ra-2Friedrich SchillerAesthetica    
 
BERNHARD POPPE
Alexander Gottlieb Baumgarten

"Das über Wolff ausgesprochene Verdammungsurteil konnte Baumgarten nicht abhalten, sich in die Philosophie desselben zu vertiefen. Die ersten Grundbegriffe der Philosophie hatte ihm sein Bruder Siegmund Jacob beigebracht. Auch hatte er bei ihm eine Vorlesung über Politik gehört. Heimlich - denn es war verboten - las er die Schriften Wolffs, zunächst dessen Anweisung, wie man seine Schriften lesen müsse."


Einleitung

Es ist leider eine allzu wahre Tatsache, daß das deutsche Geistesleben von 1680 - 1750 wenig in seinen Einzelheiten erschlossen ist. Man blickt oft auf dieses Zeitalter mit Verkennung herab und würdigt es nicht der Spezialforschung. Besonders aber sind die philosophischen Richtungen dieser Periode der Geringschätzung preisgegeben. Was Wunder auch, daß wir an den philosophischen Bestrebungen und Strömungen dieses Jahrhunderts keinen so lebhaften Anteil nehmen! Wir leben jetzt in der Zeit des Kritizismus und Positivismus und interessieren uns nicht mehr für die dogmatisch-rationalistische Denkweise jener Periode. Die Parole der Gegenwart heißt noch immer: "Zurück zu Kant!" Nicht mit Unrecht sagt daher BENNO ERDMANN in seinem Werk "Martin Knutzen und seine Zeit", Seite 2: "Die neu aufgehende Sonne KANTs blendet uns so sehr, daß wir vergessen, daß er selbst für nahezu dreißig Jahre seiner Entwicklung unter dem unmittelbarsten Einfluß jener Bestrebungen steht." Und doch ist jenes von uns so oft verkannte Zeitalter ein Zeitalter rührigster Strebsamkeit und Werdelust. In den letzten Jahrzehnten des siebzehnten und in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts liegen die Keime, die sich in KANT, GOETHE und SCHILLER zur vollsten Blüte entwickelten. Die Aufgabe dieser Arbeit soll es sein, uns einen Mann jenes Zeitalters vor Augen zu stellen, nämlich den Philosophen ALEXANDER GOTTLIEB BAUMGARTEN. In ihm spiegeln sich alle Geistesströmungen seines Zeitalters wider, er ist so recht ein Kind seines Jahrhunderts. Wollen wir daher seine Bedeutung ganz würdigen, so müssen wir zunächst auf die Geistesströmungen seiner Zeit näher eingehen: auf den Pietismus und auf den Kampf des Pietismus mit der WOLFFischen Philosophie. Denn in der Person unseres Philosophen findet eine Versöhnung dieser beiden Richtungen statt. KANT nennt in seiner Habilitationsschrift "Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio" (1) BAUMGARTEN "metaphysicorum coryphaeum". Er legte die Metaphysik, die Ethik und die  initia philosophiae practicae primae  BAUMGARTENs seinen Vorlesungen zugrunde. Wir sehen daraus, welch großes Ansehen er in den Augen seiner Zeitgenossen hatte. Er hat die Mahnung seines sterbenden Vaters:  filii sic agite, ut vobis multi, vos ne multis indigeatis  [An den Kindern liegt es, wie euch die Menge würdigen wird. - wp] zur Ausführung gebracht. Wir haben also ein doppeltes Interesse an der Person des Philosophen A. G. BAUMGARTEN: 1. seine Person und Bedeutung im Licht seines Jahrhunderts, 2. seine Beziehung zu KANT.

Ehe wir nun die Persönlichkeit BAUMGARTENs schildern, wollen wir zunächst den Pietismus und dessen Kampf mit der WOLFFischen Philosophie in kurzen Zügen darlegen.


Erstes Kapitel
Der Pietismus und dessen Kampf
mit der Wolffischen Philosophie

Die starre Äußerlichkeit der orthodoxen Theologie, der trostlose soziale und sittliche Zustand Deutschlands seit dem dreißigjährigen Krieg, der ertötende Druck des dogmatischen Formelglaubens hatte allmählich im ganzen Volk das Verlangen nach reinerer und gemütstieferer Religiosität erzeugt. Es entstand der sogenannte Pietismus. Der Hauptträger dieser religiösen Strömung war PHILIPP JAKOB SPENER (1635 - 1705). Er gedachte, gegen das Äußerliche der orthodoxen Theologen "ein Kirchlein in der Kirche zu zimmern". Die orthdoxe Theologie beschäftigte sich fast ausschließlich mit dogmatischen Streitigkeiten. Waren doch an einigen Universitäten eigene Professuren für theologische Polemik eingesetzt. "Man bekümmerte sich", wie CALIXT in seiner Einleitung zu den Akten des Thorner Religionsgesprächs sagt, "weit weniger darum, wie Gott von Ewigkeit her, als er die Menschen erwählt, gehandelt, als um das, was die Menschen nach der deutlichen Vorschrift Gottes tun sollen". Der Pietismus dagegen rang nach sittlicher Läuterung und hielt Einkehr bei sich selbst. Neben SPENER sind noch besonders als Verbreiter dieser religiösen Stimmung AUGUST HERMANN FRANCKE, PAUL ANTON und J. C. SCHADE zu nennen. Sie gründeten in Leipzig 1686 ein  collegium philobiblicum  für erbauliche Bibelauslegung. Als sie von Leipzig vertrieben wurden, wandten sich A. H. FRANCKE und PAUL ANTON nach der 1694 vom Kurfürsten von Brandenburg FRIEDRICH III. errichteten Universität Halle. Besondere Verdienst um diese junge Universität hat sich CHRISTIAN THOMASIUS erworben, der 1690 die Universität Leipzig und ganz Sachsen verlassen mußte und in Halle, noch Ritterakademie, eine Zufluchtsstätte fand. Im Verein mit dem Kanzler VEIT LUDWIG von SECKENDORF brachte er es dahin, daß auch - wie schon erwähnt - A. H. FRANCKE, PAUL ANTON und BREITHAUPT - deren Schüler A. G. BAUMGARTEN war - nach Halle berufen wurden. Halle wurde bald eine der angesehensten Universitäten Deutschlands. Hier war der Sitz des Pietismus. Von hier aus verbreitete sich der Pietismus unter Bürgern und Bauern, sogar unter dem Adel, soweit er nicht der französischen Sittenverderbnis unterlegen war. In Halle gründete GRAF von ZINZENDORF mit vielen Standesgenossen und Bürgersöhnen gleicher Gesinnung eine fromme Gesellschaft, den "Orden zum Senfkorn". Der Zweck dieser Gesellschaft war "die Erkenntnis Gottes und unseres Heilandes und das Heil der armen Menschen". Besonders stand das Hallesche Waisenhaus, wo BAUMGARTEN zuerst studierte und später lehrte, unter dem Einfluß des Pietismus. Dieses Waisenhaus war 1698 von A. H. FRANCKE gegründet und seit 1707 mit einem Lehrerseminar verbunden worden. In diesem Waisenhas herrschte ein streng pietistischer Geist, der besonders durch die Reden und Schriften FRANCKEs gepflegt wurde. Die Pflege der Religion stand im Unterricht oben an, was schon die vielen Betstunden und die Eröffnung der Lehrstunden durch Gebete erkennen lassen. Aus den paränetischen [ermahnenden - wp] Vorlesungen FRANCKEs (Vorträge für angehende Studierende, die im Waisenhaus gehalten wurden) erhellt sich dieses recht gut. So heißt es in einer derselben: "Man versuche es ein Vierteljahr, verwende täglich in paar Stunden aufs Gebet, suche in demselben alle Dinge aus dem Sinn zu schlagen und beiseite zu setzen und bloß im Gebet und Flehen zu Gott, in der Prüfung seines Herzens und in der Betrachtung des göttlichen Wortes anzuhalten, damit das Herz mit seinem Schöpfer und Heiland vereinigt werden möge."

