ra-2August TholuckHeinrich HeineReligion    
 
ADOLF WUTTKE
(1819-1870)
Geschichte des Heidentums

"Die Geschichte ist  Geist,  und die sie erkennen wollen, müssen sie im Geist und in der Wahrheit erkennen; und wie es gemein ist, bei einem Menschen nur auf seine Körperlichkeit Wert zu legen statt auf seine Geistigkeit, so ist es auch in der Wissenschaft eine Gemeinheit, bei der Betrachtung der Geschichte ihr Inneres, ihren Geist, hinter und unter die äußerlichen Ereignisse, die nur der Körper desselben sind, zu stellen. Der Geist der Menschheit wird nicht von den Tatsachen, sondern die Tatsachen vom Geist geleitet."

"Das Herleiten des geschichtlichen Lebens aus diesen physischen und geographischen Verhältnissen als der eigentlichen Grundlage der Geschichte ist eine  naturalistische  Auffassung und ein Verzichten auf eine geistige und vernünftige Erfassung des geschichtlichen Lebens. Der Mensch ist da kein freier und vernünftig sich selbst bildender  Geist,  sondern nur ein von der Natur erzeugtes höher begabtes  Tier;  und die Auffassung der Geschichte als Produkt des bloß natürlichen Lebens ist nicht eine menschliche, sondern eine bestialische."


Vorrede

Das Christentum, als die Macht, welche die Welt überwinden soll, bleibt unverstanden, solange die zu bewältigende Welt noch unerkannt ist; diese aber ist wesentlich das Heidentum, da das Geistesleben des alten Bundes nicht der Gegensatz, sondern die Vorhalle des Christentums war. Erst mußte das Heidentum seine ganze innere Lebenskraft entfalten, ehe die Zeit erfüllt war; und erst als mit der höchsten Glorie der heidnischen Weltgeschichte auch ihr Untergang beschleunigten Schrittes nahte, wurde CHRISTUS geboren. Das Heidentum steht in seiner reichen Entwicklung nicht als etwas Gleichgültiges  außerhalb  des Christentums, sondern ist dessen Gegensatz und weltgeschichtliche Voraussetzung; und ohne die Erkenntnis des inneren Lebens des Heidentums ist die christliche Geistesmacht in der Weltgeschichte noch unbegriffen. Die innere Geschichte des Heidentums in seiner Beziehung auf das Christentum ist die Aufgabe des vorliegenden Werkes.

Die Geschichte des Heidentums soll nicht eine bloße Religionsgeschichte sein, sondern eine Geschichte des  Geistes  in der heidnischen Menschheit, des Geistes nach allen seinen wesentlichen Offenbarungsweisen. Das religiöse Leben läßt sich, als die höchste Entwicklung des Geisteslebens, von den übrigen Seiten desselben nicht wirklich trennen, ist mit ihnen organisch verwachsen, und muß als der Lebensmittelpunkt betrachtet werden, von welchem alle übrigen Offenbarungsformen des Geistes erst ihre wahre Geltung erlangen und von dem aus dieselben erst recht betrachtet und verstanden werden können. Das Gottesbewußtsein kann nicht sowohl aus anderen Lebensrichtungen wirklich abgeleitet werden, sondern diese müssen vielmehr aus dem tiefsten Grund des vernünftigen Geistes, aus dem Gottesbewußtsein verstanden werden, so wie Gott nicht aus der Welt begriffen werden kann, sondern die Welt aus Gott. Alles wahrhafte Leben geht nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen. Wir machen daher das religiöse Leben zur Grundlage dieser Geschichte, und betrachten die Intelligenz, die Arbeit, die Kunst, die Sittlichkeit, den Staat, von jenem Mittelpunkt des Geisteslebens aus als die organischen Glieder des geschichtlichen Lebens, dessen pulsierendes Herz eben das Gottesbewußtsein ist.

Die geistige Entwicklung der Menschheit als ein lebendiges Ganzes zu erfassen ist nicht erst von heute und gestern Aufgabe des höchsten Strebens der Wissenschaft. Aber der großen Aufgabe entsprechen noch wenig ihre versuchten Lösungen. Beobachtungen und tatsächliche Bemerkungen sind massenweise aufgespeichert, aber das innere einheitliche Leben bleibt den Meisten verborgen; und wo uns eine philosophische Aufgabe verheißen wird, da tragen meist die lebendigen Erscheinungen der Geschichte wie die Schauspieler der Griechen nur Masken, hinter deren lebloser Starrheit die geistigen Züge des Lebens verdeckt bleiben. Wenn die "Philosophie der Geschichte" gegenwärtig einen großen Teil ihres Kredits eingebüßt hat, so trägt wahrlich die großsprecherische und gespreizte Art, mit welcher die hinter den Glanz der philosophischen Phrase sich verbergende Oberflächlichkeit der historischen Forschung mit der Weltgeschichte umzuspringen pflegt, nicht den geringeren Teil der Schuld. Und doch ist nur eine philosophische Erkenntnis der Geschichte eine wirkliche. Die Tatsachen der Weltgeschichte sind wohl für die Neugier, aber nicht für die Vernunft von Interesse, solange der in der Geschichte waltende  Geist,  die innere treibende Vernunft, der göttliche Lebensstrom der Geschichte, nicht erkannt oder wenigstens geahnt ist. Dieser Geist aber läßt sich nicht so ohne Weiteres aus den Steinen und Pergamenten herauslesen, sondern ist die Errungenschaft des freien Gedankens. Vernunft findet in der Geschichte nur, wer das vernünftige Wesen des Geistes überhaupt begriffen hat, welches in dem sich entwickelnden Menschengeschlecht kein anderes ist, als im vernünftigen Menschengeist selbst. Nur des Geistes Selbsterkenntnis läßt des Geistes Walten in Natur und Geschichte erkennen. Meine darum niemand die Geschichte geistig erfassen zu können, der  nur  hören und schauen will, nicht sinnend in sich selbst zu schauen vermag. Nur mit philosophischem Geist ist die Aufgabe einer Geschichte der Menschheit nicht zu lösen.

