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AUGUST DÖRING
(1834-1912)
Die ästhetischen Gefühle
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"Ästhetische Lust ist die Lust aus der Funktion eines seelischen Vermögens, ästhetische Unlust die Unlust aus dem Brachliegen oder der Funktionshemmung eines solchen, vorausgesetzt, daß diese formalen Gefühle durch keine materiale Beimischung gefälscht oder verunreinigt werden."

I.

Es handelt sich hier um das Problem, diejenige Spezies der Gefühle, die als Lust am Schöne und als Unlust am Häßlichen jedem bekannt sind und im Einzelfall instinktiv ziemlich richtig von anderen Gefühlen unterschieden werden, durch sichere Merkmale von den übrigen koordinierten Spezies abzusondern und als eine selbständige Gruppe innerhalb der Gefühlswelt aufzuweisen. Daß ein neuer Lösungsversuch dieses Problems seine Berechtigung hat, bedarf für den, der mit den vorhandenen Begriffsbestimmungen des Schönen und Häßlichen vertraut ist, keiner Begründung.

Um überhaupt zu einer fruchtbaren Übersicht und Gruppierung der Gefühle zu gelangen, sind bekanntlich die den Gefühlen selbst anhaftenden Verschiedenheiten, wie Stärke, Dauer, Lust- und Unlustqualität nicht ausreichen. Es bedarf dazu vielmehr eines Zurückgreifens auf die Gefühlsursachen. Freilich nicht auf die äußeren Ursachen - das würde zu zoologischen, meteorologischen und wer weiß was sonst für Gefühlen führen -, sondern auf die innern Ursachen der Gefüle. In Bezug auf diese ist der Begriff des  Bedürfnisses  von fundamentaler Bedeutung.

Schon der gewöhnliche Sprachgebrauch versteht unter Bedürfnis nur im abgeleiteten Sinne ein Befriedigungsmittel, ein äußeres affizierendes, im ursprünglichen Sinne aber eine Beschaffenheit unserer Organisation, vermöge deren bestimmte Arten der Affektion Lust, ihr Ausbleiben oder das Eintreten solcher Affektionen, die zu den lustbringenden im Gegensatz stehen, Unlust auslöst. Nicht als ob und die Bedürfnisse nach ihrer Beschaffenheit ansich unmittelbar vor Augen lägen oder erkennbar wären; nur die durchgängige gegensätzliche Koordination gewisser Gruppen von äußeren Gefühlsursachen ermöglicht ihre Erschließung als des inneren Realgrundes bestimmter Gruppen von Gefühlen und damit eine brauchbare Einteilung der Gefühle. Indirekt nämlich bilden die durch das Band dieser gegensätzlichen Koordination zusammengehaltenen Gruppen der äußeren Gefühlsursachen, direkt die ihnen entsprechenden Gruppen zusammengehöriger Lust- und Unlustgefühle den Erkenntnisgrund bestimmter Bedürfniss als innerer Gefühlsursachen.

Nach diesem Verfahren der Erschließung sind wir in Stand gesetzt, die primären oder  Grundbedürfnisse  unserer Organisation systematisch aufzustellen. Wir dürfen wohl von vornherein erwarten, wenn wir nicht die noch unentwickelte oder in ihrer Entwicklung verkümmerte, sondern die normal entwickelte Menschennatur als maßgebend zugrunde legen, unter diesen primären Bedürfnisse auch dasjenige anzutreffen, dem die ästhetischen Gefühle entspringen. Die hervorragende Position der letzteren in der Gesamtheit des menschlichen Gefühlslebens verbürgt uns das. Unser Problem würde sich also auf die Frage zuspitzen:  Welcher Gruppe der menschlichen Grundbedürfnisse entspringen die ästhetischen Gefühle? 

