p-4Die Abstraktionsleiter    
 
FERDINAND TÖNNIES
Terminologische Anstöße

"Wenn du mich richtig  verstehen willst, so mußt  du diese Wörter in diesem bestimmten Sinn  verstehen,  d. h. bei jedesmaligem Vorkommen die Gleichung, die ihren Wert ausdrückt (d. i. meine Definition), dir ins Gedächtnis zurückrufen. Wer danach, um dieses ausschließlichen Zweckes willen (den Autor zu verstehen)  sich richtet,  erklärt damit  nicht zugleich,  auch seinerseits die Wörter in jenem Sinn  gebrauchen  zu wollen. Will und tut er das, so geht er gleichsam eine  terminologische Konvention  mit dem Urheber jener Definitionen ein. Auf diese Weise können sich viele kleine Sprach-Inseln bilden - in der Philosophie als Sekten oder Schulen bekannt - deren Bewohner jenseits ihrer Grenzen von niemandem verstanden werden, während sie unter sich die Wertzeichen ihrer Begriffe als vollgültig geben und empfangen."

Wissenschaftliche Disputationen werden oft durch die Bemerkung unterbrochen: "das kommt auf einen bloßen Wortstreit hinaus." Es wird dabei als Einverständnis vorausgesetzt, daß man über  Worte  nicht streiten  wolle,  wenn man über die  Sache  der gleichen Meinung sei. Es gilt nicht nur als  töricht,  über Worte zu streiten, sondern auch zumeist als  vergeblich;  denn man weiß oder fühlt doch: wenn einer einmal einen bestimmten  "Begriff"  mit einem Wort verbindet, so ist diese Verbindung nicht leicht einlösbar; er ist keineswegs bereit oder geneigt, einen  anderen  Begriff an die Stelle treten zu lassen oder für  seinen  Begriff ein anderes Wort als bezeichnend gelten zu lassen.

Man darf auf allgemeine Zustimmung rechnen, wenn man sagt: ein klarer Streit über Wirkliches kann sich erst ergeben, nachdem alle Wortstreitigkeiten ausgeschieden sind - am besten, wenn diese ganz unmöglich wären, wenn jede Gefahr eines Mißverständnisses ausgeschlossen wäre. Dann würde jeder durch Worte ausdrücken, was er gedacht hat, der Hörende würde diesen Gedanken richtig reproduzieren und mit seinen eigenen "Ansichten" derselben Sache vergleichen können, wenn er solche hat. Man würde sich verstehen - was im  deutschen Sprachgebrauch  oft schon so viel heißt wie "übereinstimmen", während es hier nur als die Voraussetzung dafür betrachtet wird, daß man Nicht-Übereinstimmung über die Bedeutung der  Wörter Und eben darum gilt der Streit "um Wörter" für töricht, weil man denkt, daß es  unvernünftig  sei, "an den Wörtern zu kleben", sie zu "klauben"; denn es müsse dem Vernünftigen gleichgültig sein, ob er etwas so oder so benenne, ob ein Wort in dieser oder jener Bedeutung gebraucht werde. Es scheint leicht und einfach, sich über die Zeichen einig zu werden, wenn man nur wisse,  was  man bezeichnen will - auf diesem Gebiet, wie auf jedem anderen, wo einer zu seinem eigenen (individuellen) Gebrauch sich ein Zeichen "macht" oder mehrere zu gemeinsamem Gebrauch darüber eine  Verabredung  treffen, d. h. eine Art von  Vertrag  schließen, wodurch sich jeder verpflichtet, das Zeichen anzuerkennen, d. h. es in einem bestimmten Sinne  anzuwenden  und in einem bestimmten Sinne zu empfangen oder zu "verstehen".