Das gegenwärtige Werk will zur Lösung der großen Aufgabe einiges beitragen; es will nicht eine bloße Sammlung von Tatsachen und Bemerkungen, nicht ein Herbarium getrockneter Exemplare aus der Lebensfülle der Geschichte der Menschheit, sondern ein lebendiges Bild des einigen, in den verschiedenen Völkern in mannigfaltige Farben sich brechenden Geistes der heidnischen Menschheit geben. Daß diese Darstellung weder denen gefallen wird, welche die hohen Ideen des Christentums als abgeleitete Bäche aus den reineren Quellen heidnischer Völker betrachten und innerhalb des Heidentums das Paradies und das Ideal des Menschengeistes suchen und finden, - noch denen, welche die Menschheit einteilen wie die Bauern das Pflanzenreich, in gute Pflanzen und in Unkräuter, und mit dem heidnischen Unkraut sich zu befassen nicht der Mühe wert finden, - versteht sich von selbst. Die vorliegende Geschichte des Heidentums geht von der christlichen Idee aus und führt zu ihr hin; aber die christliche Weltanschauung ist die der Gerechtigkeit, und Gerechtigkeit ist nur in der Liebe; über die Weltgeschichte sich ärgern, heißt nicht sie verstehen.


Einleitung

§ 1.

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des  Geistes  im Gegensatz zur Entwicklung der  Natur.  Die Natur breitet, nachdem sie im Großen einmal fertig ist, fast alle ihre Entwicklungsstufen gleichzeitig  nebeneinander  aus. Das  einzelne  Naturwesen durchläuft eine Entwicklung vom Keim bis zum Tod, aber das  Ganze  der Natur zeigt weniger Fortentwicklung, und hat eine Geschichte eigentlich nur in der  vor geschichtlichen Zeit, nur eine Geschichte der  Geburt.  Mit dem Auftreten der menschlichen Geschichte aber erscheint die Natur im Ganzen als  fertig,  und nur seltene weitgreifende Störungen des allgemeinen Naturerlebens erinnern noch dunkel an dessen frühere Entwicklungsgeschichte. Die bereits fertig gewordene Natur hat wenig eigentliche Fortentwicklung mehr; immer sich gleichbleibend, gebiert sie fort und fort aus dem Tod der abgelebten Einzelwesen die neuen den früheren völlig gleichartigen Geschlechter. Die niedrigsten Geschöpfe stehen gleichberechtigt  neben  den höchsten; die Entfaltung der Natur geht in die  Breite.  Die späteren Zeiten empfangen von den früheren Geschlechtern keine anderen Errungenschaften als die der Verwesung, aus der ein neues, aber dem früheren gleichartiges Leben erwächst.

Im Leben des  Geistes  waltet das  Nacheinander  vor über das  Nebeneinander,  die Zeit über den Raum. Die Geschichte ist nicht fertig wie die Natur, und ihre Geschlechter erben voneinander nicht den Moder der Verwesung, sondern die positiven Errungenschaften des Geistes. Der Geist der Geschichte stirbt nicht, sondern schreitet in stetiger Entwicklung fort, und wenn Geschlechter untergehen, so versinkt nur der Stamm, während seine Wurzelsprossen bereits weiterhin ein reicheres Leben erzeugen.

In der irdischen Natur ist das Leben überall durch den  Tod  bedingt; jedes lebendige Naturwesen lebt immer nur auf Kosten der andern. Der Untergang folgt überall der Geburt als ihr Schatten. Der Gott der Zerstörung ist in der Naturreligion der Gefährte des Lebensgottes, und nur aus der Vernichtung leckt die Flamme des Lebens empor. Nicht liebende Anerkennung ist das Band, welches Naturwesen an Naturwesen knüpft, sondern gierig lechzt das Lebendige nach dem Tod des Andern, und die höchste Gestaltung der Natur ist das Raubtier. - CHRONOS verschlingt seine eigenen Kinder, aber ZEUS, der geistige Gott, mit dem die Geschichte beginnt, stürzt den CHRONOS, und er, der persönliche Gott, vom Trank der Unsterblichkeit kostend, gönnt auch das Leben dem Lebenden. In der Natur entduftet das Leben nur aus dem Schaum des Todes; - im Reich des Geistes entzündet sich Leben am Leben; Geist entflammt am Geist, und in den unversiegbaren Lebensstrom der Geschichte mündet bereichernd jeder einzelne Menschengeist ein. - Die Natur ist ein Blumengarten auf einem Gräberfeld; die Geschichte ist eine Walhalla, wo nur Unsterbliche wohnen.

Wer die Geschichte nur als ein Konglomerat von Tatsachen, die nur oberflächlich einander berühren und ineinander eingreifen, betrachtet, der faßt sie nicht als Entwicklung des Geistes, sondern als Natur, findet in ihr keine Vernunft. Die Geschichte ist keine Perlenschnur, in welcher die einzelnen zufälligen Tatsachen am Faden der Zeit angereiht sind; sie ist auch nicht, wie in der sogenannten  pragmatischen  Auffassung, ein Verschränktsein der im Ganzen zufällig sich treffenden Fäden, - eine Auffassung, nach welcher Schlauheit und Erbärmlichkeit die Götter der Geschichte sind, und die Vernunft nur als rechtloser Paria erscheint. - Je mehr dagegen die Geschichte als das Leben des Geistes erfaßt wird, umso mehr wird sie auch als eine einige, stetige und organische Entwicklung erscheinen. Die  Tatsachen  der Geschichte sind nur die  äußere  Seite des geschichlichen Lebens, nur die Offenbarung des Innerlichen. Sie verhalten sich zu diesem Inneren wie die äußerlichen Taten des Menschen zu seinem Seelenleben. Die Tatsachen der Geschichte können nur verstanden werden aus der  inneren  Geschichte des Geistes der Menschheit, gleichsam der Psychologie der Menschheit. - Die Geschichte ist  Geist,  und die sie erkennen wollen, müssen sie im Geist und in der Wahrheit erkennen; und wie es gemein ist, bei einem Menschen nur auf seine Körperlichkeit Wert zu legen statt auf seine Geistigkeit, so ist es auch in der Wissenschaft eine Gemeinheit, bei der Betrachtung der Geschichte ihr Inneres, ihren Geist, hinter und unter die äußerlichen Ereignisse, die nur der Körper desselben sind, zu stellen. Der Geist der Menschheit wird nicht von den Tatsachen, sondern die Tatsachen vom Geist geleitet. Die äußerlichen geschichtlichen Ereignisse sind nur der funkensprühende Feuerglanz des durch die Zeit hindurchziehenden einigen menschlichen Geistes.


§ 2.