Ich habe in meiner "Philosophischen Güterlehre" (1888) mit ausführlicher Begründung den Versuch gemacht, die Tafel der menschlichen Grundbedürfnisse zu entwerfen. Hier soll ein abgekürztes Verfahren platzgreifen. Insbesondere lasse ich die beiden dort von mir unterschiedenen großen Gruppen der Ausdrucksbedürfnisse und des Bedürfnisses der Normalität fremder Zustände, dem die Mitgefühle entsprechen, mit Bewußtsein beiseite, obwohl allerdings beiden, und zwar ersteren durch den ihnen wurzelnden Trieb zur Produktion des Schönen, letzteren wegen der aristotelischen Theorie vom Mitleid als der Quelle der Lust am Tragischen eine gewisse Beziehung zum Ästhetischen beiwohnt.

Nach Absonderung dieser beiden Gruppen ergibt sich für die übrigbleibende Masse der auf die eigenen Zustände des Individuums bezüglichen Bedürfnisse eine Vierteilung durch Kreuzung zweier Einteilungsprinzipien. Einesteils sind sie entweder  körperliche  oder  seelische,  d. h. die ihnen entspringenden Gefühle haften entweder unmittelbar an der Modifikation des körperlichen Zustandes, ohne daß zu ihrem Zustandekommen ein vorgängiger Bewußtseinszustand erforderlich wäre oder aber die ihnen entspringenden Gefühle haften als Gefühlston an Bewußtseinszuständen, d. h. an Vorstellungen, Strebungen oder auch an anderen Gefühlen, welcher letztere Punkt erst im weiteren Verlauf deutlich werden kann.

Nach dem anderen Einteilungsprinzip beruhen die in Rede stehenden Grundbedürfnisse entweder auf realen,  inhaltlichen  Erfordernissen unserer Organisation oder sie sind  Funktionsbedürfnisse,  die im Gegensatz zu den inhaltlichen auch  formale  genannt werden können. Die Tatsächlichkeit dieser letzteren, für unsere Untersuchung besonders bedeutsamen Bedürfnisgruppe muß nachdrücklich behauptet werden; es muß behauptet werden, daß die zunächst im Dienst der inhaltlichen oder materialen Bedürfnisbefriedigung fungierenden Organe, Anlagen, Fähigkeiten daneben ein selbständiges Funktionsbedürfnis besitzen, das sich auch da, wo durch die Funktion einem materialen Bedürfnis genügt und materiale Lust geschaffen wird, zugleich in rein formaler, wenngleich nicht deutlich unterscheidbarer Funktionslust manifestiert,  daß ferner diese Funktionslust auch da vorhanden ist, wo die materiale Wirkung der Affektion Unlust ist,  oder wo ein materiales Interesse bei der Funktion nicht ins Spiel kommt. Für den Fall der Nichtbefriedigung des Funktionsbedürfnisses hat natürlich jene Lust in einer entsprechenden Unlust ihr Seitenstück.

Durch die Kombination dieser beiden Einteilungsprinzipien erhalten wir zunächst das Gebiet der  materialen körperlichen Grundbedürfnisse,  das in die Bedürfnisse der Normalität der Körperreize und der Sinnesreize zerfällt. Nur diejenige Lust und Unlust kommt hier in Betracht, die unmittelbar und ausschließlich dem Reiz entspringt. Im empirischen Seelenleben kommen diese Gefühle nur in Verbindung mit gleichzeitig entspringenden seelischen Gefühlen vor und können nur durch eine künstliche Abstraktion für die Perzeption isoliert werden.

Die  körperlichen  Funktionsbedürfnesse, die die zweite Gruppe bilden, machen sich nur insoweit gesondert geltend, als sie ihre Deckung nicht schon durch die materialen Prozesse finden. Im letzteren Fall erzeugt ihre nebenher eintretende Befriedigung einen - nicht gesondert ins Bewußtsein tretenden - Zuschuß zur materialen Lustwirkung, zur materialen Unlustwirkung aber ein abschwächendes Gegengewicht. Wird ihnen in Abwesenheit eines materialen Bedürfnisses Genüge geleistet oder nicht Genüge geleistet, oder gar Hemmung bereitet, so entsteht eine rein formale körperliche Lust oder Unlust. Die formalen körperlichen Bedürfnisse sind je nach der Art des Organs und seiner Funktionsweise Bedürfnisse der Erregung oder der Betätigung.

