ra-2J. G. FichteF. MauthnerJ. F. HerbartH. Rickert    
 
MORITZ DROBISCH
Grundlehren der Religionsphilosophie
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"Die Lehre ist, daß  alles Denken, alles Anschauen, alles Erkennen nur in der Auffassung von Relationen besteht, daß wir nicht die Qualitäten der Dinge, wohl aber die  Verhältnisse dieser Qualitäten zu erkennen imstande sind, daß wir nichts weiter bedürfen und ein Mehreres nicht brauchen können, weil der Gehalt  allen Wissens (der nicht mit dem Inhalt zu verwechseln ist) nicht auf dem  Stoff desselben, sondern auf den  Formen beruth, die aus lauter Verhältnissen zusammengesetzt sind."

"Die gemeine Erfahrung behauptet, Dinge wahrzunehmen, d. h. selbständig Seiendes, aber die wissenschaftliche Untersuchung, die nach dem Grund der Behauptung fragt, findet überall nur Subjektives, die Empfindungen und deren Verbindungen, und wird hierdurch auf den Ausspruch geleitet: es gibt keine Dinge, es ist ein bloßer Schein."


Vorrede.

Die vorliegende Schrift verdankt ihren Ursprung zunächst dem Bedürfnis des Verfassers, den philosophischen Kern seiner religiösen Überzeugung, durch eine streng wissenschaftliche Reproduktion, einer Prüfung und, wo es nötig schien, einer Berichtigung zu unterwerfen. Was damit für die Erzeugung oder Befestigung ähnlicher Gesinnungen und Ansichten in Anderen gewonnen sein mag, kann erst die Aufnahme lehren, welche diese Untersuchungen finden werden. Wem Religion mehr ist als ein erwünschtes Objekt für die spekulative Kunstübung und Anwendung philologisch-historischer Gelehrsamkeit, wer ihr im tiefsten Innern seines Geistes ein Heiligtum bereitet hat, das er gegen den Zweifel zu sichern wünscht, wer für seine Andacht nicht gerade einen prunkenden Tempel bedarf, sondern nur ein stilles Gotteshaus - der wird hier vielleicht einige Nahrung finden.

Eine zweite Beziehung dieser Schrift ist die zu einem philosophischen System, an welches sie sich anschließt, nämlich zum HERBART'schen. Da dieses bekanntlich bisher einer besonderen Bearbeitung der Religionsphilosophie entbehrte, ja eine solche ihm sogar von seinen Gegnern gänzlich abgesprochen wurde, so kann unser Erklärungsversucht jener angeblich unausfüllbaren Lücke wohl auch von dieser Seite einige Teilnahme erwarten. Unsere Absicht war übrigens nur auf die Grund- und Hauptlehren gerichtet, und es bleibt daher für Andere, die denselben Weg betreten wollen, noch genugt zu tun übrig. Ausführlichere Beurteilungen des Pantheismus, der Beweise für die Unsterblichkeit der Seele, der Hypothesen über den Ursprung des Bösen, vom HERBART'schen Standpunkt aus, sind sehr reichhaltige und dankbare Stoffe, für die hier entweder nur das Notwendigste geschehen konnte, oder die ganz unberührt blieben. Überhaupt sollte hier weit mehr eine systematische als eine historisch-kritische Arbeit geliefert werden. Nur für die Befestigung der Überzeugung vom Dasein Gottes, als der Grundwahrheit der Religion, schien es nach KANTs Vorgang notwendig, die Irrgänge und Umwege kennen zu lernen, die vom rechten Pfad abführen. Daß dieser letztere, nach unseren Untersuchungen, nicht mit dem kantischen zusammenfällt, obwohl eine verwandte Richtung verfolgt, mag für diejenigen gesagt sein, die hier nichts als Kantianismus erwarten werden. Des Zusammentreffens mit einem KANT kann man sich übrigens nur freuen und rühmen, nicht schämen, und die Neuheit ist nicht das rechte Maß für eine philosophische Wahrheit. Was sonst etwa noch über die Stellung des Buchs und des Systems, dem es angehört, zur gesamten Philosophie der Zeit zu sagen wäre, das findet sich in der einleitenden Abhandlung.