Die  Geschichte der Menschheit  will den in der Geschichte waltenden, sich als einigen fortentwickelnden Geist erkennen, will hinter die Leiblichkeit der Tatsachen dringen, sich in den pulsierenden Mittelpunkt des Lebens stellen. - Dieser Lebensmittelpunkt, der inder Geschichte waltende  Geist,  ist aber wesentlich  Einheit.  Die verschiedenen Geister haben ihre Wahrheit überall nur in der wesentlichen Beziehung zu dem  einen  geistigen Mittelpunkt des Daseins, sind nur insofern wahrhaft Geist, als sie mit dem Ganzen des geistigen Daseins zu einer inneren Einheit zusammentreten. Das Wesen des Geistes ist die Einheit, und es ist darum überhaupt nur  ein  wahrer Geist,  Gott und alle endlichen Geister sind nur dann in ihrer Wahrheit, wenn sie ihre Einheit mit diesem einen und wahren Geist offenbaren. Das Tier ist sich seiner inneren Einheit mit dem Geist des Alls nicht bewußt, es wird nur  ohne  sein Wissen und Wollen von diesem Geist getrieben und bewältigt, - aber der  vernünftige  Geist ist nur dann ein wahrhaft vernünftiger, wenn er sich bewußt ist, daß er ansich in seiner Vereinzelung Nichts ist und Nichts vermag, sondern daß er nur ein Strahl aus dem  einen  Urlicht ist, daß er Dasein und Wesen nur  von  dem Einen, das wahrhaft ist, gewonnen hat; - nur der vernünftige, der menschliche Geist hat  Gottes bewußtsein, und nur der  religiöse  Geist ist wahrhaft Geist. -

Gott ist der strahlende Mittelpunkt für alle besonderen Geister, und darum für die  Geschichte,  deren innerstes Wesen ja eben die Entwicklung des Geistes in der Menschheit ist. Die  vernünftige  Erkenntnis der Geschichte, die Erkenntnis des die Geschichte durchwebenden Geistes ist also eine wesentlich  religiöse,  ist die Erkenntnis des Waltens und Einwohnens Gottes in der Weltgeschichte.




§ 3.

Die Geschichte ist wesentlich die Entwicklung des Geistes; - der Geist aber ist in seiner Wahrheit als  Bewußtsein - die Geschichte der Menschheit ist also ihrem innersten Wesen nach die Entwicklung des  Bewußtseins.  - Der menschliche Geist hat aber sein wahres Dasein und Leben nur in seiner inneren Beziehung auf den wahren Geist, auf Gott. Das höchste und wahrste Bewußtsein ist das Bewußtsein des Geistes vom Geiste, des einzelnen Geistes vom unendlichen Geist, das Bewußtsein von  Gott.  Der eigentliche lebenskräftige Kern der Geschichte ist darum das  Gottesbewußtsein.  Hier ist der Schwerpunkt für die Bewegung der Geschichte, das pulsierende Herz, von dem aus das Blut durch alle Adern der Menschheit strömt.

Wir können die Geschichte nur dann wahrhaft verstehen, wenn wir uns in ihren Mittelpunkt stellen, und ihre Entwicklung in der Lebensentfaltung ihrer höchsten Geistigkeit, in der Entwicklung ihres Gottesbewußtseins erfassen, wenn wir von der Hauptpulsader ausgehen, und nicht, ohne diese zu kennen, bei den zufälligen Verästelungen des Geäders unter der Oberfläche der Haut, bei den äußerlichen einzelnen Tatsachen stehen bleiben und diese als die Hauptsache betrachten. - Mit der geschichtlichen Entwicklung des Gottesbewußtseins ist das innere Wesen der Geschichte der Menschheit gegeben; und alle übrigen Seiten des geschichtlichen und geistigen Lebens sind nur die Zweige aus diesem  einen  Stamm. Wir können darum nur dann zu einer wahrhaft geistigen Erkenntnis der Geschichte gelangen, wenn wir die Entwicklung des Gottesbewußtseins als die  Grundlage  der ganzen geistigen Entfaltung der Menschheit betrachten, wenn wir das, was das wahre Wesen des vernünftigen Geistes ausmacht, das religiöse Bewußtsein, auch als die innere Lebenskraft der Geschichte, allem Übrigen zugrunde legen. Wir erkennen so nicht das Innerliche aus dem Äußerlichen, das Geistige aus dem Sinnlichen, sondern das  Äußerliche  aus dem Innerlichen, das Sinnliche aus dem Geistigen. Die Geschichte der Menschheit muß von einem  höchsten  Gedanken des menschlichen Geistes ausgehen, um aus ihm die äußerlich erscheinende  Offenbarung  desselben zu begreifen, also nicht von der Erscheinung zum Geist, sondern aus der Natur begreifen zu wollen, wie etwa aus der Geographie, aus der Genealogie der Rassen, nicht aus den Zufällen des Einzellebens, wie aus den zufälligen persönlichen Erscheinungen etc., - sondern wir müssen geradezu in das  Herz  des Volkes eindringen, in sein tiefstes, innerstes Bewußtsein, müssen den höchsten Schwung eines Geistes erfassen, mag sich dieser in der Weise der Religion oder der Philosophie offenbaren, wenn wir die Geschichte als Geist, als ein Vernünftiges erkennen wollen. Die Geschichte des Gottesbewußtseins ist nicht ein Appendix zur allgemeinen Weltgeschichte, auch nicht ein Kapitel in ihr  neben  vielen anderen gleichwichtigen oder wichtigeren Dingen, ist nicht ein Produkt anderer ursprünglicherer Faktoren, sondern ist ihr  Kern,  ihr innerstes Wesen, die wahre und feste Grundlage des ganzen geschichtlichen Lebens.

Wie sein Gott, so ist das Volk. Wie ein Volk sich das Göttliche denkt, das hängt viel weniger davon ab, wie es  ist;  sondern es  ist  vielmehr so, weil es sich sein Göttliches  so  denkt. Das bestimmte Sein ist viel weniger der Grund des Bewußtseins, als vielmehr das Bewußtsein der Grund des bestimmten Seins, und der  christliche  Gedanke steht ja gerade darin der naturalistischen Auffassung des Daseins gegenüber, daß jener das Dasein aus dem Gedanken, aus dem göttlichen Bewußtsein, diese den Gedanken, das Bewußtsein aus dem  vor  dem Bewußtsein vorhandenen natürlichen Dasein ableitet. - Was der Mensch als geistiges Wesen  ist,  das geht von seinem Bewußtsein aus, der Mensch selbst als ein bewußter, als ein freier,  macht  sich zu dem, was er  ist.  Die menschhliche Erziehung und Entwicklung beruth fast durchaus auf dem Unterrichte; das Kind  lernt  alles, was dasselbe zum Menschen macht; es ist nocht nicht von vornherein wirklicher Mensch, ein freies geistiges Wesen, sondern wird es erst, indem es lernend und bewußt sich seine freie Geistigkeit erringt. Der Mensch ohne Unterricht, ohne Lernen, ohne bewußte Selbstausbildung bleibt Tier. Das Tier lernt nichts,  macht  sich nicht zu dem, was es wird, sondern es  wird  von der Naturmacht dazu gemacht. Das Tier fühlt sich so oder so, weil es so  ist;  der Mensch aber  ist  so oder so, weil er sich so oder so  will  und  weiß.  Beim Tier ist das fühlende Bewußtsein eine Seite und ein Produkt seiner Natur; beim Menschen ist seine Wirklichkeit größtenteils ein Produkt seines Bewußtseins.