Die dritte Gruppe, die der  materialen seelischen Bedürfnisse,  umfaßt primär (worauf sich ja unsere Untersuchung beschränkt) ausschließlich Bedürfnisse des Vorstellens und zwar des Vorstellens mit der Nebenvorstellung des Vorhandenseins des Vorgestellten. Das Gefühl kann hier nicht in Betracht kommen, da es unter dem materialen Gesichtspunkt nur Folge und Symptom des vorhandenen Grades der Befriedigung der Vorstellungsbedürfnisse ist, das Streben nicht, weil es erst sekundär als Folge vorhandener Unlust oder unzureichender Lust in Aktion tritt. Die somit allein übrigbleibenden Vorstellungsbedürfnisse zerfallen wieder in zwei Gruppen; sie betreffen einesteils die Vorstellung des Vorhandenseins des zu unserem Wohlsein Erforderlichen, die Normalität unseres Schicksals, die Übereinstimmung der Welteinrichtung mit den Erfordernissen unserer Organisation, sowohl im großen und ganzen, wie in den wechselnden Einzelfällen der jedesmal vorliegenden Situation, andernteils als Selbstschätzungsbedürfnis die Vorstellung des Vorhandenseins oder Nichtvorhandenseins eines Wertes, einer Bedeutung unserer Person.

Uneingeschränkt und universell hinsichtlich der Arten der seelischen Vorgänge sind dagegen die Bedürfnisse der vierten Gruppe, die  seelischen Funktionsbedürfnisse.  Jede Erregung des Gefühls oder des Vorstellens, jede Betätigung der intellektuellen Aktivität oder des Strebens, mag sie außerdem, im Sinne eines materialen Interesses verlaufend, einen materialen Lust- oder Unlustaffekt erzielen oder des materialen Impulses entbehren, ist rein als solche lustvoll, jede nichtbefriedigung oder Hemmung des seelischen Beschäftigungsbedürfnisses rein als solche unlustvoll. Es entspring hier z. B., wie ich a. a. O. des Näheren nachgewiesen habe, ein dreifacher Begriff der Langeweile, als Gefühlsleere, intellektuelle Leere und Leere des Strebens. Ebenso habe ich a. a. O. zu zeigen versucht, welche ungeheure Menge der menschlichen Bestrebungen dieser Bedürfnisgruppe entspringt und wie groß daher ihre Bedeutung für unser Wohlsein geschätzt werden muß. Hier nun erhält die obige, anscheinend paradoxe, aber für unsere Untersuchung hochbedeutsame Behauptung von Gefühlen aus Gefühlen ihr volles Licht. Das durch irgendeine Verursachung entstehende Gefühl, sei es Lust oder Unlust, ist als seelische Funktion lustvoll. Wir haben also hier vom primären Vorgang, dem Zustand des Lust- oder Unlustempfindens, einen sekundären, die Lust aus dem unmittelbaren Innewerden der Funktion als einem seelischen Bedürfnis Genüge leistend, zu unterscheiden. Bei der Lust werden diese beiden Elemente ununterscheidbar verschmelzen, bei der Unlust aber läßt der Kontrast die sekundäre Funktionslust deutlich als etwas Verschiedenes hervortreten.

