ra-2ra-1Formen der MystikWissenschaft und ReligionVon der Mystik unserer Zeit    
 
BERNHARD WITIES
Der Mystizismus
und die Klarheit des Denkens


"Eine wirklich echte und wahre Überzeugung ist viel seltener vorhanden, als man gewöhnlich annimmt. Als ein Beweis hierfür kann die Tatsache vom Vorhandensein der unermeßlichen Fülle von unrichtigen Behauptungen und falschen Meingungen gelten, die als gesicherte Wahrheiten ausgegeben und gelehrt werden, und zwar hauptsächlich auf philosophischem und religiösem Gebiet. Alle die Vertreter des Falschen können nicht subjektiv von der Wahrheit ihrer Lehren wirklich überzeugt sein. Denn der Natur der Sache nach, kann eine echte, ehrliche Überzeugung nur mit einer klaren Einsicht, mit einem deutlichen Überschauen verbunden sein, mit der Klarheit der Erkenntnis ist aber, wenigstens in der Regel, auch die Wahrheit verknüpft. Die zahlreichen Vertreter des Unrichtigen und Unwahren müssen also gewiß infolge der damit notwendig verbundenen Undeutlichkeit, ein bestimmtes Gefühl haben, daß, was sie behaupten, wohl nicht wahr ist, oder zumindest, daß es  möglicherweise  nicht richtig ist. Dann ist aber wenigstens der Ton der vollen Überzeugung nicht ganz ehrlich, und sie müßten ihre Lehren als bloße Meinungen und nicht, wie es in der Regel geschieht, als ausgemachte Tatsachen vortragen."

Wenn wir die fortschreitende intellektuelle Entwicklung der Menschheit, die immer weitergehende Ausbildung und Vermehrung der menschlichen Erkenntnis, mit der rastlosen Vorwärtsbewegung eines ewigen Wanderers vergleichen wollten, der sich etwa vorgenommen hätte, den Erdball nach allen Richtungen hin zu umschreiten und zu durchforschen, dann könnten wir dem Wechsel von Tag und Nacht, dem der Wanderer in seiner Fortbewegung unterworfen sein müßte, in unserer Erkenntnis einen ähnlichen periodischen Wechsel gleichsetzen: den der Oberherrschaft bald der klaren Vernunft und bald der dunklen Mystik, durch welchen Wechsel der Gang unserer Erkenntnis bestimmt wird. Wenigstens scheint es mir, daß der Verlauf der philosophischen Entwicklung und die Geschichte der menschlichen Erkenntnis überhaupt, sich sehr gut von einem solchen Gesichtspunkt aus betrachten und gruppieren lassen. Wie ein solcher Wanderer während des hellen Tages ein weites Stück Weges vorwärts gelangt, dann aber durch die einbrechende Nacht in seinem Lauf gehemmt wird, und während ihrer ganzen Dauer entweder gar nicht von der Stelle kommt oder sogar auf Irrwege gerät und sich eine gute Strecke rückwärts bewegt, ebenso geht es der menschlichen Erkenntnis im Zeitenwechsel zwischen dem Vorherrschen des hellen Verstandes und dem des unklaren Mystizismus: nach raschen und bedeutenden Fortschritten, tritt auf einmal ein Stillstand oder ein Rückschritt ein. Die beiden Wanderungen, die der fortschreitenden Erkenntnis und die des forschenden Wanderers, gleichen ferner auch hierin einander, daß wie dieser Wanderer auch bei seinem blinden Herumtappen in der Nacht doch aufs Geratewohl vorwärts gelangen kann, ebenso kann unsere Erkenntnis auch durch die mystischen, ungewissen Streifzüge manches Wertvolle gewinnen. Beides sind aber unsichere Fälle, die nur ausnahmsweise eintreten. Dagegen besteht ein bedeutsamer Unterschied zwischen beiden darin, daß, während ein derartiger Weltwanderer die Vorzüglichkeit der Tageshelle wohl zu schätzen weiß und zu erkennen vermag, daß sie für sein Vorwärtsschreiten ungleich größeren Wert hat, als das nächtliche Dunkel, weshalb er sich dann auch nach dem Tageslicht sehnt, so verhält es sich bei der geistigen Wanderung ganz anders: hier ist der menschliche Geist in der Nachtzeit des Mystizismus der Klarheit der Vernunft durchaus feind, deren Wert und Bedeutung er dann in Abrede stellt. Der Klarheit der Vernunft ist dies auch sehr gefährlich, da die Mystik bestrebt ist, die dauernde Alleinherrschaft an sich zu reißen und alles verstandesmäßige Erkennen zu vernichten. Für die Anhänger einer fortschreitenden Vervollkommnung des Menschengeschlechts ist aber diese Feindschaft der Mystik gegen die Vernunft nicht gleichgültig, da allein auf der Vernunfterkenntnis eine regelmäßige, vorwärtsgehende Entwicklung der Menschheit beruhen kann. An bedeutsamen Zeichen unserer Zeit wollen nun gute Beobachter erkennen, daß wir uns gegenwärtig am Anfang einer Periode mystischer Reaktion befinden, und es kann deshalb eine psychologische Betrachtung des Wesens der Mystik, sowie dessen Klarheit des Denkens und deren Verhältnis zueinander vielleicht auch von einigem praktischen Nutzen sein. Wir wenden uns erst zum Mystizismus.


I. Die Quellen der Mystik

Die  Grundlage  aller Mystik ist eine unklare, undurchsichtige Unwissenheit. Nur auf einem solchen Boden können alle jene Vorstellungen entstehen, die man unter dem Begriff Mystik versteht. Das klare Wissen, dem auch das klar begriffene Nichtwissen beizuzählen ist, vernichtet überall, wo es hingelangt, notwendigerweise allen Mystizismus und jede Schwärmerei. Diese Tatsache gilt allgemein ohne Ausnahme, und wir dürfen sie ja nicht außer acht lassen. Aller Mystik Anfang ist die Unwissenheit. Aber nicht jede dunkle Unwissenheit, jedes Unverständnis ist auch schon sogleich Mystik. Sie ist nur deren notwendige Voraussetzung und Bedingung, zu der noch etwas Wesentliches hinzukommen muß, um eine Mystik zu schaffen. Bloß der Boden, auf dem sich das dunkle Meer der Mystik ansammelt und bildet, ist die Unwissenheit, und wir müssen noch nach den Quellen suchen, aus denen diese Gewässer fließen. Dan nun diese Quellen nicht in der klaren Erkenntnis, im Intellekt liegen können, zu dessen Wesen die Verständlichkeit gehört, wie wir noch sehen werden, so müssen sie in der Gefühls- und Willenssphäre entspringen. Und in der Tat denken und philosophieren ja alle Mystiker vorwiegend gewissermaßen mit dem Herzen, wie dies zahlreiche Aussprüche der Mystiker selbst bezeugen.