Diese Priorität des Bewußtseins vor dem bestimmten Sein, diese Macht, sich selbst zu einem bestimmten Sein aus dem Bewußtsein heraus zu  bilden,  ist eben das Wesen des Geistes und darum der  Geschichte.  Wir müssen darum überall das in der Geschichte waltende Bewußtsein voranstellen, als die Hauptsache und die Grundlage des Ganzen betrachten, nicht aber die auf der Oberfläche der Geschichte wogenden und schäumenden  Tatsachen noch weniger die physische und geographische  Schale  der Geschichte als das eigentliche Element und Wesen derselben ansehen, und den Geist, das Bewußtsein, erst aus diesem Äußerlichen, zum Teil Zufälligen, ableiten. Der Zusammenhang des Physischen und Geographischen mit der Geschichte ist freilich kein bloß äußerlicher, und ist ein  sehr  wichtiges Moment bei der Erkenntnis der Geschichte, so gut wie die Kenntnis des körperlichen Lebens zur Erfassung des Seelenlebens notwendig ist. Aber so wie es eine verkehrte und geistlose Weise ist, das Leben des Geistes als eine bloße  Folge  und ein  Erzeugnis  des Leiblichen zu betrachten, so daß der Geist nur hinter dem Leiblichen hergeht und ihm die Schleppe nachträgt, - so ist es auch eine Umkehrung des Geistes, wenn man die Leiblichkeit der Geschichte, die Naturverhältnisse des Menschengeschlechts, als die wahre Grundlage der Geschichte und als ihre Mutter betrachtet, während sie doch nur ihre Dienerinnen sind. Das Herleiten des geschichtlichen Lebens aus diesen physischen und geographischen Verhältnissen als der eigentlichen Grundlage der Geschichte ist eine  naturalistische  Auffassung und ein Verzichten auf eine geistige und vernünftige Erfassung des geschichtlichen Lebens. Der Mensch ist da kein freier und vernünftig sich selbst bildender  Geist,  sondern nur ein von der Natur erzeugtes höher begabtes  Tier;  und die Auffassung der Geschichte als Produkt des bloß natürlichen Lebens ist nicht eine menschliche, sondern eine bestialische.


§ 4.

Die Weltgeschichte ist die Geschichte des in der Menschheit sich entwickelnden Geistes. Die Weise dieser Entwicklung ist aber im Geist der Menschheit wesentlich derselbe wie im einzelnen Menschengeist. Derselbe Gedanke, dasselbe Gesetz hier wie dort. Wir wollen dies erst näher erläutern und nachher aus dem Wesen der Sache selbst entwickeln.

Der Mensch tritt zuerst noch nicht als ein freies, selbstbewußtes Wesen auf, sondern er  wird  dies erst. Das Kind ist noch keine Macht seiner selbst, ist noch vorherrschend in der Macht der äußeren Umgebung, ist wesentlich nur empfangend, passiv, und in seinem beginnenden Bewußtsein erfaßt es zunächst nicht sich selbst, sondern nur die gegenständlichen Dinge, denen gegenüber es noch keinerlei Selbständigkeit hat. Dieses fremde Dasein ist noch die alleinige Macht über das Kind; dieses ist noch nicht Geist, sondern immer noch Naturwesen; und das Bewußtsein, daß es Geist, daß es ein Ich sei, ist für das Kind noch nicht da, nur als unbewußtes Drängen und Streben nach freier Geistigkeit im dunklen Hintergrund der Seele schlummernd. Und dieses Drängen und Streben aus dem ungeistigen, unfreien Zustand heraus unterscheidet das menschliche Kind von vornherein von jedem Tier. Das Kind ist, so wie es auftritt, in Streit und Zwietracht mit seinem Dasein; es ist mit seiner bloß natürlichen Lage, mit seiner unbedingten Abhängigkeit von der äußeren Welt nicht zufrieden, es fühlt sich unheimlich in diesem Zustand; es  will  nicht so bleiben, wie es ist, bloß passives Glied in der Kette der Dinge; es sträubt sich gegen seine Unfreiheit. Während das junge Tier sich wohl und behaglich fühlt und in vollem Frieden mit der Welt lebt, ist das menschliche Kind unbefriedigt und leidend; und diese unbehagliche Stimmung des Kindes, dieser ärgerliche Trotz des Subjekts gegen das objektive Dasein ist gerade das Siegel der Vernünftigkeit und der Anrtrieb zu einer höheren Entwicklung. -

Es bleibt nicht bei diesem unbewußten Widerstreben gegen die bloße Passivität und unbedingte Abhängigkeit, sondern der geistige Trieb bricht schließlich im Bewußtsein seiner selbst hervor. Die äußeren Dinge und ihre Eindrücke gehen vorüber, aber sie bleiben in der Erinnerung, sind etwas dem Kind Innerliches, sein Eigentum geworden, und das Kind kann über diese ihm nun  eigen  gewordenen Bilder nach Belieben schalten, während es über die Dinge  draußen  nichts zu verfügen hat. So lernt das Kind seine  innere  Welt unterscheiden von der äußeren, das Subjektive vom Objektiven, und  sich selbst  als den lebendigen Träger und Eigner dieser inneren Welt; und der Augenblick, wo das Kind zu einem Bewußtsein des Ich gelangt, sich als ein freies und selbständiges Wesen von der äußeren Welt mit Bewußtsein unterscheidet, ist die Geburtsstunde des  vernünftigen  Geistes; mit dem Selbstbewußtsein ist der Mensch  wirklich  geworden, und tritt aus seinem unwahren, noch seinem Begriff widersprechenden Zustand heraus.