Ich unterlasse nun kürzehalber den negativen Nachweis, daß die ästhetischen Gefühle weder aus den beiden Gruppen der körperlichen Bedürfnisse, noch aus den materialen seelischen Bedürfnissen entspringen und behaupte kurzweg, daß ihre Quelle in den seelischen Funktionsbedürfnissen zu suchen ist. Daß die seelischen Funktionen ansich lustvoll, ihr Zessieren [Wegfall - wp] oder ihre Hemmung ansich unlustvoll ist, haben wir gesehen. Für die Verknüpfung der Funktionslust wenigstens aus der Erregung von Gefühlen mit dem ästhetischen Gebiet besteht ferner eine alte Tradition, für die sich Namen wie PLATO, ARISTOTELES, DESCARTES, DUBOS, KANT, SCHILLER ins Feld führen lassen. Vor allem ist hier ARISTOTELES als Gewährsmann zu nennen. Mit einseitiger Ausschließlichkeit leitet er alle und jede Lust im Zusammenhang mit seinen metaphysischen Grundprinzipien  dynamis  und  energeia  aus der ins Bewußtsein fallenden Betätigung einer Anlage ab (Nikomachische Ethik X. 4, 1174 b. 24, 33; VII. 14, 1153b, 10ff; Rhetorik I. 11, 1369b, 33) und somit steht seine berühmte Lehre von der Katharsis als der von Lust begleiteten intensiven Erreigung der tragischen Unlustgefühle im direkten Zusammenhang mit den letzten Prinzipien seiner Metaphysik. Die tragische Lust ist Lust aus einer Funktion, aus der Betätigung einer Anlage. Der alles Werden umspannende Begriff der  energeia  bezeichnet die Verwirklichung des potentiell Vorhandenen einesteils als Entwicklung, andernteils, wie in unserem Fall, als Betätigung und letztere ist es, auf die ARISTOTELES nicht nur die ästhetische, sondern schlechthin alle und jede Lust zurückführt. Eine vollbewußte, mit deutlicher Erkenntnis des Prinzips unternommene und das ganze Gebiet der ästhetischen Gefühle umfassende Ableitung der letzteren aus dieser Bedürfnisgruppe ist jedoch noch niemals auch nur entfernt versucht worden; sie hat die Bewährung der Hypothese zu bilden.