In dieser Emotionssphäre nun scheinen mir vor allem zwei verschiedene Quellen den Mystizismus hervorzurufen und zu speisen; ich will sie bezeichnen als:
    1. den naiven Eigendünkel und
    2. die Sehnsucht.
Beide wirken in der Regel miteinander zusammen, und beide sind nur wirksam in Gemeinschaft mit der individuellen oder allgemein menschlichen Ohnmacht. 1. Der naive Eigendünkel: In unserem Innern findet ein fortwährender Kampf mit wechselndem Sieg zwischen den beiden psychischen Hauptmächten statt: zwischen dem Intellekt und der Emotion; - deutsche äquivalente Ausdrücke, die sich mit diesen beiden ganz deckten, besitzen wir nicht. - Der Intellekt strebt danach, alle Gefühls- und Gemütserregungen zu durchleuchten und zu durchschauen, während die Emotionen umgekehrt den Intellekt zu überwältigen und sich blindlings untertan zu machen suchen. In den Fällen, wo der Intellekt den Sieg gewinnt, da verbreitet er über die inneren Zustände Klarheit, so daß das Bewußtsein genau weiß, was es da vor sich hat. Da ist nirgends Raum für dunkle Ahnungen und mystische Vorstellungen. Dies ist der regelmäßig vorherrschende Zustand der großen Denker und Forscher, wie z. B. eines DESCARTES, SPINOZA oder KANT. Wo dagegen der Intellekt der Emotionen nicht Herr werden kann, gleichviel ob wegen der zu großen Stärke der Gefühle oder der zu großen Schwäche des Geistes, wenn jene die Oberhand über den Geist gewinnen, insbesondere in der Ekstase, da schiebt das Subjekt die Schuld hiervon nicht einem Unvermögen seiner Vernunft zu, was es ja in allen Fällen ist, da denkt es nicht daran, daß die Ekstase immer einen Zustand intellektueller Ohnmacht darstellt, sondern es sucht nach einem objektiven Grund dieser vorherrschenden Verdunklung des geistigen Schauens und Durchschauens. Und nun tritt eben der naive Eigendünkel in Tätigkeit, der es ja bewirkt, daß der Mensch allezeit aus seiner ohnmächtigen Schwäche einen großen Vorzug macht, und läßt hier das Subjekt glauben, es könne deshalb seine Gefühle nicht durchdringen, weil sie überhaupt undurchdringbar sind, indem sie in kaum zu ahnende Tiefen hinabreichen. Auf diese Weise findet also das ekstatische Subjekt, daß die Ursache des Dunkels in seinem Innern und des Vorherrschens unverstandener Gefühle, nicht etwa eine momentane oder angeborene Schwachheit seines Intellekts ist, sondern es bildet sich die Meinung, daß der Intellekt überhaupt zur Erschöpfung dieser Tiefen, die es ahnt oder wähnt, völlig unzulänglich ist und immer bleiben wird. - Diese horrende Schlußfolgerung, die vom eigenen Nichtkönnen auf die absolute, unabänderliche Ohnmacht des Intellekts als solchen schließt, zieht der Mystiker in der Regel in ganz naiver Weise und zum Teil unbewußt und unwillkürlich. Dieser Umstand unterscheidet ihn zu seinem Vorteil vom extremen, grundsätzlichen Skeptiker, der eine ähnliche Schlußfolgerung mehr bewußt und gewollt vollzieht.

So entsteht dann dem Mystiker die Vorstellung von geheimnisvollen, unausdenkbaren willens- und gefühlsartigen Tiefen, welche Vorstellung dann auch bei anderen Gelegenheiten vortreffliche Dienste leistet. Denn sie erweist sich in ihrer verschwommenen Unbestimmtheit zu allen möglichen Erklärungen brauchbar, und so tritt sie dann überall, wo ein Verständnis der Tatsachen nicht gleich zu erlangen ist, an die Stelle von wirklichen Erkenntnissen. Namentlich in der Erklärung der Gesamtheit der inneren wie der äußeren Welt, in der Auffassung des ganzen Universums, sucht sie zu besonderer Geltung zu gelangen; denn hier hat der klare Intellekt am wenigsten festen Boden gewonnen, hier gibt es am wenigsten positive, deutliche Erkenntnisse zu überwinden. Daher wird diese Gesamtheit mit jenen geahnten Tiefen einfach identifiziert. Dieses mystische Bild der ganzen Welt ist aber nur eine Folge des naiven Hochmutes und Eigendünkels, der den Menschen verhindert, zu erwägen, daß ein anderer hellerer Intellekt diese ganze angeblich unermeßliche Tiefe möglicherweise sehr gut duchschauen könnte, und dann die Klarheit des Bewußtseins alles täuschende Dunkel siegreich vertreiben würde.

2. Die Sehnsucht: Wie in unserem Innern, wie wir gesehen haben, ein beständiger Kampf herrscht zwischen dem Erkennen und dem Fülen, dem objektiven und dem subjektiven Seelenvermögen, so ist ein ähnlicher permanenter Kriegszustand vorhanden zwischen der objektiven und subjektiven Welt überhaupt, ein Widerstreit zwischen den tatsächlichen Verhältnissen, der realen Wirklichkeit einerseits und unserem Wünschen und Begehren, Wollen und Streben andererseits. Ein wirklicher Friede tritt zwischen diesen beiden Parteien niemals ein, da sie niemals wirklich zueinander passen. Das kann gar nicht geschehen. Denn entweder ist die Wirklichkeit den Wünschen und Strebungen des Subjekts entgegengesetzt, oder aber, wo der Mensch all sein Verlangen reichlich gewährt bekommt, da wird er nach einem bestimmten psychologischen Gesetz launisch und verlangt dann immer gerade danach, was nicht vorhanden ist. Differenzen muß es also zwischen diesen Gegnern immer geben. In der Regel sind es aber solche, die aus dem Versagen der Wirklichkeit gegen die begründeten Bedürfnisse des Individuums entspringen. Und da der Mensch gegen diese herrschenden Übel meistens ohnmächtig ist, so entsteht ihm daraus eine immerwährende Unzufriedenheit, die je nach den Menschen und den Zeiten wohl graduell sehr verschieden sein kann, die aber gewiß keinem Menschen gänzlich fehlt. Diese Unzufriedenheit nun bringt eine immer wirksame, wenn auch gewöhnlich unbewußte Sehnsucht hervor, die die äußere Welt wenigstens in der Einbildung sich zu unterwerfen und dienstbar zu machen bestrebt ist. Auch sie gelangt natürlich am meisten da zur Wirkung, wo ihr am wenigstens Hindernisse entgegenstehen, d. h. wo klare Einsichten und Erkenntnisse ihr nicht im Wege liegen. Je allgemeiner aber die Fragen sind, zu denen sich der menschliche Geist getrieben fühlt, je mehr sie sich der unmittelbaren Wahrnehmung entziehen und den Horizont der direkt zugänglichen Forschung überschreiten, umso weniger gewiß und sicher können hier die Antworten und Erkenntnisse sein, umso mehr Spielraum bleibt somit unserer Sehnsucht zu ihrer Geltendmachung und eingebildeten Befriedigung übrig.

Diese Befriedigung wird nun am meisten erreicht, wenn das Individuum sich identisch weiß mit der gesamten Welt außer ihm, wenn alles Vorhandene, dadurch, daß es als ihm wesensgleich gilt im Fühlen und Wollen, ihm auch als sein Eigentum angehört. Und so versetzt die Sehnsucht einfach das Subjekt mit seinen dunklen Wünschen und Trieben überall hin, wo sie den Platz unbesetzt glaubt, d. h. also in alle philosophischen und religiösen Erkenntnisgebiete. Indem das Subjekt diese seine gefühlsmäßige Tätigkeit schließlich doch einigermaßen intellektuell aufzufassen bemüht ist, indem es darauf reflektiert und diese vom Gemüt erzeugten, vom Willen beherrschten dunklen Gebilde in Lehrmeinungen und Begriffe, wenn auch noch so unklarer Art, umzusetzen strebt, da es ja sonst nichts davon irgendwie zum Ausdruck bringen könnte, so haben wir da eben einen eigentlichen Mystiker vor uns, einen Menschen, der lehrt, daß das Wesen des Individuums mit seinen Zuständen und Empfindungen nicht bloß dem Individuum eigen sei, daß das Individuelle überhaupt eine Täuschung sei, da dessen Wesen allen Dingen und der Allheit der Dinge angehöre, die sonach eine erkennbare oder richtiger eine empfindbare Einheit mit dem Individuum ausmachen. Daraus folgt konsequenterweise die Ansicht, daß die lebhafteste Empfindung von dieser Einheit, die  Unio mystica,  die höchste Wahrheit und den erhabensten Zustand bildet, der einem Wesen erreichbar ist.

