ra-2Das Wesen der ReligionDer sittliche Charakter der Heiden    
 
DAVID FRIEDRICH STRAUSS
Voltaire als Philosoph
    Der heil'gen Lehre kann die Menschheit nicht entraten,
    Sie ist das feste Band der Sitten und der Staaten,
    Den Frevler zügelt sie, hebt des Gerechten Haupt.
    Sein Siegel, wär' es selbst vom Himmel weggeraubt,
    Und hörte dieser auf, den Höchsten zu verkünden -
    Ja, gäb' es keinen Gott, man müßt' ihn flugs erfinden.

Als Philosophen pflegt man VOLTAIRE über die Achsel anzusehen, ihm Eigentümlichkeit, Gründlichkeit und besonders den Ernst abzsprechen. Er gilt nun einmal für frivol: so kann es ihm auch hier nicht um die Aufgaben selbst, sondern nur um ein Spiel seines Geistes und Witzes zu tun gewesen sein. Allein schon bei Betrachtung seiner Romane haben wir gesehen, wie angelegentlich ihn gewisse hierhergehörige Fragen, vornehmlich die vom Übel in der Welt und der Theodizee [Rechtfertigung Gottes - wp], beschäftigen; und auch was wir zuletzt über seine Bemühungen für unschuldig Verurteilte oder ungerecht Unterdrückte zu sagen hatten, zeigt in diesem Spötter zugleich einen ernsten Sinn und ein warmes Herz. Noch bestimmter sehen wir in seinen eigentlich philosophischen Schriften, daß die großen Fragen nach dem Dasein Gottes, der Natur und Bestimmung des Menschen, der Freiheit des menschlichen Willens und der Unsterblichkeit der menschlichen Seele ihn lebenslänglich umgetrieben haben; daß er immer neue Versuche gemacht hat, diesen Fragen gerecht zu werden und wenigstens so viel Licht darüber zu verbreiten, als ihm bei der von ihm so tief empfundenen Beschränktheit des menschlichen Erkenntnisvermögens erreichbar schien. Und man darf nur hören, welchen Ton er anschlägt, wenn er von diesen Dingen spricht, um sich zu überzeugen, daß es ihm damit redlicher Ernst war; in das Scherzen und Spotten verfällt er in der Regel nur dann, wenn er es mit menschlichem Dünkel zu tun hat, der sich einbildet, diese endlosen Probleme endgültig gelöst zu haben und sich mit philosophischem Dogmatismus dem theologischen zur Seite stellt. Originell ist VOLTAIRE als Philosoph allerdings nicht, sondern in der Hauptsache Verarbeiter englischer Forschungen; dabei erweist er sich aber durchaus als freien Meister des Stoffes, den er mit unvergleichlicher Gewandtheit von allen Seiten zu zeigen, in alle möglichen Beleuchtungen zu stellen und dadurch, ohne streng methodisch zu sein, auch den Forderungen der Gründlichkeit zu genügen weiß.

VOLTAIREs philosophische Schriftstellerei erstreckt sich von seiner Rückkehr aus England, am Anfang seiner Mannesjahre, bis in sein letztes Lebensjahr hinein; so jedoch, daß, ähnlich wie bei LESSING und wie es bei einer zwischen Kritik und Poesie schwankenden Natur sich von selbst ergibt, vorzugsweise die späteren Jahre den philosophisch-theologischen Studien gewidmet sind. Außer dem "metaphysischen Traktat", den er um die Mitte der dreißiger Jahre für die Marquise du CHÂTELET schrieb und der erst nach seinem Tod im Druck erschienen ist, gehören die wichtigeren philosophischen Schriften VOLTAIREs sämtlich dem letzten Abschnitt seines Lebens an. Vielgestaltig wie er war, hat er auch diesen philosophischen Bekenntnissen die verschiedensten Formen gegeben. Es lag etwas Enzyklopädisches im Geist jener Zeit; um die Mitte des Jahrhunderts hatten DIDEROT und d'ALEMBERT, unter Mitwirkung einer Anzahl von Gelehrten der freieren Richtung, das große Sammelwerk der Enzyklopädie, eines Wörterbuchs sämtlicher Wissenschaften, Künste und Gewerbe, unternommen, das unter fortwährenden Schwierigkeiten und Kämpfen, die den einen der Unternehmer, d'ALEMBERT, zum Rücktritt aus der Redaktion veranlaßten, binnen zweier Jahrzehnte