cr-4ra-2Voltaire als PhilosophDer Teufel und die HölleGiordano Bruno    
 
GIORDANO BRUNO
Von der Ursache, dem Prinzip
und dem Einen


"Wenn Titan vom goldenen Osten die feurigen Rosse angetrieben und das träumerische Schweigen der feuchten Nacht unterbrochen hat, dann werden die Menschen sinnig sprechen, die unschuldigen, wolletragenden Herden blöken; die gehörnten Rinder unter der Obhut des rauhen Landmanns werden brüllen; die Esel des Silenus, weil sie von neuem den bestürzten Göttern hilfreich den dummen Giganten Schrecken einjagen können, werden ihr Geschrei erheben. In schmutzigem Lager sich wälzend mit ungestümem Grunzen werden hauerbewehrte Eber ihren betäubenden Lärm machen, Tiger, Bären, Löwen, Wölfe nebst den listigen Füchsen das Haupt aus ihren Höhlen hervorstecken, von ihren einsamen Höhen das ebene Jagdgefilde betrachten und aus tierischer Brust ihr Grunzen, Brummen, Heulen, Brüllen, Winseln ertönen lassen. In der Luft und auf den Zweigen weitverästelter Bäume werden die Hähne, Adler, Pfauen, Kraniche, Tauben, Schnepfen, Nachtigallen, Krähen, Elstern, Raben, der Kuckuck und die Zikade nicht säumen, ihr lärmendes Gezwitscher zu wiederholen und zu verdoppeln. Und selbst aus dem unbeständigen Gefilde der Flut werden die weißen Schwäne, die bunten Enten, die geschäftigen Taucher, die Sumpfvögel und die heiseren Gänse nebst den melancholisch quakenden Fröschen die Ohren mit ihrem Geräusch erfüllen. Und so wird das warme Sonnenlicht, indem es die Luft dieser glücklicheren Hemisphäre durchstrahlt, sich begleitet, begrüßt und vielleicht belästigt finden von einer Fülle der Laute, ebenso mannigfaltig, wie es die Geister sind nach Größe und Beschaffenheit, welche jene Laute aus der Tiefer der Brust hervorbringen."


Erster Dialog
(Übelstände in der Gelehrtenwelt)

Elitropio: Gefangenen gleich, die an Dunkelheit gewöhnt aus finsterem Burgverließ an das Licht heraustreten, werden viele Anhänger der landläufigen Philosophie und manche andere dazu scheu werden, stutzen und weil sie unfähig sind, die neue Sonne deiner hellen Gedanken zu ertragen, böse werden.

Filoteo: Nun, dann liegt die Schuld nicht am Licht, sondern an ihren Augen. Je schöner und herrlicher die Sonne an sich selber ist, - den Augen der Nachteulen wird sie dadurch nur umso verhaßter und widerwärtiger.

Elitropio: Ein schweres, seltenes und ungewöhnliches Ding unternimmst du, FILOTEO, indem du jene Leute aus ihrem lichtlosen Abgrund hervorlocken und zum offenen, ruhigen und heiteren Anblick der Gestirne führen willst, die wir in so schöner Mannigfaltigkeit über den blauen Himmelsmantel ausgestreut sehen. Gewiß will dein frommer Eifer nichts als den Menschen sich hilfreich erweisen; gleichwohl werden die Angriffe der Undankbaren auf dich ebenso mannigfach sein, wie die Tiere es sind, welche die gütige Erde in ihrem mütterlich umfassenden Schoß erzeugt und nährt: falls es nämlich wahr ist, daß die menschliche Gattung in ihren Individuen, in jedem besonders, die Verschiedenheiten aller anderen Gattungen nachbildet, um in jedem Individuum ausdrücklicher das Ganze zu sein, als es in anderen Gattungen der Fall ist. Daher werden die Einen blinden Maulwürfen gleich in demselben Moment, wo sie die freie Luft spüren, sich möglichst schnell wiederi n die Erde vergraben und in die dunklen Höhlen zurückkehren, für die sie die Natur bestimmt hat. Die andern werden wie Nachtvögel nicht sobald im leuchtenden Osten die rötliche Botin der Sonne erblicken, als sie sich wegen der Schwäche ihrer Augen auch schon zur Rückkehr in ihre finsteren Löcher angetrieben finden werden. Die Wesen alle, welche vom Anblick der himmlischen Lichter ausgeschlossen und für die ewigen Gefängnisse, Grüfte und Höhlen PLUTOs bestimmt sind, werden, vom schaurigen Chor der ALECTO [eine der Erinyen - wp] zurückgefordert, den schnellen Flug zu ihren Wohnungen zurück nehmen. Die Wesen dagegen, die für den Anblick der Sonne geboren sind, werden, wenn das Ende der verhaßten Nacht gekommen ist, dem Himmel für seine Güte dankbar und freudig die heiß ersehnten und erhofften Strahlen mit ihren Blicken einsaugen und mit Herz, Stimme und Hand jubelnd den Aufgang anbeten. Wenn TITAN vom goldenen Osten die feurigen Rosse angetrieben und das träumerische Schweigen der feuchten Nacht unterbrochen hat, dann werden die Menschen sinnig sprechen, die unschuldigen, wolletragenden Herden blöken; die gehörnten Rinder unter der Obhut des rauhen Landmanns werden brüllen; die Esel des SILENUS, weil sie von neuem den bestürzten Göttern hilfreich den dummen Giganten Schrecken einjagen können, werden ihr Geschrei erheben. In schmutzigem Lager sich wälzend mit ungestümem Grunzen werden hauerbewehrte Eber ihren betäubenden Lärm machen, Tiger, Bären, Löwen, Wölfe nebst den listigen Füchsen das Haupt aus ihren Höhlen hervorstecken, von ihren einsamen Höhen das ebene Jagdgefilde betrachten und aus tierischer Brust ihr Grunzen, Brummen, Heulen, Brüllen, Winseln ertönen lassen. In der Luft und auf den Zweigen weitverästelter Bäume werden die Hähne, Adler, Pfauen, Kraniche, Tauben, Schnepfen, Nachtigallen, Krähen, Elstern, Raben, der Kuckuck und die Zikade nicht säumen, ihr lärmendes Gezwitscher zu wiederholen und zu verdoppeln. Und selbst aus dem unbeständigen Gefilde der Flut werden die weißen Schwäne, die bunten Enten, die geschäftigen Taucher, die Sumpfvögel und die heiseren Gänse nebst den melancholisch quakenden Fröschen die Ohren mit ihrem Geräusch erfüllen. Und so wird das warme Sonnenlicht, indem es die Luft dieser glücklicheren Hemisphäre durchstrahlt, sich begleitet, begrüßt und vielleicht belästigt finden von einer Fülle der Laute, ebenso mannigfaltig, wie es die Geister sind nach Größe und Beschaffenheit, welche jene Laute aus der Tiefer der Brust hervorbringen.

Filoteo: Das ist doch nicht bloß etwas gewöhnliches, sondern auch ganz natürlich und notwendig, daß jedes lebende Wesen  seinen  Laut von sich gibt. Unvernünftigte Tiere können unmöglich artikulierte Töne bilden wie die Menschen, da ihre Körperbeschaffenheit entgegengesetzt, ihr Geschmack verschieden, ihre Nahrung eine andere ist.