Ehe jedoch zu dieser Bewährung übergegangen werden kann, bedarf es noch bedeutender Einschränkungen des weiten Gebietes, ehe die Region der ästhetischen Gefühle abgegrenzt sein wird. Das Gebiet der seelischen Funktionslust ist schlechthin unbegrenzt; es gibt keinen empirischen Gefühlsvorgang - die empirischen Gefühlsvorgänge d. h. die Gefühlsvorgänge, wie sie sich der unmittelbaren inneren Erfahrung ohne künstliche Zergliederung darbieten, sind nämlich sämtlich Gefühlskomplexe von oft sehr vielfacher und unendlich mannigfaltiger Zusammensetzung - an dem sie nicht in irgendeinem Maße Anteil hätte. Nun gibt es zwar eine Gruppe von Gefühlskomplexen, in der die aus dem Beschäftigungsbedürfnis entspringenden Gefühle als das eigentlich Charakteristische, Ausschlaggebende des betreffenden Komplexes deutlich im Vordergrund stehen, sei es, daß das Beschäftigende sich ungesucht darbietet, sei es. daß das unbefriedigte Beschäftigungsbedürfnis ein Streben nach intellektueller, Willens- oder Gefühlsbeschäftigung entfesselt hat. Doch zeigt ein sehr großer Bruchteil der hierhergehörigen Fälle unbeschadet dieses in erster Linie maßgebenden formalen Interesses ein sofortige sekundäres Verflochtenwerden in materiale Interessen, eine Verunreinigung des formalen Gefühls durch materiale Beimischungen und Zusätze. Es handle sich um ein Gespräch, eine Lektüre, ein Studium, ein Spiel, eine Intrige, ein Abenteuer; das ursprünglich maßgebende Interesse sei durchaus das der seelischen Beschäftigung: sofort aber erzeugen tausend herzudringende materiale Interessen sekundärer Art, das Gelingen oder Mißlingen, der Gewinn oder Verlust, der sinnliche Genuß, das Gefördertwerden durch verwandte, der Konflikt mit widerstreitenden Interessen, die Hebung oder Niederdrückung des Selbstbewußtseins, das Streben nach Beschaffung der Mittel und Beseitigung der Hemmnisse solcher Beschäftigungen, die Sorge um die Möglichkeit, der Schmerz um das Eingetretensein ihres Verlustes usw., ein sekundäres Verflochtenwerden in materiale Interessen und Bestrebungen, die diesen Teil der aus dem seelischen Beschäftigungsbedürfnisse entsprungenen Bestrebungen den von Haus aus materialen Bestrebungen ununterscheidbar naherückt. Sie werden durch eine Art von Assimilation in die Sphäre des materialen Lebens hineingezogen und durch die Schlacken desselben verunreinigt. Demgegenüber muß für die Sphäre der ästhetischen Gefühle als  erste Forderung  die der Reinheit und Ausschließlichkeit des formalen Interesses gelten. Die Objekte dürfen keine andere Bedeutung für uns haben, als die, eine seelische Funktion auszulösen. Hier haben wir den wahren Sinn und die zutreffende Begründung einer mit seltener Einstimmigkeit in der Sache, wenn auch in verschiedenen Ausdrücken, von den Ästhetikern aufgestellten Grundforderung. Das Entspringen der Lust lediglich aus der seelischen Funktion (der als ihr Gegensatz die Unlust aus dem Brachliegen oder der Hemmung derselben gegenübersteht), ist das, was KANT mit dem interesselosen Wohlgefallen meint, SCHELLING mit der ästhetischen Anschauung, SCHOPENHAUER mit der willensfreien Betrachtung, von HARTMANN mit der Bezeichnung der ästhetischen Gefühle als "Scheingefühle". Nur sind diese Ausdrücke mehr oder minder unzulänglich. Ein interesseloses Wohlgefallen ist, wenn unter Interesse alles und jedes verstanden wird, was einem Bedürfnis Genüge leistet, also Lust (Wohlgefallen) erregt, eine contradictio in adjecto [Widerspruch in sich - wp] Wir wissen ja nun wohl, daß KANT nur an die materialen Bedürfnisse denkt; immerhin aber bleibt seine Bezeichnung eine lediglich negative; sie bezeichnet nur eine leere Stelle, für die hier eben durch den Nachweis des zugehörigen Interesses die passende Ausfüllung gegeben werden soll. Der Ausdruck "Scheingefühle" ist wenigstens sprachlich zu beanstanden; ein Scheingefühl ist das Gegenteil eines wirklichen Gefült; gemeint ist aber ein durch den bloßen Schein ausgelöstes Gefühl. Ansich ist der Ausdruck "Schein" für die Quelle der ästhetischen Gefühle, auf die auch SCHILLER mit den Worten: "An dem Scheine mag der Blick sich weiden" hinweist, überaus zutreffend; das Affizierende ist, sei es durch einen Akt des Betrachtenden selbst, sei es durch die Vorschub leistende Vorarbeit des Künstlers, der hier wirkt, wie ein guter Vorleser, dem aber doch wieder eine kongeniale Haltung des Genießenden entgegenkommen muß, aus der Sphäre der realen Dinge und Interessen herausgelöst und seine ganze Wirkung beschränkt sich jetzt auf die Auslösung seelischer Funktionen und der aus diesen resultierenden Lust; das ästhetische Verhältnis zu den Objekten kann, wenn man den Ausdruck nur richtig deuten will, als ein unpersönliches bezeichnet werden.

Wir müßten also der generellen Bestimmung: "Ästhetische Lust ist die Lust aus der Funktion eines seelischen Vermögens, ästhetische Unlust die Unlust aus dem Brachliegen oder der Funktionshemmung eines solchen" als erste Restriktion das Merkmal anfügen: "vorausgesetzt, daß diese formalen Gefühle durch keine materiale Beimischung gefälscht oder verunreinigt werden."

