ra-2M. ReischleE. AdickesJ. EdwardsR. A. Lipsius    
 
WILLIAM JAMES
Der Wille zum Glauben (1)

"Sie werden bemerken, daß wir uns für die Zwecke dieser Erörterung auf  dogmatischem  Boden bewegen, - auf einem Boden, meine ich, wo der systematische philosophische Skeptizismus ganz und gar nicht in Betracht kommt. Wir sind fest entschlossen, von der Voraussetzung auszugehen, daß es Wahrheit gibt, und daß es unserem Geist bestimmt ist, sie zu erreichen, wenn auch der Skeptiker diese Annahme nicht machen will."

"Die scholastische Orthodoxie hat die absolutistische Überzeugung vortrefflich ausgeführt in der von ihr sogenannten Lehre von der  objektiven Evidenz.  Wenn ich z. B. nicht imstande bin, daran zu zweifeln, daß ich jetzt vor Ihnen stehe, oder daß zwei weniger ist als drei oder daß, wenn alle Menschen sterblich sind, auch ich es bin, - so kommt das daher daß diese Dinge meinem Verstand unwiderstehlich einleuchten."

"Der Skeptizismus besteht also nicht in der Vermeidung einer Option; er ist die Option einer bestimmten besonderen Art von Risiko.  Lieber den Verlust der Wahrheit, als die Möglichkeit des Irrtums riskieren!  - Das ist der eigentliche Standpunkt dessen, der gegen den Glauben sein Veto einlegt."

Vorwort des Verfassers

An den meisten unserer amerikanischen Hochschulen gibt es fachwissenschaftliche Studentenvereine, welche die lobenswerte Gewohnheit haben, ein oder zweimal jährlich einen älteren Gelehrten zu eiem - häufig öffentlichen - Vortrag zu veranlassen. Von Zeit zu Zeit habe auch ich solche Einladungen angenommen und dann meinen Vortrag in irgendeiner Zeitschrift veröffentlicht. Ich glaubte nun, diese Abhandlungen seie es vielleicht wert, in einem Band vereinigt zu werden, da sie gegenseitig Licht aufeinander werfen und ihrer Gesamtheit einen einigermaßen bestimmten philosophischen Standpunkt zum Ausdruck bringen, wenn auch in sehr wenig technischer Form.

Hätte ich diesem Standpunkt einen kurzen Namen zu geben, so würde ich ihn als  radikalen Empirismus  bezeichnen, obschon solche kurze Schlagwörter nirgends mehr irreführen, als in der Philosophie. Ich nenne ihn  "Empirismus",  weil er sich begnügt, auch die sichersten Schlüsse, soweit sie Tatsachen betreffen, als Hypothesen anzusehen, die im Laufe weiterer Erfahrung modifiziert werden können. Ich nenne ihn "radikalen Empirismus", weil er auch die Lehre des Monismus als Hypothese behandelt und nicht auf halbem Weg stehen bleibt, wie es der unter dem Namen des Positivismus, des Agnostizismus oder des wissenschaftlichen Naturalismus umgehende Empirismus so häufig tut, indem er dogmatisch behauptet, mit dem Monismus habe sich alle Erfahrung irgendwie in Einklang zu bringen. Vielleicht gibt es in der Philosophie keinen schwerer wiegenden Unterschied als den zwischen Monismus und Pluralismus. Für den ersten Blick stellt die Welt einen Pluralismus dar; so wie wir sie vorfinden, zeigt sie keine andere Einheit als die jeder beliebigen Sammlung. Unser höheres Denken besteht nun hauptsächlich in dem Bemühen, sie aus dieser ihrer ursprünglichen rohen Form herauszubringen. Indem wir mehr Einheit postulieren, als sich aus den ersten Erfahrungen ergibt, entdecken wir auch mehr.  Absolute  Einheit aber ist noch immer nicht entdeckt worden, obschon man glänzende Anläufe in ihrer Richtung gemacht hat; sie bleibt nach wie vor ein "Grenzbegriff". "Immer noch nicht ganz!" das muß in dieser Hinsicht das letzte Bekenntnis der rationalistischen Philosophie bleiben. Wenn alles getan ist, was die Vernunft tun kann, dann bleibt doch noch die Undurchsichtigkeit der bloß "gegebenen" konkreten Tatsachen, deren Besonderheiten sich gegenseitig meist weder vermitteln noch erklären. Bis zum letzten Augenblick gibt es verschiedene "Gesichtspunkte", die der Philosoph unterscheiden muß, wenn er die Welt erörtert, und was, von dem einen aus gesehen, innerlich klar ist, bleibt für den andern ein bloß Äußerliches, ein bloß Gegebenes. Nie läßt sich das Negative, das Alogische ganz bannen.  Etwas  - "nenns Schicksal, Zufall, Freiheit, Willkür, Teufel, nenn's wie du willst!" -  etwas  bleibt für deinen Gesichtspunkt stets widersprechend, bleibt ein "anderes", bleibt draußen stehen, bleibt uneingeschlossen, und wärst du der größte Philosoph.  Etwas  ist stets bloß Tatsache, bloß  gegeben und vielleicht gibt es im Universum keinen einzigen Gesichtspunkt, für den das nicht der Fall wäre. "Die Vernunft ist", wie ein begabter Autor sagt, "nur ein Punkt in diesem Geheimnis: in der Tiefe auch des stolzesten Bewußtseins, das jemals herrschte, schauten Vernunft und fragendes Erstaunen einander errötend ins Gesicht. Das Unvermeidliche stumpft es ab; der Zweifel aber ist der Bruder der Hoffnung. Nicht zum Unglück gleicht das Universum einem Urwald, - wild duftend wie die Schwinge des Falken. Natur ist Wunder ganz und gar; das Gleiche kehrt nur wieder, um das Verschiedene mitzubringen. So rückt die Drehung eines Bohrers nur langsam um Haaresbreite weiter, aber die Abweichung verteilt sich nach rückwärts über die ganze Kurve, und keinen Augenblick ist diese richtig, - niemals ganz!" (2)

Das ist Pluralismus in etwas rhapsodischer Darstellung. Der von mir so genannte radikale Empirismus bekennt sich zu der Annahme, daß dieser Pluralismus die dauernde Gestalt der Welt treffend bezeichnet. Er betrachtet die Roheit der Erfahrungstatsachen als ewiges Element derselben. Es gibt nach ihm keinen möglichen Gesichtspunkt, dem sich die Welt als völlig einheitliche Tatsache darstellt. Der Empirist läßt Raum frei für wirkliche Möglichkeiten, wirkliche Unbestimmtheiten, wirklichen Anfang und wirkliches Ende, für wirkliches Übel, für wirkliche Krisen, Katastrophen und Abwendungen des Unheils, für einen wirklichen Gott und ein wirkliches sittliches Leben, ganz wie gesunder Menschenverstand sich all das denkt. Er gibt es auf, diese Begriffe zu "überwinden" oder sie in monistischem Sinn umzudeuten.

Viele meiner gelehrten Fachgenossen werden wohl lächeln über die Vernunftwidrigkeit dieser Anschauung und über die Kunstlosigkeit der technischen Form meiner Essays. Aber diese wollen eben vielmehr als Jllustrationen für den Standpunkt des radikalen Empirismus gelten, als seine Berechtigung erörtern, was übrigens in so technischer Form geschehen kann, wie man nur wünschen mag; vielleicht ist es mir noch vergönnt, später einen Teil dieser Arbeit zu verrichten. Inzwischen geben diese Essays, wir mir scheint, dem genannten Standpunkt eine klare, dramatisch lebendige Darstellung und machen ihn neben den höheren und niederen dogmatischen Standpunkten sichtbar, in deren Mitte er auf den Seiten der Geschichte der Philosophie gewöhnlich dem Auge verborgen geblieben ist.

Die ersten drei Essays haben es zum guten Teil mit der Verteidigung der Berechtigung religiösen Glaubens zu tun. Manche rationalistische Leser werden in dieser Fürsprache einen schlimmen Mißbrauch meiner Stellung sehen. Die Menschen, so werden sie sagen, sind ohne hin nur zu geneigt, dem Glauben zu folgen, ohne auf die Vernunft zu hören; sie brauchen in dieser Hinsicht nicht noch ermutigt zu werden. Ich bin ganz derselben Ansicht, daß das, was der großen Masse der Menschheit am meisten fehlt, nicht der Glaube ist, sondern Kritik und Vorsicht. Ihre Hauptschwäche besteht darin, daß sie unbesonnen jeder lebhaften Vorstellung den Glauben folgen lassen, namentlich wenn die Vorstellung von einem Lustgefühlt begleitet ist. So gebe ich zu, daß es bei einer Ansprache an die Heilsarmee oder an eine zusammengelaufene Volksmenge ein Mißbrauch der Gelegenheit wäre, wollte ich die Freiheit des Glaubens predigen, wie ich es auf diesen Seiten getan habe. Was solche Zuhörer am meisten nötig haben, ist, daß ihr Glaube einmal in Stücke geschlagen und durchgelüftet wird, daß der Nordwestwind der Wissenschaft sie durchweht und ihre Schwächlichkeit und Unwissenheit hinwegbläst. Ein akademisches Publikum aber, das an die Speise der Wissenschaft gewöhnt ist, hat ein ganz anderes Bedürfnis. Die bei solchen Leuten zu findenden Formen geistiger Schwäche bestehen in der Lähmung der angeborenen Glaubensfähigkeit und in ängstlicher Unentschlossenheit auf religiösem Gebiet; die Quelle davon ist die ihnen sorgsam eingeflößte Anschauung, daß sie aller Gefahr, beim Suchen der Wahrheit Schiffbruch zu leiden, entgehen können, indem sie sich von einem gewissen Etwas abhängig machen, was man "wissenschaftliche Evidenz" nennt. Aber es gibt in Wahrheit weder eine wissenschaftliche noch sonst eine Methode, die es dem Menschen ermöglicht, sicher zwischen den einander gegenüberstehenden Gefahren, zu wenig oder zu viel zu glaben, hindurchzusteuern. Diesen Gefahren ins Auge zu schauen, ist offenbar unsere Pflicht, und die Auffindung der rechten Fahrstraße zwischen ihnen bildet den Maßstab für unsere menschliche Klugheit. Wenn auch Unbesonnenheit ein Fehler des Soldaten sein kann, so folgt daraus doch nicht, daß man ihm nie den Mut predigen sollte. Was man ihm tatsächliche predigen sollte, das ist Mut, dem Verantwortlichkeit die Waage hält, - solcher Mut, wie ihn ein NELSON oder WASHINGTON stets offenbarte, nachdem alles, was gegen den Erfolg sprechen konnte, berücksichtig und Vorkehrung dafür getroffen war, das Unheil im Fall der Niederlage möglichst zu mindern. Ich denke, es kann mir niemand vorwerfen, daß ich unbesonnenen Glauben predige. Was ich gepredigt habe, das ist das Recht des Individuums, seinem persönlichen Glauben auf seine persönliche Gefahr sich hinzugeben. Ich habe die verschiedenen Arten einer solchen Gefahr erörtert, ich habe behauptet, daß keiner von uns sie alle vermeiden kann; ich habe nur dafür gesprochen, daß es besser ist, wir schauen ihnen offen ins Auge, als daß wir so tun, als wüßten wir nicht um ihr Dasein.