Armesso: Ich bitte um die Erlaubnis, auch mitreden zu dürfen, nicht über das Licht, sondern über andere Dinge, die dazu gehören und den Sinn nicht sowohl zu erfreuen, als vielmehr das Gefühl des Zuschauers oder Betrachters zu verletzen pflegen. Denn gerade, weil ich euren Frieden und eure Ruhe in brüderlicher Zuneigung wünsche, möchte ich nicht, daß aus diesen euren Rde wieder solche Komödien, Tragödien, Klagelieder, Dialoge oder was immer sonst entständen wie jene, die vor kurzem, als ihr sie in's Freie hinausließt, euch zwangen, wohl eingeschlossen und zurückgezogen zuhause zu bleiben.

Filoteo: Redet nur ganz frei heraus!

Armesso: Ich will keineswegs reden wie ein heiliger Prophet, ein verzücktr Seher, ein verhimmelter Apokalyptiker oder der verengelte Esel des BILEAM; auch nicht räsonnieren als wär' ich vom BACCHUS inspiriert, vom Hauch der liederlichen Musen vom Parnass aufgeblasen, oder wie eine vom PHÖBUS geschwängerte SYBILLE oder eine schicksalskundige KASSANDRA, nicht als wäre ich von der Sohle zum Scheitel von apollinischem Enthusiasmus vollgepfropft, wie ein erleuchteter Seher im Orakel oder auf dem delphischen Dreifuß, wie ein den Problemen der Sphinx gewachsener ÖDIPUS oder ein SALOMO den Rätseln der Königin von Saba gegenüber; nicht wie CALCHAS, der Dolmetscher des olympischen Senates, oder ein geisterfüllter MERLIN oder als käme ich aus der Höhle des TROPHONIUS: sondern ich will in ganz hausbackener und nüchterner Prosa reden, wie ein Mensch, der ganz andere Absichten hat, als sich den Saft des kleinen und großen Gehirns so lange herauszudestillieren, bis die  dura  und  pia mater  zuletzt als trockenes Residuum übrig bleibt; wie ein Mensch, der nun einmal kein anderes Hirn hat als sein eigenes, dem auch die Götter vom letzten Schub, die bloß zur Marschalltafel im himmlischen Hofhalten gehören, versagen; ich meine die Götter, die nicht Ambrosia essen noch Nektar trinken, sondern sich den Dunst mit dem Bodensatz im Fass und mit ausgelaufenem Wein stillen, wenn sie gegen das Wasser und seine Nymphen eine besondere Abneigung hegen. Selbst diese, die sich uns doch sonst heimischer, zutraulicher und umgänglicher zu bezeigen pflegen, wie z. B. BACCHUS oder jener betrunkene Ritter vom Esel (SILEN), wie PAN, VERTUMNUS, FAUNUS oder PRIAPUS, auch sie geruhen mich nicht um eines Strohälmchens Breite tiefer einzuweihen, während sie doch von ihren Taten selbst ihren Pferden Mitteilung zu machen pflegen.

Elitropio: Die Vorrede ist etwas lang geraten!

Armesso: Nur Geduld! Der Schluß wird dafür desto kürzer sein. Ich will in aller Kürze sagen, daß ich euch will Worte hören lassen, die man nicht erst zu entziffern braucht, indem man sie erst gleichsam der Destillation unterwirft oder sie durch die Retorte gehen läßt, im Marienbad digeriert [einweicht - wp] und nach dem Rezept der Quintessenz sublimiert, sondern Worte, wie sie mir meine Amme in den Kopf gepfropft hat, welche beinahe so fett, hochbusig, dickbäuchig, starklendig und vollsteißig war, wie es jene Londonerin nur sein kann, die ich in Westminster gesehen habe und die von wegen der Erwärmung des Bauches ein paar Zitzen hat, die wie die Stulpstiefeln des Riesen Sankt SPARAGORIO aussehen und aus denen sich, würden sie zu Leder verarbeitet, sicherlich zwei ferraresische Dudelsäcke würden machen lassen.

Elitropio: Das könnte nun wohl für eine Einleitung ausreichen.

Armesso: Wohlan denn, um zu Ende zu kommen, ich möchte von euch hören, - die Stimmen und Laute bei Gelegenheit des von eurer Philosohie ausstrahlenden Lichtes und Glanzes einmal ganz beiseite gelassen - mit welchen Lauten ihr wollt, daß wir insbesondere jenes Phänomen von Gelehrsamkeit begrüßen sollen, welches das Buch vom Aschermittwochsgastmahl ausmacht? Was für Tiere sind es, die es vorgetragen haben? Wasser-, Luft-, Land- oder Mondtiere? Und von den Äußerungen des SMITH, PRUDENZIO und FRULLA abgesehen, - ich möchte gern wissen, ob die sich irren, welche behaupten, daß du eine Stimme annimmst wie ein toller und rasender Hund, daß du ferner zuweilen den Affen, zuweilen den Wolf, die Elster, den Papagei, bald das eine Tier, bald ein anderes nachahmst und bedeutende und ernste Sätze, moralische und physikalische, gemeine und würdige, philosophische und komische blind durcheinander würfelst.

Filoteo: Wundert euch nicht, Bruder! War es doch nichts als eine Gasterei, wo die Gehirne durch Affekte regiert werden, wie sie durch die Einwirkung der Geschmäcke und Düfte von Getränken und Speisen entstehen. Wie ein Gastmahl materieller und körperlicher Art, ganz analog ist auch das Gastmahl in Wort und Geist. So hat dann auch dieses Gastmahl in Gesprächsform seine mannigfachen und verschiedenen Teile, wie ein Gastmahl sie zu haben pflegt: es hat seine eigentümlichen Verhältnisse, Umstände und Mittel, wie sie in seiner Weise auch jenes haben könnte.

Armesso: Seid so gut und macht, daß ich euch verstehen kann!

Filoteo: Dort pflegt sich der Gewohnheit und Gebühr nach Salat, Speise, Obst und Hausmannskost aus der Küche und aus der Apotheke zu finden, für Gesunde und für Kranke; Kaltes, Warmes, Rohes und Gekochtes; aus dem Wasser, vom Land, aus dem Haus und aus der Wildnis; Geröstetes, Gesottenes, Reifes, Herbes; Dinge, die zur Ernährung allein, und solche, die dem Gaumen dienen; Substantielles und Leichtes, Salziges und Fades, Rohes und Eingemachtes, Bitteres und Süßes. Und so haben sich auch hier in bestimmter Reihenfolge die Gegensätze und Verschiedenheiten eingefunden, den Verschiedenheiten des Magens und des Geschmackes bei denen entsprechend, denen es gefallen möchte, an unserem symbolischen Gastmahl teilzunehmen, damit niemand sich beklage, er sei umsonst gekommen, und damit wem das Eine nicht gefällt vom Anderen nehme.

Armesso Schon gut; aber was sagt ihr dazu, wenn überdies in eurem Gastmahl Dinge vorkommen, die weder als Salat noch als Speise, weder als Dessert noch als Hausmannskost taugen, weder kalt noch warm, weder roh noch gekocht, die weder für den Appetit noch für den Hunger, weder für Gesunde noch für Kranke gut sind und demgemäß weder aus den Händen des Kochs noch des Apothekers hervorgehen?

