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ARNOLD RUGE
(1802-1880)
Der gläubige Standpunkt

"Gläubig  ist überhaupt nur ein rücksichtsvoller Ausdruck für blödsinnig und abergläubisch, wenn es nicht das demokratische Stichwort des geflissentlich Kindlichen gegen die wenigen Aristokraten ist, die nichts unbesehen in Kauf nehmen."

ADALBERT KUHN, "Über die Herabkunft des Feuers und des Göttertrankes", SCHWARTZ "Über den Ursprung der Mythologie" und MAX DUNCKERs "Alte Geschichte", Teil 1, liegen den Ausführungen über Entstehung und Entwicklung der Religion zugrunde.

Bei DUNCKER und nach ihm bei SCHWARTZ werden die jüdischen, d. h. auch die christlichen Mythen ebenso erklärt, wie die heidnischen.
    DUNCKER, Teil 1, Seite 210 und 211, gibt die Belege aus der Bibel, daß Gott  "auf Wolken  einherfährt", "im  Donner  antwortet", und  "ein fressendes Feuer ist".  DUNCKER sagt: "Auf den Bergen wurde  Jehova  angerufen, hier wurden ihm Opfer gebracht, und er pflegte in Wolken auf die Berge hernieder zu steigen. "Exodus 19, 3.20: "Moses aber stieg hinauf zu Gott (auf den Sinai), und  Jehovah  stieg herab auf die Spitze des Berges". Die Opfer waren seine  Speise.  Nr. 28,1: "Meine Opfergaben, meine Speisen zu meinen Feuerungen, meinen lieblichen Geruch sollt ihr Acht haben, mir darzubringen zu ihrer Zeit". Er wohnt  im Himmel  und fährt am Himmel  auf Wolken  daher und öffnet den Schatz und die Schleusen des Himmels (ganz wie  Indra).   Moses  5, 33.26:  "Jehova  wird Dir seinen guten Schatz des Himmels auftun, daß Du  Regen  hast zu Deiner Zeit".  Moses  2, 3.2 und 19, 16.18: "Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil  Jehovah  auf ihn herabgestiegen mit Feuer" (es hat eingeschlagen), und es stieg sein Rauch auf, wie der Rauch des Ofens. Und das ganze Volk sah  die Donner und die Flammen und den rauchenden Berg, und Gott antwortete im Donner."  -  Hiob  1, 16: "Feuer Gottes (der Blitz) fiel vom Himmel und brannte unter den Schafen,  er fraß sie".   Moses  2, 24.17: "Und Feuer ging aus von  Jehovah  und  fraß die 250, welche Rauchwerk dargebracht".   Moses  4, 16.35: "Da ging Feuer aus von  Jehovah  (aus der Donnerwolke) und fraß sie (Nadab und Abihu), und sie starben vor  Jehovah".  Seraphine sind  feurige Schlangen  (Blitze), der Cherubin des Paradieses,  Genesis  3, 24, hat ein  feuriges Schwert,  und  Ezechiel  beschreibt die Cherubine, auf denen  Jehovah  einher fährt, gleich  brennenden Feuerkohlen.  Er fährt auf Blitzen einher;  er ist ein Gewittergott. 
Diese aus der alten Urkunde dargelegten Tatsachen sind allerdings schon ansich beredt genug und in Wahrheit schon ein Verlassen des Glaubens, denn der Gläubige entdeckt auch den augenfälligsten Sinn seiner heiligen Überlieferung nicht; so ist z. B. für LUTHER das  Hohe Lied  kein Liebeslied, sondern eine Verherrlichung - der Kirche: es ist aber selbst von hier aus versucht worden, zur vollen Gläubigkeit zurückzukehren. So macht es SCHWARTZ, wie wir scon gesehen haben am Ende seines hübschen ketzerischen Büchleins.

Ebensowenig, wie sich aus der Erklärung aller Fabeln ein Glaube an ihren Inhalt herleiten läßt, gehört die Gläubigkeit der ersten Auffassung und poetischen Darstellung der Naturereignisse an.