Am Ende aber sagt man doch vielleicht: Wozu der Lärm um eine Sache, über die wir alle in praktischer Hinsicht derselben Meinung sind, wie sehr wir auch theoretisch auseinandergehen? Niemals wird ja in diesem Zeitalter der Toleranz ein Mann der Wissenschaft den Versuch machen, aktiv gegen unseren religiösen Glauben einzuschreiten, vorausgesetzt, daß wir uns seiner in der Stille mit unseren Gesinnungsgenossen erfreuen und nicht auf dem offenenen Markt ein allgemeines Ärgernis daraus machen. Aber geradein dieser Frage der Öffentlickeit möchte ich den Nutzen solcher Essays suchen, wie ich sie hier biete. Sind religiöse Hypothesen über das Universum überhaupt in Ordnung, dann ist der im Handeln sich aussprechende und im Leben ungescheut hervortretende Glaube, den die einzelnen Menschen an sie haben, der Prüfstein für ihre Bestätigung, das einzige Mittel, ihre Richtigkeit oder Falschheit festzustellen. Die richtigste wissenschaftliche Hypothese ist die, welche sozusagen am besten "arbeitet", und mit den religiösen Hypothesen kann es nicht anders stehen. Die Geschichte der Religionen zeigt, daß eine Hypothese nach der anderen  schlecht  "gearbeitet" hat, d. h. daß sie bei der Berührung mit der sich erweiternden Welterkenntnis zerbröckelt und aus dem menschlichen Denken entschwunden ist. Einige Glaubenssätze aber haben sich durch alle Wechselfälle hindurch behauptet, ja, sie besitzen heute mehr Lebenskraft, als je zuvor; welche Hypothesen das sind, das hat uns die Religionswissenschaft zu berichten. Inzwischen bilden der freieste Wettbewerb zwischen den verschiedenen Arten von Glauben und ihre offenste Anwendung auf das Leben von seiten ihrer Vorkämpfer die günstigsten Bedingungen für das Überleben des  tauglichsten  Glaubens. Der Glaube sollte daher nicht unter den Scheffel gestellt, d. h. nur in der Stille mit Gesinnungsgenossen ausgeübt werden. Er sollte vielmehr in der Öffentlichkeit leben, im Wettstreit gegen einen anderen, von ihm abweichenden Glauben, und der Mann der Wissenschaft braucht meiner Meinung nach auch vom denkbar lebhaftesten Gärungszustand im religiösen Leben seiner Zeit nichts für seine eigenen Interessen zu fürchten, wenn man einmal das Regime der Toleranz gelten läßt und allen freien Spielraum gewährt. Am besten wird ja derjenige Glaube die Probe aushalten, der auch seine Hypothesen gelten läßt und zu integrierenden Bestandteilen der eigenen macht. Er sollte daher religiöse Agitation und Diskussion jeder Art willkommen heißen, solange er zuzugeben geneigt ist, daß überhaupt eine religiöse Hypothese richtig sein  kann.  natürlich gibt es zahlreiche Vertreter der Wissenschaft, die das dogmatisch leugnen und behaupten, die Wissenschaft habe bereits alle möglichen religiösen Hypothesen beseitigt. Diese müssen freilich darauf abzielen, dem religiösen Glauben die öffentliche Ausübung zu verbieten, die in ihren Augen nur ein Ärgernis sein könnte. Ich aber erkläre ihnen allen samt ihren Gesinnungsgenossen außerhalb der Reihen der Wissenschaft offen den Krieg, und ich hoffe, daß es meinem Buch einigermaßen gelingen wird, den Leser von ihrer Beschränktheit zu überzeugen und auf meine Seite zu bringen. Religiöse Gärung ist stets ein Zeichen von geistiger Kraft einer Gesellschaft, und nur dann wird der Glaube schädlich, wenn er vergißt, daß er nur Hypothese ist und mit rationalistischen und autoritativen Ansprüchen auftritt. Die Ideale und der Glaube eines Menschen sind das Interessanteste und das Wertvollste an ihm. Dasselbe gilt von Völkern und Zeitaltern, und im Gesamtverlauf werden die Übertretungen, deren sich einzelne Individuum und Epochen schuldig machen, ausgeglichen und schlagen zum Heil für die Menschheit aus. -



LESLIE STEPHEN erzählt in der kürzlich von ihm veröffentlichen Biographie seines Bruders FITZ-JAMES von einer Schule, die dieser als Knabe besuchte. Der Lehrer, ein gewisser GUEST, pflegte sich mit seinen Schülern folgendermaßen zu unterhalten: "GURNEY, worin besteht der Unterschied zwischen Rechtfertigung und Heiligung?" - STEPHEN, beweise die Allmacht Gottes!" usw. Wir freisinnigen und indifferenten Harvarder neigen uns der Vermutung zu, daß hier an Ihrer guten alten orthodoxen Hochschule die Unterhaltung immer nocht etwas von diesem Charakter an sich trägt; und um Ihnen zu zeigen, daß uns in Harvard doch nicht alles Interesse an diesen Lebensfragen abhanden gekommen ist, habe ich heute abend so etwas wie eine Predigt über die Rechtfertigung durch den Glauben mitgebracht - ich will sagen: einen Essay zur Rechtfertigung des Glaubens, eine Verteidigung unseres Rechts, in religiösen Fragen uns auf den Standpunkt des Glaubens zu stellen, auch wenn unser rein logischer Intellekt sich nicht dazu gezwungen sieht. Demgemäß lautet der Titel meines Vortrags: "Der Wille zum Glauben."

Lange habe ich meinen eigenen Studenten gegenüber die Berechtigung eines freiwillig angenommenen Glaubens verteidigt; aber sobald sie sich einmal mit logischem Geist vollgesogen haben, weigern sie sich in der Regel, meiner Behauptung philosophische Berechtigung zuzugestehen, wenngleich sie für ihre Person jederzeit vom einen Glauben oder einem anderen bis zum Rand voll sind. Ich fühle mich indessen nach wie vor von der Richtigkeit meiner eigenen Anschauung so durchaus überzeugt, daß ich in Ihrer Einladung eine gute Gelegenheit gesehen habe, sie in klarere Formeln zu fassen. Vielleicht finde ich Sie zugänglicher dafür, als diejenigenn, mit denen ich es bisher zu tun hatte. Ich will möglichst wenig technische Ausdrücke gebrauchen, muß aber zunächst doch einige aufstellen; sie werden uns weiterhin förderlich sein.


I.

Als  Hypothese  wollen wir alles bezeichnen, was mit dem Anspruch, geglaubt zu werden, an uns herantritt; und ebenso wie die Elektrotechniker von lebenden und toten Drähten reden, wollen wir von einer Hypothese entweder als einer  lebendigen  oder als einer  toten  sprechen. Eine "lebende" ist es dann, wenn sie von dem, welchem sie sich darbietet, wirklich als Möglichkeit empfunden wird. Wenn ich  Sie  auffordere, an den Mahdi zu glaube, so ruft der Gedanke keine elektrische Verbindung mit Ihrem Wesen hervor- es springt kein einziger Funke über, der von Glauben zeugte. Sofern es sich hier um eine Hypothese handelt, ist diese völlig "tot". Ein Araber dagegen könnte - auch wenn er kein Anhänger des Mahdi wäre - diese Hypothese als Möglichkeit gelten lassen: für ihn ist sie lebendig. Dies zeigt, daß es sich hierbei nicht um ihre Beziehungen zum denkenden Individuum. Seine Willigkeit, zu handeln, dient dabei als Maßstab: Das  Maximum  an Lebendigkeit ist einer Hypothese dann eigen, wenn die Willigkeit,  unwiderruflich  zu handeln, vorhanden ist. Eigentlich spricht man nur in diesem Fall von "Glauben"; aber eine Tendenz zum Glauben liegt doch überall vor, wo überhaupt eine Willigkeit zum Handeln zu spüren ist. Die Entscheidung ferner zwischen zwei Hypothesen wollen wir eine  Option  nennen. Es gibt deren mehrere Arten. Eine Option kann sein:
    1.  lebendig  oder  tot; 
    2.  unumgänglich  oder  vermeidlich; 
    3.  bedeutungsvoll  oder  unerheblich; 
und für unsere Zweck wollen wir eine Option dann als eine  echte  bezeichnen, wenn sie unumgänglich, lebendig und bedeutungsvoll ist.
    1. Lebendig ist eine Option dann, wenn es ihre beiden Hypothesen sind. Sage ich zu Ihnen: "Seien Sie ein Theosoph oder ein Mohammedaner!" so ist das wahrscheinlich eine tote Option, da vermutlich keine der beiden Hypothesen für sie lebendig ist. Sage ich dagegen: "Seien Sie ein Agnostiker oder ein Christ!" so liegen die Verhältnisse anders: bei Ihrer Vorbildung appelliert jede der beiden Hypothesen an Ihren Glauben, wenn auch noch so leise.

    2. Sage ich ferner zu Ihnen: "Entscheiden Sie sich, ob Sie mit oder ohne Schirm ausgehen wollen!" so biete ich Ihnen keine echte Option dar, denn sie ist nicht unumgänglich. Sie können sie leicht vermeiden, indem Sie überhaupt nicht ausgehen. Ebenso können Sie der Option aus dem Weg gehen, wenn ich sage: "Entweder lieben Sie mich oder hassen Sie mich!" - "Nennen Sie meine Theorie entweder richtig oder falsch!" Sie können mir gegenüber gleichgültig bleiben, indem Sie mich weder lieben noch hassen, und Sie können auf jedes Urteil hinsichtlich meiner Theorie verzichten. Sage ich dagegen: "Entweder nehmen Sie diese Wahrheit an oder lassen Sie es bleiben!" so bürde ich Ihnen eine unumgängliche Option auf, denn außerhalb der Alternative können Sie nirgends Fuß fassen. Jedes Dilemma, welches auf einer vollständigen logischen Disjunktion basiert, und die Möglichkeit, auf eine Entscheidung zu verzichten, ausschließt, stellt eine solche unumgängliche Option dar.

    3. Endlich, wäre ich Dr. NANSEN und machte Ihnen den Vorschlag, an meiner Nordpolexpedition teilzunehmen, so wäre die Option für Sie bedeutungsvoll; denn das wäre vermutlich die einzige derartige Gelegenheit für Sie, und Ihre Entscheidung würde Sie entweder für immer der Aussicht berauebn, durch den Nordpol unsterblich zu werden, oder Ihnen doch wenigstens die Möglichkeit in die Hand zu liefern. Wer darauf verzichtet, eine sich darbietende einzige Gelegenheit zu ergreifen, verliert den Preis ebenso sicher, als wenn er den Versuch machte und keinen Erfolg hätte. Dagegen ist die Option unerheblich, wenn die Gelegenheit sich nicht nur ein einziges Mal darbietet, wenn es sich um etwas Unbedeutendes handelt, oder wenn die Entscheidung rückgängig zu machen ist, falls sie sich später als unklug erweist. Derartige unerhebliche Optionen gibt es im wissenschaftlichen Leben in Hülle und Fülle. Ein Chemiker findet eine Hypothese lebendig genug, um ein Jahr an ihre Verifikation zu wenden: in einem solchen Maß glaubt er an sie. Verfehlen aber seine Experimente den Beweis auf jede Weise, so kommt er mit seinem Zeitverlust davon, ohne daß ein wesentlicher Schaden entstände.
Es wird unsere Erörterung erleichtern, wenn wir alle diese Unterscheidungen gut im Gedächtnis behalten.