Es ist nicht zu leugnen, daß der Pietismus für die damalige Zeit viel Gutes gewirkt hat. Er hat für die innere Reinigung des Menschen, für das sittliche Ideal mehr getan als die orthodoxe Theologie. Jedoch eins hatten die Pietisten mit den alten orthodoxen Theologen gemeinsam: den Haß gegen die Philosophie, besonders gegen die neuere. Schon LEIBNIZ hatte diesen Haß fühlen müssen. Sehr treffend sagt daher KUNO FISCHER in seiner "Geschichte der neueren Philosophie" (Bd. 2, 3. Auflage, 1889, Seite 17): "Bei den Protestanten galt LEIBNIZ bald für einen Konvertiten des Katholizismus, bald für einen Freund der Jesuiten, und die Jesuiten nannten ihn einen Indifferentisten, zuletzt kamen beide überein, daß LEIBNIZ ein Ungläubiger sei. Noch im Tode verfolgte ihn der erboste Sektengeist. Er wurde ohne Ehrenbezeugung begraben, kein Geistlicher folgte seinem Sarg."

Auch an der Universität Halle brach ein heftiger Streit des Pietismus mit der Philosophie aus. Nicht mit Unrecht hat man diesen Kampf, der mit dem Sieg der Philosophie endete, den Kampf zwischen dem alten und neuen Zeitalter genannt. Hauptvertreter der Philosophie in Halle, überhaupt in ganz Deutschland, war damals CHRISTIAN WOLFF. (2) Er - der Lehrer der Deutschen, um mit HEGEL zu sprechen - war vertrut mit der Philosophie des CARTESIUS, MALEBRANCHE, LOCKE, GROTIUS und besonders LEIBNIZ. Auf Empfehlung LEIBNIZ' kam er 1706 nach Halle. Wenn WOLFF auch keine schöpferische Kraft in der Philosophie bedeutet, so hat er sich doch große Verdienste um die deutsche Philosophie erworben, besonders dadurch, daß er die deutsche Sprache in vielen philosophischen Schriften verwertet hat, eine deutsche philosophische Terminologie geschaffen und die Gedanken der LEIBNIZschen Philosophie in ein festes System gebracht hat. Diese Bestrebungen sind es, welche das Ansehen WOLFFs begründet und seiner Philosophie Eintritt in weite Kreise verschafft haben. In manchen Punkten weicht er von LEIBNIZ ab; seine Philosophie neigt mehr zum Eklektizismus. LUDOVICI nennt mit Recht die Scholastik und die LEIBNIZsche Philosophie als die Quellen der WOLFFischen.

Mit dem Ansehen WOLFFs wuchs aber auch der Haß der Theologen, welche in seinen Schriften manche versteckte und offene Angriffe gegen die Religion sahen. WOLFF hätte, so glaubten die Theologen, eine andere Ansicht von den Wunderwerken Gottes. In der Lehre von den Monaden und der prästabilierten Harmonie glaubte man eine Leugnung der menschlichen Freiheit zu erblicken. Man sah überhaupt durch WOLFFs Lehre die Religion und die Frömmigkeit der studierenden Jugend bedroht. In einem späteren Brief FRANCKEs heißt es: "In den Gemütern der WOLFFschen Schüler findet sich eine greulich Korruption, und diese entsetzlichen Verführungen sind selbst in das Hallesche Waisenhaus gedrungen" (LUDOVICI, Entwurf einer Historie der Wolffischen Philosophie, 2. Auflage, Seite 253).

Es bedurfte nur eines geringen Anlasses, um den Funken, der noch unter der Asche glimmte, zu hellen Flammen auflodern zu lassen. Und dieser Anlaß zeigte sich bald, nämlich bei der Übernahme des Prorektorats seitens WOLFF im Jahre 1721. Damals hielt WOLFF eine Rede über die Moral der Chinesen (oratio de Sinarum philosophia practica), in der er den Gedanken aussprach, daß auch Menschen ohne christliche Offenbarung die reine Sittlichkeit haben könnten. JUSTUS BREITHAUPT erhob sofort auf der Kanzel die Stimme gegen ihn und zwischen WOLFF und dem damaligen Dekan der theologischen Fakultät, A. H. FRANCKE, entspann sich eine scharfe schriftliche Erörterung. DANIEL STRÄHLER war der erste, der öffentlich mit einer Schrift gegen WOLFF auftrat unter dem Titel:
    "Prüfung der vernünftigen Gedanken des Herrn Hofrat Wolffens von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt, worinnen des Herrn Autoris Schlüsse examiniert, die Unrichtigkeit derselben gezeigt, dessen Irrtümer an den Tag gelegt und die metaphysischen, sowie imgleichen die damit verknüpften moralischen Wahrheiten in ein größeres Licht gesetzt werden."
Gegen ihn ging WOLFF sowohl in seinen Lehrstunden als auch in einer öffentlichen Schrift vor. Er reichte sogar eine Klage gegen STRÄHLER beim akademischen Senat ein, weil dieser ihn mit Nennung seines Namens angegriffen habe, was nach königlichem Befehl verboten war. Die theologische Fakultät griff jetzt mit aller Heftigkeit in den Streit ein. LANGE verfaßte eine Denkschrift gegen WOLFF, welcher ein ähnliches Bedenken einiger Professoren der philosophischen Fakultät begegeben war. Man beschuldigte WOLFF hierin der stoischen und spinozistischen Fatalität und der Begünstigung des Atheismus. Ja, man ging so weit, den Preußenkönig FRIEDRICH WILHELM I. von der Gefährlichkeit dieser Philosophie zu überzeugen, indem man ihm vorstellte, daß nach der WOLFFischen Lehre, "wenn einige große Grenadiere in Potsdam durchgingen, es Bestimmung des Fatums sei, daß sie durchgehen müßten, daß sie dieser Notwendigkeit nicht widerstehen könnten, und daß der König unrecht tue, wenn er sie bestrafen wollte".

Das wirkte sehr auf den König, denn man hatte seine schwache Seite zu fassen gewußt. Sogleich am 8. November 1723 erschien jene Kabinettsorder, nach welcher WOLFF bei Strafe des Stranges Halle, überhaupt ganz Preußen, nach 48 Stunden räumen mußte. WOLFF verließ schon nach 12 Stunden Halle und fand begeisterte Aufnahme in Marburg, wohin ihn der Landgraf KARL von HESSEN schon vor der Katastrophe berufen hatte. Mit WOLFF wurde auch dessen Schüler THÜMMING des Landes verwiesen. Der Schicksalsschlag WOLFFs erschien den Theologen anfangs auch wohl zu hart und zu grausam. Doch bald erholte man sich von dem Schrecken, und FRANCKE selbst bekennt in einem Brief vom Jahr 1726, er könne nur mit großer Bewegung und zum Lobe Gottes die Stelle ansehen, wo er auf seinen Knieen Gott um die Erlösung aus dieser großen Macht der Finsternis angerufen hatte. Mit dem Weichen WOLFFs war der Kampf nicht zu Ende. Gerade jetzt entbrannte er auf allen Punkten. Die Universitäten Tübingen und Jena schlossen sich dem Verdammungsurteil an, welches über WOLFF verhängt war. Das Gutachten der Universität Jena, das LUDOVICI uns mitteilt, enthält 27 Punkte aus der Philosophie WOLFFs, die gegen die Religion verstoßen sollten. Am 13. Mai 1727 erließ der preußische König neue Befehle, nach welchen ausdrücklich die metaphysischen und moralischen Schriften WOLFFs bei lebenslänglicher Karrenstrafe [im Steinbruch- wp] verboten waren. Wie heftig der Streit tobte, geht aus den Werken LUDOVICIs (3) hervor, der berichtet, daß bis zum Jahre 1737 weit über 200 Schriften teils für, teils gegen WOLFF erschienen.