Gegenüber diesem Bedürfnis nach  künstlichen Zeichen  mit genau  bestimmter  Bedeutung besitzen wir nun aber in den Sprachen - und am meisten jeder in seiner "Muttersprache" - System von  natürlichen  Zeichen mit vielfach  unbestimmten,  mehr gefühlten als klar und deutlich unterschiedenen Bedeutungen. Freilich verstehen wir einander im Allgemeinen genugsam für Zwecke des täglichen Lebens - und da besonders, wo es Gefühl und Wollen zu erregen gilt (aber auch nur im Allgemeinen: denn wie viel Feindschaft entsteht durch eigentliche und wörtliche Mißverständnisse!). Wenn es sich aber um wissenschaftliches  Denken  handelt, so ist von jeher für notwendig oder wenigstens für erwünscht gehalten worden, "die Begriffe zu definieren", d. h. zu erklären, in welcher Bedeutung man besondere Wörter anwenden  wolle  - ob dieses  Versprechen  auch  gehalten  wird, bleibt dabei immer noch zweifelhaft. Nach der Absicht des Lehrers oder Schriftstellers liegt darin ein bedingtes  Geheiß  an den Schüler oder Leser:  "wenn  du mich richtig  verstehen willst, so mußt  du diese Wörter in diesem bestimmten Sinn  verstehen,  d. h. bei jedesmaligem Vorkommen die Gleichung, die ihren Wert ausdrückt (d. i. meine Definition), dir ins Gedächtnis zurückrufen." Wer danach, um dieses ausschließlichen Zweckes willen (den Autor zu verstehen)  sich richtet,  erklärt damit  nicht zugleich,  ausch seinerseits die Wörter in jenem Sinn  gebrauchen  zu wollen. Will und tut er das, so geht er gleichsam eine  terminologische Konvention  mit dem Urheber jener Definitionen ein. Auf diese Weise können sich viele kleine Sprach-Inseln bilden - in der Philosophie als Sekten oder Schulen bekannt - deren Bewohner jenseits ihrer Grenzen von niemandem verstanden werden, während sie unter sich die Wertzeichen ihrer Begriffe als vollgültig geben und empfangen. In diesem Sinne ist vor 50 oder 60 Jahren der "Hegel-Jargon" berufen gewesen. Hieraus kann sich zunächst ein Zustand ergeben, dem ähnlich, der zwischen verschiedenen  wirklichen Sprachen  besteht. Man kann aus einer Sprache in die andere  übersetzen  - aber man weiß auch, daß das immer mangelhaft bleibt, zuweilen so gut wie unmöglich ist: manche Ausdrücke und Wendungen sind "unübersetzbar", warum? weil das eine Volk kein Wort für die entsprechende  Sache  besitzt und es besitzt kein solches Wort, weil es die  Sache  nicht  kennt,  d. h. aber (da es sich hierbei zumeist nicht um materielle Dinge handelt), weil es kein Bedürfnis fühlte, einen gewissen Komplex von Vorstellungen und Gefühlen durch einen Namen zu  begreifen.  Dies zeigt sich besonders in dem mehr oder minder von  Unterscheidung:  was man nicht unterscheidet, das sieht man nicht und auch jede Kombination oder Synthese muß als etwas Unterschiedenes und Besonderes vorgestellt werden, um für ein Subjekt überhaupt "da zu sein". So in der Philosophie. Man verlachte im 17. Jahrhundert die  quidditas  [Washeit, wp] der Scotisten als sinnlos;  für die Scotisten  - in ihrem System - hatte das Wort aber eine ganz bestimmte Bedeutung. Im 17. Jahrhundert hatte man das  Bedürfnis  nicht mehr (oder so viel weniger), diesen Sinn zu unterscheiden, d. h. zu denken, man hatte sein  Interesse  in eine andere Richtung gewandt.

Voraussetzung für das  Bedürfnis  einer gemeinsamen Ausdrucksweise ist ein gemeinsames Interesse und ein darin wurzelndes gemeinsames  Denken.  Nur insoweit als dieses vorhanden ist, ist es verhältnismäßig einfach und leicht, sich über die  Ausdrücke  "zu verständigen". Dieses "gemeinsame Denken" bedeutet  nicht  so viel als "gleiches Meinen" oder "übereinstimmendes Urteilen" - im Gegenteil, es soll ja auch die Basis dafür bieten, daß man über die  wirklichen Differenzen  des Meinens und Urteilens zur Klarheit also zu Verständigung gelange. Es bedeutet aber, daß man dieselben  Gegenstände  des Denkens erkennen und anerkennen, oder - in komplizierteren Fällen - daß man die Probleme,  die  Streitfragen selber, in gleichem Sinne verstehe.

