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Nackte Tatsachen
ALF ROSS

  Es gilt, ohne "präjudizierende Theorien" vor die nackten, juristischen Tatsachen zu treten. Hiergegen läßt sich anführen, daß es auf einer Jllusion beruth, zu glauben, daß man ohne "präjudizierende Theorien" vor die "nackten Tatsachen" treten kann. Diese Jllusion ist schon lange offenbar geworden, was die Naturerkenntnis angeht. Man hat seit langem allgemein anerkannt, daß die "nackte Tatsache", die ohne eine Relation zu irgendeiner Theorie, mit der "eigenen Stimme der Natur" verkündet, ob eine physische Theorie richtig ist oder nicht -  le fait cruxial  [die entscheidende Tatsache - wp] - nicht existiert. Sowohl die Frage, die man an die "nackte Tatsache" stellt, wie die Methoden und Hilfsmittel, die man zu ihrer Feststellung anwendet, setzen eine Summe "präjudizierender" Theorien voraus, die die Tatsache zu allem anderen als zu einer "nackten" machen; die "le brut fait" [die nackte Tatsache - wp] zu "un fait scientifique" [wissenschaftlichen Tatsache - wp] machen. Ob es z. B. einen Ätherwind gibt oder nicht, ist keine nackte Tatsache. In den Spiegeln, Elektroskopen, elektrischen Meßinstrumenten, mit denen die physischen Experimente ausgeführt werden, ist die ganze Lichttheorie, Wärmetheorie, Elektrizitätslehre usw. enthalten. Die Art selber, in der das Experiment aufgebaut wird, setzt eine gewisse Theorie, ein Frageschema, eine Problemstellung voraus; unter gegebenen Umständen ist man darauf eingestellt, eine gewisse Antwort anzunehmen oder nicht. Die "nackte Tatsache" entschleiert sich hiernach als ein - meistenst unter höchst verwickelten Bedingungen - von zwei verschiedenen  Theorien  aus, vorausberechneter Natureffekt. Die, deren Bestimmung am besten zu den Beobachteten paßt, hat die größte Wahrscheinlichkeit für sich - aber doch nicht anders, als daß es stets für die andere Hypothese möglich sein wird, sich durch Hilfshypothesen mit "le fait cruxial" zu vereinen. Die "nackte Tatsache" ohne Relation zu irgendeiner Theorie findet sich nirgends.

Ganz dasselbe gilt natürlich für die normative Erkenntnis: denn das Gesagte hängt in keiner Weise von der näheren Art der Erkenntnis ab, sondern nur vom  systematischen  Charakter aller Erkenntnis, der die a-systematische - d. h. nackte - Tatsache unmöglich macht. Es zeigt sich dann auch - notwendigerweise - daß das was als "nichtpräjudizierte" Erfahrung angesehen wird, eine apriorische Theorie maskiert und ein "Präjudizium" involviert. Diese Methode ist deshalb nicht bloß unrichtig, sie ist unredlich und gefährlich, weil sie die entscheidende Voraussetzung verbirgt und der Diskussion entzieht.


LITERATUR, Alf Ross, Theorie der Rechtsquellen, Leipzig 1934