doch wirklich zuende geführt wurde. VOLTAIRE, zur Teilnahme aufgefordert und bereit, trat eine Zeit lang mit d'ALEMBERT zurück; der standhaft gebliebene der beiden Dioskuren [Söhne des Zeus - wp] stand ihm ferner und sagte Ihm, wie auch FRIEDRICH dem Großen, um seines enthusiastisch-demagogischen Wesens willen weniger zu; doch machte ihn das Zeitgemäße des Unternehmens dem Zureden DIDEROTs bald geneigt und er arbeitete während der ersten Jahre seines Aufenthalts am Genfer See eine Reihe von Artikeln für die Enzyklopädie. Sie greifen in verschiedene Fächer ein, sind historischen und ästhetischen, philosophischen und theologischen Inhalts. Auch für sich gab VOLTAIRE im Jahr 1764 ein "philosophisches Wörterbuch" heraus, das er aber, da es ihm Verantwortung zuzuziehen drohte, zu verleugnen für gut fand und später in veränderter und erweiterter Gestalt als "Fragen über die Enzyklopädie" wieder erscheinen ließ; bis zuletzt die Herausgeber seiner Werke diese sämtlichen Artikel, samt den für die Enzyklopädie gearbeiteten, unter dem Titel eines philosophischen Wörterbuchs in 7 Bänden zusammenstellten. Hier findet man unter den Artikeln  Ame, Athée, Causes finales, Dieu  usw. eine Reihe von Abhandlungen, aus denen sich das Ganze von VOLTAIREs philosophischen Ansichten entwickeln läßt. Es kam aber während der folgenden Jahre noch eine beträchtliche Anzahl weiterer Schriften über die gleichen Gegenstände hinzu. Im Jahr 1766 die gediegene Abhandlung: "Der unwissende Philosophe"; 1770 die Abhandlung: "Alles in Gott, oder Kommentar zu MALEBRANCHE"; zwei Jahre darauf der Traktat: "Man muß Partei nehmen oder das Prinzip der Tätigkeit" und in demselben Jahr die sogenannten "Briefe des Mememius an Cicero": Auch in dialogischer Form legte VOLTAIRE seine philosophischen Untersuchungen gerne dar; wie denn seine Gespräche zwischen "Lukrez und Posidonius", zwischen "Cu-Su und Kou" und vor allem die "Dialoge des Euhemerus" zu seinen wichtigsten philosophischen Schriften gehören. Lehrgedichte als Gefäße seiner philosophischen Überzeugungen sind uns bereits vorgekommen.

Um die Art kennen zu lernen, wie VOLTAIRE an diese Aufgaben herantrat, den Boden, worauf er sich dabei stellte, will ich eine Stelle aus seiner metaphysischen Abhandlung für die Marquise du CHÂTELET anführen, die, nur wenig umgestaltet, in verschiedenen seiner Schriften wiederkehrt. Wie wir, um das richtige System der Planetenbewegung zu finden, uns von unserer Erde hinweg auf die Sonne versetzen müssen, so, meint er, müssen wir, um den Menschen richtig aufzufassen, uns aus dem Kreis der menschlichen Vorurteile hinaus, in die Lage eines Mars- oder Jupiterbewohners denken, der auf die Erde herunterkäme. "Herabgestiegen auf diesen kleinen Kothaufen," sagte er, "und ohne weitere Vorstellung vom Menschen, als diese von den Bewohnern des Mars oder Jupiter hat, lande ich an den Ufern des Ozeans im Kaffernland und lege mich vor allem auf Kundschaft nach dem Menschen. Ich sehe Affen, Elephanten, Neger, die sämtlich einen gewissen Schimmer einer unvollkommenen Vernunft zu haben scheinen. Die einen wie die anderen haben eine Sprache, die ich nicht verstehe und alle ihre Tätigkeiten scheinen sich gleicherweise auf einen bestimmten Zweck zu beziehen. Wollte ich die Dinge nach dem ersten Eindruck beurteilen, den sie auf mich machen, so wäre ich geneigt zu glauben, daß unter allen diesen Wesen der Elephant das vernünftigste ist; doch um keine übereilte Entscheidung zu treffen, nehme ich einige von den Jungen dieser verschiedenen Wesen zur Vergleichung. Ich beobachte ein Negerkind von sechs Monaten, einen kleinen Elephanten, einen kleinen Affen, einen kleinen Löwen, einen kleinen Hund. Da finde ich ganz