ra-2p-4von AsterF. SchumannA. DöringH. Bender    
 
AURELIUS AUGUSTINUS
Bekenntnisse
[2/2]

"Wer ist's, der mir sagt, es gebe keine drei Zeiten, wie wir als Knaben gelernt und die Knaben gelehrt haben, - eine vergangene, gegenwärtige und künftige: sondern nur eine gegenwärtige, weil jene zwei nicht sind? Oder sind auch diese, und tritt etwas aus einer Verborgenheit hervor, wenn es aus Künftigem Gegenwärtiges wird? Oder tritt etwas in eine Verborgenheit zurück, wenn es aus Gegenwärtigem Vergangenes wird?"


Elftes Buch

Wie aber, o Herr, da die Ewigkeit dein ist, bist du unkundig dessen, was ich rede zu dir, oder siehst du nur auf eine Zeit das, was in der Zeit geschieht? Warum trag' ich dann Erzählungen so vieler Sachen dir vor? Wahrlich nicht, daß du sie von mir vernehmest, sondern zur dir erheb' ich mein, und aller derer Gemüt, die dieses lesen, damit wir alle sagen: Groß ist der Herr und sehr lobenswert. Bereits hab' ich es gesagt, und sagen werd' ich es stets, aus Liebe zu deiner Liebe tu' ich dieses. Denn wir beten ja auch, und doch spricht die Wahrheit: Euer Vater weiß, was euch Not tut, eh' ihr ihn darum bittet. Unsere Stimmung also eröffnen wir in dir, dir bekennend unser Elend und deine Erbarmungen gegen uns, damit du uns, weil du angefangen, gänzlich befreiest, auf daß wir aufhören, elend zu sein in uns, und verherrlicht werden in dir; denn du hast uns ja berufen, damit wir seien arm im Geiste, sanftmütig und trauend, hungernd und dürstend nach Gerechtigkeit, barmherzig, reines Herzens und friedsam. Sieh manches, was ich konnt' und was ich wollte, hab' ich dir erzählt. Du zuerst wolltest ja, daß ich es dir, meinem Herrn und Gott, bekennte, weil du bist gut, denn ewig währet deine Barmherzigkeit.

Wann aber werd' ich im Stande sein, durch der Feder Sprach' auszudrücken alle deine Anmahnungen und alle deine Schrecken und Tröstungen und Lenkungen, durch welche du mich dahin führtest, dein Wort zu verkündigen und dem Volke dein Heilsmittel zu spenden? Und vermöcht' ich auch dieses der Reihe nach herzuzählen, so sind mir die Augenblicke teuer, und längst schon entbrenn' ich zu betrachten in deinem Gesetze und in ihm dir meine Wissenschaft und Unkunde, die Anfänge deiner Erleuchtung und die Reste meiner Finsternisse zu bekennen, bis von der Stärke die Schwäche verschlungen wird. Und ich will nicht, daß die Stunden, welche ich frei finde von der Notwendigkeit der Stärkung des Körpers, und von der Anstrengung des Geistes, und von den Diensten, welche wir den Menschen verschulden, und wenn auch nicht verschulden, doch gleichwohl leisten - mit etwas anderem verfließen.

Herr, mein Gott! merk' auf mein Gebet, und deine Barmherzigkeit erhöre mein Verlangen; denn nicht entbrennt' es für mich allein, sondern es will der brüderlichen Liebe zum Nutzen dienen; du siehst in meinem Herzen, daß auf diese 'Weis' ich dir den Dienst meiner Gedanken und meiner Zunge heilige, und so verleihe mir, was ich darbringen möge. Denn dürftig und arm bin ich: du hingegen reich für alle, die dich anrufen, der du selbst sorgenfrei für uns Sorge trägst. Beschneide von aller Vermessenheit und Lüge meine inneren und äußeren Lippen. Meine keuschen Ergötzungen seien deine Schriften; nicht mög' ich in ihnen getäuscht werden, aus ihnen täuschen. Herr, merk' auf und erbarme dich. Herr, mein Gott! du der Blinden Licht, und der Schwachen Stärke, gleich darauf aber der Sehenden Licht, und der Kräftigen Stärke! hab' Acht auf meine Seel', und höre den aus derm Tiefe zu dir Rufenden! Denn wenn nicht auch in der Tiefe deine Ohren zugegen sind, wohin sollen wir dann gehen, wohin rufen?

Dein ist der Tag, dein die Nacht. Auf deinen Wink fliegen Augenblicke vorüber. Verleih' aus ihnen Zeit meinen Betrachtungen über die Geheimnisse deines Gesetzes, und verschließ' es nicht für den Anklopfenden! Nicht wolltest du ja die dunkeln Geheimnisse so vieler Blätter umsonst haben schreiben lassen. Oder haben denn nicht auch jene Wälder ihre Hirsche, welche sich in ihr zurückziehen, in ihnen sich erquicken, wandeln, grasen, sich niederlegen und wiederkäuen? O Herr! vervollkommne mich, und enthülle mir selbe! Siehe! Deine Stimm' ist meine Freude, deine Stimm' ist mir mehr als Überfluß an Wonne. Gib, was ich liebe: denn ich lieb'; und auch dies hast du gegeben. Verlasse nicht deine Gaben und verachte nicht das dürstende Kraut. Bekennen wir ich dir, was immer ich in deinen Büchern finde; hören des Lobes Stimme, dich trinken, und betrachten die Wunder des Gesetzes, von dem Anfang an, in welchem du Himmel und Erde machtest, bis zu deinem mit dir immerwährenden Reich deiner heiligen Stadt. Herr, erbarme dich meiner, und erhöre mein Verlangen! Denn ich mein', es strebe nicht nach Irdischem, nicht nach Gold und Silber, oder nach Edelsteinen, oder Kleiderschmuck, nach Ehr' und Macht, oder nach Fleischeslüsten, nicht nach dem Notwendigen für den Körper und für das Leben unserer Wanderschaft; welches alles uns, die dein Reich und deine Gerechtigkeit suchen, zugegeben wird. Sieh, Herr, mein Gott! woher mein Verlangen stamme. Ungerechte erzählen mir ihre Ergötzunen - nicht aber wie dein Gesetz, o Herr! Sieh also, woher mein Verlangen ist. Sieh, Vater! blick' her und billig' es, und mög' es dem Auge deiner Barmherzigkeit gefallen, daß ich Gnade vor dir finde, damit mir, dem Anklopfenden, das Innere deiner Worte geöffnet werde! Inständigst fleh' ich durch unsern Herrn Jesus Christus, deinen Sohn, den Mann deiner Rechten, den Menschensohn, welchen du dir zu deinem und unserm Mittler gründetest, durch welchen du uns, die dich nicht Suchenden, suchtest. Du suchtest uns aber, damit wir dich suchten. Durch dein Wort, durch welches du Alles, und unter diesem auch mich gemacht hast; durch deinen Eingeborenen, durch welchen du das Volk der Gläubigen und unter ihm auch mir zur Kindschaft gerufen: Inständigst fleh' ich zu dir, durch ihn, welcher zu deiner Rechten sitzt, und dich für uns anruft, in welchem alle Schätze der Weisheit und Wissenschaft verborgen sind. Ihn such' ich in deinen Schriften. Moses hat von ihm geschrieben. Dies sagt er selbst; dies sagt die Wahrheit.