II.

Der nächste Gegenstand, mit dem wir uns beschäftigen wollen, ist die Psychologie des menschlichen Meinens. Richten wir den Blick auf gewisse Tatsachen, so scheint es, als läge die Gefühls- und Willensseite unserer Natur allen unseren Überzeugungen zugrunde. Richten wir ihn auf andere, so scheint es, als könnten Gefühl und Wille nichts mehr ausrichten, wenn einmal der Intellekt gesprochen hat. Mit den Tatsachen dieser letzteren Art wollen wir uns zuerst beschäftigen.

Ist es nicht augenscheinlich unsinnig, zu sagen, daß sich unsere Meinungen nach Wunsch verändern lassen? Kann unser Wille dem Intellekt in der Anerkenntnis der Wahrheit helfen oder hinderlich sein? Können wir - bloß dadurch, daß wir es eben wollen - glauben, daß ABRAHAM LINCOLNs Existenz nur eine Fabel ist, und daß seine Porträts in  McClures Magazine  sämtlich einen andern darstellen? Können wir durch irgendwelche Anstrengungen unseres Willens oder durch den noch so sehnlichen Wunsch, es möchte so sein, glauben, wir seien wohlauf, während wir stöhnend an Rheumatismus leiden, oder überzeugt sein, daß die beiden Ein-Dollar-Scheine, die wir in der Tasche haben, zusammen hundert Dollars ergeben müssen?  Sagen  können wir das alles, aber daran zu glauben liegt gänzlich außerhalb unserer Macht; und aus ebensolchen Einzelheiten setzt sich doch das ganze System der Wahrheiten, an die wir glauben, zusammen, - aus unmittelbaren oder entlegenen Tatsachen, wie HUME sagte, und aus Beziehungen zwischen Vorstellungen; diese aber sind für uns vorhanden oder nicht, je nachdem wir sie vorfinden oder nicht, und wenn sie nicht da sein, so können sie durch keine Handlung unsererseits hervorgebracht werden.

In PASCALs "Gedanken" findet sich eine berühmte Stelle, die in der Literatur unter dem Namen der "Wette Pascals" bekannt ist. Hier versucht er, uns das Christentum aufzuzwingen, indem er in einer Weise argumentiert, als gliche unser Interesse an der Wahrheit dem Interesse am Einsatz bei einem Glücksspiel. In freier Übersetzung lauten seine Worte folgendermaßen: Ihr müßt entweder daran glauben, daß es einen Gott gibt, oder nicht - was zieht ihr vor? Eure menschliche Vernunft kann keine Antwort geben. Zwischen euch und dem Wesen der Dinge findet ein Glücksspiel statt, bei dem am Tag des jüngsten Gerichts entweder dei Kopf- oder die Wappenseite der Münze obenauf fallen muß. Wägt ab, was euer Gewinn wäre, und was euer Verlust, wenn ihr alles, was ihr habt, auf "Kopf" setzt, d. h. auf die Existenz Gottes. Gewinnt ihr dabei, so erlangt ihr ewige Glückseligkeit; verliert ihr, so büßt ihr doch gar nichts ein. Gäbe es bei dieser Wette unendlich viele mögliche Fälle, und darunter nur einen, der für Gott spräche, so solltet ihr dennoch alles, was euer ist, auf Gott einsetzen; denn wenn ihr euch auch auf diese Weise sicher einem endlichen Verlust aussetzt, so ist doch jeder endliche Verlust, selbst wenn er sicher zu erwarten ist, billig, wenn ihm auch nur die Möglichkeit unendlichen Gewinns gegenübersteht. Geht also hin, nehmt Weihwasser und laßt Messen lesen; der Glaube wird kommen und eure Zweifel betäuben, - cela vous fera croire et vous abêtira [Dies wird dich glauben machen und dich auch betäuben. - wp]. Warum nicht also? Was habt ihr im Grund zu verlieren?

Sie fühlen wohl, daß der religiöse Glaube, wenn er sich so in der Sprache des Spieltisches ausdrückt, zum letzten Mittel greift. Sicherlich hatte PASCALs eigener persönlicher Glaube an Messen und Weihwasser ganz andere Quellen, und jene Stelle ist nur ein Argument für andree, ein letzter verzweifelter Griff nach einer Waffe gegen das verhärtete ungläubige Herz. Wir fühlen, daß der Glaube an Messen und Weihwasser, der vorsätlich aufgrund einer solchen mechanischen Berechnung angenommen wäre, die innere Seele wirklichen Glaubens entbehren würde; und wenn wir an der Stelle der Gottheit ständen, so würde es uns wohl besonderes Vergnügen machen, Gläubige dieser Art um ihren unendlichen Lohn zu bringen. Es liegt auf der Hand, daß die Option, welche PASCAL dem Willen darbietet, keine lebende ist, wenn nicht von vornherein eine Tendenz, an Messen und Weihwasser zu glauben, vorhanden ist. Sicherlich hat sich noch kein Türke veranlaßt gesehen, daraufhin von Messen und Weihwasser Gebrauch zu machen; und auch wir Protestanten sehen in diesen Mitteln zur Erlangung der Seligkeit solche längst aufgegebene Unmöglichkeiten, daß die für sie aufgewandte Logik PASCALs gar keinen Eindruck auf uns macht. Ebensogut könnte uns der Mahdi schreiben und sagen: "Ich bin der Erwartete, den Gott in seinem Glanz erschaffen hat. Unendlich glücklich werdet ihr sein, wenn ihr den Glauben an mich bekennt; sonst aber wird das Licht der Sonne euch entzogen werden. Erwägt also euren unendlichen Gewinn für den Fall, daß ich wirklich der erwartete Erlöser bin, gegenüber eurem endlichen Verlust im anderen Fall!" Seine Logik wäre ganz die PASCALs; aber er würde uns gegenüber vergeblich von ihr Gebrauch machen, denn die Hypothese, die er uns darbietet, ist eine tote. Wir spüren nicht die geringste Tendenz, ihr gemäß zu handel.

Von diesem Gesichtspunkt aus kommt uns also die Rede von einem Glauben vermöge eines Aktes unseres Willens einfach albern vor. Von einem anderen Gesichtspunkt aus ist sie noch schlimmer, als albern, sit sie verächtlich. Wenn wir uns dem großartigen Gebäude der Naturwissenschaften zuwenden und sehen, wie es errichtet worden ist, wie viele Tausende selbstloser, sittlicher Menschenleben schon in seinen Fundamenten begraben liegen, wieviel Geduld und Aufschub, wieviel Unterdrückung persönlicher Vorliebe, wieviel Ergebung in die kalten Gesetze äußerer Tatsachen - man kann sagen: in seine Steine und seinen Mörtel hineingearbeitet worden ist, wie gänzlich unpersönlich es dasteht in seiner gewaltigen Erhabenheit: - wie töricht und verächtlich erscheint uns dann jeder kleine Schwärmer, der daher kommt, seine willkürlichen Rauchringel in die Luft bläst und sich anmaßt, die Dinge aus seinen Privaträumen heraus zu entscheiden! Können wir uns wundern, wenn es jenen, die in der rauhen und männlichen Schule der Wissenschaft aufgewachsen sind, zumute ist, als müßten sie einen solchen Subjektivismus "aus ihrem Mund ausspeien"? Die ganze Gesinnung, welche in den Schulen der Wissenschaft großgezogen wird, ist seiner Duldung feind, so daß es ganz natürlich ist, daß die vom Wissenschaftlichkeitsfieber Angesteckten ins entgegengesetzte Extrem verfallen und manchmal schreiben, als müßte der unbestechlichen Wahrheitsliebe des Intellekts eigentlich das am willkommensten sein, was bitter und dem Herzen zuwider ist.
    "Und stürb ich drob, daß ich die Wahrheit sah,
    Im Tode selbst noch wär mir's tröstlich nah!"
sagt CLOUGH, und HUXLEY ruft aus: "Mein einziger Trost liegt in der Erwägung, daß unsere Nachkommen, so schlecht sie auch werden mögen, doch noch nicht auf der tiefsten Stufe der Unsittlichkeit angekommen sind, sofern sie sich zum Gesetz machen, keinen Glauben an etwas, das zu glauben kein Grund vorliegt, zur Schau zu tragen, nur weil es vielleicht ihrem Vorteil dient." Und CLIFFORD, das köstliche  enfant terrible,  schreibt:
    "Der Glaube wird entweiht, wenn er unerwiesenen und ungeprüften Behauptungen geschenkt wird, nur zum Trost und Privatvergnügen des Gläubigen . . . Wer sich in dieser Sache um seine Nächsten wohlverdient machen will, der muß die Reinheit seines Glaubens mit einer geradezu fanatischen, eifersüchtigen Sorgfalt hüten, damit er nicht etwa einmal auf einem unwürdigen Gegenstand ruhe und einen Flecken davontrage, der nicht wieder abgewischt werden kann . . . Wird ein Glaube ohne ausreichenden Beweis angenommen, so ist die Freude nur eine gestohlene (selbst wenn der Glaube der Wahrheit entspricht, wie CLIFFORD auf derselben Seite erklärt) . . . Sie ist sündhaft, weil sie in Mißachtung unserer Pflicht gegen die Menschheit gestohlen wurde. Diese Pflicht besteht darin, daß wir uns vor einem solchen Glauben wie vor einer ansteckenden Seuche hüten, welche gar bald unserenn eigenen Körper überwältigen und sich dann über die ganze Stadt ausbreiten kann . . . Es ist immer, überall und für jeden ein Fehler, etwas ohne ausreichenden Beweis zu glauben."

III.

All das macht den Eindruck des Gesunden, selbst wenn es, wie hier von CLIFFORD, in einem allzu pathetischen Ton ausgesprochen wird. Der freie Wille und das bloße Wünschen scheinen, wo es sich um unseren Glauben handelt, das fünfte Rad am Wagen zu sein. Wollte nun aber jemand meinen, verstandesmäßige Einsicht werde allein übrig bleiben, nachdem Wünschen und WOllen und gefühlsmäßiges Vorziehen davongeflogen seien, oder reine Vernunft werde dann allein unsere Ansichten bestimmen, so würde er den Tatsachen ebenso gerade ins Gesicht schlagen.

