ra-2Paul TillichGeschichtsphilosophie    
 
REINHOLD NIEBUHR
Vom Erkennen der
Zeichen der Zeit


"Da traten die Pharisäer und Sadduzäer zu ihm, die versuchten ihn und forderten, daß er sie ein Zeichen vom Himmel sehen ließe. Aber er antwortete und sprach: des Abends sprecht ihr: Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot; und des Morgens sprecht ihr: Es wird heute Ungewitter sein, denn der Himmel ist rot und trübe. Ihr Heuchler, über des Himmels Gestalt könnte ihr urteilen, könnt ihr denn nicht auch über die Zeichen dieser Zeit urteilen?" - Matth. 16, 1-3


I.

Wettervoraussagen ist eine der ältesten Formen wissenschaftlicher Erkenntnis. Seit den frühesten Zeiten sind Fischer und Landleute gewohnt, nach dem Himmel zu schauen und einen wettergeübten Blick auf den Sonnenaufgang oder -untergang zu werfen und ihre Voraussagen über Sonnenschein oder Regen zu machen. Jede Gemeinde hatte ihre besonders klugen Wetterpropheten, denen man häufig intuitives Wissen zuschrieb. Aber diese angeblichen Intuitionen waren lediglich unbewußt gesammelte wissenschaftliche Tatsachen. Sie hatten beim Wetter die verschiedenen Folgeerscheinungen studiert, die verschiedenen Varianten kunstvoll abgewogen und waren so zu ihren Schlüssen gelangt. Der Fortschritt der Wissenschaft hat die Reichweite der Wettervoraussagen ausgedehnt; aber sie ist immer noch ein gutes Symbol der Zuverlässigkeit objektiver Kenntnis des Menschen, wenn sie die Vorgänge der Natur analysieren. Irrtümer mögen gemacht werden; aber persönliches Interesse wird wahrscheinlich nicht den Irrtum hervorrufen oder den Beobachter verleiten, Tatsachen zu fälschen oder aus den Unterlagen unrichtige Schlüsse zu ziehen.

In unserer Kenntnis der "Himmelsgestalt" steckt daher eine Verläßlichkeit, die in unserer Wertung der "Zeichen dieser Zeit" praktisch unerreichbar ist. "Zeichen dieser Zeit" umschließen alle Formen geschichtlicher Erkenntnis im Gegensatz zu der aus der Natur gewonnenen. Die Zeichen dieser Zeit zu erkennen, heißt geschichtliche Geschehnisse und Werte zu deuten. Die Deutung der Geschichte umfaßt alle Urteile, die wir über den Zweck unserer eigenen Handlungen und derjenigen anderer fällen. Sie schließt die Wertung unserer eigenen Tugend und anderer Interessen individueller und kollektiver Art und endlich unsere Auslegung der Bedeutung der Geschichte selbst ein.

Die Frage, die JESUS veranlaßt, jene der "Heuchelei" zu zeihen, die ein "Zeichen vom Himmel" verlangten, betraf die letzte Frage über die Geschichte. Die Bedeutung messianischer Erwartungen stand auf dem Spiel. Messianische Erwartungen waren Ausdruck des Gedankens, daß die Geschichte eine gewise Gestalt hat und der Erfüllung ihres Zweckes entgegengeht. Die Zeit des Messias war die Zeit, in der die Unklarheiten der Geschichte geklärt und ihre Fehlschläge überwunden würden, sowie das menschliche Dasein in einer Gemeinschaft vollkommenen Friedens und der Harmonie blühen würde. Es würden besondere "Zeichen" diese nahenden Endes geschehen. Die Pharisäer und Sadduzäer forderten von JESUS, diese Zeichen zu zeigen, um seine messianischen Ansprüche zu bekräftigen.