zweifellos, daß diese jungen Tiere alle ungleich mehr Kraft und Geschick, mehr Vorstellungen und Leidenschaften, mehr Gedächtnis haben als der kleine Neger, daß sie auch ihre Wünsche viel deutlicher auszudrücken imstande sind. Doch nach einiger Zeit ändert sich das Verhältnis. Der kleine Neger zeigt so viele Vorstellungen, wie sie alle; ja bald gewahre ich auch, daß diese Negertiere unter sich eine viel biegsamere und mannigfaltigere Sprache haben als die übrigen Tiere. Ich nehme mir die Zeit, diese Sprache zu lernen und in Erwägung des wenn auch geringen Grades von Überlegenheit, die sie in die Länge über die Affen und Elephanten behaupten, wage ich endlich zu urteilen, daß das in der Tat der Mensch sei, von dem ich mir nun folgende Definition mache: der Mensch ist ein schwarzes Tier, das Wolle auf dem Kopf hat, auf zwei Tatzen geht, fast ebenso geschickt wie ein Affe, weniger stark als die anderen Tiere seiner Größe, mit etwas mehr Vorstellungen als sie und mehr Leichtigkeit, dieselben auszudrücken; übrigens ganz denselben Notwendigkeiten unterworfen, geboren, lebend und sterbend wie sie." Indem nun der unbefangene Beobachter sich auch noch an andere Punkte des Erdballs begibt, andere Tiere als Elefanten und Affen, und statt der schwarzen braune und weiße Menschen mit anderen Vorstellungen kennen lernt, erweitert er zwar seine Definition des Menschen, ohne jedoch den Standpunkt, den er einmal für die Betrachtung desselben eingenommen hat, zu verlassen. Insbesondere bleibt es für ihn und bleibt für VOLTAIRE ausgemacht, daß dem Menschen wie den Tieren seine ersten Vorstellungen aus den Sinneseindrücken kommen. Das Gedächtnis bewahrt diese Eindrücke auf, wir setzen sie zusammen und ordnen sie unter allgemeinen Vorstellungen, die wir jedoch gleichfalls nur von den einzelnen abgezogen haben; und aus dieser Fähigkeit, die wir besitzen, unsere Vorstellungen zusammenzusetzen und zu ordnen, gehen alle menschlichen Erkenntnisse hervor.

Da es weiterhin nur die bekannte Vorstellungsart des LOCKEschen Sensualismus ist, die uns hier bei VOLTAIRE entgegentritt, so halten wir uns nicht länger dabei auf, sondern wenden uns sogleich zu den beiden Punkten, an denen, neben der Ansicht über die Natur des menschlichen Erkennens, jede philosophische Weltanschauung sich am bestimmtesten kennzeichnet: den Vorstellungen von Gott und, was mit der Erkenntnistheorie zusammenhängt, von der menschlichen Seele. Wenn man in ersterer Beziehung von VOLTAIRE bisweilen als von einem Atheisten sprechen hört, so kann das so ins Allgemeine hin nur von solchen geschehen, die ihn lediglich vom Hörensagen kennen. Mit der näheren Bestimmung jedoch, daß VOLTAIRE zwar einen Gott gelehrt, für sich jedoch an sein Dasein nicht geglaubt habe, ist es auch von solchen behauptet worden, denen die Kenntnis seiner Schriften nicht abzusprechen ist. Der Anlaß zu dieser Meinung liegt in der Art, wie VOLTAIRE das Dasein Gottes zu begründen sucht. Er hat dafür zwei Beweise und von diesen ist der eine allerdings so beschaffen, daß er auch den andern verdächtig machen könnte. Dieser eine nämlich ist nichts weiter als ein Nützlichkeitsbeweis, der Nachweis, daß der Glaube an einen Gott für den Bestand der menschlichen Gesellschaft wohl nicht zu entbehren sei. "Dieser heiligen Lehre", sagt VOLTAIRE in einem Gedicht "an den Verfasser des neuen Buches von den drei Betrügern":
    Der heil'gen Lehre kann die Menschheit nicht entraten,
    Sie ist das feste Band der Sitten und der Staaten,
    Den Frevler zügelt sie, hebt des Gerechten Haupt.
    Sein Siegel, wär' es selbst vom Himmel weggeraubt,
    Und hörte dieser auf, den Höchsten zu verkünden -
    Ja, gäb' es keinen Gott, man müßt' ihn flugs erfinden.