Der Gegensatz zwischen dem subjektiven Geist und dem objektiven Dasein ist zu Bewußtsein gekommen, die Versöhnung desselben ist noch nicht gefunden. Zunächst ist eben nur die Spannung, das unversöhnte Gegenübersein vorhanden. Die nackte Zweiheit aber, der bloße Gegensatz, ist das ansich Unbegreifliche, widersteht jeder vernünftigen Erfassung, die überall nach der  Einheit  strebt, ist das für den erkennenden Geist schlechterdings Unverdauliche. Der kahle Gegensatz muß irgendwie vermittelt, die Zweiheit gelöst werden. Das kann aber, wo die  innere  Einheit des Gegensatzes noch nicht aufgegangen ist, nur so geschehen, daß eben die  eine  Seite des Gegensatzes  vor  die andere geschoben, als das Erste und Berechtigte anerkannt wird. Der Geist hat sich aber soeben erst aus der unbedingten Unterwerfung unter die gegenständliche Welt heraufgerungen, und der Dualismus ist gerade dadurch überhaupt erst hervorgebrochen, daß der Mensch zu sich selbst gekommen ist und sich der objektiven Welt gegenüber als ein selbständiges und berechtigtes Dasein erfaßte. Der Mensch kann also in der weiteren Entwicklung die Zweiheit nicht dadurch überwinden, daß er mit freiem Bewußtsein den früheren soeben bewältigten Zustand der Unfreiheit wieder herstellt und die frühere Knechtschaft zu einer selbstgewollten macht. Der aufgetauchte spannende Gegensatz kann vielmehr in einer notwendigen Rückströmung nur dadurch ausgeglichen werden, daß jetzt die andere Seite, die  subjektive, vorgeschoben wird, und als die berechtigte Macht über das objektive Sein auftritt. Die zweite Periode der geistigen Entwicklung, die Periode des  Knaben-  und früheren  Jünglingsalters  ist das Vordrängen der Subjektivität vor die Objektivität; jene gilt als das fast allein Berechtigte, und die äußere Welt soll sich dem subjektiven Willen fügen. In dieser Sturm- und Drang-Periode ist die Spannung des Gegensatzes zu einem völligen Kampf geworden; denn die gegenständliche Welt unterwirft sich eben nich so ohne weiteres dem ihr als Macht gegenübertretenden Subjekt, setzt ihm vielmehr einen zähen Widerstand entgegen, und mag der gegen jede äußere Macht unwillig ankämpfende junge Mensch noch so sehr in übersprudelnder Willenskraft die ihm hemmend entgegentretenden Mächte der Natur und der äußeren geistigen Welt, der bürgerlichen Ordnung zu überspringen suchen, er wird doch immer wieder in seine Grenzen zurückgeworfen, er muß das unüberwindliche Recht des objektiven Daseins erfahren. Dieses stürmische Anrennen des jungen Menschen gegen die als äußere Macht ihm gegenübertretende Welt erweist sich nun eben in diesen Niederlagen, welche er wiederholt erfährt, als ein Unwahres, als eine Einseitigkeit. Das Subjekt kann nicht, was es will, weil sein Wille, sein Anspruch  falsch  ist; und das Ergebnis dieses von der losgelassenen Subjektivität zum Bewußtsein gelangt, daß die Wahrheit nicht in der unbeschränkten Herrschaft des einzelnen Subjekts über die äußere Welt besteht, sondern daß eine innere Einheit des Diesseitigen und Jenseitigen sein muß, daß die gegenständliche Welt nicht eine dem einzelnen Subjekt geradezu feindliche und widerstreben ist, sondern mit diesem in eine innere Einigung treten muß. Das Subjekt gibt sich nicht an die äußere Welt auf, sondern erhält sich, aber erkennt auch das objektive Dasein als ein berechtigtes an, will es nicht in das Subjekt aufgehen lassen, sondern ein lebendiges und friedliches Wechselverhältnis zwischen beiden begründen. Dies ist der gereifte Standpunkt des Mannes.

Die drei Entwicklungsperioden des Menschen unterscheiden sich also so, daß in der ersten das  Objekt  über das Subjekt herrscht, in der zweiten das  Subjekt  über das Objekt, und in der dritten die  Versöhnung  des Gegensatzes errungen wird; wir können sie also als die  objektive, subjektive,  und die Periode der  Versöhnung  bezeichnen. Und wie der einzelne Menschengeist, so entwickelt sich auch im Großen und Ganzen der Geist der  Menschheit,  und wir werden dementsprechend auch hier drei große Perioden unterscheiden, eine  objektive,  wo das dem menschlichen Geist gegenüberstehende Objekt, die  Natur,  als Obergewalt anerkannt ist, und das menschliche Subjekt sich vor ihr beugt, - das Kindesalter der Menschheit; - eine  subjektive,  wo der subjektive Geist, im Gebiet des Menschlichen wie des Göttlichen, über die objektive Natur Macht hat; - und eine Periode der  Versöhnung  oder der Reife, wo die innere Einheit beider Gegensätze erkannt wird.

Was hier nur erläuternd angedeutet wurde, das wollen wir nun aus dem Begriff der Geschichte selbst entwickeln.


§ 5.

Es ist nur  ein  wahres Sein, das nämlich, zu dessen Begreifen ich nicht eines anderen vorausgesetzten Seins bedarf, also dasjenige Sein, welches nicht durch ein anderes Sein begründet ist, sondern der Grund seiner selbst ist, - zugleich auch der Begriff des  Geistes,  d. h. des  freien,  sich selbst bestimmenden, Seins ist, das können wir hier nur aussprechen, aber nicht auf die genauere Entwicklugn eingehen.

Man hat sich viel Mühe gegeben, um das Dasein Gottes zu beweisen, und meint hier die schwierigste Aufgabe des Denkens vorzufinden. Freilich, wenn man von der sinnlichen Erfahrung ausgeht, überhaupt vom Endlichen, und nun auf der Leiter Endlichkeit bis zum Unendlichen hinaufklettern will, so dürfte dieses Problem nicht nur ein sehr schwieriges, sondern ein unmögliches sein. An der Kette des Endlichen kann man in alle Ewigkeit nicht das Unendliche erreichen, und die kosmologischen, teleologischen Beweise etc., sind recht eigetnlich eine Wiederholung jenes babylonischen Turmbaus, wo die Menschen auch bis zum Himmel hinaufbauen wollten, indem sie Stein auf Stein fügten. Man glaubt die Welt sicher und begreiflich zu haben und sucht nur eine letzte Ursache dazu, die man aber zugleich für unbegreiflich erklärt. Die Sache ist vielmehr umgekehrt. Gott allein ist als notwendig zu denken, und sein Dasein das allein ansich begreifliche, während die Welt in ihren inneren Widersprüchen, die fort und fort auf etwas anderes hinweisen, uns ansich ohne Gott völlig unbegriffen bleibt. Nur das unabhängige, freie Sein, welches seinen Grund nicht außer sich hat, ist vernünftig denkbar; und ein solches sich selbst begründendes, sich selbst schlechthin besitzendes Sein ist eben  Geist,  dessen Wesen ja in einem sich selbst Begründen und Besitzen besteht; und ist eins und unendlich, als einiger und absoluter Geist, -  Gott. 