JESU Antwort deutete an, daß die "Zeichen" bereits offenbar seien, aber daß jene, die sie forderten, sie infolge ihrer Heuchelei nicht erkennen könnten. Das heuchlerische Element, das in allen messianischen Erwartungen enthalten war, bestand in der selbstsüchtigen Hoffnung, daß das Ende der geschichtlichen Entwicklung Israel als dem auserwählten Volk oder den Gerechten Israels den Sieg über ihre Feinde und die endgültige Rechtfertigung vor Gott und den Menschen geben würde. Diese selbstsüchtige Form messianischer Hoffnngen führt zu den Irrtümern und Fehlrechnungen, nicht nur bezüglich des letzten "Endes" oder Sinnes der Geschichte, sondern überhaupt bezüglich jeden Endes. Tatsächlich ist kein Volk oder einzelner Mensch, und sei er der gerechteste, gut genug, Gotten Willen in der Geschichte zu erfüllen. JESU eigene Geschichtsauffassung ging dahin, daß alle Menschen und Völker im Aufruhr gegen Gott lebten und daß daher der Messias nicht so sehr ein starker und guter Herrscher zu sein hätte, der den Gerechten zum Sieg über die Ungerechten verhülfe, sondern ein "duldender Diener", der die Gnade Gottes darstellen und kundtun würde; denn nur die göttliche Vergebung könne die Widersprüche der Geschichte und die Feindschaft zwischen Mensch und Gott endgültig überwinden. Aber kein selbstgerechter Mensch und kein selbstgerechtes Volk würden die "Zeichen" (z. B. das bevorstehende Kreuz) beurteilen können, die diese Art der endgültigen Klärung der Geschichte andeuten. Der Mangel an Urteilskraft würde nicht an einem Denkfehler in der Schätzung des Geschichtsverlaufes liegen, sondern an einer Verderbnis des Herzens, durch die ein verwirrender Eigendünkel in die Bewertung geschichtlicher Vorgänge gebracht würde. Hierauf beruth unseres Herrn Vorwurf der Heuchelei gegen jene, die ein "Zeichen" des kommenden Reiches forderten. Sie waren moralisch und geistig unfähig, das Zeichen des Reiches Gottes zu erkennen, welches niemand, nicht einmal den Gerechten gegen seinen Feind rechtfertigen würde, sondern vielmehr eine Rechtfertigung Gottes sein würde gegenüber allen Elementen in der Menschengeschichte, die seiner Macht und Güte Trotz böten.


II.

Wir wollen uns hier nicht damit beschäftigen, die besondere Form der Heuchelei zu analysieren, die JESU Zeitgenossen zu dem ihnen eigenen Irrtum führte, die alte Hoffnung auf eine messianische Herrschaft zu mißdeuten; sondern wollen vielmehr den Unterschie in der Ursache des Irrtums zwischen allen Formen der Geschichtserkenntnis und denen der Naturerkenntnis, als zwischen "des Himmels Gestalt" und den "Zeichen dieser Zeit" prüfen. Dieser Unterschie ist in der ganzen Zeit unserer modernen Kultur, die gern annimmt, daß die Art der "Objektivität", der sich die Naturwissenschaften rühmen, auf alle geschichtlichen, politischen und sozialen Urteile übertragen werden können, unklar geblieben. Diese Annahme beruth auf einer Nichtachtung der teils bewußten, teils unbewußten Unaufrichtigkeit, die mit falschen sozialen und geschichtlichen Urteilen verknüpft ist. Alle falschen Urteile über Freund oder Feind, über gutgeheißene oder abgelehnte soziale Bewegungen oder über irgendeine Seite des sozialen Lebens und der Verlauf seiner Geschichte müssen mindestens teilweise der Heuchelei zugeschrieben werden. Daher ist die Beseitigung des Irrens niemals eine rein verstandesmäßige, sondern eine sittliche und geistige Handlung. Der höchste Grad der Objektivität und Unparteilichkeit beim Abwägen geschichtlicher Werte wird durch religiöse Demut erreicht, die sich der unbewußten Unaufrichtigkeit des Urteils klar wird und sie zu berichtigen sucht.