Eine Schrift verdient hier erwähnt zu werden, die so recht zeigt, wie die Gegner mit WOLFF zu Gericht gingen. Es ist die heftige Schrift JOHANN ANDREAS WALTERs (4) gegen die WOLFFische Philosophie. Schon der Titel ist bezeichnend:
    "Die unbegreifliche Regierung Gottes, die er, der Herr, nur allein an den Menschen zur Erwählung des Guten und Verwerfung des Bösen beweist, laut erlesenster Sprüche heiliger Schrift im Pförtischen Zirkular-Predigten andächtig zu erwägen und allenfalls nach Vermögen den offenbaren Ausdruck der heutigen Satanischen Verführungen in dem Abgrunde der Wolffisch prästabilierten Harmonie zu jedermanns Verabscheuung und Bewahrung jeder frommen Seele vorzulegen und aufzudecken."
Und geht man erst den Inhalt durch! Nirgends findet sich eine wirklich wissenschaftliche Darstellung oder Widerlegung der WOLFFischen Philosophie. Nur beißender Spott und grobe Beleidigungen bilden den Inhalt des Buches. So heißt es auf Seite 20:
    "Gott der allertreueste und allerfreieste Schöpfer, Regierer und Erhalter aller Dinge sehe doch drein und schelte den WOLFF, daß des Reißens ein Ende werde, zumal da, so lange die Welt gestanden hat, ein so gar greulicher und abscheulicher WOLFF die Herde CHRISTI nicht so angefallen, als eben die WOLFFische Philosophie besonders in dem Punkt  systemate Harmoniae praestabilitae  tut. So ein heimlicher, so ein verschmitzter, so ein schmeichelndes WOLFFs-Gift ist diese WOLFFische Philosophie, daß auch das allergesundeste Herz durch dessen Ausbreitung möchte in einige Ohnmacht versetzt werden."
Ferner heißt es am Schluß:
    "Ich schließe meine Gedanken so: eine WOLFFische Philosophie lesen ist irdisch und zufällig und daher gefährlich, solcher einigen Beifall geben ist menschlich und verführlich, dieselbe gar verehren und verteidigen ist Seelen stürzlich und teuflisch. Die ewige unerschaffene Weisheit bewahre alle Frommen vor der WOLFFischen Weisheit."
Gegen solche Geschütze hatten WOLFF und seine Anhänger einen schweren Stand. Doch auf Seiten WOLFFs standen tüchtige Leute, die die WOLFFische Philosophie viel sachlicher als die Feinde darlegten und sie wohl zu verteidigen wußten, so BILFINGER, SINCER, H. BAUMEISTER, CRAMER, MÖLLER und FLOTTWELL.

Nicht nur Gelehrte, nein auch das gewöhnliche Volk nahm an dem Streit zwischen WOLFF und den Pietisten teil. So berichtet LUDOVICI, daß auf seiten WOLFFs ein Schmiedemeister, auf seiten der Pietisten ein Gärtner stand.

WOLFF selbst erhielt viele Ehrenbezeugungen. Er wurde Ehrenmitglied der Akademie zu Paris und London und erhielt einen Ruf nach Petersburg und Schweden, den er jedoch ausschlug. Graf WIED-RUNKEL verordnete, daß alle Theologen seines Landes zwei Jahre Philosophie unter WOLFF hören sollten. Sogar in Halle selbst hatte WOLFF Anhänger, unter denen besonders SIEGMUND JACOB BAUMGARTEN - der ältere Bruder und Lehrer von A. G. BAUMGARTEN - zu nennen ist. Er war ordentliches Mitglied der theologischen Fakultät zu Halle und ein einflußreicher akademischer Lehrer. Selbst der König wurde WOLFF geneigter. Doch erst sein Sohn, der große Preußenkönig FRIEDRICH II., rief WOLFF 1740, ein Jahr, das die Morgenröte der philosophischen Denkfreiheit bezeichnet, nach Halle zurück.

Nachdem wir jetzt den Pietismus und dessen Kampf mit der WOLFFischen Philosophie betrachtet haben, können wir uns das Lebensbild A. G. BAUMGARTENs näher vor Augen führen. Die gegebenen Andeutungen setzen uns in den Stand, jetzt die geistige Entwicklung BAUMGARTENs, seinen Werdegang einzeln zu verfolgen.


Zweites Kapitel
Leben und Schriften A. G. Baumgartens (5)

ALEXANDER GOTTLIEB BAUMGARTEN wurde am 17. Juni 1714 in Berlin geboren. Sein Vater mit Namen JACOB war damals erster Garnisonprediger und später Prediger in der Gemeinde Friedrichswerder und in der Dorotheenstadt. Geboren war sein Vater zur Wolmirstädt im Magdeburgischen, hatte in Halle studiert und war von 1697 - 1701 Inspektor des königlichen Pädagogiums in Halle, dann Adjunkt der theologischen Fakultät daselbst und von 1703 an Pastor in Womirstädt. Seine Mutter ROSINA ELISABETH war eine geborene WIEDEMANN. Von seinen Brüdern war ALEXANDER GOTTLIEB der fünfte. Die Mutter verlor er scon im dritten Lebensjahr, und seine Erziehung übernahm die Großmutter mütterlicherseits ANNA BARBARA WIEDEMANN. Den Unterricht in der biblischen Geschichte erhielt er von seinem Vater, und sein ungefähr 3 Jahre älterer Bruder SAMUEL EUSEBIUS mußte auf Verlangen des kleinen ALEXANDER GOTTLIEB oft Stücke aus der Bibel in den Spielstunden erzählen. Den ersten Unterricht im Lateinischen erhielt er neben einem Hauslehrer namentlich von seinem ältesten Bruder SIEGMUND JACOB. Im achten Lebensjahr stand ALEXANDER GOTTLIEB trauernd an der Bahre seines Vaters, der seine Kinder als Waisen ohne Vermögen zurückließ. Auf dem Totenbett hatte der Vater verordnet, daß trotzdem seine Söhne keine Stipendien, keine Freitische und andere Wohltaten annehmen sollten. Alle seine Söhne - das war sein Wunsch und Wille - sollten in Halle studieren und sich dem Studium der Theologie widmen. Während seine beiden ältesten Brüder auf das Pädagogium in Halle kamen, blieb ALEXANDER GOTTLIEB unter der Fürsorge seiner Großmutter. Bald nahm sich des Knaben der Konsistorialrat und Probst zu St. Nikolai, MICHAEL ROLOF, an, ein Freund des verstorbenen Vaters. Durch die Vermittlung dieses Mannes durfte ALEXANDER GOTTLIEB an den Unterrichtsstunden M. CHRISTGAUs teilnehmen, die dieser als Hauslehrer den Söhnen des Hofrates KRAKAU erteilte. MARTIN CHRISTGAU ist der einflußreichste Lehrer der Knabenzeit A. G. BAUMGARTENs gewesen. Er besaß eine vorzügliche Kenntnis der lateinischen Dichtkunst und hatte eine große Gabe, seine Schüler in dieselbe mit Erfolg einzuführen. A. G. BAUMGARTEN faßte unter dem Einfluß dieses Mannes eine große Vorliebe für die lateinische Dichtkunst. Täglich soll er mehrere lateinische Verse gemacht und die Sonntagspredigten ins Lateinische übersetzt haben. Auch in der hebräischen Sprache erhielt er von CHRISTGAU einen gründlichen Unterricht. Zu Beginn des Jahres 1727 wurde CHRISTGAU Subrektor an der Schule zum grauen Kloster in Berlin, und BAUMGARTEN blieb auch hier sein Schüler. Im Herbst des Jahres 1727 begab sich BAUMGARTEN nach Halle und wurde von A. H. FRANCKE in das Hallesche Waisenhaus aufgenommen. Hier genoß er den Unterricht seines ältesten Bruders SIEGMUND JACOB, der dort Latein lehrte. Im Herbst 1730 wurde er an der Universität immatrikuliert. Außer der Theologie, die er bei BREITHAUPT, LANGE, ZIMMERMANN und A. H. FRANCKE hörte, studierte er eifrig Philologie unter MICHAELIS und SCHULTZE. Wir haben im vorigen Kapitel gesehen, wie es damals um die WOLFFische Philosophie in Halle stand. Sie war aus Halle verbannt. An der Spitze des Waisenhauses standen, wie wir im ersten Kapitel gehört haben, die ärgsten Feinde dieser Philosophie. Wie schwer, ja wie gefährlich mußte es für A. G. BAUMGARTEN sein, sich gerade jetzt mit der WOLFFischen Philosophie zu beschäftigen. Doch das über WOLFF ausgesprochene Verdammungsurteil konnte A. G. BAUMGARTEN nicht abhalten, sich in die Philosophie desselben zu vertiefen. Die ersten Grundbegriffe der Philosophie hatte ihm sein Bruder SIEGMUND JACOB beigebracht. Auch hatte er bei ihm eine Vorlesung über Politik gehört. Heimlich - denn es war verboten - las er die Schriften WOLFFs, zunächst dessen Anweisung, wie man seine Schriften lesen müsse. Auch verkehrte er viel mit Studenten, die in Jena WOLFFs Philosophie von dessen Anhänger gehört hatten. BAUMGARTEN hörte in Jena bei seinen mehrfachen Besuchen dann selbst Vorlesungen über WOLFFische Philosophie. Der Vorschlag WOLFFs, sich aus der Mathematik einen rechten Begriff von den Beweisen zu machen, fand bei A. G. BAUMGARTEN völlige Billigung. Zu diesem Zweck hörte er bei Professor OTTO Mathematik und las die mathematischen Werke WOLFFs mit vielem Fleiß. Wir sehen daraus, wie vielseitig seine Beschäftigung war. Er betrieb Theologie, Philosophie, Mathematik und alte Philologie. Auf Anraten seines Bruders erteilte er im Halleschen Waisenhaus Lehrstunden sowohl in Latein (lateinischer Dichtkunst) als auch in der Logik. Er legte zwar die Logik des HEINECCIUS seinen Unterrichtsstunden zugrunde, ergänzte jedoch dessen Lehrbuch in WOLFFischer Weise. Auch erteilte er einigen Studenten, die ihn darum gebeten hatten, Unterricht in der WOLFFischen Logik, natürlich in aller Heimlichkeit, um vor den Argusaugen eines LANGE und FRANCKE sicher zu sein. Auf den Rat seines Bruders und seiner Großmutter hin entschloß er sich, Dozent der Philosophie zu werden. Am 26. Februar 1735 hielt er die "disputatio chorographica inauguralis, notiones superi et inferi indeque adscensus et descensus in chorographiis sacris occurentes, evolvens" und erlangte dadurch die Magisterwürde. Da in diesem Jahr die WOLFFische Philosophie in Halle wieder Eingang gefunden hatte, so lehrte BAUMGARTEN die Logik WOLFFs. Durch seine Schrift "Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinentibus", die er im September 1735 veröffentlichte, erwarb er sich das Recht, öffentlich die Philosophie zu dozieren. Im Wintersemester 1735/36 hielt er eine Vorlesung über Metaphysik, auch las er noch über den ESAIAS und DANTZENs hebräische Grammatik. Sein großer Fleiß und seine vielen geistigen Anstrengungen schwächten seinen Körper derart, daß er zu seinem großen Schmerz im Herbst des Jahres 1736 sein akademisches Amt niederlegen und sich zur Genesung nach Berlin begeben mußte. Gegen Ende desselben Jahres jedoch kehrte er nach Halle zuürck und nahm hier seine Vorlesungen in großem Umfang wieder auf. Er las nacheinander natürliche Theologie, Logik, Metaphysik, Naturrecht, Ethik, auch Geschichte der Philosophie und die philosophische Enzyklopädie. Im Jahre 1737 wurde er außerordentlicher Professor, und um Weihnachten 1739 sollte er auf Befehl des Königs die erledigte Professur in Frankfurt an der Oder bekleiden. Doch sein pädagogisches Talent, seine tiefe und gründliche Gelehrsamkeit, sein freundliches und liebevolles Wesen hatten ihn in Halle so beliebt gemacht, daß die Studenten eine Bittschrift an den König einreichten, die bewirkte, daß BAUMGARTEN noch bis Ostern 1740 in Halle bleiben durfte. Mit dem Regierungsantritt FRIEDRICHs des Großen begann er seine neue akademische Laufbahn in Frankfurt, die hier ebenso fruchtbringend war wie in Halle. Er las über alle Teile der Philosophie und zum ersten Mal auch über die Ästhetik. Selbst Theologie, nämlich die Dogmatik, dozierte er in Frankfurt. Verheiratet war BAUMGARTEN zweimal, zuerst mit der Tochter des Hofrat ALEMANN in Berlin, die aber schon im vierten Jahr ihrer überaus glücklichen Ehe starb. 1748 verheiratete er sich mit der jüngsten Tochter des Amtmannes JOHANN JACOB ALBINUS in Bischofssee. Diese Ehe, die ebenso glücklich war wie die erste, war mit drei Kindern gesegnet, von denen das jüngste aber gleich nach der Geburt starb.