§ 6.

Es ist nur  ein  Sein wahrhaft, das auf sich selbst beruhende, und dieses eine Sein ist  Geist,  und dieser Geist ist unendlicher Geist, ist  Gott. Wenn  daher irgendein anderes  nicht  unbedingtes, nicht unendliches Sein ist, so kann es nur so begriffen werden, daß es  sein  Dasein  von  jenem einen unbedingten Sein empfangen hat, daß es durch Gott  gesetzt  ist. Der bedingte, einzelne, endliche Geist ist nicht schlechthin  aus sich  und  durch  sich, sondern  aus  Gott und  durch  Gott, ist ein  gesetzter,  ein  gewordener  Geist.

Der einzelne, der menschliche Geist ist nicht von vornherein fertig, er hat seinen Anfang genommen, es war bei ihm, wie bei dem Gott-Sohn des ARIUS, eine Zeit, wo er  nicht  war; und was einmal  nicht  war, das hat sein Dasein zunächst nicht aus sich selbst, sondern notwendig von einem anderen Sein, welches  vor  dessen Anfang war.

Die metaphysische Entwicklung des Endlichen, des Kreatürlichen aus dem Unendlichen, Göttlichen kann hier natürlich nicht gegeben werden. Wir lassen hier das besondere, das weltliche Dasein als bestehend gelten, und machen nur unter dieser Voraussetzung den notwendigen Schluß:  wenn  irgendetwas Bedingtes oder Begrenztes oder Endliches, - also auch der einzelne, der menschliche Geist, - existiert, so ist das Sein desselben  im  schlechthin und an und für sich Seienden begründet, ist  aus  dem göttlichen Sein, und  durch  dasselbe.


§ 7.

Der menschliche Geist ist im Gegensatz zum unbedingten göttlichen Geist ein kreatürlicher, ein gesetzter Geist. - Aber das Wesen des Geistes besteht gerade im Gegensatz zum unfreien Natur-Sein darin, daß er ein  freies,  sich selbst bestimmendes Sein ist, dessen Wirklichkeit seine eigene Tat ist, ein Sein, welches sich selbst in eigener Machtvollkommenheit zu dem  macht,  was es ist, dessen wirkliche Gestaltung also überall den Charakter einer sittlichen Freiheit trägt. Der Mensch ist für seinen persönlichen Charakter und sein Wesen verantwortlich. Der Geist bestimmt sich  selbst  in seinem Wesen; seine Wirklichkeit ist das Produkt  seines  Tuns, nicht einer ihm  fremden  Macht, wie bei den Naturdingen.

Das Tier ist gewissermaßen bloßes  Objekt,  ist nicht von sich selbst, sondern von der allgemeinen Naturmacht zu dem gemacht, was es ist, seine Wirklichkeit ist nicht das Produkt  seiner  Tätigkeit. Der Geist verwirklicht in seiner persönlichen Ausbildung sich selbst, objektiviert sich selbst; die Persönlichkeit eines Menschen ist sein eigenes Gebilde, sein eigenes Werk; des Menschen geistige Wirklichkeit ist das vollkommen reale Abbild seines geistigen Tuns, und eben drin, daß der Geist sich auf diese Weise selbst seine Wirklichkeit wesentlich bestimmt, und als eine bestimmte  setzt  - daß der Geist sich also gleichsam selbst erzeugt, selbst entfaltet, sich selbst objektiviert, sich seine eigene Wirklichkeit erschafft, und sich so selbst  hat  und in seiner wirklichen persönlichen Gestaltung nicht in einem  fremden  Gebiet und in einem fremden Besitztum ist, sondern in seiner eigenen, von ihm selbst erschaffenen Welt, in seiner Heimat,  bei sich  selbst, - darin eben besteht die  Freiheit  des Geistes; und diese Freiheit ist sein Wesen.


§ 8.

Der Geist ist seinem Begriff und Wesen nach  frei,  bestimmt sich selbst, und nur ein  bestimmtes  Sein ist wirklich; seine Wirklichkeit also ist wesentlich von ihm selber bedingt, - und darin eben unterscheidet er sich gerade vom  nicht  freien, nicht sich selbst wahrhaft bestimmenden, sondern unfrei bestimmten Natursein. Das ist die eine Seite. - Der einzelne, kreatürliche, vom absoluten Geist geschaffene Geist ist aber in seinem Dasein wieder  nicht  durchaus von und durch sich selbst, sondern hat das Sein zunächst von einem einzig wahren Sein und Geist. Das ist die andere Seite. Und diese zwei Seiten stehen in einem schroffen Gegensatz zueinander, scheinen einander geradezu zu widersprechen. Der Geist ist einmal in seiner Existenz geschaffener Geist, ist  nicht  von sich, ist passiv, unfrei, - dann ist er seinem Begriff und Wesen nach wieder frei, sich selbst bestimmend und sich zu einem  solchen  Geist machend. In diesem inneren Gegensatz liegt die Notwendigkeit einer Entwicklung.

Die zwei einander zunächst widersprechenden Seiten des einzelnen Geistes verhalten sich zueinander wie Natur und Geist. Die passive, unfreie Seite des Geistes, insofern er eben ein vom absoluten Geist  gesetzter  ist, entspricht der Natur, deren Wesen ja eben die Unfreiheit, das Gesetztsein, das nicht von sich selber Sein ist. Die Natur ist bloßes Objekt, dessen Subjekt nicht die Natur, sondern eben der schöpferische Urgeist ist; so ist auch der endliche Geist als kreatürlicher ein bloßes Objekt, ist noch nicht sein  eigenes  Objekt, ist noch nicht  für sich,  weil er nicht  von sich  ist; - während der wirklich zu sich selbst gekommene, der bewußte Geist, sein  eigenes Objekt ist, und sich selbst bestimmend  in Subjekt und Objekt unterscheidet. So hat der kreatürliche Geist eine  Natur seite an sich.


§ 9.

Der Geist ist als gesetzter  unfrei,  nicht von und durch sich selbst; als  Geist  aber ist er  frei,  durch sich selbst. Jenes ist ein tatsächlicher erster Zustand, der Zustand der kindlichen Unmündigkeit; dieses ist sein Wesen, sein Begriff, und weil er eben  nicht  unmittelbar als freier, sich selbst bestimmender auftritt, so ist es seine  Aufgabe,  sich aus seinem ersten noch unwahren und unfreien Zustand zu seiner Wahrheit zu erheben.