Das ist das berufene: Si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer. Wenn BAYLE die Behauptung aufgestellt hatte, daß der Atheismus nicht notwendig mit Unsittlichkeit verbunden sei, daß sich ein Staat von Atheisten gar wohl denken lasse, so gesteht VOLTAIRE dies für eine Gesellschaft von Philosophen zu; aber die Masse, meint er, habe einen starken Zügel nötig und wenn BAYLE nur 5 - 600 Bauern zu regieren gehabt hätte, würde er nicht gesäumt haben, ihnen einen Gott, der straft und belohnt, zu predigen. Und nicht allein für Bauern, ganz besonders auch für Fürsten und Tyrannen findet VOLTAIRE es gar nicht unbedenklich, ihnen die Rücksicht auf einen Gott, dem sie verantwortlich sind, abzunehmen. Ganz gewiß ist er seines Sieges mit der Frage: wenn ihr euer Geld ausgeliehen hat, sagt ehrlich, ob ihr wünschen würdet, daß euer Schuldner, euer Notar, euer Anwalt und euer Richter alle miteinander an keinen Gott glaubten? oder wie er es poetisch ausdrückt:
    Doch du, Vernünftler, der ihn frech zu leugnen sucht,
    Von deiner Klügelei was ist die saubre Frucht?
    Wird ehrbarer dein Weib? Wird redlicher dein Pächter?
    Glaubt er an keinen Gott, zahlt er gewiß dich schlechter.
Hiernach könnte es in der Tat scheinen, als wäre der Glaube an einen Gott für Voltaire nur eine exoterische Lehre gewesen, die er für ein Bedürfnis der rohen Mehrheit der Menschen hielt, während er selbst mit den gleich ihm philosophisch Gebildeten ihrer nicht bedurfte. Und dennoch trügt dieser Schein und VOLTAIRE fand den Gottesglauben auch für sich selbst unentbehrlich. Nicht praktisch, aber theoretisch. Auch für sich selber war es ihm eine Wahrheit, daß wir mit dem Aberglauben nicht auch den Glauben, mit den Priestern nicht Gott wegwerfen dürfen. "Was kann der Herr dafür"; sagt er im angeführten Gedicht:
    Was kann der Herr dafür, wenn seine Diener freveln?
    Wenn es mit Ratten läuft in Böden und Getäfeln,
    Ist ohne Meister doch das Haus nicht aufgeführt.
    Das leugnet keiner, dem des Weisen Ruhm gebührt.
Das kosmologische und besonders das physiko-theologische Argument für das Dasein Gottes hatten für VOLTAIRE volle Überzeugungskraft. Es ist Etwas, darum ist Etwas von aller Ewigkeit her, sonst müßte Etwas aus Nichts entstanden sein, was undenkbar ist. Die Welt ist  mit  Intelligenz gemacht, folglich ist sie  von  einer Intelligenz gemacht. Jedes Werk, das uns Zwecke und darauf berechnete Mittel zeigt, kündigt einen Werkmeister an; ein solches Werk ist aber im höchsten Sinn die Welt. Die Bewegung der Gestirne, der Umlauf unserer Erde um die Sonne vollzieht sich nach den tiefsten mathematischen Gesetzen. Entweder sind die Gestirne große Geometer oder es ist der ewige Geometer, wie PLATO Gott so vortrefflich nennt, der ihre Bahnen geordnet hat. Die belebten Körper sind zusammengesetzt aus Hebeln und Rollen, die nach den Gesetzen der Mechanik wirken, aus Säften, die nach den Regeln der Hydrostatik umlaufen; die lebendigen Wesen selbst haben sich diese Einrichtung nicht gegeben, von der die wenigsten eine Vorstellung haben: es bleibt also nur ein ewiger Künstler. Die intelligenten Wesen vollends können unmöglich aus dem Blinden, Vernunftlosen hervorgegangen sein: die Intelligenz eines NEWTON kommt von einer anderen Intelligenz. Wie weit diese teleologische Welt- und Naturbetrachtung bei VOLTAIRE geht, sehen wir aus einem Gespräch zwischen der Natur und einem Philosophen im philosophischen Wörterbuch. Der Philosoph fragt die Natur, wie es komme, daß sie, so roh in ihren Gebirgen und Meeren, in den Pflanzen und Tieren so künstlich sei. "Mein armes Kind", antwortet sie ihm, "willst du, daß ich dir die Wahrheit sagen soll? Man hat mir einen Namen gegeben, der mir nicht zukommt. Man nennt mich Natur, und ich bin doch ganz Kunst." Auf diesen Gedanken kommt VOLTAIRE in verschiedenen Schriften zurück und tut sich etwas darauf zugute, demselben zuerst diesen bestimmten Ausdruck gegeben zu haben. Ein Verdienst hat diese Fassung in der Tat, das nämlich, den Zirkel