Filoteo: Du wirst gleich sehen, daß auch darin unser Gastmahl jedem beliebigen anderen nicht unähnlich ist. Wie du dort mitten im besten Essen dicht entweder an einem allzuheißen Bissen verbrennst, so daß du ihn entweder ausspeien oder unter Ächzen und Tränen dem Gaumen liebäugelnd so lange anvertrauen mußt, bis du ihn hinunterwürgen kannst; oder es wird dir ein Zahn stumpf, oder die Zunge kommt dir in den Weg, daß du mit dem Brot auf sie beißt; oder ein Steinchen wird zwischen den Zähnen zertrümmert, daß du den ganzen Bissen ausspeien mußt; oder ein  Härchen  aus dem Bart oder vom Kopf des Kochs schleicht sich durch bis zu deinem Gaumen, um dich zum Brechen zu reizen; oder eine Gräte bleibt dir im Hals stecken, um dich sänftiglich husten zu machen; oder ein Knöchlein legt sich dir quer vor den Schlund und bringt dich in Gefahr zu ersticken: gerade so haben sich in unserem Gastmahl zu unserem und aller Mißvergnügen entsprechende und ähnliche Dinge eingefunden. Und ach, der Grund von dem allen ist die Sünde unseres alten Urvaters ADAM. Seitdem ist die verderbte menschliche Natur dazu verdammt, daß sich ihr zu jedem Genuß der Verdruß gesellt.

Armesso: Wie andächtig und erbaulich das klingt! Nun, was antwortet ihr denen, welche sagen, daß ihr ein wütender Zyniker seid?

Filoteo: Ich werde es freudig zugestehen, wenn nicht unbedingt, so doch teilweise.

Armesso: Aber wißt ihr auch, daß der Vorwurf, Beschimpfungen hinzunehmen, nicht so schwer ist wie der, sie auszuteilen.

Filoteo: Mir genügt's, daß die meinigen als Wiedervergeltung, diejenigen anderer als Angriffe gemeint sind.

Armesso: Aber wißt ihr auch, daß der Vorwurf, Beschimpfungen hinzunehmen, nicht so schwer ist wie der, sie auszuteilen.

Filoteo: Mir genügt's, daß die meinigen als Wiedervergeltung, diejenigen anderer als Angriffe gemeint sind.

Armesso: Auch Götter kommen in die Lage, Beleidigungen hinzunehmen, Beschimpfungen zu dulden und Tadel zu erleiden; aber selber tadeln, beschimpfen und beleidigen ist die Art gemeiner, unedler, unwürdiger und schlechtgesinnter Menschen.

Filoteo: Wohl wahr; aber wir beleidigen ja auch nicht; wir geben nur die Beleidigungen zurück, die nicht sowohl uns, als der verachteten Philosophie angetan werden, und wir tun es, damit nicht zu den schon erlittenen Kränkungen neue hinzukommen.

Armesso: Ihr wollt also einem bissigen Hund gleichen, damit jedermann sich hüte, euch lästig zu fallen?

Filoteo: So ist's. Ich wünsche Ruhe zu haben, und der Verdruß verdrießt mich.

Armesso: Schön; aber man meint, ihr verfahrt zu streng.

Filoteo: Damit sie nicht wieder kommen, und damit andere lernen, nicht mit mir und mit anderen anzubinden; sie sollen vielmehr aus ähnlichen Mittelbegriffen die gleichen Schlüsse ziehen.

Armesso: Die Beleidigung war eine private, die Rache ist öffentlich.

Filoteo: Ist sie deshalb ungerecht? Viele Vergehen, die im verborgenen begangen sind, werden doch mit Fug und Recht öffentlich gestraft.

Armesso: Aber damit verderbt ihr euren Ruf und macht euch tadelnswerte als jene; denn man wird öffentlich sagen, daß ihr ungeduldig, launenhaft, eigensinnig, unbesonnen seid.

Filoteo: Das soll mich wenig kümmern, wenn nur sie und andere mir nicht weiter lästig fallen. Dazu zeige ich den Prügel des Zynikers, daß sie mich mit meiner Handlungsweise in Ruhe lassen, und wenn sie von mir keine Liebkosungen wollen, nicht an mir ihre Unhöflichkeit auslassen.

Armesso: Scheint es euch denn einem Philosophen zu geziemen, daß er auf Rache sinne?

Filoteo: Glichen die, die mich ärgern, der XANTHIPPE, so würde ich SOKRATES gleichen.

Armesso: Weißt du nicht, daß Langmut und Geduld allen gut steht? daß wir durch sie den Heroen und Göttern ähnlich werden, welche nach einigen sich spät rächen, nach anderen sich überhaupt nicht rächen noch erzürnen?

Filoteo: Du irrst, wenn du glaubst, ich hätte es auf Rache abgesehen.

Armesso: Auf was denn?

Filoteo: Auf Besserung, und auch dadurch werden wir den Göttern ähnlich. Du weißt, daß der arme VULCAN von JUPITER Dispens hat, auch an Festtagen zu arbeiten, und so wird der verwünschte Amboß nimmer dessen ledig, die Streiche der gewaltigen Hämmer zu erdulden. So wie der eine erhoben ist, fällt der andere nieder, damit nur die gerechten Blitze zur Züchtigung der Verbrecher und Frevler niemals ausgehen.

Armesso: Aber es ist immer noch ein Unterschied zwischen euch und dem Schmied des JUPITER, dem Gemahl der CYPRIA.

Filoteo: Genug, daß ich ihnen an Geduld und Langmut vielleicht nicht so unähnlich bin. Auch in dieser Sache habe ich sie geübt; denn ich habe meinem Unwillen keineswegs durchaus den Zügel schießen lassen und habe meinen Zorn nicht die schärfsten Sporen gegeben.

Armesso: Nicht jedermann soll sich damit zu schaffen machen, ein Verbesserer zu sein, besonders der Menge.

Filoteo: Und ich sage zweierlei: erstens daß man einen ausländischen Arzt nicht töten soll, weil er die CUREN vorzunehmen versucht, die die heimischen nicht machen; zweitens, daß für den wahren Philosophen jedes Land sein Vaterland ist.

Armesso: Wenn sie dich nun aber nicht haben wollen, weder als Philosophen, noch als Arzt, noch als Landmann?

Filoteo: Deshalb werde ich nicht aufhören es zu sein.

Armesso: Wer bürgt euch dafür?

Filoteo: Die Götter, welche mich hierher geschickt haben; ich, der ich mich hier befinde; und die, welche Augen haben, mich hier zu sehen.

Armesso: Da hast du sehr wenige und wenig anerkannte Zeugen.

Filoteo: Auch die rechten Ärzte sind sehr wenig zahlreich und wenig anerkannt; fast alle dagegen sind rechte Kranke. Ich wiederhole, daß es ihnen nicht gestattet ist, denen einen es zu bewirken, den andern es zu erlauben, daß eine solche Behandlung denen zuteil werde, die lobenswerte Dienste leisten, ob sie nun Ausländer seien oder nicht.

Armesso: Wenige erkennen diese Dienste an.