Davon sind wir nun auf keinem Gebiet so weit entfernt, wie auf dem der  Psychologie  und dem mit ihr - wie ich behaupte - ganz und gar verwachsenen der  Soziologie;  eben darum aber auch in der "eigentlichen" Philosophie, denn diese ist - möge man sie als Logik, als Metaphysik oder als Erkenntnistheorie verstehen - nichts ohne psychologische Fundamente.

Besser müßte es dami stehen, wenn das Bedürfnis der Verständigung und also eines gemeinsamen, gleichartigen Denkens allgemein empfunden wäre. Das ist eben nicht einmal zwischen den Teilhabern an derselben  Sprache  der Fall; geschweige denn zwischen verschiedenen Sprachgebieten, von denen jedes seine eigene gelehrte Sprache ausgebildet hat, seitdem die alte Gelehrtensprache - das Neulateinische - in Verfall geraten ist. Und in keinem ist diese gelehrte Sprache scharf geschieden von der Sprache des täglichen Lebens. Ja, es wird nicht nur für ein Verdienst gehalten, sondern sogar ziemlich ungestüm gefordet, daß wissenschaftliche Werke gerade auf diesen Gebieten "gemeinverständlich" sein sollen: die populären (exoterischen) und die strengen (esoterischen) Darstellungen derselben Gegenstände werden nicht auseinandergehalten. Und doch ist eine Wissenschaft nicht möglich ohne  Begriffe,  d. h. ohne scharf begrenzte Denkobjekte; dagegen hat die Sprache des täglichen Lebens ein solches Bedürfnis gar nicht: sie ist zwar sehr reich in der Bezeichnung psychischer Wirklichkeiten; aber es sind immer nur die Gefühle, Empfindungen usw. dieser bestimmten redenden Menschen, die sie ausdrücken und wohl auch beschreiben will, aber nicht Gefühle oder Empfindungen an und für sich, die als bei allen Menschen oder sogar Tieren als vorhanden  gedacht  werden müssen. Da sie immer hauptsächlich auf die Phantasie wirken will, so hilft sich die Sprache des Lebens mit  metaphorischen  Ausdrücken; und diese gehen in die wissenschaftliche Sprache über, ohne in ihrer Ungenauigkeit erkannt zu werden. Innerhalb dieser wissenschaftlichen Sprache werden zwar immer neue Versuche gemacht, die Wortbedeutungen zu fixieren. Damit verbindet sich aber allzuoft der Irrtum, als wäre das ebensoviel als das Wesen der Sache zu "erklären". Es wird verkannt, daß Begriffe unter allen Umständen psychische Gebilde sind, die von den Sachen verschieden, diese nur  repräsentieren,  auch wenn die Sachen selber psychische Tatsachen und Gebilde sind; ferner, daß es zwei Gattungen von Begrifen gibt, die in der Logik wohl als analytische und synthetische unterschieden werden, die aber auch empirische und rationale heißen können: jene erwachsen unmittelbar aus den Vorstellungen, d. h. aus Erinnerungen, sie sind nur Allgemeinvorstellungen, daher je weiter, desto ärmer an Merkmalen, also an Inhalt. Diese, die wohl auch unter dem Namen der  Idee  oder des  Typus  auftreten, sind reinere Gebilde des Denkens; ihnen wird der Reichtum eines  individuellen  Objekts gegeben, das die Allgemeinvorstellung oder den empirischen Begriff  repräsentiert,  wie dieser die Menge der einzelnen Vorstellungen, aus denen er "abgezogen ist. Die Gattung (B) verhält sich zur Gattung (A) wie auf einem speziellen (alltäglichen) Gebiet ein  Maßstab  zur bloßen Allgemeinvorstellung eines Längenmaßes. Der Armut an Merkmalen entspricht hier der Mangel eines materiellen Substrats; ohne dieses ist nur eine Schätzung möglich, z. B. nach der durchschnittlichen Länge eines männlichen Fußes (welche Vorstellung auf einer unbestimmten Menge von erfahrungsmäßig bekannten Füssen beruth). Eine eigentliche Messung geschieht schon, wenn ich meinen individuellen Fuß als Maßstab gebrauche; was aber durch die Messung in der Regel erreicht werden soll, wird erst möglich, wenn eine bestimmte Länge, an einem bleibenden individuellen Gegenstand verifizierbar und korrigierbar,  soziale Gültigkeit  als Maßlänge erworben hat, z. B. der rheinische Fuß, von dem ein Modell aufbewahrt wird. Und eine neue Aufgabe ist sodann, ein  allgemein  gültiges Längenmaß mit den Maßen anderer Größen in ein  System  zu bringen.