Hier aber sei es erlaubt, noch auf einen Zugriff zu antworten, zu dessen Abwehr im Allgemeinen zwar diese ganze Schrift dient, dessen spezielle Berücksichtigung aber, die nicht unnötig schien, auch dann im Buch selbst nicht hätten Platz finden können, wenn er uns vor der Abfassung desselben bekannt geworden wäre. Herr ANTON GÜNTHER, Weltgeistlicher zu Wien nämlich hatte in seinem Buch "Die Justemilieus in der deutschen Philosophie gegenwärtiger Zeit" (Wien 1838) die Metaphysik der HERBART'schen Philosophie des Atheismus beschuldigt. Wir glaubten auf diesen ungegründeten Vorwurf Einiges erwidern zu müssen, und es geschah in einer kurzen Anzeige von jenem Buch in  Gersdorfs Repertorium (Bd. XVIII, Heft 4). Dieser Zurückweisung hat nun Herr GÜNTHER neuerdings einen ziemlich ausführlichen Aufsatz unter der Überschrift "Über Atheismus in metaphysischen Systemen" in IMMANUEL HERMANN FICHTEs "Zeitschrift für Philosophie und spekulative Theologie" (Bd. III, Heft 2) entgegengesetzt. Diesem gilt unsere Duplik. Wir berücksichtigen hier ausdrücklich nur dasjenige, worauf im nachfolgenden Buch selbst die faktische Widerlegung nicht enthalten sein konnte.

Wenn die Beschuldigung des Atheismus, wie und wo sie immer angebracht werden mag, nicht so hinterhältig klänge, wenn sie nicht in der ganzen Geschichte der Philosophie eine so traurige Berühmtheit erlangt, wenn sie nicht in jeder Zeit zu den elenden Mitteln gehört hätte, durch die man die Menge gegen ein System aufzuregen, die Diener der Religion damit zu verfeinden und die, welchen vom Staat die Oberaufsicht über den öffentlichen Unterricht übertragen ist, bedenklich oder gar mißtrauisch zu machen gesucht hat, so würde in rein wissenschaftlicher Beziehung der Vorwurf des Herrn GÜNTHER nicht der Rede wert sein, selbst wenn er gegründet wäre: denn Metaphysik ist nur  ein  Teil der philosophischen Wissenschaft, und so könnte gar wohl die Unwissenheit des Einen durch die Wissenschaft des Anderen ersetzt werden. Aus der Feder eines Mannes vom Stand des Herrn GÜNTHER aber nehmen sich Äußerungen dieser Art doppelt zweideutig aus, wenn auch der Mann, der sie macht, über den gewöhnlichen Vorurteilen seiner Konfession und seines Standes in derselben stehen mag, und so darf sich Herr GÜNTHER nicht wundern, wenn wir den Scherz nicht verstehen, mit dem er hier, wie immer, sehr freigiebig ist. Zudem hat er sich vom Verdacht der Absichtlichkeit seiner Äußerung, deren Gehässiges er dadurch zu bemänteln suchte, daß er von ihr wie von einer bereits von Andern zur Sprache gebrachten Sache redete, sehr schlecht gereinigt, wenn er anführt,
    "daß nicht alles, was innerhalb der Grenzen Deutschlands gedacht und gesprochen wird, zuvor unter die Presse kommen muß, wenn es Anspruch machen will, in einer Druckschrift angeführt und besprochen zu werden;"
denn auf diese Weise würde man künftig jeder Winkelklatscherei seine Ehrerbietung als Stimme der öffentlichen Meinung bezeigen müssen. Wie dem aber auch sei, jedenfalls entgeht Herrn GÜNTHER das Verdienst nicht, den ersten Stein auf uns geworfen zu haben. Daß aber die Freigiebigkeit mit Titeln, die allgemein nicht für Ehrentitel gehalten werden, nicht nur, wie wir es früher genannt haben, unvorsichtig, sondern unschicklich, und ein Aufsehenerregen durch solche Mittel der guten Sache der Philosophie überhaupt nichts weniger als förderlich ist, scheint auch dem Herausgeber der Zeitschrift, die Herrn GÜNTHERs Aufsatz enthält, fühlbar gewesen zu sein, der, gewiß ebensosehr aus Überzeugung wie in naheliegender Erinnerung an die Schicksale seines Vaters, sich in einer begleitenden Note sehr bestimmt gegen den Verdacht verwahrt,