SCHWARTZ führt in seiner Vorrede von JAKOB GRIMM an: "daß die Anfänge der Mythologie es mit den mehr oder minder rohen Anfängen des menschlichen Glaubens zu tun haben." Wenn das richtig ist, so muß das Ende sich aus diesem Anfang entwickeln, wie es dann auch wirklich der Fall ist: Alle Religionen sind nichts anderes, als die Ausbildung der ursprünglichen Märchen von den naturgewaltigen Personen, "den himmlischen Mächten". JAKOB GRIMM hat viel mehr gesagt, als er sagen wollte, aber was SCHWARTZ daraus entnimmt, das hat er im Grunde weder gesagt, noch gemeint.

SCHWARTZ nennt "diese Anfänge des Glaubens" den "gläubig-volkstümlichen Standpunkt". Dies gibt aber leicht eine falsche Auffassung. "Der Anfang des Glaubens", - an Was? Doch wohl an den Mythos,  an das Märchen  oder an den prägnanten Ausdruck! z. B. "den Alten, der mangelt." - Und den schafft doch die erregte Anschauung des Naturereignisses. Diese und ihr Ausdruck gehen also doch sicherlich  dem Glauben  an das Märchen voraus.

Der poetische Ausdruck der Anschauung, welcher durch die Naturerscheinung in der Phantasie des Dichters erregt wird, ist offenbar noch nicht "der gläubig volkstümliche Standpunkt", obgleich GRIMM in dieser Geschichte allerdings den "Anfang des menschlichen Glaubens" finden kann. Offenbar gibt aber erst  die eingelebte und oft wiederholte Geschichte  den "Glauben" an sie, oder gar den "gläubigen Standpunkt".

Diese  nachher,  - wenn auch vielleicht gleich beim ersten Anhören des Märchens oder des malerischen Ausdrucks, - eintretende  Gläubigkeit  ist schon eine  Verwendung  der  erklärenden  Phantasie oder Darstellung, die ohne Zweifel als Theorie entsteht.

Die  Erklärung,  welche die dichtende Phantasie z. B. mit dem Gewitter vornimmt, ist nach SCHWARTZs eigener Darstellung das Hineinbilden der  irdischen  Geschichte in die  himmlische  Erscheinung, wobei der Dichter also doch notwendig wissen muß, daß er dichtet, oder diese (phantastische) Erklärung vorbringt.

Diese Hineinbildung der irdischen Geschichte in die Wolken weist nun SCHWARTZ mit großer Klarheit und Anschaulichkeit nach. Er schildert, wie man sich "das himmliches Terrain", "gedacht als Wolkenberg", "als ein Wolkenmeer", und "wie dort dann in Sturm, Blitz und Donner die himmlischen Schlangen, Wölfe, Stiere, Pferde, Böcke und Hasen auftreten, die Wolkenvögel geflogen kommen, und die Wolkenschwäne sich in den himmlischen Wassern baden". "Dort oben, lebte man, dem Glauben nach, wie hier unten", sagt SCHWARTZ (1).

"Dem Glauben nach", der an  diese Dichtung  glaubte. Der Dichter, der die Geschichte zuerst erzählt, wer er auch ist, kann aber doch noch nicht in dem Sinne  "gläubig"  gewesen sein, wie der, dem seine Mähr zur Genüge wiederholt wurde, der sie auswendig gelernt, oder dem sie gar als ehrwürdige und heilige Sage überliefert wurde. Denn  wer  die Geschichte hervorbringt, um das Naturereignis darin zu malen, kann nicht gleich vergessen, daß sein Ausdruck der seinige ist, er kann ausfinden,  daß  er treffend ist und daß sein Märchen  das  richtig ausdrückt, was es ausdrücken soll. Der  Gläubige  hat dann freilich  keine Wahl  mehr und entschläg sich aller Prüfung, während die erste Phantasie notwendig kritisch also nicht "gläubig" ist; denn sie ist willkürlich und  hat die Wahl  z. B. zwischen den Hunden, die im Donner bellen, und dem Stier, der darin brüllt, oder dem Wagen, der darin rasselt etc. Ja, SCHWARTZ hat selbst gezeigt, daß zwei mythische Gebilde sich  in den Gemütern der noch nicht Gläubigen  um den Sieg streiten, und daß der Sieger der Gott, der Besiegte der Dämon wird.