In der Psychologie werden, soviel ich sehe, die beiden Gattungen von Begriffen noch nicht gehörig unterschieden; und soweit als eigentliche Begriffe zur Anwendung gelangen, kommen sie über das Stadium der individuellen Füße nicht hinaus oder kommen höchstens dem in einer Landschaft, einem kleinen Verkehrsgebiet gültigen Maßstab gleich. Oder, wie EUCKEN in seiner trefflichen, grundlegenden "Geschichte der philosophischen Terminologie" sich vor 25 Jahren mit einem anderen Gleichnis ausdrückte, die Kunstausdrücke (der philosophischen Schulen) sind wie Scheidemünze: sie haben keinen Kurs außerhalb ihres engen Bezirkes. EUCKEN hat, wenn ich nicht irre, kein besonderes Gewicht darauf gelegt, die Begriffe von ihren Ausdrücken zu unterscheiden; wohl aber hebt er selbst hervor, daß es immer verschiedene Denkweisen sind, die sich in den verschiedenen Terminologien reflektieren. Und ich meine, daß jeder wissenschaftlich Denkens sich hierüber zur Klarheit kommen sollte, daß es zweierlei ist: Begriffe  bilden  und sie benennen. (1) Und darüber, daß es vor allen Dingen wichtig ist, in Betreff des Wesens und Inhaltes der notwendigen und zweckmäßigen  Begriffe  sich zu einigen. Da kommen zu den Begriffen der Wirklichkeit die rein logischen Hilfsbegriff hinzu, die auf psychologische gleichermaßen wie auf materielle Gegenstände Anwendung finden. Die Bearbeitung und Feststellung dieser Begriffe - wie notwendig und zufällig, möglich und wahrscheinlich, Ursache und Wirkung, Zweck und Mittel - war es eigentlich, die unter den alten Namen der Metaphysik oder "ersten Philosophie" oder Ontologie gesucht wurde und jetzt in der "Erkenntnistheorie" ein neues Obdach gefunden hat, nachdem jene Namen - hauptsächlich durch ihre Verbindung mit theologischen Vorstellungen - in Verruf geraten sind. Hier liegen nun die Kunstausdrücke selber in jeder Sprache fest und wegen ihrer Übersetzung aus einer Sprache in die andere kann kaum ein Zweifel entstehen. Umso mehr wird eine übereinstimmende und genaue Fixierung ihres Inhalts vermißt; umso weniger wird erkannt, daß es nicht darauf ankommt, zu  entdecken,  was sie etwa in irgendwelchem Sprachgebrauch tatsächlich bedeuten, sondern zu statuieren, was sie, um für einen bestimmten wissenschaftlichen Gebrauch tauglich zu sein, bedeuten  sollen.  Und daß die Begriffe für mannigfachen Gebrauch modifiziert werden müssen, welche Modifikationen denn auch durch differenzierte  Ausdrücke  unterschieden werden müssen.