Groß war BAUMGARTEN als akademischer Lehrer, und sein Name war weithin bekannt. Seine letzten Lebensjahre waren durch Leiden aller Art getrübt. Im August des Jahres 1751 stellte sich bei ihm Bluthusten ein, und seit dieser Zeit hat er seine Gesundheit nie wieder völlig erlangt. Dennoch verwaltete er von 1752 - 1753 das Rektorat und hielt 1755 wieder seine Vorlesungen. Doch sein Körper war allmählich so geschwächt, daß er seine Lehrtätigkeit aufgeben mußte. Zu seiner eigenen Krankheit gesellten sich noch andere Unglücksfälle: die Krankheit seiner Familie, der Verlust seines Vermögens bei der Einäscherung der Stadt Küstrin durch die Russen. Doch all das konnte ihn nicht kleinmütig und verzagt machen. Denn demutsvoll und mit gläubigen Augen blickte er auf zu Gott und fand Trost in der heiligen Schrift, die er täglich las. Mit dem Frühjahr 1762 verschlimmert sich seine Krankheit von Tag zu Tag. In der Nacht auf den 26. und 27. Mai 1762 erfolgte der Tod. Am 28. Mai wurde er mit allen akademischen Ehrenbezeugungen begraben.

Wir haben gesehen, daß BAUMGARTEN als akademischer Lehrer eine überaus große Tätigkeit entfaltet hat. Nicht minder groß ist seine schriftstellerische Tätigkeit gewesen. Seine erste Schrift, die zugleich seine Habilitationsschrift war, die "Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinentibus" aus dem Jahr 1735 haben wir bereits erwähnt. Sie ist ästhetischen Inhaltes. Im Jahre 1739 erschien seine "Metaphysica". Sie hat bis zu BAUMGARTENs Tod vier Auflagen erlebt. In der vierten Auflage hat er einzelne lateinische Ausdrücke in Anmerkungen unter den einzelnen Paragraphen ins Deutsche übersetzt. Im Jahre 1763 wurde sie von BAUMGARTENs Schüler G. F. MEIER verdeutscht. G. F. MEIER sagt im Vorwort, daß BAUMGARTEN selbst beabsichtigt hätte, sie ins Deutsche zu übersetzen, daß aber Krankheit und Tod ihn daran gehindert hätten. Die "Metaphysica" ist aus Diktaten, die BAUMGARTEN den Schülern in den Vorlesungen gab, entstanden. Sie war ein Buch, das damals von der studierenden Jugend viel benutzt wurde. Darum sagt auch G. F. MEIER im Vorwort der eben erwähnten Übersetzung: "Ich habe also weiter nichts zu sagen, um diese Übersetzung meinen Zuhörern zu empfehlen." Im Jahre 1740 erschien die "Ethica philosophica". Zu Beginn des Jahres 1762 erschien die dritte Auflage, in der BAUMGARTEN viele lateinische Termini wie in der "Metaphysica" verdeutschte. Es folgte dann die "Aesthetica", deren erster Teil 1750 und deren zweiter Teil 1758 erschien. Das Jahr 1760 - in diesem Jahr wurde BAUMGARTENs Krankheit immer schlimmer - brachte ein Werk über die allgemeine praktische Philosophie unter dem Titel "Initia philosophicae practicae primae". Auch eine Logik hat BAUMGARTEN verfaßt: "Acroasis logica in Chr. Wolff 1761". Sie ist entstandn aus den Diktaten zu WOLFFs Logik. Sie wurde von Professor JOHANN GOTTLIEB TOELLNER zu Frankfurt / Oder im Jahre 1765 wieder aufgelegt. Das Naturrecht hat BAUMGARTEN auch behandelt: "Dictata iuris naturae ad Koeleri exercitationes iuris naturalis." Dieses Buch ist jedoch unvollendet geblieben. Auch eine "Sciagraphie encyclopaediae philosophicae" und die "philosophia generalis" ist uns erhalten. Diese beiden Werke waren bis zu seinem Tod noch nicht ediert. Sie wurden 1769 von JOHANN CHRISTIAN FÖRSTER herausgegeben. Da zur Zeit BAUMGARTENs die moralischen Wochenblätter großen Beifall fanden, so entschloß sich BAUMGARTEN, ein theoretisches philosophisches Wochenblatt zu gründen. Diese Blätter betitelten sich: "Philosophische Briefe von Aletheophilus", Frankfurt und Leipzig, 1741. Mit dem 26. Stück mußte BAUMGARTEN jedoch aufhören, da sie keinen Absatz fanden, was bei der tiefen und kurzen Schreibart BAUMGARTENs nicht zu verwundern ist.

Es ist nun unsere Aufgabe, BAUMGARTENs philosophischen Standpunkt näher ins Auge zu fassen.