    "in dem angeregten Streit Partei ergreifen, noch weniger - nach der jetzt wieder aufkommenden völlig unstatthaften Sitte, wissenschaftliche Systeme aus dem Gesichtspunkt ihrer Orthodoxie zu beurteilen - einen Beitrag zu einer Beurteilung des Herbart'schen Systems ans Licht fördern helfen zu wollen." -
Was die Sache selbst betrifft, so ist sie ungegründet, wenn man nicht mit dem Wort "Atheismus" ein unehrliches Spiel treiben will. Um dies für jeden Unparteiischen zu beweisen, bedarf es eigentlich nur der Anführung folgendes trefflichen Schlusses, der Seite 317 glänzt: "die Metaphysik kann keine Notiz nehmen von der  Teleologie;  ist ist daher ohne  Theologie  und insofern auch atheistisch." Als ob alles, was nicht  theologisch  ist, atheistisch wäre!! Nun freilich, dann sind die Jurisprudenz, Medizin, Mathematik, Chemie usw alle atheistisch. Und sind denn alle die, welche, sich zu erbauen, den Gottesdienst besuchen und an den heiligen Handlungen Anteil nehmen, wenn sie nicht Theologen sind, Atheisten? So etwa steht's nun auch mit der allgemeinen Metaphysik: sie ist nicht Theologie, will und kann es nicht sein, aber sie bereitet zumindest als vorangehender Herold der ethisch-praktischen Religionslehre, der stärkeren, die nach ihr kommt, die Wege vor. Wäre das Endergebnis der Metaphysik: die Welt ist sich selbst genug, ihr Dasein, ihr Lauf, ihr Ursprung ist vollständig aus ihr selbst nach Gesetzen der Notwendigkeit begreiflich; dann möchte sie einer Begünstigung des Atheismus geziehen werden. Sie sagt aber von dem allen das Gegenteil, sie findet sogar nur in den absichtlichen Veranstaltungen einer höheren Weisheit und Macht den Schlüssel zur Begreiflichkeit dessen, was ohne diesen Erklärungsgrund unbegreiflich bleiben müßte, und wenn damit auch noch lange nicht Gott nach seinen erhabensten Eigenschaften, die erst ein von der Ethik ausgehender Antrieb kennen lehrt, ja, streng genommen, nicht einmal Gott der Weltschöpfer gefunden ist, so sind doch Beziehungen aufgefunden, die nur der Ergänzung bedürfen, um sich an die ethische Religionslehre unmittelbar anzuschließen und ihr Interesse zu fördern. - Aber die Metaphysik soll ja, nach Herrn GÜNTHER, von der Teleologie keine Notiz nehmen können, und durch diese wird sie bei uns allerdings auf die Spuren der Gottheit in der Natur geleitet. Hier stoßen wir nun auf eine klägliche Begriffsverwirrung, auf eine so höchst unvollkommene Begriffsverwirrung, auf eine so höchst unvollkommene Kenntnis des HERBART'schen Systems, daß wir Herrn Günther in dieser Hinsicht, nach seinem eigenen Ausdruck, nur "einen Bücherlecker" nennen können. Wir geben folgende Probe (Seite 315):