Nächst EUCKEN, der nur in einem (mir nicht zu Gesicht gekommmenen Artikel des "Monist" (1896) das Thema wieder aufgenommen hat, ist es eine englische Frau, VICTORIA LADY WELBY, der das Verdienst zukommt, mit großer Energie, ja mit einer edlen Leidenschaft, das Mißliche der bestehenden Zustände dargestellt und auf einen vernünftigen "sinnreichen" Gebrauch der Sprache zu Zwecken der Erkenntnis gedrungen zu haben. Sie möchte eine eigene Disziplin begründen und das Verständnis dafür schon durch den Schulunterricht anbahnen, die sie  "Sensifics",  das Studium des Sinnes, nennt, nämlich des Sinnes, der Wörter überhaupt haben können und den sie haben sollten; daraus müsse methodisch erlernt werden, wie ein Gedanke am treffendsten, am zweckmäßigsten und am schönsten ausgedrückt werde.
    "Denn in der Regel finden diejenigen, die am meisten zu sagen haben, es nicht am leichtesten, es zu sagen. Im Gegenteil, die größten Geister sind es oft, die sich am meisten über die Unzulänglichkeit von Worten beklagen, ihr ganzes Denken auf angemessene Art auszudrücken und über das Versagen des gewöhnlichen Lesers ihnen zu folgen, selbst wo Worte ihnen in zureichender Weise gedient haben." (2)
LADY WELBY hat, außerdem, daß sie diese allgemeinen Anregungen gegeben hat, noch in mehreren kleinen Broschüren "Zeugnisse" wissenschaftlicher Autoren (hauptsächlich englischer)  gesammelt,  die den Zustand der Terminologie, sogar in der Naturwissenschaft, wo man das Übel viel weniger vermutet, zwar nicht systematisch, aber durch die Vielstimmigkeit umso beredter, dargelegen. Die einleitenden Worte, die ssie zu diesen "Witnesses of Ambiguity" in Philosophie und Psychologie geschrieben hat, sind durchaus wert, hier (in Übersetzung) wiederholt und allen, die für die Bedeutung der Sache Verständnis haben, ans Herz gelegt werden. Sie lauten nämlich:
    "Die folgenden Eingeständnisse einer irreführenden oder lähmenden Zweideutigkeit und Vieldeutigkeit des Ausdrucks (wo sie oft am wenigsten vermutete werden und am meisten Schaden anrichten) sind nur Beispiele, ausgelesen aus einer viel größeren Anzahl und diese wiederum sind nur ein Zehntel von dem, was mit Leichtigkeit gesammelt werden könnte in anerkannten und weitverbreiteten Werken der modernen Literatur; man wird sehen, daß die Fälle aus den verschiedensten Quellen geschöpft sind. Der Zweck dieser Sammlung ist, dazu zu helfen, daß ein Mißstand bekannt werde, der beständig ignoriert und zuweilen sogar geleugnet wird; der aber eine Hauptursache der vielfachen Unfruchtbarkeit umlaufender Erörterungen, der Verwirrung in Sachen von dringender Wichtigkeit, der Hoffnungslosigkeit in Bezug auf die Möglichkeit ist, zu einer wirklichen Lösung von "Rätseln" zu gelangen, denen vielleicht nur ein Überbleibsel oder ein Wechsel von Wortbedeutungen zugrunde liegt, die als solche nicht erkannt worden sind. - Sicherlich, so langen wir uns nicht bewußt werden, wie viel Unklarheit und sogar erbitterter Streit wenigstens teilweise auf diese Ursache zurückgeführt werden kann, solange dürfen wir nicht hoffen, daß es damit besser werde. Und ob es besser werden kann oder nicht, es muß ein Gewinn sein zu wissen,  wie  es damit steht. Zur Hälfte liegt das Übel gerade daran, daß man allgemein annimmt, "selbstverständlich" bedeute das Wort  x  die Sache  y  und daß weiter nichts darüber zu sagen sei."