Nur unsere schon toten Hypothesen kann unser Wille nicht wieder ins Leben rufen. Was sie aber für uns zu toten Hypothesen gemacht hat, das ist meist eine vorangegangene Funktion der Willensseite unseres Wesens mit entgegengesetzter Tendenz. Wenn ich hier vom "Willen" rede, so meine ich nicht nur solche überlegte Willensakte, wie sie wohl Glaubensgewohnheiten hervorgerufen haben, denen wir nun nicht mehr entrinnen können, - ich meine vielmehr alle solche Faktoren des Glaubens, wie Furcht und Hoffnung, Vorurteil und Leidenschaft, Nachahmung und Parteigängerei, die Einengung in unsere Kaste und Gattung. Wir finden uns tatsächlich gläubig, wir wissen kaum, wie oder warum. BALFOUR bezeichnet alle diese aus dem geistigen Klima stammenden Einflüsse, welche Hypothesen für uns möglich oder unmöglich, lebendig oder tot machen, mit dem Namen "Autorität". Wir alle, die wir hier versammelt sind, glauben an Moleküle und die Erhaltung der Kraft, an Demokratie und Notwendigkeit des Fortschritts, an protestantisches Christentum und an die Pflicht, für die "Doktrin des unsterblichen MONROE", zu kämpfen, - und all dies aus keinen Gründen, die diesen Namen verdienen. Unsere Einsicht in diese Dinge besitzt nicht mehr, ja vermutlich sogar viel weniger innere Klarheit, als es vielleicht bei jemand, der nicht daran glaubt, der Fall ist. Seine Abweichung von der Regel hätte vermutlich für seine Behauptungen einige Gründe aufzuweisen; bei uns dagegen ist es nicht Einsicht, sondern das Prestige der Ansichten, was den Funken aus ihnen überspringen läßt, der unseren schlummernden Glauben entzündet. Bei neunhundertneunundneunzig Menschen unter tausend ist der Verstand ganz zufrieden, wenn er ein paar Beweisgründe ausfindig macht, die er hersagen kann, wenn ihre Leichtgläubigkeit von einem anderen kritisiert wird. Unser Glaube ist Glaube an den Glauben eines anderen, und gerade wo es sich um das Größte handelt, gilt das am meisten. Unser Glaube an die Wahrheit selbst, z. B. daß es eine Wahrheit gibt, und daß sie und unser Geist füreinander gemacht sind, was ist er anderes, als die leidenschaftliche Bejahung eines Verlangens, in welchem uns die Gesellschaft, in der wir leben, unterstützt? Wir brauchen eine Wahrheit; wir brauchen den Glauben, daß unsere Versuche und Studien und Erörterungen unser Verhältnis zur Wahrheit immer mehr und mehr verbessern; und wir entschließen uns demgemäß unser Denkerleben durchzukämpfen. Fragt uns aber ein pyrrhonistischer Skeptiker,  wie  wir das alles  wissen,  kann dann unsere Logik eine Antwort finden? Nein! sicher nicht. Es steht da eben der eine Willensakt dem andern gegenüber, indem wir gewillt sind, durchs Leben zu gehen aufgrund einer Überzeugung oder einer Annahme, die jener seinerseits zu machen nicht beliebt. (3)

Im allgemeinen schenken wir allen den Tatsachen und Theorien keinen Glauben, für welche wir keine Verwendung haben. Mit CLIFFORDs kosmischen Emotionen weiß das christliche Gefühl nichts anzufangen. HUXLEY hat es mit den Bischöfen zu tun, weil er für Priesterwesen in seiner Lebensanschauung keinen Raum hat. Dagegen geht NEWMAN zum Katholizismus über und findet Gründe aller Art, bei ihm zu verbleiben, weil ein priesterliches System ein Bedürfnis, eine Wonne für seinen geistigen Organismus ist. Warum werfen so wenige Anhänger "exakter Wissenschaft" auch nur einen Blick auf die Zeugnisse für die sogenannte Telepathie? Weil sie, wie mir einmal ein hervorragender - jetzt verstorbener - Biologe gesagt hat, der Meinung sind, slebst wenn so etwas wahr wäre, so müßten sie sich verbinden und es unterdrücken und verheimlichen. Es würde die Gleichförmigkeit des Naturlaufs und alle möglichen anderen Dinge vernichten, ohne welche die exakte Wissenschaft ihrer Arbeit nicht verrichten könnte. Hätte man aber diesem Mann etwas gezeigt, was er als Anhänger der exakten Wissenschaft mit der Telepathie  ausrichten  könnte, so hätte er vielleicht die Zeugnisse nicht nur geprüft, sondern sie sogar für ausreichend befunden. Eben dieses Gesetz, welches die Logiker uns einschärfen möchten - wenn ich diejenigen als Logiker bezeichnen darf, welche der Willensseite unseres Wesens hier keinen Raum gewähren wollen - stützt sich auf nichts anderes, als ihren eigenen natürlichen Wunsch, alle Elemente auszuschließen, für welche sie in ihrer Eigenschaft als Logiker von Fach keine Verwendung haben.

Offenbar also beeinflußt unsere nicht-intellektuelle Natur unsere Überzeugungen. Es gibt Gefühlsstrebungen und Willensakte, welche dem Glauben vorangehen, und andere, die ihm folgen, und nur die letzteren kommen nicht zur rechten Zeit; aber auch sie kamen nicht zu späte, wenn das vorangegangene Wirken des Gefühlslebens schon in ihrer eigenen Richtung lag. Dann ist auch PASCALs Beweisgrund nicht ohnmächtig, sondern er scheint den Streit nur völlig abzuschließen, es ist der letzte Streich, der geführt werden muß, um unseren Glauben an Messen und Weihwasser vollkommen zu machen. Die Lage der Dinge ist offenbar nichts weniger als einfach; und was reine Einsicht und Logik theoretisch auch tun mögen, tatsächlich sind sie nicht das Einzige, was unseren Glauben erzeugt.


IV.

Nachdem wir uns diese verwickelte Sachlage klar gemacht haben, müssen wir zunächst die Frage aufwerfen, ob wir sie einfach tadeln und als pathologisch behandeln sollen, oder vielmehr als ein normales Element der Entscheidung für eine Ansicht. Der Satz, den ich vertrete, ist - kurz ausgedrückt - der folgende:  Die Gefühlsseite unseres Wesens darf nicht nur, sondern muß eine Option zwischen verschiedenen Behauptungen entscheiden, wo es sich um eine echte Option handelt, welche ihrer Natur gemäß nicht aus intellektuellen Gründen entschieden werden kann; denn wenn man unter solchen Umständen sagt: "Triff gar keine Entscheidung, sondern laß die Frage offen!" so ist dies selbst eine gefühlsmäßige Entscheidung, - ebenso wie wenn man sich für Ja oder Nein entschiede - und mit derselben Gefahr verknüpft, die Wahrheit zu verlieren.  Dieser abstrakt ausgedrückte Satz wird hoffentlich bald ganz klar werden. Vorerst aber muß ich noch ein paar weiteren einleitenden Betrachtungen ein wenig nachgehen.


V.

Sie werden bemerken, daß wir uns für die Zwecke dieser Erörterung auf "dogmatischem" Boden bewegen, - auf einem Boden, meine ich, wo der systematische philosophische Skeptizismus ganz und gar nicht in Betracht kommt. Wir sind fest entschlossen, von der Voraussetzung auszugehen, daß es Wahrheit gibt, und daß es unserem Geist bestimmt ist, sie zu erreichen, wenn auch der Skeptiker diese Annahme nicht machen will. Wir trennen uns daher an diesem Punkt völlig von ihm. Aber den Glauben, daß es Wahrheit gibt, und daß es Wahrheit gibt, und daß unser Geist sie finden kann, können wir auf zweierlei Weise hegen. Wir können von einer  empirischen  und von einer  absolutistischen  Art, an die Wahrheit zu glauben, sprechen. Die Absolutisten in dieser Frage sagen, daß wir nicht nur dahin kommen, die Wahrheit zu erkennen, sondern auch zu  wissen, wann  wir dahin gekommen sind, sie zu erkennen; dagegen sind die Empiristen der Meinung, daß wir, wenn wir auch die Wahrheit erreichen können, doch nicht sicher wissen können, wann dies der Fall ist. Zu  wissen,  und sicher zu wissen,  daß  man weiß, ist nicht ein und dasselbe. Man kann das erste für möglich halten ohne das zweite; daher zeigen die Empiristen und die Absolutisten, obwohl beide nicht Skeptiker im gewöhnlichen philosophischen Sinn des Worte sind, in ihrem Leben sehr verschiedene Grade von Dogmatismus.

Wenn wir die Geschichte der Meinungen betrachten, so sehen wir, daß die empiristische Tendenz in der Wissenschaft eine ausgedehnte Geltung gehabt hat, während in der Philosophie überall die absolutistische Tendenz das Feld behauptete. In der Tat besteht das eigenartige Glücksgefühl, welches eine Philosophie gewährt, zum guten Teil in der Überzeugung, die alle aufeinanderfolgenden Schulen oder Systeme beseelt, daß durch sie eine unumstößliche Gewißheit erreicht wurde. "Andere Philosophien sind Sammlungen meist falscher Ansichten; die meinige bietet festen Boden dar für alle Zeit", - wer erkennt hierin nicht das Motto eines jeden Systems, das diesen Namen verdient? Ein System muß, wenn es wirklic ein System sein will, als ein geschlossenes Ganzes auftreten, das sich vielleicht hinsichtlich dieser oder jener Einzelheit abändern läßt, aber auf keinen Fall in seinen wesentlichen Zügen!

Die scholastische Orthodoxie, an die man sich immer wenden muß, wenn man völlig klar ausgesprochene Ansichten finden will, hat diese absolutistische Überzeugung vortrefflich ausgeführt in der von ihr sogenannten Lehre von der "objektiven Evidenz". Wenn ich z. B. nicht imstande bin, daran zu zweifeln, daß ich jetzt vor Ihnen stehe, oder daß zwei weniger ist als drei oder daß, wenn alle Menschen sterblich sind, auch ich es bin, - so kommt das daher daß diese Dinge meinem Verstand unwiderstehlich einleuchten. Der letzte Grund dieser gewissen Behauptungen eigenen objektiven Evidenz ist die  adaequatio intellectus nostri cum re  [Übereinstimmung des Verstandes mit den Tatsachen. - wp]. Die Gewißheit, welche sie mit sich bringt, schließt hinsichtlich der ins Auge gefaßten Wahrheit  aptitudinem ad extorquendum certum assensum  [die Eignung für eine sichere Zustimmung zu erreichen - wp] ein, und hinsichtlich des Subjekts  quietem in cognitione  [ein Restwissen - wp], sobald einmal der Gegenstand, der keine Möglichkeit des Zweifelns übrig läßt, ins Bewußtsein aufgenommen ist; bei dem ganzen Vorgang ist nichts weiter tätig, als die  entitas ipsa  [Realität - wp] des Gegenstandes, und die die  entitas ipsa  des Geistes. Wir bequemen modernen Denker sprechen nicht gern lateinisch, - ja, wir sprechen überhaupt nicht gern in festgeprägten Ausdrücken; aber wenn wir uns, ohne Kritik zu üben, gehen lassen, so sieht es im Grunde mit unserem Bewußtseinszustand doch etwa so aus: Sie glauben an eine objektive Evidenz, und ich tue es auch. Gewisser Dinge sind wir sicher, das fühlen wir: wir wissen, und wir wissen, daß wir wissen. In unserem Innern schnappt etwas ein, - eine Glocke schlägt zwölf, wenn die Zeiger unserer Geistesuhr das Zifferblatt durchlaufen haben und auf der Zwölf zusammentreffen. Die entschiedensten Empiristen unter uns sind doch nur Empiristen, solange sie reflektieren, überlassen sie sich ihren Instinkten, so dogmatisieren sie, wie unfehlbare Päpste. Wenn Männer, wie CLIFFORD, uns sagen, wie sündhaft es ist, auf so "unzulängliche Beweisgründe" hin Christen zu sein, so ist Unzugänglichkeit in Wahrheit das letzte, woran sie denken. es gibt für sie völlig ausreichende Beweisgründe, aber freilich nach der anderen Seite hin. Sie glauben so fest an eine antichristliche Ordnung des Universums, daß es keine lebendige Option gibt: das Christentum ist von vornherein eine tote Hypothese.