An diesen Punkt knüpft sich wohl die Erledigung der Frage an, warum die niederen Sinne keine ästhetischen Wirkungen vermitteln können. Ich möchte diese Frage hier nur streifen. Die Lösung wird wohl darin bestehen, daß bei den niederen Sinnen die Lust aus der seelischen Funktion zwar mit erregt, aber fast nie rein und unvermischt erhalten werden kann. Ganz dürfte diese Möglichkeit zwar nicht abzuweisen sein. Das Erkennen und Vergleichen aromatischer Düfte und Geschmäcke z. B. kann rein als intellektuelle Funktion vorkommen. Dagegen dürfen die Assoziationen, auf die FECHNER beim Schönen unter Übergehung der eigentlichen Natur desselben ein ungebührliches Gewicht legt, hier nicht herangezogen werden. Der Duft der Orangenblüte kann mich an Italien, der Geschmack einer Speise oder eines Getränks an ein Fest, dem ich beigewohnt habe, erinnern, aber das sind rein zufällige von Individuum zu Individuum verschiedene Assoziationen, während doch dem Schönen der Charakter einer gewissen menschlichen Allgemeingültigkeit zugeschrieben werden muß.

Wir müssen aber noch ein  zweites einschränkendes Merkmal  beifügen. Das Objekt nämlich, das, um mit SCHILLER zu rede, jeden Zeugen menschlicher Bedürftigkeit ausgestoßen hat und nun nur noch in einem einzigen Sinn affizierend wirken soll, muß, um nicht wirkungslos zu bleiben, eine erhöhte, gesteigerte Wirkungsfähigkeit erhalten. Das einem materialen Bedürfnis Genüge Leistende schaffen wir uns, wenn es sich nicht von selbst einstellt, herbei, wir setzen es aus seinen Elementen, die wir aus allen Ecken zusammensuchen, zusammen und scheuen in dieser Beziehung keine Mühe. Auch schon das sekundäre materiale Interesse, das sich dem seelisch Beschäftigenden verunreinigend beimischt, ist stark genug, um allerlei Schwierigkeiten der Perzeption zu überwinden. Das rein und ausschließlich seelisch Beschäftigende aber muß uns, um wirken zu können, als ein Fertiges und zugleich als ein anschauliches Einzelnes entgegentreten, es muß anschaulich sein, sei es im Sinn der Perzeption durch Sinnestätigkeit, sei es als Objekt der durchs Wort vermittelten Phantasieanschauung. Hier rechtfertigt sich von unserem Prinzip aus eine zweite Grundforderung, die von jeher an das ästhetisch Wirksame gestellt worden ist: die Forderung der Anschaulichkeit. Um hier nur  ein  Beispiel beizubringen: Warum verwandelt SCHILLER im Ring des Polykrates die Vorgänge zwischen diesem und Amasis, die bei HERODOT durch brieflichen Austausch vermittelt sind, in einen unmittelbaren Verkehr von Person zu Person, warum rückt er gleichzeitig die unerhörten Glücksfälle in die größte zeitliche Nähe zusammen? Aus keinem anderen Grund, als um die Vorgänge phanatasiemäßig anschaulich zu machen, weil nur so die ästhetische Wirkung in genügender Stärke zu erzielen war.

Wir werden also zur obigen Definition noch die weitere Restriktion hinzufügen müssen, daß die ästhetische Lust nur vom fertig dargebotenen anschaulichen Einzelnen ausgehen kann. Diese Bedingung ist nicht, wie die vorige, eine Bedingung der Reinheit und Unvermischtheit, sondern, die Reinheit und Unvermischtheit als Postulat vorausgesetzt, eine Bedingung für die Möglichkeit des Zustandekommens.


II.

Somit wäre denn der erste Teil unserer Aufgabe gelöst; wir haben für die Entstehungsbedingungen und damit für das Wesen, die unterscheidende Eigentümlichkeit, der ästhetischen Gefühle einen scharfen, bezeichnenden Ausdruck gefunden. Ob er der richtige ist, das muß sich ergeben, wenn wir nunmehr versuchen, durch Explikation und weitere Einteilung des gewonnenen Begriffs seinen Inhalt klarzulegen und seine Leistungsfähigkeit zu erproben. Hierbei muß sich ja herausstellen, ob alles Ästhetische und nur das Ästhetische in ihm Raum findet.