Filoteo: Deshalb sind die Perlen nicht weniger kostbar, und wir müssen sie mit aller unserer Kraft verteidigen, und mit der äußersten Anstrengung dahin wirken, daß sie davor geschützt, gesichert und bewahrt bleiben, von den Säuen mit den Füßen zertreten zu werden. So wahr mir die hohen Götter helfen mögen, mein ARMESSO, ich habe niemals aus schmutziger Eigenliebe oder aus gemeiner Sorge für ein privates Interesse solche Rache geübt, sondern aus Liebe zu meiner vielgeliebten Mutter, der Philosophie, und aus Eifer um ihre verletzte Majestät. - Jetzt möchte sich jeder nichtsnutzige Pedant, jeder lumpige Wortheld, jeder dumme Faun, jeder unwissende Esel, indem er sich mit einer Last von Büchern zeigt, sich den Bart lang wachsen läßt und allerlei andere Manieren annimmt, dafür ausgeben, als ob er zur Familie gehörte. Durch solche falschen Freunde und Söhne ist die Philosophie so weit heruntergebracht worden, daß bei der Menge ein Philosoph so viel heißt als ein unnützer Mensch, ein Pedant, ein Gaukler, ein Marktschreier, ein Scharlatan, gut genug, umals Zeitvertreib im Haus und als Vogelscheuche auf dem Feld zu dienen.

Elitropio: Die Wahrheit zu sagen, wird die Sippe der Philosophen vom größten Teil der Menschen noch niedriger geachtet, als die der Geistlichen, weil diese, aus jeder Art von Gesindel entnommen, das priesterliche Amt immer noch weniger in Verruf gebracht haben, als jene, die, nach Bestien aller Art benannt, der Philosophie Verachtung zugezogen haben.

Filoteo: Loben wir also in seiner Art das Altertum, wo die Philosophen zu Gesetzgebern, Räten und Königen emporsteigen, Räte und Könige aber zu Priestern erhoben werden durften. In unseren Tagen ist die Mehrzahl der Priester so beschaffen, daß sie und um ihretwillen die göttlichen Gebote verachtet sind; fast alle aber, welche wir als Philosophen betrachteten, sind von der Art, daß sie selbst und um ihretwillen die Wissenschaften in Geringschätzung sinken. Überdies pflegt unter ihnen die Menge von Schurken, wie Nesseln die Saat, mit ihren entgegengesetzten Phantastereien die Tugend und Wahrheit zu überwuchern, welche selten und nur seltenen Menschen erkennbar ist.

Armesso: Ich kenne keinen Philosophen, ELITROPIO, der sich so für die verachtete Philosophie ereiferte, keinen, der für seine Wissenschaft so eingenommen wäre, wie dieser TEOFILO. Was würde geschehen, wenn alle anderen Philosophen von derselben Beschaffenheit, ich meine, ebenso leidenschaftlich wären!

Elitropio: Diese anderen Philosophen haben nicht so viel erfunden, haben auch nicht so viel zu behüten, nicht so viel zu verteidigen. Sie freilich können immerhin eine Philosophie gering schätzen, die nichts taugt, oder eine andere, die wenig taugt, oder eine solche, die sie nicht kennen; aber dieser, der die Wahrheit, den verborgenen Schatz, gefunden hat, ist von der Schönheit dieses göttlichen Antlitzes entflammt und nicht weniger eifersüchtig darauf, daß sie nicht verfälscht, vernachlässigt oder entweiht werde, als ein anderer in schmutziger Begierde vom Gold, vom Karfunkel oder Diamanten oder von einem schönen Weibsbild eingenommen sein mag.

Armesso: Aber besinnen wir uns und kommen zurück zur Sache! Man sagt von euch, TEOFILO, ihr hätte in jenem eurem Aschermittwochsgesprüch eine ganze Stadt, eine ganze Provinz, ein ganzes Reich geschmäht und beleidigt.

Filoteo: Das habe ich nie gedacht, nie beabsichtigt, nie getan, und wenn ich es gedacht, beabsichtigt oder getan hätte, so würde ich mich selber am strengsten verdammen und zu tausend Widerrufen, Abbitten und Palinodien [Widerruf der eigenen Behauptungen - wp] bereit sein. Und das nicht allein, wenn ich ein altes edles Reich wie dieses beleidigt hätte, sondern auch jegliches andere sonst, für so barbarisch es auch gelten möge; und ich meine nicht nur, jede Stadt, für wie ungebildet sie berufen sei, sondern auch jegliches Geschlecht, als wie roh es auch bekannt sei, sondern auch jede Familie, wie ungastlich sie auch heiße. Denn es kann kein Reicht, keine Stadt, kein Geschlecht, kein ganzes Haus geben, wo alle gleiches Sinnes wären oder wo man sich darauf einrichten dürfte, keines, wo sich nicht so entgegengesetzte und widersprechende Charaktere fänden, daß was dem einem Freude macht dem andern mißfallen muß.

Armesso: Gewiß, was mich anbetrifft, der ich das Ganze gelesen und wiedergelesen und wohl erwogen habe, ich finde euch wohl im einzelnen vielleicht etwas gar zu frei herausgehend; im allgemeinen finde ich euer Verfahren angständig, vernünftig und rücksichtsvoll. Aber das Gerücht geht so wie ich sage.

Elitropio: Dieses und andere Gerüchte sind durch die Gemeinheit einiger von denen ausgestreut worden, die sich getroffen fühlen. Rachsüchtig und an eigenem Verstand, Gelehrsamkeit, Geist und Kraft sich zu schwach fühlend, erdichten sie alle möglichen Unwahrheiten, denen nur ihresgleichen Glauben schenken können, und werben Genossen, indem sie es zu erreichen suchen, daß der Tadel gegen einzelne für eine Beleidigung gegen die Gesamtheit angesehen werde.

Armesso: Ich glaube vielmehr, daß es Personen gibt, nicht ohne Urteil und Verstand, welche die Beleidigung auf die Gesamtheit beziehen, weil ihr solche Sitten Personen von solcher Abkunft beilegt.

Filoteo: Nun, was für Sitten sind denn das, daß ähnliche, schlimmere und viel fremdartigere in Geschlecht, Art und Zahl sich nicht in den vorzüglichsten Ländern und Gegenden der Welt fänden? Oder werdet ihr es vielleicht beleidigend finden, und zwar beleidigend und undankbar gegen mein Vaterland, wenn ich sage, daß ähnliche und noch verwerflichere Sitten in Italien, in Neapel, in Nola vorkommen? Würdige ich vielleicht dadurch dieses vom Himmel begnadigte Land herab, welches so oft zugleich zum Haupt und zur rechten Hand dieser Erde gesetzt war, zum Erzieher und Bezwinger der anderen Geschlechter, dieses Land, das von uns und anderen immer als Lehrerin, Säugamme und Mutter aller Tugenden, Wissenschaften, aller Bildung, alles guten Anstandes und aller höflichen Sitte geschätzt worden ist, wenn das gar noch überboten wird, was von ihm gerade auch unsere Poeten gesunden haben, welche es doch ebensosehr als Lehrerin aller Laster, alles Betruges, aller Habsucht und Grausamkeit darstellen?

Elitropio: Das stimmt ganz zu den Grundsätzen eurer Philosophie; meint ihr doch, daß die Gegensätze in den Prinzipien und in den nächsten Objekten zusammenfallen. Denn eben dieselben Geister, welche für hohe tugendhafte und edelmütige Handlungen die geeignetsten sind, sinken am tiefsten, wenn sie auf Abwege geraten. Die selteneren und auserleseneren Geister finden sich da, wo im allgemeinen die unwissenderen und ungeschickteren sind, und wo meistenteils weniger gebildete und höfliche Leute sind, findet man in einzelnen Fällen Extreme von Bildung und Feinheit. Daher scheint den verschiedenen Geschlechtern das gleiche Maß von Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten gegeben zu sein, nur in verschiedener Verteilung.

Filoteo: Ganz recht.