VI.

Aber, wenn wir unserem Instinkt nach alle solche Absolutisten sind, was sollen wir nun in unserer Eigenschaft als Studenten der Philosophie mit dieser Tatsache anfangen? Sollen wir sie verteidigen und bekräftigen? Oder sollen wir sie als eine Schwäche unserer Natur behandeln, von der wir uns womöglich frei machen müssen?

Es ist meine aufrichtige Überzeugung, daß wir als denkende Männer einzig und allein den letzteren Weg einschlagen können. Objektive Evidenz und Gewißheit sind sicherlich sehr schöne Ideale, mit denen es sich spielen läßt; aber wo sind sie zu finden auf diesem mondbeschienenen, von Träumen heimgesuchten Planeten? Ich selbst bin daher ein entschiedener Empirist, was meine Theorie des menschlichen Erkennens anlangt. Natürlich lebe ich dem praktischen Glauben gemäß, daß wir immer weitere Erfahrungen sammeln und über dieselben nachdenken müssen, denn nur auf diese Weise können sich unsere Meinungen der Wahrheit nähern; aber auf irgendeiner derselben - es kommt mir gar nicht darauf an, welcher - zu bestehen, als könnte sie nie eine neue Auslegung oder Verbesserung erfahren, das halte ich für ein furchtbar irriges Verhalten, und glaube, daß mit die ganze Geschichte der Philosophie recht gibt. Es gibt bloß  eine  völlig sichere Wahrheit, und das ist die, welche selbst der pyrrhonistische Skeptizismus bestehen läßt - die Wahrheit, daß der gegenwärtige Bewußtseinszustand existiert. Dies ist indessen nur der Ausgangspunkt des Erkennens, das bloße Geständnis, daß ein Stoff zum Philosophieren vorhanden ist. Die verschiedenen Philosopheme sind weiter nichts, als ebensoviele Versuche, auszudrücken, worin dieser Stoff eigentlich besteht. Und wenn wir in unseren Bibliotheken nachsehen, - welchen Mangel an Übereinstimmung entdecken wir da! Wo ist eine sicher wahre Antwort zu finden? Abgesehen von abstrakten Vergleichungssätzen (etwa:  2 + 2  ist dasselbe wie 4), Behauptungen, welche uns ansich nichts über die konkrete Wirklichkeit aussagen, finden wir keine von irgendeinem als augenscheinlich sicher betrachtete Behauptung, deren Wahrheit nicht von einem anderen bestritten oder doch ernstlich in Frage gestellt worden wäre. Das Überschreiten der geometrischen Axiome, welches einige unserer Zeitgenossen (wie ZÖLLNER und CHARLES H. HINTON) nicht im Scherz, sondern im Ernst ausgeführt haben, und die Verwerfung der ganzen aristotelischen Logik seitens der Hegelianer sind schlagende Beispiele dafür.

Über keinen konkreten Prüfstein dessen, was wirklich wahr ist, hat man sich je einigen können. Manche verlegen das Kriterium außerhalb des Wahrnehmungsaktes und suches es entweder in der Offenbarung, im  consensus gentium  [allgemeine Übereinstimmung - wp], in den Instinkten des Herzens, oder in der in ein System gebrachten Erfahrung der Gattung. Andere machen den Wahrnehmungsakt zum Prüfstein seiner selbst, - so z. B. DESCARTES mit seinen klaren und deutlichen Vorstellungen, für welche von der Wahrhaftigkeit Gottes Garantie geleistet wird, REID mit seinem "gesunden Menschenverstand", KANT mit seinen Formen des synthetischen Urteils  a priori.  Die Unvorstellbarkeit des Gegenteils, die Fähigeit, sinnlich verifiziert zu werden, der Besitz völliger organischer Einheit oder Selbstbeziehung, die realisiert wird, wenn ein Ding sein eigenes anderes ist - das sind Maßstäbe, die jeder an seinem Ort zur Anwendung gekommen sind. Die vielgepriesene objektive Evidenz ist niemals als anerkannte Siegerin vorhanden; sie ist nur ein Ziel des Strebens, ein "Grenzbegriff", der das in unendlicher Ferne liegende Ideal unseres Denkens markiert. Behaupten, daß sie gewissen Wahrheiten eigen ist, heißt einfach sagen, daß dieselben eine objektive Evidenz besitzen, wenn man sie für wahr hält, und sie es auch wirklich  sind,  sonst aber nicht. In Wirklichkeit ist die Überzeugung, die man hegt, daß die Evidenz, auf welche man sich verläßt, wirklich die echte objektive ist, nur eine subjektive Meinung mehr, die zu den übrigen hinzukommt. Für welches Heer einander widersprechender Meinungen sind objektive Evidenz und absolute Gewißheit in Anspruch genommen worden! Die Welt ist vernünftig durch und durch - ihre Existenz ist eine letzte gegebene rohe Tatsache; es gibt einen persönlichen Gott, - ein persönlicher Gott ist unvorstellbar; es gibt eine unmittelbar erkennbare physische Welt außerhalb des Bewußtseins, - der Geist kann nur seine eigenen Vorstellungen erkennen; es gibt einen sittlichen Imperativ, - Pflicht ist nur das Produkt von Begehrungen; in jedem Menschen gibt es eine beharrliches geistiges Prinzip, - es gibt nur wechselnde Bewußtseinszustände; es gibt eine endlose Kette von Ursachen, - es gbt eine absolut erste Ursache; eine ewige Notwendigkeit, - eine Freiheit; einen Zwecke, - keinen Zweck; eine ursprüngliche Einheit, - eine ursprüngliche Vielheit; eine allgemeine Kontinuität, - eine wesentliche Diskontinuität in der Welt; eine Unendlichkeit, - keine Unendlichkeit. Es gibt dies, - es gibt das; es gibt in der Tat nichts, was nicht schon irgendjemand für absolut wahr gehalten hätte, während es sein Nachbar für absolut falsch ansah; und nicht einem einzigen dieser Absolutisten scheint es je in den Sinn gekommen zu sein, daß die Verwirrung vielleicht ganz in der Natur der Sache liegt, und daß vielleicht der Verstand, selbst wenn er die Wahrheit gerade gepackt hat, doch kein sicheres Zeichen hat, woran er erkennen kann, ob es die Wahrheit ist oder nicht. Und wenn man daran denkt, daß die am meisten ins Auge fallende praktische Anwendung aufs Leben, welche die Lehre von der objektiven Gewißheit gefunden hat, in der gewissenhaften Tätigkeit des heiligen Officium der Inquisition bestand, dann fühlt man sich weniger als je versucht, dieser Lehre mit besonderem Respekt zu begegnen.

Ich bitte Sie aber, hierbei zu beachten, daß wir, indem wir als Empiristen die Lehre von der objektiven Gewißheit fallen lassen, damit nicht das Suchen nach Wahrheit und die Hoffnung, sie zu finden, aufgeben. Nach wie vor sind wir der Meinung, daß sich unser Verhältnis zu ihr immer besser gestaltet, indem wir nicht aufhören, systematisch Erfahrungen zu sammeln und darüber nachzudenken. Der große Unterschied zwischen uns und den Scholastikern liegt in der Richtung, nach welcher wir blicken. In ihrem System liegt der Nachdruck in den Prinzipien, im Ursprung, im  terminus a quo  [Zeitpunkt ab dem etwas getan werden soll - wp] ihres Denkens; bei uns liegt der Nachdruck im Resultat, im Ergebnis, im  terminus ad quem  [Zeitpunkt bis zu dem etwas getan werden soll - wp]. Entscheiden ist nicht das Woher, sondern das Wohin. Es kommt einem Empiristen nicht darauf an, woher eine Hypothese, die er findet, stammt; mag er sie mit guten oder bösen Mitteln erworben haben, mag sein Gefühl sie ihm zugeflüstert, mag der Zufall sie ihm an die Hand gegeben haben: - wenn die Gesamtströmung des Denkens sie fortwährend weiter bestätigt, so ist es dies, was er meint, indem er sie wahr nennt.


VII.

Nur noch eines - nicht viel, aber etwas Wichtiges - dann sind wir mit den einleitenden Betrachtungen zu Ende. Es gibt zwei Anschauungsweisen hinsichtlich unserer Pflicht in der Angelegenheit des Meinens; - sie sind grundverschieden, und doch scheint sich bisher die Erkenntnistheorie um ihre Verschiedenheit wenig gekümmert zu haben.  Wir müssen die Wahrheit erkennen; und wir müssen Irrtümer vermeiden,  - das sind die ersten und großen Gebote für Leute, die nach Erkenntnis streben; aber es sind nicht zwei Formen, ein identisches Gebot auszudrücken, sondern zwei voneinander trennbare Gesetze. Wenn es auch tatsächlich vorkommen mag, daß die Vermeidung des Irrtums  B  sich als eine beiläufige Konsequenz unseres Glaubens an die Wahrheit  A  ergibt, so kommt es doch kaum vor, daß wir bloß dadurch, daß wir  B  ablehnen, notwendigerweise  A  glauben müssen. Indem wir  B  entrinnen, fallen wir möglicherweise dem Glauben an anderen Unwahrheiten  C  oder  D  anheim, die ganz ebenso schlimm sind wie  B;  oder wir gehen  B  vielleicht dadurch aus dem Weg, daß wir überhaupt nichts glauben, auch nicht  A. 