Es wird sich empfehlen, bei diesem Geschäft vorab eine Zweiteilung vorzunehmen und zuerst ausschließlich von der  ästhetischen Lust und dem Schönen,  nachher gesondert von der  ästhetischen  Unlust und dem Häßlichen zu handeln. Es soll also zunächst ausschließlich vom Schönen die Rede sein. Für die Durchmusterung desselben können uns die bekanten Kategorien des empirischen Schönen, wie anhängendes und selbständiges Schönes, Schönes der Wirklichkeit und Schönes der Kunst, keine Dienste leisten, weil das empirische Schöne das ästhetisch Lustvolle stets in einer gewissen Komplexität, als Zusammensein einer Mehrheit ästhetisch wirksamer Momente, darbietet.

Wir müssen uns für die Auflösung des ästhetisch Lustvollen in seine schlechthin einfachen Elemente nach anderen Einteilungsprinzipien umsehen. Da bietet sich dann zunächst von der gewonnenen prinzipiellen Bestimmung des Schönen als des eine seelische Funktion Auslösenden aus die Dreiteilung nach den Arten der seelischen Funktionen. Es kann sich um die Sollizitation [Anregung, Anreiz - wp] einer  intellektuellen Funktion,  eines  Gefühls  oder eines  Aktes des Strebens  handeln. Hinsichtlich des Gefühls ist hierbei an das bereits Bemerkte zu erinnern, daß auch die erregte Unlust qua Erregung sekundär lustvoll ist. Wir dürfen hinzufügen, daß das Bedenken, die primäre Unlust müsse doch diese sekundäre Funktionslust unterdrücken und ersticken, auf dem ästhetischen Gebiet infolge der Überführung aus der Sphäre des Materiellen und Realen in die des Scheins und des Unpersönlichen ohne Bedeutung ist. Für die ästhetische Betrachtung ist nicht nur das Kunsterzeugnis, sondern auch die Wirklichkeit nur ein Schein, ein illusorisches Bild, wenngleich in beiden Fällen der Schein ein wahrer, d. h. die echte Wirklichkeit der Dinge widerspiegelnder sein muß. Nur wo die Unterscheidung von Schein und Wirklichkeit nicht vollzogen wird und die Jllusion eine totale ist, wird die Unlust die sekundäre Lust überwältigen. Es soll ja im Westen der Vereinigten Staaten vorkommen, daß nach dem Theaterbösewicht mit Revolvern geschossen wird und ein kleines Mädchen rief bei einer Aufführung des Schneewittchen mit lauter Stimme, daß es durch das ganze Theater schallte: "Schneewittchen laß die böse Stiefmutter nicht hinein!"

Dieser Dreiteilung nach den Arten der seelischen Funktionen ist aber eine andere Einteilung überzuordnen, die auf der Art und Weise beruht, in der das ästhetisch Wirksame vermöge seiner Beschaffenheit die seelische Sollizitation auslöst. Diese Auslösung kann nämlich stattfinden entweder  sympathisch,  d. h. durch unmittelbare Übertragung der im Objekt wirklich oder anscheind sich ausdrückenden seelischen Zustände oder  durch bloße Perzeption,  in dem die Beschaffenheit des Objekts eine solche ist, daß sie seelische Zustände zwar nicht ausdrückt, aber auslöst. Außerdem ist noch ein  dritter Fall  möglich, indem das Objekt in erster Linie durch seine Beschaffenheit geeignet ist, seelische Funktionen auszulösen, außerdem aber auch solche ausdrückt.

Innerhalb der  ersten Gruppe,  der des sympathisch Wirksamen, werden wir also zunächst die Untereinteilung nach den drei Arten der seelischen Funktionen zur Anwendung bringen. Es kann jedoch hier noch eine  vierte  Untergruppe statuiert werden, die Fälle umfassend, in denen das Objekt ohne bestimmte Differenzierung der seelischen Zustände mehr nur als überhaupt beseelt gilt und in diesem mehr unbestimmten Sinne sympathisch affizierend wirkt.