Armesso: Bei alledem bedaure ich wie viele andere mit mir, o TEOFILO, daß ihr in unserem lieben Vaterland gerade auf solche Subjekte gestoßen seid, die euch zu einer solchen Aschermittwochslamentation Anlaß gegeben habn, und nicht auf so viele andere, die euch gezeigt hätten, wie sehr dies unser Land, mag es auch immer von den Eurigen "gänzlich vom Erdenrund entlegen" (1) genannt werden, allen Studien edler Wissenschaften, der Waffen, der Ritterlichkeit, Bildung und höflicher Sitten ergeben sei. Soweit unsere Kraft reicht, suchen wir darin nicht hinter unseren Ahnen zurückzubleiben oder von anderen Völkern übertroffen zu werden, besonders von denen, welche sich einbilden, die edle Anlage, Wissenschaften, Waffen und Bildung wie von Natur zu haben.

Filoteo: Bei meiner Treu, ARMESSO, dem was ihr darlegt, darf ich nicht, könnte ich auch nicht widersprechen, weder mit Worten noch mit Gründen oder auch nur innerlich; führt ihr doch eure Sache mit aller Geschicklichkeit, bescheiden und gründlich. Deshalb empfinde ich Reue um euretwillen und um dessentwillen, daß ihr mir nicht mit barbarischem Stolz gegenübergetreten sei und ich bedauere, daß ich von den oben erwähnten Subjekten Anlaß genommen habe, euch und andere Leute von ehrenwertester und humanster Gesinnung zu betrüben. Ich möchte deshalb, jene Dialoge wären nicht veröffentlicht, und wenn es euch recht ist, so werde ich mich darum bemühen, daß sie fernerhin nicht an's Licht gelangen.

Armesso: Meine Betrübnis so wie die anderer vortrefflicher Leute stammt so wenig aus der Veröffentlichung jener Dialoge, daß ich eher dafür sorgen möchte, daß sie in unsere Landessprache übersetzt würden, damit sie den wenig oder übel gesitteten unter uns zur Lektüre dienen könnten. Vielleicht wenn sie sehen, mit welcher Abscheu ihre unhöflichen Manieren aufgenommen, in welchen Zügen sie geschildert worden und wie widerlich dieselben sind, wandeln sie sich, wenn sie sich durch gute Lehre und gutes Vorbild, das sie an den Besseren und Höheren sehen, von ihrem Weg nicht abbringen lassen, wenigstens um und bilden sich nach jenen um aus Scham, unter jenes Gesindel gezählt zu werden, indem sie lernen, daß persönliche Ehre und Tüchtigkeit nicht im Können und Wissen davon besteht, auf welche Art man andere ärgert, sondern im geraden Gegenteil.

Elitropio: Ihr zeigt auch sehr verständig und gewandt, wo es die Sache eures Vaterlandes gilt, und seid im Unterschied von vielen, die gleich arm sind an Geist und Wert, nicht undankbar und unerkenntlich für die guten Dienste anderer. Aber FILOTEO scheint mir nicht vorsichtig genug, um seinen Ruf zu wahren und seine Person zu verteidigen. Denn so verschieden adliges Wesen und bäurisches Wesen ist, so entgegengesetzt sind die Wirkungen, die man von beiden hoffen oder fürchten muß. Stell dir vor, irgendein Bauernknecht aus Skythien, der ein Gelehrter geworden, Erfolg gehabt und Ruhm erlangt hätte, verließe die Ufer der Donau und tastete mit kühnem Tadel und gerechter Anklage das Ansehen und die Majestät des römischen Senats an. Dieser würde aus jenes Mannes Tadel und Beleidigung Anlaß nehmen zu einem Akt äußerster Klugheit und Großmut und den strengen Tadler mit einer Kolossalstatue beehren. Denke dagegen, ein römischer Edelmann und Senator habe Unglück gehabt und wäre unweise genug, die lieblichen Gestade seines Tiber zu verlassen und gleichfalls mit gerechter Anklage und dem vernünftigsten Tadel die skythischen Bauern anzugreifen. Sicher würden diese daraus Anlaß nehmen, die Beweise ihrer Unbildung, Niedrigkeit und Roheit zu babylonischer Turmhöhe aufzuhäufen; sie würden ihn steinigen, der Volkswut die Zügel schießen lassen, um den anderen Geschlechtern zu zeigen, welch ein Unterschied es sei, mit Menschen zu verkehren, oder mit solchen, welche nur nach dem Bild und Gleichnis von Menschen gemacht sind.

Armesso: Ich, o FILOTEO, bin nicht der Mann, es für gebührend zu halten, daß ich oder ein anderer, der mehr Witz hätte als ich, die Sache und den Schutz derjenigen, die deine Satire trifft, als von Landsleuten übernehme, zu deren Verteidigung uns das Naturgesetz selber treibe. Denn niemals werde ich zugestehen und niemals aufhören den zu bestreiten, welcher behauptet, daß jene Leute Teile und Glieder unseres Vaterlandes seien. Dieses besteht aus ebenso edlen, gebildeten, sittlichen, wohlerzogenen, zartfühlenden, humanen, verständigen Leuten wie irgendein anderes. Wenn Leute jenes Schlages darin vorkommen, so doch sicher nur als Schmutz, Hefen, Mist und Moder; in keinem anderen Sinne könnten sie Teile eines Reiches oder einer Stadt heißen, als wie auch die Jauche ein Teil des Schiffes ist. Weit entfernt daher, daß wir um solcher Leute willen empfindlich sein müßten, würden wir uns durch eine solche Empfindlichkeit vielmehr tadelnswert machen. Aus der Zahl jener schließe ich einen großen Teil der Gelehrten und Geistlichen nicht aus. Wenn auch einige von ihnen vermöge ihrer Doktoren-Würde große Herren werden, so kehren sie den bäurischen Stolz, den sie zuerst nicht zu zeigen wagten, nachher mit der Zuversichtlichkeit und dem Hochmut, der sich ihnen in Folge des Rufes als Gelehrte oder Priester anhängt, nur umso dreister und prahlerischer heraus. Kein Wunder daher, wenn ihr viele und aber viele seht, die in jener Doktoren- und Priesterwürde mehr nach dem Rindvieh, der Herde und dem Stall riechen, als wirkliche Pferdeknechte, Hirten und Ackersleute. Deshalb wünschte ich, ihr hättet nicht so heftig gegen unsere Universität geeifert, indem ihr gewissermaßen dem Ganzen keine Nachsicht gewährtet und nicht bedachtet, was sie bisher gewesen ist, in Zukunft sein wird oder sein kann und zum Teil doch auch schon jetzt ist.