Systematisch hat LADY WELBY sodann ihre Gedanken über "Sinn, Bedeutung und Auslegung" in 2 Artikeln des "Mind" 1896 entwickelt und hieran anknüpfend erhob der französische Philosoph ANDRÉ LALANDE in der Revue de Metaphysique et de Moral 1897 seine Stimme (3), um zur Herbeiführung eines "Reiches der Ordnung" in den philosophischen Studien mitzuwirken. Er plädiert für eine "philosophische Gesellschaft", die sich dieses Ziel ausdrücklich setzen solle; durch sie meint er auf die "philosophische Propädeutik" in den Gymnasien - LALANDE ist selbst Professor am bekannten Lycée Michelet - wirken zu können: "sie allein kann die genügende Autorität besitzen, solange wir nicht einen Minister haben, der selber Philosoph und Schulmeister wäre, um Ordnung in ein Gebiet zu bringen, das tatsächlich ein Chaos darstellt".

Mir waren diese Vorarbeiten - außer dem Buch EUCKENs - unbekannt geblieben, als ich im gleichen Jahr (1897) auf die - wie ich erst später erfuhr, von LADY WELBY gestellte -  Preisaufgabe  stieß, die eine Erörterung der Ursachen bestehender "Unklarheit und Verworrenheit in der philosophischen und psychologischen Terminologie" und Angabe der Richtungen, in denen Abhilfe gesucht werden dürfe, verlangte. Ein internationaler Gerichtshof, in dem Deutschland durch Prof. KÜLPE, England durch SULLY und STOUT vertreten wurde, war dafür eingesetzt. Die Erläuterung legte hauptsächlich Wert darauf, daß eine Klassifikation der verschiedenen Arten, in denen ein Wort oder anderes Zeichen  Bedeutung  haben kann, vorgetragen werde. Demnach habe ich im ersten Teil meiner Arbeit (4) (die durch einstimmiges Votum den Preis erhielt) über Zeichen im allgemeinen und Worte insonderheit ausführlich gehandelt; in zweiten die sachlichen und historischen Ursachen des bestehenden Zustandes und im dritten die Richtungen erörter, in denen eine Verbesserung erwartet werden darf. Am Schluß habe ich darauf hingewiesen, daß der zunehmende  internationale  Charakter aller Wissenschaft das  Bedürfnis  einer allgemeingültigen Terminologie immer lebhafter ins Bewußtsein rufen werde und daß nur aus dem Bedürfnis heraus Suchen und Finden der richtigen Mittel entspringen könne. Schon werde durch diejenigen Zeitschriften, die in mehreren Ländern gelesen werden und durch internationale Kongresse mancher Keim zu einer universalen Verständigung gelegt. Diese werde aber nur gedeihen können vermöge einer gemeinsamen Sprache, einer  Weltsprache;  der Terminologie freilich könne daneben auch durch  graphische  Darstellungen geholfen werden. Als Weltsprache empfehle sich immer noch am meisten die nie ganz als solche ausgestorben, im wissenschaftlichen Gebrauch noch vor 200 Jahren in Übung war, das Neu-Lateinische; da es auch immer noch, durch seine unbegrenzte Fähigkeit, sich  griechische  Wortformen anzupassen, die technische und wissenschaftliche Terminologie beherrsche. Um aber mit solchen Mitteln Erfolge zu haben, dazu sei nicht allein Wille und Fähigkeit, sondern  Autorität  notwendig.