Glaube die Wahrheit! Meide den Irrtum! - das sind, wie wir sehen, zwei inhaltlich verschiedene Gesetze, und wir können schließlich zwischen beiden wählen, indem wir je nachdem unserem ganzen geistigen Leben ein verschiedenes Aussehen verleihen. Wir können die Jagd nach der Wahrheit als die Hauptsache ansehen und die Vermeidung des Irrtums als nebensächlich betrachten; oder wir können andererseits die Vermeidung des Irrtums als dringlicher behandeln und es der Wahrheit überlassen, für sich das Beste daraus zu machen. An der von mir angeführten lehrreichen Stelle fordert uns CLIFFORD zu diesem letzteren Verhalten auf. Lieber glaubt gar nichts, ruft er uns zu, und laßt eure Ansicht für immer unentschieden, als daß ihr sie auf ungenügende Beweisgründe hin abschließt und so die schreckliche Gefahr lauft, an Lügen zu glauben. Andererseits sind Sie vielleicht vielmehr der Ansicht, daß die Gefahr, an Falsches zu glauben, etwas sehr Unbedeutendes ist im Vergleich zu den Segnungen wirklicher Erkenntnis, und daher bereit, sich bei Ihrem Forschen lieber vielmal anführen zu lassen, als die Möglichkeit, das Wahre zu treffen, endlos aufzuschieben. Mir selbst ist es nicht möglich, mich CLIFFORD anzuschließen. Wir müssen uns gegenwärtig halten, daß diese Auffassungen unserer Pflicht hinsichtlich der Wahrheit und des Irrtums in jedem Fall nur Äußerungen unseres Gefühlslebens sind. Biologisch betrachtet ist unser Geist ebenso bereit, das Falsche herauszubringen, wie das Wahre, und wenn jemand sagt: "Lieber bleibt für immer ganz ohne Glauben, als daß ihr eine Lüge glaubt!" - so zeigt er lediglich, daß bei ihm persönlich die Angst, angeführt zu werden, vorwiegt. Er mag sich vielen seiner Hoffnungen und Befürchtungen gegenüber kritisch verhalten, aber diesesr einen Furcht gehorcht er sklavisch. Er kann sich nicht denken, daß irgendjemand ihre bindende Kraft in Frage stellen könnte. Ich meinesteils habe auch Angst vor dem Angeführt werden; aber ich kann mir vorstellen, daß uns in dieser Welt doch noch Schlimmeres zustoßen kann, als dies; deshalb hat CLIFFORDs Ermahnung in meinen Ohren einen durch und durch phantastischen Klang. Es ist dasselbe, als wenn ein General zu seinen Soldaten sagte, es sei besser, sich für immer von der Schlacht fern zu halten, als eine einzige Wunde zu riskieren. So lassen sich aber weder über die Feinde nocht über die Natur Siege erringen. Unsere Irrtümer sind am Ende nicht so hochwichtige Dinge. In einer Welt, wo wir ihnen trotz aller Vorsicht doch einmal nicht aus dem Weg gehen können, erscheint ein gewisses Maß sorglosen Leichtsinns gesunder, als diese übertriebene nervöse Angst. Jedenfalls scheint es das Geeignetste zu sein für den, welcher der empiristischen Philosophie zuneigt.


VIII.

Und nun wollen wir nach dieser ganzen Einleitung ohne weiteres an unsere Frage herantreten. Ich habe gesagt und wiederhole es jetzt, daß wir nicht nur tatsächlich einen Einfluß unseres Gefühlslebens auf unsere Ansichten zu konstatieren haben, sondern daß es auch Optionen zwischen Ansichten gibt, in welchen dieser Einfluß als unvermeidlich und als berechtigter Entscheidungsgrund unserer Wahl anzusehen ist.

Ich fürchte, daß hier einige von Ihnen Gefahr zu wittern beginnen und mir kein williges Ohr mehr leihen. Zwei erste Akte des Gefühls haben Sie freilich als notwendig zugeben müssen, - wir müssen dieser Ansicht sein, soweit es sich um die Vermeidung des Irrtums handelt, und ebenfalls, soweit die Erlangung der Wahrheit in Frage kommt; aber der sicherste Weg zu jenen idealen Zielen ist Ihrer Meinung nach vermutlich der, daß wir von nun an keinen Schritt mehr tun, der vom Gefühl eingegeben ist.

Nun, ich stimme Ihnen natürlich zu, soweit es die Tatsachen gestatten. Überall, wo die Option zwischen dem Verlust der Wahreit und ihrem Gewinn keine bedeutungsvolle ist, können wir die Möglichkeit,  die Wahrheit zu gewinnen,  dahin fahren lassen, und uns jedenfalls vor jedweder Möglichkeit,  eine Unwahrheit zu glauben,  sichern, indem wir uns überhaupt nicht entscheiden, bis eine objektive Evidenz eingetreten ist. In wissenschaftlichen Fragen ist dies fast stets der Fall; und selbst in menschlichen Angelegenheiten im allgemeinen ist das Bedürfnis zu handeln selten so dringend, daß ein falscher Glaube als Unterlage des Handelns besser wäre, als gar keiner. Gerichtshöfe haben allerdings aufgrund des besten Zeugnisses, das eben augenblicklich zu erlangen ist, ihre Entscheidung zu treffen, weil ein Richter sich nicht nur seiner zu vergewissern, sondern auch Recht zu sprechen hat, und weil, wie ein Richter einmal zu mir sagte, nur wenige Fälle es verdienen, daß man viel Zeit an sie verwendet: die Hauptsache ist, daß man sie nach  irgendeinem  annehmbaren Prinzip zur Entscheidung bringt und aus dem Weg schafft. Aber in unserem Verhalten zur objektiven Natur haben wir offenbar von der Wahrheit nur Kenntnis zu nehmen, wir haben sie nicht selbst hervorzubringen, und Entscheidungen, die nur deshalb getroffen wären, damit man schnell fertig sein und an die nächste Aufgabe gehen könnte, wäre hier ganz und gar fehl am Platze. Im ganzen Bereich der physischen Natur sind die Tatsachen das, was sie sind, ganz unabhängig von uns, und man hat es bei ihnen selten so eilig, daß man der Gefahr, angeführt zu werden, ins Auge sehen muß, indem man einer voreiligen Theorie Glauben schenkt. Die Fragen sind kaum lebendig, jedenfalls nicht lebendig für uns Zuschauer, die Wahl zwischen dem Glauben an die Wahrheit und dem Glauben an das Falsche ist selten unvermeidlich. Die Haltung skeptischen Schwankens ist daher durchaus die vernunftgemäße, wenn man Irrtümer vermeiden möchte. Was macht es auch den meisten von uns aus, ob wir eine Theorie der Röntgenstrahlen besitzen oder nicht, ob wir an einen Seelenstoff glauben, oder ob wir hinsichtlich der Kausalität der Bewußtseinsvorgänge eine feste Ansicht haben? Es macht gar nichts aus. Solche Optionen werden uns nicht aufgezwungen. In jeder Hinsicht ist es besser, sie nicht zu machen, sondern bis auf weieres mit gleichgültiger Hand die Gründe  pro et contra  abzuwägen.

Ich spreche hier natürlich nur von einem bloßen Beurteiler. Für den Entdecker ist eine solche Gleichgültigkeit nicht ebenso zu empfehlen, und die Wissenschaft hätte bei weitem geringere Fortschritte gemacht, als es der Fall ist, wenn der leidenschaftliche Wunsch der einzelnen, ihren Glauben bestätigt zu sehen, nicht ins Spiel gekommen wäre; denken Sie z. B. an den Scharfsinn, den SPENCER und WEISMANN jetzt aufbieten. Wollen Sie dagegen für eine Untersuchung einen vollkommenen Dummkopf haben, dann müssen Sie sich in der Tat den Mann aussuchen, der an ihren Resultaten nicht das geringste Interesse hat: er leistet für seine Unfähigkeit Gewähr, es ist der ausgemachte Thor. Der feinste Beobachter und daher der brauchbarste Forscher ist stets der, bei dem das lebhafte Interesse an einer bestimmten Lösung des Problems und eine ebenso große Empfindlichkeit gegen Täuschungen einander die Waage halten (4). Die Wissenschaft hat diese Empfindlichkeit zu einer regulären Technik entwickelt; das ist ihre sogenannte Verifikationsmethode, und in diese Methode hat sie sich so sehr verliebt, daß man geradezu sagen kann: sie hat ganz aufgehört, sich für die Wahrheit als solche zu interessieren. Nur Wahrheit, die technisch verifiziert ist, gewinnt noch ihr Interesse. Und käme die Wahrheit der Wahrheiten in Gestalt einer bloßen Behauptung, sie würde jede Berührung mit ihr ablehnen. Eine derartige Wahrheit, so würde sie wohl mit CLIFFORD sagen, wäre gestohlen in Mißachtung unserer Pflicht gegen die Menschheit. Indessen, die menschlichen Gefühle sind stärker, als technische Regeln. "Le coeur a ses raisons" [Das Herz hat Gründe. - wp] wie PASCAL sagt, "que la raison ne connait pas" [die die Vernunft nicht kennt. - wp] und wie gleichgültig auch der Schiedsrichter, der abstrakte Verstand, sein mag gegen alles außer den bloßen Spielregeln, - die wirklichen Spieler, welche ihm das zu beurteilende Material liefern, sind gewöhnlich ein jeder in seine besondere Leibhypothese verliebt. Doch wollen wir zugeben, daß überall, wo es sich nicht um eine unvermeidliche Option handelt, der  sine et ira studio  [ohne Ärger oder Begeisterung - wp] urteilende Intellekt, der keine Lieblingshypothese kennt und uns jedenfalls vor dem Angeführtwerden bewahrt, unser Ideal sein sollte.

Es erhebt sich nun die Frage: Gibt es nicht irgendwo in unseren spekulativen Untersuchungen unvermeidliche Optionen, und können wir (als Männer, die an der positiven Erlangung der Wahrheit doch vielleicht mindestens ebensoviel Interesse haben, wie an der bloßen Sicherheit gegen den Irrtum), stets ungestraft warten, bis die zwingende Evidenz erreicht ist? Es erscheint  a priori  unwahrscheinlich, daß die Wahrheit unseren Bedürfnissen und Kräften so genau angepaßt sein sollte. Im großen Kosthaus der Natur werden Brot, Butter und Honig selten so genau ausgeteilt, daß so gar nichts auf dem Teller bleibt. Ja, wir würden unseren wissenschaftlichen Argwohn darauf lenken, wenn es der Fall wäre.


IX.