Filoteo: Nehmt es doch nicht so tragisch! Denn ist auch die Schilderung, die sie bei dieser Gelegenheit erfahren hat, ganz getru, so ist doch jedenfalls die Verkehrtheit nicht größer bei ihr als bei allen anderen, die höher zu stehen glauben, und die unter dem höchst albernen Titel von Doktoren Pferde mit Doktorringen und Esel mit Doktorhüten kreieren. Gleichwohl verkenne ich nicht, wie sehr sie von Anfang an wohl eingerichtet gewesen ist, die schönen Studienordnungen, die Würde des Zeremoniells, die Verteilung der Übungen, die Schönheit der Trachten und vieles andere, was zum Bedürfnis und Schmuck einer Akademie beiträgt. Jedermann muß sie daher ohne Zweifel als die erste in ganz Europa und mithin in der ganzen Welt anerkennen, und ich leugne nicht, daß sie an Gewandtheit und Feinheit der Geister, wie beide Teile Britanniens sie von Natur erzeugen, allen denen, die anerkannt die vortrefflichsten sind, ähnlich ist und wohl gleichkommen mag. Nichtsdestoweniger hat sich das Andenken daran verloren, daß die spekulativen Studien, ehe sie noch in den anderen Teilen Europas wiedererwachten, an diesem Ort geblüht haben, und daß durch diese ihre Meister in der Metaphysik, wie barbarisch auch immer von Sprache und mönchisch von Profession sie waren, der Glanz eines herrlichen und hervorragenden Zweiges der Philosophie, welcher in unseren Zeiten beinahe erloschen ist, über alle anderen Akademien der Länder, die nicht von Barbaren bewohnt sind, sich verbreitet hat. Aber was mich angewidert hat und mir zugleich Ekel und Lachen erregt, ist das, daß während ich nirgends Leute finde, die von Sprache mehr Römer, mehr Athener wären, als an diesem Ort, sie sich in allem übrigen - ich spreche von der großen Masse - rühmen, ihren Vorgängern durchaus unähnlich und entgegengesetzt zu sein. Letztere waren freilich wenig besorgt um Beredtsamkeit und grammatische Strenge und ganz auf die Spekulation gerichtet, welche von jenen Sophisterei genannt wird; aber ihre Metaphysik, in der sie ihren Meister ARISTOTELES übertroffen haben, wenn auch immerhin getrübt und verunreinigt durch manche wertlose Schlüsse und Lehrsätze, die nicht philosophisch noch theologisch sind, sondern von einem müßigen und seine Kraft übel verwendenden Geist zeugen, - ihre Metaphysik steht mir doch immer noch unendlich höher, als alles was diese Männer der Gegenwart mit aller ihrer ciceronischen Beredtsamkeit und deklamatorischen Kunst vorbringen können.

Armesso: Das sind doch aber auch keine verächtlichen Sachen.

Filoteo: Gewiß nicht. Aber wenn man zwischen beiden wählen muß, so schätze ich die Ausbildung des Geistes, wie sehr sie auch sonst getrübt sein mag, höher als diejenige noch so beredter Worte und Redeweisen.

Elitropio: Das erinnert mich an jenen Bruder VENTURE, der bei der Besprechung der der Stelle der Heiligen Schrift: "Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist!" (2) bei Gelegenheit alle Namen von Münzen, die es zu Zeiten der Römer gab und die er ich weiß nicht aus welchem alten Tröster oder welcher Scharteke [altes Buch - wp] aufgelesen hatte, - es waren mehr als hundert und zwanzig, - nach Gepräge und Gewicht anbrachte, um zu zeigen, wie fleißig und wie gelehrt er sei. Als nun am Schluß der Predigt ein Biedermann zu ihm trat und bat: "Ehrwürdiger Pater, seid so gut und leiht mir einen Carlin!" so antwortete er, er gehöre zu einem Bettelorden.

Armesso: Zu welchem Zweck erwähnt ihr das?

Elitropio: Ich will damit sagen, daß die, welche in Redensarten und Namen sehr bewandert sind und sich nicht um die Sachen kümmern, denselben Gaul wie jener ehrwürdige Vater der Gäule reiten.

Armesso: Ich glaube doch, daß sie außer dem Studium der Beredtsamkeit, in welcher sie alle ihre Vorgänger übertreffen und den anderen Modernen nicht nachstehen, auch in der Philosophie und auf anderen Gebieten der Spekulation nicht so bettelarm sind; können sie doch ohne deren gründliche Kenntnis zu keinem Grad promoviert werden. Denn die Statuten der Universität, auf welche sie eidlich verpflichtet sind, bestimmen, daß niemand zur Magister- oder Doktorwürde in der Philosophie und Theologie promoviert werden soll, wenn er nicht aus dem Brunnen des ARISTOTELES gründlich geschöpft habe.

Elitropio: O, ich will euch sagen, wie sie's gemacht haben, um nicht meineidig zu werden. Von drei Brunnen, die sich an der Universität befinden, haben sie dem einen den Namen Brunnen des Aristoteles gegeben; den andern nennen sie Brunnen des PYTHAGORAS, den dritten Brunnen des PLATO. Da sie nun aus jenen drei Brunnen ihr Wasser entnehmen, um Bier und dergleichen zu machen, - mit demselben Wasser werden freilich auch die Ochsen und Pferde getränkt, - so gibt es natürlich keinen Menschen, der nicht, auch wenn er sich kaum drei oder vier Tage in jenen Studien- und Kollegienhäusern aufgehalten hat, mit dem Brunnen nicht nur des ARISTOTELES, sondern außerdem mit dem des PYTHAGORAS und PLATO reichlich durchtränkt worden wäre.

Armesso: Leider, daß ihr nur allzuwahr redet! Daher kommt es, TEOFILO, daß die Doktoren zu so billigen Preisen fortgehen wie die Sardellen. Wie man sie mit wenig Mühe kreiert, findet, fischt, so kauft man sie auch für ein Geringes. Da nun bei uns die Masse der Doktoren in dieser Zeit so beschaffen ist, - den Ruhm einiger durch Redegabe, Gelehrsamkeit, weltmännische Bildung ausgezeichneter Männer, wie ein TOBIAS MATTHEW, CULPEPER und andere, die ich nicht zu nennen weiß, immer ausgenommen, - so fehlt viel daran, daß einer weil er sich Doktor nennt dafür gelte einen neuen Adelsrang zu haben; vielmehr ist er gerade der entgegengesetzten Natur und Beschaffenheit so lange verdächtig, als man nicht etwas von ihm besonders weiß. So kommt es, daß diejenigen, die von Geburt oder sonst adlig sind, auch wenn sie damit das schönste Teil des Adels, die gelehrte Bildung, verbinden, sich schämen, sich promovieren und zu Doktoren ernennen zu lassen, indem es ihnen genügt, daß sie Gelehrte sind. Und von solchen findet man eine größere Zahl an den Höfen, als man Pedankten an der Universität findet.

Filoteo: Grämt euch nicht zu sehr darüber, ARMESSO! Denn überall, wo es Doktoren und Priester gibt, gibt es auch beide Arten von ihnen. Diejenigen, die wahrhafte Gelehrte und wahrhafte Priester sind, mögen sie auch aus niederem Stand emporgekommen sein, können nicht anders als gebildet und geadelt sein; denn die Wissenschaft ist der auserlesene Weg, um den menschlichen Geist zu erhabenem Streben zu entzünden. Jene andern aber erscheinen uns umso roher, je mehr sie, mit dem Divum pater oder mit dem Giganten SALMONEUS "hochdonnernd", gleich einem Satyr oder Faun im Purpurgewand mit schreckeneinflößenden und gebieterischem Pomp einherschreiten, nachdem sie auf dem Katheder des Schulobersten ausgemacht haben, - nach welcher Deklination  hic et haec et hoc nihil  [dieses und jenes wird nichts - wp] geht.

Armesso: Wir wollen den Gegenstand fallen lassen. Was ist das für ein Buch, das ihr in der Hand habt?

Filoteo: Es sind Dialoge.

Armesso: Das Gastmahl?

Filoteo: Nein.

Armesso: Was denn?

Filoteo: Andere, in denen nach unserer Methode von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen gehandelt wird.