    "Die Voraussetzung eines höheren Wesens, zu der ihn die Zweckmäßigkeit der Außenwelt nötigt, ist um nicht viel besser als das praktische Postulat in der rationalen Theologie des alten Kritizismus, da sich jene Voraussetzung höchstens nur als ein  ästhetisches Postulat neben jenes praktische hinstellt. Kant postuliert nämlich Gott und Unsterblichkeit, genötigt von der  Disharmonie in der  sittlichen Welt, und  Drobisch postuliert Gott genötigt von der  Harmonie in der  physischen Welt. Die Monadenlehre kann aber auch jenes Postulat unter dem Ästhetischen befassen. Alles Denken nämlich, das in Verhältnissen aufgeht, wird von ihr als ein ästhetisches bezeichnet, das den Gegensatz bildet zum metaphysischen oder ontologischen Denken, das sich ausschließlich nur mit dem relationslosen Denken und mit dessen Inhalt, dem  Sein schlechthin befaßt, das als solches zugleich mit dem Charakter der  Absolutheit gedacht wird. Dieser Ästhetik aber ist von der Monadologie Sitz und Stimme in der Ontologie konfisziert worden. Ihr Mitreden wiegt also gerade so viel wie ihr Schweigen etc."
Wo hat den Herr GÜNTHER gelernt, daß "alles Denken, das in Verhältnissen aufgeht, als ein ästhetisches bezeichnet wird?" Wo, daß das metaphysische oder (?) ontologische Denken sich "ausschließlich nur mit dem relationslosen Denken" befaßt? Im Gegenteil die Lehre ist, daß  alles  Denken, alles Anschauen, alles Erkennen nur in der Auffassung von Relationen besteht, daß wir nicht die Qualitäten der Dinge, wohl aber die Verhältnisse dieser Qualitäten zu erkennen imstande sind, daß wir nichts weiter bedürfen und ein Mehreres nicht brauchen können, weil der Gehalt  allen  Wissens (der nicht mit dem Inhalt zu verwechseln ist) nicht auf dem Stoff desselben, sondern auf den Formen beruth, die aus lauter Verhältnissen zusammengesetzt sind. Und so ist dann auch selbst der  Begriff  der absoluten Position nicht relationslos, sondern die Position fordert eine Qualität, die gesetzt wird, die Setzung selbst aber, wo sie in der Anerkennung eines Seienden in Anwendung kommt, ist keine gedachte, sondern eine unmittelbar gegebene. Ästhetisch werden Verhältnisse des innerlich oder äußerlich  Wahrgenommenen  erst dann, wenn ihre Auffassung mit einem unwillkürlichen Urteil des Beifalls oder Mißfallens verbunden ist. Was hat hier nun das ästhetische Urteil zu tun? Es mischt sich auf keine Weise in die Angelegenheiten der Metaphysik, sondern es ist für diese, so weit die  Schönheit  der Welt behauptet wird, nur eine vorgefundene, zur vollständigen Auffassung der Erfahrung gehörige Tatsache. Was aber die  Zweckmäßigkeit  betrifft, wobei wir zum Überfluß noch bemerken wollen, daß wir nicht die bloß äußere meinen, so ist an ihr das ästhetische Urteil nur Nebensache: denn sie besteht zunächst nur in der Wahrnehmung des Zusammenstimmens vieler und mannigfaltiger zu einem Ganzen vereinigter Teile zu einer endlichen Gesamtwirkung, was ein ganz  theoretischer  Begriff ist; diese Wahrnehmung wird aber freilich in der Regel ein Urteil des Beifalls über die in der Konzentration des Mannigfaltigen zu  einer  Wirkung bemerkliche Vollkommenheit begleiten, aber auch nur  begleiten.  Wird nun weiter die Frage nach der Ursache dieses Beisammenseins und Zusammenwirkens des Mannigfaltigen erhoben, so mag zwar über diese Erscheinung eine Verwunderung stattfinden; diese aber (nur ein affektvoller Zustand, aber durchaus kein ästhetisches Urteil) hat einen ganz  theoretischen  Grund, indem es sich findet, daß es überaus unwahrscheinlich sein würde, jene Erscheinung als eine bloß zufällige oder auch als eine notwendige zu denken. Wie soll nun die Metaphysik dazu kommen, von der Teleologie keine Notiz nehmen zu dürfen? Nur für Herrn GÜNTHERs konfuse Begriffe mag das erklärlich sein.