handgreiflich zu machen, worin sich diese ganze Beweisführung bewegt, zu zeigen, wie sie die Zwei, die sie aus dem Sack hervorzuziehen wünscht, selbst hineinsteckt. Ist die Natur ein sich selbst schaffendes, oder ein geschaffenes Wesen? ist die Frage. Sie ist geschaffen, denn sie ist Kunst, lautet die Antwort; allein der wahre Wert dieser Antwort ist nur der: sie ist geschaffen, weil ich sie mir geschaffen denke. Denn mit dem Kunstwerk ist ja freilich auch der Künstler gesetzt; mit der Auffassung der Natur als Kunst ist die Frage bereits entschieden. Man sieht: die Grundlage von VOLTAIREs Theismus ist sein Dualismus, die Trennung von Kraft und Stoff. Begreiflich, wenn die Materie tot, für sich ohne Kraft und Leben ist, so bedarf sie eines Wesens außer sich, das Bewegung, Zweck und Ordnung in sie bringt; wenn sie das Prinzip der Gestaltung nicht in sich selber hat, muß diese ihr freilich von außen kommen. Aber woher weiß man denn, daß sie es nicht in sich hat? Erscheint sie uns denn in der Wirklichkeit irgendwo gestaltlos? Nirgends erscheint sie so; einzig unser Denken, unser Vorurteil ist es, das ihr das Leben aussaugt, um es ihr mittels eines Gottes wieder einspritzen zu lassen.

Diesen Dualismus aber einmal gesetzt, so weiß VOLTAIRE demselben doch die möglichst philosophische Fassung zu geben. Er zeigt sich der Annahme einer ewigen Materie nicht abgeneigt, aber mit dieser ist ihm auch die göttliche Einwirkung auf dieselbe, die Schöpfung, eine ewige. Wie die Strahlen der Sonne so alt sind als die Sonne selbst, so hat der ewige Baumeister immer bauen müssen. Gottes Wesen ist, zu wirken; also hat er immer gewirkt; also ist die Welt ein ewiger Ausfluß von ihm und wer Gott als ewig erkennt, muß auch die Welt als ewig erkennen. Und wie er immer gewirkt hat, so hat er auch alles gewirkt, was er wirken konnte. Sagen, er hätte auch noch anderes schaffen können, heißt ihn als Ursache ohne Wirkung setzen. Die Meinung, Gott habe diese Welt aus allen möglichen Welten ausgewählt, hätte sich richtig verstanden so auszudrücken, er habe sie unter Welten ausgewählt, die unmöglich waren, in der Tat also gar nicht ausgewählt. Den Einwand, daß ja dann Gott nicht frei wäre, läßt VOLTAIRE nicht gelten. Frei sein heißt können, sagt er. Gott hat gekonnt und er hat gemacht. Eine andere Freiheit kenne ich nicht. Wir bemerken, wie nahe hier VOLTAIRE an SPINOZA herantritt. Gott ist ihm "das höchste, ewige, intelligente Wesen, von dem in jedem Augenblick alle Wesen und alle Arten des Seins im Raum ausfließen"; oder, wenn MALEBRANCHE behauptete, daß wir alles in Gott sehen, so möchte VOLTAIRE lieber sagen, Gott sehe und wirke alles in uns. Aber, verwahrt er sich, Ausflüsse sind nicht Teile. Bei SPINOZA, meint er, sei Gott die Gesamtheit aller Dinge; nach ihm dagegen fließt die Gesamtheit der Dinge von Gott aus. Am bestimmtesten scheidet ihn von SPINOZA der Zweckbegriff, den dieser aus der Naturbetrachtung ausschließt, während VOLTAIRE seine ganze Weltanschauung darauf gründet. Wo sich ein Versuch auftut, die Natur auch ohne diese von außen in sie hineingeschaffenen Zwecke zu erklären, eigene Lebens- und Entwicklungskräfte in ihr nachzuweisen, da sehen wir ihn zu entschiedenem, ja leidenschaftlichem Widerspruch aufgeregt. Schon lange bevor das "System der Natur" die für seinen Dualismus zerstörenden Konsequenzen zog, verfolgte VOLTAIRE die Versuche des Engländers NEEDHAM, eine  generatio aequivoca  zu [elternlose Erzeugung organischer Wesen aus unorganischem Stoff - wp]erweisen, die Theorie des Franzosen de MAILLET von einer aufsteigenden Metamorophose der Tierarten ebenso mit unerbittlichen Spott, wie in Deutschland REIMARUS sie mit unermüdlichem Ernst bekämpfte. Beide Männer wußten sehr wohl, was auf dem Spiel stand. Seltsam! während unserem GOETHE keine größere Freude hätte werden können, als die Ausbildung der DARWINschen Theorie noch zu erleben, fand sich VOLTAIRE schon durch die ersten noch ziemlich phantastischen Vorläufer von LAMARCK und DARWIN beunruhigt.