Armesso:Und die Personen? Haben wir vielleicht wieder so einen verteufelten FRULLA oder PRUDENZIO, die uns von neuem in schlimme Gesellschaft bringen?

Filoteo: Fürchtet nichts! Einen ausgenommen, sind es lauter ruhige und höchst anständige Leute.

Armesso: So bliebe also doch wieder euren Worten nach etwas auch in diesen Dialogen auszumerzen?

Filoteo: Fürchtet nichts! Ihr werdet euch eher gekitzelt fühlen, wo es euch juckt, als gereizt, wo es euch weh tut.

Armesso: So bliebe also doch wieder euren Worten nach etwas auch in diesen Dialogen auszumerzen?

Filoteo: Fürchtet nichts! Ihr werdet euch eher gekitzelt fühlen, wo es euch juckt, als gereizt, wo es euch weh tut.

Armesso: Wo es juckt?

Filoteo: Ihr werdet hier erstens dem ehrenwerten Gelehrten, dem liebenswürdigen, wohlgebildeten Mann und treuen Freund ALEXANDER DICSON begegnen, den der Nolaner liebt wie seinen Augapfel und der zu der Verhandlung über den Gegenstand den Anlaß gegeben hat. Er wird als derjenige eingeführt, der dem TEOFILO den Stoff zu seinen Darlegungen bietet. Zweitens habt ihr da den TEOFILO, nämlich mich, der je nach gegebenem Anlaß den vorliegenden Gegenstand durch Distinktionen, Definitionen und Demonstrationen erläutert. Drittens ist da GERVASIO, ein Mann, der nicht zur Zunft gehört, aber zum Zeitvertreib bei unseren Unterredungen zugegen sein will, eine Person, die nicht wohl noch übel riecht, sich über die Manieren des POLIINNIO köstlich amüsiert und ihm dann und wann Spielraum schafft, um seine Torheit auszulassen. Diesen gotteslästerlichen Pedanten habt ihr da zum vierten, einen jener gestrengen Tadler der Philosophie, der sich deshalb wie ein MOMUS [griech. Gott des Spotts - wp] vorkommt; äußerst eingenommen von seinem Schwarm von Scholastikern, weshalb er sich in sokratischer Liebe einen geschworenen Feind des weiblichen Geschlechts nennt, und weil er kein Physiker ist, sich für ORPHEUS, MUSÄUS, TITYRUS und AMPHION hält. Du kennst die Art. Wenn sie dir eine schöne Periode gemacht, ein elegantes Brieflein aufgesetzt, eine zierliche Phrase aus der ciceronianischen Garküche geschmarotzert haben: - Da ist DEMOSTHENES wiedererstanden, da blüht TULLIUS, da lebt SALLUST; da ist ein ARGUS, der jeden Buchstaben, jede Silbe, jede Redensart erspäht; da RHADAMANTUS  "umbras vocat ille silentum"  [er nennt es die stillen Schatten - wp]; da MINOS, König von Kreta,  "urnam movet"  [die Urne bewegt sich - wp]. Sie sieben die Sprüchlein und diskutieren über Phrasen: diese schmeckt nach dem Dichter, jene nach dem Komiker, die nach dem Redner; das ist würdevoll, das niedrig, das erhaben; jenes gehört dem  humile dicendi genus  [niedrigen Stil - wp] an; diese Wendung ist rauh; sie würde zart sein, wenn sie so gestaltet wäre; das ist ein Anfänger, der sich wenig um das Altertum kümmert,  non redolet Arpinatem, desipit Latium,  dieses Wort ist nicht toskanisch, wird nicht von BOCCACIO, PETRARCA und anderen gebraucht. Man schreibt nicht  homo,  sondern  omo,  nicht  honore,  sondern  onore,  nicht POLIHIMNIO, sondern POLIINNIO. Darüber triumphiert er, ist er mit sich zufrieden; nichts gefällt ihm so wie seine eigenen Taten. Er ist ein Jupiter, der von der hohen Warte  "alta specula"  [höchster Vorrang - wp] das so vielen unnötigen Irrtümern, Unfällen, Nöten und MÜhen ausgesetzte Leben der anderen Menschen beschaut und betrachtet. Nur er ist glücklich, er allein lebt ein himmlisches Leben, wenn er seine Göttlichkeit im Spiegel einer Blumenlese, eines Wörterbuchs, eines CALEPINO, eines Glossars, einer CORNUCOPIA, eines NIZOLIUS betrachtet. Mit einer solchen Überlegenheit ausgestattet ist er allein alles in allem, während sonst jeder nur eines ist. Lacht er, so nennt er sich DEMOKRIT, weint er, ARISTOTELES; tummelt er sich in Hirngespinsten, PLATO; brüllt er ein paar Sätze her, so ist sein Name DEMOSTHENES; wenn er den VERGIL analysiert, so ist er MARO. Nun hofmeistert er ACHILL, belobt AENEAS, tadelt HECTOR, deklamiert gegen PYRRHUS, trauert über PRIAMUS, verklagt TURNUS, entschuldigt DIDO, preist ACHATES, und endlich, indem er  verbum verbo reddit  [Wort für Wort - wp] und wilde Synonymien auftürmt,  nihil divinum a se alienum putat  [nichts Göttliches ist ihm fremd - wp], ist er so aufgeblasen, wenn er vom Katheder heruntersteigt, als hätte er Himmelreiche geordnet, Senate geregelt, Heere gebändigt, Welten reformiert; ist er sicher, daß wenn nicht die Ungerechtigkeit der Zeit wäre, er in Wirklichkeit das tun würde, was er in seiner Meinung tut.  O, tempora, o mores!  [was für moralische Zeiten - wp] Wie selten sind diejenigen, welche die Natur der Participia, der Adverbia, der Conjunctiones verstehen! Wieviel Zeit hat es gekostet, bis die Art und der wahre Grund gefunden wurde, wie das Adjectivum mit dem Substantivum übereinstimmen, das Relativum sich nach dem richten muß, worauf es sich bezieht, und nach welcher Regel es jetzt vorn, jetzt hinter dem Satz steht, nach welchen Maßen, welchen Ordnungen die Interjectiones eingestreut werden, die, welche Trauer, die, welche Freude ausdrücken: heu, oh, ah, ach, hem, ohe, hui und andere Würzen, ohne welche alle menschliche Rede höchst fade sein würde.

Elitropio: Sagt was ihr wollt, denkt wie es euch beliebt! Ich sage, daß es für das Glück des Lebens besser ist, sich KRÖSUS zu dünken und arm zu sein, als sich arm zu dünken und KRÖSUS zu sein. Ist es nicht zuträglicher für das Wohlbefinden, eine Vettel zu haben, die dir schön scheint und dich befriedigt, als eine LEDA, eine HELENA, die dich langweilt und dir zum Ekel wird? Was verschlägt es also jenen, daß sie geistlos und mit Wertlosem beschäftigt sind, wenn sie umso glücklicher sind, je mehr sie sich ganz allein gefallen? So gut tut frisches Gras dem Esel, Gerste dem Pferd, wie mit Dreck beschmiertes Brot dem Rebhuhn. So wohl ist der Sau bei Eicheln und Trank, wie einem ZEUS bei AMBROSIA und NEKTAR. Wollt ihr jene vielleicht aus ihrem süßen Wahn reißen, daß sie euch nachher für eure Bemühung den Hals brechen müßten? Überdies - wer weiß, ob dieses oder jenes Narrheit ist? Ein Pyrrhonianer würde sagen: Wer weiß, ob unser Zustand der Tod und der Zustand derer die wir abgeschieden nennen, das Leben ist? So auch - wer weiß, ob nicht alles Glück und alle Seligkeit in der richtigen Verbindung und Aufeinanderfolge der Satzglieder besteht?