Zur Zurückweisung des abgeschmackten Vorwurfs des Atheismus für unsere Metaphysik dürfte dies genug sein; allein da sich Herr GÜNTHER nicht mit einem Vorpostengefecht begnügt, sondern uns förmlich den Krieg gemacht hat, so gedenken wir nun auch noch ein paar Blößen, die er uns darbietet, zu benutzen. In unserer Anzeige hieß es:
    "Mit einem Mysterium, sofern damit der Verzicht auf die Erkenntnis der göttlichen Natur, nicht aber des Daseins Gottes gemeint ist, mögen wir uns allerdings weit einverstandener erklären; den Mystizismus aber in der üblen Bedeutung des Wortes wird uns die Logik schon fern zu halten wissen."
Wenn statt des letzteren Satzes Herr GÜNTHER anführt, wir hätten gesagt, "daß die Logik schon ausreicht, die Menschen vom Mystizismus zu befreien", so ist dies schon eine kleine Entstellung, mag aber noch hingehen, da unsere Meinung überhaupt war ist, daß Logik und Mystizismus auf ein und demselben Grund und Boden sich nicht miteinander vertragen. Nun heißt es aber weiter Seite 322:
    "Dieser Äußerung zufolge wird der Mystizismus überall anzutreffen sein, wo an die Stelle jener Verzichtleistung der Anspruch auf eine Erkenntnis des göttlichen Seins, d. h. nicht bloß des göttlichen Daseins, sich eingefunden hat."
Welche Auffassung und welche Logik! Berührt denn unsere beiläufige Erklärung des Mysteriums den Gegensatz zwischen Sein und Dasein, oder nicht vielmehr zwischen dem Wissen vom bloßen Dasein und dem von der Beschaffenheit des Daseienden? Und wo liegt denn in unseren Worten die geringste Andeutung, daß, wer  kein  Mysterium anerkennt, ein Mystiker ist? Wir haben den, der Mysterien anerkennt, vom Mystiker  unterschieden,  d. h. neben dem Gemeinschaftlichen zwischen beiden - der Zulassung des Mysteriums - das Entgegengesetzte bemerklich gemacht, nämlich die Achtung der Logik einerseits, die Nichtachtung derselben andererseits; wir haben also beide Begriffe in einen  konträren  Gegensatz gestellt, nicht in einen kontradiktorischen, woraus weiter von selbst folgt, daß man aus dem Gegensatz herausgehen und beiden gemeinschaftlich diejenigen gegenüberstellen kann, die  kein  Mysterium zulassen. Weiß nur Herr GÜNTHER nicht einen konträren Gegensatz von einem kontradiktorischen zu unterscheiden, oder weiß er nicht, daß bei ersterem die Aufhebung des einen Gliedes  nicht  die Setzung des andern bedingt, - in diesem wie in jenem Fall ist es mit seiner Kenntnis der Logik gleich schlecht bestellt.  Daraus  hätten wir nun allerdings ein Recht zu schließen, daß Herr GÜNTHER, wohl ein Mystiker sein  könnte.  (Damit er sich hier aber nicht noch einmal verwickelt und stolpert, so wollen wir ihm die Folgerung ordentlich zurecht legen. Wir haben behauptet: alle Mystiker sind schlechte Logiker, und kehren nun diesen Satz um in: manche schlechte Logiker sind Mystiker; und nun wird sich ja Herr GÜNTHER wohl selbst weiter finden.) Wahrscheinlich aber wird diese Vermutung, weil Herr GÜNTHER mit einem Schutz- und Trutz-Bündnis der Spekulation mit dem Mystizismus gegen die Arroganz der Logik, in der Metaphysik das erste und letzte Wort haben zu wollen, droht. Und nun hält er uns eine mit einigen burlesken Einfällen gewürzte "kalmierende [beruhigende - wp] Rede", in der er wieder in seiner Konfusion die  Logik  auffordert, Antwort zu geben,