Innerhalb jeder so entstehenden vier Untergruppen des sympathisch Wirksamen aber wird wieder nach dem Gesichtspunkt, ob der seelische Zustand im Objekt  wirklich vorhanden  ist oder nur durch ein unbewußtes Hineintragen  in das Objekt hineinverlegt,  demselben geliehen wird, um alsdann rückwirkend zum Subjekt zurückzukehren, eine doppelte Weise des Wirkens zu unterscheiden sein. Im ersteren Fall wirkt das Objekt sympathisch durch die Symptome der wirklich in ihm vorhandenen seelischen Zustände, es wirkt symptomatisch, im zweiten finden sich an ihm Symptome, die in der ästhetischen Betrachtung unwillkürlich, obgleich ohne reale Berechtigung, nach der Analogie wirklicher Symptome des Seelischen gedeutet werden und daher seelisch affizierend rückwirken; es wirkt  analogisch-symptomatisch. 

Betrachten wir nach diesen beiden zuletzt aufgestellten Gesichtspunkten zunächst den Fall der  Beseeltheit im allgemeinen. Symptomatisch-sympathisch  wirkt das wirklich Beseelte, indem seine ganze Erscheinungsweise die Beseeltheit widerspiegelt. Insbesondere ist es die Physiognomie, die auch ohne daß die Symptome bestimmter einzelner seelischer Vorgänge in ihr unterschieden werden, in diesem Sinne sympathisch affizierend wirkt. Auch die höhere Tierwelt, die Welt der Säugetiere, vorab der Hund, der seelenvolle Gefährte des Menschen, hat an dieser physiognomischen Ausdrucksfähigkeit Anteil. Aber auch abgesehen von diesem besonderen Agens vermitteln uns unzählige Eindrücke des Gesichts und Gehörs das Bild der Beseeltheit am Menschen und an der gesamten Tierwelt.

Analogisch-symptomatisch  empfangen wir den sympathischen Eindruck der Beseeltheit zunächst da, wo die tatsächlich nur mechanisch wirkenden Kräfte sich verstecken und für eine nicht wissenschaftlich analysierende Betrachtung der Eindruck des von innen heraus sich Betätigenden und Entwickelnden, eines seelischen Prinzips, entsteht. So vorab bei der Pflanzenwelt. Der älteren Naturbetrachtung erschien sogar wissenschaftlich und realiter die gesamte Natur von den Gestirnen abwärts beseelt; die ästhetische Betrachtungsweise bleibt, ohne viel zu grübeln oder die Grenzlinie zwischen dem bloß Analogischen und dem realiter Symptomatischen scharf zu ziehen, dieser Betrachtungsweise mit Vorliebe treu. Aber diese analogisch-symptomatische Wirkung einer bloß geliehenen Beseeltheit erstreckt sich auch auf Gebiete, wo das Bewußtsein ihrer Irrealität gleichzeitig vollkommen vorhanden ist. Wir reden von Physiognomie einer Landschaft; von einzelnen Objekten gehört hierher insbesondere der Fall, wo ihre Formen einen Anklang nicht sowohl an die Ausdrucksformen bestimmter einzelner wechselnder seelischer Zustände als an die typischen Erscheinungsformen des Seelischen überhaupt zeigen, ferner die rastlose Beweglichkeit des fließenden oder an das Gestade anschlagenden Wassers. Ebenso wird jede andauernde lebhafte, doch nicht in einer besonderen Richtung scharf charakterisierte Bewegung, wie das Wogen des Kornes, das Zittern des Laubes im Wind, den allgemeinen Eindruck der Beseeltheit hervorrufen. Schon HOME bezeichnet treffend die sympathische Wirkungsweise des Bewegten, indem er sagt, durch einen sich bewegenden Körper werde die Seele selbst in eine ähnliche Bewegung versetzt; man habe das Gefühl, als ob die Seele fortgeführt werde.
LITERATUR August Döring, Die ästhetischen Gefühle, Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 1, Leipzig 1890