Der Unterschied zwischen der Erkenntnis der Natur und der Erkenntnis und Einschätzung unserer Mitmenschen ist folgender: Bei der Erkenntnis der Natur steht das Denken des Menschen im Mittelpunkt des Erkenntnisvorganges, während das Ich mit all seinen Befürchtungen, Hoffnungen und Eigenwünschen an der Peripherie bleibt. Bei der Erkenntnis geschichtlicher Ereignisse steht das Ich mit all seinen Gefühlen und Wünschen im Mittelpunkt, während der Geist an der Peripherie ist und lediglich als Werkzeug des besorgten Ichs dient. Der Grund für diesen Unterschied ist klar. Wenn wir eine Blume oder einen Stern, eine Gesteinsbildung oder ein chemisches Problem betrachten, werden Ansehen und Sicherheit des Betrachtenden dabei nicht berührt. Die Dinge, die wir sehen, sind, was sie sind, und keine Gefühlsbewegung kann die Tatsachen umstoßen oder Folgerungen abändern. Wenn wir versuchen, die Bedeutung mancher Naturgegebenheiten für das menschliche Handeln abzuschätzen, befinden wir uns bereits auf einer anderen Ebene der Erkenntnis, wo das ganze Gewicht menschlichen Stolzes und menschlicher Unsicherheit spürbar wird. Die eine Richtung mag nachzuweisen suchen, daß die Naturgeschichte alle Ansprüche des Menschen, einzigartig unter den Geschöpfen zu sein, widerlegt, während eine andere Richtung klar naturgeschichtliche Tatsachen, wie die Entwicklung, abzustreiten sucht, weil diese die Beziehung des Menschen zu anderen Geschöpfen nachweist und daher als Beleidigung menschlichen Stolzes angesehen wird. Der ganze Streit über die Entwicklungslehre war beiderseits erfüllt von unwissenschaftlichen und unobjektiven Faktoren. Im einen Fall waren wissenschaftliche Lehren nur allzu geneigt, aus der besonderen Verantwortung menschlicher Freiheit einen Ausweg zu suchen; und im andern Fall waren orthodoxe Religionsfanatiker zu sehr darauf aus, zu viel zu beweisen und die Würde des Menschen dadurch zu betonen, daß sie seine Art als Geschöpf abstritten.

Der Streit über wissenschaftliche Lehren deutet an, daß jede Philosophie, sogar die, die lediglich auf der Naturwissenschaft zu beruhen behauptet, sich auf der Grenze zwischen objektiver Erkenntnis der Natur und subjektiver und "existenzieller" Erkenntnis der Geschichte befindet. Wenn Urteile über die Beziehungen des Menschen zur Natur abgegeben werden, sind sie immer Teil einer umfassenden religiösen Deutung des Lebens, bei der einzelne Gegebenheiten der Natur und der Geschichte in einen umfassenden Bedeutungszusammenhang gebracht werden. Dieser Bedeutungszusammenhang ist immer etwas mehr etwas weniger als ein bloßer Gedankengang; er ist immer ein System des Glaubens. Solche Systeme müssen sich schließlich mit dem menschlichen Sinn von der Deutung des Ganzen und dem Platz des Menschen in dieser Deutung beschäftigen. Auf der Suche nach seinem eigenen Platz im Ganzen ist der Mensch immer zwei widerstreitenden Versuchen unterworfen. Er ist einerseits versucht, zu sehr eine besondere und zentrale Stellung im Gesamtrahmen der Dinge zu beanspruchen, andererseits sich der Verantwortung zu entziehen, indem er die Sonderstellung abstreitet, die er durch seine Freiheit in der Schöpfung einnimmt.

Die meisten Philosophien befinden sich auf der Grenze zwischen der Erkenntnis von Natur und Geschichte Auf dieser Grenze gibt es eine Mischung von objektiver Naturerkenntnis und subjektiv gefärbter Erkentnis menschlicher Ereignisse und Absichten. Aber diese Grenze verschiebt nicht den wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Arten der Erkenntnis. Wenn wir nicht eine Blume oder einen Stern, sondern einen Freund oder Feind betrachten, wenn wir nicht natürliche Folgen, sondern den Verlauf der menschlichen Geschichte schätzen, wenn wir nicht die Handlungen und Reaktionen der Naturatome, sondern die Ambitionen und Absichten unserer Konkurrenten und Freunde abwägen, sind wir niemals objektive Beobachter. Wir sind immer ein Teil des Lebensdramas selbst, was wir zu verstehen suchen. Wir nehmen an den Konflikten teil, die wir schlichten wollen und an den Freundschaften, die wir genießen wollen. Unsere Urteile über andere sind mit Gefühlen gemischt, die durch unsere jeweilige Stärke oder Schwäche ihnen gegenüber hervorgerufen sind. Ihre Tugenden und Vorzüge mögen unsere Eifersucht erwecken oder uns zur Nachahmung anspornen. Ihre Schlechtigkeit mag uns zum Haß verleiten. Ihre Schwäche mag unser Mitleid, ihre Stärke unsere Furcht hervorrufen. Als Gesamtpersönlichkeit sind wir mit den Geschehnissen der Geschichte verbunden. Unser Verstand ist niemals eine reine und abstrakte Intelligenz, wenn er inmitten der Vielfalt menschlicher Beziehungen tätig ist. Es gibt keinen Standpunkt in der menschlichen Geschichte, sei er individuell oder kollektiv, von dem aus wir ihre Entwicklung mit völliger Unparteilichkeit beurteilen können. Nich einmal einen festen Zeitpunkt gibt es, von dem aus wir vergangene Geschehnisse völlig unparteiisch beurteilen können. Natürlich stimmt es, daß manche Geschichtsperioen derart abgeschlossen sind, oder wenigstens zu sein scheinen, daß sie im Ringen der Interessen und Werte, die unser Urteil im gegenwärtigen Augenblick färben, belanglos scheinen; aber wir können nie sicher sein. Uner Urteil über HAMILTON oder JEFFERSON wird immer noch zum Teil von heutigen Parteivorurteilen bestimmt; und selbst eine Analyse der Ursachen des Verfalls des alten Rom wird sicherlich mit sozialen und politischen Überzeugungen vermischt, die der gegenwärtigen Situatione entnommen sind. Darum bleibt die Geschichtsschreibung eine politische Waffe. Wenn die russischen Kommunisten die Linie ihrer Parteipolitik ändern, werten sie auch die Bedeutung PETERs des Großen oder gar IWANs des Schrecklichen neu und anders.