Drittes Kapitel
Baumgartens Stellung und Bedeutung
in der Leibniz-Wolffischen Philosophie

BAUMGARTEN hat bisher in der Geschichte der Philosophie nicht die ihm gebührende Beachtung gefunden. Viele philosophische Geschichtswerke nennen bloß seinen Namen oder erwähnen ihn nur als den Begründer der deutschen Ästhetik. In den anderen philosophischen Disziplinen wird er einfach als WOLFFianer bezeichnet, so RITTER "Geschichte der Philosophie", 12. Band. Dort heißt es Seite 551: "Seine Werke verleugnen ihre Abhängigkeit von LEIBNIZ, WOLFF und BILFINGER ebensowenig als die mäßigen Anfordernungen, welche er an den Verstand, die Bildung, ja selbst an den Fleiß seiner Schüler machte. Wir würden seine Untersuchungen übergehen können, hätte er nicht einen Gedanken - gemeint ist die Ästhetik - angeregt. Am besten hat ihn meines Erachtens J. E. ERDMANN "Versuch einer wissenschaftlichen Darstellung der Geschichte der neueren Philosophie", 2. Band, 2. Abteilung dargestellt. Doch auch hier erscheint er nur in sehr allgemeinen Zügen, so daß wir nicht imstande sind, uns ein treues Bild seines wissenschaftlichen Charakters zu machen. BAUMGARTEN ist nicht ein bloßer "Nachtreter" WOLFFs gewesen. Sein Bildungsgang und der im ersten Kapitel dargelegte Streit, sein Aufenthalt im Halleschen Waisenhaus haben ihn zu einem selbständigen Schüler WOLFFs gemacht, der sich vor anderen am meisten durch tiefes Denken ausgezeichnet hat. Wir werden sehen, daß weder WOLFF noch BILFINGER die Gedanken LEIBNIZ' - "des Dichters in der Metaphysik" nach HERDER - so tief gefaßt und in sich verarbeitet haben. WOLFF gesteht dieses selbst (WUTTKE, Wolffs Selbstbiographie, Leipzig 1841, Seite 82): "daß sein System schon da aufhöre, wo das LEIBNIZsche erst anfange". Das Werk BAUMGARTENs, das hier in Betracht kommt, ist die Metaphysik. Um BAUMGARTENs Stellung und Bedeutung in der LEIBNIZ-WOLFFischen Philosophie zu würdigen, müssen wir in kurzen Zügen LEIBNIZens Lehre und deren Fortbildung durch WOLFF und seine Schule betrachten.

Die beiden philosophischen Grundgedanken LEIBNIZens sind die Monadenlehre und die Lehre von der prästabilierten Harmonie. LEIBNIZ hatte gelehrt, daß alle Dinge aus Monaden beständen. Der Monade kommt kein Raum, keine Zeit zu. Sie hat keine Figur, keine Größe, sind also nicht äußerlich, sondern innerlich verschieden. Jede Monade hat eine  vis passiva  aus auch eine  vis activa,  beide sind ursprünglich. Die  vis passiva  bezeichnet LEIBNIZ als das Prinzip der Körperlichkeit.  Jede  Monade hat  Vorstellungskraft,  mittels derer die einzelnen Monaden das Universum entweder nur dunkel oder auch in ganz bewußten Vorstellungen widerspiegeln. Wie ist nun der Zusammenhang der einzelnen Monaden? Da lehrt LEIBNIZ, es gibt keine Wechselwirkung (6) zwischen den einzelnen Monaden. "Die Monaden haben keine Fenster, durch welche irgendetwas in sie hineindringen oder heraustreten könnte." Gott hat die Monade so erschaffen, daß sie dem Prinzip der Kontinuität mit voller Selbständigkeit folgt, und daß sie mit allen anderen in genauester Übereinstimmung steht. Dies nennt LEIBNIZ die prästabilierte Harmonie. Was im allgemeinen gilt, das auch auch von Leib und Seele. Leib und Seele wirken nicht aufeinander, sondern auch hier gilt das System der prästabilierten Harmnie, die, wie LEIBNIZ sagt, "mehr ist als eine Hypothese". Sie ist darauf begründet, daß alle Monaden bis auf die niedrigsten Vorstellungskraft haben. So heißt es in den  Nouveaux essais,  Seite 197 / 98: "C'est aussi par les perceptions insensibles que j'expliqe cette admirable harmonie préétablie de l'ame et du corps et même de toutes les monades ou substances simples." [Weder die bewundernswerte prästabilierte Harmonie von Körper und Seele, noch alle einfachen Substanzen oder Monaden erklären sich aus der Wahrnehmung. - wp] WOLFF veränderte manche Gedanken LEIBNIZens. Die Vorstellungskraft aller Monaden - diese bildeten ja doch bei LEIBNIZ den Schwerpunkt der ganzen Lehre - läßt WOLFF fallen. Für Monaden gebraucht WOLFF den Ausdruck "atomi naturae". Diese "atomi naturae" haben Kräfte; aber diese Kräfte bestehen nicht im Vorstellen, sondern es sind Kräfte, deren Natur uns unbekannt ist. "Die prästabilierte Harmonie", so sagt WOLFF in der Kosmologie, "ist eine Hypothese." In der Psychologie bei der Frage nach dem Verhältnis von Leib und Seele läßt WOLFF die prästabilierte Harmonie gelten. Aber es wird auch hier eine nebensächliche Bedeutung zugeschrieben. Trotz der vorsichtigen und schwankenden Stellungnahme WOLFFs zur prästabilierten Harmonie wurde die Frage über das Verhältnis von Leib und Seele in der damaligen Zeit eine sehr brennende. Diese Frage ist uralt und auch jetzt noch nicht entschieden, und das Verhältnis von Leib und Seele wird wohl immer ein "Ignoramus et ignorabimus" [Wir wissen es nicht und werden es nicht wissen. - wp] bleiben. Wir wollen diese Frage zum besseren Verständnis kurz historisch betrachten. Die aristotelische Scholastik hatte sich dahin ausgesprochen, daß die Seele Bewegungen des Körpers und umgekehrt die Bewegungen des Körpers Gedanken in der Seele erzeugen können. Seele und Körper sind innig miteinander verbunden. Diesen realen Einfluß nannte man "influxus physicus" [Wechselwirkung zwischen Leib und Seele, wp]. Bei näherer Betrachtung dieses realen Einflusses des Geistigen auf das Körperliche und umgekehrt entschieden sich viele für die Transmissionstheorie, die behauptet, daß sich abgelöste Teilchen einer Substanz in die andere überfließen, z. B. Teilchen von einem Haus als  species sensibiles  lösen und durch den Sehnerve als  species intellegibilis  in die Seele dringen. Diese grobe materialistische Ansicht erlitt durch CARTESIUS den ersten Stoß, der Leib und Seele völlig trennte als zwei für sich bestehende Substanzen. SPINOZA nahm nur  eine  unendliche Substanz an, die zwei verschiedene Attribute - wenigstens erkennbare - Denken und Ausdehnung, Seele und Leib hatte. Es entwickelte sich somit der Parallelismus. Durch GEULINCX kam der Okkasionalismus zur Geltung, jene Meinung, wonach Gott, die außerweltliche Substanz, beständig durch unmittelbares Eingreifen Seele und Leib zusammen stimmt. Gegen diese Theorie trat besonders LEIBNIZ auf, weil Gott dem Okkasionalismus entsprechend immerfort Wunder wirken müsse. Er nahm deshalb die vorher bestimmte Übereinstimmung, die "prästabilierte Harmonie" an. Um diese Theorie entbrannte bald ein heftiger Streit. Der erste, der gegen die prästabilierte Harmonie kämpfte, war der Canonicus FOUCHER aus Dijon, dann der Benediktiner LAMY, der Jesuit TOURNEMINE, BAYLE, ISAAC NEWTON, SAMUEL CLARKE und STAHL. Also sowohl vom theologischen als auch naturwissenschaftlichen und philosophischen Standpunkt erhoben sich ernste Bedenken gegen die prästabilierte Harmonie. Als nun WOLFF 1720 in seiner Schrift "Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt" bei der Frage über das Verhältnis von Leib und Seele sich für die prästabilierte Harmonie entschied, da entbrannte jener Streit um die prästabilierte Harmonie von neuem. Diesen Streit will BENNO ERDMANN in seinem Werk "Martin Knutzen und seine Zeit", Seite 64f, in zwei Perioden einteilen, die erste von 1720 - 1724, die andere von 1724 - 1732. In der ersten Periode hat es nach B. ERDMANN den Anschein, als ob die prästabilierte Harmonie zur unbedingten Herrschaft gelangt sei, während in der zweiten Periode der  influxus physicus  immer mehr durchdrang. Diese Einteilung ist viel zu gewaltsam, und philosophische Ideen und Richtungen lassen sich niemals - meines Erachtens wenigstens - in so enge Perioden einzwängen. Andererseits ist bei näherer Betrachtung dieses Streits die oben genannte Behauptung, in der ersten Periode sei die prästabilierte Harmonie zur unbedingten Herrschaft gelangt, während in der zweiten Periode der "influxus physicus" die Oberhand gewonnen hätte, hinfällig. (7) So sagt BILFINGER in seinem Vorwort der "commentatio hypothetica" 1723, er könne sich auf wenig Freunde der prästabilierten Harmonie berufen. LANGE, der Führer der Pietisten, hatte im Jahre 1723 drei Schriften gegen WOLFF, bzw. gegen die prästabilierte Harmonie herausgegeben. Der Leipziger Professor MÜLLER verwarf in einer Streitschrift aus dem Jahre 1722 die prästabilierte Harmonie. Auch Professor HOLLMANN in Wittenberg bekämpfte in zwei Dissertationen aus dem Jahre 1723 und 1724 dieselbe. Mit dem Jahr 1724 trat auch kein besonderer Umschwung ein. Denn nach diesem Jahr treten bedeutende Männer, wie BILFINGER, mit seinen Schriften aus den Jahren 1725, 1726, 1727, THÜMMIG, JOHANN BILLEBIUS in Wittenberg mit großer Wärme für die prästabilierte Harmonie ein. Der eben erwähnte Professor HOLLMANN wurde 1727 aus einem Feind ein Anhänger der prästabilierten Harmonie. Mit dem Jahr 1732 war der Streit noch nicht beendet, wenn auch wenig in diesem Jahre über die prästabilierte Harmonie geschrieben ist.