Armesso: So ist die Welt! Wir machen den DEMOKRIT über die Pedanten und Sprachkünstler; die vielgeschäftigen Männer der Praxis machen den DEMOKRIT über uns; die Mönche und Priester, die sich wenig mit Gedanken plagen, demokritisieren über alle. Und umgekehrt machen die Pedanten sich über uns, wir uns über die Männer von Welt, alle sich über die Mönche lustig, und schließlich, indem immer der eine der Narr des andern ist, möchte es sich zeigen, daß wir alle verschieden sind  in specie,  aber gleichartig  in genere, numero et casu. 

Filoteo: Verschieden sind deshalb die Gattungen und Arten der Bannstrahlen, mannigfaltig die Grade; aber die schärfsten, strengsten, schrecklichsten und entsetzlichsten werden von unseren Erzschulmeistern geschleudert. Darum laßt uns vor ihnen die Knie beugen, das Haupt neigen, die Augen verdrehen und die Hände emporheben, seufzen, weinen, schreien und um Gnade flehen. So wende ich mich denn an euch, die ihr den Heroldstab des MERKUR in Händen tragt, um die Kontroversen zu entscheiden, die Probleme zu determinieren, die unter Sterblichen und Göttern auftauchen. Euch empfehlen wir unsere Prosa, eurem Urteil unterwerfen wir unsere Musen, unsere Prämissen, Subsumtionen, Digressionen, Parenthesen, Applikationen, Klauseln, Perioden, Konstruktionen, Attribute und Epitheta. O ihr lieblichsten Wassermänner, die ihr mit euren zierlichen Floskeln uns den Geist entrückt, das Herz fesselt, den Sinn bezaubert, haltet unseren Barbarismen die gute Absicht zugute, renkt unsere Sprachfehler wieder ein, beschneidet unsere Makrologien, flickt unsere Ellipsen aus, zäumt unsere Tautologien, mäßigt unsere Akribologien, verzeiht unsere Aeschrologien, entschuldigt unsere Pleonasmen, vergebt unseren Kakophaten! Ich beschwöre euch alle insgemein und dich insbesondere, du strenger, mürrischer und zornigster Magister POLIINNIO, von der wilden Wut und dem frevlerischen Hass gegen das edle weibliche Geschlecht zu lassen und uns nicht das Schönste zu verscheuchen, was die Welt umfaßt und der Himmel mit seinen tausend Augen erblickt! Kehrt um, kehrt um zu uns, besinnt euch, damit ihr seht, daß jener euer Groll nichts ist als ausgesprochener Wahnsinn und fanatische Raserei. Wer ist unsinniger und stumpfsinniger, als der, der das Licht selber nicht sieht? Welche Torheit kann verächtlicher sein, als um des Geschlechtes willen der Feind der Natur selber zu sein, gleich jenem barbarischen König von SARZA, der weil er's von euch gelernt hat sagt: (3)
    Natur kann nichts vollkommenes gestalten,
    weil die Natur wird für ein Weib gehalten.
Betrachtet einmal die Wahrheit, erhebt das Auge zum Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen; seht den Widerspruch und den Gegensatz zwischen beiden und schaut, was Mann, was Weib ist. Hier der Körper, euer Freund, ein Mann; dort die Seele, eure Feindin, ein Weib! Hier der Wirrwarr männlich, dort die Ordnung weiblich; hier der Schlaf, dort die Wachsamkeit; hier der Stumpfsinn, dort die Erinnerung; hier der Hass, dort die Liebe; hier der Irrtum, dort die Wahrheit; hier der Mangel, dort die Fülle; hier der ORCUS, dort die Seligkeit; hier der Pedankt POLIINNIO, dort die Muse POLYHYMNIA: kurz, alle Laster, Fehler und Verbrechen sind männlich, alle Tugenden, Vorzüge, Verdienste weiblich. Daher werden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigkeit, Schönheit, Erhabenheit, Würde, Gottheit, weiblich benannt, so vorgestellt, so geschildert, so gemalt, und so sind sie auch. Und um diese theoretischen, begrifflichen und grammatikalischen Gründe, wie sie eurer Manier entsprechen, zu lassen, und zu den der Natur, der Wirklichkeit und Praxis entnommenen zu gelangen, muß nicht, um dir den Mund zu stopfen, dieses eine Beispiel genügen, welches dich mit deinen sämtlichen Genossen widerlegt? So finde doch einen Mann, der tüchtiger wäre als die göttliche ELISABETH, die in England regiert! So reich ist sie begabt, so hoch erhaben, so vom Himmel begünstigt, verteidigt und beschützt, daß alle Worte und Gewalten vergebens sich bemühen, sie zu schädigen. Im ganzen Königreich ist niemand würdiger, niemand heldenmütiger unter den Edlen, niemand gelehrter unter den Würdenträgern, niemand weiser unter den Staatsmännern. Was sind im Vergleich mit ihr in Rücksicht auf Schönheit, auf Kenntnis der Volks- wie der gelehrten Sprachen, auf Vertrautheit mit Wissenschaften und Künsten, auf Klugheit im Regiment, auf das Glück eines hohen und weit geltenden Ansehens, auf alle anderen Tugenden der Gesittung und Natur die Sophonisben, Faustinen, SEMIRAMIS, DIDO, KLEOPATRA und alle anderen, deren sich Italien, Griechenland, Ägypten und andere Länder Europas und Asiens aus vergangenen Zeiten rühmen können! Beweise liefert mir was sie ausgerichtet hat, die glänzenden Erfolge, die das gegenwärtige Jahrhundert nicht ohne edles Staunen anschaut. Über Europas Fluren hin flutet der Tiber zürnend, der Po drohend, die Rhone gewalttätig, die Seine blutig, die Garonne stürmisch; der Ebro rast, der Tajo wütet; die Maas strömt ermattet, die Donau unruhig. Sie aber hat durch den Glanz ihrer Augen fünf und mehr Lustren [fünf Jahre - wp] hindurch den großen Ozean zur Ruhe gebracht, der in beständiger Ebbe und Flut fröhlich und still in seinen weiten Schoß seine geliebte Themse aufnimmt, die furchtlos und friedlich, sicher und fröhlich ihres Weges zieht und sich durch die wiesenreichen Gestade schlängelt! Und also noch einmal von vorn anzufangen, wie ...

Armesso: Schweig, schweig, FILOTEO! Bemühe dich nicht, Wasser in unseren Ozean und Licht in unsere Sonne zu tragen! Laß ab, verzückt, um nichts schlimmeres zu sagen, zu erscheinen, indem du mit den POLINNIOs disputierst, die gar nicht da sind. Teile uns lieber in wenig mit von den Gesprächen, die du da bei dir hast, damit wir diesen Tag und diese Stunde nicht müßig verbringen!

Filoteo: Nehmet hin und leset!
LITERATUR Giordano Bruno, Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen, Leipzig 1902
    Anmerkungen
    1) VERGIL, Eclog. I, 67
    2) MATTHÄUS 22, 21
    3) Wir haben hier den rhetorischen Überschwall etwas gekürzt. - Die Verse bei ARIOST.