Ebenso wie für die Betrachtung der Vergangenheit gibt es auch für die Betrachtung der gegenwärtigen Lage nur Standpunkte relativer Unparteilichkeit. Alle menschliche Gerechtigkeit hängt von der Schaffung eines relativ unparteiischen Gerichtswesens ab, mit dessen Hilfe die nie endenden Interessenstreitigkeiten zwischen den Menschen geschlichtet werden. Aber wenn die Fragen tief genug bis an die Wurzeln der Gesellschaftsordnung greifen, auf der die Gerichtsbarkeit beruth, werden ihre Urteile zu Werturteilen. In der internationalen Gesellschaftsordnung ist bisher noch kein wirklich unparteiisches Gerichtswesen geschaffen. Selbst ein Krieg, der durch Übereinstimmung der Menschen als gerechter Krieg gegen die Aggression angesehen wird, ruft manche sozialen und politischen Urteil hervor, welche künftige Generationen als parteiische Vorurteile und eher als Machtäußerungen der Sieger angesehen werden, denn als Ausdruck der Gerechtigkeit.

Es ist natürlich für jede Gesellschaft wichtig, möglichst viele Organe relativer Unparteilichkeit offizieller wie inoffizieller Art zu haben. Es gibt z. B. in der modernen Gesellschaft eine Berufsgruppe, die nicht unmittelbar in den Machtkampf verwickelt ist, der die Industriebevölkerung spaltet. Die relative Unparteilichkeit einer solche Gruppe mag sehr dazu beitragen, den Parteizwist zu mildern. Ein gewisser Grand von Objektivität kann verstandesmäßig erreicht werden. Je höher und weiter das intellektuelle Niveau, desto besser können die Menschen nicht nur die Interessen ihrer eigenen Nation oder Gruppe, sondern auch die der konkurrierenden Kreise übersehen.

Aber trotz der Verdienste und Errungenschaften dieser Träger verhältnismäßiger Objektivität gibt es keinen Punkt in der menschlichen Geschichte, von dem aus die Angelegenheiten unserer Mitmenschen rein verstandesmäßig betrachtet werden können. Immer sind wir ein Teil des Lebensdramas, das wir schauen und die Gefühle dort färben daher unseren Blick.

Die Beobachtung ist keineswegs neu. Der gesunde Menschenverstand hat immer diese Parteilichkeit erkannt und gelernt, die Urteile interessierter Parteien bei einer Handlung mit Vorsicht aufzunehmen. Aber wenig ist getan, um die sittlichen gegenüber den intellektuellen Faktoren herauszustellen, die mit unseren geschichtlichen Fehlurteilen zusammenhängen. Der Marxismus, der die Theorie der "ideologischen Färbung" in unserer politischen Beurteilung zuerst entwickelte, sieht unehrliche Schlüsse in erster Linie als Folge der Begrenztheit menschlicher Perspektiven an. Namentlich ENGELS bestreitet, daß diese Irrtümer irgendein Element bewußter Unaufrichtigkeit enthalten. Das rührt daher, daß die marxistische Lehre vom menschlichen Bewußtsein zu naturalistisch ist, um die unbestimmbare Freiheit des Menschen und die daraus folgende Erhebung des eigenen Ichs über seine begrenzte Urteilskraft hiaus zu würdigen. Aber die marxistische Polemik gegen den "Bourgeois" nimmt immer die Unaufrichtigkeit an, die in der marxistischen Ideologienlehre ausdrücklich abgestritten wird.