Der Widerspruch ist überall das fortbewegende Element, die Unruhe des Lebens; er sucht seine Lösung, kann als Widerspruch nicht bestehen; und dieser Drang nach Aufhebung des sich Widerstreitenden ist der Antrieb zur Fortentwicklung; so wie die Kugel unwiderstehlich bergab rollt, weil zwischen ihrem Streben, ihren Schwerpunkt unterstützt zu haben, und zwischen ihrer Unterlage, die diesen Ruhepunkt nicht bietet, ein Widerspruch besteht. So rollt die Entwicklung des Geistes und der Weltgeschichte unaufhaltsam vorwärts, weil zwischen ihrem Wesen, ihrem Begriff, ihrer Aufgabe einerseits und ihrer vorgefundenen Wirklichkeit andererseits ein Widerspruch besteht.


§ 10.

Der menschliche Geist  ist  bei seinem Anfang nicht das, was er seinem Wesen nach sein  soll  und  muß;  er ist unfrei, passiv, mit einem Naturcharakter behaftet, und soll frei, aktiv, sich selbst schlechthin bestimmend, selbstbewußt sein. Er  kann  also kraft seines inneren Wesens und Begriffes nicht so  bleiben,  wie er sich vorfindet, muß sich aus seinem unfreien Zustand heraus zu seiner Freiheit emporarbeiten, sich entwickeln. Der absolute Geist  ist  das, was er seinem Begriff nach sein  soll;  der endliche Geist  wird  erst was er sein soll; er hat also eine Entwicklung; die Entwicklung des Geistes ist aber wesentlich  Geschichte.  Der kreatürliche Geist hat also kraft seines inneren Wesens, dem seine vorgefundene Wirklichkeit widerspricht, eine  Geschichte.  Dies gilt vom einzelnen Geist geradeso wie vom Gesamtgeist der Menschheit, der ja auf der Gesamtheit der einzelnen Geister ruht.

Die Geschichte ist der Befreiungskampf des Geistes von seinem unwahren Zustand, in dem er sich vorfindet. Der geschaffene Geist ist nur sein eigener Keim, ist noch der Vogel-Embryo, in der harten Schale der Natur befangen, und arbeitet sich erstarkend aus der dunklen Hülle heraus ans Tageslicht und an die Freiheit, - er ist der aus seiner Verpuppung, aus der bloßen Natürlichkeit sich herausringende Schmetterling.


§ 11.

Diese  Arbeit  des Geistes, zu sich selbst und zu seine Wahrheit zu kommen, hat nun kraft der Voraussetzungen, von denen sie ausgeht, notwendig drei Hauptperioden.

1) Zuerst ist der Geist noch in seinem vorgefundenen, passiven Zustand, ist eben  gesetzter,  nicht sich selbst setzender und bestimmender Geist; - also ein Zustand der Passivität. Der Geist ist hier noch nicht wahrhaft der Grund seines Seins, sondern sein Dasein hat seinen Grund außer sich. Das ist aber das Wesen der  Natur  im Gegensatz zum Geist. Der Geist trägt also hier noch vorherrschend einen Naturcharakter, ist unfrei,  wird  bestimmt, bestimmt sich noch nicht selbst. Die ihn bestimmende Macht ist nicht er selbst, sondern das  objektive  Dasein. Diese Periode charakterisiert sich also als das Herrschen des  objektiven  Daseins über das subjektive; - die Periode der  Objektivität. 

Der Mensch sucht auf diesem Standpunkt die Wahrheit überhaupt nicht in sich, sondern  außer  sich, also auch außerhalb des Geistes, also in der  Natur,  denn dem Geist überhaupt ist eben die  Natur  das objektive Dasein. Dieser Standpunkt ist also wesentlich  Naturalismus.  Die Natur ist das Wahre, der subjektive Geist ist das Unwahre, und hat sich daher jener schlechterdings unterzuordnen. - Es ist dies die Weltanschauung des größten Teils des Menschengeschlechts, und bildet das Wesen der ersten Periode der Geschichte der Menschheit. -

Ein Bild dieser Periode der Menschheit ist das  Kind.  Es ist noch dem objektiven Dasein völlig untergeordnet, erkennt dieses als souveräne Macht über sich an, wird von diesem getragen und bestimmt. In der gebildeten Menschheit ist diese objektive Welt, welche sich als bewältigende Macht über das Kind bewährt, allerdings nicht bloß die Natur, sondern ist größtenteils schon die geschichtlich errungene Bildung; das Kind wird von der  Geschichte  getragen, fällt nicht der Natur anheim, sondern wird getauft auf den Namen des absoluten  Geistes.  Aber diese Geschichte, diese Bildung, welche als erziehende Macht an das Kind herantritt, ist für dasselbe doch eine äußere, eine objektive; - und indem die  Autorität  die Grundlage aller Erziehung bildet, ist damit der objektive Charakter derselben ausgesprochen, denn die Macht der Autorität beruth eben auf dem Anerkennen des  objektiven  Daseins als des wahren von Seiten des Kindes. Schärfer aber als beim schon unterrichtsfähigen Kind tritt der Charakter dieser Periode beim Säugling hervor, der fast noch ganz und gar den äußeren Mächten verfallen ist, und der  Natur  gegenüber noch ganz unselbständig erscheint.


§ 12.

2) Die zweite Entwicklungsperiode ist nun die, wo sich der Geist von dieser Macht des objektiven Daseins befreit, und sich als  Subjekt  selbständig demselben gegenüberstellt. Es ist das also ein Dualismus, der aber dadurch zu einer Lösung gelangt, daß nun das zu sich selbst gekommene  Subjekt,  nachdem es seine Fesseln gebrochen hat, sich in den Vordergrund drängt, sich als das Höhere im Gegensatz zum objektiven Dasein, zur Natur erfaßt. Der aus seiner Unfreiheit, aus seiner Knechtschaft heraustretende subjektive Geist stellt sich in einem stolzen Selbstgefühl dem objektiven Naturdasein als ein Mehrberechtigtes gegenüber, blickt auf dieses als auf das Niedere verächtlich und feindselig hin; er hat  sich  gewonnen, und der frei gewordene stößt die objektive Natur, die ihm früher despotische Herrscherin war, zürnend zurück.