Hören und erkennen will ich, wie du im Anfang Himmel und Erde gemacht hast. Geschrieben hat dieses Moses; geschrieben hat er es, und ist fortgegangen von hienieden, übergegangen zu dir; denn jetzt ist er nicht vor mir; wär' er es, ich würd' ihn halten und bitten, und durch dich beschwören, mir jenes zu erklären; und den aus seinem Munde hervorkommenden Tönen die Ohren meines Körpers leihen. Spräche er nun die hebräische Sprache, vergebens erregt' er meinen Sinn, denn von diesem Allem würd' auch nichts meinen Verstand berühren; redet' er aber lateinisch, so wüßte ich, was er sagte. Woher aber würd' ich wissen, ob er Wahrheit spräche? Wüßt' ich aber auch dieses, würd' ich es auch von ihm wissen? In meinem Innern, im innersten Sitz der Gedanken würde keine hebräische, keine griechische, keine lateinische, keine fremde Stimme, sondern die Wahrheit ohne die Werkzeuge des Mundes und der Zunge, ohne Silbengeräusch sagen: Er spricht wahr! und ich würd' alsbald mit Vertrauen zu jenem deinem Mann sagen: Du redest wahr. Da ich ihn nun aber nicht befragen kann, so bitt' ich dich, von welchem erfüllt er Wahres sagte, dich Wahrheit, mein Gott, schone meiner Sünden! und der du jenem deinem Diener verliehen, dieses zu sagen, verleih' auch mir, dieses zu verstehen. Sieh, Himmel und Erde sind! sie rufen, daß sie gemacht sind: denn sie werden verwandelt und verändert. Alles aber, was nicht gemacht ist, und doch ist, an diesem ist nichts, was vorher nicht war: was verwandelt und verändert werden könnte. Sie rufen auch, daß sie sich selbst nicht gemacht: wir sind deshalb, weil wir gemacht sind; wir waren also nicht vor unserm Sein, so daß wir durch uns selbst hätten werden können. Und der Rufenden Stimme ist die Klarheit selbst. Du also, Herr, der du schön bist (denn sie sind schön), der du gut bist (denn sie sind gut), der du bist (denn sie sind), du hast sie gemacht. Doch sie sind nicht so schöne, nicht so gut, sie sind nicht, wie du, ihr Schöpfer, mit welchem verglichen, sie weder gut, noch schön sind, ja gar nicht sin. Dieses wissen wir, Dank dir! Doch ist unsere Wissenschaft mit der deinen verglichen Unkunde.

Wie aber hast du den Himmel und die Erde gemacht? und welche waren die Werkzeuge bei deinem so großartigen Bau? Denn nicht machtest du sie, wie ein menschlicher Künstler, bildend einen Körper aus einem Körper nach Gutdünken deiner Seele, welche demselben jede Gestalt, die sie in sich selbst mit dem inneren Auge erblickt, beizulegen vermag. Und woher vermöchte sie dieses, als nur, weil du sie gemacht! Und sie legt die Gestalt bei einem bereits Bestehenden, was im Besitz des Daseins ist, als Erde oder Stein oder Holz oder Gold oder jedem beliebigem Ding. Woher aber wären jene, hättest du sie nicht gefertigt. Du machtest dem Künstler den Leib; du, den, die Glieder beherrschenden Geist; du den Stoff, aus welchem er etwas macht; du den Verstand, womit er die Kunst begreift, und innerlich sieht, was er äußerlich wirkt; du den körperlichen Sinn, durch dessen Vermittlung er aus seinem Geiste auf den Stoff das überträgt, was er macht, und der seinem Geist zurückberichtet, was gemacht worden, damit dieser innerlich die ihm vorsitzende Wahrheit befrae: ob es gut gemacht sei. Dieses alles lobe dich, den Schöpfer von Allem. Aber wie machst du jenes? Wie hast du, o Gott, Himmel und Erde gemacht? Gewiß hast du weder im Himmel, noch auf der Erde, weder in der Luft, noch im Wasser, Himmel und Erde gemacht; denn selbst diese gehören ja zum Himmel und zur Erde; auch nicht im Weltall machtest du das Weltall, denn es war ja nicht, worin es gemacht würde, bevor es gemacht war, um zu sein, und du hattest ja nichts in Händen, um Himmel und Erde daraus zu machen. Denn woher sollte dir etwas kommen, was du nicht gemacht hättest, damit du aus ihm etwas machtest. Denn was ist, außer weil du bist? Du also hast gesprochen, und sie sind gemacht, und in deinem Wort sind sie gemacht.

Aber auf welche Weise hast du gesprochen? etwa auf die Weise, wie die Stimme aus der Wolke erscholl, die da sprach: "Dieses ist mein geliebter Sohn?" Diese Stimme ist aber ergangen, und vorübergegangen, und geendet. Die Silben sind erschallt, und verhallt. Die zweite nach der ersten, die dritte nach der zweiten, und so der Ordnung nach, endlich die letzte nach den übrigen, und nach der letzten war Stille. Hieraus wird es klar und deutlich, daß die Bewegung eines Geschöpfes sie hervorgebracht, eine zeitliche, deinem ewigen Willen dienend. Und diese deine vorübergehend erschollenen Worte verkündigte das äußere Ohr dem verständigen Geiste, dessen inneres Ohr an dein ewiges Wort gelegt ist. Jener aber verglich diese zeitlich tönenden Worte in der Stille mit deinem ewigen Wort und sagte: Es ist ein Anderes, bei weitem ein Anderes. Diese sind weit unter mir, und sie sind nicht, denn sie fliehen und gehen, und gehen vorüber; das Wort des Herrn, meines Gottes, aber bleibt über mir ewiglich. Hast du also mit tönendem und vorübergehenden Worten gesagt, Himmel und Erde sollen werden, und so Himmel und Erde gemacht, so war schon ein körperliches Geschöpf vor dem Himmel und der Erde da, durch dessen zeitliche Bewegungen jene zeitliche Stimme hervorging. Vor dem Himmel und der Erd' aber gab es gar kein zeitliches Geschöpf, oder gab es eins, so hattest du es gewiß ohn' eine vorübergehende Stimme gemacht, um aus ihm eine vorübergehende Stimme hervorzubringen, mit welcher du sagtest, es solle Himmel und Erde werden. Denn, was es auch immer sein möge, woher eine solche Stimme entstände - wär' es nicht von dir gemacht, es würde gar nicht sein. Mit welchem Wort sprachst du daher, daß ein Körper entstehen soll', aus welchem jene Worte hervorgingen?

Du rufst uns also, Gott! das Wort bei dir, Gott, zu erkennen, was ewig gesprochen, und in ihm Alles ewig gesprochen wird. Denn nicht wird geendet das gesprochen wurde, und ein anderes gesprochen, damit alles gesprochen werden könne, sondern einmal und in Ewigkeit Alles. Sonst wär' ja dort Zeit und Wechsel, und nicht wahre Ewigkeit und wahre Unsterblichkeit. Dieses hab' ich erkannt, Herr! und danke. Ich bekenn', ich hab' es erkannt, und mit mir hat es erkannt und es beneidet sich jeder, der gegen die sichere Wahrheit nicht undankbar ist. Erkannt haben wir, o Herr, erkannt, daß in wieweit Etwas nicht ist, was war und ist, was nicht war, in soweit es sterbe und entstehe. Deswegen vergeht und entsteht Nichts an deinem Wort, weil es in Wahrheit unsterblich und ewig ist. Und so sprichst du durch dein mit dir gleich ewiges Wort auf einmal und ewig, alles, was du sprichst, und es wird, was du sprichst, das werden soll; denn du machst nichts anderes als durch Sprechen, obwohl nicht auf einmal und ewig alles wird, was du durch Sprechen machst.

Warum sehe ich, mein Gott, dies einigermaßen ein, weiß aber nicht, wie ich es ausdrücken soll; als nur, daß alles sein Dasein anfängt und sein Dasein endet, dann zu sein anfängt, und dann zu sein aufhört, wann der ewige Verstand, bei welchem nichts anfängt oder aufhört, erkennt, daß es anfangen oder aufhören soll. Grade dieses ist dein Wort, was auch der Anfang ist, der auch zu uns redet (1). So spricht er im Evangelium im Fleische, und dieses hat von außen her in der Menschen Ohren getönt, damit er geglaubt und innerlich gesucht, und in der Wahrheit gefunden würde, wo er alle Jünger als guter und alleiniger Lehrer lehrt. Dort höre ich, Herr, deine Stimme zu mir sprechen, daß jener zu uns redet, der uns lehrt. Wer uns aber nicht lehrt, redet, wen er auch redet, nicht zu uns. Ferner wer lehrt uns, außer die beständige Wahrheit? Denn werden wir auch durch ein wandelbares Geschöpf ermahnt, so werden wir doch zur beständigen Wahrheit geführt, wo wir wahrhaft lernen, wenn wir stehen und ihn hören, und herzlichst uns freuend über die Stime des Bräutigams uns dahin zurückbegeben, von woher wir sind. Und deswegen ist er der Anfang, weil, wenn er nicht bliebe, während wir irrten, es nichts gäbe, wohin wir zurückkehrten. Kehren wir aber vom Irrtum zurück, so kehren wir durch Erkennen zurück. Damit wir aber erkennen, lehrt er uns, denn er ist der Anfang und redet zu uns.