Wir haben eben angedeutet, daß im Streit um die prästabilierte Harmonie BILFINGER eine große Rolle spielte. BILFINGER stand zwar anfangs in seiner "Dissertatio de harmonia praestabilita" 1721 und in der "Commentatio hypothetica" 1723 mehr auf dem Boden LEIBNIZens als WOLFF selbst. In diesen Werken nimmt BILFINGER noch die Vorstellungskraft  aller  Monaden an. Doch in seinem philosophischen Hauptwerk "Dilucidationes philosophicae de Deo, anima humana, mundo et generalibilus rerum affectionibus" 1725 gibt er nicht mehr zu, daß alle Monaden Vorstellungskraft haben. Selbst mit dem Namen "Monade" ist er vorsichtig; nicht jede Monade spiegelt die ganze Welt in sich. Auch die prästabilierte Harmonie, obwohl er sie viel schärfer verteidigt als WOLFF selbst, will er nicht in ganzem Umfang gelten lassen, sondern will sie nur wie WOLFF auf Leib und Seele bezogen wissen. MARTIN KNUTZEN, dem BENNO ERDMANN ein Denkmal gesetzt hat, will von der prästabilierten Harmonie nichts wissen und verteidigt in seinem Werk "systema causarum" 1735 mit aller Entschiedenheit den "influxus physicus". BAUMGARTEN bringt in seiner Metaphysik aus dem Jahr 1739 die prästabilierte Harmonie und die Vorstellungskraft  aller  Monaden, wie LEIBNIZ sie gelehrt hatte, wieder zu Ansehen. Eine ausführliche Darlegung seiner Lehre wird und das zeigen.

Die Welt, (8) so lehrt BAUMGARTEN, ist ein zusammengesetztes Ding. Die einzelnen Teile können nicht lauter Akzidenzien sein. Denn dann müßten sie entweder in der unendlichen Substanz oder in einer endlichen wirklich sein. Beides ist unmöglich: ersteres, weil die Welt selbst  endlich  ist und also nicht die Wesenheit einer  unendlichen  Substanz ausdrücken kann, letzteres, weil eine zusammengesetzte Substanz nicht anders wirklich sein kann als durch den Inbegriff vieler anderer Substanzen, die außer einander wirklich sind. Die Welt ist also aus vielen endlichen Substanzen zusammengesetzt. Die Substanzen nennt BAUMGARTEN Monaden. Die Welt besteht also aus vielen endlichen Monaden. Die Monaden dieser Welt sind, weil sie keinen Widerspruch in sich enthalten, möglich und darum auch verknüpft, weil alles Mögliche verknüpft ist, und zwar in einer doppelten Art: 1. mit seinem Grund, der apriori erkannt werden kann, und 2. mit seiner Folge, die a posteriori (9) erkannt werden kann. Die Monaden sind nicht ausgedehnt, unterscheiden sich also nicht durch Figur und Masse, sie erfüllen einzelne keinen Raum, sondern nur, wenn sie zusammengesetzt werden. Die Monade ist also nicht äußerlich, sondern nur innerlich veränderlich. Sie sind teils einander ähnlich und gleich, teils unähnlich und ungleich; sie unterscheiden sich aber nur innerlich. Die Monade ist eine Kraft im engeren Verstand, sie hat aber Schranken ihrer Kräfte, d. h. keine Monade erreicht den größten Grad an Realität. Außerdem hat sie auch das metaphysische Übel, d. h. sie hat Unvollkommenheiten. Weil die Monaden einfach sind, so sind sie Punkte, aber keine mathematischen. Die Monade ist undurchdringlich, weil sie mit irgendeiner anderen Monade  nicht zugleich  an demselben Ort sein kann. Alle Monaden haben Vorstellungskräfte. Es können aus jeder einzelnen Monade alle anderen erkannt werden. Sie sind also "tätige Spiegel" der Welt, "kleine Welten", sie sind mit einer "Kraft begabt, sich ihre Welt vorzustellen". Für die Vorstellungskraft der Monaden gibt BAUMGARTEN folgenden Beweis. Alle Monaden dieser Welt sind, wie oben gesagt, allgemein miteinander verknüpft. Es gilt hier das  principium utrimque connexorum a parte ante et a parte post  [Grundsatz der wechselseitigen Verbindung vorher und nachher - wp]. Zu diesem Prinzip war BAUMGARTEN gekommen, indem er zum Satz des zureichenden Grundes noch den  Satz des Gegründeten  hinzufügt und ihn mit dem Satz des zureichenden Grundes verbindet. Jede einzelne Monade ist der Grund oder die Folge einer jeden anderen oder auch beides zugleich. Eine jede Folge aber ist der "Erkenntnisgrund ihres Grundes". Es können also aus jeder Monade alle anderen erkannt werden. Sie sind also in der Tat "tätige Spiegel" der Welt. Einige Monaden sind sich dieser Vorstellungskraft wenigstens teilweise bewußt, andere nicht. Die letzteren nennt BAUMGARTEN "monades nudae, sopitae". Die andern sind verständige Substanzen; sie haben Verstand (intellectus strictius dictus). Hieraus folgt, daß die Monade nur graduell verschieden sind.