Die zweite Periode charakterisiert sich also durch das Vorwalten des  subjektiven  Geistes über das objektive Dasein, über die Natur. Aber eben der  einzelne  Geist war es, der als einzelner unfrei war, und der einzelne ist es wieder, der sich befreit. Das Subjekt in seiner Einzelheit, der  individuelle  Geist ringt sich hier zur waltenden Macht empor. Suchte der Mensch früher draußen, in der Natur, das wahre Sein, das Höchste, von dem alles Übrige ausgeht, das Göttliche, - so sucht er es jetzt auf der anderen Seite, im  Geist,  aber nicht im  absoluten  Geist, der ihm noch unbekannt ist, sondern eben in  dem  Geiste, den  er  begreift, das ist der  einzelne  subjektive Geist. - Das einzelne geistige Subjekt ist das Letzte und Höchste, ist das wahre Sein, dem sich das objektive Dasein beugen soll. Die Natur ist aber ansich schon da, ist nicht  durch  den subjektiven Geist; die Idee der Weltschöpfung ist hier noch ganz unbekannt; die Natur wird höchstens durch die geistige Macht des Subjekts  gebildet,  geformt, - der Geist ist nicht absoluter Herr der Natur, sondern  will  sich nur als Macht  über  sie, die nicht  von  ihm ist, offenbaren. Dieses Bewältigen der Natur durch den subjektiven Geist erscheint, weil die Natur ansich dem Geist  fremd  ist, daher vorherrschend als ein  Kampf  erscheint; - und bei allen hierhergehörigen Völkern treffen wir auf Mythen von solchen gewaltigen Kämpfen des subjektiven Geistes mit den objektiven Mächten; - der Kampf des OSIRIS mit TYPHON, des ORMUZD mit AHRIMAN, die Titanenkämpfe gehören hierher.

Die dieser Periode der Menschheit gleichlaufende Stufe des einzelnen Menschen ist das Jünglingsalter. Beim Jüngling drängt sich das Subjekt in den Vordergrund, und ihm gegenüber darf nichts anderes gelten; dem subjektiven Meinen und Wollen soll sich alles übrige beugen, unberechtigt sein. Die ganze äußere Welt soll sich dem zufälligen subjektiven Schema des Jünglings fügen, so womöglich nach demselben umgestaltet werden oder bei den unedleren Naturren durchweg zum Dienst ihrer Genüsse hergeben.


§ 13.

3) Die zweite,  subjektive  Weltperiode ist aber auch wie die erste in Einseitigkeit befangen. Es ist kein Frieden in der Welt, sondern eitel Kampf; der Dualismus ist durch das Vorschieben des Subjektes über die objektive Welt nicht überwunden, sondern bricht durch alle scheinbaren Verhüllungen wieder hindurch, und läßt das Dasein zu keiner Einheit, darum auch zu keiner Vernünftigkeit gelangen. Die höchste Entwicklung der subjektiven Weltperiode, - das Griechen- und Römertum, - ist nicht über die Zweiheit von Geist und Materie hinausgekommen, und die Welt ist darum bei PLATO nicht wahrhaft in sich einig, nicht schlechthin  gut,  wie sogleich im ersten Kapitel der Genesis, sondern nur die  möglichst  beste Welt, d. h. mit einer unüberwindlichen Mangelhaftigkeit behaftet. Das Dasein wird hier noch nicht ein wahrhaft vernünftiges, denn unaufgehoben bleibt die feindselige Spannung der Gegensätze, und unerreicht die Versöhnung. Nur die Einheit ist das Vernünftige, und der ungelöste Zwiespalt ist das Unvernünftige.  Ein  Geist ist aller Dinge einiger Grund, und nur der Einheit Erkenntnis ist die Vernunft. Bekämpft und teilweise gebunden zwar wird in der zweiten Periode die objektive Natur durch den subjektiven Geist, aber nicht von ihm  geschaffen,  sie bleibt ihm eine fremde, unüberwindliche Macht, die ihm gegenüber ihr eigenes Recht hat. Macht gegen Macht und Recht gegen Recht, - über diese Zweiheit dringt diese Periode nicht hinaus. Aber unbegriffen bleibt, was von Haus aus zwiespältig ist; den  begreifen  ist überall ein Erfassen des  Einen  im Mannigfaltigen. - Darum findet der menschliche Geist bei dieser Zweiheit keine Ruhe, muß kraft seiner Vernünftigkeit weiter arbeiten, um zur Einheit des Gegensatzes zu gelangen.

Natur und Einzelgeist sind die zwei Weisen, wie sich das eine wahre Sein, der unbedingte Geist  schaffend  offenbart; die Natur, als das reine Objekt, gegenüber dem göttlichen Subjekt, das schlechthin Passive, Gesetzte, Geschaffene, - der einzelne oder subjektive Geist als das göttliche Moment  am  Geschaffenen, als sie ihrem Urquell zugewandte und von ihrer Sonne beleuchtete, und darum wieder leuchtende Seite der Kreatur, das Gottverwandte in dem von Gott Geschaffenen, das Band zwischen dem rein Kreatürlichen und seinem Schöpfer, das Abbild des Schöpfergeistes in seinem Werk, das in den Tropfen des Naturseins in die bunten Farben des Regenbogens gebrochene Sonnenlicht des Urgeistes. Natur und Geist sind aber  eines  Schöpfers Werk,  einer  Wurzel gleichentstammte Sprossen, und  eines  Akkordes verschieden tönender Klänge. Der innere Einklang der geistigen und der natürlichen Welt, des subjektiven und objektiven Daseins, ist der Charakter einer  vernünftigen  Erfassung der Dinge. Und daß nun beide Welten in diesem inneren Einklang aufgefaßt werden, nicht als selbständiger Urgegensatz einander gegenübergestellt, sondern als Strahlen  eines  Lichtes erkannt werden, daß der Gegensatz nicht als das Erste und Letzte erscheint, sondern der  eine  unendliche Geist als das wahre Sein erfaßt wird, aus dem alles andere erst entquillt, - das ist das Wesen der dritten Weltperiode, der Periode der  Versöhnung. 

Das Bild dieser Stufe ist das reife Mannesalter, in welchem sich die früheren feindseligen Gegensätze der subjektiven und objektiven Welt in eine ruhige Eintracht lösen, das Recht der außer uns vorhandenen Welt und ihrer Ordnungen anerkannt wird, ohne das freie Subjekt in Knechtschaft zu beugen.
LITERATUR Adolf Wuttke, Geschichte des Heidentums [in Beziehung auf Religion, Wissen, Kunst, Sittlichkeit und Staatsleben[, Bd. 1, Breslau 1852