In diesem Anfang, Gott, hast du Himmel und Erde gemacht, in deinem Wort', in seinem Sohn', in deiner Kraft, in deiner Weisheit, in deiner Wahrheit auf wunderbare Weise sprechend, und auf wunderbare Weise schaffend. Wer wird es begreifen! Wer es erzählen! Was ist das, was mir schimmert und mein Herz trifft ohne zu verwunden, und ich erschauder' und entbrenn'? Ich erschauder', in sofern ich ihm unähnlich, ich entbrenn', in sofern ich ihm ähnlich bin. Die Weisheit, die Weisheit selbst ist es, welche mir schimmert, und meinen Nebel zerteilt, welcher mich, von jenen Qualen und der Schwere meiner Mühen ermattet, wieder bedeckt, weil meine Lebenskraft in der Dürftigkeit so erschlafft ist, daß ich auch mein Wohl nicht ertragen kann, bis du, Herr, welcher du gnädig gegen alle meine Übeltaten geworden bist, auch meine Schwächen heilst. Denn du wirst men Leben vom Verderben erretten, und mich in Erbarmung und Barmherzigkeit krönen, und mein Verlangen mit Gütern erfüllen, weil meine Jugend gleich der des Adlers wird erneuert werden. Denn durch die Hoffnung sind wir geheilt worden, und erwarten deine Verheißungen in Geduld. Es höre dich im Innern reden, wer kann. Ich aber will zuversichtlich nach deine Ausspruch rufen: Wie so großartig sind deine Werke, o Herr! alles hast du in Weisheit gemacht. Sie ist der Anfang, und in diese Anfang hast du Himmel und Erde gemacht.

Sind nicht jene ihrer Schalkheit voll, welche uns sagen, was machte Gott, eh' er Himmel und Erde machte? Denn ruhte er, sagen sie, und wirkte nicht Etwas, warum so nicht immer und in der Folge, wie er nachher auf immer vom Wirken nachgelassen hat? Denn wenn irgend eine neue Bewegung bei Gott stattfand, und ein neuer Wille, daß er ein Geschöpf fertigte, welches er nie zuvor gefertigt hatte, wie ist denn das eine wahre Ewigkeit, in welcher ein Wille entsteht, der nicht war? Abe Gottes Wille ist kein Geschöpf, sondern vor dem Geschöpf; denn nicht würde etwas geschaffen, ginge nicht der Wille des Schöpfers voraus. Zum Wesen Gottes selbst gehört daher sein Wille. Ist nun aber etwas im Wesen Gottes entstanden, was vorher nicht war, so wird in Wahrheit jenes Wesen nicht ewig genannt. War aber der ewige Wille Gottes, daß ein Geschöpf sein sollte, warum war nicht auch das Geschöpf ewig?

Welche so sprechen, erkennen dich noch nicht, o Weisheit Gottes, des Verstandes Licht; sie erkennen noch nicht, wie das werde, was durch dich und in dir wird, und erkühnen sich Ewiges zu verstehen, während ihr Herz noch in verflossenen und künftigen Bewegungen der Dinge herumschwärmt und eitel ist. Wer wird es halten und anheften, daß es ein wenig stehe und in etwa erfasse den Glanz der immer stetigen Ewigkeit, sie vergleiche mit den nie stetigen Zeiten und sehe, daß sie unvergleichbar sei, und sehe, daß eine lange Zeit nur durch viele vorübergehende Bewegungen, die nicht zugleich ausgedehnt werden können, lang werde; Nichts aber in der Ewigkeit vergehe, sondern Alles gegenwärtig sei, keine Zeit aber ganz gegenwärtig sei; daß er sehe, wie alles Vergangene durch Künftiges verdrängt werde, und alles Künftige aus dem Vergangenen folge, und alles Vergangene und Künftige von dem, was immer gegenwärtig ist, erschaffen werde und ausgehe. Wer wird das Herz des Menschen halten, damit er stillstehe und schaue, wie er stillstehend sagen könne vergangene und künftige Zeiten, nicht aber künftige oder vergangene Ewigkeit? Vermag dieses meine Hand, oder wirkt durch Worte die Macht meines Mundes eine so so große Sache?

Sieh', ich antworte dem, der sagt, was machte Gott bevor er Himmel und Erde machte? Ich antworte nicht das, was jener der gewaltigen Frage scherzweise ausweichend geantwortet haben soll, sagend: Er machte Höllen für die Durchgrübler der Geheimnisse. Denn ein Anderes ist sehen, ein anderes lachen. Dieses also will ich nicht antworten. Lieber hätte ich geantwortet: Ich weiß nicht, was ich nicht weiß, als jenes, worüber der, welcher Unergründliches gefragt, belacht und der der, welcher Falsches geantwortet, belobt wird. Aber ich nenne dich, unser Gott, den Schöfer aller Geschöpfe, und wenn unter dem Namen Himmel und Erde alle Geschöpfe verstanden werden, sagt' ich dreist: Bevor Gott Himmel und Erde machte, machte er Nichts: denn macht' er Etwas, was macht' er anders, als ein Geschöpf? Und möcht' ich so wissen, was ich nützlich zu wissen wünsche, als ich weiß, daß kein Geschöpf gemacht ist, eh' ein einziges Geschöpf, gemacht wurde.

Aber wenn Jemandes flüchtiger Geist durch vergangener Zeiten Gebilde umher schwärmt, und es ihn wundert, daß du allmächtiger, allerschaffender, allerhaltender Gott, mit diesem großen Werk, ehe du es machtest, unzählbare Jahrhunderte lang gezaudert habest, der erwache und vernehme, daß er Falsches bewundert. Denn wie konnten unzählbare Jahrhunderte vorübergehen, die du nicht gemacht hättest, da du aller Jahrhunderte Urheber und Schöpfer bist; oder welche Zeiten wären gewesen, die du nicht gemacht hättest? Oder wie gingen sie vorüber, wenn sie nie gewesen wären? Da du also Urheber aller Zeiten bist, wenn es eine Zeit gab, bevor du Himmel und Erde machtest, warum wird gesagt, daß du vom Werk abließest? Denn eben diese Zeit hattest ja du gemacht, und nicht konnten Zeiten vorübergehen, bevor du Zeiten machtest. Wenn aber vor dem Himmel und der Erde gar keine Zeit war, warum frägt man, was du damals machtest? Denn es war ja kein Damals, wo keine Zeit war, und du gehst den Zeiten nicht an Zeit bevor, sonst würdest du nicht allen Zeiten bevorgehen. Doch du gehst allen vergangenen Zeiten bevor an Erhabenheit der stets gegenwärtigen Ewigkeit, und übertriffst alles künftige, eben weil es künftig ist, und wenn es gekommen, vergangen sein wird. Du aber bist derselbe immerdar, und deine Jahre endigen nicht. Deine Jahre kommen, und gehen nicht; die unsrigen aber gehen und kommen, damit alle kommen. Deine Jahre bestehen alle zugleich, weil sie bestehen, und das laufende nicht vom kommenden vertrieben wird, weil es nicht vorübergeht. Jene unsrigen werden aber alle sein, wenn sie alle nicht mehr sein werden. Deine Jahre sind ein Tag, und dein Tag heißt nicht täglich, sondern heute. Denn dein heutiger Tag weicht nicht dem morgigen, noch folgt er dem gestrigen. Dein heutiger Tag ist Ewigkeit, deswegen hast du auch den Gleichewigen gezeugt. Alle Zeiten hast du gemacht, und du bist vor allen Zeiten, und zu keiner Zeit gab es keine Zeit.