Durch die Wiederaufnahme der Monaden als vorstellender Kräfte gewinnt BAUMGARTEN wieder eine feste Grundlage für die prästabilierte Harmonie, die bei ihm auch die "dominierende Stellung" im System wiedergewinnt. Sie nimmt ein besonderes Kapitel (commercium substantiarum mundi) in der Kosmologie ein. Wir haben oben schon gesehen, daß unter den Monaden eine allgemeine Verknüpfung herrscht. Da die Monaden gegenseitig ihren Ort bestimmen, so stehen sie in einer Wechselwirkung. Diese Wechselwirkung ist entweder ideal oder real. Bei der Erklärung des Zusammenhangs der Monaden entscheidet sich BAUMGARTEN für die prästabilierte Harmonie. Diese ist, so lehrt er dann weiter, "der idealistische Einfluß aller Substanzen der Welt ineinander". Was ist nun ein idealistischer Einfluß? BAUMGARTEN unterscheidet, wie eben schon bemerkt, deutlich zwischen idealem und realem Einfluß. Unter realem Einfluß versteht er den Einfluß der Substanzen ineinander, wobei das Leiden der beeinflußten Substanz nicht zugleich eine eigene Handlung der leidenden Substanz ist. Idealer Einfluß dagegen ist der Einfluß der Substanzen ineinander, wobei das Leiden zugleich eine Handlung der leidenden Substanz ist. Wir haben früher schon gesehen, daß BAUMGARTEN jede Monade ein Spiegelbild der Welt sein läßt, daß alle Teile der Welt in jeder Monade erkannt werden können. Es können auch alle Veränderungen einer Monade in jeder anderen erkannt werden. Jede Monade, auch die leidende, ist eine Kraft. Demnach ist eine jede Monade, die vor einer anderen leidet, selbst der Grund der Wirklickeit dieses Leidens und dieses Leiden selbst eine Handlung der leidenden Monade. Der Grund der Veränderung liegt also in der Monade selbst. Und dieses ist der idealistische Einfluß. Dieser ist identisch mit der prästabilierten Harmonie. Denn da alle Monaden in Verknüpfung miteinander stehen, und zwar so, daß alle Veränderungen der einen in der anderen erkannt werden können, muß die Harmonie allgemein sein; sie ist eine vorherbestimmte, weil sie durch die Vorstellung Gottes gesetzt ist. Für die prästabilierte Harmoine gibt BAUMGARTEN folgende Beweise. Zunächst weist er, wie schon BILFINGER getan hatte, darauf hin, daß es nur drei einfache Erklärungsarten über den allgemeinen Zusammenhang in der Welt geben könne: die prästabilierte Harmonie, den Okkasionalismus und den physischen Einfluß. Sowohl den Okkasionalismus als auch den pysischen Einfluß glaubt BAUMGARTEN durch die Vorstellungskraft aller Monaden, die er für bewiesen hält, widerlegt zu haben. Somit ist die prästabilierte Harmonie für BAUMGARTEN bewiesen. Diese Welt ist, so lehrt BAUMGARTEN, die beste. In der besten Welt muß natürlich der größte, allgemeine Zusammenhang sein. Dieser ist aber nur dann möglich, wenn man die prästabilierte Harmonie mit dem Einfluß der unendlichen Substanz annimmt. Denn bei der prästabilierten Harmonie ist die einfließende Substanz ebenso fruchtbar als beim physischen Einfluß. Beim Okkasionalismus ist die leidende Substanz nicht fruchtbarer als im physischen Einfluß, die mit der leidenden Substanz in Gemeinschaft stehende noch viel weniger. Die prästabilierte Harmonie ist nach BAUMGARTEN die einzig richtige Erklärungsart. Auch bei der Frage über das Verhältnis von Leib und Seele hat die prästabilierte Harmonie Geltung. Alle Bewegungen des Körpers können aus der Seele erkannt werden. Auch hier ist das Leiden zugleich eine Handlung, die durch die eigene Kraft der Körper- oder der Seelenmonade bewirkt wird. Es herrscht also auch hier bei Leib und Seele die prästabilierte Harmonie als idealer Einfluß.

Es könnte scheinen, als ob BAUMGARTEN zum Dualismus hinneige. WOLFF und BILFINGER waren ja in denselben zurückgefallen. Er sagt nämlich: "Da weder die egoistische noch die idealistische Welt die beste ist, so ist es die dualistische, die die Welt aus Geistern und Körpern bestehen läßt, die außereinander wirklich sind." Was versteht BAUMGARTEN nun unter Geist und Körper? Der Körper besteht aus Monaden, von denen jede eine Vorstellungskraft hat, woraus alle Veränderungen in der Seele erkannt werden können. Die Seelenmonas hat ebenfalls Vorstellungskraft, woraus die Veränderungen und Bewegungen des Körpers erkannt werden können. Die Seelen- oder Geistesmonas unterscheidet sich nur dadurch von den Körpermonaden, daß die Vorstellungen deutlicher sind, daß sie sich überhaupt derselben bewußt ist. Körper und Geist sind also nur graduell verschieden. Und in diesem Sinne ist auch der Dualismus BAUMGARTENs aufzufassen. Sagt BAUMGARTEN doch selbst, wo er über das Verhältnis von Leib und Seele spricht: "Meine Seele und mein Körper machen mich aus, und ich bin eins" (§ 543 deutsche Metaphysik).

Vergleichen wir diese Ausführungen mit der Lehre LEIBNIZ', WOLFFs und BILFINGERs, so sehen wir sofort, daß BAUMGARTEN über BILFINGER und WOLFF hinaus auf LEIBNIZ zurückgeht. BILFINGER und WOLFF hatten die Vorstellungskraft  aller  Monaden fallen lassen; die prästabilierte Harmonie hatte bei ihnen nur Geltung für das Verhältnis von Leib und Seele. BAUMGARTEN dagegen nimmt alle Gedanken LEIBNIZens in vollem Umfang wieder auf. Er lehrt mit LEIBNIZ die Vorstellungskraft  aller  Monaden und damit auch die prästabilierte Harmonie für das  ganze Universum. 

Nur eins teilt BAUMGARTEN nicht mit LEIBNIZ, nämlich das Schwanken und die Unsicherheit in der Lehre von der prästabilierten Harmonie. LEIBNIZ hat die Monadenlehre wie die prästabilierte Harmonie erst allmählich in sich ausgebildet. Vergleicht man nämlich die zerstreuten Lehren LEIBNIZens von der prästabilierten Harmonie miteinander, so sieht man es deutlich. In der Abhandlung "systéme nouveau de la nature et de la communication des substances" etc. hat es den Anschein, als ob LEIBNIZ jede Wechselwirkung, auch die ideale, verwirft. In den "kleineren philosophischen Schriften" dagegen heißt es (XIV. Die in der Vernunft begründeten Prinzipien der Natur und der Gnade, Drittens, Seite 139 der Reclamschen Ausgabe): "Da aber infolge der Angefülltheit der Welt alles miteinander verknüpft ist und jeder Körper je nach der Entfernung mehr oder weniger auf jeden andern Körper  einwirkt  und durch  Rückwirkung  von jenem  erregt  wird, so erhellt sich daraus, daß jede Monade ein lebender Spiegel ist." "Die äußeren Erscheinungen entstehen eine aus der anderen nach den Gesetzen der  bewirkenden Ursachen,  d. h. der Bewegungen." (Man vergleiche ferner Seite 162 (Kleinere philosophische Schriften, Reclamsche Ausgabe. Die Monadeologie 51): "Bei den einfachen Substanzen ist dies jedoch nur eine  ideale  Einwirkung einer Monade auf die andere." Und in der Theodicée I. B. § 66, Seite 216 (Reclamsche Ausgabe) heißt es: "Man kann jedoch dieser  gegenseitigen Abhängigkeit,  die wir uns zwischen Körper und Seele vorstellen, auch einen wirklichen und philosophischen Sinn beilegen. Danach hängt die eine dieser Substanzen  ideal  von der anderen ab, insofern der Grund für das, was in der einen geschieht, durch das dargelegt werden kann, was in der andern ist, was schon damals bei den Beschlüssen Gottes stattfand, als Gott im voraus die Harmonie anordnete, die zwischen ihnen bestehen sollte."

An diese Gedanken LEIBNIZens knüpt BAUMGARTEN an, und er lehrt demnach: Die Monaden bestimmen gegenseitig den Ort, sie sind voneinander abhängig, stehen in gegenseitiger Wechselwirkung, die aber nur  ideal  ist. Die prästabilierte Harmonie lehrt und behauptet eine  ideale  Wechselwirkung der Monaden und die Mitwirkung der unendlichen Substanz. Diesen letzten Gedanken vertrat auch LEIBNIZ in seiner Theodicée.

Wir sehen daraus, daß BAUMGARTEN die Gedanken LEIBNIZens wiedergibt. Er ist der erste gewesen, der  alle  Gedanken LEIBNIZens in ein festes System gebracht hat, wobei er in der Verteidigung dieser Lehre auch manche Gedanken WOLFFs und BILFINGERs verwertet.