    "wie sie auch nur zum Gedanken vom  Ding-ansich gekommen ist, da sie als Lehre vom  Begriff, mit und ohne Beziehung desselben auf die Erscheinungswelt (deren vereinfachter Ausdruck jene ursprünglich sind und deshalb abermals neue Erscheinungen), gar keine Ahnung von irgendeinem Sein als  Noumenon im Gegenatz zum  Phänomenon haben kann. Denn um auch nur die Erkennbarkeit des Seins  negieren zu können, muß der Gedanke vom Sin vorausgesetzt werden." (Seite 323)
Die Logik hat hierauf gar nichts zu antworten, weil sie sich gar nicht mit den Beziehungen ihrer Begriffe auf die Erscheinungswelt beschäftigt, sondern die Verhältnisse und Verknüpfungen der Begriffe  in abstracto  untersucht. Will aber Herr GÜNTHER unsere Metaphysik hören, so weit sie überhaupt hier mit der kantischen, gegen die jene Einwürfe noch mehr gerichtet sind, im gleichen Fall befindet, so hat diese etwa Folgendes zu sagen: Die gemeine Erfahrung behauptet, Dinge wahrzunehmen, d. h. selbständig Seiendes, aber die wissenschaftliche Untersuchung, die nach dem Grund der Behauptung fragt, findet überall nur Subjektives, die Empfindungen und deren Verbindungen, und wird hierdurch auf den Ausspruch geleitet: es gibt keine Dinge, es ist ein bloßer Schein. Aber sie überlegt weiter, daß der Schein doch immer eine Tatsache ausdrückt, und daß die Negation in diesem Begriff nur das,  was  zu sein vorgibt, nicht dies,  daß  etwas zu sein scheint, trifft, also auch nicht alles Sein überhaupt leugnet, vielmehr nur behauptet, daß  das,  was zu sein vorgibt, nicht ist, sondern  etwas anderes.  Die Qualität dieses andern bleibt aber unbestimmt, weil sie  nur  durch die Negation der Qualität des Scheins gegeben ist. Begreift nun diese Erklärung, die für jeden Kenner der HERBART'schen Philosophie bloß längst Bekanntes enthält, Herr GÜNTHER noch nicht, nun so mag er sich besinnen, daß er vielleicht einmal, in einem ihm fremden Haus im Dunkeln tappend, sich an den Kopf gestoßen und gewiß die Überzeugung mitgenommen hat,  daß  er sich gestoßen hat, ohne eigentlich zu wissen,  an was. 

Herr GÜNTHER hat es uns sehr übel genommen, daß wir seiner "Kreationstheorie", wie jeder anderen, nur den Wert eines Romans beigelegt haben, und sucht uns deshalb auf allerlei Art das Gewissen zu schärfen. In ersterer Hinsicht hält er uns unter anderem vor (Seite 331):
    "Auch ist der Umstand zu beherzigen, daß im christlichen Bewußtsein die Äquation Gott = Schöpfer so tiefe Wurzeln geschlagen hat, daß jenes den  Vorwurf des Atheismus gleich bei der Hand hat für jeden, der an jenem Axiom etwas auszusetzen findet, wie die traurige Erfahrung aus alter und neuester Zeit lehrt."