Diese Anschauung könnte sich aber nicht entwickeln, ohne die von einer anderen Seite her gewonnene Vorstellung von abgrundtiefen, unfaßbaren Zuständen, und vor allem nicht, ohne das Gefühl der Ohnmacht gegenüber den obwaltenden Verhältnissen. Das ist sehr interessant, zu erkennen, wie sich aus dem Gefühl der Ohnmacht ein extrem entgegengesetztes Gefühl von Allmacht und Göttlichkeit herausbildet, indem erst die eigene Menschlichkeit auf Gott und das Universum übertragen wird. Würde aber der Mensch sein Begehren und Wünschen durch volle Befriedigung, was freilich nicht möglich ist, oder sonstwie wahrhaft vernichten, anstatt sie bloß zu unterdrücken und latent zu erhalten, dann hätte er gar keinen Anlaß, die umfangreichen, unaufgehellten Gebiete der menschlichen Erkenntnis mit seinen Trieben zu bevölkern und so ganz zu vermenschlichen. Andererseits könnte er dies gar nicht in solch mystischer Weise tun, auch wo er dazu von seiner unbefriedigten Sehnsucht getrieben würde, wenn er diese Sehnsucht durchschauen würde, oder wenn jene Gegenden vom Licht der Vernunft erhellt wären, wenn da nicht, wenigstens für ihn, völlige Unwissenheit verbreitet wäre. Erst auf einer solchen trüben Grundlage können die geschäftigen Baumeister Eigendünkel und Sehnsucht, von der Ohnmacht angespornt, den Feenpalast der Mystik errichten. Und diese Baumeister wissen genau, daß sich dieses seltsame Gebäude auf einer anderen Grundlage, auf einer vernünftigen Fundamentierung nicht erhalten könnte, weshalb sie dann jeder dahin gerichteten, derartigen Untersuchung, jedem hellen Schein, der vom Intellekt herstammt, von Herzen feind sind.

Zu diesen zwei Hauptfaktoren der Mystik können wir noch als drittes, ,sehr förderndes Moment eine charakteristische Eigenschaft des menschlichen Geistes hinzufügen; es ist dies seine Beharrung oder seine Trägheit. Ich will nebenbei bemerken, daß ich die Bezeichnungen nicht mit Rücksicht auf irgendeine Wertbestimmung wähle, sondern allein aus sachlichen Gründen: diese Ausdrücke scheinen mir den Kern der Sache zu treffen. Jene Eigenschaft besteht nun darin, daß der Intellekt nicht leicht und nicht gern mit ungleichmäßigen Veränderungen rechnet, daß er vielmehr geneigt ist zu verallgemeinern, wie wir uns ausdrücken, d. h. einen wahrgenommenen Zustand sowohl räumlich in die unbekannten Gegenden hinein als sich gleichbleibend anzunehmen, wie auch zeitlich in die unbekannte Zukunft hinaus. Darauf beruhen ja wohl die meisten Täuschungen und falschen Schlußfolgerungen, daß nämlich aus Trägheit zu voreilig dem Bekannten gemäß auf das Unbekannte geschlossen wird. Insbesondere verlockt eine schöne Außenseite den Geist unwillkürlich zu der Annahme, daß dieses Schöne sich nach allen Seiten und in das unwahrnehmbare Innere hinein fortsetzt. Bei nicht zusagenden Wahrnehmungen allerdings geschieht das nicht so leicht, da hier das Wünschen und die vorhin genannte Sehnsucht sich dieser Trägheit entgegensetzen und die Hoffnung, im allgemeinsten Sinne des Wores, hervorrufen. - Diese Trägheit des Geistes nun trägt viel dazu bei, die Empfindungen und Gefühle, welche uns manche Dinge oder deren Vorstellungen verursachen, einesteils in das unbekannte Innere dieser Dinge selbst zurückzuversetzen, und andernteils auf  alle  äußeren Dinge überhaupt zu erstrecken und sie ihnen selbst beizulegen. Wir tun dies freilich nicht bewußt, auch würde dieser Umstand allein nicht genügen, um eine Mystik zu erzeugen, er wirkt aber doch viel mit, um das Weltall mystisch aufzufassen.

Dies scheinen mir die wichtigsten psychologischen Triebkräfte und Wurzeln zu sein, aus denen der geheimnisvolle Baum der mystischen Erkenntnis herauswächst. Die Größe und der Früchtereichtum dieses Baumes sind, wie leicht einzusehen ist, je nach Maßgabe der ihn hervorbringenden Psyche, sowohl in Bezug auf ihr Gefühlsleben, wie in Bezug auf ihre intellektuelle Seite, sehr verschiedenartig. Denn auch der Intellekt spielt dabei eine große Rolle, da er, wie bereits erwähnt wurde, hier erst einigen Zusammenhang hineinbringt und einige Mitteilbarkeit ermöglicht. Wir besitzen da eine lange Skala von Abstufungen, von den einsamen, originellen und tiefsinnigen Mystikern an, bis herab zu den zahlreichen, nachsprechenden und flachen mystischen Spiritisten und den Anhängern der Altweibermystik. Etwas Mystisches trägt wohl jeder Mensch in seinem Denken mit sich herum. - In der Gegenwart hat es den Anschein, daß die mystischen Strömungen hauptsächlich von solchen kleinen spiritistischen "Geistern" vertreten werden, die umso heftiger gegen jedes vernünftige Erkennen opponieren, umso feindlich alles intellektuelle Begreifen bekämpfen und verunglimpfen, je unvernünftiger und geistloser sie selber sind. Es sieht beinahe so waus, als ob die beiden Elemente, Geist und Gemüt, welche bei den großen Mystikern zusammenwirkten zu ihren eigentümlichen, originellen Anschauungen, sich jetzt zum größten Teil voneinander getrennt hätten, und zwar in der Weise, daß der Geist mit einem Teil von Gemüt Eigentum der vernunftgemäßen Forscher und Denker geworden wäre, während ein anderer Teil Gemüt sich auf dem entgegengesetzten mystischen Boden breit macht, jedoch - ohne Geist. - Um aber diese Tatsache richtig zu beurteilen, müssen wir erst dieses vernunftgemäße Erkennen, das Wesen der intellektuellen Klarheit, einer Betrachtung unterziehen.


II. Die Klarheit des Denkens

Wir haben oben erkannt, daß in unserer Seele ein beständiger Kampf um die Oberherrschaft zwischen dem klaren Intellekt und den unklaren Gefühls- und Willensregungen stattfindet. Die Entscheidung dieses Kampfes hängt nun nicht bloß von der jeweiligen Stärke jeder dieser beiden Gegner ab, sondern sehr oft ist es unser spezieller Wille, der hier den Ausschlag gibt und den Sieg der einen Seite verschafft. Es sind dies Vorgänge, von denen wir noch gar kein Verständnis besitzen, die sich unserer Beobachtung und Untersuchung fast gänzlich entziehen, wie überhaupt alle Erscheinungen, die mit dem Willen zusammenhängen; die Tatsache aber, die wir aus der Erfahrung kennen, bleibt bestehen, daß die "Besinnung" eine Tat des Willens ist, d. h. daß ein Willensentschluß imstande ist, unserem klaren Denken das Übergewicht über die Emotionen zu erteilen. Und da in unserem Innern die Gefühlserregungen niemals gänzlich aufhören, so können wir überhaupt, daß jedes vernunftgemäße Denken immer ein zusammengesetzter Vorgang ist: es ist erstens eine Handlung des Intellekts und enthält zweitens einen Willensakt. Wir wollen aber zunächst vom Bestanteil des Willens im Denken absehen und untersuchen, was der Intellekt für sich allein ist.