Es gab also keine Zeit, als du noch nichts gemacht hattest, denn selbst die Zeit hattest du gemacht, und keine Zeiten sind dir gleichewig, denn du bleibst. Blieben aber jene, so wären sie keine Zeiten. Denn was ist die Zeit? Wer vermag sie leicht und kurz zu erklären? wer kann dieses beim Aussprechen des Worts auch nur im Gedanken umfassen? Wessen aber als eines gewöhnlichen und bekannten erwähnen wir im Gespräch öfter als der Zeit? Ja, wir erkennen sie, wenn wir davon sprechen, und wir erkennen sie, auch wenn wir einen andern von ihr sprechen hören. Was ist also die Zeit? Fragt mich niemand, so weiß ich es; will ich es dem Fragenden erklären, so weiß ich es nicht. Zuversichtlich sag' ich indessen, ich wisse, daß wenn Nichts vergeht, es keine vergangene Zeit, und wenn Nichts ankommt, es keine künftige Zeit, und wenn Nichts ist, es keine gegenwärtige Zeit gibt. Jene beiden Zeiten also, die vergangene und künftige, wie sind sie, da die vergangene nicht mehr ist, und die künftige noch nicht ist, die gegenwärtige aber, wäre sie immer gegenwärtig, und ginge nicht in die vergangene über, ja keine Zeit, sondern Ewgikeit wäre? Wenn also, weil es in das vergangene übergeht, das gegenwärtige eine Zeit ist, wie können wir sagen, daß es diese sei, da die Ursache seines Seins die ist, daß es nicht sein wird, so daß wir mit Recht nicht sagen können, es sei eine Zeit, außer weil sie zum Nichtsein hinstrebt.

Und doch sagen wir eine lange Zeit und eine kurze Zeit; aber so sagen wir nur von der vergangenen oder künftigen Zeit. Eine lange vergangene Zeit nennen wir z. B. die vor hundert Jahren, eine lange künftige Zeit die über hundert Jahre; ebenso eine kurze vergangene Zeit, die vor zehn Tagen; eine kurze künftige Zeit, die nach zehn Tagen. Aber auch welche Weise ist das lang oder kurz, was nicht ist? Denn das Vergangene ist nicht mehr, und das Künftige ist noch nicht. Laß uns daher nicht sagen: es ist lange; sondern vom Vergangenen: es ist lange gewesen, und vom Künftigen: es wird lange sein.

Herr mein Gott, mein Licht! Wird aber auch nicht hier deine Wahrheit den Menschen verlachen? Denn die, welche eine langvergangene Zeit war, war sie lang, als sie schon vergangen, oder war sie lang, als sie noch gegenwärtig war? Denn da konnte sie lang sein, als etwas war, was lang war. Das Vergangene aber war nicht mehr, und daher konnte auch nicht lang sein, was überhaupt nicht war. Laß uns daher nicht sagen: Lang war die vergangene Zeit; denn wir werden nicht finden, was lang gewesen; weil, seitdem es vergangen, es nicht ist; sondern laß uns sagen: Lange war jene gegenwärtige Zeit; weil sie, als sie gegenwärtig war, lang war. Denn sie war nicht vergangen, so daß sie nicht mehr war, und deswegen war Etwas, das lang sein konnte. Als sie aber vergangen, hat sie, da sie aufgehört hat zu sein, zugleich auch lang zu sein aufgehört.

Sehen wir daher zu, o menschliche Seele, ob nun auch die gegenwärtige Zeit lang sein könne; denn es ist dir verliehen, Zeiträume zu empfiinden, und zu messen. Was wirst du mir antworten? Sind hundert gegenwärtige Jahre eine lange Zeit? Sieh' aber vorher zu, ob auch hundert Jahre gegenwärtig sein können. Denn, wenn das erste Jahr verläuft, ist dasselbe gegenwärtig; neunundneunzig aber sind künftig, und sind daher noch nicht. Verläuft das zweite, so ist das erste vergangen, das zweite gegenwärtig, die übrigen künftig; und so, wen wir ein jedes der Mitteljahre dieses Hunderts als gegenwärtig annehmen, sind vor ihm vergangene, nach ihm künftige, weshalb hundert Jahre nie gegenwärtig sein können. Sieh' aber zu, ob das eine Jahr, welches verläuft, ob dieses wenigstens nicht gegenwärtig sei? Aber auch, wen von diesem der erste Monat verläuft, sind die übrigen noch künftig; wenn der zweite, so ist der erste schon vergangen, und die übrigen sind noch nicht. Also ist auch das Jahr, welches verläuft, nicht im Ganzen gegenwärtig; und ist es im Ganzen nicht gegenwärtig, so ist auch kein Jahr gegenwärtig. Denn zwölf Monate sind ein Jahr, und von diesen ist jeder ein Monat welcher verläuft, gegenwärtig, die übrigen aber sind entweder vergangen oder künftig; obgleich auch nicht einmal der Monat, welcher verläuft, sondern nur ein Tag gegenwärtig ist; wenn der erste, so sind die übrigen künftig, wenn der letzte, so sind die übrigen vergangen, und wenn einer von den mittleren Tagen, so ist er zwischen vergangenen und künftigen. Siehe schon ist aber die gegenwärtige Zeit, von welcher wir fanden, daß man nur sie allein lang nennen könne, auf die Dauer kaum eines Tages beschränkt; aber auch diesen laß uns teilen. Denn auch nicht mal Ein Tag ist ganz gegenwärtig. Denn er enthält der Tag- und Nachtstunden im Ganzen vierundzwanzig, deren erste die übrigen als künftige, die letzte die andern als vor ihr vergangene, jede der zwischenliegenden vor ihr vergangene und nach ihr kommende hat. Und selbst jede einzelne Stunde bewegt sich durch flüchtige Teilchen. Was von ihr entflohen, ist vergangen; was von ihr noch zurück, ist künftig. Wenn man sich daher eine Zeit denkt, welche in gar keine, oder doch nur in die kleinsten Teilchen, von Augenblicken sich teilen läßt, so ist es diese allein, die man die gegenwärtige Zeit nennen kann. Sie aber fliegt mit so reißender Schnelle vom Künftigen ins Vergangene hinüber, daß sie auch nicht durch die geringste Zögerung ausgedehnt werden kann. Denn wird sie ausgedehnt, so teilt sie sich in Vergangenheit und Zukunft; die Gegenwart aber hat keine Ausdehnun. Wo ist also die Zeit, die wir eine lange nennen können? Vielleicht die künftige? Wir sagen ja aber nicht: sie ist lang, weil noch nicht ist, was lang ist; sondern wir sagen: sie wird lang sein. Wann wird sie also lang sein? Wenn sie auch da, wo sie noch künftig ist, nicht lang sein kann; weil das, was lang sein soll, noch nicht ist. Soll sie aber lang sein, wenn sie aus der Zukunft, die noch nicht ist, zu sein schon angefangen und gegenwärtig geworden, damit etwas sei, das lang sein könne: so ruft die gegenwärtige Zeit mit dem obigen Wort, sie könne nicht lang sein.

Und doch, Herr, empfinden wir Zeiträume, vergleichen sie untereinander, und nennen einige länger, andere kürzer. Wir messen auch, um wieviel kürzer oder länger diese Zeit sei, als jene, und sagen, diese sei eine zwei- oder dreifahche, jene aber eine einfache, oder diese sei nur ebenso lang, als jene. Wir messen aber die vorübergehenden Zeiten, da wir sie durch die Empfindung messen; die vergangenen Zeiten aber, welche nicht mehr sind, oder die künftigen, welche noch nicht sind. Wer kann sie messen? Es möchte denn einer wagen zu behaupten, man könne das messen, was nicht ist. Während die Zeit vorübergeht, kann man sie also empfinden und messen; wenn sie aber vergangen, kann man es nicht; denn sie ist nicht.