In Wirklichkeit zeigen unsere Geschichtsurteile bei sorgfältigerer Analyse ein verwirrendes Gemisch von unbewußter Unkenntnis und bewußter Rationalisierung selbstsüchtiger Interessen. Wenn wir glauben, daß der zweite Weltkrieg gekämpft wurde, um ein "amerikanisches Jahrhundert" herbeizuführen, so ist dieses Urteil - das übrigens den messianischen Irrtümern, die CHRISTUS tadelte, erstaunlich ähnelt - zum Teil aus der begrenzten Perspektive der Amerikaner hergeleitet, die naturgemäß die Welt aus dem amerikanischen Blickwinkel betrachten, aber zum Teil auch aus bewußtem amerikanischen Stolz und Machtwillen, der die Welt unter amerikanische Herrschaft bringen möchte.

Wenn eine Frau die Schönheit ihrer Rivalin unterschätzt, so ist das ein falsches Urteil, das z. B. nicht durch ein Kolleg über Ästhetik berichtigt werden kann. Persönliche Eifersucht wiegt bei solchen Urteilen schwerer als eine rein verstandesmäßige Einschätzung der Schönheit. Im Hochverratsprozeß gegen Marschall PÉTAIN behauptete derselbe, daß er ehrlich versucht habe, Frankreich in einer schwierigen Lage zu erhalten, während seine Gegner behaupteten, daß er die Katastrophe, die sein Land befiel, dazu benutzt habe, seine eigenen langgehegten Ambitionen zu fördern. Einige Zeugen zögerten, den Angeklagten des vorsätzlichen Verrats zu beschuldigen und bestanden nur darauf, daß ungeachtet der Beweggründe seine Handlungen der Nation zum Schaden gereicht hätten. Diese Zurückhaltung war lobenswert, obwohl das Übergewicht an Beweismaterial auf Seiten derer war, die ihm bewußtes Vorantreiben persönlichen Ehrgeizes vorwarfen. Die Zurückhaltung war berechtigt, weil die Mischung der Motive bei jedem so vielfältig und verwirrend ist, daß keiner von uns, der die Geheimnisse des menschlichen Herzens erforschen will, sich irgendeines Urteils sicher sein kann. Wir können nicht einmal unsere eigenen Beweggründe sicher beurteilen, vielleicht sogar am wenigsten. Da wir gewöhnlich nicht andere täuschen, ohne auch uns selbst dabei zu täuschen, sind unsere Beweggründe oft "ehrlich", nachdem wir unaufrichtig eine imposante Fassade idealer Absichten aufgebaut haben.

Die schrecklichen Folgen von Rassevorurteilen werden von manchen Beobachtern als eine Form von bewußter Perversität und von anderen als Folge schwerer Ignoranz angesehen. Wenn Rassenvorurteile voll zum Austrag kommen, bringen sie die schrecklichsten Grausamkeiten mit sich. Diese Grausamkeiten scheinen die Theorie eines bewußt widernatürlichen Rassestolzes zu rechtfertigen. Dennoch ist der Boden, auf dem sie entstehen, kein anderer als der, welcher die scheinbar harmlosen falschen Urteile über die Vorzüge und Fehler anderer nährt, die man fast auf jeder Abendunterhaltung hören kann. Rassestolz führt faktisch aus einem Gemisch von Unwissenheit und Unsicherheit her. Wir beurteilen die andere Rasse falsch, weil wir in unserer Unwissenheit die parteiischen und besonderen Maßstäbe unseren eigenen Kreises zu endgültigen Kriterien der Schönheit, Tugend und Wahrheit erheben. Wir urteilen ferner falsch, weil wir die drohende Konkurrenz der anderen fürchten und ihr entgegenzuarbeiten suchen.

Die Verbindung von Unwissenheit und Unaufrichtigkeit, die unsere sozialen Vorurteile bestimmt, wird durch die Tatsache hervorgerufen, daß alle Menschen wohl Geschöpfe mit begrenztem Blickfeld sind und doch freie Geister, die etwas Wissen von einem höheren Einbezogensein haben, wo ihr Urteil und ihre Interessen nicht im Mittelpunkt der Dinge stehen. Unsere Furcht als schwache Geschöpfe bringt uns im Wettbewerb mit anderen Lebensformen dazu, unsere eigenen Interessen zu fördern. Unsere Stärke als denkende und beseelte Geschöpfe befähigt uns, diese Interessen über ihr berechtigtes Maß hinaus vorwärtszutreiben. Unser weiteres Vermögen, die Wertlosigkeit dieser Ansprüche zu erkennen, bedeutet, daß wir mit einem gewissen Grad bewußter Unaufrichtigkeit unsere besonderen Interessen und Ansprüche verbergen und sie mit mehr universellen und allgemeinen Interessen verknüpfen müssen.