Wir müssen am Intellekt zunächst unterscheiden zwischen seinen Fähigkeiten, Kräften oder Vermögen und seinen Eigenschaften oder Äußerungsweisen. Jene sind die Quelle und der Ursprung seiner Tätigkeiten selbst, wie z. B. das Kombinationsvermögen, die Auffassungskraft, die Denkfähigkeit selbst, usw. Die Eigenschaften dagegen bestimmen bloß die Art und Weise und das Graduelle dieser Tätigkeiten und Äußerungen, wie z. B. scharf, tief, klar. Die Fähigkeiten und Vermögen des Intellekts sind gleichmäßig bei jedem normalen Menschen zu finden, sie werden als konstante Tatsachen von uns vorausgesetzt und brauchen hier nicht erörtert zu werden. Für uns kommen hier nur die Eigenschaften des Intellekts in Betracht, die Grundbestimmungen, von denen das Graduelle der Äußerungen jener Vermögen und folglich auch ihr Wert abhängt. Solcher wesentlichen Grundeigenschaften nun, die dem Intellekt ursprünglich anhaften und deren Grad seinen Wert bestimmt, gibt es vier; das sind:
    1. der Umfang des Geistes;
    2. seine Schärfe;
    3. seine Tiefe und
    4. seine Klarheit.
Diese verschiedenen Eigenschaften sind, mit Ausnahme der dritten, der Tiefe, ganz unabhängig voneinander und können auf die mannigfaltigste Weise miteinander in Verbindung treten. Und aus diesen verschiedenen, in ihren gradweisen Differenzierungen in endloser Zahl möglichen Verbindungen der intellektuellen Eigenschaften, die noch dazu die verschiedenen Vermögen des Intellekts auf verschiedene Art betreffen können, setzt sich die unendliche Mannigfaltigkeit und Verschiedenartigkeit der menschlichen Intellekte zusammen. Der eine Intellekt hat einen großen Umfang, d. h. er ist befähigt, sich in vielen, ganz verschiedenartigen erkenntnisgebieten zu betätigen, die fremdartigsten Erscheinungen in seinen Interessenkreis zu ziehen, und dabei kann er nur eine sehr geringe Tiefe des Denkens, wie auch nur wenig Klarheit besitzen: er bleibt an der Oberfläche haften, und es fehlt ihm das Bedürfnis und die Fähigkeit zur Vertiefung und Verdeutlichung seiner Erkenntnisgegenstände. Ein anderer Geist wiederum zeichnet sich etwa durch große Schärfe des Denkens aus, durch erstaunliche Kombinationen und Unterscheidungen, dabei mangelt ihm aber die Neigung und die Eignung sowohl zu vielerlei Erkenntnissen, wie auch zum tiefen und klaren Begreifen, zu großer Durchdringung und Durchschauung des Erkannten: er denkt scharf, aber flach und verworren. Wiederum ein anderer Intellekt dringt in allen seinen Gedanken bis tief auf den Grund, aber ohne jeden Scharfsinn und nur in einem engen Kreis. Noch ein anderer Intellekt ist im Besitz großer, erleuchtender Klarheit und findet in seinem Denken keine Ruhe und Befriedigung, bis er sein Objekt nicht völlig durchleuchtet und sich eine deutliche Einsicht in alle seine Teile, sowie in deren Verhältnisse zueinander erworben hat, - sein klares Denken ist aber dabei doch nur für wenige, ganz bestimmte Gebiete geeignet und auch nicht fähig, scharfsinnige Konstruktionen zu bilden, oder seinen Gegenstand bis auf den Grund zu erhellen.

So hat jede dieser Eigenschaften ihre eigene, unabhängige Bewegungslinie. Nur die Tiefe des Denkens scheint mir nicht ganz unabhängig zu sein: sie ist ohne Klarheit nicht möglich. Je tiefer ein Geist ist, umso klarer muß er auch sein. Einen sogenannten dunklen Tiefsinn gibt es gar nicht; - vorausgesetzt natürlich, daß der Sinn wirklich tief ist und nicht, wie so oft, bloß fälschlich dafür gilt. Denn er ist nur dunkel höchstens für den andern, den Empfänger, sei es wegen dessen eigener Unklarheit, sei es wegen einer ungeeigneten, dunklen Darstellungsweise. Der tiefsinnige Geist selbst aber sieht und denkt außerordentlich klar; denn die Klarheit ist eben eine notwendige Voraussetzung des tiefen Denkens. Dagegen kann die Klarheit ohne tiefes Denken wohl bestehen: so weit der Intellekt dringt, sieht er alles ganz klar und deutlich, aber er dringt nicht weit. - Natürlich gibt es auch auserwählte, vollkommene Menschen, die alle vier Eigenschaften in höchster Vollendung besitzen, wie es ja auch ganz flache und stumpfe Köpfe gibt, die in allem ein Mindestmaß haben; aber beide Extreme gehören zu den seltenen Ausnahmen.

Von diesen vier Eigenschaften nun ist die zuletzt genannte, die Klarheit des Denkens, für die richtige Erkenntnis und die Erschließung der Wahrheit bei weitem die wichtigste. Sie unterscheidet sich noch von der Schärfe des Geistes insbesondere darin, daß diese letztere sich bloß auf das Kombinieren und Unterscheiden der verschiedenen Begriffe und Gedanken bezieht, während die Klarheit mehr beim Objekt selbst, das der Intellekt vor sich hat, beharrt, es in allen seinen Einzelheiten zu durchdringen und zu beleuchten strebt, um so sein Wesen zu begreifen. Der Umfang und die Schärfe des Geistes können viel Gelehrsamkeit hervorbringen, komplizierte Systeme und Lehrgebäude erzeugen, die jedoch ganz falsch sein können. Aber das eigentliche Organ der Wahrheit ist die Klarheit. Wo diese fehlt, haben die übrigen Eigenschaften keine Bedeutung. Erst sie liefert uns eigentliche, wirkliche Erkenntnisse. Die übrigen Eigenschaften des Intellekts sind ihr mithin dem Wert nach völlig untergeordnet und haben nur als ihre Dienerinnen und Hilfsmittel eine Geltung. Und sehr beachtenwerterweise ist auch sie allein gerade diejenige intellektuelle Eigenschaft, die am meisten vom Willen abhängt. Die Schärfe des Denkens, oder das Interesse an der Erkenntnis mancher Gegenstände, oder die Fähigkeit des tiefen Eindringens in das Objekt können über den Grad hinaus, in welchem der Intellekt sie schon besitzt, nicht durch Willensentschlüsse erweitert werden, dagegen aber, so weit sie ihm eignen, betätigt er sie von selbst und unwillkürlich. Hingegen hängt es sehr viel von unserer Willkür ab, wie klar und deutlich wir uns einen Gegenstand machen, wie objektiv wir ihn betrachten und wie lange wir bei seiner Erforschung ausharren, so daß wir in gewissem Maße selber die Grenzen unserer Klarheit zu bestimmen vermögen. Das hat seinen guten Grund darin, daß sich die subjektiven Interessen des Individuums eben da am meisten geltend machen, wo es sich um die Wahrheit einer Sache, um den realen Tatbestand handelt; da spricht eben unser Wille mit und bestimmt unser Denken und Erkennen. So sind wir also beim zweiten Faktor unseres Erkennens, der Willkür, angelangt, den wir nun besprechen wollen.

Wären wir reine Intelligenzen, ohne Willens- und Gefühlsregungen, würde unsere intellektuelle Tätigkeit nicht von unseren subjektiven Wünschen und Interessen beeinflußt, dann hätten wir einen Willensakt nicht erst nötig, um klar und objektiv zu denken. Denn die Klarheit gehört mit zu den wesentlichen Eigenschaften des Intellekts und würde deshalb gleich seinen anderen Eigenschaften, wenn auf den Intellekt keine fremden Einflüsse bestimmend einwirkten, so weit sie vorhanden ist, ungetrübt bleiben und uneingeschränkt zur Geltung kommen. Unser Intellekt würde also, sich selbst überlassen, immer so klar und wahr denken, wie er dessen fähig ist. Und wenngleich diese Fähigkeit bei verschiedenen Individuen in sehr verschiedenem Grad vorhanden ist, so würden dadurch doch nur Unterschiede in der Summe der Wahrheiten, die sich jeder Intellekt aneignete, entstehen, es würden sich aber keine Irrtümer und falsche Meinungen bilden. Denn der Geist würde dann da, wo seine klare Erkenntnis und deutliche Einsicht aufhört, auch mit der Bildung von Ansichten und Meinungen aufhören, da er keinen Grund und kein Interesse hätte, Ansichten und Lehren zu schaffen, die er nicht ganz deutlich als tatsächlich wahr erkennt. Einem reinen Intellekt wäre die Wahrheit allein ein bestimmendes Interesse, wenn wir es so nennen dürfen. Als reine Vernunftwesen wären wir sonach in der Regel, vielleicht sogar immer, vor Täuschung und Irrtum gesichert. Nun sind wir aber nicht bloß erkennende, sondern vor allem wollende und fühlende Wesen, Menschen, und als solche können wir nicht einfach dadurch, daß wir uns im Denken und Nachforschen gehen lassen, in den Besitz der Wahrheit gelangen. Denn der Geist wird dann durch unsere Strebungen und Begierden vom geraden Weg abgelenkt und in seiner Klarheit verdunkelt: es stehen unseren objektiven Erkenntnissen subjektive Bedürfnisse und Wünsche als Hindernisse entgegen, die alle erst durch unseren Willen überwunden und beständig ferngehalten werden müssen, wenn wir wahre Erkenntnis finden wollen, und wir haben darum unseren Willen bei unserem Erkennen nötig. Die Wahrheit muß erst erkämpft werden. Es ist dies derselbe Kampf in unserer Seele, von dem wir bereits weiter oben gesprochen haben. Wir haben dort gesehen, daß im siegreichen, hellen Intellekt keine Möglichkeit für das Aufkommen der Mystik wäre, daß diese nur Boden gewinnen kann beim Obsiegen der Emotion. Hier zeigt es sich, daß die Gefühls- und Willensseite unseres Wesens nicht nur die Quelle des dunklen Wähnens ist, sondern alles Irrtümlichen und Falschen überhaupt, und daß vom Siegen des klaren Intellekts der Sieg der Wahrheit selbst abhängt. Dieser Sieg ist aber ohne den tätig eingreifenden Willen, der die störenden und trübenden Einflüsse von der Erkenntnis fernhält, nicht möglich.  Mit  dem Willen aber ist er natürlich möglich, da der Wille es ja ist, der sich in den Emotionen äußert und er muß sie mithin auch zum Schweigen bringen können. Wir wollen diese Frage hier nicht weiter verfolgen, da sie den tiefsten und dunkelsten Punkt des Willensproblms berührt und uns hier zu weit führen würde. Wir müssen uns an die tatsächliche innere Erfahrung halten, und die lehrt uns, daß der Wille die Emotionen beherrschen kann.

Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, sind die meisten Irrtümer und falschen Ansichten als eine Verschuldung anzusehen, als eine gewollte Versündigung gegen die Wahrheit. Denn wenn wir es auch nicht als eine moralische Pflicht ansehen wollen, daß jeder Mensch nach seinem Vermögen der Wahrheit nachforsche und die richtige Erkenntnis fördere, so ist doch gewiß jedermann verpflichtet, sich da des apoktischen [unumstößlich sicheren - wp] Urteilens oder gar des überzeugten Belehrens zu enthalten, wo er selbst nicht ganz klar und deutlich die Wahrheit erkennt, wo er nicht wirklich von der Richtigkeit seiner Behauptungen überzeugt ist. Man wende nicht ein, daß das selbstverständlich ist und daß kein redlicher Mensch dagegen verstößt. Wäre dieser Einwand richtig, dann gebe es wohl nicht den zehnten, vielleicht auch nicht den hundertsten Teil von Irrtum und Wahn, wie sie in Büchern verbreitet sind und seit jeher verbreitet waren. Aber eine wirklich echte und wahre Überzeugung ist viel seltener vorhanden, als man gewöhnlich annimmt. Als ein Beweis hierfür kann die Tatsache vom Vorhandensein der unermeßlichen Fülle von unrichtigen Behauptungen und falschen Meingungen gelten, die als gesicherte Wahrheiten ausgegeben und gelehrt werden, und zwar hauptsächlich auf philosophischem und religiösem Gebiet. Alle die Vertreter des Falschen können nicht subjektiv von der Wahrheit ihrer Lehren wirklich überzeugt sein. Denn der Natur der Sache nach, kann eine echte, ehrliche Überzeugung nur mit einer klaren Einsicht, mit einem deutlichen Überschauen verbunden sein, mit der Klarheit der Erkenntnis ist aber, wenigstens in der Regel, auch die Wahrheit verknüpft. Die zahlreichen Vertreter des Unrichtigen und Unwahren müssen also gewiß infolge der damit notwendig verbundenen Undeutlichkeit, ein bestimmtes Gefühl haben, daß, was sie behaupten, wohl nicht wahr ist, oder zumindest, daß es  möglicherweise  nicht richtig ist. Dann ist aber wenigstens der Ton der vollen Überzeugung nicht ganz ehrlich, und sie müßten ihre Lehren als bloße Meinungen und nicht, wie es in der Regel geschieht, als ausgemachte Tatsachen vortragen. Es gibt wohl keinen Menschen, der sich nicht gelegentlich ein solches Vergehen zu schulden kommen läßt, aber es kommt hier sehr viel auf den Grad und die Häufigkeit an. Übrigens läßt sich da eine bestimmte Grenze und reinliche Scheidung zwischen bewußter und gewollter Täuschung uner einer unbewußten und unwillkürlichen, ebenso zwischen Selbsttäuschung und Täuschung anderer gar nicht vollziehen: beide hängen eng zusammen. - Wir wollen nun noch sehen, was für Motive es sind, die die Menschen veranlassen, die Erkenntnis zu fälschen oder falsche Erkenntnisse zu lehren.

Auf zweierlei Art gelangt das Subjekt zu seinen Irrtümern und Täuschungen: entweder durch eine Überschreitung der ihm von der Natur gezogenen Grenze, indem es sich Erkenntnisse bildet und vertritt, die es nicht besitzt und nicht besitzen kann, weil sie einem Gebiet oder einer Zone angehören, wo sein klares Denken nicht mehr hinreicht; oder aber die ihm zugänglichen Erkenntnisse werden gefälscht durch Trübung und Einschränkung auch desjenigen Maßes an Klarheit, das das Subjekt besitzt. Genau dementsprechend sind es zwei allgemeine subjektive Hauptmächte, die das Erkennen beeinflussen und erst bekämpft werden müssen, ehe wir zur Wahrheit gelangen können; es sind dies die Eitelkeit und der Eigennutz. Die Eitelkeit läßt den Menschen es nicht dulden, daß ihn andere übertreffen, daß viele Menschen den Vorzug haben sollen, sich im Besitz von wertvollen Erkenntnissen und Einsichten zu sehen, von denen er, der eitle Mensch, nicht viel oder gar nichts versteht. Und da jeder Mensch von Natur eitel ist, so fühlt sich auch jeder Mensch zunächst getrieben, alles Wissen und jede Einsicht, die er bei anderen findet, auch sich zuzuschreiben und vorzutäuschen, und es gehört erst ein Willensakt dazu, um dieser Neigung zu widerstehen. So gibt es denn auch viele Menschen, die niemals etwas nicht wissen, sondern auf jede Frage mit großer Zuversicht Bescheid erteilen und jedes Problem so im Handumdrehen auflösen. Insbesondere sind es auch hier die tiefsten und verborgensten, aber auch schwierigsten Probleme, die wichtigsten philosophischen Fragen, in denen ein jeder sich für kompetent erachtet, mitzusprechen, auch wenn er sich hierfür durchaus nicht eignet. So ist die Eitelkeit seit jeher eine unversiegbare Quelle eines breiten Stroms von Welterklärungen gewesn, die wohl sehr bald spurlos verrinnen, aber nur um den nachdrängenden neuen Erklärungen Platz zu machen.

Die zweite Hauptquelle der Täuschungen und irrtümlichen Ansichten ist der Eigennutz; er fälscht die Wahrheit und Objektivität der Erkenntnis selbst. Während die Eitelkeit bloß nach dem Ansehen eines Erkennenden strebt, aber die Wahrheit, wo sie ihr erreichbar ist, unangetastet läßt, beeinflußt der Eigennutz den Wahrheitsgehalt selbst, indem die eigenen Wünsche auf das forschende Individuum fortwährend einwirken. Es entsteht dann eine Fälschung oder Entstellung des wirklichen Tatbestandes, sowohl durch die Einmengung von der Erkenntnis fremden Elementen und der dadurch entstehenden Trübung der Reinheit des Denkens, wie auch durch zu frühes Aufhören im Nachforschen, wegen des zu erwartenden und vorausgefühlten nicht zusagenden Resultates.