Vater! ich frage, ich behaupte nicht, mein Gott, sei du mir Schutz und Lenker! Wer ist's, der mir sagt, es gebe keine drei Zeiten, wie wir als Knaben gelernt und die Knaben gelehrt haben, - eine vergangene, gegenwärtige und künftige: sondern nur eine gegenwärtige, weil jene zwei nicht sind? Oder sind auch diese, und tritt etwas aus einer Verborgenheit hervor, wenn es aus Künftigem Gegenwärtiges wird? Oder tritt etwas in eine Verborgenheit zurück, wenn es aus Gegenwärtigem Vergangenes wird? Denn wo haben die, welche Künftiges weissagten, dieses gesehen, wenn es noch nicht ist; da ja das, was nicht ist, nicht gesehen werden kann. Und welche Vergangenes erzählen, würden ja nichts Wahres erzählen wenn sie es im Geiste nicht sähen. Wäre dieses aber Nichts, so könnte es ja gar nicht gesehen werden. Es gibt also sowohl Künftiges als Vergangenes.

Gestatte mir, o Herr, weiter zu fragen, meine Hoffnung! - laß meine Aufmerksamkeit nicht verwirrt werden. Denn gibt es Künftiges und Vergangenes, so will ich wissen, wo es sei. Vermag ich dieses noch nicht, so weiß ich doch, daß, wo immer es sei, es dort nicht künftig oder vergangen, sondern gegenwärtig sei. Denn wird auch dort es noch künftig sein, so ist es noch nicht dort; und ist es auch dort bereits vergangen, so ist es nicht mehr dort. Wo daher immer das sein möge, was ist, so ist es doch nirgends, als nur gegenwärtig. Und wenn auch Vergangenes, als wahr erzählt, aus dem Gedächtnis vorgetragen wird, so ist dieses doch nicht die Sache selbst, die vergangen ist, sondern es sind die durch die Vorstellung der Sache gebildeten Worte, welche sie dem Geist während ihres Vorübergehens durch die Sinne, als Merkzeichen eingeprägt hat. So auch liegt meine Knabenzeit, welche nicht mehr ist, in der vergangenen Zeit, die nicht mehr ist; ihr Bildnis aber schau' ich, wenn ich mich ihrer erinnere, und von ihr erzähle, in der gegenwärtigen Zeit, weil sie nur noch im Gedächtnis ist.

Ob es sich jedoch ebenso mit der Voraussagung künftiger Dinge verhalte, daß wirkliche Abbildungen von Dingen, die noch nicht sind, sich uns darstellen; dieses, ich bekenn' es dir, mein Gott! weiß ich nicht. So viel weiß ich aber, daß wir meistens unsere künftigen Handlungen zum Voraus überdenken, und dieses Vorausdenken gegenwärtig, die Handlung aber, welche wir zum Voraus bedenken, noch nicht sei, weil sie künftig ist. Wenn wir aber zu selben geschritten sind und angefangen haben, das zu tun, was wir im Voraus überdacht, dann wird jene Handlung sein, weil sie dann nicht mehr künftig, sondern gegenwärtig ist. Wie also sich es auch immer mit dem geheimen Vorgefühl des Künftigen verhalten möge, so kann nur das gesehen werden, was ist; was aber bereits ist, ist nicht künftig, sondern gegenwärtig. Wenn es daher heißt, daß man Künftiges sehe, so sieht man nicht dasjenige, was noch nicht ist, d. h. was künftig ist, sondern vielleicht sieht man dessen Ursachen oder Zeichen, die bereits sind. Diese sind aber für die Sehenden nicht mehr künftig, sondern gegenwärti; und aus ihnen wird das im Geiste schon aufgefaßte Künftige vorhergesagt. Diese Auffassungen selbst aber sind bereits, und welche sie vorhersagen, schauen sie bei sich bereits als gegenwärtig. Unter einer so großen Anzahl von Sachen möge hier ein Beispiel sprechen. Ich sehe die Morgenröte, und sage den Aufgang der Sonne vorher. Was ich seh', ist gegenwärtig, was ich vorhersage, künftig. Nicht ist die Sonne, die bereits ist, künftig, wohl aber ihr Aufgang, der noch nicht ist. Aber auch, wenn ich mir den Aufgang selbst im Geist nicht abbildete, wie ich tue, wenn ich davon rede, könnte ich ihn nicht vorhersagen. Auch ist jene Morgenröte, welche ich am Himmel erblicke, nicht der Aufgang der Sonne, obwohl sie ihm vorhergeht, auch nicht jenes Bild in meinem Geist, welche beide als gegenwärtig gesehen werden, um ihn als künftig vorherzusagen. Das Künftige ist daher noch nicht; und wenn es noch nicht ist, so ist es gar nicht; und wenn es nicht ist, kann es nicht im mindesten gesehen werden; aber vorhersagen kann man es aus dem Gegenwärtigen, was bereits ist und gesehen wird.

Du aber, Beherrscher des Geschöpfs, auf welche Weise lehrst du die Seelen das, was zukünftig ist. Denn deine Propheten hast du belehrt. Welches ist die Weise, auf die du, für welchen es nichts Künftiges gibt, Künftiges lehrst; oder vielmehr das Gegenwärtige vom Künftigen lehrst; Denn was nicht ist, kann ja nicht gelehrt werden. Diese Weise ist zu weit über meine Fassungskraft. Sie hat sich wider mich erstarkt; ich vermag nichts gegen sie. Ich werd' es aber durch dich vermögen, wenn du, süßes Licht meiner verborgenen Augen, es mir verleihst.

Was aber jetzt deutlich und einleuchtend, ist. daß weder Künftiges noch Vergangenes ist. Und eigentlich sagt man nicht: es gibt drei Zeiten, die vergangene, gegenwärtige und künftige; sondern vielleicht sollte man füglicher sagen: es gibt drei Zeiten, die gegenwärtige von der Vergangenheit, die gegenwärtige von der Gegenwart, die gegenwärtige von der Zukunft. Denn diese drei find' ich in der Seel', und anders find' ich sie nicht; das gegenwärtige Andenken an die Vergangenheit, die gegenwärtige Anschauung der Gegenwart, die gegenwärtige Erwartung der Zukunft. Ist es erlaubt, dieses zu sagen, so sehe ich drei Zeiten, und bekenne, daß es drei gebe. Dann mag man auch sagen: es gebe drei Zeiten, die vergangene, gegenwärtige und künftige; man sage es so mißbrauchsweise aus Gewohnheit: Sieh, ich kümmere mich nicht darum, ich sträube mich nicht dagegen, ich tadle es nicht, wenn man nur versteht, was man sagt, und nicht, daß das, was künftig ist, und das, was vergangen ist, jetzt sei. Denn es gibt nur weniges, was wir im eigentlichen Sinne sagen, vieles, was wir im uneigentlichen Sinne sagen; aber man sieht doch ein, was wir wollen.

Ich habe kurz vorher gesagt, daß wir die vorübergehenden Zeiten messen, so daß wir sagen können, dieses sei im Vergleich zu jener einfachen eine zweifache Zeit, oder diese Zeit sei jener gleich, oder was man sonst noch von Zeitteilen durch Messung ausdrücken kann; und deswegen messen wir die vorübergehenden Zeiten. Und wenn mich jemand fragt, woher weißt du dieses, werde ich antworten: Ich weiß es, weil wir messen, und wir nichts, was nicht ist, messen können, Künftiges und Vergangenes aber nicht ist. Wie aber messen wir die gegenwärtige Zeit, wenn sie keinen Raum hat? Wir messen sie also, während sie vorübergeht; wenn sie aber vergangen ist, messen wir sie nicht: denn was gemessen werden soll, wird nicht mehr sein. Von woher aber, wodurch und wohin geht sie vorüber, wenn sie gemessen wird? Von woher anders, als aus der Zukunft? wodurch anders, als durch die Gegenwart? wohin anders, als in die Vergangenheit? Also aus dem, was noch nicht ist, durch das, was keinen Raum hat, in das, was nicht mehr ist. Was messen wir aber, wenn nicht die Zeit in einem gewissen Raum? Denn wir sagen nicht eine einfache, zweifache, dreifache und dergleichen, und wenn wir auf diese Weise etwas von der Zeit sprechen, nicht bloß von Zeiträumen. Mit welchem Raum messen wir daher die vorübergehende Zeit? mit der Zukunft, aus welcher sie vorübergeht? Allein, was noch nicht ist, messen wir nicht. Mit der Gegenwart, durch welche sie vorübergeht? Aber was keinen Raum hat, können wir nicht messen. Vielleicht mit der Vergangenheit, in welche sie übergeht? Doch wir messen das ja nicht, was nicht mehr ist.