Wir haben also nach VOLTAIRE eine schöpferische Intelligenz, die von Ewigkeit her ist, denn sonst müßte ja etwas aus nichts geworden sein und die in allem ist, was ist. Aber auch in allem, was nicht ist? Oder gibt es vielleicht kein Nichts außer der Welt, d. h. ist die Welt unendlich? NEWTON, antwortet VOLTAIRE, hat den leeren Raum bewiesen; gibt es aber ein Leeres in der Welt, warum nicht auch außer ihr? Das Unendliche der Ausdehnung ist so undenkbar wie das der Zahl: man kann immer noch etwas hinzufügen. So ergibt sich die wunderliche Inkonsequenz, daß sich VOLTAIRE die Welt zwar in der Zeit, aber nicht ebenso im Raum uneendlich denkt. Ist aber die Welt nicht unendlich, woher nehmen wir das Recht, uns Gott, dessen Dasein und Eigenschaften wir doch nur aus der Welt erschließen, unendlich zu denken? Jedes Wesen ist begrenzt durch die Bedingungen seiner Natur, das höchste Wesen nicht ausgenommen. Es ist die höchste Macht, aber es ist keine schrankenlose Macht. So hat es auch die Welt nur unter den Bedingungen erschaffen können, unter denen sie existiert. In diesen Sätzen liegt VOLTAIREs Theodizee. Vom Übel in der Welt hat er, wie wir uns aus seinen Romanen und seinem Erdbebengedicht erinnern, eine sehr lebhafte Empfindung. Diejenigen, sagt er, welche schreien, alles sei gut, sind Scharlatane. Das Übel existiert und es ist absurd es zu leugnen. Die Erde ist ein ungeheurer Schauplatz des Mordens und der Zerstörung. Der Mensch insbesondere ist ein sehr elendes Wesen, "das einige Stunden der Erholung, einige Minuten der Befriedigung und eine lange Folgen von Schmerzenstagen in seinem kurzen Leben hat." Ein unerschütterlicher Fels aber ist nach VOLTAIRE das Wort EPIKURs, daß Gott das Übel entweder nicht habe hindern können oder nicht habe hindern wollen. Hier entscheidet sich nur VOLTAIRE für das Erstere. Das einzige Mittel, Gott wegen des Übels zu entschuldigen, meint er, sei, zu gestehen, daß seine Macht es nicht habe überwinden können. "Ich will lieber", sagt er, "einen beschränkten Gott anbeten, als einen bösen. Der Ursprung des Übels wird mich imemr in einige Verlegenheit setzen; doch denke ich eben, der gute ORMUZD, der alles gemacht hat, habe es nicht besser machen können." Bisweilen fühlt sich VOLTAIRE kühn genug zu der Behauptung, Gott habe die Welt so wenig ohne Übel schaffen können, als er machen konnte, daß die drei Winkel eines Dreiecks nicht gleich zwei rechten seien. In der Tat auch, wie wollte er einen zusammengesetzten Körper, wie der menschliche und auch der tierische ist, unauflöslich, und wie den auflöslichen schmerzlos machen? Und was das moralische Übel betrifft, wie wollte er den Menschen zum für sich bestehenden, lebendig wirkenden Wesen machen, ohne ihm Eigenliebe zu geben, die ihn notwendig zuweilen mißleitet und Leidenschaften, die ihn in Kampf und Krieg verwickeln? Ganz beruhigt freilich war VOLTAIRE über die hiermit in Gott gesetzte Schranke nicht. "Es scheint mir klar," schreibt er einmal, "daß in der Natur eine Intelligenz wirkt und nach den Unvollkommenheiten und Übeln in der Natur scheint es mir, daß diese Intelligenz beschränkt ist; doch meine eigene ist so erstaunlich beschränkt, daß sie immer fürchtet, nicht zu wissen, was sie sagt." Und in einem philosophischen Gespräch läßt er den Vertreter seiner Ansicht auf die Frage, ob er seines Systems auch sicher sei, die Antwort geben: "Ich? ich bin von nichts sicher. Ich glaube, daß es ein intelligentes Wesen, eine bildende Kraft, einen Gott gibt. Über alles weitere tappe ich im Finstern. Heute behaupte ich eine Idee, morgen zweifle ich daran, übermorgen leugne ich sei und jeden Tag kann ich mich irren. Alle ehrlichen Philosophen, wenn sie einmal von der Leber weg sprechen, haben mir gestanden, daß es ihnen nicht anders gehe."