Auch die Trägheit des Geistes, die wir schon als mitbildenden Faktor der Mystik kennenlernten, übt hier ihre mächtige Wirkung aus und ist wohl als eine der an falschen Meinungen fruchtbarsten Eigenschaften des Menschen anzusehen. Sie ist aber dem Eigennutz als eine besondere Art desselben beizuzählen. Sehr oft gesellt sich zu ihr noch die Eitelkeit, die den Menschen wünschen läßt, schnell fertig zu sein und nicht als Lernender zu erscheinen; denn das Lernen ist ein Geständnis des Nichtwissens. Allen diesen und noch anderen hier nicht zu behandelnden Einwirkungen des Eigennutzes auf die Wahrheit der Erkenntnis ist es gemeinsam, daß sie das klare Denken verhindern, sich ganz auszubreiten, daß auch dem Subjekt angemessene und zugängliche Erkenntnisse von ihm nicht ganz erlangt werden, und daß auch das Erlangte sich in einem entstellten und verdorbenen Zustand befindet. Die Eitelkeit erzeugt Erkenntnisse, die gar keine sind, der Eigennutz verdreht die Wahrheit der erworbenen Erkenntnisse.

Diese beiden wichtigsten Triebe des Menschen sind die Ahnen fast des ganzen, unübersehbaren Geschlechts des Unrichtigen und Unwahren. Die etwaigen unausweichlichen Irrtümer sind verschwindend gering im Verhältnis zu denen, die von jenen Wurzeln herstammen. Und für alle diese ist der Mensch für verantwortlich zu erachten. Denn, wie bereits erwähnt, er ist sich in der Regel des Hypothetischen oder Falschen des als gewiß Ausgegebenen deutlich bewußt. Nun gibt es nur eine Tatsache, auf die das forschende Individuum, gegenüber jenen starken feindlichen Einwirkungen auf die Erkenntnis, als auf eine Richtschnur, an die es sich zu halten hat, hingewiesen werden kann, nämlich auf die Klarheit der Erkenntnis. Es kann von ihm gefordert werden, daß es, sofern es die Wahrheit finden und mitteilen will, möglichst klar denke, alles Störende und Trübende von der Forschung fern halte und dann nur das als Tatsache hinstelle, dessen Wahrheit es klar und deutlich einsieht. Denn es folgt aus den vorstehenden Erörterungen, daß nur die Klarheit allein die Gewähr für die Richtigkeit und Wahrheit einer Meinung enthalten kann, da alle anderen Faktoren unseres Innern sich entweder gegen die Wahrheit gleichgültig verhalten, oder sogar störend und entstellend auf sie einwirken. Und gerade die Forderung der Klarheit ist es, deren Berechtigung die Mystik und alle mystizistischen Tendenzen zu zerstören suchen. Denn sie machen die Unklarheit, die durch die Beimengung von Gefühlselementen bewirkte Trübung des Denkens zum Erkenntnisprinzip, dem sie den Vorrang und die Überlegenheit über die durchschauende Klarheit einräumen. Sie verleumden und diskreditieren die Vernünftigkeit und finden nur da Wahrheit, wo sie sie nicht sehen. Diese Tendenzen stehen somit in extremem Gegensatz zu der hier dargelegten Auffassung der Wahrheit, zu deren bloßer Möglichkeit die Klarheit des Denkens und das ungetrübt helle Durchschauen hier als seine unerläßliche Bedingung gilt. Wenngleich eine richtige Bewertung dieser gegnerischen Anschauungen aus den bisherigen Betrachtungen, aus der Aufdeckung der Quellen, aus denen die Mystik einerseits und die wahre Erkenntnis andererseits fließen, sich leicht von selbst ergibt, so lohnt es sich doch, einen Überblick über ihre Stellung gegeneinander und ihre Bedeutung für das Menschengeschlecht in den wichtigsten Hinsichten zu geben.


III. Die Mystik und die Wissenschaft

Die Klarheit des Denkens und die Begreiflichkeit der Erkenntnis sind die notwendigen Bedingungen und Voraussetzungen aller Wissenschaft und allen ernsten Forschens. Nur unter der Voraussetzung der objektiven Einsicht, des tatsächlichen Verständnisses, hat es einen Sinn, die äußeren und inneren Dinge zu untersuchen und zu durchforschen, ist also ein Wissen und eine Wissenschaft möglich. Der unentbehrliche Boden aller Mystik ist aber, wie wir bereits gezeigt haben, die Unwissenheit und Unklarheit. Es versteht sich demnach von selbst, daß die Mystik allem wissenschaftlichen Denken und Forschen von Grund auf feindlich gesinnt ist, daß sie alles Wissen und Verstehen für eitel und unnütz, schlecht und schädlich erklärt und gänzlich zerstören möchte. Es ist für sie eben eine Lebens- und Existenzfrage, ob das wissenschaftliche Denken zur Vorherrschaft gelangt, oder nicht, und sie kämpft für ihr Dasein, indem sie gegen die Vernunft und die Wissenschaft kämpft. Um diese nun in Mißachtung zu bringen, greift sie sie - in ganz vernünftiger Weise - an ihrer schwachen Seite an, nämlich bei ihren schwachen und oberflächlichen Vertretern. Es gibt ja in der Tat zu jeder Zeit eine große Anzahl von oberflächlichen materialistischen Denkern, welche vorgeben, daß alle Probleme des Lebens und Daseins bereits endgültig und befriedigend gelöst seien, daß es keine unverständlichen Rätsel mehr gebe, und alle Fragen, die sie auch nur scheinbar nicht beantworten können, ganz in Abrede stellen. Ihnen gegenüber fällt es dann dem Mystizismus leicht, indem er sich die anderweitig gefundenen Ergebnisse aneignet, die unbegründete Überhebung dieser Denkart darzutun, die Seichtigkeit so mancher ihrer Auffassungen aufzudecken und schließlich auf die mancherlei Widersprüche der Vernunft mit sich selbst und auf ihre angeblichen Grenzen hinzuweisen. Aus der Oberflächlichkeit jener Forscher aber wird der Begriff "seichter Rationalismus" gebildet und zu einer stehenden Redewendung gemacht, so daß zuletzt der bloße Ausdruck "Rationalismus" den Nebenbegriff von Beschränktheit und Plattheit erhält, wie wenn es dem Wesen der Vernunft eigentümlich wäre, beschränkt und platt zu sein.

Aber der Vernunft geschieht da ein großes Unrecht. Denn jene oberflächlichen Forscher vertreten bloß ihre eigene Vernunft und dürfen keineswegs als Repräsentanten der Vernunft schlechthin genommen werden. Wir haben im Gegenteil gesehen, daß zum Wesen der Vernunft auch  die  Eigenschaft gehört, einen Gegenstand nicht bloß von der Außenseite und der Oberfläche zu betrachten und zu begreifen. Die Oberflächlichkeit ist demzufolge nur als ein individueller Mangel anzusehen. Und was die Widersprüche und die Grenzen der Vernunft betrifft, so stellen sich die ersteren bei näherer Betrachtung zum größten Teil als Scheinwidersprüche heraus, die künstlich geschaffen werden; der übrige Teil aber kann ja in Zukunft von der Vernunft noch ausgeglichen Werden. Ebenso können sich wohl die aufgezeigten Grenzen der Vernunft als eine sich ins Unendliche verlierende Horizontlinie erweisen, die bei unserem immerwährenden Fortschreiten immer mehr zurückweicht und sich so eher als eine optische Täuschung, denn als seine feste unüberschreitbare Linie kundgibt. Auch die vom Kritizismus gemachte, als endgültig hingestellte Grenzbestimmung der Erkenntnis ist im Grunde genommen keine wirkliche, sondern bloß eine nominelle Beschränkung des vernunftgemäßen Erkennens. Denn diesem Erkennen bleibt ja die ganze Erfahrung überlassen, und was ihr außerhalb der Erfahrung als unerreichbar vorenthalten wird, ist ein erst künstlich gebildetes Gedankending, an dem die Erkenntnis nichts verliert. Diese Beschränkung gleicht etwa dem Fall, daß man die Bewegungsfreiheit eines Menschen dadurch einschränken wollte, daß man ihm zwar das ganze Weltall zur Verfügung stellt, ihm aber verbietet, sich jenseits des Universums hinauszuwagen. Für unser ganzes Denken und Erkennen ist in der Tat die ganze Erfahrung - alles. Der Kritizismus steht dann auch, solange er seinen eigenen Prinzipien treu bleibt, vollständig auf dem Boden des klaren vernunftgemäßen Denkens und Forschens. Es gibt nur zwei prinzipielle Gegner einer wissenschaftlichen Erkenntnis: es sind dies der extreme Skeptizismus und der Mystizismus, die auch sonst miteinander manches Gemeinsame haben. Sie beuten in der neueren Zeit den Kritizismus für ihre Zwecke aus, was aber nur aus Mißverständnis geschehen kann; tatsächlich fällt der Vollgewinn der kritischen Richtung allein der Wissenschaft zu. Denn wenn ihre Grenzbestimmung der Vernunft auch eine wirkliche Einschränkung und Umgrenzung wäre, so gilt doch innerhalb dieser Grenzen umso sicherer, unumschränkter und unangreifbarer allein die wissenschaftliche Erkenntnis, und dieses der Wissenschaft unbedingt unterworfene Gebiet umfaßt ja unsere ganze Welt, sogar alle auch in Zukunft noch je zu machende Erfahrung, mithin alles, womit es Menschen überhaupt je zu tun haben.