Mein Geist entbrennt, dieses so verwickelte Rätsel zu kennen. Verschließe nicht, Herr, mein Gott! durch Jesum Christum beschwöre ich dich, guter Vater! - Verschließe nicht meinem Verlangen jenes Alltägliche und doch Geheimnisvolle, auf daß es dasselbe durchdringe, daß, o Herr, es ihm durch die Erleuchtung deiner Barmherzigkeit sich aufkläre. Wen soll ich hierüber befragen, und wem sollte ich mit mehrerem Nutzen meine Unkunde bekennen, als dir, dem mein eifriges Forschen in deinen heiligen Schriften nicht überlästig ist. Gib, was ich liebe; denn ich liebe, und auch dieses hast ja du gegeben. Gib, Vater, der du in Wahrheit deinen Kindern gute Gaben zu geben weißt. Gib, weil ich unternommen habe, dich kennen zu lernen, und es mir zu mühsam ist, bis du es mir eröffnest.

Ich beschwöre dich bei Christus, beim Namen jenes Heiligen der Heiligen. Keiner möge mich stören. Ich glaubte, und darum auch redete ich. Dieses ist meine Hoffnung; in dieser lebe ich, um die Ergötzungen meines Herrn zu betrachten. Sieh, meinen Tagen setzest du ein Maß; sie vergehen und ich weiß nicht wie, und wir reden von Zeit und Zeit, und Zeiten und Zeiten; wie lange hat jener dieses gesagt, wie lange hat jener dieses getan, und in wie langer Zeit hab' ich dieses nicht gesehen; und diese Silbe ist zweimal so lang, als jene einfache kurze. Dieses sagen und hören wir, wir werden verstanden und verstehen es. Es ist dieses ganz offenbar und gebräuchlich, und wiederum ganz verborgen, und dessen Auflösung neu.

Von einem gelehrten Mann hab' ich gehört, daß die Bewegung der Sonne, des Mondes und der Gestirne die eigentliche Zeit sei: und ich pflichtet' ihm bei. Warum sollten nicht die Bewegungen aller Körper vielmehr Zeit sein? Denn hörten auch die Himmelslichter auf zu sein, und es drehte sich eines Töpfers Rad, gäbe es da keine Zeit mehr, nach welcher man diese Kreise abmessen und sagen könnte, daß sie in gleicher Schnelligkeit vollbracht, oder wenn die Bewegung dann schneller, dann langsamer wäre, daß einige mehr, andere minder langsam sind? Oder würden wir nicht selbst, wenn wir dieses sprächen, auch in der Zeit reden? Oder gäbe es in unseren Worten nur darum lange und kurze Silben, weil jene während längerer, diese während kürzerer Zeit ertönten? Gib, o Herr, den Menschen am Kleinen die gemeinsamen Begriffe von kleinen und großen Sachen zu erkennen. Auch die Gestirne und Himmelslichter sind zu Zeichen und Zeiten, und zu Tagen und Jahren. Sie sind es in Wahrheit, aber ich werde nicht sagen, der Umlauf eines hölzernen Rädchens sei ein Tag; und so wird jener auch nicht sagen, es sei deswegen auch keine Zeit. Ich begehre zu wissen die Kraft und das Wesen der Zeit, durch welche wir die Bewegungen der Körper messen, und z. B. sagen: jene Bewegung ist doppelt so lang als diese. Ich frage dieses nämlich, weil wir nicht bloß das Verweilen der Sonne über der Erde Tag nennen, wonach ein Anderes Tag, ein Anderes Nacht ist; sondern auch ihren ganzen Umlauf vom Aufgang bis wieder zum Aufgang; wonach, wenn wir sagen, so viele Tage sind vergangen, wir dies so viele Tage mit ihren Nächten nehmen, und die Dauer der Nächte nicht gesondert berechnen. Weil also ein Tag erfüllt wird durch die Bewegung der Sonne und deren Umlauf vom Aufgang bis zum Aufgang, so frag' ich, ob die Bewegung selbst der Tag sei, oder die Dauer, während welcher sie geschieht, oder beides. Denn wäre das erste ein Tag, so würd' auch das ein Tag, wenn die Sonne ihren Lauf während eines so großen Zeitraums, als den einer Stunde vollendet hätte; wär' es das zweite, so würde das kein Tag sein, wenn von einem Sonnenaufgang bis zum andern die Dauer nicht größer als die einer Stunde wäre, sondern die Sonne, um den Tag zu vollenden, vierundzwanzig Mal umliefe; wenn aber beides, so würde weder das ein Tag genannt werden, wenn die Sonne in der Dauer einer Stunde ihren ganzen Kreis durchliefe, noch das, wenn beim Zurückbleiben der Sonne so viele Zeit verflösse, als in welcher die Sonne sonst den ganzen Umkreis von einem Morgen bis zum andern zu durchlaufen pflegt.

Ich will daher jetzt nicht fragen, was das sei, was man Tag nennt, sondern was die Zeit sei, mit welcher wir den Umlauf der Sonne messend, sagen würden, es sei um die Hälfte des Zeitraums kürzer, als gewöhnlich vollendet, wenn er in einem Zeitraum vollendet wäre, in welchem zwölf Stunden ablaufen. Beiden Zeiten aber vergleichend würden wir doch sagen, diese sei die einfache, jene aber die doppelte Zeit, wenn auch zuweilen die Sonne in jener einfachen, zuweilen in jener zweifachen vom Aufgang bis wieder zum Aufgang umliefe. Keiner sage mir daher, die Bewegungen der Himmelskörper sind die Zeiten, da ja, als auf das Gebet eines Mannes die Sonne stillgestanden war, damit er die siegreiche Schlacht vollendete, die Sonne zwar stand, die Zeit aber lief. Denn in ihrem eigenen, ihr genügenden Zeitraum, wurde jene Schlacht geliefert und geendet. Ich erkenne daher: die Zeit sei eine gewisse Ausdehnung. Doch erkenn' ich dieses, oder schein' ich mir es zu erkennen? Du, o Licht, Wahrheit, wirst es mir zeigen. Heißest du mich billigen, wenn einer sagt: Zeit sei die Bewegung eines Körpers? Das heißest du nicht; denn ich höre, kein Körper bewege sich als nur in Zeit. Du sagst es. Nicht aber höre ich, die Bewegung eines Körpers selbst sei Zeit: du sagst das nicht. Denn wird ein Körper bewegt, so messe ich mit der Zeit, wie lange er bewegt werde, vom Anfang der Bewegung bis zu deren Ende. Und habe ich nicht den Anfang gesehen, und er beharrt in der Bewegung so, daß ich das Aufhören nicht sehe, so vermag ich nicht zu messen, wenn nicht vielleicht von dem Augenblick an, da ich zu sehen anfange, bis ich aufhöre. Sehe ich dieses lange, so erkläre ich bloß, dieses sei eine lange Zeit, nicht aber, wie lang sie ist. - Denn wenn wir sprechen, wie groß, sagen wir es vergleichend, wie: dieses ist so groß als jenes, oder dieses ist das zweifache von jenem, und so mehreres auf diese Weise. Können wir aber die Entfernungen der Orte messen, woher und wohin der Körper kommt, der bewegt wird, oder seine Teile, wie wenn er auch einer Drehbank bewegt wird, so können wir bestimmen, wie groß die Zeit ist, in welcher von diesem bis zu jenem Ort die Bewegung des Körpers oder eines Teils desselben bewirkt ist. Da nun also ein Anderes die Bewegung eines Körpers ist, ein Anderes, womit wir messen, wie lange sie dauert, wer sieht dann nicht ein, was von beiden man vorzüglich Zeit nennen müsse? Denn obwohl verschiedentlich ein Körper zuweilen bewegt wird, zuweilen still steht, so messen wir mit der Zeit doch nicht allein seine Bewegung, sondern auch seinen Stillstand, und sagen: Er hat so lange stillgestanden, als er bewegt worden, oder zweimal oder dreimal länger hat er gestanden, als er bewegt ist, oder wie anderes aus unserer Messung mehr oder minderes sich ergab. Die Zeit ist mithin etwas von der Bewegung eines Körpers verschiedenes.