So kommt es, daß jeder Parteianspruch und jedes Nationalurteil, jedes rassische und religiöse Vorurteil und jede private Einschätzung der Interessen und Vorzüge anderer Menschen etwas mehr und auch etwas weniger ist als ein rein verstandesmäßiges Urteil. Vom einfachsten Urteil über unsern Rivalen und Konkurrenten bis zu einem abgeschlossenen Urteil über das Wesen der Geschichte und die Art ihrer endgültigen Erfüllung werden wir durch unsere Befürchtungen und unsern Stolz zum Irrtum verleitet; und wir versuchen, den Irrtum durch Anmaßung zu verbergen. Wir können nicht über die Zeichen dieser Zeit urteilen, weil wir Heuchler sind.


III.

Das Erreichen eines gewissen Grades von Aufrichtigkeit in der Beurteilung unserer Mitmenschen und der Wertung des menschlichen Dramas, in dem wir uns befinden, ist daher etwas anderes, als eine rein verstandesmäßige Leistung, die bedingt, daß der Drang des Menschen, ein endgültiges Urteil zu fällen, obwohl er interessierter Mitspieler in diesem Drama ist, überwunden werden muß. Die lauernde Unaufrichtigkeit unseres Urteils, mit der wir unsere eigenen Interessen durch vorgespiegelte Hingabe an das Allgemeinwohl verbergen, muß beachtet werden. Die blinde Selbstverherrlichung, mit der wir uns eine mehr zentrale Stellung im Plan der Dinge anmaßen, muß in Rechnung gestellt werden. Die Tatsache, daß die wirkliche Lösung des Problems darin besteht, über die Versuchung zur Selbstverherrlichung zu triumphieren, beweist, daß die Frage, der wir gegenüberstehen, religiöser Natur ist. Sie kann nicht durch gewöhlichen moralischen Idealismus gelöst werden; denn dieser endet immer in Selbstgerechtigkeit. Sie kann nur durch religiöse Demut gelöst werden. Das Gebet des Psalmisten: "Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahre, wie ichs meine. Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege" (Ps. 139,23), bestimmt den Grad unserer Selbstbeurteilung. Wir müssen erkennen, daß nur ein göttliches Urteil, endgültiger, als das unsere, den Zusammenhang der Werte, in den wir hineingehören, vollkommen machen und die versteckten Unaufrichtigkeiten erkennen kann, durch die wir eine falsche Endgültigkeit unserer verschiedenartigen Interessen in diesem Drama beanspruchen. Gott zu bitten "zu sehen, ob eine Missetat in mir sei", heißt, die teils bewußte, teils unbewußte Unaufrichtigkeit unserer Urteile zuzugeben. Wenn wir ihrer nicht recht bewußt wären, würden wir nicht nach einer Prüfung des Herzens von außen verlangen. Wenn wir ihrer völlig bewußt wären, würden wir nicht bitten müssen, daß Gott "sehe, ob eine Missetat in mir sei". Wir wissen und wissen es dennoch nicht, wie unaufrichtig wir sind. In den Augenblicken des Gebets, in denen wir uns der Unaufrichtigkeit unseres Urteils bewußter werden, erreichen wir auch ein volleres Maß an Aufrichtigkeit. Aus der Demut des Gebets erwächst die Liebe zu Freund und Feind. Die Einsicht, daß wir alle einem endgültigen Urteil unterstehen, mildert den 'Wahn unserer Selbstgerechtigkeit und hebt die Schlechtigkeit unserer unaufrichtigen Anmaßung zum Teil auf.

Nur durch den Glauben kennen wir den Gott, der uns richtet. Als Christen haben wir die Offenbarung seines Willens und seiner Absicht in der Liebe CHRISTI durch den Glauben angenommen. Wir wissen daher, daß diese Liebe das Merkmal seines Urteils ist. Wir wissen, daß alle Arten des Selbstsuchens, selbst die geringste, diese Höhe nicht erreichen. Aber wir dürfen nicht zu viel für unser Wissen von Gott und seinem Urteil fordern. Wenn wir das tun, machen wir Gott lediglich zum Verbündeten unserer Interessen im Plan der Dinge. Der Christenglaube muß demütig zugeben, daß die christliche wie auch jede andere Religion die Stärke des Parteizwistes häufig verschärft und die menschlichen Anmaßungen vergrößert hat. Er hat dies bis zu einem solchen Grad getan, daß weltliche Idealisten, die nach geistiger Objektivität und Unparteilichkeit streben, manchmal die Gemeinde der Gläubigen beschämt und mehr Liebe als sie in die menschliche Gemeinschaft hineingetragen haben. Diese Idealisten sind dazu gebracht worden, die religiöse Lösung dieses Problems zu verneinen, weil sie so oft beobachtet haben, daß das religiöse Gefühl die Vergötterung des Menschen eher betont als mildert.