Diese Bemerkungen richten sich aber nur gegen den seltenen, vernünftigsten Mystizismus, der sich überhaupt auf vernünftige Erörterungen einläßt, und insbesondere gegen seinen modernen Wortführer, den erneuerten Skeptizismus. In der Regel aber gibt sich der Mystizismus, mit dem allein wir es hier zu tun haben, mit gar keinen Gründen ab, sondern verwirft blindlings und radikal alles wissenschaftliche Denken und Forschen in Bausch und Bogen. Gegen einen solchen brauchen und können infolgedessen keine weiteren Gründe in Feld geführt werden, sondern wir müssen zu seiner Bewertung seine praktische Bedeutung in Betracht ziehen. Wir wollen deshalb noch in Kürze untersuchen, welche wesentliche Bedeutung die Wissenschaft und ihre wichtigste Voraussetzung, die der Priorität des klaren vernünftigen Denkens, für die Menschheit besitzen, woraus dann der Wert ihrer unversöhnlichen Feindin, der mystizistischen Richtung und deren Tendenz der Überlegenheit des dunklen Ahnens und gefühlsmäßigen Erkennens von selbst einleuchten wird.

Drei Hauptinteressen des Menschengeschlechts sind es, die bei einer Bestimmung des Wertes von Dingen, welche für die Menschheit von großer Wichtigkeit sind, den Maßstab der Beurteilung abgeben müssen:
    1. das Interesse der Erkenntnis;
    2. das des Kulturfortschritts und
    3. das der materiellen Wohlfahrt.
Der Wert dieser drei Güter braucht keiner weiteren Begründung und Ableitung und ist darum deren auch nicht fähig: er ist selbstverständlich. Zwar ist diese Selbstverständlichkeit ihrer Bedeutung bei diesen drei Interessen nicht vom gleichen Grad, indem z. B. der Wert einer Verminderung der menschlichen Leiden jedem unmittelbarer einleuchtet und selbstverständlicher ist, als etwa der Wert einer Berichtigung unserer Erkenntnisse; da sie aber alle in einem sehr engen Zusammenhang miteinander stehen und einander gegenseitig fördern, so beleuchten und stützen sie einander auch in ihrem Wert.

1. Ich verstehe hier unter Erkenntnis nicht den Besitz vieler Kenntnisse und das Wissen von den Tatsachen, sondern das philosophische Begreifen und Verstehen,  die  Erkenntnis, die tiefste Einsicht und Weisheit zugleich ist. Wieviel oder wie wenig sie nun auch erlangbar sein mag, sie ist nur einem klaren Nachdenken, einem intensiven beharrlichen Streben des reinen Intellekts, dem Gegenteil von Mystik, erreichbar. Und die Wahrheit einer solchen Erkenntnis, die ja erst ihren Wert begründet, hängt ganz ab vom Stand der Wissenschaft und wird mit dieser vermehrt. Die philosophische Erkenntnis wächst und entwickelt sich mit den wissenschaftlichen Kenntnissen und infolge derselben. Jede gegenteilige Ansicht ist falsch. Die Wissenschaft ist ganz zweifellos für eine richtige und wahre Philosophie unentbehrlich. So ist es z. B. für die letztere von wesentlicher Wichtigkeit, ob unsere Erde für das Zentrum des Weltalls angesehen, oder aber ihre wahre Stellung richtig erkannt wird. Überhaupt ist jeder Irrtum, jede falsche Auslegung irgendeiner Tatsache für die philosophische Weltanschauung, die ja die Gesamtheit dieser Tatsachen zu erkennen und zu deuten hat, durchaus nicht gleichgültig. Die Wissenschaft als solche ist freilich noch lange keine Philosophie, aber sie ist eine unentbehrliche Bedingung und Grundlage einer richtigen philosophischen Erkenntnis. In der Mystik ist aber, wie schon oft erwähnt, für die Wissenschaft gar kein Raum vorhanden. Die erste Voraussetzung der letzteren ist ein rein intellektuelles Denken, ein klares Prüfen und Durchschauen, im vollen Gegensatz zu allem mystischen Erkennen und Erfühlen. Die mystizistische Richtung steht somit einer richtigen Philosophie, einer wahren und tiefen Welterkenntnis, die wir als das Ziel und die höchste Aufgabe unserer ganzen intellektuellen Entwicklung betrachten, hindernd im Wege.

2. Ebenso ist jeder menschliche Fortschritt in Kultur, Humanität und Moral, zum Teil auch in der Kunst, letzten Endes von der fortschrittlichen Entwicklung der Wissenschaft und Ausbildung der Erkenntnis abhängig. Wo wir überhaupt von einem menschlichen Fortschritt sprechen, da ist er neben dem Streben des Menschen, seine Leiden zu bekämpfen und seine Lage zu verbessern, allein auf das Streben und den Drang nach einem klaren Verständnis und einer Durchschauung der erfahrenen Dinge zurückzuführen. Und auch die Fortschritte, deren Anstoß vom Streben nach materieller Verbesserung herrührt, und wenn man auch alle Fortschritte daher abstammen lassen wollte, führen doch alle durch das Gebiet des Intellekts und sind nur möglich mittels eines Fortschritts im Denken und Erkennen, dessen Prinzip die Klarheit des Denkens ist. Ohne dieses Prinzip, bei einer allgemeinen Herrschaft des Mystizismus und dessen prinzipieller Tendenz, würde, wie es da keine Möglichkeit einer wahren Erkenntnis gäbe, so auch gar kein Fortschritt stattfinden können, wir würden im Zustand einer niedrigstehenen Barbarei verbleiben oder dorthin zurücksinken. Die historische Erfahrung in Bezug auf vorwiegend mystisch gerichtete Nationen beweist dies zur Genüge. Auch die materiellen Nöte sind dann nicht imstande, einen Fortschritt zu bewirken, da die Mystik das wesentlichste Mittel hierzu, die Entwicklung des Intellekts, lahm legt. Der größte Teil des Menschlichen am Menschen fände beim Vorherrschen der Mystik keine Stätte zur Ausbildung, und auch die Moral selbst bliebe dann auf einer tiefen Stufe stehen, zumindest in praktischer Hinsicht. Denn ob wir nun einen moralischen Fortschritt annehmen wollen oder nicht, es kann jedenfalls nicht geleugnet werden, daß zum richtigen moralischen Handeln eine richtige Erkenntnis und Einsicht unerläßlich ist. Die Mystik steht also jedem Fortschritt des Menschen in Menschlichkeit, wie jeder Entwicklung überhaupt feindlich gegenüber.