Ja, ich bekenne dir, mein Herr! noch weiß ich nicht, was Zeit ist, und abermals bekenn' ich dir, ich wisse, daß ich dieses in der Zeit sage, und lange schon von der Zeit rede, und eben dieses lange nichts anders sei, als ein Zeitabschnitt. Wie weiß ich aber dieses, da ich nicht weiß, was Zeit ist. Weiß ich vielleicht nicht, wie ich das ausdrücken soll, was ich weiß? Weh' mir, da ich nicht einmal weiß, was ich nicht weiß! Sieh, o Herr! vor dir lüg' ich nicht - wie ich rede, so ist mein Herz. Du, o Herr, wirst meine Leuchte erleuchten; mein Gott, erleuchte meine Finsternisse.

Bekennt nicht meine Seele dir mit wahrhaftigem Bekenntnis, daß ich die Zeiten messe? Ja, mein Gott! messe ich wohl, und weiß nicht, was ich messe? Messe ich des Körpers Bewegung in der Zeit, und mess' ich die Zeit selbst nicht? Könnt' ich aber die Bewegung eines Körpers messen, wie lange sie dauert, und wie bald er von dort dahin gelangt, wenn ich nicht die Zeit, in welcher er bewegt wird, mäße? Die Zeit selbst also, wodurch 'mess' ich sie? Messen wir eine längere Zeit durch eine kürzere, wie das Maß eines Balkens durch das Maß eines Fußes? Denn gleich wie wir durch das Maß einer kurzen Silbe einer langen Silbe Maß zu messen, und dieses das Doppelte zu nennen pflegen, so messen wir das Maß eines Liedes durch das Maß der Verse, das Maß der Verse durch das Maß der Füße, das Maß der Füße durch das Maß der Silben, das Maß der langen durch das Maß der kurzen, doch nicht auf dem Papier - denn auf diese Weise messen wir Räume, nicht Zeiten. Da aber die Laute in der Aussprache vorübergehen, sagen wir gleichwohl, das Lied ist lang, denn es enthält so viel Verse; die Verse sind lang, denn sie bestehen aus so viel Füßen; die Füße sind lang, denn sie zählen so viel Silben; die Silbe ist lang, denn sie ist das Doppelte einer kurzen.

Aber auch so wird kein sicheres Zeitmaß bestimmt. Denn es kann eintreffen, daß ein kürzerer Vers eine geraumere Zeit hindurch erschallt, wenn er mehr gedehnt, als ein längerer, welcher gedrängter vorgetragen wird. - So auch ein Lied, ein Fuß, eine Silbe. Hiernach scheint mir nun, die Zeit ist nichts anderes, als Ausdehnung - aber welchen Dinges - weiß ich nicht; und wunderbar wär' es, - wenn nicht des Geistes. Denn, ich beschwöre dich, Herr mein Gott, was mess' ich, wenn ich unbestimmt ausspreche: diese Zeit ist länger als jene, oder auch bestimmt: diese ist das zweifache von jener? Ich messe die Zeit: das weiß ich; aber ich messe nicht die zukünftige, weil sie noch nicht ist; ich messe nicht die gegenwärtie, weil sie von gar keiner Dauer, nicht die vergangene, weil sie nicht mehr ist. Was messe ich daher? Vielleicht die vorübergehenden, nicht aber die vorübergegangenen Zeiten. So hatte ich nämlich gesagt.

Fasse dich, mein Geist, und merke achtsam auf Gott, unseren Helfer! Er hat uns gemacht, und nicht wir uns. Merk' auf, wo die Wahrheit dämmert. Stelle dir vor, deines Körpers Stimme fängt an zu tönen, und tönt und tönt noch, und sieh, sie hört zu tönen auf. Schon herrscht Stille, und jene Stimme ist vergangen, und nicht mehr. Zukünftig war die Stimme, bevor sie tönte, und konnte nicht gemessen werden, weil sie noch nicht war, und auch jetzt kann sie's nicht, weil sie nicht mehr ist. Da aber, als sie tönte, konnte es geschehen, denn da war sie, die zu messende, vorhanden. Aber auch da war sie nicht beständig, denn sie ging, und ging vorüber. Konnte deswegen es besser geschehen? Denn im Vorübergehen erstreckte sie sich in einen anderen Zeitraum, durch welchen sie gemessen werden konnte, weil die Gegenwart keinen Raum hat. Konnte sie es aber damals, so stelle dir vor, eine andere Stimme fängt zu tönen an, und tönt noch in anhaltender Dauer, ohne irgendeine Unterbrechung. Messen wir selbe daher während sie noch tönt. Denn hat sie zu tönen aufgehört, so wird sie vergangen und nicht mehr zu messen sein. Messen wir sie daher in der Wirklichkeit, und geben ihre Dauer an. Doch sie tönt noch und kann nicht gemessen werden, als vom Anfang ihres Tönens bis zum Ende, wo sie aufhört. Denn nur den Zwischenraum selbst, von einem Anfang bis zu einem Ende, messen wir. Daher kann auch eine Stimme, welche noch nicht aufgehört hat, nicht gemessen werden, so daß man sagen könnte, wie lang oder kurz sie ist. Auch kann man nicht sagen, sie sei einer anderen gleich, sie sei ebenso lang, oder noch einmal so lang, und Ähnliches. Wenn sie aber geendet sein wird, wird sie nicht mehr sein. Auf welche Weise wird man sie dann messen können? Und doch messen wir zu Zeiten; aber weder die, welche noch nicht sind, noch die, welche nicht mehr sind, auch nicht die, welche keine Dauer haben, und auch nicht die, welche keine Grenzen haben. Also weder künftige, noch vergangene, noch gegenwärtige, noch vorübergehende Zeiten messen wir, und doch messen wir Zeiten.

Gott, Schöpfer aller Dinge umher. Dieser Vers von acht Silben wechselt mit kurzen und langen Silben. Die vier kurzen, die erste, dritte, fünfte, siebente, sind einfach im Vergleich mit den vier langen, der zweiten, vierten, sechsten, achten. Jede einzelne dieser hat im Vergleich mit jeder einzelnen jener die doppelte Zeit. Ich spreche sie aus, und abermals aus, und so ist es, wie durch die Sinne offenbar erkannt wird. So weit ich ungezweifelt empfinde, messe ich an der kurzen die lange Silbe, und empfinde, sie habe das doppelte. Da aber eine nach der anderen ertönt, wie, wenn die erste kurz, die folgende lang ist; wie will ich die kurze festhalten, und sie zur Messung der langen anwenden, um zu finden, daß sie nur das Zweifache enthält, indem die lange nicht zu tönen anfängt, wenn die kurze zu tönen nicht aufgehört hat. Selbst die lange messe ich nicht als gegenwärtig, weil ich sie nur bereits beendigt messe. Ihr Aufhören ist aber Vorübergehen. Wo ist es also, was ich messe? Wo ist die kurze Silbe, mit welcher ich messen, wo die lange, die ich messen soll? Beide sind ertönt, entflohen, vorübergegangen, sind nicht mehr; und ich messe sie und sage mit Zuversicht, insoweit man sich auf sein geübtes Gefühl verläßt, jene sei eine einfache, diese eine zweifache, nämlich an Zeitmaß. Und auch das kann ich nicht, als nur, weil sie vorübergegangen und geendet sind. Nicht also sie selbst, die nicht mehr sind, messe ich, sondern etwas, was meinem Geist eingeprägt bleibt.

In dir also, meinem Geist, messe ich die Zeiten. Entgegne mir nicht: wie dieses? und verwirre dich nicht durch die Menge deiner Vorurteile. In dir, sage ich, messe ich die Zeiten, den Eindruck, welchen die vorübergehenden Dinge auf dich machen, und welcher, wenn sie vorübergegangen sind, bleibt, diesen messe ich als gegenwärtig, nicht die Dinge, welche, damit er entstehe, vorübergegangen sind. Ihn messe ich, wenn ich Zeiten messe. Er ist also entweder die Zeit selbst, oder ich messe eine Nichtzeit.