    "In jeder Hinsicht weist die wissenschaftliche Arbeit unserer Zeit, weisen besonders die ungeheuren Aufgaben des Sammelns, Registrierens, Verallgemeinerns, auf Beratung, Zusammenwirken, Organisation hin. Die gegebene Form der gelehrten Körperschaft ist die  Akademie.  Was die nationalen Akademien einst für die Naturwissenschaften leisten sollten und in nicht geringem Maße geleistet haben, das sollte einer  internationalen Akademie  für die Geisteswissenschaften zu leisten aufgegeben werden. Jene gründeten sich auf die materiellen und praktischen Interessen von Staatsmännern und Bürgern, für Entwicklung von Handel und Industrie; Handel, Industrie und Wissenschaft haben die großen politischen Körper zusammengeknüpft, in denen die Nationen einander jetzt, zum guten Teil in Eifersucht und Feindschaft, gegenüberstehen. Die internationale Akademie muß, durch die Fülle und den Reichtum ihres Lebens, von jenen, die von ihrem Ursprung her etwas Totes und Mechanisches an sich haben, sich ebenso abheben, wie eine moderne Weltstadt von den starren und regulären Fürstenstädten des achtzehnten Jahrhunderts sich abhebt. Jene (die nationalen Akademien) waren Erzeugnisse des monarchischen  Absolutismus  und des militärischen Geistes, diese (die internationale Akademie) soll als Schöpfung eines demokratischen  Relativismus  (den man auch als Kommunismus bestimmen mag) und des Geistes friedlicher Arbeit betrachtet werden. Ihre Idee gründet sich auf die  idealen  praktischen Interessen der Erziehung des Menschengeschlechts und des Weltbürgertums: Interessen, die darauf ausgehen müssen,  Psychologie  und  Soziologie  zum Rang der leitenden Organe in einem moralischen Körper zu erheben, dem sich die zivilisierten Nationen freiwillig als Mitglieder unterordnen werden. Nun liegt diese Idee - wie kaum ein denkender Soziologe leugnen dürfte - sozusagen in der Luft unseres Zeitalters. Sie ist die Oberstimme zu allen Instrumenten, die im ökonomischen, im politischen und geistigen Leben unseres Jahrhunderts gespielt werden. An der Schwelle eines neuen Jahrhunderts darf sie vielleicht den Ton angeben in diesem Konzert."
Wie fern und wie bald aber es einer solchen Akademie gelingen würde,  Autorität  zu gewinnen und gesetzgeberisch für philosophische Terminologie sich geltend zu machen, das wäre gewiß durch ihre Leistungen, als durch die Zweckmäßigkeit ihrer Vorschläge am meisten bedingt. Helfen wird aber dazu auch die  Verbreitung der Einsicht  in die Natur des Problems, in die Notwendigkeit einer  inneren  Einigung (des einzelnen Denkers mit sich selber und mit anderen Denkern) über die notwendigen und nützlichen Begriffe, einer  äußeren  Einigung über die schicklichsten und zur allgemeinen Geltung tauglichsten Namen, die solchen Begriffen beizulegen wären. So eine Einsicht zu befördern ist auch diese kleine Erörterung bestimmt gewesen; dabei wäre zunächst am meisten erwünscht, wenn sie Erörterungen von anderer Seite hervorrufen würde.
LITERATUR - Ferdinand Tönnies, Terminologische Anstöße, Zeitschrift für Hypnotismus, Bd. X, Leipzig 1902
    Anmerkungen
    1) Vor sprachlichen Ungeheuern schreckt die Chemie nicht zurück - und tut ihrer Popularität dadurch keinen Eintrag -, wenn sie den Ursprung neuer Synthesen in Kunstwörtern anzudeuten sucht, die die Länge einer ganzen Zeile gewinnen. Sie ist aber durch ihr vorzügliches Buchstaben- und Ziffern-System immer in der Lage, die kompliziertesten Namen im gewöhnlichen Gebrauch entbehrlich zu machen.
    2) VICTORIA WELBY, Grains of Sense, London 1897, Seite XI und 146. Ein so geistreiches und unterhaltendes, wie ernsthaftes und unterrichtendes Büchlein. Neuerdings zieht die Autorin den Ausdruck  Significs  vor und will das Studium der Zeichen schlechthin und ihrer Werte zu einer pädagogischen und ethischen Bedeutung erheben. Besser dürfte ein dem Griechischen entlehnter Name, etwa  Semantik sich diese Idee anpassen.
    3) ANDRÉ LALANDE, Le langage philosophique et l'unité de philosophie.
    4) Sie ist in englischer Übersetzung, die von Mrs. BOSANQUET mit großer Sorgfalt angefertigt wurde, im "Mind" (Juli und Oktober 1899, Januar 1900) gedruckt worden.