Der Schluß aus der Existenz und Einrichtung der Welt hat uns bis hierher nach VOLTAIRE nur zur Überzeugung geführt, daß ein Wesen von überlegener Macht und Weisheit der Urheber dieser Welt sein müsse; daß dieser Schöpfer und Erhalter der Welt auch ihr Regierer, daß er für die Menschen der Erteiler von Lohn und Strafe je nach ihrem moralischen Verhalten sei, erhellt sich daraus noch nicht. Und doch ist gerade das die Hauptsache. wenn man Gott, falls er nicht existierte, erfinden müßte, so ist es ja eben der vergeltende Gott, um den es dabei zu tun ist. Es handelt sich, sagt VOLTAIRE, nicht sowohl um eine metaphysische, als um die praktische Frage, ob es für das gemeinsame Wohl von uns elenden denkenden Wesen ersprießlicher sei, einen lohnenden und strafenden Gott anzunehmen, der uns gleicherweise zum Zügel wie zum Trost diene; oder diese Idee zu verwerfen und uns unserem Elend ohne Trost, unseren Lastern ohne Zügel zu überlassen? "Die ganze Natur", schreibt VOLTAIRE in dem Bruchstück der Instruktion für einen Kronprinzen, "hat Ihnen das Dasein eines weisen und mächtigen Gottes bewiesen; an  Ihrem  Herzen ist es, das Dasein eines gerechten Gottes zu empfinden. Wie könnten Sie gerecht sein, wenn Gott es nicht wäre? und wie könnte er es sein, wenn er nicht zu strafen und zu belohnen wüßte?" - "Keine Gesellschaft", lesen wir in den Axiomen am Schluß der Abhandlung: Gott und die Menschen, "kann bestehen ohne Gerechtigkeit: verkünden wir darum einen gerechten Gott. Wenn das Gesetz des Staates die bekannten Verbrechen straft, verkünden wir einen Got, der die unbekannten Verbrechen strafen wird. Ein Philosoph mag Spinozist sein, wenn er will; aber der Staatsmann sei Theist. Ihr wisset nicht, was Gott ist, nicht wie er strafen und belohnen wird; aber ihr wisset, daß er die höchste Vernunft, die höchste Billigkeit sein muß, das ist genug. Kein Sterblicher hat das Recht, euch zu widersprechen, wenn ihre eine Sache behauptet, die wahrscheinlich und dem menschlichen Geschlecht nötig ist." Weiter ist VOLTAIRE auch in dem Roman, den er ums Jahr 1769 eigens gegen den Atheismus und seine sittenverderblichen Wirkungen geschrieben hat, der "Geschichte Jenny's", nicht gekommen. Niemand werde beweisen können, ist hier die Moral, daß es Gott unmöglich sei, das Böse zu bestrafen, d. h. daß er der Welt nicht eine Einrichtung gegeben haben könne, die dessen Bestrafung herbeiführe; folglich sei für den Menschen in jedem Fall das Geratenste, rechtschaffen zu sein. Wir sehen: an seiner praktischen, mithin an seiner wichtigsten Seite stützt sich VOLTAIREs Gottesglaube doch nur auf seinen Nützlichkeitsbeweis. Dieser aber ist eine so prekäre, hinfällige Stütze, daß nicht zu begreifen wäre, wie VOLTAIRE den Gottesglauben hätte festhalten können, wenn derselbe nicht auf seiner theoretischen Seite die festere Grundlage des physiko-theologischen Beweises oder des Dualismus, gehabt hätte. So lange VOLTAIRE Dualist war, d. h. nicht einsah, daß die Welt aus sich selbst zu begreifen ist - dazu kam er aber nie - so lange war er auch Theist; und brauchte er einmal einen Gott als Weltbaumeister, so ergab es sich von selbst, ihn auch als Schicksalslenker und Vergelter nutzbar zu machen.