3. Wenn aber ganz einseitige Skeptiker und Mystiker den Wert und die Bedeutung der besprochenen zwei Güter der Menschheit trotz allem in Abrede stellen, oder deren Abhängigkeit von der Vernünftigkeit und Klarheit unseres Denkens ableugnen wollten, was freilich gegen die offenkundigsten Tatsachen verstieße, so gibt es wohl keinen gesunden Menschen, der nicht einsähe oder zugäbe, daß die Beseitigung von Leiden und Not eine wertvolle Sache ist, daß die Heilung von Krankheiten, die Befreiung von Schmerzen und Elend und überhaupt die Erleichterung der Last des Lebens sehr erstrebenswerte Ziele sind. Das alles wird aber tatsächlich durch die Wissenschaft erreicht und nur durch die Wissenschaft. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß die Leiden der Menschen, die unendlich zahlreichen körperlichen Schmerzen und Qualen, seien es die Folgen von Gebrechen, Unfällen und Kriegen, seien es solche der Not und des Mangels, wie Hunger und Kälte, im Laufe der menschlichen Entwicklung, mit dem Fortschritt des Intellekts und der Wissenschaft und als Folge hiervon, immer mehr verringert werden. Es wäre sehr überflüssig, darzutun, wieviel Elend und Jammer, Qual und Schmerz durch die Ausbildung der Medizin, der Chemie und Physik beseitigt oder gelindert worden sind. Selbst der einseitigste Feind der wissenschaftlichen Erkenntnis nimmt doch die Wohltaten, welche deren Resultate mit sich brachten, bei jeder Gelegenheit in Anspruch. Und wie viele Leiden sind allein durch den Fortschritt in der Gesittung und der friedlichen Sozialität, welcher Fortschritt, wie wir bereits dargelegt haben, von dem der Wissenschaft abhängt, aus der Welt geschafft worden. Es ist auch nicht wahr, was gewöhnlich eingewendet wird, daß die neuerworbenen geistigen Leiden und die größere Leidensfähigkeit jener Verringerung aufwiegen. Denn der Geist besitzt eine Macht über seine Leiden, er vermag sie zu beherrschen und zum Schweigen zu bringen; dagegen ist ein körperliches Weh von einer so beharrlichen Realität, daß es sich gar keiner Vernunftmacht fügen will; ein starker Geist kann nur - das Schreien unterdrücken. Und in der Tat wiegen die körperlichen Leiden ungleich mehr als die seelischen, trotz aller Sentimentalität. Und gegen jenes ungeheure Heer von Leiden schuf und schafft die Wissenschaft ohne Unterlaß die mannigfaltigsten Mittel zur Abhilfe und mit dem größten Erfolg. Die Mystik, wenn sie die Wissenschaft verdrängte, könnte gar keinen Ersatz dafür bieten. Unter ihrer Herrschaft im Reich der Erkenntnis würden sich die menschlichen Leiden sehr bald vervielfachen. Wissenschaftliches Erkennen und klares Denken allein können das große und verschiedenartige Elend des Lebens verringern und uns davor schützen; die Mystik dagegen und deren Mutter, die Unwissenheit, sind ihm ganz hilflos verfallen.

Wir sehen daraus, daß wir sehr gewichtigen Grund haben, der Tendenz des Mystizismus, die darauf gerichtet ist, das Ansehen der Wissenschaft zu erschüttern und ein ihr entgegengesetztes Element in der Erkenntnis zur obersten Geltung zu bringen, entschieden entgegenzutreten. Nicht nur ist diese Tendenz unberechtigt und ihre Voraussetzungen falsch, sondern sie widerstreitet auch den wichtigsten Interessen, die die Menschheit überhaupt besitzt. Diese Interessen sind vollständig an die Wissenschaft und deren Grundlage geknüpft, und ihrethalben schon muß aus der Bahn der Wissenschaft und der Erkenntnis jedes Hindernis weggeräumt werden. Unter vielerlei Hindernissen ist aber die mystische Richtung das grundsätzlichste. Ihr kann und darf kein Raum in unserem ganzen Erkenntnisgebiet, in Wissenschaft und Philosophie, gegeben und nicht der geringste Einfluß eingeräumt werden. Es ist allerdings nicht zu wünschen, daß sie gänzlich verschwinde; wir haben ihr manche psychologische Tatsache zu verdanken, die unsere Einsicht zu erweitern geeignet ist, und die sonst nicht erlangbar wäre. Auch aus andern Gründen ist sie für uns wertvoll. Aber ihr Verschwinden ist auch gar nicht zu befürchten, da sie in unser aller Natur zu feste, unausrottbare Wurzeln hat. Es gibt wohl kaum einen Menschen auch unter den klarsten Denkern, der nicht einen Einschlag von Mystik in seinen Anschauungen hegte. Denn für jeden Menschen gibt es Erfahrungskreise, wo seine Unwissenheit vorherrscht und den Boden abgibt, zur Bildung von dunklen, geheimnisvollen Vorstellungen. Nur muß alles Mystische in  das  Gebiet verwiesen werden, dem es angehört, das seine Heimat ist: in das Gebiet der offenbaren Dichtung. Da ist die Mystik am rechten Ort, da mag sie Boden fassen und fortbestehen; wenn sie nur nicht in unser Erkennen übergreift.

Dagegen müßte sie auch aus dem ganzen umfangreichen Gebiet der Religion verbannt sein, so sehr sie auch dazu zu gehören scheint. Denn die Religion ist von eminent praktischer Bedeutung, sie bestimmt in hohem Maß auch das alltägliche Verhalten und Handeln ihrer Gläubigen, und da ist es von hervorragender Wichtigkeit, ob dieses Verhalten und Handeln des größten Teils des Volkes in einem wissenschaftsfeindlichen und widervernünftigen Sinn beeinflußt, oder aber vernunftgemäß und einem klaren Denken entsprechend bestimmt wird. Die ungelehrten Volksklassen müssen den Wert und die Bedeutung der Wissenschaft und des vernünftigen Denkens überhaupt zu schätzen und hochzuachten wissen, wenn es auch zuweilen, wie es dann wohl der Fall sein würde, auf Kosten des großen Respekts vor den Gelehrten selbst geschehen sollte. Jetzt verhält es sich, wie es scheint, gerade umgekehrt: der Gelehrte und nicht die Wissenschaft oder gar das wissenschaftliche Denken wird vom Volk respektiert. Hier hängt es hauptsächlich von den religiösen Lenkern des Volkes ab; es steht in ihrer Macht, ihm einen Begriff beizubringen und ein Verständnis zu ermöglichen vom Wert der intellektuellen Arbeit, vom Vorzug eines klaren, vernünftigen Denkens und Erkennens vor einem mystischen und unklaren Ahnen, zu dem die meisten Menschen schon von selbst leicht hinneigen.

Allem Anschein nach muß man un annehmen, daß tatsächlich der Mystizismus aus der Religion immer mehr verschwindet, daß die Vernünftigkeit und Klarheit der Vorstellungen auch auf diesem großen, seit altersher halbdunkel beleuchteten Gebiet sich immer mehr auszubreiten anfangen, daß aber merkwürdigerweise sich immer mehr auszubreiten anfangen, daß aber merkwürdigerweise die mystizistischen Richtungen trotzdem nicht verschwinden, sondern in dem Maße, wie sie aus der Religion vertrieben werden, breiten sie sich außerhalb der Religion aus, und gewinnen da ihre Vertreter. Es sind zunächst freie Schriftsteller, ganze und halbe Künstler, die sich der Mystik annehmen und ihre Apostel werden. Sie bemühen sich dann, ihr Eingang in die Wissenschaft zu verschaffen und ihr eine entscheidende Stimme in den Hauptproblemen unserer Erkenntnis zuzuweisen. Es sind meistens Leute, die der Kirche bereits entfremdet sind und nun für das Dunkel, das sie noch immer mit sich herumtragen, eine Heimstätte in der ernsten Forschung zu erobern suchen, damit sie auch da mitsprechen können. Ob ihnen das aber auf die Dauer wirklich gelingen wird, ob das jetzige Verhalten manches auch sehr ernsten Forschers und andere Symptome, welche für Zeichen einer zunehmenden Herrschaft der mystizistischen Richtung gelten, nicht zuletzt doch trügerisch oder doch bloß vorübergehend sind, das muß die Zukunft zeigen. Ich für meinen Teil halte alle diese Vorgänge für bald vorübergehende Erschütterungen, die etwa einem Faschingstaumel zu vergleichen sind: auch sehr ernste Männer fühlen sich oft verlockt, einmal zur Abwechslung an den Tollheiten und Narreteien des Karnevals teilzunehmen, bald aber, nach einigen Tagen, besinnen sie sich und kehren umso eifriger zu ihrer ernsten Arbeit zurück.

LITERATUR Bernhard Wities, Der Mystizismus und die Klarheit des Denkens [ein psychologischer Versuch], Annalen der Naturphilosophie, Bd. 3, Leipzig 1904