Was strecken sich doch da zuletzt noch für Krallen heraus! Es ist nicht schwer zu bemerken, woher sie kommen. Wer leugnet denn diese Gleichung? Aber was soll das Drohen? Soll sich die Philosophie dadurch etwa einschüchtern lassen? Der Ausdruck "christliches Bewußtsein" hat einen sehr vieldeutigen Sinn, und für den Evangelischen liegt Manches nicht in demselben, was dem Katholiken darin aufzunehmen die Kirche gebietet. Herr GÜNTHER sagt (Seite 322):
    "Es handelt sich um nichts Geringeres als um die Versöhnung des Glaubens mit dem Wissen, - der positiven Theologie mit der Philosophie - der historischen Autorität in Staat und Kirche mit der Autorität des Denkgeistes in der Menschheit."
Wir denken hierüber nicht anders - wie unser Gegner seine Leser glauben zu machen sucht -, sondern wir sind ganz damit einverstanden. Nur aber muß bei dieser Versöhnungsfeier nötigenfalls der Glaube, die positive Theologie, die historische Autorität zum Nachgeben nicht weniger bereit sein, als dies vom Wissen, von der Philosophie, von der Autorität des Denkgeistes gefordert wird: denn daß in jenen zuerst angeführten Gebieten gar Vieles, was göttliche Wahrheit zu sein vorgab, nur eitel Menschenwerk war, ist, für den Protestanten wenigstens (und alle freie Wissenschaft ist ihrer Natur nach protestantisch), eine bereits mehr als dreihunderjährige Wahrheit, es fehlt daher gar viel daran, daß die Philosophie die Dogmen der rechtgläubigen Kirche wie das Gegebene der Erfahrung respektieren könnte; an Widersprüchen fehlt es zwar auch dort nicht, nur daß sich da schwer unterscheiden läßt, was gegeben und was  gemacht  ist. Doch über diese Punkte werden wir uns mit Herrn GÜNTHER aus begreiflichen Gründen nie verständigen können, wir stehen beide auf ganz verschiedenem Grund und Boden.

Schließlich noch ein Wort der Erwiderung auf den Schluß seines Aufsatzes. Nachdem er uns seinen "guten Rat für die mögliche Absolution der Monadenlehre vom Atheismus ihrer Metaphysik" mit mehr als nötiger Ausführlichkeit erteilt, geht ihm doch der Gedanke durch den Kopf, wir könnten vielleicht von jenem, weil er von einem Gegner kommt, Gebrauch zu machen geneigt sein. Da warnt er uns dann, um uns dafür, daß wir ihn wohlverdientermaßen an  Reineke Fuchs,  wie er den frommen Klausner spielt, erinnert hatten, zu züchtigen, davor, daß eine Fabel nicht wahr werden mag, nach welcher  Braun  der Bär, von seinem Herrn angewiesen, ihm im Schlaf die Fliegen wegzuwedeln, im Zorn über eine "kritische Stechfliege" dieselbe mit einem Stein "auf dem glatten Schädel des Gottesfürchtigen im relationslosen Denken" erschlagen hat. Es freut uns zumindest zu hören, daß der Schlag so gut getroffen hat, und die Fliege, die, als eins von den vielen Tüpfelchen, womit sie unser Studierzimmer verunreinigte, das "relationslose Denken" hinterließ, tot ist.  Braun  der Bär aber hat uns anvertraut, daß er, zum Dank für so gute Ratschläge, Meister  Reineke,  der so trefflichen Humor zeigt, daß er nicht drei Schritte gehen kann, ohne die possierlichen Bajazzosprünge zu machen oder die Schellen am Halsband klingen zu lassen, König  Nobel, wenn er einmal übler Laune sein sollte, als lustigen Rat vorschlagen will.

LITERATUR Moritz Drobisch, Grundlehren der Religionsphilosophie, Leipzig 1840