Gewöhnlich sehen die Kirchlichen ebensowenig wie die Unkirchlichen, daß Religion kein Heilmittel gegen menschlichen Stolz und Anmaßung ist. Sie ist das letzte Kampffeld zwischen Hochmut und Demut. Es gibt keine Form des Christenglaubens, ganz gleich wie tief seine Einsicht in die Unendlichkeit und Sündigkeit des Menschen und die Majestät Gottes ist, die manche Anhänger dieses Glaubens davor zurückhalten kann, Gott einfach zum Verbündeten dieses oder jenes menschlichen Unternehmens zu machen und zur Rechtfertigung dieses oder jenes parteiischen Menschenurteils zu benutzen. Aber solche schrecklichen Glaubensverirrungen können dennoch nicht die Wahrheit der endgültigen Einsicht des Christenglaubens umstoßen, der den Gott erkennt, welcher über (und in gewissem Sinne entgegen) allem menschlichen Urteil steht, der uns richtet, sogar während wir unseren Gegner richten, der das Geschichtsdrama vollendet, das wir immer falsch vollenden, weil wir uns selbst, unsere Kultur und unser Volk zum vorzeitigen Mittelpunkt seiner Vollendung machen.

PAULUS drückt diese Demut des Glaubens sehr gut mit den Worten aus: "Mir aber ist's ein Geringes, daß ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Tage; auch richte ich mich selbst nicht. Denn ich bin mir nichts bewußt; aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist's aber, der mich richtet" (1. Kor. 4, 3-4). Der Sinne eines göttlichen Urteils jenseits aller Menschenurteile wird von PAULUS zu Recht als von zweifacher Bedeutung empfunden. Es als "ein Geringes" anzusehen, von Menschen gerichtet zu werden, heißt, daß wir die vorläufige und interessengebundene Art der Urteile erkennen, die andere für oder gegen uns abgeben. Wir werden daher nicht vor Stolz schwellen, weil andere gut von uns denken. Wir werden im Sinn behalten, daß sie unsere Herzensgeheimnisse nicht kennen. Vielleicht sind sie durch unsere unaufrichtigen Angaben zu leicht gewonnen worden. Auch ihr Tadeln werden wir nicht zu ernst nehmen. Das Gefühl eines noch endgültigeren Urteils wappnet uns mit dem Mut, den falschen Urteilen unserer Mitmenschen Trotz zu bieten. Die Idee, daß unser Gewissen lediglich ein soziales und soziologisches Erzeugnis sei, ist lachhaft im Hinblick auf die Tatsache, daß die Macht des Gewissens immer dann am vollendetsten zum Ausdruck gebracht worden ist, wenn Menschen die mittelmäßigen oder verkehrten Maßstäbe eines bestimmten Gemeinwesens im Namen eines religiös verstandenen höheren Maßstabs abgelehnt haben. Die ergiebigste Quelle für den Widerstand gegen Tyrannei ist stets der Glaube gewesen, der erklären konnte: "Man muß Gott mehr gehorchen denn den Menschen" (Apg. 5,29).