So fiel es dem New Yorker Literaten, dem Verfasser des Buchs der Mormonen, nicht ein, daran zu glauben; die Mormonen aber sind "gläubig". "Gläubig" ist überhaupt nur ein rücksichtsvoller Ausdruck für blödsinnig und abergläubisch, wenn es nicht das demokratische Stichwort des geflissentlich Kindlichen gegen die wenigen Aristokraten ist, die nichts unbesehen in Kauf nehmen.

SCHWARTZ bietet die anziehende Eigenheit dar, daß er, man möchte sagen, zu gleicher Zeit in beiden Lagern erscheint, wobei er aber offenbar stark auf die "Gläubigkeit" des  einen  Lagers rechnet.

Er sagt (2):
    "Die deutschen Götter verjüngen sich an den Äpfeln des Gewitterbaums, wie  Helios  aus dem Gewitterbad neu hervorgeht, ja, selbst im himmlischen Garten  Jehovas  fehlt der Baum des ewigen Lebens nicht". "Dies" fährt er fort, "sind die  gläubigen  Vermittlungen zur allmählich erfaßten Vorstellung  der ewigen Götter". 
"Die ewigen Götter". - Nun, wie die Dichter sagen. Aber obgleich das Vermitteln immer nur sich selbst und seinen eigenen Inhalt vermittelt haben kann, also das  gedichtete  - das  geglaubte  Märchen, der gläubige Standpunkt den dummen oder die ganz sinnlose Hinnahme des Märchens als Wahrheit, so läßt sich doch SCHWARTZ verleiten, nicht nur "die ewigen Sturm- und Gewittergötter", sondern sich selbst "die ewige Wahrheit" durch diese sinnreichen deutschen, indischen, griechischen und jüdischen Märchen vermitteln zu lassen. In den letzten beiden Sätzen seiner hübschen Untersuchungen trinkt, wie wir gesehen haben, er aus dem christlichen  Lethe  Ominisöl [Weissagungsöl - wp] für alle seine geistreichen Erklärungen.

Aber der Trank muß ja durch diese Erklärungen selbst seine Wirkung verlieren. Es heißt auch weiter wörterlich bei ihm (3)
    "Abergläubische  Sitten  und  Gebräuche  und der  Kultus  sind dann wieder Nachbildungen der himmlischen Vorgänge". (4)

    "Die Stürme", sagt SCHWARTZ (5), "namentlich die Äquatorial- und Nordstürme, als die stärksten, sind dasjenige Element vor allem gewesen, welches als das lebensvollste und herrschende im himmlischen Haushalt überall den Mittelpunkt der Handlung hergegeben hat und so auch als  der Kern und Ausgangspunkt der göttlichen Persönlichkeiten  anzusehen ist." -

    "Die an diese Gewittererscheinungen sich anschließenden und durch die ganze Mythologie hindurchgehenden Vorstellungen von himmlischen Schlangen, brüllenden Löwen und Stieren, verbunen mit Wolkensturmesvöglen, gruppieren sich ebenso um den Thron des Herrn  Zebaoth,  der im Nordwind von der Stiftshütte, von ihnen umgeben, herniederfährt, wie auch in seinem himmlischen Haus Schlangen, Apfelbaum und Baum des Lebens wiederkehrt."
Das soll doch wohl nicht als bloße Redensart und Arabeske gelten? Es ist einfach dieselbe Erklärung, wie die des  Indra  und des  Zeus  aus dieser Naturerscheinung.

Nachdem nun SCHWARTZ den Ursprung aller, auch der jüdischen und der christlichen, Götter des Paradieses und der Stiftshütte auf dieselbe Weise dargetan hat, macht er einen Unterschied im Inhalt der Märchendichtung, der sehr wichtig wird, und nennt den Teil der Mythologie, der noch ohne Götter ist,  niedere Mythologie. 

Er setzt die handelnden Tiere, ja selbst die Heroen, diese Rivalen und Embryonen der Götter, früher, als die Götter.