Wie wenn wir das Stillschweigen messen, und sagen, dieses Stillschweigen habe so lange Zeit angehalten, als jene Stimme anhielt; dehnen wir da nicht unsere Gedanken nach dem Zeitmaß der Stimme, als tönte sie noch, daß wir etwas von der Dauer des Schweigens in der Zeit urteilen können? Denn hört auch Mund und Stimme auf, vollenden wir doch in Gedanken die Lieder, Vers' und jegliche Rede, auch jegliche Dauer der Bewegungen, und sprechen von Zeiträumen, wie dieser sich zu jenem verhalte, nicht anders, als wenn wir sie laut aussprächen. Will einer einen etwas längeren Laut von sich geben, und bestimmt mit Bedacht vorher, wie lang er sein soll, so durchläuft er allerdings diesen Zeitraum in der Stille; und ihn seinem Gedächtnis einprägend, fängt er an den Laut von sich zu geben, welcher tönt, ja getönt hat, und tönen wird, bis er zum vorgesetzten Ziel geführt ist. Denn was von ihm vollbracht ist, das hat getönt; was noch bevorsteht wird tönen. So wird es daher vollführt, da die gegenwärtige Geistesrichtung die Zukunft in die Vergangenheit überträgt, durch Verminderung des Künftigen das Vergangene wächst, bis durch Vollendung des Künftigen das Ganze vergangen ist.

Doch aber, wie wird verkleinert oder verzehrt, was noch nicht ist, oder wie wächst Vergangenes, was nicht mehr ist, als nur, weil dem Geist, welcher sich damit beschäftigt, dreierlei innewohnt: denn er erwartet, er bemerkt und errinnert sich, so daß das, was er erwartet, durch das, was er bemerkt, übergeht in das, dessen er sich erinnert - Wer leugnet also, daß das Künftige noch nicht ist? Ist ja doch im Geiste bereits die Erwartung des Künftigen. Und wer leugnet, daß das Vergangene nicht mehr ist? Ist doch noch im Geiste das Andenken an das Vergangene? Wer leugnet endlich, daß die Gegenwart keine Ausdehnung habe, weil sie in einem Augenblick vorübergeht? Indessen währt doch die Aufmerksamkeit, durch welche das, was da ist, da zu sein fortfährt. Nicht lang ist also die zukünftige Zeit, da sie nicht ist; sondern eine lange Zukunft ist nichts anderes, als eine lange Erwartung der Zukunft; noch ist auch die vergangene Zeit lang, die nicht mehr ist, sondern eine lange Vergangenheit ist eine lange Erinnerung an Vergangenes. Ich will ein Lied hersagen, was ich kenne. Bevor ich anfange, erstreckt sich meine Erwartung auf das Ganze. Habe ich aber angefangen, so breitet sich das, was ich davon für die Vergangenheit abgenommen, in meinem Gedächtnis aus, und die Dauer dieser Handlung teil sich in das Gedächtnis an das, was ich gesagt, und in die Erwartung dessen, was ich sagen werde. Gegenwärtig aber ist meine Aufmerksamkeit, durch welche das, was künftig war, hindurchgeht, um Vergangenes zu werden. Und jemehr dies geschieht, und wieder geschieht, umso mehr verlängert sich durch Abkürzung der Erwartung das Gedächtnis, bis die ganze Erwartung verzehrt wurde, wenn jene ganze Handlung als beendet in das Gedächtnis übergegangen ist. Und was beim ganzen Lied, das geschieht auch bei dessen einzelnen Teilen, und bei dessen einzelnen Silben; dieses auch bei einer längeren Handlung, wovon dieses Lied vielleich ein Teil ist; dieses beim ganzen menschlichen Leben, wovon alle menschliche Handlungen Teile sind, dieses bei der ganzen Dauer des Menschengeschlechts, von welcher jedes Menschen Leben ein Teil ist.

Doch deine Erbarmung ist besser als Leben! Sieh, mein Leben ist eine Ausdehnung, und deine Rechte hat mich aufgenommen in meinem Herrn, dem Menschen Sohne, dem Vermittler zwischen dir, dem Einen und uns Vielen, in Vielem durch Vieles, damit ich durch ihn erfaß', in welchem auch ich erfaßt bin, und von den alten Tagen mich erhole, Einem nacheifernd der Vergangenheit vergessend; nicht mich beschäftigend mit dem Künftigen und dem Vorübergehenden, sondern strebend nach dem, was vor uns ist, und so nicht nach meiner Beschäftigung, sondern nach meinem Streben folge der Palme des überirdischen Berufs, wo ich hören werde deines Lobes Stimme, und betrachten deine weder kommende noch vorübergehende Wonne. Jetzt aber vergehen meine Jahr' in Seufzen, und mein Trost bist du, mein Herr, ewiger Vater! Ich bin indessen aufgelöst in der Zeit, deren Ordnung ich nicht kenne, und stürmisches Mancherlei zerreißt meine Gedanken und das Innerste meiner Seele, bis ich in dir zusammenfließe, geläutert und zerfließend in deiner Liebe Glut.

Und ich werde in dir in meiner Gestalt bestehen, und gefestigt werden, und nicht dulden die Fragen der Menschen, welche in sträflicher Sucht nach Mehrerem dürsten als sie begreifen, und sagen: was machte Gott, bevor er Himmel und Erde machte? oder, wie kam es ihm in den Sinn etwas zu machen, da er vorher nie etwas gemacht hatte? Verleih ihnen, Herr, recht zu bedenken, was sie sagen: und zu finden, daß man nicht Nie sagt, wo es keine Zeit gibt. Sagt man daher, einer habe nie etwas gemacht, was sagt man denn anderes, als, einer habe zu keiner Zeit etwas gemacht. Mögen sie also einsehen, aß es keine Zeit ohne ein Geschöpf geben kann, und aufhören solchen Unsinn zu reden. Mögen sie sich verbreiten über das, was vor ihnen ist, und erkennen, daß du vor allen Zeiten der ewige Schöpfer aller Zeiten seist, und keine Zeiten dir gleich ewig sein, auch kein Geschöpf möge es auch vor den Zeiten gewesen sein.

Herr, mein Gott! Wie große ist die Tiefe deiner Geheimnisse und wie weit haben mich die Folgen meiner Sünden von ihnen entfernt! Heile meine Augen, auf daß ich mich mitfreue über dein Licht. Wahrlich, wenn ein Geist mit solchem Wissen und Vorherwissen begabt ist, daß ihm alles Vergangene und Zukünftige so bekannt ist, wie mir ein sehr bekanntes Lied; so ist dieser Geist allerdings bewundernswürdig, und zum Schaudern anstaunenswert, da ihm eben wenig verborgen ist, welche Jahrhunderte vollbracht, und welche noch übrig sind, als mir, wenn ich das Lied singe, verborgen ist, was und wieviel vom Anfang schon abgegangen, und was und wieviel bis zum Schluß noch übrig ist. Doch fern sei's, daß due Schöpfer des Alls, Schöpfer der Seelen und Leiber! fern sei's, daß dur auf diese Art alles Künftige und Vergangene wissen solltest. Weit, weit wunderbarer, weit geheimnisvoller weißt du es. Denn nicht, wie die Stimmung von einem, der bekanntes singt oder ein bekanntes Lied hört, durch die Erwartung an die künftigen und das Andenken an die vergangenen Worte geändert und der Sinn gespannt wird, ist dieses auch bei dir dem unveränderlich Ewigen; d. h. dem in Wahrheit ewigen Schöpfer der Geister, der Fall. Denn gleichwie du im Anfang Himmel und Erde ohne Veränerung deiner Kenntnis gekannt, so hast du auch im Anfang Himmel und Erde ohne Änderung deines Wirkens gemacht. Wer dieses versteht, der bekenn' es dir, und auch wer es nicht versteht, der bekenn' es dir. O wie erhaben bist du, und die Demütigen von Herzen sind deine Wohnung! Denn du richtest auf die Gebeugten, und nicht fallen die, deren Höhe du bist.

LITERATUR Aurelius Augustinus, Bekenntnisse, Münster 1853