Fragen der Moral  stellen sich unmittelbar als solche dar, deren Lösung nicht auf einen sinnfälligen Beweis warten kann. Eine Frage der Moral geht nicht auf das, was für die Sinne existiert, sondern auf das, was gut ist oder gut wäre, wenn es existierte. Die Wissenschaft kann uns sagen, was existiert; aber um die  Werte  miteinander zu vergleichen, sowohl dessen, was existiert, als dessen, was nicht existiert, müssen wir nicht die Wissenschaft befragen, sondern das, was PASCAL unser Herz nennt. Die Wissenschaft selbst folgt ihrem Herzen, wenn sie erklärt, die immer erneute Prüfung der Tatsachen und die Berichtigung falscher Ansichten seien die höchsten Güter des Menschen. Stellt man die Behauptung in Frage, so kann die Wissenschaft sie nur orakelmäßig wiederholen oder höchstens durch den Nachweis bestätigen, daß eine solche Vergewisserung und Richtigstellung dem Menschen andere Güter aller Art bringt, welche das Menschenherz seinerseits für solche erklärt. Die Frage, ob wir überhaupt einen moralischen Glauben haben sollen oder nicht, wird durch den Willen entschieden. Sind unsere moralischen Werturteile wahr oder falsch, oder sind es nur seltsame biologische Phänomene, welche die Dinge für  uns  gut oder böse machen, während sie ansich indifferent sind? Wie könnte ierauf die reine Vernunft eine Antwort geben? Braucht das Herz keine Welt moralischer Realität, der Kopf wird ihm, das ist gewiß, den Glauben daran nicht beibringen. Mephistophelischer Skeptizismus befriedigt in der Tat die Spielinstinkte des Kopfes viel mehr, als das je ein rigoristischer Idealismus vermag. Es gibt Leute, die schon als Studenten so kühle Naturen sind, daß die Hypothesen des Moralisten für sie niemals wirkliche Lebendigkeit erlangen; in der Gegenwart so einer hochmütigen Kälte pflegt sich der heißblütige Moralist in wunderlich unbehaglicher Stimmung zu fühlen. Der Schein der Wissenschaftlichekit ist auf ihrer Seite, der Schein der Naivität und Leichtgläubigkeit auf der seinen. Und doch klammert er sich im dunklen Drang seines Herzens an die Überzeugung, daß er nicht der Angeführte ist, daß es ein Reicht gibt, wo (wie EMERSON sagt) all ihr Witz und ihre geistigen Vorzüge nicht mehr wert sind, als die Schlauheit des Fuchses. Moralischer Skeptizismus kann mit den Mitteln der Logik ebensowenig widerlegt oder bewiesen werden, wie intellektueller Skeptizismus. Wenn wir darauf bestehen, daß es Wahrheit  gibt  (egal von welcher der beiden Arten), so tun wir es mit unserem ganzen Wesen und sind entschlossen, mit den Resultaten zu stehen oder zu fallen. Der Skeptiker nimmt mit seinem ganzen Wesen die Haltung des Zweiflers an; aber wer von uns beiden der weisere ist, das weiß nur Allwissenheit.

Wenden wir uns nun von diesen allgemeinen Fragen nach dem Guten zu einer bestimmten Art von Fragen, die Tatsachen, persönliche Verhältnisse, Gefühlsbeziehungen von Menschen zueinander betreffen!  Haben Sie mich gern oder nicht?  - zum Beispiel. Die Entscheidung dieser Frage hängt in zahllosen Fällen davon ab, ob ich Ihnen auf halbem Weg entgegenkomme, ob ich anzunehmen geneigt bin, daß Sie mich gern haben müssen, und Ihnen zutrauen und Erwartung entgegenbringe. Der von mir im Vorhinein mitgebrachte Glaube an das Vorhandensein Ihrer Zuneigung ist es, was in solchen Fällen Ihre Zuneigung hervorruft. Bleibe ich aber abseits stehen und weigere micht, auch nur einen Zoll breit entgegenzukommen, bis ich objektive Evidenz habe, bis Sie etwas vollbracht haben, was, wie die Absolutisten sagen,  ad extorquendum assensum meum  [Zustimmung erlangend - wp] geeignet ist, dann ist zehn gegen eins zu wetten, daß Ihre Zuneigung niemals eintritt. Wieviel Mädchenherzen werden allein dadurch besiegt, daß ein Mann mit Leidenschaft darauf besteht, daß sie ihn lieben  müssen!  er will sich nicht mit der Annahme abfinden, daß sie es nicht können. Der Wunsch nach einer bestimmten Art Wahrheit bringt hier die Existenz dieser besonderen Wahrheit zustande; und so ist es in unzähligen Fällen anderer Art. Wem sonst wird Beförderung, Gunst, Anstellung zuteil, als dem, in dessen Leben man diese Dinge die Rolle lebendiger Hypothesen spielen sieht, der mit ihnen rechnet, um ihretwillen noch vor ihrem Eintreten andere Dinge opfert, im voraus ihretwegen etwas riskiert? Sein Glaube wirkt auf die über ihm stehenden Mächte wie ein gerechter Anspruch und bringt seine eigene Verwirklichung zustande.

Ein sozialer Organismus irgendwelcher Art, ob groß oder klein, ist das, was er ist, weil jedes Glied an die Erfüllung seiner Pflicht geht in dem Vertrauen, daß die anderen Glieder gleichzeitig die ihrige erfüllen. Überall, wo ein erstrebtes Ziel durch die Mitwirkung vieler unabhängiger Personen erreicht wird, ist seine tatsächliche Verwirklichung eine bloße Folge des vorausgängigen, gegenseitigen Vertrauens der unmittelbar Beteiligten. Eine Regierung, ein Heer, eine Handelsgesellschaft, ein Schiff, eine Hochschule, eine athletische Truppe bestehen alle nur unter dieser Bedingung, ohne welche nicht nur nichts erreicht, sondern nicht einmal versucht würde. Ein ganzer Passagierzug (seine einzelnen Insassen mögen ganz tapfere Leute sein) wird von ein paar Räubern ausgeplndert, einfach weil diese aufeinander zälen können, während jeder Passagier fürchtet, daß er, wenn er sich zum Widerstand regt, erschossen wird, bevor ihm jemand zu Hilfe kommt. Hätten wir den Glauben, daß sich sofort der ganze Wagen voll mit uns erheben würde, so würde sich jeder einzelne von uns erheben, und Eisenbahnraub würde niemals auch nur versucht werden. Es gibt also Fälle, wo eine Tatsache nicht eintreten kann, wenn nicht im voraus ein Glaube an ihr Eintreten vorhanden ist.  Und wo der Glaube an eine Tatsache bei der Hervorbringung dieser Tatsache mitzuwirken vermag,  da wäre das doch eine unsinnige Logik, welche sagen will, ein Glaube, welcher dem wissenschaftlichen Beweis vorausläuft, sei die "tiefste Unsittlichkeit", zu der ein denkendes Wesen herabsinken kann. Dieser Art ist aber die Logik, nach der unsere wissenschaftlichen Absolutisten unser Leben zu regulieren beanspruchen!


X.

Bei Wahrheiten also, welche von unserem persönlichen Handeln abhängig sind, ist ein Glaube, welcher auf dem Wunsch beruth, sicherlich etwas Berechtigtes und vielleicht etwas Unentbehrliches.

Aber nun wird man sagen, das alles seien kindische Fälle aus dem menschlichen Leben, welche nichts mit großen kosmischen Problemen zu tun haben, wie das bei der Frage des religiösen Glaubens der Fall ist. Gehen wir also zu diesem über. Die Religionen weichen in ihren Einzelheiten so sehr voneinander ab, daß wir bei ider Erörterung der religiösen Frage dieselbe recht allgemein und weit fassen müssen. Was verstehen wir also unter der religiösen Hypothese? Die Wissenschaft sagt von den Dingen aus, daß sie sind; die Ethik sagt, einige von ihnen seien besser als andere; und die Religion behauptet im wesentlichen zweierlei.

Erstens sagt sie, die besten Dinge sind die dem Ewigen näheren, die "übergreifenden" Dinge, - diejenigen Dinge im Universum, welche sozusagen den Schlußstein legen und das letzte Wort haben. "Vollendung ist ewig", - dieser Ausspruch von CHARLES SECRÉTAN scheint diese erste Behauptung der Religion gut auszudrücken, eine Behauptung, welche wissenschaftlich offenbar überhaupt noch nicht sicherzustellen ist.

Die zweite Behauptung der Religion ist die, daß wir auch jetzt schon besser dran sind, wenn wir glauben, daß ihre erste Behauptung der Wahrheit entspricht.

Nun wollen wir erwägen, worin die logischen Elemente dieser Sachlage bestehen  für den Fall, daß die religiöse Hypothese in ihren beiden Abteilungen tatsächlich richtig ist.  Diese Möglichkeit müssen wir natürlich von vornherein zugeben. Sollen wir die Frage überhaupt erörtern,, so muß sie eine lebendige Option enthalten Wenn für einen unter Ihnen die Religion eine Hypothese ist, für deren Wahrheit keine Möglichkeit lebt, dann brauchen Sie nicht weiter mitzugehen. Ich spreche nur zum "Rest derer, die gerettet werden". Indem wir so vorgehen, sehen wir zunächst, daß die Religion sich als eine bedeutungsvolle  Option darstellt. Es wird angenommen, daß wir ein gewisses wichtiges Gut durch unseren Glauben gewinnen und durch unseren Nichtglauben verlieren. Zweitens ist die Religion eine  unvermeidliche  Option, soweit dieses Gut in Betracht kommt. Wir können uns dem Streit nicht entziehen, indem wir skeptisch bleiben und auf eine bessere Erleuchtung warten, wil wir, obwohl wir auf diese Weise den Irrtum vermeiden,  falls die Religion nicht der Wahrheit entspricht,  doch das Gut,  wenn sie der Wahrheit entspricht,  ebenso sicher verlieren, als wenn wir uns entschieden zum Nicht-Glauben entschließen. Es ist, als wenn ein Mann endlos zauderte, einem bestimmten Mädchen einen Antrag zu machen, weil er nicht ganz sicher ist, daß er wirklich einen Engel in ihr finden würde, wenn er sie heimgeführt hätte. Würde er nicht dadurch sich selbst diese besondere Engel-Möglickeit ebenso endgültig versperren, als wenn er hinginge und eine andere heiratete? Der Skeptizismus besteht also nicht in der Vermeidung einer Option; er ist die Option einer bestimmten besonderen Art von Risiko.  Lieber den Verlust der Wahrheit, als die Möglichkeit des Irrtums riskieren!  - Das ist der eigentliche Standpunkt dessen, der gegen den Glauben sein Veto einlegt. Tatsächlich setzt er seinen Einsatz ebensogut aufs Spiel, wie der Gläubige; er setzt  gegen  die religiöse Hypothese auf die übrigen, ebenso wie der Gläubige  auf  die religiöse Hypothese gegen die übrigen. Uns den Skeptizismus als eine Pflicht predigen, bis hinreichende Beweisgründe für die Religion gefunden sind, heißt also: uns sagen, daß es der religiösen Hypothese gegenüber weiser und besser ist, unserer Furcht nachzugeben, sie möchte ein Irrtum sein, als unserer Hoffnung, daß sie der Wahrheit entspricht. Es ist also nicht so, daß der Intellekt auf der einen Seite steht, und alle Gefühle auf der anderen; sondern der Intellekt, verbunden mit einem einzigen Gefühl, errichtet dieses Gesetz. Und wodurch wird denn nun eigentlich die höchste Weisheit gerade dieses Gefühls gewährleistet? Täuschung um Täuschung! - was für einen Beweis gibt es, daß Täuschung durch Hoffnung soviel schlimmer ist, als Täuschung durch Furcht? Ich für meine Person sehe keinen Beweis dafür; und ich weigere mich einfach, dem Wissenschaftsmann zu gehorchen, wenn er mir befiehlt, seine Art von Option nachzumachen, in einem Fall, wo mein eigener Einsatz wichtig genug ist, um mir das Recht zu verleihen, mir meine eigene Form des Risikos auszusuchen. Angenommen, die Religion ist wahr obwohl es keinen hinreichenden Beweis dafür gibt, so habe ich keine Lust, mir über mein persönliches Wesen, welches meinem Gefühl nach in dieser Sache doch schließlich ein Wort mitzureden hat, ihren Lichtauslöscher überstülpen zu lassen und mir so die einzige Aussicht im Leben zu verscherzen, mich auf die Seite zu schlagen, welche gewinnt. Natürlich hängt diese Aussicht ab von meiner Willigkeit, das Risiko auf mich zu nehmen, daß ich handle, als ob mein gefühlsmäßiges Bedürfnis nach einer religiösen Weltanschauung prophetisch und im Recht wäre.