Er nennt Götter ganz richtig die Personen, die als Herren der Naturerscheinungen ihren Einfluß  fühlbar  machen und dafür den  Kultus  erlangen. Und diese Reflexion auf die  Wirkung  der Naturerscheinungen sei eine  spätere. 

Aber der Kultus entsteht ja nicht aus der Reflexion auf die Wirkung der  Naturereignisse,  sondern auf die in ihnen wirken sollenden  Personen. 

Sonst konnte das praktische Verhältnis oder die Wirkung der Stürme und Gewitter den allerersten Beobachtern und Märchenvätern wohl schwerlich entgehen. Dagegen ist gewiß richtig die Auffassung "der  niederen Mythologie",  also einer  vorreligiösen  Periode, wo die Dichtung noch keine Personen als willkürliche Urheber und also auch keinen Kultus d. h. keine Beeinflussung des Willens dieser himmlischen Personen in den Wolken zugunsten der Menschen kannte. Folgt nun aber dann nicht aus SCHWARTZs eigener Darstellung, daß der ursprüngliche, mythische Standpunkt kein gläubiger, weil noch kein religiöser ist?

Wenn Tiere verehrt werden, so wird ihnen ebenfalls die Macht, sich dem Menschen nützlich zu machen, und menschlicher Wille und freie Entschließung angedichtet.

Immer aber ist die  erste  phantastische oder dichterische Versetzung der Tiere und Personen von der Erde in die Wolken noch eine Tätigkeit der  Theorie,  der unpraktischen Dichtung; und erst die  Verwendung  dieser  poetischen Naturkunde  zur  theologischen Heilkunde,  zur Zauberei durch Soma- und andere Opfer, zur Beschwörung, zum Beten, zu einer förmlichen "Heilsordnung", gibt die Praxis der Religion, den  Kultus,  d. h. allerdings  die  Religion. Diese Praxis ist ohne die Theorie nicht zu verstehen, wenn aber die Theorie einmal verstanden ist, so braucht man sich nicht länger bei der Praxis aufzuhalten, an die ohnehin die Menschheit unerhört viel Kraft verschwendet hat. Ihr Budget ist einzuziehen; ihre Tempel sind der wahren Theorie, der wahren Wissenschaft zu widmen. Wie wir an die Stelle  der Märchen  - die  Wahrheit,  an die Stelle des  Aberglaubens  - die Wissenschaft setzen, so setzen wir an die Stelle des  Kultus - die  Kultur

Wer aber die Religion in die Begeisterung für das Wahre, Gute und Schöne setzt, der verliert sicherlich ihren Inhalt nicht, wenn er die Gestalten des Aberglaubens, die alten Götter schließlich durchschaut und darum ihre Kultus beiseite setzt. Es ist richtig: Nur die Wahrheit macht uns frei; sie kommt aber nicht aus Palästina, sondern aus den Köpfen der Europäer, aus Wissenschaft und Philosophie.

Und hiermit glaube ich den Gebildeten unter den Verehrern der Religion klar gemacht zu haben, welche Gegenstände der Begeisterung und Verehrung ihnen noch übrig bleiben, seitdem die Meteore der Vorwelt sich in ihre Elemente aufgelöst haben.

LITERATUR Arnold Ruge, Acht Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verehrern, St. Louis 1868
    1) FRIEDRICH WILHELM LEBERECHT SCHWARTZ, Der Ursprung der Mythologie, Vorrede, Seite X
    2) SCHWARTZ, a. a. O., Vorrede, Seite XVII.
    3) SCHWARTZ, a. a. O., Vorrede, Seite XVI.
    4) Wie der Gott noch immer wirklich in Fleisch und Blut verwandelt werden muß, damit er wirklicher Mensch wird - versteht sich, ohne es zu werden. So macht ja auch das Wasserpeitschen keinen Regen, und so bringt das Feuer die Butter und den Somatrank, die ihm anvertraut werden, nicht zu  Indra.  Aber es wird gemeint, gewollt und - geglaubt.
    5) SCHWARTZ, a. a. O., Vorrede, Seite XVIII.