Aber die andere Seite des Glaubens, die ein göttliches Urteil jenseits unseres eigenen erkennt, richtet sich gegen unsere Selbsteinschätzung und nicht gegen die Urteile anderer über uns. "Ich bin mir nichts bewußt", erklärt PAULUS, "aber darin bin ich nicht gerechtfertigt" (1. Kor. 4,4). Wir wissen natürlich öfters Nachteiliges von uns. Wir erkennen Handlungen von gestern als falsch in der reuevollen Betrachtung von heute. Aber wenn das uns ein unruhiges Gewissen geben sollte, dürfen wir unsere Selbstachtung durch die Beobachtung wiedergewinnen, daß wir heute gut sein müssen; andernfalls könnten wir die gestrige Handlung nicht als im Gegensatz zum Guten stehend empfunden haben. So wissen wir nieals irgendetwas Endgültiges gegen uns selbst. Das eigene Ich ist so lange in seiner Selbstanalyse gerecht und in seiner Selbstwertung gesichert, bis es sich einem noch endgültigeren Urteil als dem eigenen unterworfen fühlt. Im großen Daseinskampf mit oder gegen unsere Mitmenschen sind die meisten von uns von Natur aus selbstgerecht. Wir wissen niemals etwas, das gegen uns spricht. Die einzigen Augenblicke, in denen die Selbstgerechtigkeit gebrochen wird, sind die Augenblicke des aufrichtigen Gebets. Dennoch kann etwas von diesem gebrochenen Geist und demütigen Herzen in den Lebenskampf hineingetragen werden. Wenn dies getan wird, können die Unaufrichtigkeiten und Anmaßungen gemildert werden, die alle unsere sozialen und geschichtlichen Urteile färben. Wir können die Heuchelei mäßigen, die uns daran hindert, über die "Zeichen der Zeit" zu urteilen. Etwas Liebe kommt in die Beurteilung anderer Gruppen und Völker. Auch die Verurteilung eines bösen Feindes geschieht mit "Zittern und Zagen", weil wir wissen, daß selbst dieses Urteil unter einem noch endgültigeren steht; und unser gerechter Zorn wird duch das Zittern und Zagen vielleicht davor bewahrt, in selbstgerechte Rachsucht abzusinken.

Diese religiöse Demut ist auch der letzte Ursprung eines tieferen Verstehens des ganzen menschlichen Daseins. Sie bewahrt uns davor, einen Messias zu erwarten, der die Geschichte dadurch vollenden wird, daß er uns unseren Feinden vorzieht oder uns hilft, ein amerikanisches, angelsächsisches oder vielleicht russisches Jahrhundert herbeizuführen. Die Irrtümer und Heucheleien, die sich in unsere verschiedenen Geschichtsurteile einschleichen, steigern sich letztlich immer zu einer irrtümliche Auffassung über die Bedeutung der Geschichte und Geschichtserfüllung. Sowohl die Geschichtsbegriffe des bürgerlichen Liberalismus als auch der marxistischen Utopie sind in Irrtümer verwickelt ähnlich denen, die CHRISTUS seinerzeit geißelte. Sie nehmen an, daß die Geschichte entweder im Triumpf der bürgerlichen Klassen über ihre aristokratischen Feinde, oder im Triumpf der proletarischen Klasse über ihre bürgerlichen Feinde gipfeln würde. Sowohl der Mittelstand als auch die Arbeiterschaft sind tatsächlich bedeutsame Träger der Gerechtigkeit in der Geschichte gewesen. Sie würden bessere Werkzeuge der Geschichte gewesen sein und auch heute noch sein, wenn sie nicht verleitet worden wären, sich selbst als die letzten Richter und endgültigen Erlöser der Geschichte anzusehen. Infolge dieses Mangels an Demut und dieser neuen Form von Anmaßung brachten sie gerade beim Versuch, alte Ungerechtigkeiten abzuschaffen, neue in die Geschichte hinein. Andere messianische Gruppen und Völker werden denselben Fehler begehen. Das ist der Grund, warum das Mysterium der Geschichte nicht anders als durch die göttliche Gnade erklärt werden kann; und diese Gnade kann nur von denjenigen verstanden und begriffen werden, die anerkennen, daß alle Klassen und Gruppen, alle Kulturen und Völker in der Beurteilung ihrer Gegner im Geschichtsdrama und des Geschichtsdramas selbst durch Heuchelei voreingenommen sind.

Die Klugheit, mit der wir mit unseren Mitmenschen, Freunden wie auch Gegnern, umgehen, ist nicht so sehr eine geistige Errungenschaft, als vielmehr die Frucht einer durch Gebet erlangten Demut. Der Glaube, durch den wir die Bedeutung unseres Daseins und die Erfüllung dieser Bedeutung in der göttlichen Gnade verstehen, ist letzten Endes ein Gnadengeschenk und nicht die Folge einer ausgeklügelten Analyse der Zeichen dieser Zeit. Wir sind nicht nur Geist, sondern ganze Persönlichkeiten. Als Geist können wir augenblickliche Probleme behandeln, alle endgültigen Probleme aber als Persönlichkeit; und wir behandeln sie nur dann wahrhaftig, wenn nicht die Unkenntnis des Geistes, sondern der Hochmut des Herzens überwunden ist.

LITERATUR Reinhold Niebuhr, Vom Erkennen der Zeichen der Zeit, München 1947