All dies gilt unter de Annahme, daß es wirklich prophetisch und im Recht sein kann, und daß auch für uns, die wir diese Frage erörtern, die Religion eine lebendige Hypothese ist, welche richtig sein kann. Nun tritt an die meisten von uns die Religion auf eine noch andere Weise heran, welche ein Veto gegen unseren praktischen Glauben noch unlogischer macht. Die vollkommenere und ewigere Ansicht vom Universum tritt in unseren Religionen in persönlicher Gestalt auf. Wenn wir religiös sind, so ist das Universum für uns nicht mehr ein bloßes "Es", sondern ein "Du"; und jedes Verhältnis, das zwischen einer Person und der anderen möglich ist, könnte dann auch hier möglich sein. So tritt bei uns selber z. B., obwohl wir in einem gewissen Sinn passive Teile des Universums sind, in einem anderen eine eigentümliche Autonomie hervor, als wären wir kleine Tätigkeitszentren auf eigene Rechnun. Auch haben wir das Gefühl, als wend sich die Religion, indem sie an uns appelliert, an unseren eigenen tätigen guten Willen; als möchte uns der hinreichende Beweis für immer vorenthalten bleiben, wenn wir nicht der Hypothese auf halbem Wege entgegenkommen. Um ein triviales Beispiel zu wählen: ebenso wie ein Mann, der in einer Gesellschaft gar kein Entgegenkommen zeigte, für jedes Zugeständnis eine Garantie verlangte und keinem sein Wort ohne Beweis dafür glaubte, durch eine solche Unhöflichkeit sich selbst aller geselligen Genüsse berauben würde, die einem vertrauensvolleren Gemüt zufallen, - ebenso möchte vielleich hier derjenige sich selbst für immer die einzige Gelegenheit, die Bekanntschaft der Götter zu machen, versperren, der sich grimmig hinter seiner Logik verschanzte und die Götter nötigen wollte, entweder seine Anerkennung ihm wider Willen abzuzwingen oder überhaupt darauf zu verzichten. Jenes Gefühl, welches sich uns - wir wissen nicht woher - aufdrängt, daß wir dem Universum den größten Dienst leisten, den wir können, indem wir unentwegt an Götter glauben, obwohl dies nicht zu tun unserer Logik und unserem Leben so leicht wäre, scheint zum innersten Wesen der religiösen Hypothese zu gehören.  Wäre  dieselbe in allen ihren Teilen, und auch in diesem, richtig, dann wäre der reine Intellektualismus mit seinem Veto gegen willfähriges Entgegenkommen unsererseits eine Absurdität; und eine gewisse Teilnahme unserer mitfühlenden Natur wäre logisch erforderlich. Ich für meine Person sehe daher nicht, wie ich die Regeln des Agnostizismus für Wahrheitssucher akzeptieren kann; ich vermag mich nicht dazu zu entschließen, die Willensseite meines Wesens aus dem Spiel zu lassen. Aus dem einfachen Grund kann ich es nicht tun, weil  eine  Denkregel, die mich vollständig verhinderte, gewisse Arten von Wahrheit, wenn diese Arten von Wahrheit wirklich beständen, anzuerkennen, eine vernunftwirdrige Regel wäre.' Das ist für mich die Quintessenz der formalen Logik dieser Sachlage, um welche Arten von Wahrheit es sich inhaltlich auch handeln mag.

Ich gestehe, ich sehe nicht, wie man dieser Logik entrinnen kann. Aber trübe Erfahrungen lassen mich befürchten, daß einige von Ihnen dennoch vielleicht davor zurückschrecken, mit mir prinzipiell und  in abstracto  auszusprechen, daß wir das Recht haben, auf unser eigenes Risiko hin an jede Hypothese zu glauben, welche lebendig genug ist, unseren Willen zu erregen. Wenn es der Fall ist, so ist der Grund vermutlich darin zu suchen, daß Sie sich ganz und gar vom abstrakten logischen Standpunkt entfernt haben und (vielleicht ohne es sich zu Bewußtsein zu bringen) an eine bestimmte religiöse Hypothese denken, welche für Sie tot ist. Die Freiheit, zu "glauben, was wir wollen", wenden Sie auf den besonderen Fall eines offenkundigen Aberglaubens an, und der Glaube, an die Sie denken, ist der, welchen jener Schulknabe definierte, indem er sagte: "Glaube ist, wenn man etwas glaubt, wovon man weiß, daß es nicht wahr ist." Ich kann nur wiederholen, daß dies ein Mißverständnis ist. In  concreto  kann sich die Freiheit des Glauben nur auf lebendige Optionen erstrecken, welche der Intellekt des Individuums nicht aus eigener Kraft entscheiden kann, und lebendige Optionen erscheinen dem, der sie zu erwägen hat, niemals als Absurditäten. Fasse ich die religiöse Hypothese, so wie sie sich konkreten Menschen tatsächlich darstellt, ins Auge, und denke ich an alle die Möglichkeiten, welche sie sowohl praktisch wie theoretisch einschließt, dann erscheint mir dieses Gebot, daß wir unser Herz, unseren Instinkt und unseren Mut zum Schweigen bringen und - indem wir natürlich einstweilen mehr oder weniger so handeln, als entspräche die Religion  nicht  der Wahrheit (5) -  warten  sollen bis zum jüngsten Tag oder so lange, bis unser Verstand und unsere Sinne durch ihre gemeinsame Arbeit genügend Beweisgründe zusammengescharrt haben, - dieses Gebot, sage ich, erscheint mir dann als der merkwürdigste Götze, der je in der Höhle des Philosophen fabriziert worden ist. Wären wir scholastische Absolutisten, so ließe sich eher eine Entschuldigung finden. Hätten wir eine untrügliche Vernunft mit ihren objektiven Gewißheiten, so könnte es uns wie eine eine Treulosigkeit vorkommen, ihm nicht ausschließlich zu vertrauen, nicht auf sein befreiendes Wort zu warten. Sind wir aber Empiristen, und glauben wir, daß keine Glocke in uns ertönt, um uns sichere Kunde zu geben, wann wir die Wahrheit erfaßt haben, dann sieht es aus wie ein Stück müßiger Phantasterei, uns so feierlich die Pflicht zu predigen, auf das Glockenzeichen zu warten. Allerdings  können  wir warten, wenn wir wollen, - hoffentlich denken Sie nicht, daß ich dies leugne, - aber wenn wir es tun, so tun wir es ebensosehr auf unsere Gefahr hin, als wenn wir gläubig wären. In beiden Fällen  handeln  wir und tragen dabei unser Leben in der Hand. Keiner von uns sollte gegen den andern ein Veto schleudern, und wir sollten keine Schimpfreden wechseln. Wir sollten im Gegenteil gegenseitig unserer geistigen Freiheit eine zartfühlende und tiefe Achtung entgegenbringen; nur dann werden wir die intellektuelle Republik zustande bringen; nur dann werden wir den Geist innerer Toleranz besitzen, ohne den alle unsere äußerliche Toleranz seelenlos ist, die Duldsamkeit, die den Ruhm des Empirismus ausmacht; nur dann werden wir leben und leben lassen, in spekulativen Dingen ebenso wie in praktischen.

Ich begann mit einem Hinweis auf FITZ-JAMES STEPHEN; lassen Sie mich schließen, indem ich ihn zitiere. "Wie denkst Du über Dich selbst? Wie denkst Du über die Welt? . . . Das sind Fragen, mit denen alle fertig werden müssen, wie es ihnen gut scheint. Es sind Rätsel der Sphinx, und auf die eine oder andere Weise müssen wir damit fertig werden . . . Bei allen wichtigen Verrichtungen im Leben müssen wir einen Sprung ins Dunkle wagen . . . Entschließen wir uns, die Rätsel unbeantwortet zu lassen, so ist dies eine Wahl; schwanken wir in unserer Antwort, so ist auch dies eine Wahl: aber welche Wahl wir auch treffen, wir tun es auf unsere eigene Gefahr hin. Wenn es jemand für das Beste hält, Gott und der Zukunft ganz und gar den Rücken zu kehren, so kann ihn niemand daran hindern; niemand kann gegen allen vernunftmäßigen Zweifel sicherstellen, ob er im Irrtum ist. Wenn jemand anders denkt und seiner Ansicht gemäß handelt, so sehe ich nicht, wie jemand beweisen kann, daß  er  im Irrtum ist. Jeder muß handeln, wie er es für das Beste hält; und wenn er sich irrt, umso schlimmer für ihn! Wir stehen auf einem Gebirgspaß mitten im wirbelnden Schnee und blendendem Nebel, durch den wir dann und wann einen flüchtigen Blick erhaschen auf Pfade, die vielleicht trügerisch sind. Bleiben wir stehen, so erfrieren wir. Schlagen wir einen falschen Weg ein, so werden wir zerschmettert. Wir wissen nicht sicher, ob es überhaupt einen rechten Weg gibt. Was sollen wir tun? Stark und guten Mutes sein! Zum besten handeln, das Beste hoffen, und nehmen was kommt! . . . Wenn der Tod allem ein Ende macht, so können wir ihm nicht besser entgegengehen." (6)
LITERATUR William James, Der Wille zum Glauben, Stuttgart 1899
    Anmerkungen
    1) Eine Ansprache an die philosophischen Vereine der Yale- und der Brown-Universität. Veröffentlicht in "The New World", Juni 1896.
    2) B. P. BLOOM, "The Flaw in Supremacy", Amsterdam/New York 1893 (im Selbstverlag).
    3) Vgl. eine bewundernswerte Stelle in S. H. HODGSONs "Time and Space", London 1865, Seite 310.
    4) Vgl. den Essay von WILFRID WARD "The wish to believe" in seinen "Witnesses to the Unseen", 1893.
    5) Da der Glaube am Handeln gemessen wird, so untersagt uns der, welcher die Religion für wahr zu halten verbietet, notwendigerweise auch, zu handeln, wie wir es tun würden, wenn wir sie für wahr hielten. Die ganze Verteidigung des religiösen Glaubens dreht sich um das Handeln. Wenn das Handeln, wie es von der religiösen Hypothese diktiert oder inspiriert wird, sich auf keine Weise von dem unterscheidet, welches von der naturalistischen Hypothese diktiert wird, dann ist der religiöse Glaube völlig überflüssig und wird besser ausgemerzt; ein Streit um seine Berechtigung ist dann nur ein Stück müßiger Spielerei, unwürdig ernster Geister. Ich selbst glaube natürlich, daß die religöse Hypothese der Welt einen Ausdruck verleiht, welcher unsere Reaktionen auf besondere Weise bestimmt und sie denen großenteils unähnlich macht, welche aufgrund einer rein naturalistischen Weltanschauung eintreten würden.
    6) FITZ-JAMES STEPHEN, "Liberty, Equality, Fraternity", London 1874, Seite 353