Wie VOLTAIRE, so war auch unser REIMARUS Dualist in Bezug auf die Begriffe von Gott und Welt; aber er war es ebenso in Bezug auf die Begriffe von Seele und Leib. Und eines scheint aus dem andern zu folgen. Wer, um die Zweckmäßigkeit in der Welt zu erklären, einen von ihr verschiedenen Gott nötig zu haben meint, der wird, um das Denken und Wollen des Menschen zu erklären, eine vom Körper verschiedene Seele voraussetzen. Hier überrascht uns nun aber VOLTAIRE durch eine merkwürdige Abweichung. War dem Wolfianer REIMARUS die Seele eine vom Körper verschiedene Substanz, so hatte VOLTAIRE als Anhänger LOCKEs mit den angeborenen Ideen des CARTESIUS auch die besondere Seelensubstanz über Bord geworfen. Nicht, daß er mit den Materialisten dem Körper ansich die Fähigkeiten zu denken beigelegt hätte; aber er hielt sich an den LOCKEschen Satz, wir können nicht behaupten, daß es der Allmacht unmöglich gewesen, einer Partikel Materie - dem menschlichen Gehirn - die Fähigkeit des Denkens mitzuteilen. So mußte der Gottesbegriff in seiner höchsten Spannung, also der Dualismus auf der einen Seite, merkwürdigerweise dazu helfen, den Dualismus auf der andern aus dem Weg zu schaffen. Gott wirkt in uns unsere Vorstellungen und Bewegungen; aber er wirkt sie mittels der künstlichen Einrichtung unserer Sinneswerkzeuge und übrigen Organe, ohne daß es dazu noch eines besonderen in unserem Leib wohnenden Seelenwesens bedürfte. Die Tiere haben ja ebenso Empfindungen, Vorstellung, Gedächtnis und andererseits Begehren und Bewegung wie wir und doch denkt niemand daran, ihnen eine immaterielle Seele zuzuschreiben; warum sollten wir denn für das unbedeutende Mehr jener Fähigkeiten und Tätigkeiten, dessen wir uns erfreuen, einer solchen bedürfen? Wir sind erstaunt, sagt VOLTAIRE ein andermal, über das Denken; aber das Empfinden ist ebenso wunderbar. Eine göttliche Kraft offenbart sich in den Empfindungen des niedersten Insekts wie im Gehirn eines NEWTON. Aber diese Empfindungen sind nur höhere Wirkungen derselben mechanischen Gesetze, die, von Gott in sie gelegt, in der übrigen Natur wirken. Man sagt wohl: es sei nicht zu begreifen, wie Empfindung, Gedanke, einem ausgedehnten Wesen zukommen könne. Allein begreifen wir's denn, fragt VOLTAIRE, von eine unausgedehnten? Materie und Geist sind ja doch zunächst bloße Worte; wir haben vom einen so wenig einen deutlichen Begriff wie vom anderen. Darum können wir aber auch nicht zum Voraus behaupten, wozu das eine oder das andere fähig sei oder nicht; die Fähigkeit, zu denken, dem Körper abzusprechen, ist nicht minder dreist, als sie der Seele abzusprechen. Überhaupt: Seele, was ist denn das? Ein leeres Gedankending, wie Gedächtnis, Wille, Sprache usf. Dergleichen gibt es nicht, es ist immer nur der Mensch, der sich erinnert, will, spricht und dgl. Die Seele, die man sich als ein Wesen für sich denkt, ist in der Tat nur eine vom höchsten Wesen uns verliehene Eigenschaft, sie ist eine Fähigkeit, die man für eine Substanz genommen hat. Im Grunde stimmt diese Ansicht auch mit unserer inneren Erfahrung, wenn wir uns diese nicht durch Vorurteile verfälschen lassen, zusammen. Zwischen der Verdauung in uns und dem Denken ist freilich ein so großer Unterschied, daß man leicht dazu kommen kann, beides auf zwei verschiedene Substanzen zurückzuführen. Allein, wenn ich doch ohne Nahrung und Verdauung nicht denken kann, mithin das eine die Bedingung des andern ist, warum sollte nicht dasselbe Wesen, das verdaut, auch denken können? So viel ich mir auch Mühe gab, sagt VOLTAIRE, zu finden, daß wir unserer Zwei seien, habe ich doch schließlich gefunden, daß ich nur Einer bin.
LITERATUR David Friedrich Strauß - Voltaire, Sechs Vorträge, Leipzig 1870