANZ BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, 1876.
    3) KARL GOSWIN UPHUES, Über die Erinnerung, Seite 3f
    4) HUME hat dies in seinem "Treatise on human nature" (Bd. I, Seite 533f) in unwiderleglicher Weise dargestellt.
    5) GRILLPARZER, Werke XIX, fünfte Ausgabe, Seite 96f.
    6) ERDMANN, Logik I, Seite 42f.
    7) BRENTANO, Psychologie a. a. O., Seite 271f.
    8) MILL, Examination of Sir William Hamiltons Philosophie, Seite 403f.
    9) WILHELM WINDELBAND, "Bemerkungen zur Lehre vom negativen Urteil, in Straßburger Abhandlungen zur Philosophie, 1884, Seite 167-195.
    10) ADOLF HORWICZ, Psychologische Analysen auf physiologischer Grundlage, Bd. II, 2, Seite 1.
    11) Ich habe dabei besonders Laura Bridgman im Auge, deren Erziehung ich zum Gegenstand einer psychologischen Studie gemacht habe (Laura Bridgman - eine psychologische Studie, Wien 1890), in welcher namentlich die eigentümlichen Sprachlaute dieser Taubstumm-Blinden genauer als bisher analysiert und besprochen sind.