Durch BAUMGARTEN kam die prästabilierte Harmonie, überhaupt die LEIBNIZ-WOLFFische Philosophie noch einmal zur Geltung, ja er hat sie auf den Höhepunkt gebracht. Denn die Lehre von der prästabilierten Harmonie in der Form, wie BAUMGARTEN sie gelehrt, wird die herrschende. Seine Lehrbücher - man denke nur an die vielen Auflagen und die Übersetzung der Metaphysik - waren auf vielen Universitäten in Gebrauch. Sein Schüler G. F. MEIER lehrt noch bis 1777 mit großem Erfolg in Halle. Die schriftstellerische Tätigkeit MEIERs, der übrigens ganz genau seinem Lehrer folgte, trug dazu bei, daß die Lehre BAUMGARTENs in vielen Kreisen bekannt wurde. Und es scheint, als ob noch einmal wieder durch das Aufblühen der LEIBNIZ-WOLFFischen Philosophie durch BAUMGARTEN der Streit umd die prästabilierte Harmonie entbrennen sollte. denn G. F. MEIER berichtet in der Vorrede des zweiten Teils seiner "Anfangsgründe aller schönen Wissenschaften" 1749, daß GUNNERUS und UNZER eine Streitschrift gegen die prästabilierte Harmonie herausgegeben hätten. MEIER will aber wegen der Beschäftigung mit der Ästhetik nicht darauf antworten. Entschieden ist der Streit um die prästabilierte Harmonie überhaupt nicht, sondern die Beschäftigung mit den ästhetischen Fragen, die gerade um diese Zeit die Geister erregten, haben woll die metaphysischen in den Hintergrund treten lassen; ganz verdrängt wurde die Streitfrage erst durch KANT.

Wir sehen also, daß nicht, wie BENNO ERDMANN meint, MARTIN KNUTZEN den Streit um die prästabilierte Harmonie zum Abschluß gebracht hat. Um seine Meinung zu begründen, identifiziert ERDMANN KNUTZENs Lehre mit der BAUMGARTENs. Er behauptet, die prästabilierte Harmonie sei bei BAUMGARTEN ein bloßes "inadäquates Anhängsel", und die Lehre vom idealen Einfluß sei mit dem physischen Einfluß MARTIN KNUTZENs identisch. Doch das ist nicht richtig; es trennt beide eine tiefe Kluft. Während nämlich M. KNUTZEN annimmt, daß in der einwirkenden Substanz die Veränderung der leidenden Monade ihren Entstehungsgrund hat, nimmt umgekehrt BAUMGARTEN an, daß in der  eigenen  Kraft der leidenden Monade  selbst  die Veränderung ihren Entstehungsgrund hat. Auch ist die prästabilierte Harmonie kein bloßes "Anhängsel", sondern sie ist, wie wir gesehen haben, innig mit dem System verbunden.

Auf metaphysischem Gebiet hat BAUMGARTEN für seine Zeit wohl eine Bedeutung, (10) und kein Geringerer als KANT hat den Wert BAUMGARTENs anerkannt und preist die Metaphysik desselben als "das nützlichste und gründlichste unter allen Handbüchern seiner Art", ein Zeugnis, das für BAUMGARTEN nicht ehrenvoller sein kann.

Besonders muß hier noch Baumgartens eigentümliche Schreibart hervorgehoben werden. Er ist bestrebt, jeden Begriff bis ins kleinste zu analysieren. Gerade die überaus feinen und weitgehenden Analysen in seinen Werken haben denselben so weite Verbreitung verschafft. In den feinen Analysen beruth BAUMGARTENs Stärke, und KANT nennt ihn deshalb in der "Kritik der reinen Vernunft", Seite 36 (Originalausgabe, 2. Auflage), den "vortrefflichen Analysten".

In dieser Zeit treten aber auch viele Gegner dieser Philosophie auf: viele Pietisten, die Philosophen M. KNUTZEN, RÜDIGER und namentlich CRUSIUS. Jedoch mit dem Erscheinen von KANTs "Kritik der reinen Vernunft" im Jahre 1781 wurde gleichsam die LEIBNIZsche Philosophie zu Grabe getragen; KANT lenkte die Geister auf ganz neue Bahnen. Die neueste Philosophie seit LOTZE knüpft wieder vielfach an die LEIBNIZsche Theorie von den Monaden als  Kräften  an.

Noch eins müssen wir hier näher betrachten, nämlich die Formulierung des ontologischen Gottesbeweises. Diese Art der Beweisführung ist deshalb für uns sehr interessant, weil KANT in der "Kritik der reinen Vernunft" gerade die Ausführungen BAUMGARTENs vor Augen hatte. Es ist wahr, das Wesen dieses Beweises ist überall gleich, nämlich aus dem Begriff auf ein Dasein zu schließen - allerdings ein unlogischer Schluß. BAUMGARTEN knüpft auch hier an LEIBNIZ an. Doch die  Form  ist BAUMGARTEN eigentümlich. Der Beweisgang ist folgender. Das vollkommenste Ding (ens perfectissimum) ist dasjenig, dem die allergrößte Vollkommenheit zukommt. Alle Realitäten sind in der Tat  bejahende  Bestimmungen, und  keine Verneinung  ist eine Realität (§ 604 der deutschen Metaphysik). Wenn also in einem Ding alle Realitäten ohne Ausnahme gesetzt werden, so kann hieraus kein Widerspruch entstehen. Es sind also alle Realitäten in einem Ding beisammen möglich, keine Realität in einem Ding beisammen möglich, keine Realität kann einer anderen widersprechen. Nun sind im vollkommensten Ding eben als vollkommensten alle Realitäten ohne Ausnahme im allerhöchsten Grad. Da nun im vollkommensten Ding alle Realitäten beisammen sind, so hat es gar keine Verneinungen unter allen seinen innerlichen Bestimmungen. Es wird keine Realität vom vollkommensten Ding verneint und keine Verneinung bejaht. Es kann demnach nichts im vollkommensten Ding zugleich gesetzt und aufgehoben werden. Es ist also das vollkommenste Ding möglich. Die Wirklichkeit ist eine Realität, welche mit dem Wesen und den übrigen Realitäten beisammen möglich ist. Weil im vollkommensten Ding alle Realitäten im höchsten Grad vereint sein, so ist das vollkommenste Wesen  wirklich  (§ 601 - 608).
LITERATUR Bernhard Poppe, Alexander Gottlieb Baumgarten [seine Bedeutung und Stellung in der Leibniz-Wolffischen Philosophie und seine Beziehung zu Kant] Borna-Leipzig 1907
    Anmerkungen
    1) Aus dem Jahre 1755.
    2) Geboren am 24. Januar 1679 zu Breslau, gestorben 1754 in Halle.
    3) "Sammlungen und Auszüge der sämtlichen Streitschriften wegen der Wolffischen Philosophie", C. G. LUDOVICI; ferner dessen "Neueste Merkwürdigkeiten der Leibniz-Wolffischen Weltweisheit", 1738. "Historie der Wolffischen Philosophie", 1736.
    4) Zwar sind die Schriften in diesem Zeitalter und auch in diesem Streit vielfach in einem groben Ton verfaßt, doch die Schrift WALTERs setzt allen Schriften dieser Art die Krone auf, wie auch LUDOVICI sagt.
    5) Die Lebensgeschichte BAUMGARTENs ist von G. F. MEIER, Halle 1763, und ABBT 1765. Außerdem finden sich in BAUMGARTENs Lehrbüchern, besonders in den "Briefen des Aletheophilus" viele Hinweise.
    6) Zumindest nicht im Sinne eines "influxus physicus" [Einfluß des Leibes auf die Seele - wp]. Von einer  idealen  Wechselwirkung ist auch bei LEIBNIZ die Rede. Vgl. LEIBNIZ, Kleinere philosophische Schriften "Monadologie" § 51 (Reclam), die "Theodicée" §§9, 54, 65, 66, 201 (Reclam) und Seite 24 und weiter unten in dieser Abhandlung.
    7) Man vergleiche hierzu "Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik", 85. Band, 1884, Seite 211/12 (R. Wahl "Professors Bilfingers Monadologie" usw.). Ferner die Werke LUDOVICIs.
    8) Man vgl. zu diesem Abschnitt die §§ 281- 84, 293 - 96f, 328 - 331, 334 - 335f, 538 - 569f der deutschen Metaphysik und die entsprechenden Paragraphen der lateinischen Metaphysik von BAUMGARTEN.
    9) a priori und a posteriori noch in der  alten  Bedeutung.
    10) ADICKES behauptet (Kant-Studien, Kiel und Leipzig 1895, Seite 39): "In der inneren Systematisierung dagegen, wenn der Ausdruck erlaubt ist, in der geistigen Durchdringung, der lebendigen Durchgestaltung des Stoffes erreichen BAUMGARTEN sowohl wie BILFINGER nicht einmal WOLFF." - In erkenntnistheoretischer Hinsicht mag es zugegeben werden, aber nicht in metaphysischer. Man vgl. nur das III. Kapitel dieser Abhandlung und Seite 35 der Kant-Studien, wo ADICKES den metaphysischen Standpunkt WOLFFs charakterisiert.